{"status":"available","doknr":"OLD301084","ecli":"ECLI:DE:VGAC:2001:0906.7K1751.96.00","court":"Verwaltungsgericht Aachen","senate":null,"decided":"2001-09-06","aktenzeichen":"7 K 1751/96","doktyp":"Urteil","leitsatz":null,"text_plain":"Tenor\n\n Die Bescheide des Gemeindedirektors der Gemeinde I. vom 10. \nFebruar 1994 in der Fassung der Änderungsbescheide vom 8. und 18. Juli 1994 und \nder Bescheid vom 30. Januar 1995, jeweils in der Fassung des Widerspruchs-\nbescheides vom 21. Mai 1996, werden insoweit aufgehoben, als der Kläger mit ihnen \nzu Kanalbenutzungsgebühren für das Jahr 1994 in Höhe von mehr als 13,52 DM und \nfür das Jahr 1995 in Höhe von 270,54 DM herangezogen wird.\n\n Der Beklagte trägt die Kosten des Verfahrens.\n\n Das Urteil ist hinsichtlich der Kostenentscheidung vorläufig vollstreckbar. Der \nBeklagte kann die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe des \nbeizutreibenden Betrages abwenden, wenn nicht der Kläger vor der Vollstreckung \nSicherheit in derselben Höhe leistet.\n\n1\n\n Tatbestand:\n\n2\n\nDer Kläger ist Eigentümer des Grundstückes J. -straße 00 in der Gemeinde \nI. .\n\n3\n\nDer Gemeindedirektor der Gemeinde I. als Funktionsvorgänger des \njetzigen Beklagten zog den Kläger mit Bescheid vom 10. Februar 1994 zu \nKanalbenutzungsgebühren für das Jahr 1994 auf der Grundlage eines \nangenommenen Mindestverbrauchs von 60 cbm à 10,02 DM/cbm heran. Hiergegen \nlegte der Kläger Widerspruch ein und begründete diesen dahingehend, dass der \nzugrundegelegte Mindestverbrauch rechtswidrig sei, da jeder Bezug zur \ntatsächlichen Inanspruchnahme fehle. In seinem Fall habe der an sich für die \nBemessung der Kanalbenutzungsgebühr maßgebliche Frischwasserbezug des \nVorjahres 1993 nur 3 cbm betragen.\n\n4\n\nMit Verfügung der Bezirksregierung Köln vom 8. Juni 1994 wurden der Gemeinde \nI. 500.000,-- DM zum Ausgleich besonderen Bedarfs gemäß § 16 \nGemeindefinanzierungsgesetz 1994 zugewiesen. Die Bewilligung erfolgte unter der \nVoraussetzung, dass die Gemeinde I. im laufenden Haushaltsjahr 1994 den \nAbwassergebührensatz von 10,02 DM/cbm beibehielt und die Gebührenzahler an \nder Bedarfszuweisung partizipieren ließ. Daraufhin reduzierte der Gemeindedirektor \nder Gemeinde I. mit \"Änderungsmitteilung\" vom 8. Juli 1994 die Gebühr um \n100,80 DM, indem er für das zweite Halbjahr 1994 einen Gebührensatz von \n6,66 DM/cbm zugrundelegte. Mit Änderungsbescheid vom 18. Juli 1994 senkte der \nGemeindedirektor die Kanalbenutzungsgebühren nochmals um 99,90 DM, indem er \nfür das zweite Halbjahr 1994 den Mindestverbrauch von 30 cbm/Jahr anteilig \nzugrundelegte (Inkrafttreten der 9. Änderungssatzung zur Beitrags- und \nGebührensatzung zur Entwässerungssatzung der Gemeinde I. zum 1. Juli \n1994). Hiergegen wandte sich der Kläger mit Schreiben vom 29. Juli 1994 und \nmachte geltend, dass die Senkung auf 30 cbm nicht ausreichend sei.