Rechtsprechung / KG / 2012

KG Urteil vom 16.02.2012 – 20 U 157/10

ECLI:DE:KG:2012:0216.20U157.10.0A

ZivilrechtBerlinVolltext

Zitiert von 14 Entscheidungen Zitiert 1 Entscheidungen 5+ häufig zusammen zitierte 9 zitierte Normen Als PDF speichern

Orientierungssatz

Einem 4 1/2 jährigen Kind, das nach der Narkotisierung bei einer Operation einen schweren Hirnschaden erleidet und aufgrund dessen an einem apallischen Syndrom mit erheblichen Ausfallerscheinungen der Großhirnfunktion und einer Tetraspastik (Spastik an allen vier Gliedmaßen) leidet und über eine PEG-Sonde ernährt wird und auf ständige Pflege angewiesen ist (zu 100 % schwerbeschädigt, Pflegestufe III), ist ein Schmerzensgeld von etwa 650.000 € (500.000 € Schmerzensgeldbetrag, 650 € monatliche Schmerzensgeldrente) zuzusprechen.(Rn.53)

Verfahrensgang

vorgehend LG Berlin, 15. Juni 2010, 35 O 8/08

Tenor§

Auf die Berufung der Klägerin wird das am 15. Juni 2010 verkündete Urteil des Landgerichts Berlin - 35 O 8/08 - teilweise wie folgt geändert:

Die Beklagten werden als Gesamtschuldner verurteilt, an die Klägerin einen weiteren Betrag in Höhe von 300.000,00 EUR nebst Zinsen in Höhe von fünf Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 17. Dezember 2007 als Schmerzensgeld zu zahlen, die Schmerzensgeldrente entsprechend Ziffer 2. des Urteils des Landgerichts ab dem 31.1.2008 (Rechtshängigkeit).

Die weitergehende Berufung wird zurückgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits erster Instanz tragen die Beklagten als Gesamtschuldner zu 90 % und der Beklagte zu 2. zu 10 % allein.

Die Beklagten haben die Kosten des Berufungsrechtszuges zu tragen; die Kosten der Streithilfe trägt der Streithelfer selbst.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar, ebenso das angefochtene Urteil.

Den Beklagten wird gestattet, die Zwangsvollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des jeweils beizutreibenden Betrages abzuwenden, wenn nicht die Klägerin vor der Vollstreckung Sicherheit in gleicher Höhe leistet.

Die Revision wird nicht zugelassen.

Gründe§

1

I. Tatsächliche Feststellungen

A.

2

Die damals ca. 4 ½ - jährige Klägerin brach sich am 12. Dezember 2002 bei einem Sturz den linken Arm.

3Permalink zu Rn. 3recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_1

Bei der noch am gleichen Tage erfolgten Operation der sehr erregten und verängstigten Klägerin zur Reposition und eventuellen Fixation des Bruches in der Einrichtung der Beklagten zu 1. durch den Beklagten zu 2. kam es nach der Narkotisierung mittels Maske bei der Klägerin zu einer Schaukelatmung; CO2 in der Ausatmung konnte nicht nachgewiesen werden, es wurde eine Lippenzyanose festgestellt. Wegen des weiteren Verlaufs wird auf Seite 4 des Urteils des Landgerichts Bezug genommen.

4Permalink zu Rn. 4recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_2

Am 15. Dezember 2002 wurde bei der Klägerin ein diskretes Hirnödem festgestellt, das im weiteren Verlauf zunahm; der Hirndruck stieg trotz entsprechender Maßnahmen weiter an und sank erst ab dem 20. Dezember 2002.

5Permalink zu Rn. 5recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_3

Die Klägerin (zu 100 % schwerbeschädigt, Pflegestufe III) leidet aufgrund eines schweren Hirnschadens an einem apallischen Syndrom mit erheblichen Ausfallerscheinungen der Großhirnfunktion und einer Tetraspastik (Spastik an allen vier Gliedmaßen). Sie wird über eine PEG-Sonde ernährt und ist auf ständige Pflege angewiesen.

