Rechtsprechung / OVG NRW / 2023

OVG NRW Beschluss vom 16.06.2023 – 11 A 1173/22.A

ECLI:DE:OVGNRW:2023:0616.11A1173.22A.00

VerwaltungsrechtNordrhein-WestfalenVerwaltungsrecht Nordrhein-WestfalenVolltext

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Tenor§

Die Berufung wird zurückgewiesen.

Die Beklagte trägt die Kosten des Berufungsverfahrens, für das Gerichtskosten nicht erhoben werden.

Der Beschluss ist wegen der Kosten vorläufig vollstreckbar. Die Beklagte darf die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 110 % des aufgrund des Beschlusses vollstreckbaren Betrags abwenden, wenn nicht der Kläger vor der Vollstreckung Sicherheit in Höhe von 110 % des jeweils zu vollstreckenden Betrags leistet.

Die Revision wird nicht zugelassen.

1

I.

2Permalink zu Rn. 2recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_2

Der Kläger wurde nach seinen Angaben am 00. September 0000 in T., Afghanistan, geboren und ist afghanischer Staatsangehörigkeit. Am 19. Mai 2021 stellte er bei dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (im Folgenden: Bundesamt) einen förmlichen Asylantrag.

3Permalink zu Rn. 3recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_3

Eine Eurodac-Abfrage des Bundesamtes ergab für den Kläger einen Treffer der Kategorie 2 in Bezug auf Italien. Danach wurden ihm am 31. März 2021 in B. Fingerabdrücke genommen.

4Permalink zu Rn. 4recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_4

Gegenüber dem Bundesamt gab der Kläger unter anderem an: Sein Herkunftsland habe er im Sommer 2019 verlassen und sei am 17. Mai 2021 - nach Aufenthalten im Iran (ca. drei Monate), der Türkei (ein Jahr und neun Monate), Italien (15 Tage) und der Schweiz (Transit) - in die Bundesrepublik Deutschland eingereist. In Italien habe er nur Fingerabdrücke abgegeben. Sein Ziel sei Deutschland gewesen.

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Das am 10. Juni 2021 an die italienischen Behörden gerichtete Wiederaufnahmegesuch des Bundesamts blieb unbeantwortet.

6Permalink zu Rn. 6recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_5

Mit Bescheid vom 11. August 2021, dem Kläger zugestellt am 16. August 2021, lehnte das Bundesamt den Asylantrag des Klägers nach § 29 Abs. 1 Nr. 1 AsylG als unzulässig ab (Ziffer 1.), stellte fest, dass keine Abschiebungsverbote nach § 60 Abs. 5 und 7 Satz 1 AufenthG vorliegen (Ziffer 2.), ordnete die Abschiebung des Klägers nach Italien an (Ziffer 3.) und ordnete ein Einreise- und Aufenthaltsverbot befristet auf 15 Monate ab dem Tag der Abschiebung an (Ziffer 4.).

7

Am 23. August 2021 hat der Kläger Klage erhoben und einen Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung der Klage gestellt.

8

Der Kläger hat schriftsätzlich sinngemäß beantragt,

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den Bescheid des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 11. August 2021 aufzuheben,

10Permalink zu Rn. 10recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_6

hilfsweise, die Beklagte unter Aufhebung des Bescheides des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vom 11. August 2021 zu verpflichten, für ihn ein Abschiebungsverbot gemäß § 60 Abs. 5 und Abs. 7 AufenthG hinsichtlich Italiens festzustellen.

11

Die Beklagte hat schriftsätzlich beantragt,

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die Klage abzuweisen.

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Mit Beschluss vom 7. September 2021 hat das Verwaltungsgericht die aufschiebende Wirkung der Klage angeordnet.

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Mit Gerichtsbescheid vom 2. Juni 2022 hat es der Klage stattgegeben und den angegriffenen Bescheid aufgehoben.

15Permalink zu Rn. 15recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_7

Zur Begründung ihrer mit Beschluss vom 26. Juli 2022 zugelassenen Berufung verweist die Beklagte auf die Beschlüsse des Senats vom 15. Juli 2022 - 11 A 1138/21.A - und vom 26. Juli 2022 - 11 A 1497/21.A -.

