Rechtsprechung / BGH / 10. Zivilsenat / 2024

BGH Urteil vom 05.11.2024 – X ZR 10/24

10. Zivilsenat · ECLI:DE:BGH:2024:051124UXZR10.24.0

ZivilrechtBundVolltext

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Leitsatz

1. Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO findet bei einer aus mehreren Flügen bestehenden Beförderung nur auf diejenigen Flüge Anwendung, auf denen der Fluggast in eine niedrigere Klasse verlegt worden ist, nicht hingegen auf andere Flüge, zu denen der Flugschein den Fluggast ebenfalls berechtigt (Anschluss an EuGH, Urteil vom 22. Juni 2016 - C-255/15, NJW 2016, 2635 = RRa 2016, 180 Rn. 22-27 - Mennens). 2. Schuldner eines Anspruchs aus Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO ist nur dasjenige Luftfahrtunternehmen, das den von der Herabstufung betroffenen Flug durchführt.

Tenor§

Die Revision gegen das Urteil der 1. Zivilkammer des Landgerichts Landshut vom 17. Januar 2024 wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.

Von Rechts wegen

Tatbestand§

1Permalink zu Rn. 1recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_1

Der Kläger nimmt die Beklagte auf Erstattung wegen einer Herabstufung nach Art. 10 FluggastrechteVO in Anspruch.

2Permalink zu Rn. 2recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_2

Der Kläger buchte bei der D. L. Flüge von München über Warschau, Frankfurt und Newark nach Orlando und von Orlando über Chicago, Zürich und Warschau nach München.

3Permalink zu Rn. 3recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_3

Der Flug von Orlando nach Chicago sollte von U. ausgeführt werden, der Flug von Chicago nach Zürich von der Beklagten. Für beide Flüge war der Kläger in der First Class gebucht.

4Permalink zu Rn. 4recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_4

Wegen Verspätung des vorgesehenen Flugs von Orlando nach Chicago nahm U. eine Umbuchung vor und beförderte den Kläger von Orlando über Newark nach Zürich. Auf der Teilstrecke von Orlando nach Newark wurde der Kläger in der Economy Class befördert, auf der Teilstrecke von Newark nach Zürich in der Business Class. Der ursprünglich gebuchte Flug von Chicago nach Zürich fand planmäßig statt.

5Permalink zu Rn. 5recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_5

Das Amtsgericht hat die auf Zahlung von 1.117,65 Euro gerichtete Klage abgewiesen. Die Berufung des Klägers blieb ohne Erfolg.

6Permalink zu Rn. 6recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_6

Mit seiner vom Berufungsgericht zugelassenen Revision verfolgt der Kläger seinen Anspruch weiter. Die Beklagte tritt dem Rechtsmittel entgegen.

Entscheidungsgründe§

7Permalink zu Rn. 7recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_7

Die zulässige Revision ist unbegründet.

8Permalink zu Rn. 8recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_8

I. Das Berufungsgericht hat seine Entscheidung im Wesentlichen wie folgt begründet:

9Permalink zu Rn. 9recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_9

Die Beklagte sei nicht passivlegitimiert, weil sie nicht ausführendes Luftfahrtunternehmen auf der Teilstrecke gewesen sei, auf der der Kläger in einer niedrigeren Beförderungsklasse befördert worden sei. Nach Art. 10 FluggastrechteVO sei bei einem Mehrstreckenflug auf die jeweilige Teilstrecke abzustellen. Anderenfalls käme es zu einer Überkompensation, wenn es nur bei einem Teil des Mehrstreckenflugs zu einer Herabstufung komme, die Erstattung aber auf den gesamten Flugpreis bezogen würde. Angesichts dessen sei es nur logisch, auch nur dasjenige Luftfahrtunternehmen als passivlegitimiert anzusehen, das die jeweils betroffene Teilstrecke ausführe.

10Permalink zu Rn. 10recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_10

II. Diese Beurteilung hält der rechtlichen Überprüfung stand.

11Permalink zu Rn. 11recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_11

Das Berufungsgericht hat die Beklagte zu Recht als nicht passivlegitimiert angesehen.

12Permalink zu Rn. 12recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_12

1. Nach Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO hat ein ausführendes Luftfahrtunternehmen einen bestimmten Prozentsatz des Preises des Flugscheins zu ersetzen, wenn es einen Fluggast in eine niedrigere Klasse verlegt als diejenige, für die der Flugschein erworben wurde.