6

Die Haftpflichtversicherung der Beklagten zahlte an die Klägerin einen Betrag in Höhe von 100.000 EUR als „Vorschussleistung.“

7

Die Klägerin hat in der ersten Instanz sinngemäß beantragt,

8

die Beklagten zur Zahlung von

500.000,00 EUR Schmerzensgeld, Zinsen seit dem 1.10.03

27.498,56 EUR Schadensersatz nebst Rechtshängigkeitszinsen

500,00 EUR monatliche Schmerzensgeldrente

zu verurteilen,

9Permalink zu Rn. 9recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_4

sowie festzustellen, dass die Beklagten verpflichtet sind, der Klägerin sämtliche weiteren zukünftigen materiellen und immateriellen Schäden zu ersetzen.

10

Widerklagend hat der Beklagte zu 2. sinngemäß beantragt,

11

die Klägerin zur Rückzahlung der 100.000 EUR nebst Zinsen an die Haftpflichtversicherung zu verurteilen.

12Permalink zu Rn. 12recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_5

Die Klägerin hat den Beklagten (grobe) Behandlungsfehler und Aufklärungsfehler vorgeworfen; die Beklagten sind den Vorwürfen in der 1. Instanz entgegen getreten.

13

Wegen der weiteren Einzelheiten des erstinstanzlichen Parteivortrages wird auf den Tatbestand des Urteils des Landgerichts Bezug genommen.

14Permalink zu Rn. 14recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_6

Das Landgericht hat Beweis erhoben durch Einholung eines Gutachtens und eines Ergänzungsgutachtens des Sachverständigen Dr. med. J… S… sowie durch Vernehmung des Sachverständigen im Termin am 20. April 2010. Wegen der Einzelheiten wird auf das Gutachten vom 17. Mai 2009, die ergänzende Stellungnahme vom 21. Januar 2010 und das Sitzungsprotokoll vom 20. April 2010 Bezug genommen.

B.

15

Das Landgericht der Klägerin zugesprochen:

16

100.000 EUR Schmerzensgeld und Zinsen hieraus seit dem 17.12.07

650 EUR monatliche Schmerzensgeldrente

27.498,56 EUR Schadensersatz und Zinsen seit dem ab 5.2.08

17Permalink zu Rn. 17recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_7

Ferner hat das Landgericht festgestellt, dass die Beklagten verpflichtet sind, der Klägerin sämtliche materielle Schäden aus dem Schadensereignis zu ersetzen, des Weiteren hat es die Widerklage des Beklagten zu 2. abgewiesen.

18

Dem Beklagten zu 2. seien mehrere, zum Teil schwere Behandlungsfehler unterlaufen.

19Permalink zu Rn. 19recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_8

Im Hinblick auf die Schwere der Behandlungsfehler und das Ausmaß der Beeinträchtigungen der Klägerin sei ein einmaliges Schmerzensgeld von 200.000,00 EUR gerechtfertigt, von denen 100.000 EUR bereits gezahlt worden seien (Widerklagebetrag). Ferner sei eine Schmerzensgeldrente von 650,00 EUR mtl. unter Zugrundelegung eines Gesamtschmerzensgeldes von 600.000,00 EUR angemessen.

20Permalink zu Rn. 20recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_9

Die Feststellungsklage sei nur hinsichtlich der zukünftigen materiellen Schäden erfolgreich, hinsichtlich der immateriellen Zukunftsschäden bestehe kein Feststellungsinteresse, da insoweit keine weiteren Verletzungsfolgen zu erwarten seien; der Zustand der Klägerin werde sich nicht ändern.

21

Wegen der Einzelheiten der Begründung wird auf die Entscheidungsgründe des Urteils des Landgerichts Bezug genommen.

C.

22Permalink zu Rn. 22recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_10

Mit ihrer in vollem Umfang eingelegten Berufung verlangt die Klägerin höheres Schmerzensgeld und greift die Abweisung der Feststellungsklage hinsichtlich der zukünftigen immateriellen Schäden, sowie die teilweise Abweisung des Zinsantrages an.

23

Die Behandlungsfehler der Beklagten und die daraus folgenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen der Klägerin stehen jetzt nicht mehr im Streit.

