{"status":"available","doknr":"OLD308926","ecli":"ECLI:DE:OVGNRW:1998:0930.5A3829.97A.00","court":"Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen","senate":null,"decided":"1998-09-30","aktenzeichen":"5 A 3829/97.A","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"Tenor\n\nDer Antrag der Kläger auf Zulassung der Berufung gegen das aufgrund \nder mündlichen Verhandlung vom 9. Juli 1997 ergangene Urteil des \nVerwaltungsgerichts Gelsenkirchen wird zurückgewiesen.\n\nDie Kläger tragen die Kosten des Antragsverfahrens, für das Gerichtskosten nicht \nerhoben werden.\n\n1\n\n G r ü n d e :\n\n2\n\nI.\n\n3\n\nDie Kläger stammen aus dem Sandzak (Bundesrepublik \nJugoslawien) und bekennen sich zum moslemischen Glauben. Sie \nhaben nach ihrer Einreise in die Bundesrepublik Deutschland im \nFebruar 1992 einen Antrag auf Anerkennung als Asylberechtigte \ngestellt, zu dessen Begründung sie u.a. vorgetragen haben, der \nKläger zu 1. sei seit 1991 Mitglied der SDA (Stranka \nDemokratse Akcije - Partei der demokratischen Aktion).\n\n4\n\nDie gegen den Ablehnungsbescheid des Bundesamtes für die \nAnerkennung ausländischer Flüchtlinge gerichtete Klage hat das \nVerwaltungsgericht als unbegründet abgewiesen. Hiergegen \nwenden sich die Kläger mit ihrem Antrag auf Zulassung der \nBerufung. Sie sehen sinngemäß als grundsätzlich \nklärungsbedürftig die Frage an, ob wegen der Mitgliedschaft in \nder SDA eine politische Verfolgung in der Bundesrepublik \nJugoslawien droht.\n\n5\n\nII.\n\n6\n\nDer Antrag auf Zulassung der Berufung hat keinen Erfolg, \nweil der Rechtssache die von den Klägern geltend gemachte \ngrundsätzliche Bedeutung nicht zukommt (§ 78 Abs. 3 Nr. 1 \nAsylVfG).\n\n7\n\nDie von den Klägern als grundsätzlich klärungsbedürftig \naufgeworfene Frage, ob wegen der (bloßen) Mitgliedschaft in \nder SDA (Stranka Demokratse Akcije - Partei der demokratischen \nAktion) eine politische (Gruppen-)Verfolgung durch staatliche \nOrgane der Bundesrepublik Jugoslawien droht, rechtfertigt \nnicht die Zulassung der Berufung. \n\n8\n\nEine Rechtssache ist grundsätzlich bedeutsam, wenn die \nStreitigkeit eine tatsächliche oder rechtliche Frage aufwirft, \ndie entscheidungserheblich ist und über den Einzelfall hinaus \nim Interesse der Einheitlichkeit der Rechtsprechung oder \nFortentwicklung des Rechts einer Klärung bedarf.\n\n9\n\nVgl. BVerwG, Urteil vom 31. Juli \n1984 - 9 C 46.84 -, BVerwGE 70, 24 ff.; \nBVerwG, Beschluß vom 12. August 1993 \n- 7 B 86.93 -, NJW 1994, 144 f.\n\n10\n\nEine Klärungsbedürftigkeit ist allerdings nicht schon \ndeshalb gegeben, weil das Berufungsgericht noch keine \nGelegenheit hatte, in einem Berufungsverfahren zu der von dem \nRechtsmittelführer aufgeworfenen Frage Stellung zu nehmen.\n\n11\n\nVgl. HessVGH, Beschluß vom 22. Juli \n1994 - 13 UZ 1952/94 -, DVBl. 1994, \n1422; OVG Rh.-Pf., Beschluß vom \n23. September 1994 - 7 A 11418/94 -; \nHambOVG, Beschluß vom 10. Januar 1996 \n- Bs VI (VII) 77/94 - m.w.N.; ferner \nBVerwG, Beschluß vom 9. März 1993 \n- 3 B 105/92 -, NJW 1993, 2825 (2826) \nzu § 133 Abs. 3 Satz 3 VwGO.\n\n12\n\nEine Frage tatsächlicher Art erweist sich insbesondere dann \nnicht als grundsätzlich bedeutsam, wenn sie sich aufgrund von \neindeutigen und widerspruchsfreien Auskünften und \nStellungnahmen sachverständiger Stellen ohne weiteres \nbeantworten läßt.\n\n13\n\nVgl. HessVGH, a.a.O.; HambOVG, \nBeschluß vom 16. Januar 1995 \n- Bs V 83/94 -; OVG Rh.