{"status":"available","ecli":null,"court":"BGH","senate":"IX. Zivilsenat","decided":"2008-01-17","aktenzeichen":"IX ZB 20/07","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESGERICHTSHOF \n\nIX ZB 20/07 \n\nBESCHLUSS \n\nvom \n\n17. Januar 2008 \n\nin dem Insolvenzeröffnungsverfahren \n\nDer IX. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs hat durch den Vorsitzenden Richter \n\nDr. Fischer und die Richter Dr. Ganter, Raebel, Dr. Kayser und \n\nProf. Dr. Gehrlein \n\nam 17. Januar 2008 \n\nbeschlossen: \n\nDie Rechtsbeschwerde gegen den Beschluss der 6. Zivilkammer \n\ndes Landgerichts Aachen vom 6. Februar 2007 wird auf Kosten \n\nder Schuldnerin als unzulässig verworfen. \n\nDer Antrag des weiteren Beteiligten zu 3 vom 26. Oktober 2007 \n\nauf Gewährung von Prozesskostenhilfe für das Verfahren der \n\nRechtsbeschwerde wird abgelehnt. \n\nDer Wert des Gegenstandes der Rechtsbeschwerde wird auf \n\n26.744 € festgesetzt. \n\nGründe: \n\nI. \n\n1 \n\nDas Insolvenzgericht hat im Laufe des Eröffnungsverfahrens eine Reihe \n\nvon Sicherungsmaßnahmen getroffen, unter anderem durch Beschluss vom \n\n24. Januar 2007 eine Kontosperre angeordnet. Die hiergegen von der Schuld-\n\nnerin erhobene sofortige Beschwerde hat das Landgericht durch Beschluss \n\nvom 6. Februar 2007 zurückgewiesen. Am 18. Juni 2007 ist über das Vermögen \n\nder Schuldnerin das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Es ist nach Angaben \n\ndes weiteren Beteiligten zu 3 masseunzulänglich. Mit ihrer am 9. Februar 2007 \n\neingegangenen und mit Schriftsatz vom 27. August 2007 begründeten Rechts-\n\nbeschwerde begehrt die Schuldnerin die Aufhebung der Kontosperre. \n\nII. \n\n2 \n\nDie nach §§ 6, 7, 21 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO \n\nstatthafte Rechtsbeschwerde ist unzulässig, weil es der Schuldnerin an dem \n\nerforderlichen Rechtsschutzbedürfnis für die Durchführung des Rechtsbe-\n\nschwerdeverfahrens \n\nfehlt \n\n(vgl. BGHZ 158, 212, 216 f; HmbKomm-\n\nInsO/Schröder, 2. Aufl. § 21 Rn. 82). \n\n3 \n\n1. Die nach § 21 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 1 InsO angeordneten Siche-\n\nrungsmaßnahmen haben sich mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens erle-\n\ndigt. Eine ersetzende Sachentscheidung hierüber ist nicht mehr möglich. Die \n\nmit dem Hilfsantrag der Schuldnerin erstrebte Zurückverweisung der Sache zur \n\nerneuten Entscheidung über die Kontosperre ist wegen der eingetretenen pro-\n\nzessualen Überholung durch die Verfahrenseröffnung ebenfalls ausgeschlos-\n\nsen. \n\n4 \n\nDie Schuldnerin ist auch nicht zu einem Fortsetzungsfeststellungsantrag \n\nübergegangen. Ein solcher wäre allerdings ebenfalls unzulässig. Eine solche \n\nRechtsschutzform ist weder in der Zivilprozessordnung noch in der Insolvenz-\n\nordnung allgemein vorgesehen. Sie findet daher im Insolvenzverfahren nur \n\nstatt, wenn eine tiefgreifende Grundrechtsverletzung zum Nachteil der Schuld-\n\nnerin oder eine fortwirkende Beeinträchtigung, welche eine Sachentscheidung \n\ntrotz Erledigung des ursprünglichen Rechtsschutzziels ausnahmsweise erfor-\n\ndert, möglich erscheinen (vgl. BGHZ, aaO S. 216 f; BGH, Beschl. v. 12. Oktober \n\n2006 - IX ZB 34/05, WM 2006, 2329, 2330; v. 11. Januar 2007 - IX ZB 271/04, \n\nZIP 2007, 438 f). Solche Rechtsschutzgründe sind nach der Verfahrenseröff-\n\nnung im Rechtsmittelverfahren