{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"X. Zivilsenat","decided":"2007-01-30","aktenzeichen":"X ZB 2/06","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESGERICHTSHOF \n\nX ZB 2/06 \n\nBESCHLUSS \n\nvom \n\n30. Januar 2007 \n\nin dem Rechtsstreit \n\nDer X. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 30. Januar 2007 durch \n\nden Vorsitzenden Richter Dr. Melullis, den Richter Keukenschrijver, die Richte-\n\nrin Mühlens und die Richter Prof. Dr. Meier-Beck und Asendorf \n\nbeschlossen: \n\nAuf die Rechtsbeschwerde der Kläger wird der Beschluss der \n\n22. Zivilkammer des Landgerichts Düsseldorf vom 20. Dezember \n\n2005 aufgehoben. \n\nDen Klägern wird Wiedereinsetzung in die versäumte Berufungsfrist \n\ngewährt. \n\nBeschwerdewert: 1.824,60 € \n\nGründe: \n\n1 \n\nI. Die Kläger nehmen die Beklagte aus einem Reisevertrag auf Minde-\n\nrung des Reisepreises und Schadensersatz in Anspruch. Das Amtsgericht \n\nNeuss hat die Beklagte in Höhe eines anerkannten Betrages von 174,40 € ver-\n\nurteilt und die Klage im Übrigen abgewiesen. Das Urteil ist den Klägern am \n\n22. September 2005 zugestellt worden. Die an das Amtsgericht Neuss adres-\n\nsierte Berufungsschrift der Kläger ist bei diesem am 19. Oktober 2005 einge-\n\ngangen und lag der zentralen Eingangsgeschäftsstelle für Zivilsachen am \n\n \n \n \n \n \n \n \n \n \n \n \n\n2 \n\n3 \n\n24. Oktober 2005 vor. Am 25. Oktober 2005 wurde die Berufungsschrift mit der \n\nVerfügung \"Eilt sehr\" an das Landgericht Düsseldorf weitergeleitet, bei dem sie \n\nam 26. Oktober 2005 eingegangen ist. Am 4. November 2005 haben die Kläger \n\nerneut Berufung eingelegt, diese begründet und Wiedereinsetzung in die ver-\n\nsäumte Berufungsfrist beantragt. \n\nDas Landgericht hat die Berufung mit Beschluss vom 20. Dezember \n\n2005 als unzulässig verworfen. Hiergegen richtet sich die Rechtsbeschwerde \n\nder Kläger. \n\nII. 1. Die Rechtsbeschwerde ist gemäß §§ 574 Abs. 1 Nr. 1, 238 Abs. 2 \n\nSatz 1, 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO statthaft. Sie ist auch im Übrigen zulässig, weil \n\ndie Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des \n\nRechtsbeschwerdegerichts erfordert \n\n(vgl. Sen.Beschl. \n\nv. 27.07.2004 \n\n- X ZB 45/03, NJW-RR 2004, 1717; vgl. BVerfGE 79, 372, 376 f.; BVerfG \n\nNJW-RR 2002,1004). Wie die Rechtsbeschwerde zu Recht geltend macht, hat \n\ndas Berufungsgericht die Berufung der Kläger als unzulässig verworfen, ohne \n\nüber deren Wiedereinsetzungsantrag zu entscheiden. Da der Verwerfungsbe-\n\nschluss weder ausdrücklich noch aus dem Gesamtzusammenhang erkennen \n\nlässt, dass das Berufungsgericht den Wiedereinsetzungsantrag zur Kenntnis \n\ngenommen und über ihn entschieden hat und die Entscheidung über das Wie-\n\ndereinsetzungsgesuch auch nicht nachgeholt hat (vgl. dazu Zöller/Greger, ZPO, \n\n26. Aufl., § 238 ZPO Rdn. 1), ist der Anspruch der Kläger auf rechtliches Gehör \n\n(Art. 103 Abs. 1 GG) verletzt. \n\n4 \n\n2. Die Rechtsbeschwerde hat Erfolg. Sie führt zur Gewährung der bean-\n\ntragten Wiedereinsetzung in die Berufungsfrist. Damit ist der angefochtene Be-\n\nschluss, mit dem die Berufung als unzulässig verworfen worden ist, gegen-\n\nstandslos. \n\n5 \n\na) Die Rechtsbeschwerde wendet sich in der Sache nicht gegen die An-\n\nnahme des Berufungsgerichts, dass die Frist zur Einlegung der Berufung (§ 517 \n\nZPO) versäumt worden ist. Das Urteil des Amtsgerichts ist den Klägern am \n\n22. September 2005 zugestellt worden, so dass die Berufungsfrist am 24. Ok-\n\ntober 2005, einem Montag, ablief. Die Berufungsschrift ist erst am 26. Oktober \n\n2005 beim Berufungsgericht eingegangen, also nach Fristablauf. \n\n6 \n\n7 \n\nb) Insoweit ist den Klägern auf ihren Antrag