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Mit an alle Dublin-Units gerichtetem Rundschreiben vom 5. Dezember 2022 führte die italienische Dublin-Unit aus:

17Permalink zu Rn. 17recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_8

„This is to inform you that due to suddenly appeared technical reasons related to unavailability of reception facilities Member States are requested to temporarily suspend transfers to Italy from tomorrow, with the exception of cases of family reunification of unaccompanied minors.

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Further and more detailed information regarding the duration of the suspension will follow.“

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Mit weiterem Rundschreiben vom 7. Dezember 2022 führte die italienische Dublin-Unit aus:

20Permalink zu Rn. 20recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_9

„I write following the previous communication on 5th December, concerning the suspension of transfers, with the exception of cases of family reunification of minors, due to the unavailability of reception facilities.

21Permalink zu Rn. 21recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_10

At this regard, considering the high number of arrivals both at sea and land borders, this is to inform you about the need for a re-scheduling of the reception activities for third countries nationals, also taking into account the lack of available reception places.“

22Permalink zu Rn. 22recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_11

Die Beklagte trägt hierzu im Wesentlichen vor, ein tatsächliches Vollzugshindernis, das einer Abschiebungsanordnung nach § 34a Abs. 1 Satz 1 AsylG entgegenstünde, komme nur Im Einzelfall und erst dann in Betracht, wenn hinreichend sicher sei, dass ein ersuchter Staat seine Pflicht zur Wiederaufnahme innerhalb der Überstellungsfrist nicht erfüllen werde und es deshalb absehbar zu einem Zuständigkeitsübergang auf die Bundesrepublik Deutschland kommen werden. Im Fall des Klägers seien diese Voraussetzungen nicht erfüllt. Es stehe weiterhin mit überwiegender Wahrscheinlichkeit fest, dass eine Überstellung innerhalb der Frist erfolgen werde. Die Republik Italien habe lediglich mitgeteilt, dass Überstellungen zunächst nicht mehr angenommen würden und neu geplant werden müssten. Der Grundsatz des gegenseitigen Vertrauens und die Bemühungen der Republik Italien, ausreichende Aufnahmeplätze zu schaffen, ließen erwarten, dass die Überstellungen wieder aufgenommen werden würden.

23

Die Beklagte beantragt schriftsätzlich,

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den Gerichtsbescheid vom 2. Juni 2022 zu ändern und die Klage abzuweisen.

25

Der Kläger beantragt schriftsätzlich sinngemäß,

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die Berufung zurückzuweisen.

27Permalink zu Rn. 27recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_12

Er trägt vor, nach dem Rundschreiben der Republik Italien lägen die Voraussetzungen des § 34a Abs. 1 AsylG nicht mehr vor, weil nicht mehr feststehe, dass die Abschiebung durchgeführt werden könne. Seinem Prozessbevollmächtigten sei bereits ein Fall bekannt, bei dem eine Rücküberstellung am 12. Dezember 2022 gescheitert sei, weil die italienischen Behörden dem Asylsuchenden nach der Ankunft in Italien das Rundschreiben ausgehändigt und ihn mit dem Flugzeug wieder nach Deutschland zurückgeschickt hätten.

28

Die Beteiligten sind zu einer Entscheidung nach § 130a VwGO angehört worden.

29Permalink zu Rn. 29recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_13

Wegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstands wird auf den Inhalt der Gerichtsakte - insbesondere den Schriftsatz der Beklagten vom 5. Januar 2023 - und des beigezogenen Verwaltungsvorgangs des Bundesamtes Bezug genommen.

30

II.

31Permalink zu Rn. 31recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_14

A. Der Senat entscheidet über die Berufung der Beklagten nach Anhörung der Beteiligten durch Beschluss, weil er sie einstimmig für unbegründet und eine mündliche Verhandlung nicht für erforderlich hält (vgl. § 130a Satz 1 VwGO).

32Permalink zu Rn. 32recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_15

B. Die Berufung der Beklagten hat keinen Erfolg. Das Verwaltungsgericht hat der Klage im Ergebnis zu Recht stattgegeben. Der angegriffene Bescheid ist insgesamt rechtswidrig und verletzt den Kläger in seinen Rechten (§ 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO).

33

Dabei ist gemäß § 77 Abs. 1 Satz 1 AsylG auf die Sach- und Rechtslage im Zeitpunkt der Entscheidung des Senats abzustellen.

34

Vgl. auch EuGH, Urteil vom 19. März 2019 - C- 297/17 u. a. (Ibrahim) -, juris, Rn. 67 f.

