Rechtsprechung / BPatG / 27. Senat / 2011

BPatG Beschluss vom 29.03.2011 – 27 W (pat) 571/10

27. Senat

Gewerblicher RechtsschutzBundVolltext

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Tenor§

In der Beschwerdesache

…

betreffend die Marke 30 2009 001 629.1

hat der 27. Senat (Marken-Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts am 29. März 2011 durch den Vorsitzenden Richter Dr. Albrecht, den Richter Kruppa und die Richterin am Landgericht Werner

beschlossen:

Die Beschwerde der Widersprechenden wird zurückgewiesen.

Gründe§

I.

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Gegen die am 12. Januar 2009 angemeldete und am 17. März 2009 für die Dienstleistungen der

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Klasse 35: Werbung, Geschäftsführung, Büroarbeiten,

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Unternehmensverwaltung,

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Klasse 41: Erziehung, Ausbildung, Unterhaltung, sportliche und

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kulturelle Aktivitäten,

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Klasse 43: Verpflegung und Beherbergung von Gästen,

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Catering von Veranstaltungen,

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eingetragene und am 17. April 2009 veröffentlichte Wortmarke 30 2009 001 629.1

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hat die Widersprechende am 11. Mai 2009 aus ihrer am 30. September 2002 eingetragenen Gemeinschaftswortmarke GM 002324515

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eingetragen für die Dienstleistungen der

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Klasse 41: Organisation und Durchführung kultureller Darbietungen, insbesondere Theater-, Varieté- und Konzertveranstaltungen,

14Permalink zu Rn. 14recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_14

Klasse 43: Verpflegung und Beherbergung von Gästen,

15Permalink zu Rn. 15recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_15

Widerspruch eingelegt.

16Permalink zu Rn. 16recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_16

Die Markenstelle für Klasse 43 des Deutschen Patent- und Markenamts hat den Widerspruch mit Beschluss vom 1. Juni 2010 zurückgewiesen.

17Permalink zu Rn. 17recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_17

Dazu ist ausgeführt, die Widerspruchsmarke verfüge über eine eher unterdurchschnittliche Kennzeichnungskraft.

18Permalink zu Rn. 18recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_18

Die für das angegriffene Zeichen registrierten Dienstleistungen seien teilweise, nämlich hinsichtlich „Verpflegung und Beherbergung von Gästen“ identisch, hinsichtlich „Catering von Veranstaltungen“ der jüngeren Marke und „Verpflegung von Gästen“ der Widerspruchsmarke und auch „Unterhaltung; sportliche und kulturelle Aktivitäten“ sowie „Werbung, Geschäftsführung, Büroarbeiten; Unternehmensverwaltung“ der angegriffenen Marke zu „Organisation und Durchführung kultureller Darbietungen, insbesondere Theater-, Varieté-, Konzertveranstaltungen“ der Widerspruchsmarke jedenfalls ähnlich, da diese jeweils zum üblichen Rahmen des Geschäftsumfangs gehörten.

19Permalink zu Rn. 19recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_19

Trotz identischer bzw. hoch ähnlicher Dienstleistungen und damit strenger Anforderungen an den einzuhaltenden Markenabstand bestehe keine Verwechslungsgefahr.

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„Palazzo Klenze“ und „Palazzo“ seien unter dem Aspekt des jeweiligen Gesamteindrucks zu vergleichen, der dazu führe, dass eine Markenähnlichkeit im Hinblick auf die gravierenden Unterschiede in der konkreten Wiedergabeform sowohl in klanglicher als auch in schriftbildlicher Art ausgeschlossen sei.

21Permalink zu Rn. 21recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_21

Der Bestandteil „Palazzo“ (italienisch für „Palast“) in der konkret vorliegenden kombinierten Form in dem angegriffenen Zeichen sei geeignet, als beschreibender, werbemäßiger Hinweis auf luxuriös ausgestattete Etablissements der Unterkunft und Verpflegung zu wirken, so dass er nur eine reduzierte Kennzeichnungskraft besitze. Beschreibenden und damit kennzeichnungsschwachen Bestandteilen wie „Palazzo“ könne allerdings in einer aus mehreren Bestandteilen gebildeten Marke nicht ein solcher Einfluss zukommen, dass eine Übereinstimmung (lediglich) in diesem Bestandteilen eine Verwechslungsgefahr begründen könne. Demgegenüber habe der Bestandteil „Klenze“ in Bezug auf die beschlussgegenständlichen Dienstleistungen keinerlei beschreibenden Sinngehalt, womit ihm die dominierende Bedeutung zukomme.

