{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"IX. Zivilsenat","decided":"2003-07-24","aktenzeichen":"IX ZR 131/00","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BGHR\n\nIX ZR 131/00\n\nBUNDESGERICHTSHOF\n\nBESCHLUSS\n\nvom\n\n24. Juli 2003\n\nin dem Rechtsstreit\n\nDer IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch den Vorsitzenden Richter\n\nDr. Kreft und die Richter Dr. Fischer, Dr. Ganter, Raebel und Kayser\n\nam 24. Juli 2003\n\nbeschlossen:\n\nDie Revision des Beklagten gegen das Urteil des 9. Zivilsenats\n\ndes Oberlandesgerichts Frankfurt am Main vom 1. März 2000 wird\n\nnicht angenommen.\n\nDer Beklagte hat die Kosten des Revisionsverfahrens zu tragen.\n\nDer Streitwert für die Revisionsinstanz wird auf 45.304,29 \n\n(88.607,49 DM) festgesetzt.\n\nGründe:\n\nDie Revision wirft keine ungeklärten Rechtsfragen von grundsätzlicher\n\nBedeutung auf und verspricht im Ergebnis (§ 563 ZPO a.F.) keinen Erfolg\n\n(§ 554b ZPO a.F.).\n\n1. Das veröffentlichte Berufungsurteil (OLG Frankfurt NJW-RR 2000,\n\n1367), durch welches dem Beklagten Gebühren in Höhe von 7.950 DM nebst\n\nErstattung von Auslagen und Umsatzsteuer zugebilligt worden sind, hat im\n\nStreitfall zu Unrecht einen Verstoß gegen das Transparenzgebot des § 9\n\nAGBG angenommen. Die möglicherweise grundsätzliche Rechtsfrage, ob diese\n\nVorschrift nach dem 31. Dezember 1994 über § 242 BGB schon vor dem In-\n\nkrafttreten von § 24a AGBG in richtlinienkonformer Auslegung angewendet und\n\nin dieser Zeit als zwingendes Recht gemäß Art. 29 Abs. 1 EGBGB angesehen\n\nwerden konnte, stellt sich daher für die Revision nicht.\n\n2. Entgegen der Ansicht des Berufungsgerichts betrug im Streitfall der\n\ngesetzliche Gebührenanspruch des deutschen Rechts nach dem maßgeben-\n\nden Wert des Erbteils - nicht des Nachlasses - nur 4.890 DM (je eine 10/10-\n\nGeschäftsgebühr und Besprechungsgebühr nach § 118 Abs. 1 Nr. 1 und 2\n\nBRAGO).\n\n3. Die Stundensatzvereinbarung in dem schriftlichen Vertrag der Partei-\n\nen vom 1. März 1996 war sittenwidrig (§ 138 Abs. 1 BGB), weil sie zu einer\n\nHonorarforderung des Beklagten führte, welche die gesetzlichen Gebühren um\n\nmehr als das Siebzehnfache überstieg (vgl. dazu bei Vereinbarung von Pau-\n\nschalhonoraren in Fällen mit kleineren und mittleren Streitwerten BGHZ 144,\n\n343, 346; BGH, Urt. v. 4. Juli 2002 - IX ZR 153/01, NJW 2002, 2774, 2775; zu\n\nStundensatzvereinbarungen BGH, Urt. v. 3. April 2003 - IX ZR 113/02, Um-\n\ndruck S. 9). Das auffällige Mißverhältnis zwischen Vergütungshöhe und erfor-\n\nderlicher Leistung rechtfertigt auch hier den Schluß auf die verwerfliche Gesin-\n\nnung desjenigen, der die überhöhte Vergütung fordert (vgl. BGHZ 144 aaO).