-Pf., Beschluß \nvom 23. September 1994 - 7 A 11418/94 -\n.\n\n14\n\nNach diesen Grundsätzen bedarf die Frage einer politischen \n(Gruppen-)Verfolgung wegen bloßer Mitgliedschaft in der SDA \nkeiner Klärung in einem Berufungsverfahren. Sie läßt sich \nvielmehr aufgrund der übereinstimmenden und eindeutigen \nsachverständigen Auskünfte bereits im vorliegenden \nZulassungsverfahren ohne weiteres dahin beantworten, daß einem \neinfachen Mitglied der SDA im Regelfall nicht mit beachtlicher \nWahrscheinlichkeit politische Verfolgung durch staatliche \nOrgane der Bundesrepublik Jugoslawien droht. \n\n15\n\nEbenso die - soweit ersichtlich - \neinhellige obergerichtliche \nRechtsprechung: Vgl. VGH BW, Urteil vom \n8. November 1994 - A 14 S 1655/94 -; \nVGH BW, Urteil vom 13. Dezember 1994 \n- A 14 S 731/94 -; BayVGH, Beschluß vom \n15. Februar 1996 - 24 BA 94.34878 -\n.\n\n16\n\nFür die Annahme der Gefahr einer asylerheblichen \n(Gruppen-)Ver-folgung allein wegen der Zugehörigkeit zur SDA \nfinden sich weder in den vom Verwaltungsgericht seiner \nEntscheidung zugrundegelegten noch in den weiteren vom Senat \nberücksichtigten - den Beteiligten bekanntgegebenen - \nErkenntnisquellen Anhaltspunkte.\n\n17\n\nDas Auswärtige Amt sah im Jahre 1994 Mitglieder der SDA als \n\"gegenwärtig\" gefährdet an. \n\n18\n\nErgänzender Lagebericht vom 17. März \n1994.\n\n19\n\nSDA-Mitglieder, die sich aktiv für eine Autonomie des \nSandzak einsetzten, wurden seit Ende 1993/Anfang 1994 \nverhaftet. \n\n20\n\nLagebericht \"Bundesrepublik \nJugoslawien\" des AA vom 3. Mai 1994; \nAuskunft des AA vom 26. Juli 1994 an VG \nRegensburg; Auskunft des AA vom \n30. August 1994 an VG Trier; Auskunft \ndes AA vom 6. September 1994 an VGH \nBaden-Württemberg; Auskunft des AA vom \n19. September 1994 an VG Stuttgart; \nAuskunft von ai vom 3. August 1994 an \nVGH Baden-Württemberg.\n\n21\n\nTeilweise wurden sie systematisch, auch unter Verwendung \nvon Elektroschocks und Scheinhinrichtungen, gefoltert. Im \nmontenegrinischen Teil des Sandzak wurden 17 führende \nFunktionäre der SDA, im serbischen Teil 25 Funktionäre wegen \ndes Vorwurfs des Separatismus und illegalen Waffenbesitzes \nangeklagt. Die bloße Mitgliedschaft in der SDA führte hingegen \n- und zwar bis heute - in der Regel nicht zu \nVerfolgungsmaßnahmen.\n\n22\n\nAuskunft des UNHCR vom 15. Juli 1994 \nan VG Stuttgart; Auskunft des AA vom \n6. September 1994 an VGH Baden-\nWürttemberg; Auskunft des AA vom \n11. Januar 1994 an VG Neustadt; \nAuskunft des AA vom 15. Januar 1996 an \nVG Gelsenkirchen; Lageberichte \n\"Bundesrepublik Jugoslawien\" des AA vom \n27. Februar 1996 und 4. Juni 1996; \nAuskunft des AA vom 20. Mai 1996 an VG \nFrankfurt/Oder; Auskunft des AA vom \n4. November 1996 an VG Kassel; Auskunft \ndes AA vom 2. Februar 1998 an VG \nKassel; Auskunft des AA vom 19. März \n1998 an VG Bremen.\n\n23\n\nSeit 1995 hat sich die Situation im Sandzak entspannt. Ein \ngemäßigter Ableger der SDA wurde am 2. Oktober 1995 durch das \nserbische Justizministerium registriert. Gegenüber 21 \nangeklagten Mitorganisatoren des Sandzak-Referendums setzte \nder Präsident der Republik Montenegro die strafrechtliche \nVerfolgung aus. \n\n24\n\nAuskunft des AA vom 9. August 1996 \nan VG Sigmaringen; Positionspapier des \nUNHCR vom 16. August 1996; Auskunft der \nGesellschaft für bedrohte Völker vom \n17. Januar 1997 an VG Ansbach; \nLagebericht \"Bundesrepublik \nJugoslawien\" des AA vom 14. April \n1997.