22Permalink zu Rn. 22recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_22

Auch sei eine Verwechslungsgefahr aufgrund gedanklicher Verbindung oder aus weiteren Gründen, zu denen die Widerspruchsführerin zudem nichts vorgetragen habe, zu verneinen.

23Permalink zu Rn. 23recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_23

Der Beschluss ist der Widersprechenden am 7. Juni 2010 zugestellt worden.

24Permalink zu Rn. 24recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_24

Dagegen wendet sie sich mit ihrer Beschwerde vom 5. Juli 2010.

25Permalink zu Rn. 25recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_25

Sie ist der Auffassung, das angegriffene Zeichen halte selbst bei Annahme nur unterdurchschnittlicher Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke den markenrechtlich gebotenen Abstand nicht ein.

26Permalink zu Rn. 26recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_26

Die Widerspruchsmarke sei aber, wie auch das Landgericht Hamburg (AZ.: 312 O 30/05 und 312 O 260/08), das Hanseatische Oberlandesgericht (Az.: 5 U 189/04) und das HABM (AZ.: 1407C) in ihren jeweiligen Entscheidungen bestätigt hätten, jedenfalls durchschnittlich kennzeichnungskräftig.

27Permalink zu Rn. 27recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_27

Zwischen den für beide Zeichen geschützten Dienstleistungen „Verpflegung und Beherbergung von Gästen" bestehe Identität und für die weiteren sich gegenüberstehenden Dienstleitungen ein an Identität grenzender, höchster Ähnlichkeitsgrad.

28Permalink zu Rn. 28recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_28

Vor diesem Hintergrund halte die angegriffene Marke den notwendigen Abstand nicht ein.

29Permalink zu Rn. 29recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_29

Bei der Bezeichnung des angegriffenen Zeichens sei allein auf das an erster Stelle stehende Element „Palazzo" abzustellen; das Element "Klenze" sei demgegenüber nicht prägend.

30Permalink zu Rn. 30recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_30

Der Bestandteil „Palazzo" sei seiner Art nach im Vergleich geeignet, sich als schlagwortartiger Hinweis auf ein Unternehmen oder ein Etablissement durchzusetzen. Er weise für sich genommen nicht auf die darunter geschützten Dienstleistungen hin und präge somit in Zusammensetzungen, so z. B. auch im Fall der Firmenbezeichnung der Lizenznehmerin der Widerspruchsführerin, der „P… GmbH". Entgegen der Auffassung der Markenstelle werdefolglich auch die angegriffene Marke in ihrem Gesamteindruck von dem Bestandteil „Palazzo" geprägt.

31Permalink zu Rn. 31recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_31

Wegen der Neigung des Verbrauchers, längere Kombinationszeichen bei ihrer klanglichen Benennung schon aus Gründen der Bequemlichkeit und Vereinfachung auf einen den Gesamteindruck prägenden Einzelbestandteil zu verkürzen, werde der Verbraucher den rein beschreibenden Bestandteil „Klenze" vernachlässigen. Die Bezeichnung „Klenze" gehe im Gesamtbild der Bezeichnung „Palazzo Klenze", deren Wortbestandteile eine Sinneinheit bildeten quasi "unter", so dass dessen kennzeichnende Eigenständigkeit verloren gegangen sei. Der Bestandteil „Klenze" sei rein beschreibend, ebenso wie z. B. die Bezeichnung „Toskana", das ebenfalls eine reine Orts- bzw. Herkunftsangabe ohne prägende Eigenschaft für eine Marke sei.

32Permalink zu Rn. 32recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_32

Selbst wenn man zu der Auffassung gelangen sollte, dass der Bestandteil „Palazzo" nicht prägend im vorerwähnten Sinn sein sollte, sei nach den vom EuGH z. B. in der Entscheidung vom 6. Oktober 2005 (Thomson Life) aufgestellten Grundsätzen eine Verwechslungsgefahr zu bejahen.

33Permalink zu Rn. 33recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_33

Ergänzend werde die Beschwerde auf die eingetragene Wort- / Bildmarke „Palazzo“ 30717074 gestützt.

34Permalink zu Rn. 34recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_34

Die Widersprechende beantragt sinngemäß,

35Permalink zu Rn. 35recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_35

den Beschluss der Markenstelle für Klasse 43 des Deutschen Patent- und Markenamts vom 1. Juni 2010 aufzuheben und auf den Widerspruch die Wortmarke 30 2009 001 629.1 „Palazzo Klenze“ zu löschen.