nicht ersichtlich und werden von der Schuldnerin \n\nauch nicht geltend gemacht. Die Wirksamkeit der Verfahrenseröffnung wird von \n\nihr nicht in Zweifel gezogen. \n\n5 \n\n2. Bei dem besonders schwerwiegenden Eingriff in das Grundrecht der \n\nFreiheit der Person hält das Bundesverfassungsgericht ein Rechtsschutzbe-\n\ndürfnis für einen Fortsetzungsfeststellungsantrag unabhängig davon für gege-\n\nben, ob die Gerichte bei typischem Ablauf des Verfahrens rechtzeitig eine Ent-\n\nscheidung treffen können (BVerfGE 104, 220, 234; vgl. auch BGH, Beschl. v. \n\n12. Oktober 2006 - IX ZB 34/05, aaO S. 2330). Hierzu zählt die Anordnung ei-\n\nner Kontosperre, die allein in die Vermögenssphäre der Gesellschaft eingreift, \n\nnicht. Dies wird von der Rechtsbeschwerde auch nicht geltend gemacht. \n\nII. \n\n6 \n\nDas Ersuchen des weiteren Beteiligten zu 3, ihm für den angekündigten \n\nAntrag, die Rechtsbeschwerde der Schuldnerin zurückzuweisen, Prozesskos-\n\ntenhilfe zu gewähren, ist abzulehnen. Nach § 4 InsO in Verbindung mit §§ 114 ff \n\nZPO kann im Rechtsmittelverfahren gegen Anordnungen nach §§ 21, 22 InsO \n\naus dem Kreis der förmlich hinzugezogenen weiteren Beteiligten nur den Per-\n\nsonen Prozesskostenhilfe gewährt werden, die in dem Verfahren eigene Rechte \n\nverfolgen können. Dies ergibt sich daraus, dass Prozesskostenhilfe im Aus-\n\ngangspunkt nur der \"Partei\" gewährt werden kann (§ 114 Abs. 1 Satz 1 ZPO). \n\nDieser Begriff ist allerdings weit auszulegen (vgl. Musielak/Fischer, ZPO 5. Aufl. \n\n§ 114 Rn. 2; Zöller/Philippi, ZPO 26. Aufl. § 114 Rn. 6); es ist deshalb aner-\n\nkannt, dass die Vorschrift auch Antragsteller, Antragsgegner sowie die Streithel-\n\nfer der Parteien erfasst \n\n(vgl. Hk-ZPO/Pukall, 2. Aufl. § 114 Rn. 5; \n\nMusielak/Fischer, aaO Rn. 2; Zöller/Philippi, aaO Rn. 6). Der weitere Beteiligte \n\nzu 3 gehört im Streitfall als vorläufiger Insolvenzverwalter indes nicht zu diesem \n\nPersonenkreis (vgl. MünchKomm-InsO/Ganter, 2. Aufl. § 4 Rn. 21 ff). Er kann \n\nSicherungsmaßnahmen zwar anregen, aber nicht erzwingen. Ein eigenes Be-\n\nschwerderecht räumt ihm die Insolvenzordnung weder gegen die Ablehnung \n\nangeregter noch gegen die Aufhebung einmal angeordneter Sicherungsmaß-\n\nnahmen ein (vgl. § 21 Abs. 1 Satz 2 InsO; BGH, Beschl. v. 26. Oktober 2006 \n\n- IX ZB 163/05, ZInsO 2007, 34, 35; MünchKomm-InsO/Haarmeyer, aaO § 21 \n\nRn. 41). \n\nFischer Ganter Raebel \n\n Kayser Gehrlein \n\nVorinstanzen: \n\nAG Aachen, Entscheidung vom 23.01.2007 - 92 IN 9/07 - \n\nLG Aachen, Entscheidung vom 06.02.2007 - 6 T 19/07, 23/07 u. 24/07 -","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2008-01-17/ix-zb-20-07","cited_norms":[{"jurabk":"InsO","ref":"§ 21","ref_norm":"21","n":3},{"jurabk":"InsO","ref":"§ 6","ref_norm":"6","n":1},{"jurabk":"InsO","ref":"§ 7","ref_norm":"7","n":1},{"jurabk":"InsO","ref":"§ 22","ref_norm":"22","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 114","ref_norm":"114","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 574","ref_norm":"574","n":1},{"jurabk":"InsO","ref":"§ 4","ref_norm":"4","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bgh/2008-01-17/ix-zb-20-07","retrieved":"2026-07-10 19:13:08.653324+00:00"},"card":{"id":"bgh/2008-01-17/ix-zb-20-07","court":"BGH","court_id":"bgh","court_as_stated":"BGH","panel":"IX. 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