35Permalink zu Rn. 35recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_16

I. Ziffer 1. des Bescheides, mit der der Asylantrag als unzulässig abgelehnt wurde, lässt sich nicht (mehr) auf § 29 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 Buchst. a) AsylG stützen. Danach ist ein Asylantrag dann unzulässig, wenn nach Maßgabe der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 (im Folgenden Dublin III-VO) ein anderer Staat für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist. Diese Voraussetzung ist nicht erfüllt, weil die Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asylverfahrens des Klägers nicht (mehr) gegeben ist.

36Permalink zu Rn. 36recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_17

1. Der Senat kann offen lassen, ob dies aus einem ungeschriebenen Tatbestandsmerkmal des § 29 Abs. 1 Nr. 1 Buchst. a) AsylG folgt, nach dem zur Vermeidung einer Situation eines „refugee in orbit“ ein Mitgliedstaat einen Schutzsuchenden dann nicht auf eine Prüfung durch einen (eigentlich) zuständigen Mitgliedstaat verweisen darf, wenn dessen (Wieder-)Aufnahmebereitschaft nicht positiv feststeht.

37Permalink zu Rn. 37recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_18

Vgl. VG Arnsberg, Urteil vom 19. Januar 2023 - 9 K 2602/19.A -, juris, Rn. 21 ff.; a. A. OVG Rh.-Pf., Beschluss vom 19. Januar 2023 - 13 A 10716/22.OVG ‑, juris, Rn. 19.

38Permalink zu Rn. 38recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_19

2. Denn jedenfalls ist die Bundesrepublik Deutschland gemäß Art. 3 Abs. 2 Unterabs. 3 Dublin III-VO für das Asylverfahren des Klägers zuständig geworden. Danach wird der die Zuständigkeit prüfende Mitgliedstaat der zuständige Mitgliedstaat, wenn keine Überstellung gemäß diesem Absatz an einen aufgrund der Kriterien des Kapitels III bestimmten Mitgliedstaat vorgenommen werden kann.

39Permalink zu Rn. 39recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_20

Diese Voraussetzungen sind erfüllt, weil die sich im Fall des Klägers aus Art. 13 Abs. 1 Dublin III-VO ergebende Zuständigkeit Italiens für die Durchführung des Asylverfahrens des Klägers gemäß Art. 3 Abs. 2 Unterabs. 2 Dublin III-VO entfällt. Danach setzt der prüfende Mitgliedstaat die Prüfung der in Kapitel III vorgesehenen Kriterien fort, wenn es wesentliche Gründe für die Annahme gibt, dass das Asylverfahren und die Aufnahmebedingungen für Antragsteller in diesem Mitgliedstaat systemische Schwachstellen aufweisen, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Art. 4 GRCh mit sich bringen.

40Permalink zu Rn. 40recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_21

a. Aufgrund des zwischen den Mitgliedstaaten geltenden Grundsatzes des gegenseitigen Vertrauens hat jeder Mitgliedstaat - abgesehen von außergewöhnlichen Umständen - davon auszugehen, dass alle anderen Mitgliedstaaten das Unionsrecht und insbesondere die dort anerkannten Grundrechte beachten. Folglich gilt im Kontext des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems und insbesondere der Dublin III-VO die Vermutung, dass die Behandlung Asylsuchender in jedem einzelnen Mitgliedstaat in Einklang mit den Erfordernissen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union, des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge - Genfer Flüchtlingskonvention - sowie der Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten - Europäische Menschenrechtskonvention - steht.

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Vgl. EuGH, Urteile vom 19. März 2019 - C-163/17 (Jawo) -, juris, Rn. 81 f., und - C-297/17 u. a. (Ibrahim) -, juris, Rn. 84 f.

42Permalink zu Rn. 42recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_22

Diese Vermutung ist zwar nicht unwiderleglich, jedoch ist die Widerlegung dieser Vermutung wegen der gewichtigen Zwecke des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems an hohe Hürden geknüpft. Daher steht nicht jede drohende Grundrechtsverletzung oder jeder Verstoß gegen die Regeln für das gemeinsame Asylsystem der Überstellung eines Asylsuchenden in den zuständigen Mitgliedstaat entgegen. Dies wäre mit den Zielen und dem System der Dublin III-VO unvereinbar.