\n\n5\n\nMit Bescheid vom 30. Januar 1995 zog der Gemeindedirektor der Gemeinde \nI. den Kläger unter anderem zu Kanalbenutzungsgebühren für das Jahr 1995 \nin Höhe von 300,60 DM unter Zugrundelegung eines Mindestverbrauchs von 30 cbm \nà 10,02 DM/cbm heran. Hiergegen legte der Kläger Widerspruch ein, mit dem er sich \nwiederum gegen die Heranziehung auf der Grundlage einer Mindestgröße wandte, \ndie nicht an seinem konkreten Verbrauch in Höhe von 6 cbm im Vorjahr ausgerichtet \nsei.\n\n6\n\nDer Gemeindedirektor der Gemeinde I. gab den Widersprüchen mit \nBescheid vom 21. Mai 1996 teilweise statt: Er forderte für das Jahr 1994 eine Gebühr \nvon insgesamt 103,43 DM und legte dabei für das erste Halbjahr 1994 die Hälfte des \ntatsächlichen Vorjahresverbrauchs von 3 cbm sowie den Gebührensatz von \n10,02 DM/cbm nur zu 90 % im Hinblick auf den bloßen Schmutzwasseranschluss \ndes Klägers zugrunde. Für das zweite Halbjahr 1994 und das Jahr 1995 \nberücksichtigte er weiterhin gebührenmindernd den 90 %igen Gebührensatz. Daraus \nergibt sich ein Gebührenbetrag in Höhe von 89,91 DM für das zweite Halbjahr 1994 \n(30 cbm anteilig zu 6,66 DM zu 90%) und in Höhe von 270,54 DM für 1995 (30 cbm \nzu 10,02 DM zu 90%). J. Übrigen wies er die Widersprüche als unbegründet zurück. \nEr verwies darauf, dass die Regelung der Beitrags- und Gebührensatzung über die \nErhebung einer reduzierten Mindestgebühr in Höhe von 30 cbm/Jahr/Anschluss eine \nnach § 6 Abs. 3 Satz 3, letzter Hs des Kommunalabgabengesetzes für das Land \nNordrhein-Westfalen (KAG NRW) zulässige Pauschalierung beinhalte.\n\n7\n\nDer Kläger hat am 8. Juni 1996 Klage erhoben. Zur Begründung trägt er \nergänzend vor, dass die Anforderungen des Kommunalabgabengesetzes an eine \nMindestgebühr auch durch die neue Satzungsregelung mit einem berechneten \nMindestverbrauch in Höhe von 30 cbm/Jahr/Anschluss noch nicht erfüllt seien. Eine \nTypisierung sei aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung nur zulässig, wenn nicht \nnur die Zahl der atypischen Fälle gering, d.h. unter 10 % läge, sondern zusätzlich \n- nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts - die Auswirkungen für \ndie Betroffenen auch geringfügig seien. Dies sei bei den hohen Gebührensätzen in \nI. nicht der Fall.\n\n8\n\nWeiter wendet er sich gegen die Kalkulation des Gebührensatzes. Sie enthalte \nviele nicht betriebsnotwendige Kosten, so zum Beispiel für die überflüssigen und \nunnötig aufwändigen Kanaltrassen, für die unnötige Ableitung und Behandlung von \nerheblichen Fremdwassermengen und der daraus resultierenden Überkapazität der \nKläranlage Schleiden, und sei zudem nicht ausreichend nachvollziehbar. Angesichts \nder erheblichen Kosten für die Ableitung des Fremdwassers sei auch der \nGebührenabschlag in Höhe von 10 % für reine Schmutzwasseranschlüsse nicht \nausreichend.\n\n9\n\nIn der mündlichen Verhandlung hat der Kläger zur Erläuterung seines \nKlagebegehrens erklärt, dass es ihm um die Aufhebung der Heranziehung zu \nKanalbenutzungsgebühren für den Zeitraum ab dem 1. Juli 1994 gehe.