24

Die Klägerin trägt vor:

1.

25Permalink zu Rn. 25recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_11

Der vom Landgericht (neben der Schmerzensgeldrente) als gerechtfertigt angesehene einmalige Schmerzensgeldbetrag von 200.000 EUR sei nicht annähernd angemessen. Insgesamt sei ein Schmerzensgeld von 500.000 EUR (neben der Schmerzensgeldrente) geschuldet.

26Permalink zu Rn. 26recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_12

Bei der Klägerin sei in nahezu allen Bereichen, die bei der Bemessung des Schmerzensgeldes eine Rolle spielten, der schwerstmögliche Fall eingetreten.

27Permalink zu Rn. 27recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_13

Das Landgericht habe insbesondere den Umstand, dass die Klägerin zum Zeitpunkt des Vorfalls bereits 4 ½ Jahre gewesen sei und daher bereits eine eigene Lebenswahrnehmung und eine gewisse Lebensqualität bestanden habe, nicht ausreichend gewürdigt; aufgrund dieser Erinnerung an das Leben vor dem Vorfall könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Klägerin die Grausamkeit und Ausweglosigkeit ihrer Situation durchaus bewusst sei. Dieses seelische Leid habe das Landgericht nicht berücksichtigt.

28

Das Landgericht habe vielmehr angenommen, dass sich das Leben der Klägerin weitgehend auf die Aufrechterhaltung vitaler Funktionen beschränke.

29Permalink zu Rn. 29recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_14

Tatsächlich könne die Klägerin, wenn auch sehr eingeschränkt, ihre Umwelt durchaus wahrnehmen und zeige auch emotionale Reaktionen. Hieraus könne geschlossen werden, dass die Klägerin noch Erinnerungen an die Zeit vor dem Schadensereignis habe und ihr jetziger Zustand ihr bewusst sei.

2.

30

Von der Rechtsprechung werde in vergleichbaren Fällen ein höheres Schmerzensgeld als vom Landgericht zuerkannt als angemessen angesehen.

3.

31Permalink zu Rn. 31recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_15

Das Landgericht habe durch das angefochtene Urteil der Klägerin weniger an Schmerzensgeld zugesprochen, als es selbst als angemessen angesehen habe (nämlich insgesamt 500.000 bis 600.000 EUR), denn die der Klägerin zugesprochene Schmerzensgeldrente ergebe kapitalisiert im Zeitpunkt des erstinstanzlichen Urteils nur einen Betrag von rd. 152.000 EUR.

4.

32Permalink zu Rn. 32recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_16

Auch sei nicht erkennbar, weshalb der Antrag der Klägerin auf Ersatz der weiteren immateriellen Schäden abgewiesen worden sei. Vielmehr sei durchaus denkbar, dass sich die Situation der Klägerin weiter verschlechtere und sich demzufolge ihr Leid vergrößere.

5.

33Permalink zu Rn. 33recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_17

Das Schmerzensgeld sei bereits ab 1. Oktober 2003 und nicht erst seit dem 17. Dezember 2007 mit der endgültigen Ablehnung einer Leistung durch die Versicherung der Beklagten zu verzinsen. Vielmehr stelle das Schreiben des früheren Prozessbevollmächtigten der Klägerin vom 15. September 2003 eine eindeutige Aufforderung zur Leistung im Sinne des § 286 Abs. 1 BGB dar.

34

Die Klägerin beantragt,

35

unter teilweise Abänderung des am 15. Juni 2010 verkündeten Endurteils des Landgerichts Berlin (Az.: 35 O 8/08)

36Permalink zu Rn. 36recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_18

1. die Beklagten zu 1. und 2. als Gesamtschuldner zu verurteilen, ein weiteres Schmerzensgeld zu zahlen, dessen Höhe in das Ermessen des Gerichts gestellt wird, das jedoch (weitere) EUR 300.000 EUR nicht unterschreiten sollte, zuzüglich Zinsen in Höhe von fünf Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem 1. Oktober 2003;

37Permalink zu Rn. 37recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_19

2. festzustellen, dass die Beklagten zu 1. und 2. als Gesamtschuldner verpflichtet sind, der Klägerin sämtliche immateriellen Schäden zu ersetzen, die der Klägerin aufgrund der Behandlung im Virchow Klinikum in der Zeit vom 12. Dezember 2001 bis 30. Januar 2003 weiterhin entstehen werden.