43

Vgl. EuGH, Urteil vom 19. März 2019 - C-163/17 (Jawo) -, juris, Rn. 84 und 91 f.

44Permalink zu Rn. 44recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_23

Art. 4 GRCh steht der Überstellung einer Person, die internationalen Schutz beantragt hat, in einen anderen Mitgliedstaat entgegen, sofern im Hinblick auf den durch das Unionsrecht gewährleisteten Schutzstandard der Grundrechte festzustellen ist, dass sie in diesem Mitgliedstaat einem ernsthaften Risiko ausgesetzt wäre, eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung zu erfahren.

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Vgl. EuGH, Urteil vom 19. März 2019 - C-163/17 (Jawo) -, Rn. 85 und 98.

46Permalink zu Rn. 46recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_24

Dies gilt aufgrund des allgemeinen und absoluten Charakters des Art. 4 GRCh in allen Situationen, in denen ernsthafte und durch Tatsachen bestätigte Gründe für die Annahme vorliegen, dass ein Asylsuchender bei oder infolge seiner Überstellung eine unmenschliche oder erniedrigende Behandlung erfährt. Dementsprechend ist es für die Anwendung des Art. 4 GRCh unerheblich, ob es zum Zeitpunkt der Überstellung, während des Asylverfahrens oder nach dessen Abschluss zu einer solchen Behandlung kommt und ob systemische oder allgemeine oder bestimmte Personengruppen betreffende Schwachstellen des Asylsystems in dem anderen Mitgliedstaat vorliegen,

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vgl. EuGH, Urteile vom 19. März 2019 - C-163/17 (Jawo) -, juris, Rn. 87, 88 und 90, und - C-297/17 u. a. (Ibrahim) -, juris, Rn. 87,

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oder ob es unabhängig vom Vorliegen solcher Schwachstellen zu einer unmenschlichen oder erniedrigenden Behandlung kommt.

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Vgl. EuGH, Urteil vom 19. März 2019- C-163/17 (Jawo) -, juris, Rn. 87.

50Permalink zu Rn. 50recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_25

Ein Verstoß gegen Art. 4 GRCh bzw. den diesem entsprechenden Art. 3 EMRK liegt aber nur dann vor, wenn die drohende Behandlung eine besonders hohe Schwelle der Erheblichkeit erreicht, die von sämtlichen Umständen des Einzelfalles abhängt. Diese besonders hohe Schwelle ist grundsätzlich erst dann erreicht, wenn die Gleichgültigkeit der Behörden eines Mitgliedstaats zur Folge hätte, dass eine vollständig von öffentlicher Unterstützung abhängige Person sich unabhängig von ihrem Willen und ihren persönlichen Entscheidungen in einer Situation extremer materieller Not befände, die es ihr nicht erlaubte, ihre elementarsten Bedürfnisse zu befriedigen, wie insbesondere sich zu ernähren, sich zu waschen und eine Unterkunft zu finden, und die ihre physische oder psychische Gesundheit beeinträchtigte oder sie in einen Zustand der Verelendung versetzte, der mit der Menschenwürde unvereinbar wäre.

51Permalink zu Rn. 51recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_26

Vgl. EuGH, Urteile vom 19. März 2019 - C-163/17 (Jawo) -, juris, Rn. 87 bis 92, und vom 1. August 2022 - C-422/21 -, juris, Rn. 39 f.; Beschluss vom 13. November 2019 - C-540 und 541/17 (Hamed und Omar) -, juris, Rn. 39; vgl. hierzu auch OVG NRW, Beschluss vom 16. Dezember 2019 - 11 A 228/15.A -, juris, Rn. 29 ff., m. w. N., wonach ein Verstoß gegen Art. 4 GRCh oder Art. 3 EMRK vorliegt, wenn die elementarsten Bedürfnisse ("Bett, Brot, Seife") nicht befriedigt werden können, ferner Urteile vom 26. Januar 2021 - 11 A 1564/20.A -, juris, Rn. 30, und - 11 A 2982/20.A -, juris, Rn. 32, sowie vom 20. Juli 2021 - 11 A 1674/20.A -, juris, Rn. 32, und - 11 A 1689/20.A -, juris, Rn. 36.