\n\n10\n\nDer Kläger beantragt,\n\n11\n\n den Bescheid des Gemeindedirektors der Gemeinde \nI. vom 10. Februar 1994 in der Gestalt der \nÄnderungsbescheide vom 8. Juli 1994 und vom \n18. Juli 1994 und den Bescheid des Gemeinde-\ndirektors der Gemeinde I. vom 30. Januar \n1995 sowie den Widerspruchsbescheid des \nGemeindedirektors der Gemeinde I. vom 21. \nMai 1996 aufzuheben, soweit er mit diesen \nBescheiden zu Kanalbenutzungsgebühren für die \nJahre 1994 und 1995 herangezogen wird.\n\n12\n\nDer Beklagte beantragt,\n\n13\n\n die Klage abzuweisen.\n\n14\n\nEr trägt ergänzend vor, die Mindestgebühr sei durch die 9. und 18. \nÄnderungssatzung mit Rückwirkung zum 1. Januar 1993 auf einen Betrag reduziert \nworden, der sich bei einem Frischwasserbezug von 30 cbm ergebe. Die \nVoraussetzungen einer zulässigen Typisierung seien danach erfüllt, weil weniger als \n10 % aller Gebührenpflichtigen weniger als 30 cbm eingeleitet hätten. Die \nzugrundegelegte Satzung sei auch im Übrigen wirksames Ortsrecht. Rechtsfehler bei \nder Gebührenkalkulation lägen nicht vor.\n\n15\n\nWegen der weiteren Einzelheiten des Sach- und Streitstandes wird auf den Inhalt \nder Gerichtsakte, der beigezogenen Verwaltungsvorgänge und auf das Protokoll der \nmündlichen Verhandlung vom 22. August 2001 verwiesen.\n\n16\n\nEntscheidungsgründe:\n\n17\n\nDie Klage ist begründet.\n\n18\n\nDie Kammer legt dabei das Klagebegehren des Klägers dahingehend aus, dass \ner wegen des Charakters der Gebühr als (antizipierte) Jahresgebühr die Festsetzung \nfür 1994 nur insoweit angreift, als sie den Betrag von 13,52 DM - der vom \nGemeindedirektor für das erste Halbjahr 1994 der Berechnung zugrundegelegt \nworden ist - übersteigt.\n\n19\n\nDie Heranziehungsbescheide des Gemeindedirektors der Gemeinde I. vom \n10. Februar 1994 in der Fassung der Änderungsbescheide vom 8. und 18. Juli 1994 \nsowie der Bescheid vom 30. Januar 1995, jeweils in Gestalt des \nWiderspruchsbescheides vom 21. Mai 1996, sind im angefochtenen Umfang \nrechtswidrig und verletzen den Kläger in seinen Rechten, § 113 Abs. 1 Satz 1 der \nVerwaltungsgerichtsordnung (VwGO).\n\n20\n\nDen Heranziehungsbescheiden fehlt eine wirksame Rechtsgrundlage. Die vom \nBeklagten als Rechtsgrundlage angeführte Beitrags- und Gebührensatzung zur \nEntwässerungssatzung der Gemeinde I. in der Fassung der 9. und 18. \nÄnderungssatzung, für 1995 zusätzlich in der Fassung der 11. Änderungssatzung, \n(BGS) ist wegen Verstoßes gegen höherrangiges Recht nichtig, weil schon der in § 9 \nBGS geregelte Gebührenmaßstab unwirksam ist. Die Unwirksamkeit des \nGebührenmaßstabes folgt aus der Unwirksamkeit der Regelung in § 9 Abs. 3 Satz 2 \nBGS, der über § 9 Abs. 4 Satz 2 BGS auch auf landwirtschaftliche Grundstücke \nAnwendung findet. Nach § 9 Abs. 3 Satz 2 BGS ist der in § 9 Abs. 2 Satz 1, Abs. 3 \nSatz 1, Abs. 4 Satz 1 und Satz 3 BGS grundsätzlich vorgesehene Abzug der \nnachweislich auf dem Grundstück verbrauchten oder zurückgehaltenen \nWassermengen insoweit ausgeschlossen, als dadurch die gebührenpflichtige \nWassermenge von 40 cbm/Jahr für jede am 20. September des Vorjahres auf dem \nGrundstück gemeldete Person unterschritten wird. Diese Ausschlussregelung \nverstößt gegen den allgemeinen Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 des \nGrundgesetzes (GG) und ist deshalb nichtig. Sie ist weder als pauschalierender Teil \neines gültigen Wahrscheinlichkeitsmaßstabes mit Festlegung eines (zusätzlichen) \nMindestverbrauchs noch durch Grundsätze der Typengerechtigkeit oder der \nVerwaltungspraktikabilität gerechtfertigt.