{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"XII. Zivilsenat","decided":"2004-02-11","aktenzeichen":"XII ZB 263/03","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESGERICHTSHOF\n\nXII ZB 263/03\n\nBESCHLUSS\n\nvom\n\n11. Februar 2004\n\nin der Familiensache\n\nDer XII. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat am 11. Februar 2004 durch die\n\nVorsitzende Richterin Dr. Hahne und die Richter Sprick, Weber-Monecke,\n\nDr. Ahlt und Dose\n\nbeschlossen:\n\nDie Rechtsbeschwerde der Beklagten gegen den Beschluß des\n\n15. Zivilsenats - Familiensenat - des Oberlandesgerichts Stuttgart\n\nvom 13. Oktober 2003 wird auf ihre Kosten als unzulässig ver-\n\nworfen.\n\nBeschwerdewert: 35.218 \n\nGründe:\n\nI.\n\nDie Rechtsbeschwerde ist statthaft (§§ 574 Abs. 1 i.V. mit § 522 Abs. 1\n\nSatz 4, 238 Abs. 2 ZPO), aber unzulässig.\n\n1. Die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung nach § 574 Abs. 2\n\nNr. 2 Alt. 2 ZPO, auf die sich die Rechtsbeschwerde allein stützt, erfordert eine\n\nEntscheidung des Bundesgerichtshofs nur in Fällen einer Divergenz oder dann,\n\nwenn bei der Auslegung oder Anwendung revisiblen Rechts Fehler über die\n\nEinzelfallentscheidung hinaus die Interessen der Allgemeinheit nachhaltig be-\n\nrühren (BT-Drucks. 14/4722 S. 67, 104, 116; BGHZ 151, 221, 225 ff.). Letzteres\n\nist vor allem der Fall, wenn Verfahrensgrundsätze, insbesondere die Grund-\n\nrechte auf Gewährung rechtlichen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG), auf wirkungs-\n\nvollen Rechtsschutz (Art. 2 Abs. 1 GG i.V. mit dem Rechtsstaatsprinzip) und auf\n\n(cid:0)\n\nein objektiv willkürfreies Verfahren (Art. 3 Abs. 1 GG i.V. mit dem Rechtsstaats-\n\nprinzip) verletzt sind. Dabei sollen Art und Weise eines Rechtsfehlers nach dem\n\nWillen des Gesetzgebers aber nur dann Bedeutung erlangen, wenn sie geeig-\n\nnet sind, das Vertrauen in die Rechtsprechung im ganzen zu beschädigen. (BT-\n\nDrucks. aaO S. 104; BGHZ 151, 42; BGHZ 151, aaO, 227). Regelmäßig ist eine\n\nauf § 574 Abs. 2 Nr. 2 Alt. 2 ZPO gestützte Rechtsbeschwerde deswegen nur\n\ndann zulässig, wenn dargelegt ist, daß ein Verstoß gegen Verfahrensgrund-\n\nrechte im Einzelfall klar zu Tage tritt, also offenkundig ist, und die angefochtene\n\nEntscheidung hierauf beruht (BGHZ 151, aaO 227).\n\nNach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts dient\n\ndas Rechtsinstitut der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand in besonderer\n\nWeise dazu, die Rechtsschutzgarantie und das rechtliche Gehör zu gewährlei-\n\nsten. Die Verfahrensgrundrechte auf Gewährung wirkungsvollen Rechtsschut-\n\nzes und auf rechtliches Gehör gebieten es daher, den Zugang zu den Gerichten\n\nund den weiteren Instanzen nicht in unzumutbarer, sachlich nicht gerechtfertig-\n\nter Weise zu erschweren. Deswegen dürfen gerade bei der Auslegung der Vor-\n\nschriften über die Wiedereinsetzung die Anforderungen an die Sorgfalt eines\n\nRechtsanwalts und die Kausalität einer Pflichtverletzung nicht überspannt wer-\n\nden (BGHZ 151, aaO, 227 f. m.w.N. aus der Rspr. des Bundesverfassungsge-\n\nrichts).\n\n2. Gegen diese Grundsätze hat das Beschwerdegericht nicht verstoßen.\n\na) Die Rechtsbeschwerde hat keinen erheblichen Unterschied des vor-\n\nliegenden Sachverhalts zu den der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs im\n\nZusammenhang mit der Prüfungspflicht bei fristgebundenen Prozeßhandlungen\n\nzugrundeliegenden Sachverhalten und somit keine rechtliche Divergenz aufge-\n\nzeigt. Eine solche kommt nur dann in Betracht, wenn nach den Darlegungen\n\nder Rechtsbeschwerde der angefochtenen Entscheidung ein Rechtssatz\n\nzugrunde liegt, der von einem die Entscheidung tragenden Rechtssatz eines\n\nhöherrangigen Gerichts, eines anderen Spruchkörpers desselben Gerichts oder\n\neines anderen gleichgeordneten Gerichts abweicht (vgl. BGH Beschlüsse vom\n\n4. Juli 2002 - V ZB 75/02 - NJW 2002, 2957 und vom 5. November 2002 - VI ZB\n\n40/02 - NJW 2003, 437).