38

Der Streithelfer stellt keinen Antrag.

39

Die Beklagten beantragen,

40

die Berufung zurückzuweisen.

41

Die Beklagten tragen vor:

1.

42Permalink zu Rn. 42recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_20

Auch sie gingen jetzt zwar von einer Haftung dem Grunde nach aus. Das Urteil des Landgerichts sei aber hinsichtlich der Annahme eines Gesamtschmerzensgeldes von 600.000 EUR ausgewogen. Es sei nicht erkennbar, inwieweit das Landgericht die schwersten Behinderungen der Klägerin nicht ausreichend gewürdigt habe.

43

Die von der Klägerin aufgeführten Urteile seien mit dem vorliegenden Fall nicht vergleichbar.

2.

44Permalink zu Rn. 44recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_21

Das Landgericht habe den Feststellungsantrag hinsichtlich der immateriellen Schäden zu Recht abgewiesen. Wegen des Grundsatzes der Einheitlichkeit des Schmerzensgeldes sei ein Feststellungsinteresse nur im Falle der Möglichkeit weiterer Verletzungsfolgen gegeben. Es sei hier aber nicht zu erwarten, dass sich der Zustand der Klägerin noch ändere, es sei auch nicht ersichtlich, dass weitere, nicht absehbare Folgen auftreten könnten.

3.

45Permalink zu Rn. 45recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_22

Das Landgericht sei zu Recht der Auffassung, dass das Schreiben vom 15. September 2003 (Anlage K 11) keine unmissverständliche Zahlungsaufforderung beinhalte.

46

Wegen der weiteren Einzelheiten des Vorbringens der Parteien im Berufungsverfahren wird auf deren Schriftsätze nebst Anlagen verwiesen.

47

II. Würdigung

48

Die Berufung der Klägerin hat hinsichtlich des Schmerzensgeldes Erfolg; im Übrigen ist die Berufung unbegründet.

49

1. Schmerzensgeld

50Permalink zu Rn. 50recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_23

Der Klägerin ist ein weiterer Schmerzensgeldbetrag in Höhe von 300.000 EUR zuzusprechen, so dass sich das Gesamtschmerzensgeld auf rd. 650.000,00 EUR beläuft:

51Permalink zu Rn. 51recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_24

100.000 EUR sind bereits vorprozessual gezahlt worden und waren Gegenstand der (erfolglosen) Widerklage des Beklagten zu 2., weitere 100.000 EUR hat das Landgericht durch das angefochtene Urteil zuerkannt. Die vom Landgericht zugesprochene monatliche Rente von 650,00 EUR entspricht einem Kapitalabfindungsbetrag in Höhe von nur 153.660,00 EUR und nicht - wie das Landgericht angenommen hat - von 400.000 EUR.

52

a. Gesamthöhe

53

Eine Gesamthöhe von rd. 650.000,00 EUR ist in Anbetracht der hier besonders tragischen Folgen angemessen.

aa.

54Permalink zu Rn. 54recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_25

Anhaltspunkte zur Ermittlung der Größenordnung vermittelt etwa die Entscheidung des Oberlandesgerichts Zweibrücken (Urteil vom 22.4.08 - 5 U 6/07 -); der dortige Kläger erlitt aufgrund grober ärztlicher Behandlungsfehler ähnlich schwere Hirnschäden bei seiner Geburt wie die Klägerin; ihm wurden erstinstanzlich ein Schmerzensgeld von 500.000 EUR und eine Schmerzensgeldrente von 500,- EUR zugesprochen, was das Oberlandesgericht Zweibrücken unter Hinweis auf vergleichbare Entscheidungen als „zwar hoch, keinesfalls aber derart, dass eine Korrektur angezeigt wäre“ ansah.