36Permalink zu Rn. 36recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_36

Demgegenüber beantragt die Inhaberin des angegriffenen Zeichens,

37Permalink zu Rn. 37recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_37

die Beschwerde zurückzuweisen.

38Permalink zu Rn. 38recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_38

Sie ist der Auffassung, Verwechslungsgefahr zwischen dem angegriffenen Zeichen und der Widerspruchsmarke bestehe nicht.

39Permalink zu Rn. 39recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_39

Eine Markenähnlichkeit sei aufgrund der erheblichen Unterschiede in der konkreten Wiedergabeform ausgeschlossen. Der vorliegende Ähnlichkeitsgrad zwischen den angebotenen Dienstleistungen werde durch die nicht vorhandene Ähnlichkeit der beiden Marken vollständig ausgeglichen.

40Permalink zu Rn. 40recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_40

Der Widerspruchsmarke komme keine durchschnittliche Kennzeichnungskraft zu. Die Marke „Palazzo" bedeute im Italienischen „Palast", worunter die angesprochenen Kreise in der Regel einen schlossartigen repräsentativen Prachtbau verstünden. Damit stelle die Widerspruchsmarke lediglich einen kennzeichnungsschwachen Hinweis auf luxuriöse Etablissements dar und könne deshalb nicht einen derartigen Einfluss haben, dass eine Übereinstimmung allein in diesem Bestandteil eine Verwechslungsgefahr begründen könnte.

41Permalink zu Rn. 41recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_41

Der Begriff „Palazzo" werde sehr häufig als Bestandteil verwendet, den die Angesprochenen nicht kennzeichnend in Erinnerung behielten.

42Permalink zu Rn. 42recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_42

Der angemessen informierte, aufmerksame und verständige Normalverbraucher werde den Schwerpunkt des angegriffenen Zeichens in dem nicht beschreibenden Bestandteil „Klenze" sehen, den er für eine Fantasiebezeichnung halten werde.

43Permalink zu Rn. 43recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_43

Es sei zudem nicht ersichtlich, weshalb der Durchschnittsverbraucher bei einer schlagwortartigen Verkürzung den Begriff „Palazzo" als Abkürzung wählen sollte. Allein dessen Standort an erster Stelle sei dafür nicht ausschlaggebend. Da „Palazzo“ als Begriffsbestandteil sehr häufig vorkomme, werde der Verbraucher vielmehr den Begriff „Klenze“ als Abkürzung wählen.

44Permalink zu Rn. 44recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_44

Auch eine Verwechslungsgefahr aufgrund gedanklicher Verbindung komme nicht in betracht. Weder sei die Widersprechende mit einer Serienmarke aufgetreten, noch erhalte der Verbraucher den Endruck, beide Marken stammten von demselben oder von wirtschaftlich verbunden Unternehmen.

45Permalink zu Rn. 45recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_45

Ein Widerspruch aus der Wort- / Bildmarke „Palazzo" 30717074 sei unzulässig.

II.

46Permalink zu Rn. 46recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_46

Die statthafte und auch sonst zulässige Beschwerde der Widersprechenden aus der Gemeinschaftswortmarke GM 002324515 hat in der Sache keinen Erfolg.

47Permalink zu Rn. 47recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_47

Soweit die Widersprechende ihren Widerspruch in der Beschwerde erstmals ergänzend auf die Wort- / Bildmarke GM 30717074 stützt, ist dies unzulässig.

1.

48Permalink zu Rn. 48recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_48

Da kein Antrag auf Anberaumung einer mündlichen Verhandlung vorliegt und der Senat eine mündliche Verhandlung nicht für erforderlich erachtet, kann im schriftlichen Verfahren entschieden werden, nachdem die Widersprechende ausreichend Gelegenheit hatte, ihre Beschwerde zu begründen, und die Inhaberin des angegriffenen Zeichens ausreichend Gelegenheit hatte, zu der Beschwerde des Widersprechenden schriftlich Stellung zu nehmen (§ 69 MarkenG).

2.

49Permalink zu Rn. 49recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_49

Soweit die Widersprechende aus der Wort- / Bildmarke „Palazzo" 30717074 Widerspruch erhoben hat, fehlt ihr das erforderliche allgemeine Rechtschutzbedürfnis; die Beschwerde ist mangels Beschwer bereits unzulässig, § 66 Abs. 1 MarkenG.