13Permalink zu Rn. 13recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_13

Nach der vom Berufungsgericht zitierten Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union findet Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO bei einer aus mehreren Flügen bestehenden Beförderung nur auf diejenigen Flüge Anwendung, auf denen der Fluggast in eine niedrigere Klasse verlegt worden ist, nicht hingegen auf andere Flüge, zu denen der Flugschein den Fluggast ebenfalls berechtigt. Die nach Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO auszugleichende Unannehmlichkeit besteht nämlich darin, dass dem Fluggast nicht der Komfort geboten wird, der der auf seinem Flugschein angegebenen Klasse entspricht. Maßgeblich hierfür ist jeweils ein bestimmter Flug, nicht hingegen die Beförderung des Fluggasts insgesamt (EuGH, Urteil vom 22. Juni 2016 - C-255/15, NJW 2016, 2635 = RRa 2016, 180 Rn. 22-27 - Mennens).

14Permalink zu Rn. 14recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_14

2. Hieraus hat das Berufungsgericht zu Recht die Schlussfolgerung gezogen, dass Schuldner eines Anspruchs aus Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO nur dasjenige Luftfahrtunternehmen ist, das den von der Herabstufung betroffenen Flug durchführt.

15Permalink zu Rn. 15recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_15

a) Nach Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO ist ein ausführendes Luftfahrtunternehmen zur teilweisen Erstattung des Preises verpflichtet, wenn es einen Fluggast in eine niedrigere Klasse verlegt.

16Permalink zu Rn. 16recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_16

Da die Frage, ob ein solcher Anspruch gegeben ist, nach der aufgezeigten Rechtsprechung des Gerichtshofs für jede Teilstrecke gesondert zu beurteilen ist, kommt als Schuldner nur das ausführende Luftfahrtunternehmen für die jeweilige Teilstrecke in Betracht.

17Permalink zu Rn. 17recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_17

b) Entgegen der Auffassung der Revision ergibt sich aus der Rechtsprechung des Gerichtshofs zu Ausgleichsansprüchen nach Art. 5 Abs. 1 und Art. 7 FluggastrechteVO im Falle einer einheitlichen Buchung keine abweichende Beurteilung.

18Permalink zu Rn. 18recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_18

Nach der ständigen Rechtsprechung des Gerichtshofs stellt im Zusammenhang mit Ausgleichsansprüchen wegen Annullierung oder Verspätung ein Flug mit einmaligem oder mehrmaligem Umsteigen, der Gegenstand einer einzigen Buchung war, eine Gesamtheit dar, so dass die Anwendbarkeit der Verordnung unter Berücksichtigung des ersten Abflugorts und des Endziels des Flugs zu beurteilen ist (EuGH, Urteil vom 11. Juli 2019 - C-502/18, NJW 2019, 2595 = RRa 2019, 222 Rn. 16 - Ceské aerolinie; Beschluss vom 12. November 2020 - C-367/20, RRa 2021, 125 Rn. 19 - KLM; ebenso BGH, Urteil vom 12. April 2022 - X ZR 101/20, NJW-RR 2022, 1216 Rn. 11 ff.).

19Permalink zu Rn. 19recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_19

Wie der Gerichtshof in den zitierten Entscheidungen ausdrücklich ausgeführt hat, gilt dies jedoch nur für die Zwecke des Ausgleichsanspruchs nach Art. 7 FluggastrechteVO. Im Zusammenhang mit Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO sind die einzelnen Teilstrecken hingegen auch im Falle einer einheitlichen Buchung jeweils gesondert zu betrachten.

20Permalink zu Rn. 20recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_20

Dies ist konsequent, weil für einen Ausgleichsanspruch nach Art. 5 Abs. 1 und Art. 7 FluggastrechteVO die Verspätung am Endziel von entscheidender Bedeutung ist, während Art. 10 Abs. 2 FluggastrechteVO nur den Ausgleich von Unannehmlichkeiten auf den jeweils betroffenen Teilstrecken vorsieht.

21Permalink zu Rn. 21recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_21

3. Im Streitfall hat das Berufungsgericht die Passivlegitimation der Beklagten danach zutreffend verneint, weil die Beklagte die Flüge, für die der Kläger in eine niedrigere Klasse verlegt worden ist, nicht ausgeführt hat.

22Permalink zu Rn. 22recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_22

III. Eine Vorabentscheidung des Gerichtshofs der Europäischen Union ist nicht veranlasst.

23Permalink zu Rn. 23recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_23

Wie oben im Einzelnen dargelegt wurde, hat der Gerichtshof die für die Entscheidung des Streitfalls erheblichen Fragen bereits entschieden.

24Permalink zu Rn. 24recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2024-11-05/x-zr-10-24#rd_24

IV. Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO.

Bacher Deichfuß Marx

Crummenerl von Pückler