55Permalink zu Rn. 55recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_26

Im Übrigen sieht der Senat davon ab, auf weitere Entscheidungen und die Entscheidungen, welche die Klägerin zur Unterstützung ihres Begehrens genannt hat, einzugehen, denn die Höhe des zuzusprechenden Schmerzensgelds bemisst ausschließlich nach den konkreten Umständen des Einzelfalles.

56Permalink zu Rn. 56recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_27

Entscheidungen in vergleichbaren Fällen, wie sie insbesondere in Form von Schmerzensgeldtabellen veröffentlicht werden, können im Vorfeld der Entscheidungsfindung nur als grobe Orientierungshilfe herangezogen werden. Sie können jedoch nicht als Grundlage der Schmerzensgeldbemessung dienen. Es ist nicht Aufgabe des Gerichts, neben der Beurteilung der konkreten Umstände des zu entscheidenden Rechtsstreits auch noch Urteile anderer Gerichts - und das ohne Aktenkenntnis - nachzuprüfen (ständige Rechtsprechung des Senats, vgl. etwa Beschluss vom 16. Februar 2004 - 20 U 23/04, GesR 2005, 499-500; Beschluss vom 15. März 2007 - 20 W 11/07).

bb.

57Permalink zu Rn. 57recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_28

Der Klägerin ist darin zuzustimmen, dass das Landgericht bei der Schmerzensgeldbemessung die noch vorhandenen emotionalen Fähigkeiten der Klägerin nicht berücksichtigt hat, obwohl diese etwa dem bereits in der 1. Instanz eingereichten Förderplan für das Schuljahr 2007/2008 (Bl. 112, 113 Bd. I d.A.) zu entnehmen sind. Das Landgericht ist vielmehr davon ausgegangen, das „sich das Leben der Klägerin … weitgehend auf die Aufrechterhaltung vitaler Funktionen beschränkt“, vgl. Seite 13 des Urteils.

58Permalink zu Rn. 58recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_29

Die Klägerin hat ihren Vortrag zu ihren emotionalen Wahrnehmungsmöglichkeiten in der Berufungsinstanz ergänzt und dies bestätigende Unterlagen (z.B. den Förderplan für das Schuljahr 2009/2010, Anlagen BK 4, Bericht, Anlage Bk 5, Bl. 151 ff. Bd. II d.A.) eingereicht, wonach die Klägerin durchaus in der Lage ist, grundlegende Emotionen, wie Freude, Unwohlsein, Angst zu empfinden und zu äußern; sie erkennt auch nahe stehende Bezugspersonen und reagiert auf diese.

59Permalink zu Rn. 59recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_30

Es kann daher auch nicht ausgeschlossen werden, dass die Klägerin, die im Zeitpunkt der schicksalhaften Operation bereits 4 ½ Jahre alt war, eine Erinnerung an ihren früheren Zustand hat und ihr daher die Beschränktheit und Ausweglosigkeit der jetzigen Situation in gewisser Weise bewusst ist.

60Permalink zu Rn. 60recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_31

Die Beklagten bestreiten den ergänzten Vortrag der Klägerin nicht mehr und haben auch von der Verspätungsrüge Abstand genommen (Schriftsatz vom 17. Dezember 2010, Bl. 183 Bd. I d.A., Schriftsatz vom 6. Oktober 2011, Bl. 210 Bd. I d.A), so dass der Senat insoweit keinen Beweis zu erheben brauchte.

61Permalink zu Rn. 61recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_32

Das Alter der Klägerin im Zeitpunkt des Schadensereignisses und die Möglichkeit, dass eine, wenn auch noch so rudimentäre Erinnerung an „das frühere Leben“ besteht und ihr die jetzigen Einschränkungen in irgendeiner Form bewusst sind, stellen eine Abweichung von den so genannten „Geburtsschadenfällen“ dar und rechtfertigen ein höheres Schmerzensgeld.

62

b. Falsche Gesamtschmerzensgeldberechnung des Landgerichts

aa.