50Permalink zu Rn. 50recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_50

Da die Widersprechende ihren Widerspruch vom 11. Mai 2009 ausschließlich aus der Wortmarke GM 002324515 „Palazzo" erhoben hat und sich demnach die hier angefochtene Entscheidung des Deutschen Patent- und Markenamts vom 1. Juni 2010 nur auf diese Wortmarke „Palazzo" bezieht, war die Wort- / Bildmarke „Palazzo" bisher nicht Gegenstand des Verfahrens. Insoweit ist keine zurückweisende Entscheidung ergangen, und die Widersprechende ist insoweit demnach nicht beschwert.

3.

51Permalink zu Rn. 51recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_51

Mit der Markenstelle kann eine Gefahr von Verwechslung der Vergleichswortmarken „Palazzo Klenze“ und „Palazzo“ nach § 43 Abs. 2 Satz 2, § 42 Abs. 2 Nr. 1, § 9 Abs. 1 Nr. 1 und 2 MarkenG nicht festgestellt werden.

a)

52Permalink zu Rn. 52recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_52

Die Eintragung einer Marke ist auf den Widerspruch aus einer prioritätsälteren Marke nach § 42 Abs. 2 Nr. 1, § 9 Abs. 1 Nr. 2 MarkenG zu löschen, wenn zwischen beiden Zeichen wegen Zeichenidentität oder -ähnlichkeit und Dienstleistungs- bzw. Warenidentität oder -ähnlichkeit unter Berücksichtigung der Kennzeichnungskraft der älteren Marke die Gefahr von Verwechslungen einschließlich der Gefahr, dass die Marken miteinander gedanklich in Verbindung gebracht werden, besteht. Dabei stehen die vorgenannten Komponenten miteinander in einer Wechselbeziehung, wobei ein größerer Grad einer Komponente den geringeren Grad einer anderen Komponente ausgleichen kann (st. Rspr.; vgl. BGH 2010, 235 - AIDA / AIDU; EuGH GRUR 2005, 1042 – Thomson Life).

53Permalink zu Rn. 53recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_53

Der Schutz der älteren Marke ist dabei auf die Fälle zu beschränken, in denen die Benutzung eines identischen oder ähnlichen Zeichens durch einen Dritten die Funktionen der älteren Marke, insbesondere ihre Hauptfunktion zur Gewährleistung der Herkunft von Waren oder Dienstleistungen, beeinträchtigt oder beeinträchtigen könnte (vgl. EuGH GRUR 2007, 318 - Adam Opel / Autec).

54Permalink zu Rn. 54recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_54

Bei der umfassenden Beurteilung der Verwechslungsgefahr ist auf den durch die Zeichen hervorgerufenen Gesamteindruck abzustellen, wobei insbesondere ihre unterscheidungskräftigen und dominierenden Elemente zu berücksichtigen sind (vgl. EuGH GRUR 2008, 343 - Bainbridge; GRUR 2005, 1042 – Thomson Life; BGH GRUR 2009, 1055 - airdsl.). Der Gesamteindruck ist deshalb maßgeblich, weil der Durchschnittsverbraucher eine Marke regelmäßig als Ganzes wahrnimmt (vgl. EuGH GRUR 2007, 700 - Limoncello; BGHZ 169, 295 - Goldhase).

b)

55Permalink zu Rn. 55recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_55

Nach diesen genannten Grundsätzen ist vorliegend eine Gefahr von Verwechslungen nicht gegeben.

aa)

56Permalink zu Rn. 56recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_56

Die Widerspruchsmarke ist unterdurchschnittlich kennzeichnungskräftig.

57Permalink zu Rn. 57recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_57

Anhaltspunkte für eine gesteigerte Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke sind nicht ersichtlich.

58Permalink zu Rn. 58recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_58

Vielmehr ist die Widerspruchsmarke für die eingetragenen Dienstleistungen eher kennzeichnungsschwach, da sie einen deutlich beschreibenden Anklang hat.