52Permalink zu Rn. 52recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_27

Bereits ein relativ kurzer Zeitraum, während dessen sich eine Person in einer Situation extremer materieller Not befindet, reicht aus, um einen Verstoß gegen Art. 4 GRCh zu begründen. Dabei ist auch zu beachten, dass den Rechten, die die Richtlinie 2011/95/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 13. Dezember 2011 (ABl. L 337, S. 9, sog. Qualifikationsrichtlinie) sowie die Richtlinie 2013/32/EU des Europäischen Parlaments und des Rates vom 26. Juni 2013 (ABl. L 180, S. 60, sog. Verfahrensrichtlinie) Personen, die einen Asylantrag gestellt haben, einräumen, die tatsächlichen Wirkungen genommen würden, wenn sie selbst während einer relativ kurzen Zeitspanne nicht mit einer Befriedigung ihrer elementarsten Bedürfnisse einhergingen.

53Permalink zu Rn. 53recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_28

Vgl. EuGH, Urteil vom 12. November 2019 - C-233/18 (Haqbin) -, juris, Rn. 46 ff. (zu Art. 20 RL 2013/33/EU); Generalanwalt Sanchez-Bordona, Schlussanträge vom 6. Juni 2019 - C-233/18 (Haqbin) -, juris, Rn. 78 f.

54Permalink zu Rn. 54recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_29

b. Ausgehend hiervon ist die Zuständigkeit für die Prüfung des Asylantrags des Klägers nach Art. 3 Abs. 2 Unterabs. 3 Dublin III-VO auf die Bundesrepublik Deutschland übergegangen.

55Permalink zu Rn. 55recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_30

Das Asylsystem und die Aufnahmebedingungen in Italien weisen systemische Schwachstellen i. S. v. Art. 3 Abs. 2 Unterabs. 2 Dublin III-VO auf, die eine Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Art. 4 GRCh mit sich bringen, weil die italienischen Behörden Dublin-Rückkehrern den Zugang zum Asylverfahren und die Aufnahme insgesamt verweigern.

56Permalink zu Rn. 56recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_31

Vgl. VG Arnsberg, Urteil vom 24. Januar 2023 - 2 K 2991/22.A -, juris Rn. 36, 55 ff.; VG Köln, Gerichtsbescheid vom 14. März 2023 - 22 K 6528/19.A -, juris Rn. 45 ff., und Beschluss vom 8. Mai 2023 - 23 L 780/23.A -, juris, Rn. 36.

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Italien ist zur (Wieder-)Aufnahme des Klägers wie auch anderer Dublin-Rückkehrer nicht bereit. Der Senat geht mit dem Verwaltungsgericht Arnsberg,

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Urteil vom 24. Januar 2023 - 2 K 2991/22.A -, juris, Rn. 47,

59Permalink zu Rn. 59recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_32

davon aus, dass es sich bei der im Dezember 2022 mitgeteilten Maßnahme der italienischen Behörden nicht um ein vorübergehendes Aussetzen von Überstellungen, sondern um die diplomatisch verklausulierte Weigerung der Aufnahme von Dublin-Rückkehrern auf „unbestimmte Zeit“ handelt.

60Permalink zu Rn. 60recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_33

Die Schreiben der italienischen Behörden vom 5. und 7. Dezember 2022 stellen zunächst nicht bloße Bitten um eine Aussetzung der Überstellungen dar, wodurch die Beklagte jedoch nicht gehindert wäre, trotzdem Überstellungen durchzuführen.

61Permalink zu Rn. 61recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_34

So aber VG Trier, Beschluss vom 5. April 2023 - 2 L 1065/23.TR -, juris; VG Aachen, Beschlüsse vom 10. Februar 2023 - 9 L 93/23.A -, und vom 22. März 2023 ‑ 9 L 223/23.A -, jeweils juris; vgl. aber nunmehr VG Aachen, Beschluss vom 17. Mai 2023 - 9 L 379/23.A -, juris, Rn. 12 ff.

62Permalink zu Rn. 62recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_35

Auch wenn in den Erklärungen von einem „request“ gesprochen wird, so machen die Erklärungen im Übrigen deutlich, dass Überstellungen nach Italien mangels Aufnahmemöglichkeiten („unavailability of reception facilities“) nicht möglich seien. Auch die Beklagte hat in anderen Verfahren ausgeführt, dass sie die Schreiben dahingehend verstehe, dass „Überstellungen im Rahmen der Dublin-III-VO ab sofort zunächst nicht mehr angenommen“ werden.