63Permalink zu Rn. 63recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_33

Nach den Entscheidungsgründen hielt das Landgericht „ein Gesamtschmerzensgeld von 600.000,00 für für angemessen und ausreichend“ und war offensichtlich der Auffassung, dass dieser Betrag bei einem Schmerzensgeldbetrag von 200.000 EUR und einer monatlichen Schmerzensgeldrente von 650,- EUR erreicht wird. Hieraus ergibt sich, dass das Landgericht die Schmerzensgeldrente von monatlich 650 EUR einem Kapitalbetrag in Höhe von 400.000 EUR gleichgesetzt hat.

64Permalink zu Rn. 64recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_34

Dieses ist aber nicht richtig. Wie die Klägerin in der Berufungsbegründung (von den Beklagten unangefochten) darlegt, entspricht die Schmerzensgeldsrente von 650 EUR einem Kapitalbetrag von nur rd. 150.000,00 EUR.

65Permalink zu Rn. 65recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_35

Somit hätte auch das Landgericht aus seiner Sicht eigentlich einen Schmerzensgeldbetrag von 350.000 EUR (450.000 abzüglich der bereits gezahlten 100.000 EUR) statt 100.000 EUR zusprechen müssen.

bb.

66

Vielmehr ist die Berechnung der Klägerin auf Seite 10 der Berufungsbegründung zur Kapitalisierung der Schmerzensgeldrente im Wesentlichen korrekt:

67Permalink zu Rn. 67recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_36

Die Höhe der Rente ist unter Berücksichtigung der statistischen Lebenserwartung und mit dem üblichen Zinsfuß von 5 % zu kapitalisieren, vgl. Gerhard Küppersbusch, 10. Auflage, Ersatzansprüche bei Personenschäden, Rdnr. 300, 869 m.w.N.

68Permalink zu Rn. 68recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_37

Basierend auf der Sterbetafel 2005/2007 des Statistischen Bundesamtes (abgedruckt im Anhang bei Küppersbusch a.a.O.) und unter Berücksichtigung des Alters der Klägerin im Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung (12 Jahre), ergibt sich ein Kapitalisierungsfaktor von 19,7 (Tabelle I/8).

69

Der Kapitalbetrag errechnet sich daher wie folgt, vgl. Rechenbeispiele bei Küppersbusch a.a.O., Rdnr. 878:

70

650,00 EUR x 12 x 19,7 = 153.660,00 EUR

c.

71Permalink zu Rn. 71recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_38

Im Urteilstenor zu Ziffer 2. des Urteils des Landgerichts ist kein Zeitpunkt genannt worden, ab welchem die Schmerzensgeldrente zu zahlen ist; der Senat hat daher mit der vorliegenden Entscheidung klargestellt, dass die Rentenzahlung ab Rechtshängigkeit der Klage zu leisten ist (vgl. § 291 BGB).

72

2. Zinsantrag

73

Insoweit ist die Berufung der Klägerin unbegründet.

a.

74Permalink zu Rn. 74recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_39

Das Landgericht hat auf das Schmerzensgeld nur Verzugszinsen ab dem 17. Dezember 2007 zugesprochen, weil die Versicherung der Beklagten nach vergeblichen Versuchen der Parteien, eine gütliche Einigung herbeizuführen, mit Schreiben von diesem Tage (Bl. 102 Bd. I d.A.) eine Zahlung endgültig abgelehnt habe („Die von Ihnen erhobenen Forderungen werden … als rechtlich unbegründet zurückgewiesen ….. Ein Verzicht auf die Einrede der Verjährung wird im Hinblick darauf, dass die Verhandlungen als gescheitert angesehen werden, nicht abgegeben.“).

75Permalink zu Rn. 75recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_40

Das Schreiben des damaligen Prozessbevollmächtigten der Klägerin vom 15. September 2003 (Anlage K 11) beinhalte jedoch keine unmissverständliche Zahlungsaufforderung/Mahnung im Sinne von § 286 Abs. 1 BGB.

b.

76

Die Auffassung des Landgerichts trifft zu.