59Permalink zu Rn. 59recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_59

Die deutsche Übersetzung des italienischen „Palazzo“ als Palast ist naheliegend und leicht verständlich. Im Deutschen gibt es zahlreiche feststehende, allgemein bekannte und geläufige Begriffe mit dem Element „Palast“, etwa „Gourmetpalast" oder „Tanzpalast". Der Verbraucher versteht den Begriff Palast in seiner Bedeutung als repräsentativer Prachtbau in Verbindung mit den hier betroffenen Dienstleistungen der Organisation und Durchführung kultureller Darbietungen, insbesondere Theater-, Varieté- und Konzertveranstaltungen und der Verpflegung und Beherbergung von Gästen als eine werbende Anpreisung für eine ausgesuchte und edle Ausstattung des Veranstaltungsraums oder eine aufwendige Darbietung oder für ein besonders opulentes oder exquisites kulinarisches Angebot und damit eher beschreibend.

60Permalink zu Rn. 60recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_60

Dabei ist unerheblich, wie das HABM oder das Landgericht Hamburg oder das Hanseatische Oberlandesgericht in andern Fällen die Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke bewertet haben. Insoweit trifft der Senat eine Einzelfallentscheidung, für die er nicht an die gegebenenfalls abweichende Beurteilung der Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke in anderen Verfahren gebunden ist.

bb)

61Permalink zu Rn. 61recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_61

Nachdem die Benutzung der Widerspruchsmarke nicht zur Debatte steht, ist bei der Beurteilung der Dienstleistungsähnlichkeit von den im Register eingetragenen Dienstleistungen auszugehen.

62Permalink zu Rn. 62recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_62

Damit stehen den Dienstleistungen der Klassen 41 und 43, für die das angegriffene Zeichen beansprucht wird, identische Dienstleistungen auf Seiten der Widerspruchsmarke gegenüber.

63Permalink zu Rn. 63recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_63

Die Dienstleistungen der jüngeren Marke „Verpflegung und Beherbergung von Gästen“ sind im Vergleich zu den gleich lautenden Dienstleistungen der Widerspruchsmarke identisch. Dies gilt auch für „Catering von Veranstaltungen“ des angegriffenen Zeichens und „Verpflegung von Gästen“ der Widerspruchsmarke, da Catering lediglich eine besondere Art der Verpflegung ist und unter denselben Oberbegriff fällt.

64Permalink zu Rn. 64recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_64

Hinsichtlich der Dienstleistungen „Unterhaltung, sportliche und kulturelle Aktivitäten“ des angegriffenen Zeichens im Vergleich zu den unter den Klassen 41 und 43 eingetragenen Dienstleistungen „Organisation und Durchführung kultureller Darbietungen, insbesondere Theater-, Varieté-, Konzertveranstaltungen“ und „Verpflegung und Beherbergung von Gästen“ der Widerspruchsmarke besteht Ähnlichkeit, da diese Dienstleistungen im Oberbegriff übereinstimmen bzw. es sich um einander ergänzende Dienstleistungen handelt, die der Unterhaltung dienen und kulturelle Aktivitäten umfassen (vgl. Richter / Stoppel, Die Ähnlichkeit von Waren und Dienstleistungen, 14. Aufl., S. 382).

65Permalink zu Rn. 65recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_65

Demgegenüber dürfte es sich bei den weiteren Dienstleitungen auf Seiten des angegriffen Zeichens wohl nicht mehr um ergänzende Dienstleitungen handeln. Insoweit besteht keine Ähnlichkeiten der Dienstleistungen der Klasse 35 „Werbung, Geschäftsführung, Büroarbeiten, Unternehmensverwaltung“ und der Klasse 41 „Erziehung und Ausbildung“ (vgl. Richter / Stoppel, a. a. O., 14. Aufl., S. 383, 385, 392).

66Permalink zu Rn. 66recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_66

Letztlich kann die Frage, ob die für das angegriffene Zeichen beanspruchten Dienstleistungen insgesamt im Ähnlichkeitsbereich der Widerspruchsdienstleistungen liegen, allerdings dahinstehen, denn das angegriffene Zeichen wahrt selbst den bei Warenidentität einzuhaltenden deutlichen Abstand zur Widerspruchsmarke.

cc)

67Permalink zu Rn. 67recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_67

Auch wenn bei Warenidentität strenge Anforderungen an den erforderlichen Abstand zwischen den Marken zu stellen sind, um eine Verwechslungsgefahr im markenrechtlichen Sinn auszuschließen, reichen die begrifflichen, klanglichen und schriftbildlichen Abweichungen aus, um die Gefahr von Verwechslungen im Sinn von § 9 Abs. 1 Nr. 2 MarkenG hinreichend sicher auszuschließen.

