{"status":"available","doknr":"OLD303933","ecli":"ECLI:DE:OVGNRW:2000:1016.5A4791.95A.00","court":"Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen","senate":null,"decided":"2000-10-16","aktenzeichen":"5 A 4791/95.A","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"Tenor\n\nDer Antrag der Kläger auf Zulassung der Berufung gegen das Urteil des \nVerwaltungsgerichts Düsseldorf vom 30. Mai 1995 wird zurückgewiesen.\n\nDie Kläger tragen die Kosten des Antragsverfahrens, für das Gerichtskosten nicht \nerhoben werden. \n\n1\n\n G r ü n d e :\n\n2\n\nDer Antrag auf Zulassung der Berufung hat keinen Erfolg. \n\n3\n\nDer Antrag des Klägers zu 1. ist unzulässig, weil der \nKläger zu 1. sein Asylbegehren mit Schreiben vom 1. März 2000 \ngegenüber dem Bundesamt für die Anerkennung ausländischer \nFlüchtlinge zurückgenommen hat. Der Antrag der Klägerin zu 2. \nist nach deren Tod unzulässig geworden. \n\n4\n\nDer Antrag der Klägerin zu 3. ist unbegründet. \n\n5\n\nDer Rechtssache kommt die allein geltend gemachte \ngrundsätzliche Bedeutung (§ 78 Abs. 3 Nr. 1 AsylVfG) nicht \n(mehr) zu. \n\n6\n\nDie als grundsätzlich bedeutsam aufgeworfene Frage, ob Angehörigen der \nungarischen Minderheit in der Vojvodina eine Gruppenverfolgung in der Form der \n\"ethnischen Säuberungen\" droht, rechtfertigt nicht die Zulassung der Berufung.\n\n7\n\nEine Rechtssache ist grundsätzlich bedeutsam, wenn die Streitigkeit eine \ntatsächliche oder rechtliche Frage aufwirft, die entscheidungserheblich ist und über \nden Einzelfall hinaus im Interesse der Einheitlichkeit der Rechtsprechung oder \nFortentwicklung des Rechts einer Klärung bedarf.\n\n8\n\nEine Frage tatsächlicher Art erweist sich insbesondere dann nicht als \ngrundsätzlich bedeutsam, wenn sie sich auf Grund von eindeutigen und \nwiderspruchsfreien Auskünften und Stellungnahmen sachverständiger Stellen ohne \nweiteres beantworten lässt.\n\n9\n\nVgl. OVG NRW, Beschluss vom 30. September \n1998 - 5 A 3829/97.A -; BVerwG, Urteil vom 31. Juli \n1984 - 9 C 46.84 -, BVerwGE 70, 24 ff., Beschluss \nvom 12. August 1993 - 7 B 86.93 -, NJW 1994, 144 \nf.\n\n10\n\nNach diesen Grundsätzen bedarf die Frage einer politischen Gruppenverfolgung \nvon Angehörigen der ungarischen Minderheit in der Vojvodina keiner Klärung in \neinem Berufungsverfahren. Sie lässt sich vielmehr auf Grund der übereinstimmenden \nund eindeutigen sachverständigen Auskünfte bereits im vorliegenden \nZulassungsverfahren ohne weiteres verneinen. Dabei kann dahinstehen, ob in der \nVergangenheit eine Gruppenverfolgung von Angehörigen der ungarischen Minderheit \nstattgefunden hat. Denn im maßgeblichen Zeitpunkt der gerichtlichen Entscheidung \n(§ 77 Abs. 1 AsylVfG) ist auch auf der Grundlage des im Falle der Vorverfolgung \ngeltenden herabgestuften Wahrscheinlichkeitsmaßstabes,\n\n11\n\nvgl. BVerfG, Beschluss vom 10. Juli 1989 - 2 \nBvR 502,1000,961/86 -, BVerfGE 80, 315; BVerwG, \nUrteil vom 15. Mai 1990 - 9 C 17.89 -, BVerwGE 85, \n139 (140 f.), \n\n12\n\nvon einer hinreichenden Sicherheit vor (erneuter) Verfolgung auszugehen, was \ndie Asylanerkennung ausschließt. Eine hinreichende