{"status":"available","doknr":"OLD344419","ecli":"ECLI:DE:OVGNRW:2022:0311.18B242.22.00","court":"Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen","senate":null,"decided":"2022-03-11","aktenzeichen":"18 B 242/22","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"Tenor\n\nDer angegriffene Beschluss wird geändert.\n\nDer Antragsgegnerin wird im Wege der einstweiligen Anordnung aufgegeben, dem Antragsteller eine Bescheinigung über die Einreichung seines Antrags vom 30. Juni 2021 auf Ausstellung einer Aufenthaltskarte auszustellen.\n\nDie Antragsgegnerin trägt die Kosten des Verfahrens in beiden Instanzen.\n\nDer Streitwert wird auch für das Beschwerdeverfahren auf 2.500 Euro festgesetzt.\n\n1\n\nGründe:\n\n2\n\nDie zulässige Beschwerde ist begründet. Die Darlegungen in der Beschwerdebegründung, auf deren Prüfung der Senat sich nach § 146 Abs. 4 Satz 6 VwGO zu beschränken hat, führen zur Änderung des angegriffenen Beschlusses.\n\n3\n\nDas Verwaltungsgericht hat - soweit mit Blick auf die eingelegte Beschwerde von Relevanz - zur Begründung seiner ablehnenden Entscheidung ausgeführt, der Antragsteller habe keinen Anordnungsanspruch glaubhaft gemacht. Ein Anspruch gemäß § 5 Abs. 1 Satz 2 FreizügG/EU scheide schon deshalb aus, weil der Antragsteller kein Familienangehöriger eines Unionsbürgers sei. Er habe nicht glaubhaft gemacht, Ehegatte eines Unionsbürgers zu sein. Aus dem vorgetragenen Sachverhalt ergebe sich keine im Bundesgebiet gültige Eheschließung. Dies gelte zunächst bei der Anwendung rein nationalen Rechts. Eine wirksame Eheschließung sei ferner auch im Hinblick auf die Verbindung des Sachverhalts zu einem ausländischen Staat unter Anwendung des Internationalen Privatrechts nicht glaubhaft gemacht. Der Antragsteller könne sich auch nicht auf die in ausländerrechtlichen Zusammenhängen bekannte „Dänemark-Ehe“ berufen, deren Wirksamkeit in der aufenthaltsrechtlichen Rechtsprechung nicht mehr in Zweifel gezogen werde. Die vom Antragsteller angeführten Entscheidungen des Bundesgerichtshofs könnten dessen Rechtsposition ebenfalls nicht stützen. Ein Anspruch auf die begehrte Bescheinigung nach § 5 Abs. 1 Satz 2 FreizügG/EU ergebe sich auch nicht aus der von dieser Vorschrift umgesetzten Freizügigkeitsrichtlinie in Verbindung mit der Rechtsprechung des EuGH zur unmittelbaren Anwendbarkeit von nicht oder nicht vollständig und nicht rechtzeitig umgesetzten Richtlinien. Die Richtlinie 2004/38/EG habe insoweit keinen weiteren personalen Anwendungsbereich als das Freizügigkeitsgesetz. Zwar verzichte Art. 10 Abs. 1 Satz 2 Freizügigkeitsrichtlinie auf die Wiederholung des Tatbestandsmerkmals „Familienangehöriger“ für den Anspruch auf Bescheinigung der Einreichung des Antrags auf Ausstellung einer Aufenthaltskarte. Es sei aber abwegig anzunehmen, diese Vorschrift vermittele auch Nicht-Familienangehörigen einen entsprechenden Anspruch. Denn eine Bescheinigung zur Rechtswahrung mache bei offensichtlich nicht bestehenden Ansprüchen keinen Sinn.\n\n4\n\nDiese Ausführungen halten einer rechtlichen Überprüfung nicht stand.\n\n5\n\nDer Antragsteller hat einen Anordnungsanspruch auf Ausstellung der begehrten Bescheinigung glaubhaft gemacht, § 123 Abs. 3 VwGO i. V. m. §§ 920 Abs. 2, 294 ZPO.\n\n6\n\nIn der Rechtsprechung des Senats,\n\n7\n\nvgl. Beschluss vom 11. November 2020- 18 B 544/19 -, juris,\n\n8\n\n- auf die der Antragsteller zutreffend hinweist - ist geklärt, dass Art. 10 Abs. 1 Satz 2 RL 2004/38/EG einen derartigen Anspruch vermittelt.\n\n9\n\nNach dieser Bestimmung wird unverzüglich eine Bescheinigung über die Einreichung eines Antrags auf Ausstellung einer Aufenthaltskarte ausgestellt. Art. 10 Abs. 1 Satz 2 RL 2004/38/EG setzt insoweit lediglich voraus, dass - wie hier am 30. Juni 2021 - ein Antrag auf Ausstellung einer Aufenthaltskarte für Familienangehörige eines Unionsbürgers gestellt worden ist. Demgegenüber ist es - für die Bescheinigung nach Art. 10 Abs. 1 Satz 2 RL 2004/38/EG - gerade nicht erforderlich, dass der Antragsteller auch tatsächlich Familienangehöriger i. S. v. Art. 2 Nr. 2 RL 2004/38/EG bzw. § 2 Abs. 2 Nr. 3 FreizügG/EU ist. Diese Frage ist vielmehr erst im Verfahren auf Ausstellung der Aufenthaltskarte zu klären. Die Verneinung führt zu deren Versagung.