\n\nZwar kann eine anwaltliche Honorarvereinbarung grundsätzlich das Sittenge-\n\nsetz nicht verletzen, wenn sie zu einem aufwandsangemessenen Honorar führt\n\n(BGH, Urt. v. 3. April 2003 aaO). Anwaltliche Honorarvereinbarungen dürfen\n\nauch im Hinblick auf die Verfassungsgarantie der Berufsausübungsfreiheit\n\n(Art. 12 Abs. 1 GG) in ihrer Rechtswirksamkeit nicht ohne zureichenden Sach-\n\ngrund beschnitten werden. Hier ist jedoch auch die äußerste Grenze eines\n\naufwandsangemessenen Honorars um jedenfalls annähernd das Doppelte\n\nüberschritten worden. Ein Rechtsanwalt handelt sittenwidrig, wenn er - wie\n\nhier - bei der Wahl ausländischen Rechts und der Vereinbarung eines Stun-\n\ndensatzes seinen Aufwand in grober Weise eigensüchtig aufbläht und bei den\n\nberechneten Einzeltätigkeiten und ihrer Dauer die objektiv gebotene Konzen-\n\ntration und Beschleunigung der Mandatswahrnehmung (Wirtschaftlichkeitsge-\n\nbot im Mandanteninteresse) wissentlich außer acht läßt.\n\n4. Die Rechtsfolge des Sittenverstoßes nach deutschem Recht konnte\n\ndurch die getroffene Rechtswahl (des amerikanischen Rechts) nicht aufgehal-\n\nten werden; denn das Mandat der Klägerin zur Durchsetzung der Erbschafts-\n\nansprüche nach ihrem verstorbenen Bruder war ein Verbrauchervertrag gemäß\n\nArt. 29 Abs. 1 Nr. 2 EGBGB. Die Ausnahme des Absatzes 4 Nr. 2 dieser Vor-\n\nschrift greift nicht ein, weil die Parteien als Erfüllungsort Frankfurt am Main\n\nvereinbart haben und der Beklagte seine Leistungen überwiegend in Deutsch-\n\nland erbracht hat.\n\n5. Die am 4. April 1996 nachträglich vereinbarte quota litis als Mindest-\n\nhonorar des Beklagten ist nach § 49b Abs. 2 Fall 2 BRAO, § 134 BGB nichtig.\n\nAuch die Rechtsfolge dieser zwingenden Norm konnte durch die Wahl des\n\namerikanischen Rechts nach Art. 29 Abs. 1 Nr. 2 EGBGB nicht umgangen wer-\n\nden. Auf die Frage, ob das Berufungsgericht dem deutschen anwaltlichen Be-\n\nrufsrecht insoweit mit Recht auch international zwingende Wirkung im Sinne\n\nvon Art. 34 EGBGB beigelegt hat und es hierbei von dem Senatsurteil BGHZ\n\n118, 312, 332 abgewichen ist, kommt es mithin für die Revision nicht an.\n\n6. Der Beklagte kann sich nicht anspruchsmindernd auf die abgeführte\n\nUmsatzsteuer nach seiner Kostenberechnung vom 7. Oktober 1996 berufen\n\n(vgl. § 17 UStG, §§ 169, 173 Abs. 1 Nr. 2 AO).\n\nKreft\n\nFischer\n\nGanter\n\nRaebel\n\nKayser","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2003-07-24/ix-zr-131-00","cited_norms":[{"jurabk":"BGB","ref":"§ 134","ref_norm":"134","n":1},{"jurabk":"BGB","ref":"§ 138","ref_norm":"138","n":1},{"jurabk":"BGB","ref":"§ 242","ref_norm":"242","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 12","ref_norm":"12","n":1},{"jurabk":"UStG 1980","ref":"§ 17","ref_norm":"17","n":1},{"jurabk":"AO 1977","ref":"§ 173","ref_norm":"173","n":1},{"jurabk":"AO 1977","ref":"§ 169","ref_norm":"169","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2003-07-24/ix-zr-131-00","retrieved":"2026-07-10 14:31:03.810804+00:00"},"card":{"id":"bgh/2003-07-24/ix-zr-131-00","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"IX. 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