{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"5. Zivilsenat","decided":"2012-06-21","aktenzeichen":"V ZB 270/11","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESGERICHTSHOF\nBESCHLUSS\nV ZB 270/11\nvom\n\n21. Juni 2012\n\nin dem Zwangsversteigerungsverfahren\n\nDer V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 21. Juni 2012 durch den Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, die Richter Dr. Lemke und Prof. Dr. Schmidt-Räntsch und die Richterinnen Dr. Brückner und Weinland\n\nbeschlossen:\n\nDie Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss der 6. Zivilkammer\ndes Landgerichts Oldenburg vom 8. November 2011 wird auf Kosten der Schuldnerin zurückgewiesen.\n\nDer Gegenstandswert des Rechtsbeschwerdeverfahrens beträgt\nfür die Gerichtskosten 8.000 €, für die anwaltliche Vertretung der\nSchuldnerin 84.000 € und für die anwaltliche Vertretung der Gläubigerin 76.692,78 €.\n\nGründe:\n\nI.\n\n1 Auf Antrag der Gläubigerin \"gemäß § 16 des Gesetzes für den Landesteil\nO. vom 3. Juli 1933 betreffend die Landessparkasse zu O. in\nVerbindung mit § 80 Abs. 1 Nr. 22 des Nds. Verwaltungsvollstreckungsgesetzes\nvom 2. Juni 1982\" ordnete das Amtsgericht mit Beschluss vom 2. Oktober 2008\ndie Zwangsversteigerung des im Eingang dieses Beschlusses bezeichneten\nGrundstücks der Schuldnerin wegen einer dinglichen Forderung an. In dem Antrag heißt es u.a.:\n\n\"Die Vollstreckbarkeit des dinglichen Anspruchs wird insoweit bescheinigt.\"\n\n2 Es folgen unter dem Zusatz \"Landessparkasse zu O. Der Vorstand\" zwei Unterschriften.\n\n3 In dem Versteigerungstermin am 27. Juli 2011 hat die Schuldnerin Erinnerung gegen den Anordnungsbeschluss eingelegt mit der Begründung, der\nVollstreckungstitel der Gläubigerin, welcher auf deren Selbsttitulierungsrecht\nberuhe, sei verfassungswidrig und somit nicht vollstreckbar. Das Amtsgericht\nhat die Erinnerung zurückgewiesen. Die sofortige Beschwerde ist erfolglos geblieben. Mit der zugelassenen Rechtsbeschwerde, deren Zurückweisung die\nGläubigerin beantragt, verfolgt die Schuldnerin ihre Erinnerung weiter.\n\nII.\n\n4 Nach Ansicht des Beschwerdegerichts ersetzt gemäß § 16 Abs. 2 des\nGesetzes für den Landesteil O. betreffend die Landessparkasse zu\nO. vom 3. Juli 1933 ein Vollstreckungsantrag des Vorstands der Gläubigerin einen vollstreckbaren Schuldtitel. Diese Regelung habe noch heute Bestand. Sie verstoße nicht gegen geltendes Verfassungsrecht.\n\nIII.\n\n5 Die nach § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 ZPO statthafte und auch im Übrigen\nzulässige (§ 557 ZPO) Rechtsbeschwerde ist unbegründet.\n\n6 1. Es bedarf keiner Entscheidung, in welchem Umfang die formelle Unwirksamkeit eines Vollstreckungstitels mit der Vollstreckungserinnerung (§ 766\nZPO) gerügt werden kann (vgl. Senat, Beschluss vom 14. April 2005 - V ZB\n4/05, DNotZ 2005, 845). Eine aus materiell-rechtlichen Erwägungen folgende\n\nUnwirksamkeit des Titels kann der Schuldner mit der Erinnerung jedenfalls nicht\ngeltend machen (Senat, Beschluss vom 7. Mai 2009 - V ZB 180/08, JurBüro 2009, 442, 443).