77

Soweit das Schreiben vom 15.September 2003 überhaupt eine Zahlungsaufforderung enthält, was allein dem Satz

78Permalink zu Rn. 78recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_41

„Für den in Ihrem Hause erfolgten Narkosezwischenfall während der Operation des Armbruches begehren meine Mandanten für ihre Tochter M… ein angemessenes Schmerzensgeld und eine Rentenzahlung“

79

zu entnehmen sein könnte, fehlt es jedenfalls an der erforderlichen Bestimmtheit.

80Permalink zu Rn. 80recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_42

Zwar ist bei betragsmäßig unbestimmten Ansprüchen, wie Schmerzensgeld, Pflichtteil und Unterhalt eine Bezifferung unter Umständen entbehrlich, erforderlich ist aber zumindest, dass ausreichend konkrete Tatsachen zur Höhe vorgetragen werden (Palandt-Grüneberg, BGB, 70. Auflage, § 286 Rdnr. 19 unter Hinweis auf BGH VersR 63, 726).

81Permalink zu Rn. 81recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_43

Daran fehlt es hier. Zwar wird in dem Schreiben umrissen, welche Fehler den Beklagten zu Last gelegt werden und es wird zum Ausdruck gebracht, dass die Klägerin „nach diesem Narkosezwischenfall schwerst behindert ... ist“ und „in jedem Fall …dauerhaft auf fremde Hilfe angewiesen sein wird“. Allerdings lässt sich den Ausführungen nicht entnehmen, in welchem Bereich sich die Zahlungsvorstellungen der Klägerin bewegen.

82Permalink zu Rn. 82recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_44

Sinn und Anlass des Schreibens vom 15. September 2003 war es nicht, die Beklagten zur Zahlung von Schmerzensgeld aufzufordern, sondern lediglich erst einmal die Voraussetzungen für Vergleichsverhandlungen zu schaffen, was deutlich in dem letzten Satz zum Ausdruck kommt:

83Permalink zu Rn. 83recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_45

„Bitte benennen Sie mir einen Ansprechpartner in Ihrem Hause bzw. bei Ihrer Haftpflichtversicherung, mit dem der Unterzeichner Verhandlungen aufnehmen kann, um eine einvernehmliche Lösung herbeizuführen. Für Ihre Antwort notiere ich mir den 30.9.2003.“

84

3. Feststellungsantrag/zukünftige immaterielle Schäden

85

Insoweit ist die Berufung ebenfalls unbegründet.

86

Das Landgericht hat die Feststellungsklage hinsichtlich der immateriellen Zukunftsschäden zu Recht als unzulässig angesehen.

a.

87Permalink zu Rn. 87recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_46

Wegen des Grundsatzes der Einheitlichkeit des Schmerzensgeldes, der eine ganzheitliche Betrachtung und Bemessung gebietet, muss die künftige Entwicklung des Schadensbildes in die Bemessung des Schmerzensgeldes miteinbezogen werden (vgl. z.B. BGHZ 128, 117, 121 f; BGH, VersR 1961, 164, 165). Bei schweren Dauerschäden - wie vorliegend der Fall - steht dem Verletzten - i.d.R. neben dem Kapitalbetrag - eine Rente zu. Die Schmerzensgeldrente soll den bereits eingetretenen immateriellen Schaden abgelten und zugleich der Dauerbeeinträchtigung des Verletzten angemessen Rechnung tragen (Palandt-Grüneberg, BGB, 70. Auflage, § 253 Rdnr. 21).

b.

88Permalink zu Rn. 88recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_47

Ein Feststellungsinteresse bezüglich künftiger immaterieller Schäden ist daher nur gegeben, wenn die Möglichkeit der Änderung/Verschlimmerung des Schadensbildes und somit auch eine Änderung/Verschlimmerung des immateriellen Schadens bestehen.

89Permalink zu Rn. 89recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_48

Dafür liegen aber, wie das Landgericht richtig erkannt hat, keine Anhaltspunkte vor. Der Sachverständige hat festgestellt, es sei nicht zu erwarten, dass sich der Zustand der Klägerin noch ändert, also weder zum Positiven noch zu Negativen.