\n\n21\n\nDer Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG verlangt vom Satzungsgeber, Gleiches \ngleich und Ungleiches seiner Eigenart entsprechend verschieden zu behandeln. Aus \ndem allgemeinen Gleichheitssatz ergeben sich je nach Regelungsgegenstand und \nDifferenzierungsmerkmalen unterschiedliche Grenzen für den Gesetzgeber, die vom \nbloßen Willkürverbot bis zu einer strengen Bindung an \nVerhältnismäßigkeitserfordernisse reichen,\n\n22\n\nvgl. zu den Anforderungen an die Prüfung des \nGleichheitsgrundsatzes nach der neueren Rechtsprechung des \nBVerfG, dessen Beschluss vom 8. Februar 1994 - 1 BvR 1237/85 -, \nBVerwGE 89, 365.\n\n23\n\nBenutzungsgebühren sind nach § 6 Abs. 3 KAG NRW unter Berücksichtigung \ndes Gleichheitsgedankens grundsätzlich am Maß der Inanspruchnahme \nauszurichten. Durchbrechungen des Gleichheitssatzes durch Typisierungen und \nPauschalierungen können insbesondere bei der Regelung von \nMassenerscheinungen durch Erwägungen der Verwaltungsvereinfachung und -\npraktikabilität gerechtfertigt sein, solange die durch jede typisierende Regelung \nentstehende Ungerechtigkeit noch in einem angemessenen Verhältnis zu den \nerhebungstechnischen Vorteilen der Typisierung steht und die Zahl der Ausnahmen \ngering ist. Die Grenze liegt dort, wo ein sachlich einleuchtender Grund für die \ngesetzliche Differenzierung wesentlich gleicher oder die gesetzliche \nUngleichbehandlung wesentlich ungleicher Sachverhalte auch mit Blick auf die \nVerwaltungsvereinfachung fehlt,\n\n24\n\nvgl. BVerwG, Urteil vom 28. März 1995 - 8 N 3/93 -, NVwZ-\nRR, 1995, 594, so auch OVG NRW, Urteile vom 18. März 1996 - 9 \nA 384/93 - und vom 16. September 1996 - 9 A 1722/96 -.\n\n25\n\nFür den Fall einer Satzungsregelung, die pro Grundstück nur Werte oberhalb von \n60 cbm zum Abzug zuließ, hat das Bundesverwaltungsgericht in seiner Entscheidung \nvom 28. März 1995 darauf abgestellt, ob die Relation der eingeleiteten zu den auf \ndem Grundstück verbrauchten Mengen für alle betroffenen Verbraucher im \nWesentlichen gleich sei. Da dort die Feststellung nicht getroffen werden konnte, dass \npraktisch alle betroffenen Verbraucher einen im Wesentlichen quantitativ gleichen \nAnteil des bezogenen Wassers der Kanalisation nicht zuführten, war das \nBundesverwaltungsgericht der Ansicht, dass von dem Grenzwert nicht nur in \natypischen Ausnahmefällen, sondern regelmäßig erhebliche und damit nicht mehr zu \nrechtfertigende benachteiligende Wirkungen ausgingen. Zudem sei angesichts des \nEinsatzes elektronischer Datenverarbeitung und der damit gegebenen Möglichkeit \nzur unmittelbaren Berücksichtigung des Absetzbetrages bei der Veranlagung keine \nerhebliche Verwaltungsvereinfachung erkennbar,\n\n26\n\nvgl. BVerwG, Urteil vom 28. März 1995 a.a.O., so auch OVG \nNRW, Urteile vom 18. März 1996 und vom 16. September 1996, \na.a.O. .