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Vgl. OVG NRW, Beschluss vom 22. März 2023 - 11 A 335/23.A -, juris, Rn. 29.

64Permalink zu Rn. 64recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_36

Dem entspricht es, dass sich die Bundesinnenministerin gemeinsam mit den zuständigen Ministern von sechs weiteren Staaten zu einem „Joint Communiqué“ vom 8. März 2023,

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abrufbar auf der Seite der Niederländischen Regierung: https://www.rijksoverheid.nl/documenten/ publicaties/2023/03/08/joint-statement,

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veranlasst gesehen hat, in dem es u. a. heißt:

67Permalink zu Rn. 67recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_37

„They therefore reiterated the necessity of applying the existing rules in good faith to provide for the necessary conditions to allow Dublin transfers according to the existing standards … “,

68Permalink zu Rn. 68recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_38

vgl. auch die Presseberichterstattung zum Treffen der EU-Innenminister am 9. März 2023: etwa Tiroler Tageszeitung, EU-Innenminister machen Druck auf Italien wegen Migration, 9. März 2023, abrufbar unter https://www.tt.com/artikel/30848350/eu-innenminister-machen-druck-auf-italien-wegen-migration, nach der der italienischen Regierung vorgeworfen werde, die Dublin-Regeln einseitig aufgekündigt zu haben; Tagesspiegel, Faeser unter Druck: Innenministerin verlangt Rückkehr zu Dublin-Regeln, 10. März 2023, abrufbar unter https://www.tagesspiegel.de/politik/faeser-unter-druck-innenministerin-verlangt-ruckkehr-zu-dublin-regeln-9473264.html, wonach die Bundesinnenministerin, ohne Italien explizit zu erwähnen, für eine Rückkehr zu den Regeln des Dublin-Systems geworben habe; vgl. auch L’Echo, L'Italie priée d'appliquer les règles de Dublin sur l'asile, 9. März 2023, abrufbar unter https://www.lecho.be/economie-politique/europe/general/l-italie-priee-d-appliquer-les-regles-de-dublin-sur-l-asile/10452810.html, wo u. a. Äußerungen des französischen Innenministers zitiert werden, nach denen die Dublin III-VO mit bestimmten Staaten, insbesondere Italien, nicht funktioniere; vgl. auch NZZ, Flüchtlingsaufnahme gestoppt: Was steckt hinter Italiens Entscheidung?, 8. April 2023, abrufbar unter https://www.nzz.ch/schweiz/italien-nimmt-bis-mindestens-anfang-mai-keine-fluechtlinge-zurueck-ld.1733446.

69Permalink zu Rn. 69recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_39

Es handelt sich auch nicht um eine lediglich vorübergehende, zeitlich begrenzte Aussetzung der Annahme von Überstellungen. Die Rundschreiben benennen weder ein Enddatum für die Aussetzung der Überstellungen noch einen auch nur ungefähren oder voraussichtlichen Zeitrahmen. Seit nunmehr einem halben Jahr ist - trotz Ankündigung im Rundschreiben vom 5. Dezember 2022 - keine weitere Information zur Dauer der Aussetzung der Überstellungen erfolgt. Auch die Beklagte hat dem Senat weder in diesem noch in einem anderen Verfahren neue Informationen mitgeteilt.

70Permalink zu Rn. 70recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_40

Vgl. auch die Urteile des niederländischen Raad van State - Afdeling bestuursrechtspraak - vom 26. April 2023, ECLI:NL:RVS:2023:1654 und ECLI:NL:RVS:2023:1655, abrufbar unter https://www.raadvanstate.nl/talen/artikel/english-version/state-secretary-blocked-from-returning/, in denen zur Kommunikation der italienischen mit den niederländischen Behörden ausgeführt wird, dass die EU-Mitgliedstaaten mit Schreiben vom 4. Januar 2023 aufgefordert worden seien, die Überstellungen für Januar 2023 abzusagen. Am 27. Januar 2023 sei eine solche Aufforderung für Überstellungen in der ersten Februarwoche erfolgt, am 7. Februar 2023 eine erneute einwöchige Aussetzung. Seitdem habe es keine Information mehr gegeben.

71Permalink zu Rn. 71recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_41

Auch die Justizministerin und das Staatssekretariat für Migration (SEM) der Schweiz sehen bei der Rücknahme von Flüchtlingen durch Italien keine Anzeichen dafür, dass sich etwas bewegt.