Wiedereinsetzung in die ver-\n\nsäumte Berufungsfrist zu gewähren. \n\nEin Gericht, bei dem das Verfahren anhängig gewesen ist, ist gehalten, \n\nfristgebundene Schriftsätze für das Rechtsmittelverfahren, die bei ihm einge-\n\nreicht werden, an das zuständige Rechtsmittelgericht weiterzuleiten. Ist ein sol-\n\ncher Schriftsatz so zeitig eingereicht worden, dass die fristgerechte Weiterlei-\n\ntung an das Rechtsmittelgericht im ordentlichen Geschäftsgang ohne weiteres \n\nerwartet werden kann, ist der Partei Wiedereinsetzung in den vorigen Stand zu \n\ngewähren, wenn der Schriftsatz nicht rechtzeitig an das Rechtsmittelgericht ge-\n\nlangt (vgl. BVerfG, Beschl. v. 20.06.1995 - 1 BvR 166/93, NJW 1995, 3173; \n\nBVerfG, Beschl. v. 03.01.2001 - 1 BvR 2147/00, NJW 2001, 1343; BGH, \n\nBeschl. v. 27.07.2000 - III ZB 28/00, NJW-RR 2000, 1730; BGH, Beschl. v. \n\n15.06.2004 - VI ZB 75/03, NJW-RR 2004, 1655, jew. m.w.N.). In diesem Fall \n\nwirkt sich ein durch die falsche Adressierung des Schriftsatzes seitens der Par-\n\ntei oder ihres Prozessbevollmächtigten verursachter verspäteter Eingang der \n\nRechtsmittelschrift beim zuständigen Gericht nicht mehr aus. \n\n8 \n\nIm Streitfall hat der für das erstinstanzliche Verfahren zuständige Richter \n\ndie Berufungsschrift unverzüglich, nämlich am Tag nach dem Eingang des \n\nSchriftsatzes bei der zentralen Eingangsgeschäftsstelle des Amtsgerichts, an \n\ndas Berufungsgericht weitergeleitet. Der Schriftsatz befand sich jedoch mehrere \n\nWerktage vom 19. Oktober bis zum 24. Oktober 2005 im Verantwortungsbe-\n\nreich des Amtsgerichts Neuss, bis die Weiterleitung an das zuständige Beru-\n\nfungsgericht veranlasst worden ist. Bei dieser Sachlage ist die Berufungsschrift \n\nso zeitig bei dem unzuständigen Gericht eingegangen, dass mit einer fristge-\n\nrechten Weiterleitung an das Berufungsgericht (noch) gerechnet werden konn-\n\nte. \n\n9 \n\nc) Da den Klägern nach dem Akteninhalt Wiedereinsetzung ohne weite-\n\nres zu gewähren ist, kann der Senat, obwohl nach § 238 Abs. 2 ZPO die Ent-\n\nscheidung über die Wiedereinsetzung zunächst das Berufungsgericht zu treffen \n\nhat, über den Wiedereinsetzungsantrag selbst entscheiden (vgl. BGH, Beschl. \n\nv. 22.09.1992 - VI ZB 22/92, VersR 1993, 500; Beschl. v. 09.07.1985 \n\n- VI ZB 8/85, NJW 1985, 2625 jew. m.w.N.; vgl. auch Zöller/Greger, ZPO, \n\n26. Aufl., § 237 ZPO Rdn. 2). Eine Kostenentscheidung ist nicht veranlasst, da \n\nüber die Kosten der Wiedereinsetzung erst in der Endentscheidung über die \n\nHauptsache zu erkennen ist, was sich auch auf die Kosten einer erfolgreichen \n\nBeschwerde erstreckt (BGH, Beschl. v. 24.07.2000 - II ZB 20/99, NJW 2000, \n\n3284; Beschl. v. 21.12.2005 - XII ZB 33/05, NJW 2006, 693). \n\nMelullis \n\nKeukenschrijver \n\n Mühlens \n\nMeier-Beck \n\n Asendorf \n\nVorinstanzen: \n\nAG Neuss, Entscheidung vom 02.09.2005 - 81 C 5401/04 - \n\nLG Düsseldorf, Entscheidung vom 20.12.2005 - 22 S 543/05 -","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2007-01-30/x-zb-2-06","cited_norms":[{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 238","ref_norm":"238","n":3},{"jurabk":"GG","ref":"Art 103","ref_norm":"103","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 237","ref_norm":"237","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 517","ref_norm":"517","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 522","ref_norm":"522","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 574","ref_norm":"574","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2007-01-30/x-zb-2-06","retrieved":"2026-07-10 21:17:04.058209+00:00"},"card":{"id":"bgh/2007-01-30/x-zb-2-06","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"X. 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