Rechtsprechung / OLG Köln / 2008

OLG Köln Beschluss vom 22.12.2008 – 82 Ss-OWI 93/08

ECLI:DE:OLGK:2008:1222.82SS.OWI93.08.00

StrafrechtNordrhein-WestfalenStrafrecht Nordrhein-WestfalenVolltext

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Tenor§

I. Die Rechtsbeschwerde wird zugelassen.

II. Das angefochtene Urteil wird aufgehoben. Die Sache wird zur neuen Verhandlung und Entscheidung - auch über die Kosten der Rechtsbeschwerde - an das Amtsgerichts Bergheim zurückverwiesen.

Gründe§

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I.

3Permalink zu Rn. 3recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_1

Die Verwaltungsbehörde hat gegen den Betroffenen wegen Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit außerorts eine Geldbuße von 40,00 € festgesetzt. Den Einspruch des Betroffenen hat das Amtsgericht am 03.09.2008 durch Urteil gemäß § 74 Abs. 2 OWiG verworfen. Zur Begründung hat es ausgeführt:

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"Der Betroffene bzw. sein Verteidiger sind dem heutigen Termin zur Hauptverhandlung ohne genügende Entschuldigung ausgeblieben."

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Der Einspruchsverwerfung ist u.a. folgender Verfahrensgang vorausgegangen:

6Permalink zu Rn. 6recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_2

Mit Schriftsatz vom 24.07.2008 beantragte der Verteidiger, den Betroffenen von seiner Anwesenheitspflicht in der Hauptverhandlung zu entbinden. Dazu führte er u.a. aus:

7Permalink zu Rn. 7recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_3

"In der Hauptverhandlung wird sich der Betroffene nicht zur Sache äußern und seine Anwesenheit zur Aufklärung wesentlicher Gesichtspunkte des Sachverhalts ist nicht erforderlich. … Die Fahrereigenschaft wird eingeräumt."

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Diesem Antrag gab das Amtsgericht mit Beschluss vom 25.07.2008 statt.

9Permalink zu Rn. 9recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_4

Mit der Zulassungsrechtsbeschwerde wird die Verletzung formellen und materiellen Rechts gerügt. Zur Verfahrensrüge heißt es in der Begründungsschrift:

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"Verfahrensrüge der unzulässigen Verwerfung des Einspruchs

11Permalink zu Rn. 11recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_5

Tatsache ist, dass der Verteidiger des Betroffenen am 24.07.2008 einen Antrag auf Ent- bindung des persönlichen Erscheinens des Betroffene in der Hauptverhandlung gem. § 73 Abs. 2 OWiG gestellt hat. Dieser Entbindungsantrag hatte folgenden Inhalt: … .

12Permalink zu Rn. 12recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_6

Diesem Entbindungsantrag hatte das Gericht auch stattgegeben. Demzufolge hätte das Ge- richt verhandeln müssen und den Einspruch nicht verwerfen dürfen."

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II.

14Permalink zu Rn. 14recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_7

Die Rechtsbeschwerde ist zuzulassen, weil es geboten ist, das angefochtene Urteil wegen Versagung des rechtlichen Gehörs aufzuheben ( § 80 Abs. 1 Nr. 2 OWiG).

15Permalink zu Rn. 15recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_8

Eine Versagung des rechtlichen Gehörs ist mit einer den Anforderungen des § 344 Abs. 2 S. 2 StPO genügenden Verfahrensrüge geltend zu machen (ständige Senatsrechtsprechung; vgl. nur SenE 04.02.1999 - Ss 45/99 Z - = NZV 1999, 264 = VRS 96, 451; SenE v. 15.04.1999 - Ss 144/99 Z - = VRS 97, 187 = NZV 1999, 436; SenE v. 08.01.2001 - Ss 545/00 Z - = DAR 2001, 179 = VRS 100, 189; SenE v. 11.01.2001 - Ss 532/00 Z - = VRS 100, 204).