Sicherheit vor Verfolgung ist \ndann nicht gegeben, wenn objektive Anhaltspunkte eine Wiederholung der \nursprünglichen Verfolgung oder aber das erhöhte Risiko einer gleichartigen \nVerfolgung in absehbarer Zeit,\n\n13\n\nvgl. BVerwG, Beschluss vom 31. Juli 1986 - 9 B \n165.86 -, NVwZ 1987, 60, Urteil vom 31. März 1981 - \n9 C 237.80 -, Buchholz 402.24 § 28 AuslG a.F.,\n\n14\n\nals nicht ganz entfernt und damit als \"reale\" Möglichkeit erscheinen lassen. \n\n15\n\nVgl. BVerfG, Beschluss vom 2. Juli 1980 - 1 BvR \n147,181,182/80 -, BVerfGE 54, 341; BVerwG, Urteil \nvom 25. September 1984 - 9 C 17.84 -, BVerwGE \n70, 169, Urteil vom 30. April 1996 - 9 C 170.95 -, \nDVBl. 1996, 1257 (1259) m.w.N., Urteil vom 18. \nFebruar 1997 - 9 C 9.96 -, NVwZ 1997, 1134.\n\n16\n\nDaran fehlt es hier. Objektive Anhaltspunkte, die eine erneute Verfolgung von \nAngehörigen der ungarischen Minderheit durch serbische Kräfte als \"reale\" \nMöglichkeit erscheinen lassen und damit die Annahme der hinreichenden \nVerfolgungssicherheit ausschließen, sind nicht ersichtlich. \n\n17\n\nNach übereinstimmender Auskunftslage setzten asylrelevante, über \nBenachteiligungen auf kulturellem und arbeitsmarktpolitischem Gebiet \nhinausgehende, gewaltsame Vertreibungen von Angehörigen der Minderheiten in der \nVojvodina in den Jahren 1991 bis 1993 und 1995 ein, als tausende von serbischen \nKriegsflüchtlingen nach Serbien und in die bislang von Minderheiten bewohnten \nGebiete in der Vojvodina gelangten (ab 1991 ca. 145.000 serbische Flüchtlinge aus \nder Krajina, aus Bosnien und Slawonien; 1995 ca. 200.000 serbische Flüchtlinge aus \nder Krajina) und einen starken Siedlungsdruck erzeugten. Damit einher ging die \nErstarkung extremistischer und nationalistischer serbischer Kräfte, die auch vor der \nAnwendung von Gewalt zum Zwecke der Vertreibung zu Gunsten der Serben nicht \nzurückschreckten.\n\n18\n\nVgl. Auswärtiges Amt, Lageberichte \nvom 28. Juli 1992, 8. Juni 1993, \n20. September 1993, 3. Mai 1994, \n31. Oktober 1994, 21. Juni 1995, \n27. Februar 1996, 4. November 1996, \n14. April 1997, 9. September 1997, \n15. Dezember 1997, 6. Mai 1998, \n18. November 1998; Auskünfte vom \n15. Februar 1993 an VG Braunschweig, \nvom 14. Dezember 1993 an VG Ansbach, \nvom 22. März 1994 an VG Berlin, vom \n28. März 1995 an VG Düsseldorf, vom \n11. Januar 1996 an VG Wiesbaden, vom \n15. Januar 1996 an VG Köln, vom \n25. Januar 1996 an VG Ansbach, vom \n12. Mai 1997 an VG Münster, vom \n13. Februar 1999 an VG Sigmaringen; \namnesty international, Auskünfte vom \n23. März 1992 an VG Koblenz, vom \n20. August 1992, vom 7. Juni 1993 an VG \nRegensburg, vom 28. September 1993 an \nVG Freiburg, Bericht vom 16. März 1994, \nAuskünfte vom 12. April 1994 an VG \nFreiburg, vom 17. Mai 1994 an VG \nDüsseldorf, vom 23. Oktober 1995 an VG \nKoblenz, vom 6. November 1995 an VG \nArnsberg, vom 29. November 1995 an VG \nWiesbaden, vom 13. Januar 2000 an VG \nBerlin; Mazowiecki-Bericht vom \n17. November 1993, II 213 ff.; \nMazowiecki-Bericht vom 31. Oktober 1994 \nIII 186 f.; Archiv der Gegenwart vom \n3. März 1993; UNHCR, Auskunft vom \n15. November 1995 an VG Stuttgart, vom \n2. Januar 1996 an VG Karlsruhe, vom \n18. März 1997 an VG Münster; \nBundesinstitut (BI Ost), Prof. \nOschlies, Stellungnahme vom 30. März \n1997 an VG Stuttgart; Institut für \nOstrecht e.V., Auskunft vom 24. Februar \n1997 an VG Sigmaringen; Gesellschaft \nfür bedrohte Völker (GfbV), Auskunft \nvom 16. Januar 1996 an VG Göttingen, \nvom 10. Januar 1997 an VG Karlsruhe, \nvom 17. Januar 1997 an VG \nGöttingen.