\n\n7 2. Die Entscheidung des Beschwerdegerichts ist unabhängig von der\nFrage, derentwegen die Rechtsbeschwerde zugelassen worden ist, rechtlich\nnicht zu beanstanden. Denn ob das nach dem Landesrecht bestehende Selbsttitulierungsrecht der Gläubigerin gegen höherrangiges Recht verstößt, ist von\ndem Vollstreckungsgericht nicht zu prüfen. Wegen der formalisierten Ausgestaltung des Zwangsvollstreckungsverfahrens ist ein - wie hier - den förmlichen Anforderungen genügender Vollstreckungstitel von den Vollstreckungsorganen\nungeachtet seiner eventuellen materiell-rechtlichen Fehlerhaftigkeit zu vollstrecken (vgl. BGH, Urteil vom 14. Mai 1992 - VII ZR 204/90, BGHZ 118, 229, 234;\nBeschluss vom 12. Januar 2012 - VII ZB 71/09, WM 2012, 454, 455 f. Rn. 15\nfür eine Vollstreckungsklausel).\n\n8 3. Die Frage der Verfassungsmäßigkeit des § 16 Abs. 2 Satz 2 des Gesetzes für den Landesteil O. betreffend die Landessparkasse zu O.\nvom 3. Juli 1933 in der Fassung des § 43 Abs. 1 Nr. 5 NSpG vom 6. Juli 1962\n(Nds. GVBl. S. 77) betrifft die materielle Wirksamkeit des den Vollstreckungstitel\nersetzenden Vollstreckungsantrags der Gläubigerin. Denn in Frage steht nicht\neine an den Antrag zu stellende förmliche Anforderung, sondern die Rechtmäßigkeit des Gesetzes, welches ihn einem Vollstreckungstitel gleichstellt. Eine\nsolche, die normative Grundlage des Titels betreffende Einwendung kann\ngrundsätzlich nur mit der Titelgegenklage (§ 767 ZPO analog; vgl. BGH, Urteil\nvom 14. Mai 1992 - VII ZR 204/90, BGHZ 118, 229, 223; Senat, Urteil vom\n27. Januar 2012 - V ZR 92/11 Rn. 8, juris) geltend gemacht werden.\n\n9 4. Ob ausnahmsweise etwas anderes gilt, wenn die Unwirksamkeit des\nTitels evident ist, kann offenbleiben. Denn die Feststellung, dass § 16 Abs. 2\n\nSatz 2 des Gesetzes für den Landesteil O. betreffend die Landessparkasse zu O. gegen höherrangiges Recht verstößt, liegt - wie der Vorlagebeschluss des Oberlandesgerichts Oldenburg vom 17. März 2011\n(8 U 139/10, juris) und nicht zuletzt die Begründung des Beschwerdegerichts\ndeutlich machen - nicht auf der Hand.\n\nIV.\n\n10 1. Die Kostenentscheidung folgt aus § 97 Abs. 1 ZPO. Diese Norm ist\nhier anwendbar, weil sich die Beteiligten bei dem Streit um die Anordnung der\nZwangsversteigerung ähnlich wie in einem kontradiktorischen Verfahren gegenüberstehen (Senat, Beschluss vom 25. Januar 2007 - V ZB 125/05,\nBGHZ 170, 378, 381 f. Rn. 7 f.).\n\n11 2. Die Festsetzung des Gegenstandswerts für die Gerichtskosten hat ihre\nGrundlage in § 47 Abs. 1 Satz 1 GKG, die für die anwaltliche Vertretung der\n\nSchuldnerin und der Gläubigerin in § 26 Nr. 1 Halbsatz 1, Nr. 2 RVG; als Wert\ndes Versteigerungsobjekts hat der Senat den von dem Sachverständigen ermittelten Grundstückswert angenommen.\n\nKrüger Lemke Schmidt-Räntsch\n\nBrückner Weinland\n\nVorinstanzen:\nAG Varel, Entscheidung vom 16.08.2011 - 40 K 31/08 -\nLG Oldenburg, Entscheidung vom 08.11.2011 - 6 T 665/11 -","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2012-06-21/v-zb-270-11","cited_norms":[{"jurabk":"GKG 2004","ref":"§ 47","ref_norm":"47","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 97","ref_norm":"97","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 557","ref_norm":"557","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 574","ref_norm":"574","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 766","ref_norm":"766","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 767","ref_norm":"767","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2012-06-21/v-zb-270-11","retrieved":"2026-10-24 07:59:03.853129+00:00"},"card":{"id":"bgh/2012-06-21/v-zb-270-11","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"5. 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