\n\n25\n\nZwar haben die politischen Spannungen seit der Auflösung \nder Stadtverwaltung von Novi Pazar und der Bildung einer \nÜbergangsregierung im Juli 1997 sowie der Wiederaufnahme des \ngerichtlichen Ermittlungsverfahrens gegen den Führer der SDA \nUgljanin zugenommen.\n\n26\n\nLageberichte \"Bundesrepublik \nJugoslawien\" des AA vom 9. September \n1997 und 6. Mai 1998; Economic and \nSocial Council der UN vom 14. Januar \n1998.\n\n27\n\nWegen der (bloßen) Mitgliedschaft in der SDA droht jedoch \nweiterhin im Regelfall keine politische Verfolgung. \n\n28\n\nDas schließt nicht aus, daß im Einzelfall bei Hinzutreten \nkonkreter weiterer Umstände die Gefahr asylrelevanter \nVerfolgungsmaßnahmen gegeben sein kann. Insoweit ist \nentscheidend, ob und inwieweit ein Betroffener im Einzelfall \nin das Blickfeld der serbischen Behörden geraten ist bzw. \nkonkreten staatlichen Repressionen ausgesetzt war. Je stärker \neine Person durch politische Aktivitäten \"auffällig\" geworden \nist, desto größer ist die Gefahr von Übergriffen.\n\n29\n\nAuskunft des AA vom 15. Januar 1996 \nan VG Gelsenkirchen; Auskunft von ai \nvom 13. Mai 1996 an VG Schleswig-\nHolstein.\n\n30\n\nDabei wird übereinstimmend das Vorgehen der serbischen \nSicherheitsbehörden in dem Sinne als willkürlich bezeichnet, \ndaß im Einzelfall auch einfache Mitglieder bei Hinzutreten \nweiterer Umstände in das Blickfeld der serbischen \nSicherheitsbehörden geraten und Verfolgungsmaßnahmen \nausgesetzt sein können.\n\n31\n\nAuskunft des AA vom 15. Januar 1996 \nan VG Gelsenkirchen; Auskunft des AA \nvom 25. März 1996 an VG Ansbach; \nAuskunft des AA vom 22. April 1996 an \nVG Köln; Auskunft des UNHCR vom \n5. April 1996 an VG Gelsenkirchen; \nAuskunft von ai vom 22. Februar 1996 an \nVG Gelsenkirchen.\n\n32\n\nSolche Fallkonstellationen, die ihrer Bedeutung nach auf \neinzelne, individuelle Übergriffe beschränkt sind, entziehen \nsich indes generalisierender Aussagen in einem \nBerufungsverfahren; sie bedürfen konkreter Feststellungen im \nEinzelfall.\n\n33\n\nVgl. bereits OVG NW, Beschluß vom \n27. Juni 1997 - 5 A 5013/94.A -.\n\n34\n\nDie Kostenentscheidung beruht auf § 154 Abs. 2 VwGO, § 83 b \nAbs. 1 AsylVfG.\n\n35\n\nDieser Beschluß ist gemäß § 80 AsylVfG unanfechtbar.\n\n36","source":"openlegaldata","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/308926","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/1998-09-30/5-a-3829-97-a","cited_norms":[{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 83b","ref_norm":"83b","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 133","ref_norm":"133","n":1},{"jurabk":"VwGO","ref":"§ 154","ref_norm":"154","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 80","ref_norm":"80","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 78","ref_norm":"78","n":1}],"authoritative_source":"https://de.openlegaldata.io/case/308926","attribution":{"source":"Open Legal Data","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/308926","license":"Open Database License (ODbL) v1.0","license_url":"https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/","notice":"Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0."},"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/ovg-nrw/1998-09-30/5-a-3829-97-a","upstream":"https://de.openlegaldata.io/case/308926","retrieved":"2026-07-09 03:38:15.528853+00:00"}}