\n\n27\n\nBei der vorliegenden Regelung nach § 9 Abs. 2 Satz 1, Abs. 3 Satz 1 und Abs. 4 \nSatz 1 und 3 BGS ist anders als in dem der Entscheidung des \nBundesverwaltungsgerichts zugrundeliegenden Fall grundsätzlich der Abzug jeder \nnachweislich auf dem Grundstück verbrauchten oder zurückgehaltenen \nWassermenge zugelassen. Ein Ausschlusstatbestand wird in § 9 Abs. 3 Satz 2 BGS \ninsoweit normiert, als pro Person, die auf dem Grundstück zum Stichtag gemeldet ist, \nein Wert in Höhe von 40 cbm/Jahr verbleiben muss. Damit scheidet als \nRechtfertigungsgrund das vom Satzungsgeber im Übrigen auch nicht in dem Blick \ngenommene Ziel einer Verwaltungsvereinfachung schon deshalb aus, weil sogar \nKleinstmengen zum Abzug zugelassen werden, sofern nur die in die Kanalisation \neingeleitete bezogene Wassermenge oberhalb der Grenze von 40 cbm/Person/Jahr \nliegt. \n\n28\n\nEs kann hier ferner nicht festgestellt werden, dass die Regelung, die hinsichtlich \ndes Abzuges alle (auch nur zeitweise) bewohnten Grundstücke unabhängig von den \nindividuellen Nutzungsverhältnissen nach Maßgabe der Zahl der dort gemeldeten \nPersonen gleich behandelt, entsprechend den Vorgaben des \nBundesverwaltungsgerichts einer Typengerechtigkeit folgt, die das Außerachtlassen \nuntypischer Einzelfälle rechtfertigt. Die typischen Gründe für das Nichteinleiten von \nWassermengen in erheblicher Größenordnung haben grundsätzlich keinen Bezug zu \nder Zahl der auf dem Grundstück gemeldeten Personen, sondern bestimmen sich \nmaßgeblich danach, ob auf dem Grundstück gewerbliche, gärtnerische oder \nlandwirtschaftliche Nutzungen gegebenenfalls mit Tierhaltung stattfinden, für die ein \ngewisser Anteil des bezogenen Wassers verbraucht oder zurückgehalten wird. \nSolche Nutzungen kommen im Bereich der Gemeinde I. mit weitläufigen \nlandwirtschaftlichen Flächen in nicht unerheblichem Umfang vor. Dadurch werden bei \nhoher gemeldeter Personenzahl und geringer Einleitung unter Umständen selbst \nerhebliche Mengen auf dem Grundstück verbrauchten Wassers nicht zum Abzug \nzugelassen. Augenfällig wird die hierin liegende Ungleichbehandlung bei \nZweitwohnungsinhabern, die wegen nur unregelmäßiger Anwesenheit nur wenig \nWasser in die Kanalisation einleiten, aber zur Gartenbewässerung oder aufgrund von \nTierhaltung auf ihrem Grundstück einen erheblich höheren Frischwasserbezug \nhaben. Es kann bei dieser Regelung über die Beschränkung der Abzugsmenge nicht \ndavon ausgegangen werden, dass entsprechend den Vorgaben des \nBundesverwaltungsgerichts unabhängig von diesen individuellen Besonderheiten \njeweils ein relativ gleicher Anteil des pro Person bezogenen und vom Abzug \nausgeschlossenen Wassers auf dem Grundstück einerseits in die Kanalisation \neingeleitet und andererseits auf dem Grundstück verbraucht wird.