{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"IX. Zivilsenat","decided":"2009-12-03","aktenzeichen":"IX ZB 142/06","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESGERICHTSHOF \n\nIX ZB 142/06 \n\nBESCHLUSS \n\nvom \n\n3. Dezember 2009 \n\nin dem Restschuldbefreiungsverfahren \n\nDer IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch den Vorsitzenden Richter \n\nDr. Ganter, den Richter Vill, die Richterin Lohmann und die Richter Dr. Fischer \n\nund Dr. Pape \n\nam 3. Dezember 2009 \n\nbeschlossen: \n\nDie Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss der 2. Zivilkammer \n\ndes Landgerichts Stuttgart vom 25. Juli 2006 wird auf Kosten des \n\nSchuldners als unzulässig verworfen. \n\nDer Gegenstandswert für das Rechtsbeschwerdeverfahren wird \n\nauf 1.500 € festgesetzt. \n\nGründe: \n\n1 \n\n1. Die gemäß § 238 Abs. 2, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO, §§ 7, 6, 4 d \n\nAbs. 1 InsO statthafte Rechtsbeschwerde bedarf keiner Zulassung. Die vom \n\nBeschwerdegericht gleichwohl ausgesprochene Zulassung ist überflüssig und \n\nvermag keine Bindung des Rechtsbeschwerdegerichts zu begründen (BGH, \n\nBeschl. v. 29. Juni 2004 - IX ZB 90/03, WM 2004, 1688; v. 9. August 2006 \n\n- IX ZB 200/05, WM 2006, 1817, 1818 Rn. 12; MünchKomm-InsO/Ganter, \n\n2. Aufl. § 7 Rn. 16). Die Rechtsbeschwerde ist unzulässig, weil die Rechtssache \n\nkeine grundsätzliche Bedeutung hat und weder die Fortbildung des Rechts noch \n\ndie Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des \n\nRechtsbeschwerdegerichts erfordern (§ 574 Abs. 2 ZPO). \n\n2 \n\nInsbesondere ist entgegen der Auffassung des Schuldners eine Ent-\n\nscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts nicht zur Sicherung einer einheitli-\n\nchen Rechtsprechung erforderlich. Die Entscheidung des Beschwerdegerichts \n\nverletzt weder den Anspruch des Schuldners auf Gewährung wirkungsvollen \n\nRechtsschutzes (vgl. BGH, Beschl. v. 10. Oktober 2006 - XI ZB 27/05, NJW \n\n2007, 601, 602 m.w.N.) noch weicht die Entscheidung von der Rechtsprechung \n\ndes Bundesgerichtshofs ab. Die auf Art. 103 GG gestützte Verfahrensgrund-\n\nrechtsverletzung liegt gleichfalls nicht vor. \n\n3 \n\n2. Das Beschwerdegericht hat den Wiedereinsetzungsantrag für unbe-\n\ngründet erachtet, weil die Frist zur Einlegung der sofortigen Beschwerde durch \n\nVerschulden des Verfahrensbevollmächtigten des Schuldners versäumt worden \n\nsei. Dieses liege darin, dass er keine organisatorischen Vorkehrungen in seiner \n\nKanzlei getroffen habe, die sicherstellen konnten, dass die im Fristenkalender \n\neinzutragende Beschwerdefrist dort ordnungsgemäß vermerkt und der Begrün-\n\ndungsschriftsatz rechtzeitig eingereicht wurde. Er habe auch nicht, obwohl es \n\nsich um eine Ausnahme vom normalen Ablauf gehandelt habe, dafür Sorge ge-\n\ntragen, dass die Vorlage der Handakte überwacht werde. \n\n3. Das Beschwerdegericht hat damit entsprechend der gefestigten \n\nRechtsprechung des Bundesgerichtshofs entschieden. \n\nEin Rechtsanwalt darf zwar grundsätzlich darauf vertrauen, dass eine \n\nBüroangestellte, die sich bisher als zuverlässig erwiesen hat, eine konkrete Ein-\n\nzelanweisung befolgt (st. Rspr., z.B. BGH, Beschl. v. 22. Juni 2004 - VI ZB \n\n10/04, NJW-RR 2004, 1361, 1362; v. 13. September 2006 - XII ZB 103/06, \n\nBGHReport 2006, 1493; v. 21. Dezember 2006 - IX ZB 309/04, AnwBl. 