72Permalink zu Rn. 72recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_42

Vgl. Tagesanzeiger, Baume-Schneider über Flüchtlingsrücknahme: „Italiens Blockade wird Monate anhalten“, 4. Mai 2023, abrufbar unter https://www.tagesanzeiger.ch/baume-schneider-zur-fluechtlingsruecknahme-italiens-blockade-wird-monate-anhalten-745771683413; SEM, Italien: Dublin-Überstellungen und Rückübernahmeabkommen, 15. Mai, 2023, abrufbar unter https://www.sem.admin.ch/sem/de/home/sem/aktuell/italien-dublin.html.

73Permalink zu Rn. 73recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_43

Jedenfalls unter Berücksichtigung des erheblichen Zeitraums von mehr als sechs Monaten, der bereits länger ist als die regelmäßige Überstellungsfrist nach Art. 29 Abs. 2 Dublin III-VO, kann dem Vorgehen der italienischen Behörden ohne weitere Information nichts dafür entnommen werden, ob und ggfs. wann Überstellungen wieder ermöglicht werden sollen.

74

Vgl. VG Gießen, Beschluss vom 28. März 2023 - 1 L 636/23.GI.A -, juris, Rn. 10 f.

75Permalink zu Rn. 75recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_44

Angesichts dieses Zeitablaufs kann der Formulierung der Schreiben, soweit sie von einer vorübergehenden Aussetzung sprechen, kein Gewicht (mehr) beigemessen werden.

76Permalink zu Rn. 76recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_45

Vgl. etwa VG Köln, Beschluss vom 13. April 2023 - 26 L 403/23.A -, juris, Rn. 11; VG Gießen, Beschluss vom 28. März 2023 - 1 L 636/23.GI.A -, juris Rn. 11; a. A. etwa VG Osnabrück, Beschluss vom 12. April 2023 - 5 B 70/23 -, juris; VG Hamburg, Urteil vom 27. März 2023 - 9 A 1520/20 -, juris; VG Darmstadt, Beschluss vom 14. März 2023 - 2 L 53/23.A -, juris.

77Permalink zu Rn. 77recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_46

Soweit die Beklagte in anderen Verfahren auf die Anhörung nach § 130a VwGO hin ausgeführt hat, dass die Aufnahmeeinrichtungen in Italien nicht ausgelastet seien, so spricht das letztlich dafür, dass die Begründung für die Aussetzung der Überstellungen vorgeschoben ist. Sollte die Aussetzung der Überstellungen damit nicht auf „technischen Gründen“ bzw. der Auslastung des Aufnahmesystems beruhen, sondern auf dem (politischen) Willen der italienischen Behörden, so wäre in keiner Weise absehbar, ob, wann und unter welchen Bedingungen, Überstellungen nach Italien bzw. ein Zugang zum italienischen Asylverfahren für Dublin-Rückkehrer wieder möglich sein werden.

78Permalink zu Rn. 78recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_47

Vgl. dazu auch VG Gelsenkirchen, Beschluss vom 28. Februar 2023 - 1a L 180/23.A -, juris, Rn. 8; Nds. OVG, Beschluss vom 26. April 2023 - 10 LA 48/23 -, juris, Rn. 21.

79Permalink zu Rn. 79recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_48

Die Tatsache, dass die Italienische Republik nach dem Vortrag der Beklagten in anderen Verfahren weiterhin Zustimmungen für Auf- und Wiederaufnahmeersuchen erteilt, führt ebenfalls nicht zu einer anderen Einschätzung. Denn diese Erklärungen haben offensichtlich keinen Einfluss auf die tatsächliche Übernahmebereitschaft Italiens.

80Permalink zu Rn. 80recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_49

Vgl. VG Gelsenkirchen, Beschluss vom 28. Februar 2023 - 1a L 180/23.A -, juris, Rn. 8; VG Gießen, Beschluss vom 28. März 2023 - 1 L 636/23.GI.A -, juris, Rn. 13; a. A. etwa VG Würzburg, Urteil vom 28. Februar 2023 - W 1 K 22.50157 -, juris.

