Rechtsprechung / BPatG / 29. Senat / 2016

BPatG Beschluss vom 28.07.2016 – 29 W (pat) 504/15

29. Senat

Gewerblicher RechtsschutzBundVolltext

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Tenor§

In der Beschwerdesache

betreffend die Marke 30 2011 023 362

(hier: Kostenentscheidung)

hat der 29. Senat (Marken-Beschwerdesenat) des Bundespatentgerichts am 28. Juli 2016 unter Mitwirkung der Vorsitzenden Richterin Dr. Mittenberger-Huber, der Richterin Akintche und des Richters am Landgericht Dr. von Hartz

beschlossen:

Der Kostenantrag der Beschwerdegegnerin wird zurückgewiesen.

Gründe§

I.

1Permalink zu Rn. 1recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_1

Gegen die Eintragung der Wort-/Bildmarke (Nr. 30 2011 023 362) hat die Widersprechende und Beschwerdeführerin aus ihren Wortmarken VITAL (Nr. 396 09 251) und VITAL regional (Nr. 30 2009 023 416) jeweils unbeschränkt Widerspruch erhoben.

2Permalink zu Rn. 2recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_2

Die Markenstelle für Klasse 35 des DPMA hat mit Beschluss vom 25. November 2014 die beiden Widersprüche wegen fehlender Verwechslungsgefahr zurückgewiesen.

3Permalink zu Rn. 3recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_3

Die Widersprechende hat dagegen in beschränktem Umfang Beschwerde erhoben. Mit Schriftsatz vom 10. Mai 2016 hat sie mitgeteilt, dass sie die Widersprüche gegenüber dem DPMA mit Telefax vom gleichen Tag zurückgenommen hat.

4Permalink zu Rn. 4recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_4

Nachdem der erkennende Senat auf entsprechenden Antrag der Verfahrensbevollmächtigten der Beschwerdegegnerin vom 23. Mai 2016 den Gegenstandswert mit Beschluss vom 22. Juni 2016 auf … Euro festgesetzt hat, hat die Beschwerdegegnerin mit Schriftsatz vom 4. Juli 2016 ferner beantragt,

5Permalink zu Rn. 5recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_5

der Widersprechenden und Beschwerdeführerin die Kosten des Beschwerdeverfahrens aufzuerlegen.

6Permalink zu Rn. 6recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_6

Die Markenstelle habe in dem angefochtenen Beschluss vom 25. November 2014 zutreffend festgestellt, dass das angegriffene Zeichen durch seine grafische und farbige Ausgestaltung und den weiteren Wortbestandteilen in der Gesamtheit sehr deutlich von den Widerspruchsmarken abweiche, so dass eine Verwechslungsgefahr auszuschließen sei. Bei dieser Sach- und Rechtslage sei die Beschwerde auf den ersten Blick aufsichtslos gewesen, so dass der Beschwerdeführerin die Kosten aufzuerlegen seien.

7Permalink zu Rn. 7recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_7

Die Beschwerdeführerin beantragt sinngemäß,

8Permalink zu Rn. 8recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_8

den Kostenantrag der Beschwerdegegnerin zurückzuweisen.

9Permalink zu Rn. 9recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_9

Sie ist der Auffassung, dass eine Kostenauferlegung aus Billigkeitsgründen eindeutig ausscheide. Allein aus der Zurückweisung der Widersprüche durch das DPMA könne eine Aussichtslosigkeit der Beschwerde nicht hergeleitet werden. Vielmehr sei die Entscheidung der Markenstelle widersprüchlich und offensichtlich rechtsfehlerhaft. In einem vergleichbaren Fall habe der 30. Senat des Bundespatentgerichts in seinem Beschluss vom 4. Februar 2016 der Widerspruchsmarke „VITAL“ aufgrund umfangreicher Benutzung die erforderliche Kennzeichnungkraft zugesprochen und zutreffend festgestellt, dass eine Verwechslungsgefahr mit der dort streitgegenständlichen Wort-/Bildmarke vorliege. Die Markenstelle sei dagegen im vorliegenden Fall nur aufgrund eines rechtsfehlerhaft reduzierten Schutzbereichs der Widerspruchsmarke zu einer Verneinung der Verwechslungsgefahr gekommen. Tatsächlich seien die sich gegenüberstehenden Marken hochgradig ähnlich, weil der kennzeichnungsstarke Bestandteil der beiden älteren Zeichen „VITAL“ in die jüngere Marke am Zeichenbeginn übernommen worden sei und dieser wegen der Kennzeichnungsschwäche der übrigen Bestandteile das Zeichen auch dominiere. Vor diesem Hintergrund sei die Beschwerde weder unzulässig noch aussichtslos gewesen.

10Permalink zu Rn. 10recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_10

Wegen weiterer Einzelheiten wird auf den Akteninhalt Bezug genommen.

II.

11Permalink zu Rn. 11recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_11

Der Antrag der Beschwerdegegnerin, der Beschwerdeführerin und Widersprechenden die Kosten des Beschwerdeverfahrens aufzuerlegen, ist auch nach der Rücknahme der beiden Widersprüche zulässig (§ 71 Abs. 4 MarkenG). In der Sache ist er jedoch unbegründet.

