{"status":"available","doknr":"OLD289515","ecli":"ECLI:DE:OVGNRW:2003:1204.8A3852.03A.00","court":"Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen","senate":null,"decided":"2003-12-04","aktenzeichen":"8 A 3852/03.A","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"Tenor\n\nDie Berufung der Beklagten gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts \nKöln vom 27. August 2003 wird zugelassen.\n\nDie Verteilung der Kosten des Antragsverfahrens bleibt der Entscheidung der \nBerufung vorbehalten.\n\n1\n\n G r ü n d e :\n\n2\n\nDer Antrag der Beklagen auf Zulassung der Berufung, mit der diese die \nAbweisung der Klage auf Feststellung des Vorliegens von \nAbschiebungshindernissen nach § 53 AuslG bezüglich der Türkei in der Person des \nKlägers erstrebt, hat Erfolg.\n\n3\n\nDie Rechtssache hat grundsätzliche Bedeutung im Sinne des § 78 Abs. 3 Nr. 1 \nAsylVfG. Das Berufungsverfahren kann dem Senat Gelegenheit zur Beantwortung \nder Frage geben, ob bzw. unter welchen Voraussetzungen die Gefahr eines \nVerstoßes gegen Art. 6 EMRK im Zielstaat der Abschiebung ein \nAbschiebungshindernis nach § 53 Abs. 4 AuslG begründen kann, insbesondere \nwenn der Zielstaat ein Vertragsstaat der EMRK ist, gegen dessen Entscheidung nach \nAusschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs Klage beim Europäischen \nGerichtshof für Menschenrechte erhoben werden kann. Diese Frage ist weder \nunmittelbar aus dem Gesetz selbst zu beantworten noch bislang in Rechtsprechung \nund Literatur hinreichend geklärt.\n\n4\n\n§ 53 Abs. 4 AuslG enthält keine eigenständige Regelung von \nAbschiebungshindernissen, sondern nimmt lediglich deklaratorisch auf die sich aus \nder EMRK ergebenden Abschiebungsverbote Bezug. Allgemein anerkannt ist, dass \ndie Abschiebung eines Ausländers jedenfalls unzulässig ist, wenn ihm im Zielstaat \nunmenschliche \noder erniedrigende Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK droht. Geklärt ist in der \nRechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts darüber hinaus, dass ein \nAbschiebungsverbot auch dann in Betracht kommt, wenn im Einzelfall andere in der \nEMRK verbürgte, von allen Vertragsstaaten als grundlegend anerkannte \nMenschenrechtsgarantien in ihrem Kern bedroht sind. Bei Eingriffen in den \nKernbereich solcher anderen, speziellen Konventionsgarantien ist eine Abschiebung \nallerdings nur in krassen Fällen unzulässig, wenn nämlich die drohenden \nBeeinträchtigungen von ihrer Schwere her dem vergleichbar sind, was nach der \nbisherigen Rechtsprechung wegen menschenunwürdiger Behandlung zu einem \nAbschiebungsverbot nach Art. 3 EMRK geführt hat. Welche Gewährleistungen der \nEMRK in diesem Sinne zum gemeinsamen menschenrechtlichen Ordre public aller \nUnterzeichnerstaaten zu zählen sind, hat das Bundesverwaltungsgericht nur für den \nunveräußerlichen Kern der Religionsfreiheit (Art. 9 EMRK) im bejahenden Sinne \nbeantwortet. \n\n5\n\nVgl. BVerwG, Urteil vom 24. Mai 2000 - 9 C \n34.99 -, DVBl. 2000, 1539 = InfAuslR 2000, 461 \n= NVwZ 2000, 1302 = BVerwGE 111, 223, auch zu \nVorstehendem.\n\n6\n\nDer EGMR hat ein Auslieferungsverbot bei offenkundiger Verweigerung eines fairen \nStrafverfahrens nach Art. 6 EMRK lediglich erwogen.\n\n7\n\nVgl. EGMR, Urteil vom 7. Juli 1989 \n- Nr. 1/1989/161/217 (Fall Soering) -, \nNJW 1990, 2183 (2188) = EuGRZ 1989, 314.\n\n8\n\nFür die hier in Rede stehende Abschiebung in einen Vertragsstaat der EMRK ist \ninsbesondere auch klärungsbedürftig, welche Bedeutung dem Umstand zukommt, \ndass der Ausländer nach Ausschöpfung des innerstaatlichen Rechtswegs im \nHeimatstaat Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte unter \nBerufung auf Art. 6 EMRK erheben kann. Die bisherige Rechtsprechung zu \ndrohenden Verletzungen anderer als in Art. 3 EMRK verbürgter \nMenschenrechtsgarantien im Zielstaat der Abschiebung betraf lediglich die \nVerhältnisse in Nicht-Vertragsstaaten.\n\n9\n\nVgl. EGMR, Urteil vom 7. Juli 1989 \n- Nr. 1/1989/161/217 (Fall Soering) -, a.a.O.; \nBVerwG, Urteil vom 24. Mai 2000 - 9 C 34.99 -, \na.a.O.; VGH Baden-Württemberg, Urteil vom \n9. September 1994 - A 16 S 486/94 -, ESVGH 45, \n155; Urteil vom 19. Mai 1999 - A 6 S 1589/98 -, VGH \nBW-LS 1999, Beilage 9, B 2; Urteil vom 22. Mai 2003 \n- A 2 S 711/01 -; OVG Rheinland-Pfalz, Beschluss \nvom 23. Mai 1997 - 6 A 282/97 -, NVwZ 1997, \nBeilage Nr. 10, 79; Urteil vom 20. Januar 2000 - 12 A \n11883/96 -, NVwZ 2000, Beilage Nr. 8, 90; OVG \nLüneburg, Urteil vom 6. April 1998 - 12 L 1076/98 -, \nNVwZ 1998, Beilage Nr. 7, 65; VGH Kassel, \nBeschluss vom 19. Mai 1998 - 10 UE 1974/97.A -, \nNVwZ-RR 1999, 340; OVG Weimar, Urteil vom \n30. September 1998 - 3 KO 864/98 -, NVwZ 1999, \nBeilage Nr. 3, 19; OVG NRW, Beschluss vom \n2. Dezember 1997 - 19 A 5121/97.A -\n\n10\n\nVon einer weiteren Begründung wird gemäß § 78 Abs. 5 Satz 1 AsylVfG abgesehen. \n\n11","source":"openlegaldata","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/289515","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2003-12-04/8-a-3852-03-a","cited_norms":[{"jurabk":"EMRK","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":3},{"jurabk":"EMRK","ref":"Art 6","ref_norm":"6","n":3},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 78","ref_norm":"78","n":2},{"jurabk":"EMRK","ref":"Art 9","ref_norm":"9","n":1}],"authoritative_source":"https://de.openlegaldata.io/case/289515","attribution":{"source":"Open Legal Data","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/289515","license":"Open Database License (ODbL) v1.0","license_url":"https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/","notice":"Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0."},"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2003-12-04/8-a-3852-03-a","upstream":"https://de.openlegaldata.io/case/289515","retrieved":"2026-07-09 03:08:35.867240+00:00"}}