81Permalink zu Rn. 81recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_50

Aus dem Grundsatz gegenseitigen Vertrauens folgt nichts anderes. Denn dieser Grundsatz ist in der derzeitigen Situation bereits durch die generelle Ablehnung der Annahme von rückzuüberstellenden Asylsuchenden in Widerspruch zur Dublin III-VO entkräftet.

82Permalink zu Rn. 82recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_51

Vgl. Nds. OVG, Beschluss vom 26. April 2023 - 10 LA 48/23 -, juris, Rn. 21; Raad van State - Afdeling bestuursrechtspraak -, Urteile vom 26. April 2023  ‑ ECLI:NL:RVS:2023:1654 -, Ziffer 4.3, und  ‑ ECLI:NL:RVS:2023:1655 -, Ziffer 3.3.

83Permalink zu Rn. 83recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_52

Die Beklagte hat auch nicht vorgetragen, ihrerseits Schritte ergriffen zu haben, die geeignet wären, die italienischen Behörden zu einer zeitnahen Aufnahme des Klägers zu bewegen.

84Permalink zu Rn. 84recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_53

c. Soweit in der Rechtsprechung zum Teil davon ausgegangen wird, dass die Nichtübernahme durch die italienischen Behörden zum Ablauf der Überstellungsfrist und damit zum Zuständigkeitsübergang auf die Beklagte führen wird, dies aber den Schutzsuchenden ausschließlich zum Vorteil gereiche,

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so etwa VG Potsdam, Beschluss vom 11. April 2023 - 2 L 179/23.A -, juris; VG Magdeburg, Beschluss vom 17. März 2023 - 6 B 123/23 MD -, juris,

86Permalink zu Rn. 86recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_54

m. a. W. keine Rechtsverletzung i. S. v. § 113 Abs. 1 Satz 1 VwGO vorliegen soll, wird übersehen, dass der Kläger im Falle der Klageabweisung aufgrund der dann bestandskräftigen Ablehnung seines Asylantrags zur Ausreise verpflichtet wäre (vgl. § 67 Abs. 1 Satz 1 Nr. 6 AsylG).

87Permalink zu Rn. 87recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_55

Vgl. zur Situation der Vollziehbarkeit einer Abschiebungsanordnung bei Ablehnung eines Eilantrags VG Düsseldorf, Beschluss vom 4. Mai 2023 - 22 L 1042/23.A -, juris, Rn. 32.

88Permalink zu Rn. 88recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_56

Gleichzeitig kann er vor Ablauf der dann neu anlaufenden Überstellungsfrist seinen Anspruch auf Durchführung eines Asylverfahrens (vgl. etwa Art. 6, 10 Abs. 3 der Asylverfahrensrichtlinie) nicht dadurch realisieren, dass er seiner Ausreisepflicht nachkommt und nach Italien (zurück-)reist. Es kann angesichts des von den italienischen Behörden geltend gemachten Mangels an Aufnahmekapazitäten nicht davon ausgegangen werden, dass eine freiwillige Rückreise und im Anschluss daran eine Aufnahme in Unterbringungseinrichtungen durch die italienischen Behörden ermöglicht würde.

89Permalink zu Rn. 89recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2023-06-16/11-a-1173-22-a#rd_57

Aus dem gleichen Grund kann die Gefahr einer unmenschlichen oder entwürdigenden Behandlung im Sinne des Art. 4 GRCh nicht deshalb verneint werden, weil eine Überstellung nicht stattfinden wird, solange der Aufnahmestopp anhält.

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So aber wohl VG Gießen, Beschluss vom 4. Februar 2023 - 2 L 213/23.GI.A, milo, S. 14 BA,

91

II. Aus der Rechtswidrigkeit der Ziffer 1. folgt die Rechtswidrigkeit der übrigen Ziffern des angegriffenen Bescheides.

92

Vgl. etwa OVG NRW, Beschluss vom 22. März 2023 - 11 A 1086/21.A -, juris, Rn. 72.

93

C. Die Kostenentscheidung beruht auf den §§ 154 Abs. 2 VwGO, 83b AsylG.

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Der Ausspruch über die vorläufige Vollstreckbarkeit folgt aus den §§ 167 VwGO, 708 Nr. 10, 709 Satz 2, 711 Satz 1 ZPO.

95

Die Revision ist nicht zuzulassen. Die Voraussetzungen der §§ 132 Abs. 2 VwGO, 78 Abs. 8 Satz 1 Nr. 1 AsylG liegen nicht vor.