12Permalink zu Rn. 12recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_12

1. Auszugehen ist von dem Grundsatz, dass jeder Verfahrensbeteiligte seine Kosten selbst trägt, § 71 Abs. 1 Satz 2 MarkenG. Eine Abweichung von diesem Grundsatz kommt nach § 71 Abs. 1 Satz 1 MarkenG nur dann in Betracht, wenn dies der Billigkeit entspricht. Das Gesetz knüpft damit die Kostenerstattung nicht generell an den Ausgang des Verfahrens an, sondern sieht eine solche nur in den Fällen vor, in denen die Anwendung des Grundsatzes der eigenen Kostentragung wegen besonderer Umstände unbillig erscheint. Solche besonderen Umstände sind insbesondere dann gegeben, wenn ein Verhalten vorliegt, das mit der prozessualen Sorgfalt nicht zu vereinbaren ist. Davon ist zum Beispiel auszugehen, wenn ein Verfahrensbeteiligter in einer nach anerkannten Beurteilungsgesichtspunkten aussichtslosen oder zumindest kaum Aussicht auf Erfolg versprechenden Situation sein Interesse an dem Erhalt oder Erlöschen des Markenschutzes durchzusetzen versucht und dadurch dem Verfahrensgegner vermeidbare Kosten aufbürdet (vgl. BGH GRUR 1972, 600 – Lewapur; BPatG, Beschluss vom 17.12.2013, 27 W (pat) 40/12; Knoll in Ströbele/Hacker, MarkenG, 11. Aufl., § 71 Rn. 12; Ingerl/ Rohnke, Markengesetz, 3. Aufl., § 71 Rn. 17).

13Permalink zu Rn. 13recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_13

Dabei ist stets ein strenger Maßstab anzulegen, der dem Umstand Rechnung trägt, dass die Kostentragung aus Billigkeitsgründen nur ausnahmsweise bei einem sorgfaltswidrigen Verhalten in Betracht kommt. Demnach ist auch der Verfahrensausgang in der Hauptsache für sich genommen kein Grund, einem Beteiligten Kosten aufzuerlegen (BGH, a. a. O. – Lewapur). Gleiches gilt für die Rücknahme eines Widerspruchs, Löschungsantrags oder der Beschwerde (BPatG Mitt. 2003, 221 – Rücknahme des Löschungsantrages). Denn es entspricht dem Recht auf gerichtliche Kontrolle (Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG), auch bislang anerkannte Rechtsprechungsgrundsätze einer (erneuten) gerichtlichen Überprüfung zu unterziehen. Selbst eine einheitliche entgegenstehende Entscheidungspraxis reicht dann nicht aus, Kosten wegen des Betreibens aussichtsloser Verfahren aufzuerlegen (BPatG 27 W (pat) 74/14 - BLÄTTERPDF; Mitt. 2010, 529 - Igel plus).

14Permalink zu Rn. 14recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_14

2. Besondere Umstände, die ein Abweichen von der als Regelfall vorgesehenen eigenen Kostentragung nach § 71 Abs. 1 Satz 2 MarkenG rechtfertigen würden, liegen hier nicht vor.

15Permalink zu Rn. 15recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_15

Die Rücknahme der Widersprüche rechtfertigt - wie dargelegt - für sich gesehen keine Kostenauferlegung, was bereits aus der Vorschrift des § 71 Abs. 4 MarkenG folgt.

16Permalink zu Rn. 16recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_16

Ferner lässt sich auch nicht feststellen, dass die Widersprechende und Beschwerdeführerin trotz erkennbarer Aussichtslosigkeit versucht hat, ihr Interesse an der Löschung der jüngeren Marke durchzusetzen.

17Permalink zu Rn. 17recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_17

Soweit allerdings die Beschwerdeführerin in diesem Zusammenhang auf eine Entscheidung des 30. Senats in Sachen 30 W (pat) 561/13 in einem vermeintlich vergleichbaren Fall verweist, ist anzumerken, dass diese einzelfallbezogene, die Verwechslungsgefahr (ohnehin nur teilweise) bejahende Entscheidung sich keinesfalls ohne weiteres auf den vorliegenden Fall übertragen lässt. Gleichwohl ist - worauf die Beschwerdeführerin zutreffend hinweist - eine Verwechslungsgefahr im Streitfall aber nicht von vornherein als völlig ausgeschlossen zu erachten.

18Permalink zu Rn. 18recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_18

Die Widersprechende hat auf die bezüglich der Widerspruchsmarke 396 09 251 zulässig erhobene Nichtbenutzungseinrede Benutzungsunterlagen vorgelegt, die sich jeweils gegenüberstehenden verfahrensgegenständlichen Dienstleistungen sind jedenfalls teilweise ähnlich und alle zu vergleichenden Marken enthalten den Wortbestandteil „Vital“. Die angegriffene Marke in ihrer Gesamtheit mag sich - wie die Markenstelle ausführt - deutlich von den Widerspruchsmarken unterscheiden, maßgeblich für die Beurteilung der Markenähnlichkeit ist jedoch der Gesamteindruck der jeweiligen Vergleichsmarken. Die Bejahung einer Verwechslungsgefahr hängt vorliegend von der Bewertung der Glaubhaftmachungsunterlagen und dem Grad der Kennzeichnungskraft der Widerspruchsmarke bzw. des Bestandteils „VITAL“ ab sowie von der im Einzelfall zu beantwortenden Frage, ob dieser Bestandteil den Gesamteindruck der angegriffenen Marke zu prägen vermag oder ob gegebenenfalls eine gesamtbegriffliche Einheit einer solchen Prägung entgegensteht. Weder war im Streitfall von einer ersichtlich fehlenden Marken- oder Dienstleistungsähnlichkeit noch von einem nicht ernsthaften Glaubhaftmachungsversuch einer rechtserhaltenden Benutzung auszugehen.

19Permalink zu Rn. 19recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bpatg/2016-07-28/29-w-pat-504-15#rd_19

Ein Ausnahmefall, der es rechtfertigen würde, vom Grundsatz der eigenen Kostentragung abzuweichen, liegt daher nicht vor. Der Kostenantrag der Beschwerdegegnerin musste daher erfolglos bleiben.