\n\nDas ist hier nicht der Fall. Nach der von der Rechtsbeschwerde zitierten\n\nRechtsprechung des Bundesgerichtshofs hat ein Rechtsanwalt den Ablauf von\n\nRechtsmittelbegründungsfristen zwar nicht bei jeder Vorlage der Handakten,\n\naber dann eigenverantwortlich zu prüfen, wenn ihm die Akten im Zusammen-\n\nhang mit einer fristgebundenen Prozeßhandlung, insbesondere zu deren Bear-\n\nbeitung, vorgelegt werden (BGH Beschlüsse vom 25. März 1985 - II ZB 2/85 -\n\nVersR 1985, 552, vom 16. März 2000 - VII ZR 320/99 - HFR 2001, 297 und\n\nvom 5. November 2002 - VI ZB 40/02 - NJW 2003, 437). Dieser Rechtspre-\n\nchung ist - entgegen der Auffassung der Rechtsbeschwerde - schon nicht zu\n\nentnehmen, daß eine eigenverantwortliche Prüfung der Rechtsmittelbegrün-\n\ndungsfrist \"nur dann\" veranlaßt ist, wenn ihm die Handakte zur Vorbereitung der\n\n(später versäumten) Rechtsmittelbegründung vorgelegt wurde. Der Bundesge-\n\nrichtshof hat die eigene Prüfungspflicht des Rechtsanwalts stets auf alle Fälle\n\nerstreckt, in denen ihm die Handakte im Zusammenhang mit nur einer fristge-\n\nbundenen Prozeßhandlung vorgelegt wurde (BGH Beschlüsse vom 16. März\n\n2000 - VII ZR 320/99 - HFR 2001, 297, vom 25. November 1998 - XII ZB\n\n204/96 - FamRZ 1999, 649, vom 25. März 1985 - II ZB 2/85 - VersR 1985, 552,\n\nvom 14. Oktober 1987 - VIII ZB 16/87 - VersR 1988, 414 und vom 11. Februar\n\n1992 - VI ZB 2/92 - NJW 1992, 1632). Darauf, ob die Vorlage der Handakten\n\nwegen der Berufungsbegründungsfrist oder aus Anlaß einer anderen fristge-\n\nbundenen Prozeßhandlung erfolgt ist, kommt es mithin nicht an (vgl. Senatsbe-\n\nschluss vom 13. Oktober 1993 - XII ZB 120/93 - EzFamR ZPO § 234 Nr. 6).\n\nDas gilt schon deswegen, weil der Rechtsanwalt im Zusammenhang mit einer\n\nfristgebundenen Prozesshandlung eigenverantwortlich stets auch alle weiteren\n\nunerledigten Fristen einschließlich ihrer Notierung in den Handakten prüfen\n\nmuss. Für die Berufungsbegründungsfrist ist ihm das seit Inkrafttreten des Zivil-\n\nprozessreformgesetzes zum 1. Januar 2002 schon ab der Zustellung des Ur-\n\nteils möglich und zumutbar, weil der Ablauf der Begründungsfrist nicht mehr\n\nvom Zeitpunkt der Berufungseinlegung abhängt, sondern nach § 520 Abs. 2\n\nS. 1 ZPO zwei Monate ab Zustellung des vollständig abgefaßten Urteils beträgt.\n\nb) Entgegen § 575 Abs. 3 Nr. 2 ZPO hat die Rechtsbeschwerde nicht\n\ndargelegt, inwieweit das Oberlandesgericht gegen diese Rechtsgrundsätze zur\n\nSorgfaltspflicht eines Rechtsanwalts bei der Vorlage von Handakten für eine\n\nfristgebundene Prozesshandlung verstoßen hat.\n\nHahne\n\nSprick\n\nWeber-Monecke\n\nAhlt\n\nDose","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2004-02-11/xii-zb-263-03","cited_norms":[{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 574","ref_norm":"574","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 103","ref_norm":"103","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 520","ref_norm":"520","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 575","ref_norm":"575","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2004-02-11/xii-zb-263-03","retrieved":"2026-07-10 15:17:00.600145+00:00"},"card":{"id":"bgh/2004-02-11/xii-zb-263-03","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"XII. 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