16Permalink zu Rn. 16recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_9

Hier hat der Beschwerdeführer die Verletzung rechtlichen Gehörs nicht ausdrücklich gerügt. Gleichwohl ist der Antragsbegründung eine entsprechende Angriffsrichtung zu entnehmen.

17Permalink zu Rn. 17recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_10

Weil eine Geldbuße von nicht mehr als 100 Euro festgesetzt worden ist, kann die Rechtsbeschwerde, was die Verletzung formellen Rechts anbelangt, nur unter dem Gesichtspunkt der Versagung rechtlichen Gehörs zur Zulassung führen (§ 80 Abs. 1 und 2 OWiG). Kann aber überhaupt nur eine Verfahrensrüge zum Erfolg führen und erfüllt – wie hier - das Vorbringen die Anforderungen an diese Rüge, dann ist es unschädlich, wenn diese Rüge nicht ausdrücklich bezeichnet worden ist (vgl. zur Notwendigkeit, die Angriffsrichtung deutlich zu machen, wenn nach den vorgetragenen Tatsachen mehrere Verfahrensmängel in Betracht kommen: BGH NStZ 1998, 636; NStZ 1999, 94-95).

18Permalink zu Rn. 18recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_11

Die dem Rechtsbeschwerdevorbringen danach zu entnehmende Rüge der Versagung rechtlichen Gehörs ist zulässig erhoben und führt zu dem aus der Beschlussformel ersichtlichen Erfolg.

19Permalink zu Rn. 19recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_12

Das Amtsgericht durfte den Einspruch des Betroffenen nicht nach § 74 Abs. 2 OWiG verwerfen, nachdem es den Betroffenen zuvor durch Beschluss vom 25.07.2008 von der Verpflichtung zum persönlichen Erscheinen entbunden hatte. Es hätte vielmehr nach § 74 Abs. 1 Satz 1 und 2 OWiG verfahren müssen.

20Permalink zu Rn. 20recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_13

Eine Verletzung des Anspruchs auf rechtliches Gehör nach Artikel 103 Abs. 1 GG liegt unter anderem dann vor, wenn der Tatrichter den Antrag des Betroffenen auf Entbindung von der Pflicht zum persönlichen Erscheinen in der Hauptverhandlung ablehnt, ohne hierfür nachvollziehbare Gründe darzulegen (ständige Senatsrecht

21Permalink zu Rn. 21recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_14

sprechung, vgl. nur SenE v. 22.05.2003  Ss 169/03 Z  = VRS 105, 207 m.w.N.). Dieser Verfahrenslage gleich zu behandeln ist die vorliegende Fallgestaltung, dass dem Entpflichtungsantrag zwar stattgegeben wird, gleichwohl aber der Einspruch gegen den Bußgeldbescheid wegen unentschuldigten Ausbleibens verworfen wird.

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Darüber hinaus ist der Anspruch des Betroffenen auf rechtliches Gehör aber auch aus einem weiteren Grund verletzt.

23Permalink zu Rn. 23recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_15

In Folge der rechtsfehlerhaften Einspruchsverwerfung wegen vermeintlicher Säumnis des Betroffenen ist die Einlassung des Betroffenen – das bloße Einräumen der Fahrereigenschaft und das fehlende Geständnis, die zulässige Höchstgeschwindigkeit wie vorgeworfen überschritten zu haben - nicht berücksichtigt worden. Auch damit hat das Amtsgericht seine Verpflichtung zur Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt (vgl. SenE v. 30.01.2007 – 83 Ss-OWi 9/07).

24Permalink zu Rn. 24recht.nulegal.eu/rechtsprechung/olg-koeln/2008-12-22/82-ss-owi-93-08#rd_16

Auf die zugelassene Rechtsbeschwerde ist das angefochtene Urteil daher aufzuheben und die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an das Amtsgericht zurückzuverweisen.