90Permalink zu Rn. 90recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_49

Auch wenn man aufgrund des ergänzten Vorbringens der Klägerin in der Berufungsinstanz davon ausgeht, dass die Klägerin über gewisse emotionale Fähigkeiten verfügt und nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Klägerin der jetzige Zustand im Vergleich zu ihrem Zustand vor der Operation im Ansatz und in irgend einer Form bewusst ist (was mit dem entsprechenden seelischen Leid verbunden ist, welches aber bei der Bemessung des zuerkannten Schmerzensgeldes berücksichtigt wurde), ist aber nicht zu erwarten, dass sich die geistigen Fähigkeiten der Klägerin so verbessern, dass sie ihren Zustand vor und nach der Operation klarer als zum jetzigen Zeitpunkt wahrnehmen beurteilen und vergleichen kann, was der einzige denkbare Fall einer Erhöhung des seelischen Leides ist.

91Permalink zu Rn. 91recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_50

Welche geringen Weiterentwicklungsmöglichkeiten bei der Klägerin überhaupt noch bestehen bzw. angestrebt werden können, zeigen die Förderpläne (z.B. Anlage BK 4, Bl. 151 Bd. II d.A.).

c.

92Permalink zu Rn. 92recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_51

Die Klägerin macht auch in der Berufungsbegründung keine konkreten Ausführungen dazu, welche das Schmerzensgeld erhöhenden Umstände theoretisch eintreten könnten.

93Permalink zu Rn. 93recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_52

Im Übrigen ist anzumerken, dass die Klägerin zumindest in der 1. Instanz den Feststellungsantrag wohl nur versehentlich auch auf die immateriellen Schäden erstreckt hat.

94Permalink zu Rn. 94recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_53

Ihre Ausführungen in der Klageschrift zum Feststellungsantrag (Seite 20, Bl. 20 Bd. I d.A.) betreffen ausschließlich die zukünftigen materiellen Schäden.

95Permalink zu Rn. 95recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_54

Auch ihre Streitwertangabe (400.000 EUR, hiervon 80 % = 320.000 EUR) berechnet sie ausschließlich anhand der zu erwartenden materiellen Schäden, vgl. Seiten 20, 21 der Klageschrift vom 28. Dezember 207, Bl. 20, 21 Bd. I d.A.. Offensichtlich war die Klägerin also zumindest damals der Auffassung, dass nur künftige materielle Schäden durch den Feststellungsantrag zu sichern waren.

B.

96Permalink zu Rn. 96recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_55

Der Senat hat die Revision nicht zugelassen, weil keine Rechtsfragen von grundsätzlicher Bedeutung zu klären waren, sondern die Entscheidung auf einer Tatsachenwürdigung im Einzelfall beruht und auch die Fortbildung des Rechts oder die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung keine Entscheidung des Revisionsgerichts erfordert (vgl. § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO).

97

Die Nebenentscheidungen beruhen auf §§ 91, 92 Abs. 1, und 2, 97 Abs. 1, 101 Abs. 1, 708 Nr. 10, 711 ZPO.

98

Hierbei war zu berücksichtigen, dass der Beklagte zu 2. mit seiner Widerklage in der 1. Instanz keinen Erfolg gehabt hat.

99Permalink zu Rn. 99recht.nulegal.eu/rechtsprechung/kg/2012-02-16/20-u-157-10#rd_56

Die Entscheidung über die durch die Streithilfe verursachten Kosten beruht auf dem Umstand, dass sich die Streitverkündung nur auf die Nachteile bezieht, die Folge der nicht rechtzeitigen Inverzugsetzung sind (Seite 12 der Berufungsbegründung, Bl. 146 Bd. II d.A.). Insoweit hat die Berufung der Klägerin aber keinen Erfolg, s.o. Soweit sich die Streitverkündung auch darauf bezieht, dass der Streithelfer es versäumt hat, bei dem Antrag auf Verurteilung zur Zahlung der Schmerzensgeldrente klarzustellen, dass Zahlung ab Rechtshängigkeit begehrt wird, hat der Senat den Tenor von Amts wegen klargestellt, ohne dass dieses Einfluss auf die Höhe des Streitwerts und die Kostenentscheidung hat.