{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"5. Zivilsenat","decided":"2012-02-13","aktenzeichen":"V ZB 264/11","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESGERICHTSHOF\nBESCHLUSS\nV ZB 264/11\n\nvom\n\n13. Februar 2012\n\nin der Abschiebungshaftsache\n\nDer V. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 13. Februar 2012 durch\nden Vorsitzenden Richter Prof. Dr. Krüger, die Richter Dr. Lemke und\nProf. Dr. Schmidt-Räntsch, die Richterin Dr. Stresemann und den Richter\nDr. Czub\n\nbeschlossen:\n\nAuf die Rechtsmittel des Betroffenen wird der Beschluss der 5. Zivilkammer des Landgerichts Hildesheim vom 9. November 2011\naufgehoben und festgestellt, dass der Beschluss des Amtsgerichts\nHildesheim vom 14. Juli 2011 den Betroffenen in seinen Rechten\nverletzt hat.\n\nGerichtskosten werden nicht erhoben. Die zur zweckentsprechenden Rechtsverfolgung notwendigen Auslagen des Betroffenen\nwerden der Stadt Hildesheim auferlegt.\n\nDer Gegenstandswert des Rechtsbeschwerdeverfahrens beträgt\n3.000 €.\n\nGründe:\n\nI.\n\n1 Mit Beschluss vom 14. Juli 2011 hat das Amtsgericht auf Antrag der beteiligten Behörde gegen den Betroffenen, der sich selbst als staatenlos bezeichnet hat, Haft zur Sicherung der Abschiebung für die Dauer von drei Monaten und die sofortige Wirksamkeit der Entscheidung angeordnet. Die dagegen\ngerichtete Beschwerde, mit welcher der Betroffene nach dem Ende der ange-\n\nordneten Haftdauer die Feststellung beantragt hat, dass ihn die Entscheidung\ndes Amtsgerichts in seinen Rechten verletzt habe, ist erfolglos geblieben. Mit\nder Rechtsbeschwerde verfolgt der Betroffene den Feststellungsantrag weiter.\n\nII.\n\n2 Nach Ansicht des Beschwerdegerichts war die Haftanordnung trotz unterbliebener Belehrung des Betroffenen nach Art. 36 WÜK rechtmäßig, weil es\nwegen dessen Staatenlosigkeit keine konsularische Vertretung gegeben habe,\ndie habe benachrichtigt werden können.\n\nIII.\n\n3 1. Die mit einem Antrag nach § 62 FamFG gemäß § 70 Abs. 3 Satz 1\nNr. 3, Satz 2 FamFG, § 106 Abs. 2 Satz 1 AufenthG statthafte (vgl. nur Senat,\nBeschluss vom 25. Februar 2010 - V ZB 172/09, FGPrax 2010, 150, 151) und\nim Übrigen zulässige Rechtsbeschwerde ist begründet. Deshalb ist festzustellen, dass die Anordnung der Sicherungshaft den Betroffenen in seinen Rechten\nverletzt hat.\n\n4 2. Das ist jedenfalls schon deshalb der Fall, weil - wie in der Rechtsbeschwerdebegründung zutreffend gerügt wird - das Amtsgericht den Anspruch\ndes Betroffenen auf Gewährung rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) verletzt hat, indem es ihm den Haftantrag nicht eröffnet und nicht ausgehändigt\nhat. In dem Protokoll über die mündliche Anhörung des Betroffenen heißt es\nlediglich, ihm sei die Sach- und Rechtslage erläutert worden. Das reicht als\nGrundlage der Haftanordnung nicht aus. Notwendig ist vielmehr, dass dem Be-\n\ntroffenen vor der Anordnung der Sicherungshaft der Haftantrag ausgehändigt\nwird (siehe nur Senat, Beschluss vom 1. Dezember 2011 - V ZB 179/11 Rn. 3,\njuris). Fehlt es daran, kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Betroffene\nnicht in der Lage war, sich zu den Angaben der beteiligten Behörde (vgl. § 417\nAbs. 2 FamFG) zu äußern.\n\n5 3. Die Sache ist zur Endentscheidung reif (§ 74 Abs. 6 Satz 1 FamFG).\nDas Fehlen der ordnungsgemäßen Anhörung drückt der gleichwohl angeordneten Haft den Makel einer rechtswidrigen Freiheitsentziehung auf (vgl. Senat,\nBeschluss vom 21. Juli 2011 - V ZB 141/11, FGPrax 2011, 257 Rn. 10 m.w.N.).\n\n6 4. Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 74 Abs. 7 FamFG abgesehen.\n\nIV.\n\n7 Die Kostenentscheidung beruht auf § 81 Abs. 1, § 83 Abs. 2, § 430\nFamFG, Art. 5 Abs. 5 EMRK analog. Die Festsetzung des Gegenstandswerts\nfolgt aus § 128c Abs. 2 KostO i.V.m. § 30 Abs. 2 KostO.\n\nKrüger Lemke Schmidt-Räntsch\n\nStresemann Czub\n\nVorinstanzen:\nAG Hildesheim, Entscheidung vom 14.07.2011 - 13 XIV 8522 B -\nLG Hildesheim, Entscheidung vom 09.11.2011 - 5 T 304/11 -","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2012-02-13/v-zb-264-11","cited_norms":[{"jurabk":"FamFG","ref":"§ 74","ref_norm":"74","n":2},{"jurabk":"FamFG","ref":"§ 430","ref_norm":"430","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 103","ref_norm":"103","n":1},{"jurabk":"FamFG","ref":"§ 417","ref_norm":"417","n":1},{"jurabk":"FamFG","ref":"§ 62","ref_norm":"62","n":1},{"jurabk":"AufenthG 2004","ref":"§ 106","ref_norm":"106","n":1},{"jurabk":"EMRK","ref":"Art 5","ref_norm":"5","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2012-02-13/v-zb-264-11","retrieved":"2026-10-24 07:59:02.425951+00:00"},"card":{"id":"bgh/2012-02-13/v-zb-264-11","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"5. 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