\n\n10\n\nVgl. Senatsbeschluss vom 11. November 2020- 18 B 544/19 -, juris, Rn. 3 ff., m. w. N.\n\n11\n\nDie Bescheinigung nach Art. 10 Abs. 1 Satz 2 RL 2004/38/EG stellt mithin eine bloße „Eingangsbestätigung“ dar. Die jeweilige Behörde hat es danach selbst in der Hand, durch eine zügige Bearbeitung des Antrags den Verwendungszeitraum einer derartigen Bescheinigung möglichst kurz zu halten. Ob - wie das Verwaltungsgericht (wohl) meint - in Fällen, in denen dem Antrag die Erfolglosigkeit förmlich „auf die Stirn geschrieben steht“, die Ausstellung der Bescheinigung versagt werden kann, bedarf hier keiner Entscheidung. Schon mit Blick auf die umfangreichen Ausführungen des Verwaltungsgerichts zu der von ihm angenommenen Unwirksamkeit der Eheschließung liegt eine solche Fallkonstellation hier offensichtlich nicht vor. Aufgrund derselben Erwägungen dringt auch die Antragsgegnerin mit ihrer Beschwerdeerwiderung nicht durch.\n\n12\n\nDie beschriebenen europarechtlichen Vorgaben sind in § 5 Abs. 1 FreizügG/EU defizitär umgesetzt worden, weil sich eine Art. 10 Abs. 1 Satz 2 RL 2004/38/EG entsprechende Vorschrift im nationalen Recht nicht wiederfindet. Insoweit kann, weil nicht entscheidungserheblich, offenbleiben, ob § 5 Abs. 1 Satz 2 FreizügG/EU im Wege einer richtlinienkonformen Auslegung der nationalen Regelung erweiternd dahin ausgelegt werden kann, dass er auch die unionsrechtlich erforderliche Bescheinigung umfasst oder ob sich der Anspruch auf Ausstellung dieser Bescheinigung aus einer unmittelbaren Wirkung der Regelung der Richtlinie ergibt.\n\n13\n\nVgl. Senatsbeschluss vom 11. November 2020- 18 B 544/19 -, juris, Rn. 10.\n\n14\n\nDer Antragsteller hat auch einen Anordnungsgrund (§ 123 Abs. 3 VwGO i. V. m. §§ 920 Abs. 2, 294 ZPO) glaubhaft gemacht. Er kann für die Erlangung der hier in Rede stehenden Bescheinigung nicht auf den Klageweg verwiesen werden. Denn die Bescheinigung ist nach Art. 10 Abs. 1 Satz 2 RL 2004/38 EG unverzüglich auszustellen.\n\n15\n\nVgl. Senatsbeschluss vom 11. November 2020- 18 B 544/19 -, juris, Rn. 11.\n\n16\n\nNach alledem ist unter den Umständen des vorliegenden Falles der Erlass der einstweiligen Anordnung auch unter Vorwegnahme der Hauptsache zulässig.\n\n17\n\nDie Kostenentscheidung folgt aus § 154 Abs. 2 VwGO.\n\n18\n\nDie Streitwertfestsetzung beruht auf den §§ 47 Abs. 1, 52 Abs. 1 und 2, 53 Abs. 2 GKG.\n\n19\n\nDer Beschluss ist unanfechtbar.","source":"openlegaldata","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/344419","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2022-03-11/18-b-242-22","cited_norms":[{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 920","ref_norm":"920","n":2},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 123","ref_norm":"123","n":2},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 294","ref_norm":"294","n":2},{"jurabk":"GKG 2004","ref":"§ 52","ref_norm":"52","n":1},{"jurabk":"GKG 2004","ref":"§ 47","ref_norm":"47","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 154","ref_norm":"154","n":1},{"jurabk":"GKG 2004","ref":"§ 53","ref_norm":"53","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 146","ref_norm":"146","n":1}],"authoritative_source":"https://de.openlegaldata.io/case/344419","attribution":{"source":"Open Legal Data","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/344419","license":"Open Database License (ODbL) v1.0","license_url":"https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/","notice":"Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0."},"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2022-03-11/18-b-242-22","upstream":"https://de.openlegaldata.io/case/344419","retrieved":"2026-07-09 04:30:00.246923+00:00"}}