2007, \n\n4 \n\n5 \n\n236; v. 4. April 2007 - III ZB 85/06, NJW-RR 2007, 1430, 1431 Rn. 9; v. \n\n15. November 2007 - IX ZB 219/06, NJW 2008, 526, 527 Rn. 10). In einer An-\n\nwaltskanzlei müssen jedoch ausreichende organisatorische Vorkehrungen da-\n\ngegen getroffen sein, dass die mündliche Einzelanweisung über die Eintragung \n\noder Einhaltung einer wichtigen Frist in Vergessenheit gerät und die Fristeintra-\n\ngung oder rechtzeitige Übermittlung eines fristwahrenden Schriftsatzes unter-\n\nbleibt (für die Eintragung einer wichtigen Frist vgl. z.B. BGH, Beschl. v. 4. No-\n\nvember 2003 - VI ZB 50/03, NJW 2004, 688, 689; v. 21. Dezember 2006 aaO; \n\nfür die Einhaltung einer wichtigen Frist zur Übermittlung eines Schriftsatzes per \n\nFax vgl. z.B. BGH, Beschl. v. 22. Juni 2004 aaO; v. 13. September 2006 aaO; \n\nv. 4. April 2007 aaO). In einem solchen Fall bedeutet das Fehlen jeglicher Si-\n\ncherung einen entscheidenden Organisationsmangel (BGH, Beschl. v. 22. Juni \n\n2004 aaO; v. 13. September 2006 aaO; v. 21. Dezember 2006 aaO; v. 4. April \n\n2007 aaO ; v. 15. November 2007 aaO Rn. 11). \n\n6 \n\nEine besondere Vorkehrung mag ausnahmsweise entbehrlich sein, wenn \n\ndie Bürokraft die unmissverständliche Weisung erhalten hat, einen Vorgang \n\nsogleich auszuführen (BGH, Beschl. v. 22. Juni 2004 aaO; v. 4. April 2007 \n\naaO; v. 15. November 2007 aaO Rn. 12). Lässt der Anwalt dagegen seiner An-\n\ngestellten einen zeitlichen Spielraum von mehreren Stunden oder noch länger, \n\nbesteht die Gefahr, dass der Auftrag im Drange der sonstigen Geschäfte ver-\n\ngessen wird. Dieser Fehler kann auch ansonsten verlässlichen Kanzleikräften \n\nunterlaufen. Der Rechtsanwalt muss deshalb, wenn er nicht die sofortige Aus-\n\nführung seiner Anweisung anordnet, durch allgemeine Weisung oder durch be-\n\nsonderen Auftrag Vorkehrungen gegen das Vergessen treffen (BGH, Beschl. v. \n\n4. April 2007 aaO; v. 15. November 2007 aaO Rn. 12). \n\n7 \n\nNach dem Vortrag des Schuldners hat sein Verfahrensbevollmächtigter \n\ngegenüber einer Kanzleibediensteten mündlich angeordnet, \"die Beschwerde-\n\neinlegungsfrist auf dem Beschluss des Amtsgerichts … zu notieren und sodann \n\nmitsamt der Handakte sofort wieder vorzulegen\". Damit hat der Verfahrensbe-\n\nvollmächtigte gerade keine unmissverständliche, jedes Vergessen verhindernde \n\nAnordnung erteilt. Die Anordnung der \"sofortigen\" Erledigung bezog sich nicht \n\netwa auf das Notieren der Frist, sondern auf die Vorlage der - erst noch zu be-\n\nschaffenden - Handakte. Wegen der Verknüpfung der Fristnotierung und der \n\nVorlage der Handakte bestand die Gefahr, die sich hier auch verwirklicht hat, \n\ndass die Frist nicht sofort notiert werden würde, falls die Handakte nicht unmit-\n\ntelbar greifbar war. Im Übrigen hätte der Verfahrensbevollmächtigte angesichts \n\nder offenkundigen Nichteinhaltung der von ihm aufgegebenen sofortigen Vorla-\n\nge der Handakte selbst bei der Kanzleikraft nachfragen müssen, weshalb seiner \n\nAnordnung nicht Folge geleistet werde. \n\n8 \n\nDieses Verschulden seines Verfahrensbevollmächtigten muss sich der \n\nSchuldner zurechnen lassen, § 85 Abs. 2 ZPO. \n\n9 \n\n4. Von einer weiteren Begründung wird gemäß § 4 InsO, § 577 Abs. 6 \n\nSatz 3 ZPO abgesehen. \n\nGanter \n\nVill \n\nLohmann\n\nFischer \n\nPape \n\nVorinstanzen: \n\nAG Esslingen, Entscheidung vom 26.04.2006 - 1 IK 214/04 - \n\nLG Stuttgart, Entscheidung vom 25.07.2006 - 2 T 310/06 -","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2009-12-03/ix-zb-142-06","cited_norms":[{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 574","ref_norm":"574","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 103","ref_norm":"103","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 85","ref_norm":"85","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 577","ref_norm":"577","n":1},{"jurabk":"InsO","ref":"§ 4","ref_norm":"4","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2009-12-03/ix-zb-142-06","retrieved":"2026-07-10 20:14:35.101329+00:00"},"card":{"id":"bgh/2009-12-03/ix-zb-142-06","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"IX. 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