\n\n19\n\nDie hiernach ersichtliche Verknüpfung eines serbischen Zustroms in die \nSiedlungsgebiete der Minderheiten in der Vojvodina mit dem Ausbruch serbischer \nGewalt gegen Angehörige dieser Minderheiten wird dadurch bestätigt, dass für den \nZeitraum nach 1995, in dem massive serbische Flüchtlingsströme in die genannten \nGebiete nicht mehr zu verzeichnen waren, die gewaltsamen Vertreibungen ein Ende \nfanden.\n\n20\n\nVgl. UNHCR, Auskunft vom 2. Januar \n1996 an VG Karlsruhe. \n\n21\n\nMit ihrem Wiederaufflammen ist auf absehbare Zeit nicht zu rechnen. Es fehlen \njegliche Anhaltspunkte dafür, dass in absehbarer Zeit ein durch Kriegshandlungen \nausgelöster serbischer Flüchtlingsstrom in die Vojvodina einsetzen und damit eine \nerneute Eskalation serbischer Gewalt gegenüber den in der Vojvodina noch \nansässigen Minderheiten einhergehen könnte. Der in den selbstständigen Staaten \nder ehemaligen \"Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien\" politisch und \nmilitärisch gesicherte Status quo und die in der Provinz Kosovo durch die UN \nerreichte Stabilität lassen jedenfalls serbische Flüchtlingsströme in Richtung Serbien \nin absehbarer Zeit als unrealistisch erscheinen. Das gilt auch mit Blick auf die \nSpannungen zwischen Serbien und Montenegro, zumal nach den jüngsten \nUmwälzungen in Jugoslawien erste Anzeichen eines serbischen Bemühens um \nDeeskalation erkennbar sind. \n\n22\n\nDie Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 VwGO, § 83 b Abs. 1 \nAsylVfG.\n\n23\n\nDieser Beschluss ist gemäß § 80 AsylVfG unanfechtbar.\n\n24","source":"openlegaldata","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/303933","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2000-10-16/5-a-4791-95-a","cited_norms":[{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 83b","ref_norm":"83b","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 154","ref_norm":"154","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 80","ref_norm":"80","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 77","ref_norm":"77","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 78","ref_norm":"78","n":1}],"authoritative_source":"https://de.openlegaldata.io/case/303933","attribution":{"source":"Open Legal Data","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/303933","license":"Open Database License (ODbL) v1.0","license_url":"https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/","notice":"Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0."},"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/2000-10-16/5-a-4791-95-a","upstream":"https://de.openlegaldata.io/case/303933","retrieved":"2026-07-09 03:30:44.306944+00:00"}}