\n\n29\n\nAls Rechtfertigung kann auch nicht angeführt werden, dass die vom Abzug \nausgeschlossene Menge von 40 cbm/Person/Jahr unterhalb des durchschnittlichen \nPro-Kopf-Wasserverbrauchs in der Bundesrepublik liegt. Dieser Durchschnittswert \ngibt gerade keinen Aufschluss darüber, inwieweit die individuellen \nBenutzungsverhältnisse voneinander abweichen und wieweit sie einem gleichen \nTypenmuster folgen. Die dadurch bei großer Zahl der auf dem Grundstück \ngemeldeten Personen ermöglichte Gebührenveränderung hat wegen der hohen \nGebührensätze eine besonders weitreichende Auswirkung.\n\n30\n\nAus den gleichen Gründen kann die Regelung auch als pauschalierender Teil \neiner (Mindest-)Maßstabsregelung keinen Bestand haben.\n\n31\n\nDie Nichtigkeit des Ausschlusstatbestandes führt auch zur Nichtigkeit des \nFrischwassermaßstabes und damit zur Gesamtnichtigkeit der Satzung. Denn es kann \nnicht davon ausgegangen werden, dass der Satzungsgeber, wenn er von der \nNichtigkeit der Grenzwertregelung gewusst hätte, an dem Frischwasserbezug ohne \njede Einschränkung der Abzugsmöglichkeit festgehalten hätte,\n\n32\n\nvgl. so auch OVG NRW, Urteile vom 18. März 1996 und vom \n16. September 1996, a.a.O.; Schulte in Driehaus, Kommentar zum \nKommunalabgabenrecht, Stand 20. Erg.Lfg (März 1999), § 6 \nRn. 384b, a.A. Hessischer VGH, Urteil vom 19. September 1996, \n- 5 UE 3355/94 -, KStZ 1998, 36: nur Teilnichtigkeit der Abzugs-\nausschlussregelung.\n\n33\n\nGerade die vom Abzug ausgeschlossene hohe Wassermenge pro Person kann \naufgrund der erheblichen Zahl der in der Gemeinde I. ansässigen \nlandwirtschaftlichen Betriebe zu einer Veränderung der Gebührenstruktur führen und \ndamit bei ihrem Wegfall u.U. auch eine veränderte Kalkulation des Gebührensatzes \nerforderlich machen.\n\n34\n\nDie Nichtigkeit der Satzungsregelung als Rechtsgrundlage für die Veranlagung \ndes Klägers folgt aber zudem noch aus den Vorschriften des § 9 Abs. 7 Satz 1, Hs 2 \nBGS und des § 9 Abs. 4 Satz 4 BGS für landwirtschaftliche Grundstücke. Beide \nVorschriften sehen vor, dass pro Anschluss ein Wasserverbrauch von mindestens \n30 cbm/Jahr berechnet wird. Dies kann entweder als ein pauschalierender \nMindestmaßstab oder als eine sogenannte Mindestgebühr im Sinne von § 6 Abs. 3 \nSatz 3 KAG NRW zu verstehen sein. Eine Mindestgebühr wird nach allgemeinem \nVerständnis für die tatsächliche, uneingeschränkte Inanspruchnahme der \ngemeindlichen Abwasserentsorgungseinrichtung, wenn auch nur in geringem \nUmfang, erhoben und dient der Deckung sämtlicher mit der Leistungserstellung \nverbundenen Kosten. Sie stellt sich als eine für den unteren Bereich der \nInanspruchnahme pauschalierte Arbeits- oder Verbrauchsgebühr dar, die nicht mehr \nals Mindestgebühr in Erscheinung tritt, wenn der Mindestbetrag bei entsprechender \nInanspruchnahme überschritten wird,\n\n35\n\nvgl. BVerwG, Urteil vom 1. August 1986 - 8 C 112.84 -, NVwZ \n1987, 231, OVG NRW, Urteile vom 5. September 1985 - 2 A \n2499/83 - , KStZ 1986, 117 und vom 20. Mai 1996 - 9 A 5654/94 -, \nNVwZ-RR 1997, 314, VGH Bad. - Württ., Beschluss vom 5. \nSeptember 1996 - 2 S 893/95 -, NVwZ-RR 1997, 732.