Rechtsprechung / LG Dortmund / 2007

LG Dortmund Beschluss vom 12.02.2007 – 14 Gen. Str. K 12/06

ECLI:DE:LGDO:2007:0212.14GEN.STR.K12.06.01

ZivilrechtNordrhein-WestfalenVolltext

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Tenor§

In der Schöffensache

der U, geboren am ##.##.####,

wohnhaft F-str. ##, ###### E,

wird die Schöffin U von der Hilfsschöffenliste gestrichen.

Gründe§

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Frau U ist gemäß § 52 Abs. 1 Nr. 1 GVG von der Hilfsschöffenliste zu streichen,

3

da im Rahmen ihrer Anhörung am 29.1.2007 ihre Unfähigkeit zum Amt eines Schöffen bekannt geworden ist.

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Diese Unfähigkeit ergibt sich nicht aus §§ 31 S.2, 32 GVG, sondern aus einem sonstigen Grund im Sinne des § 52 Abs.3 GVG.

5Permalink zu Rn. 5recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_1

Die Schöffin ist nicht in der Lage, entsprechend dem von ihr gemäß § 45 Abs.3 DriG geleisteten Eid ihre Pflichten als ehrenamtliche Richterin getreu dem Grundgesetz zu erfüllen und ohne Ansehen der Person zu urteilen. Insbesondere ist sie entgegen Art. 3 Grundgesetz nicht in der Lage, Männer und Frauen gleich zu behandeln und Frauen nicht wegen ihres Geschlechtes zu benachteiligen.

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Frau U ist nach ihren Angaben bei der Anhörung gläubige Muslime. Sie vertritt

7Permalink zu Rn. 7recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_2

die Überzeugung, dass zwischen Personen weiblichen und männlichen Geschlechts wesentliche Unterschiede bestehen, da eine Frau "etwas ganz anderes" sei als ein Mann und auch "ganz anders angesehen" werde.

8Permalink zu Rn. 8recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_3

Dies gilt zur Überzeugung der Schöffin auch für die Seele von Mann und Frau, da der Mann "aus etwas ganz anderem erschaffen" werde, so die Worte der Schöffin.

9Permalink zu Rn. 9recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_4

Nach ihrer Überzeugung, die sich aus der von ihr vertretenen Glaubensrichtung ergibt, "spiele der Teufel viel mit dem Gewissen einer Frau, so dass eine Frau grundsätzlich zwei glaubwürdige Personen bei sich haben solle, die bestätigen sollten, was die Frau sage, damit dies glaubhaft und die Frau glaubwürdig sei."

10Permalink zu Rn. 10recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_5

Da die Schöffin diese Überzeugung vertritt, kann sie das Gleichheitsgebot des Art. 3 Grundgesetz nicht einhalten und nicht ohne Ansehen der Person entscheiden, wie das Gesetz es von einem ehrenamtlichen Richter verlangt.

11Permalink zu Rn. 11recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_6

Die Schöffin U hat zwar im Rahmen ihrer persönlichen Anhörung bekräftigt, dass sie bei der Ausübung des Schöffenamts die von ihr aufgrund ihrer religiösen Überzeugung vertretenen Prinzipien zurückstellen und entsprechend dem von ihr geleisteten Schöffeneid allein nach dem deutschen Gesetz, das eine Gleichbehandlung von Mann und Frau vorschreibt, urteilen könne und werde.

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Nach Auffassung der Kammer ist dies jedoch nicht gewährleistet.

13Permalink zu Rn. 13recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_7

Die Schöffin ist nach ihren persönlichen Angaben aus eigener Initiative und Überzeugung bereits seit ihrer Kindheit dem islamischen Glauben (im engeren Sinne der hanafitischen Rechtslehre), der die von der Schöffin verinnerlichten Prinzipien zum Unterschied zwischen Mann und Frau lehrt, eng verbunden. Aufgrund ihrer religiösen Überzeugung vermag die Schöffin U auch auf das Tragen eines Kopftuchs, das nach ihren Angaben für sie Teil ihrer Religion ist, nicht für die Dauer der Ausübung ihres Schöffenamts zu verzichten.

14Permalink zu Rn. 14recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-dortmund/2007-02-12/14-gen-str-k-12-06#rd_8

Wenn sich die Schöffin aber nicht einmal für die Dauer der Hauptverhandlung von dem Kopftuch als äußerem Zeichen ihrer Religion trennen kann, so ist nicht zu erwarten, dass sie ihre innere religiöse Überzeugung von der Unterschiedlichkeit von Mann und Frau und zur unterschiedlichen Beurteilung deren Glaubwürdigkeit bei der Urteilsfindung zu überwinden vermag.