68Permalink zu Rn. 68recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_68

Schriftbildlich und klanglich unterscheiden sich die Marken durch die Anzahl der Wörter und durch den nur im jüngeren Zeichen vorhandenen Bestandteil „Klenze" ausreichend.

69Permalink zu Rn. 69recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_69

Da der Verbraucher Marken regelmäßig als Ganzes wahrnimmt und bei umfassender Beurteilung der Verwechslungsgefahr - entgegen der Ansicht der Widersprechenden auch nach der Thomson Life-Entscheidung des EuGH - auf den durch die Zeichen hervorgerufenen Gesamteindruck abzustellen ist, kann Verwechslungsgefahr allenfalls dann gegeben sein, wenn der Gesamteindruck einer mehrteiligen Marke durch einen mit der Gegenmarke übereinstimmenden oder verwechselbaren Bestandteil geprägt wird oder dieser Bestandteil eine selbstständig kennzeichnende Stellung einnimmt (EuGH GRUR 2005, 1042, 1044 [Nr. 32 ff.] - Thomson life; BGH GRUR 2006, 859, 861 [Nr. 21] - Malteserkreuz).

70Permalink zu Rn. 70recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_70

Entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin wird der Gesamteindruck der mehrbestandteiligen jüngeren Marke nicht durch das mit der Gegenmarke übereinstimmende Wort „Palazzo“ geprägt. Der weitere Bestandteil „Klenze“ tritt demgegenüber nicht in einem Maße in den Hintergrund, dass er vernachlässigt werden könnte. Damit bleibt er für den Gesamteindruck des angegriffenen Zeichens von Bedeutung, was eine Verwechslungsgefahr verhindert (BGH GRUR 2004, 598 - Kleiner Feigling; GRUR 2004, 865 - Mustang).

71Permalink zu Rn. 71recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_71

Leo von Klenze (29. Februar 1784 - 27. Januar 1864) war ein deutscher Maler und Schriftsteller und gilt als einer der bedeutendsten klassizistischen Architekten. Er ist Ehrenbürger der Stadt München. Die Münchner Klenzestraße im Gärtnerplatzviertel, das Klenze-Gymnasium München, die Klenzestraßen in Regensburg und Tutzing am Starnberger See sowie der Klenzepark in Ingolstadt sind nach ihm benannt.

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Er gelangte vor allem in seiner Stellung als Hofarchitekt von König Ludwig I. von Bayern zu Bedeutung. Zu seinem Aufgabenbereich gehörte die klassizistische Umgestaltung Münchens mit dem Marstall, dem Königsplatz, der Ludwigstraße, der Glyptothek, der Ruhmeshalle, der Alten Pinakothek, der Residenz, etc.

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„Palazzo Klenze“ wird der Königspalast der Residenz in München genannt. Als Kurfürst Max IV. Joseph von Baiern 1806 König geworden war, hatte er keine diesem neuen Rang entsprechende königliche Residenz. Er ließ zwar einzelne Raumfluchten umbauen und neu ausgestalten; aber erst sein Sohn, König Ludwig I., erweiterte die Residenz nach seinem Regierungsantritt 1825 durch Neubauten. Die Verehrung des Königs für Italien und die Renaissance bestimmte den Baustil, besonders der Hauptfassade am Max-Joseph-Platz, die der Architekt Leo von Klenze aus Elementen des Palazzo Pitti und des Palazzo Rucellai in Florenz gestaltete.

74Permalink zu Rn. 74recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_74

Klenze gehört damit in die Reihe der bekannten Architekten, die in ihrer jeweiligen Epoche Stadtbilder geprägt haben und deshalb auch überregional bekannt sind, wie etwa Schinkel u. a.

75Permalink zu Rn. 75recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_75

Darüber hinaus ist auch heute das „Palazzo Klenze“, in dem Luxuswohnungen für München entstehen, nicht nur dem bayrischen Publikum bekannt.

76Permalink zu Rn. 76recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_76

Die Zusammenstellung des angegriffene Zeichens weist auf einen Gesamtbegriff hin. Im deutschen Sprachraum sind mit dem aus dem italienischen leicht verständlichen und unschwer zu übersetzenden Wort „Palast“ zusammengesetzte Wörter, wie etwa „Tanzpalast“ oder „Palasthotel“ oder „Tränenpalast“, bekannt und üblich.

77Permalink zu Rn. 77recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_77

In Bezug auf die hier maßgeblichen Dienstleistungen, die alle im weitesten Sinn der Unterhaltung, der Durchführung sportlicher und kultureller Aktivitäten, mit Verpflegung und Beherbergung von Gästen dienen, scheint ein beschreibender Sinngehalt des Bestandteils „Palazzo“ nicht ausgeschlossen.