\n\n36\n\nDurch die Mindestgebühr oder den pauschalierenden Mindestmaßstab erfolgt \neine Ungleichbehandlung von Anschlussnehmern, die weniger als die hier \nvorgesehene Mindestverbrauchsmenge von 30 cbm pro Jahr einleiten, gegenüber \ndenjenigen, die diese Menge überschreiten. Für diese Ungleichbehandlung fehlt es \nhier an der im Hinblick auf Art. 3 Abs. 1 GG erforderlichen Rechtfertigung. Als \nRechtfertigungsgründe kommen wie oben bereits im Einzelnen ausgeführt Gründe \nder Verwaltungsvereinfachung und der sogenannten Typengerechtigkeit in Betracht, \nin denen der Satzungsgeber an die typischen Regelfälle eines Sachbereichs \nanknüpfen und eine nicht ins Gewicht fallende Zahl atypischer Ausnahmefälle \nvernachlässigen darf,\n\n37\n\nvgl. BVerwG, Urteil vom 16. September 1981 - 8 C 48.81 -, \nKStZ 1982, 69.\n\n38\n\nDer Gesichtspunkt der Verwaltungsvereinfachung scheidet vorliegend als \nRechtfertigungsgrund aus. Wählt eine Gemeinde wie hier den \nFrischwasserverbrauchsmaßstab als Bezugsgröße für die Bemessung der \nKanalbenutzungsgebühr, so erspart sie sich durch die Veranlagung zu einer \nMindestgebühr oder auf der Grundlage eines pauschalierenden Mindestmaßstabes \nkeinen Verwaltungsaufwand, da die exakte Zahl der bezogenen Wassermengen \ndurch Ablesung der Wasseruhren ohnehin ermittelt wird,\n\n39\n\nvgl. auch VGH Bad. Württ., Beschluss vom 5. September \n1996, a.a.O. und Urteil vom 27. November 1991 - 5 N 2684/86 -, \nzitiert nach juris.\n\n40\n\nAuch sonstige durchgreifende Rechtfertigungsgründe liegen nicht vor. Nach \nAuffassung des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen kann die \nUngleichbehandlung zwar auch im Hinblick darauf gerechtfertigt werden, dass die \nMindestgebühr dem Zweck diene, die invariablen Kosten der in Anspruch \ngenommenen Vorhalteleistung zu decken, soweit dies nicht durch die Arbeits- oder \nVerbrauchsgebühr bereits gewährleistet sei. Daher müsse die Mindestgebühr gerade \nnicht nach dem Umfang der Inanspruchnahme der vollen Leistung bemessen \nwerden,\n\n41\n\nvgl. OVG NRW, Urteil vom 5. September 1985, a.a.O. und \nvom 20. Mai 1996, a.a.O.\n\n42\n\nNach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts dagegen soll dieser \nGesichtspunkt nicht geeignet sein, den in der Erhebung einer Mindestgebühr \nliegenden Mangel an Differenzierung zu rechtfertigen. Dieser Gesichtspunkt sei \neinzig bei einer verbrauchsunabhängigen, das Maß der Benutzung im Einzelfall nicht \nberücksichtigenden (Grund-)Gebühr tragfähig,\n\n43\n\n BVerwG, Urteil vom 1. August 1986, a.a.O.\n\n44\n\nUnabhängig von der Entscheidung des zuvor angesprochenen Problems und der \ndamit letztlich verbundenen Frage, ob die durch die Mindestgebühr belasteten \nGeringbenutzer nicht schon wegen des Systems der Ermittlung des Gebührensatzes \n(Aufwand ./. Gesamtmenge des im Gemeindegebiet bezogenen Frischwassers) in \nausreichendem Maß an den invariablen Kosten teilhaben, stellt sich die in Rede \nstehende Gebührenregelung hier schon infolge einer Verletzung des \nÄquivalenzprinzips als rechtswidrig dar. Dieses verlangt, dass die Höhe der Gebühr \nnicht in einem offensichtlichen Missverhältnis zur Inanspruchnahme steht,\n\n45\n\nvgl. VGH Bad. - Württ., Urteil vom 5. September 1996 , \na.a.O.