{"status":"available","ecli":null,"court":"Verwaltungsgericht Bremen","senate":null,"decided":"2023-02-27","aktenzeichen":"1 E 1083/22","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"Verwaltungsgericht der Freien Hansestadt Bremen \n1 E 1083/22 \n \nBeschluss \nIn der Verwaltungsrechtssache \ndes\n \n \n– Kläger und Erinnerungsgegner – \nProzessbevollmächtigte: \n \n \ng e g e n \ndie Bundesrepublik Deutschland, vertr. d. d. Bundesministerin des Innern und Heimat, \ndiese vertreten durch den Präsidenten des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, \nFrankenstraße 210, 90461 Nürnberg, - \n \n– Beklagte und Erinnerungsführerin – \nhat das Verwaltungsgericht der Freien Hansestadt Bremen - 1. Kammer - durch den \nVorsitzenden Richter am Verwaltungsgericht Dr. Bauer als Einzelrichter am 27. Februar \n2023 beschlossen: \nDer \nAntrag \nauf \nEntscheidung \ndes \nGerichts \ngegen \nden \nKostenfestsetzungsbeschluss \nder \nUrkundsbeamtin \nder \nGeschäftsstelle vom 23.6.2022 wird zurückgewiesen. \nDie \naußergerichtlichen \nKosten \ndes \nVerfahrens \nträgt \ndie \nErinnerungsführerin. Gerichtskosten werden nicht erhoben. \n \nGründe \nÜber den Antrag auf Entscheidung des Gerichts (Erinnerung), entscheidet der \nEinzelrichter, \nweil \ner \nauch \ndie \nder \nKostenfestsetzung \nzugrundeliegende \n\n2 \n \n \nKostenentscheidung getroffen hat (vgl. Kopp/Schenke, VwGO-Kommentar, 26. Auflage \n2020, § 165 Rn. 3). \n \nDer gemäß §§ 165, 151 VwGO statthafte und auch im Übrigen zulässige Antrag ist \nunbegründet. \nDie \nUrkundsbeamtin \nder \nGeschäftsstelle \nhat \nin \ndem \nKostenfestsetzungsbeschluss zu Recht eine Terminsgebühr gemäß § 2 Abs. 2 Satz 1 RVG \ni.V.m. Ziffer 3104 der Anlage 1 zu § 2 Abs. 2 RVG (VV RVG) festgesetzt. \n \nGemäß Ziffer 3104 Abs. 1 Nr. 2 VV RVG entsteht die Terminsgebühr, wenn nach § 84 Abs. \n1 Satz 1 VwGO durch Gerichtsbescheid entschieden wird und eine mündliche Verhandlung \nbeantragt werden kann (sog. fiktive Terminsgebühr). Diese Voraussetzungen sind hier \nerfüllt. Der Einzelrichter hat über die Klage mit Gerichtsbescheid entschieden. Gegen den \nGerichtsbescheid konnte gemäß § 84 Abs. 2 Nr. 2 VwGO neben der Zulassung der \nBerufung auch mündliche Verhandlung beantragt werden. \n \nIn Abkehr von seiner bisherigen Rechtsprechung (B. v. 25.03.2022 – 1 E 192/22, juris) \nsieht der Einzelrichter angesichts des klaren Wortlauts der Norm keine Veranlassung, die \nGebühr vom Vorliegen weiterer Voraussetzungen abhängig zu machen. \n \nDa der Wortlaut nur fordert, dass eine Verhandlung beantragt werden kann, und sich zur \nMöglichkeit anderer Rechtsmittel nicht verhält, besteht entgegen der Argumentation der \nErinnerungsführerin kein Anlass, den Anwendungsbereich der Vorschrift auf die Fälle des \n§ 84 Abs. 2 Nr. 5 VwGO zu beschränken. \n \nDie Erinnerungsführerin macht weiter geltend, dass der Gebührentatbestand nach Ziffer \n3104 Abs. 1 Nr. 2 VV RVG nicht erfüllt sei, weil der Kläger vollständig obsiegt habe und \ndaher mangels Beschwer keinen zulässigen Antrag auf mündliche Verhandlung hätte \nstellen können (in diesem Sinne auch OVG Lüneburg, Beschluss vom 16. August 2018 – \n2 OA 1541/17 –, Rn. 12 ff.; Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 24. \nOktober 2018 – 5 C 18.1932 –, Rn. 10 ff.; Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, \nBeschluss vom 24. Juni 2020 – OVG 3 K 135.19 –, Rn. 3 f., jeweils juris) Dem ist nicht zu \nfolgen (vgl. Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom 27. Februar 2020 – 8 C \n18.1889 –, Rn. 18, juris). \n \nDie Formulierung von Ziffer 3104 VV RVG setzt nur voraus, dass „eine mündliche \nVerhandlung beantragt werden kann“, folglich der Antrag auf mündliche Verhandlung \nstatthaft sein muss. Auf die Zulässigkeit des Antrags im Übrigen stellt die Formulierung \nhingegen nicht ab. Selbst Vorgaben dazu, welcher Beteiligte den Antrag auf mündliche \n\n3 \n \n \nVerhandlung stellen kann, sind dem Wortlaut der Vorschrift nicht zu entnehmen (vgl. VG \nHamburg, B. v. 09.11.2017 – 1 KO 8346/17 – juris Rn. 25). \n \nDie fiktive Terminsgebühr dient ausweislich der Gesetzesbegründung zur Neufassung von \nZiffer 3104 Abs. 1 Nr. 2 VV RVG (BT-Drs. 17/11471 [neu], S. 275) dazu, mündliche \nVerhandlungen, die andernfalls womöglich ausschließlich im Gebühreninteresse erfolgen \nwürden, zu vermeiden und so die Gerichte zu entlasten. Sie soll nur dort anfallen, wo ihre \n„Steuerungswirkung“ erforderlich ist, um zu verhindern, dass eine mündliche Verhandlung \nnur beantragt wird, um höhere Anwaltsgebühren zu erhalten. \n \nEine mündliche Verhandlung kann aber auch von einem Anwalt erzwungen werden, \ndessen Mandantschaft im Gerichtsbescheid vollständig obsiegt hat. Auch ein unzulässiger \nAntrag auf mündliche Verhandlung kann nicht analog §§ 125 Abs. 2, 144 Abs. 1 VwGO \ndurch Beschluss verworfen werden, sondern macht eine mündliche Verhandlung \nerforderlich (bei fehlendem Rechtsschutzbedürfnis: VG Stuttgart, B. v. 28.10.2021 – A 5 K \n2984/21 –, juris Rn. 20ff; zum Fristversäumnis VGH Baden-Württemberg, B.v. 24.8.2021, \n6 S 201/21, juris; s.a. Kopp/Schenke, VwGO-Kommentar, § 28. Auflage 2022, § 84 Rn. 39; \nVG Bremen, B. v. 04.09.2017 – 5 E 2213/17). \n \nNach § 155 Abs. 4 VwGO können zwar Kosten, die durch Verschulden eines Beteiligten \nentstanden sind, diesem auferlegt werden. Beantragt der vollständig Obsiegende demnach \nunzulässigerweise die Durchführung der mündlichen Verhandlung, hätte er die so \nzusätzlich entstandenen Kosten zu tragen. Die fiktive Terminsgebühr entstünde für seinen \nProzessvertreter jedoch unabhängig von § 155 Abs. 4 VwGO, wäre nur nicht vom \nUnterlegenen, sondern von dem Mandanten zu erstatten (vgl. VG Stuttgart, B. v. \n28.10.2021 – A 5 K 2984/21 –, juris Rn. 25), ohne dass das entscheidende Gericht darauf \nEinfluss hätte. \n \nDie Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 1 VwGO und § 83b AsylG. \n \nHinweis \nDieser Beschluss ist gemäß § 80 AsylG unanfechtbar. \n \nDr. Bauer","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/vg-bremen/2023-02-27/1-e-1083-22","cited_norms":[{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 84","ref_norm":"84","n":3},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 155","ref_norm":"155","n":2},{"jurabk":"RVG","ref":"§ 2","ref_norm":"2","n":2},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 83b","ref_norm":"83b","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 125","ref_norm":"125","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 144","ref_norm":"144","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 151","ref_norm":"151","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 165","ref_norm":"165","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 154","ref_norm":"154","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 80","ref_norm":"80","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/vg-bremen/2023-02-27/1-e-1083-22","retrieved":"2026-07-09 04:52:35.055269+00:00"},"card":{"id":"vg-bremen/2023-02-27/1-e-1083-22","court":"VG Bremen","court_id":"vg-bremen","court_as_stated":"Verwaltungsgericht Bremen","panel":null,"date":"2023-02-27","dockets":["1 E 1083/22"],"decision_type":"Beschluss","ecli":null,"ids":{"ecli":null},"cite_as":"VG Bremen, Beschluss vom 27.02.2023 – 1 E 1083/22","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/vg-bremen/2023-02-27/1-e-1083-22","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Der\nAntrag\nauf\nEntscheidung\ndes\nGerichts\ngegen\nden\nKostenfestsetzungsbeschluss\nder\nUrkundsbeamtin\nder\nGeschäftsstelle vom 23.6.2022 wird zurückgewiesen.\nDie\naußergerichtlichen\nKosten\ndes\nVerfahrens\nträgt\ndie\nErinnerungsführerin. 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