78Permalink zu Rn. 78recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_78

Insoweit versteht der Verbraucher den Begriff Palast in seiner Bedeutung als repräsentativer Prachtbau durchaus als eine anpreisende Werbung für besonders prunkvolle Veranstaltungsorte oder deren prächtige Ausstattung oder eine glanzvolle, pompöse Darbietung oder das festliche kulinarische Angebot und damit eher beschreibend.

79Permalink zu Rn. 79recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_79

Selbst wenn weiten Teilen der Bevölkerung Leo von Klenze unbekannt sein mag, so bleibt „Palazzo“ jedenfalls kennzeichnungsschwach. Es tritt daher hinter dem weiteren Bestandteil „Klenze“ zurück und ist für den Gesamteindruck der jüngeren Marke von nur nachrangiger Bedeutung.

80Permalink zu Rn. 80recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_80

Angaben bzw. Bestandteilen mit deutlich erkennbaren beschreibenden Bezügen kommt wegen ihrer allenfalls geringen originären Kennzeichnungskraft in der Regel kein prägender Einfluss auf den Gesamteindruck zu.

81Permalink zu Rn. 81recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_81

Dieser Grundsatz erfährt hier keine Einschränkung dadurch, dass auch selbständig nicht schutzfähige Bestandteile zur Prägung eines Gesamteindrucks beitragen können. Dies würde nämlich nur dann gelten, wenn auch in dem weiteren Bestandteil (hier „Klenze“) beschreibende Anklänge vorlägen.

82Permalink zu Rn. 82recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_82

Der angemessen informierte, aufmerksame und verständige Verbraucher wird aber, soweit ihm Leo von Klenze unbekannt sein sollte, in dem Zusatz „Klenze" eine Phantasiebezeichnung sehen, die ihm eine Herkunftsbezeichnung vermittelt. Daran ist er aus entsprechend gebildeten Namen von Sehenswürdigkeiten (Palazzo Medici, Palazzo Ricci, Palazzo Arzaga u. v. a.) gewöhnt.

83Permalink zu Rn. 83recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_83

Das angesprochenen Publikum wird daher den individualisierenden Hinweis für die angebotenen Dienstleistungen nicht in dem übereinstimmenden Bestandteil „Palazzo“, sondern in dem weiteren Teil der Gesamtbezeichnung - hier: „Klenze" - suchen und sehen. Die Art der Zeichenbildung legt nahe, dass es weitere „Palazzo"-Etablissements etc. geben könnte, was auch durch die Recherche der Markenstelle belegt wird.

84Permalink zu Rn. 84recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_84

Entgegen der Annahme der Widersprechenden nimmt der Senat nicht an, dass das Publikum das angegriffene Zeichen in entscheidungserheblichem Umfang auf den Bestandteil „Palazzo“ verkürzen wird.

85Permalink zu Rn. 85recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_85

Zwar neigen die Verbraucher dazu, längere Gesamtkennzeichnungen in einer die Aussprechbarkeit und Merkbarkeit erleichternden Weise zu verkürzen. „Palazzo Klenze“ erscheint allerdings nicht als so lang, dass dies verstärkt zu erwarten wäre.

86Permalink zu Rn. 86recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_86

Eine solche tatsächliche Neigung zur Verkürzung kann mit Rücksicht auf das rechtliche Verbot des Elementenschutzes zudem nicht die Feststellung ersetzen, ob der Gesamteindruck einer Marke durch einen von mehreren Bestandteilen geprägt wird (BGH GRUR 1986, 72, 73 - Tabacco d'Harar; GRUR 2000, 233 - Rausch/Elfi Rauch), was hier zu verneinen ist (s. o.).

87Permalink zu Rn. 87recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_87

Da es, wie von der Markenstelle belegt, zahllose Bezeichnungen mit „Palazzo“ gibt, eignet sich dieses Wort für den Verbraucher weder als Unterscheidungskriterium noch zur Verkürzung.

88Permalink zu Rn. 88recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_88

Der übereinstimmende Teil „Palazzo“ hat auch nicht als isoliertes Zeichen aufgrund seiner tatsächlichen Benutzung eine so erhöhte Kennzeichnungskraft erlangt, dass er als Bestandteil des jüngeren Zeichens als Hinweis auf die Widerspruchsmarke wahrgenommen wird und damit Verwechslungsgefahr begründet (vgl. BGH GRUR 2003, 880 - City Plus).