\n\n46\n\nAuch wenn vorliegend nach den Ausführungen des Beklagten die Zahl der zur \nMindestgebühr veranlagten Fälle mit einem Verbrauch von weniger als 30 cbm unter \n10 % liegt und somit relativ gering ist, so muss nach dem Äquivalenzprinzip \nzusätzlich gewährleistet sein, dass die mit der Mindestgebühr erhobene \nAbwassergebühr nicht ein Vielfaches der rein verbrauchsbezogen berechneten \nAbwassergebühr ergibt,\n\n47\n\nvgl. zu einer ähnlich formulierten Grenze für die Erhebung der \nMindestgebühr in Höhe des doppelten tatsächlichen \nWasserverbrauchs auch VGH Bad. - Württ., Urteil vom 5. \nSeptember 1996, a.a.O.\n\n48\n\nHier zahlt der Kläger als Zweitwohnungsinhaber für die Jahre 1994 und 1995 \njeweils für eine Mindestbezugsmenge von 30 cbm, obwohl er im maßgeblichen \nVorjahreszeitraum nur einen Verbrauchsmenge von 3 cbm (1993) bzw. 6 cbm (1994) \nhatte. Diese Vervielfachung der tatsächlichen Inanspruchnahme der \nEntsorgungsleistung bei der Gebührenbemessung sprengt jedenfalls den Rahmen \ndessen, was bei der Mindestgebührenbemessung im Hinblick auf die anfallenden \nVorhalteleistungen pauschal vernachlässigt werden kann.\n\n49\n\nAuch die Nichtigkeit der Mindestgebühren- oder Mindestmaßstabsregelung führt \nzur Gesamtnichtigkeit der Satzung, da hier - anders als in dem der Entscheidung des \nOberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen vom 20. Mai 1996 \n- 9 A 5654/94 - zugrundeliegenden Sachverhalt keine besonderen Anhaltspunkte \ndafür vorliegen, dass der Ortsgesetzgeber die Satzung auch ohne die nichtige \nRegelung erlassen haben würde.\n\n50\n\nBei dieser Sachlage kann offenbleiben, ob die Gebührenkalkulation der \nGemeinde I. (jedenfalls im Ergebnis) den Anforderungen des § 6 Abs. 1, 2 \nKAG NRW entspricht.\n\n51\n\nDie Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 1 VwGO, die Entscheidung zur \nvorläufigen Vollstreckbarkeit beruht auf § 167 VwGO i.V.m. §§ 708 Nr. 11, 711 der \nZivilprozessordnung.","source":"openlegaldata","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/301084","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/vg-aachen/2001-09-06/7-k-1751-96","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":3},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 113","ref_norm":"113","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 167","ref_norm":"167","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 154","ref_norm":"154","n":1}],"authoritative_source":"https://de.openlegaldata.io/case/301084","attribution":{"source":"Open Legal Data","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/301084","license":"Open Database License (ODbL) v1.0","license_url":"https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/","notice":"Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0."},"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/vg-aachen/2001-09-06/7-k-1751-96","upstream":"https://de.openlegaldata.io/case/301084","retrieved":"2026-07-09 03:26:18.745048+00:00"}}