89Permalink zu Rn. 89recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_89

„Palazzo“ hat entgegen der Ansicht der Beschwerdeführerin auch keine selbständig kennzeichnende Stellung im dem angegriffenen Zeichen. Nicht jede (identische) Übernahme einer älteren Marke in ein jüngeres Kombinationszeichen führt zwangsläufig zur Verwechslungsgefahr. Das wäre der Fall, wenn in der jüngeren Marke lediglich ein älterer Handelsname oder eine ältere bekannte Marke hinzugefügt wird.

90Permalink zu Rn. 90recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_90

Ein solcher Fall liegt hier nicht vor.

dd)

91Permalink zu Rn. 91recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_91

Es besteht auch nicht die Gefahr, dass die Vergleichsmarken im Sinn von § 9 Abs. 1 Nr. 2, 2. Halbs. MarkenG gedanklich miteinander in Verbindung gebracht werden. Diese Art von Verwechslungsgefahr setzt voraus, dass der Verbraucher die Unterschiede beider Marken zwar wahrnimmt, auf Grund von Gemeinsamkeiten in der Zeichenbildung jedoch Anlass hat, die angegriffene Marke (irrtümlich) der Inhaberin der Widerspruchsmarke zuzuordnen oder auf sonstige wirtschaftliche oder organisatorische Verbindungen zwischen den Markeninhabern, vor allem im Sinn einer gemeinsamen Verantwortung für das Warenangebot zu schließen (EuGH GRUR 2005, 1042 - Thomson Life; BGHZ 167, 322 - Malteserkreuz).

92Permalink zu Rn. 92recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_92

Es ist nicht ersichtlich, dass die Widersprechende hier bereits mit einer Serie von Marken aufgetreten ist, die das in den Vergleichsmarken übereinstimmende Element als Stammbestandteil neben mit „Klenze“ vergleichbaren weiteren Worten enthalten. Insoweit ist eine weitere Wort- / Bildmarke „Palazzo“ allein nicht ausreichend, eine Serie zu begründen.

93Permalink zu Rn. 93recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_93

Ohne gesteigerte Kennzeichnungskraft des älteren Zeichens infolge tatsächlicher Benutzung wirkt „Klenze“ in der jüngeren Zeichenkombination auch sonst nicht als Hinweis auf den älteren Markeninhaber, zumal sich der übereinstimmende Bestandteil „Palazzo“ in die jüngere Gesamtkombination integriert (BPatG, Beschluss vom 16. Mai 2007, Az: 32 W (pat) 29/05 - Deutschland heute / Heute); „Palazzo Klenze“ erscheint zusammengehörig (BPatG GRUR 2003, 530, 533 - Waldschlößchen).

94Permalink zu Rn. 94recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_94

Insgesamt besteht deshalb kein Ähnlichkeitsgrad der Marken, der trotz Identität der Dienstleistungen, aber unterdurchschnittlicher Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke sowie Berücksichtigung allgemeiner Verbraucherkreise eine Verwechslungsgefahr befürchten ließe.

3.

95Permalink zu Rn. 95recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_95

Zu einer Kostenauferlegung aus Billigkeit besteht kein Anlass (§ 71 Abs. 1 MarkenG).

96Permalink zu Rn. 96recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_96

Dass die Widersprechende ihren Widerspruch in der Beschwerde unzulässigerweise erstmals auch auf die Wort- / Bildmarke „Palazzo“ 30717074 gestützt hat, führt zu keinen zusätzlichen Kosten für die Inhaberin des angegriffenen Zeichens.

4.

97Permalink zu Rn. 97recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_97

Die Rechtsbeschwerde war nicht zuzulassen.

98Permalink zu Rn. 98recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2011-03-29/27-w-pat-571-10#rd_98

Der Senat hat nicht über eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung, sondern auf der Grundlage der einschlägigen Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesgerichtshofs über einen Einzelfall entschieden. Die Zulassung der Rechtsbeschwerde ist auch nicht zur Rechtsfortbildung oder zur Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung erforderlich, weil diese Entscheidung nicht von denen anderer Senate des Bundespatentgerichts oder anderer nationaler Gerichte abweicht. Es handelt sich um eine Einzelfallentscheidung, die der Senat anhand der tatsächlichen Gegebenheiten getroffen hat.