{"status":"available","doknr":"OLD475128","ecli":"ECLI:DE:LGW:2017:0106.2O58.16.00","court":"Landgericht Wuppertal","senate":null,"decided":"2017-01-06","aktenzeichen":"2 O 58/16","doktyp":"Urteil","leitsatz":null,"text_plain":"Tenor\n\nDas Versäumnisurteil vom 9. September 2016 wird mit der Maßgabe aufrecht erhalten, dass sich seine vorläufige Vollstreckbarkeit nach diesem Urteil richtet.\n\nDie weiteren Kosten des Rechtsstreits trägt die Beklagte.\n\nDas Urteil ist vorläufig vollstreckbar, für die Klägerin jedoch nur gegen Sicherheitsleistung in Höhe von 110 Prozent des jeweils zu vollstreckenden Betrags. Die Klägerin kann die Vollstreckung durch Sicherheitsleistung in Höhe von 110 Prozent des aufgrund des Urteils vollstreckbaren Betrags abwenden, wenn nicht die Beklagte vor der Vollstreckung Sicherheit in Höhe von 110 Prozent des jeweils zu vollstreckenden Betrags leistet.\n\n1\n\nTatbestand:\n\n2\n\nDie Klägerin nimmt die Beklagte wegen der ihr durch einen umgestürzten Baum entstandenen Schäden an ihrem Pkw in Anspruch.\n\n3\n\nDie Klägerin befuhr am 8. Juli 2015 gegen 19 Uhr mit ihrem Pkw die XxStraße in S . Kurz vor der Bushaltestelle FF stürzte ein Baum von der Seite der Gegenfahrbahn auf den Pkw der Klägerin und beschädigte die Motorhaube, den linken vorderen Kotflügel sowie die linke Fahrertür nebst Außenspiegel. Die zur Beseitigung der Schäden erforderlichen Reparaturkosten belaufen sich auf 3.172,32 EUR netto. Die verbleibende Wertminderung beträgt 750 EUR. Daneben macht die Klägerin eine allgemeine Auslagenpauschale in Höhe von 25 EUR geltend.\n\n4\n\nDer umgestürzte Baum der Beklagten stand in Hanglage und wies bei einer Länge von ca. 10 m einen Durchmesser von ca. 15 cm auf.\n\n5\n\nDie Beklagte hatte an der XxStraße am 31. Januar und 22. Mai 2015 Baumbegehungen durchgeführt. Das hierüber gefertigte Kontrollblatt Nr. 3.03 der Technischen Betriebe S , Geschäftsbereich Forst (Bl. 35 d.A.), hatte auszugsweise folgenden Inhalt:\n\n6\n\n„Bäume an öff. Straße\n\n7\n\nVerkehrserwartung\n\n8\n\nhoch\n\n9\n\nZustand\n\n10\n\n  Baumhöhe ca. 15-25 m\n\n11\n\ngesund/leicht geschädigt\n\n12\n\nBaum-Kontrollergebnis (verdächtige Umstände)\n\n13\n\nKrone\n\n14\n\nAstab-/ausbrüche\n\n15\n\nfehlerhafte Krone\n\n16\n\nTotholzbildung\n\n17\n\nVergabelungen\n\n18\n\nZwiesel\n\n19\n\nStamm\n\n20\n\nSchrägstand\n\n21\n\nWurzel\n\n22\n\nkeine Mängel\n\n23\n\nHandlungsbedarf\n\n24\n\nja\n\n25\n\nmittelfristig\n\n26\n\nMängel beseitigt am\n\n27\n\nBaumfällung f. Herbst 2015 geplant“\n\n28\n\nDie Klägerin forderte die Beklagte mit anwaltlichem Schreiben vom 14. September 2015 unter Fristsetzung bis zum 24. September 2015 erfolglos zur Schadensregulierung auf. Hierfür entstanden ihr Kosten in Höhe von 413,41 EUR.\n\n29\n\nDie Klägerin ist der Ansicht, die Beklagte habe ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt, da sie die notwendigen Baumfällungsmaßnahmen trotz erkannter konkreter Gefährdungslage nicht zeitnah durchgeführt habe.\n\n30\n\nDie Klägerin hat ursprünglich beantragt, die Beklagte zu verurteilen, an die Klägerin 3.947,32 EUR nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweils gültigen Basiszinssatz ab dem 25.09.2015 und vorgerichtliche Rechtsanwaltsgebühren in Höhe von 413,41 EUR nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem jeweils gültigen Basiszinssatz ab Rechtshängigkeit zu zahlen. In der mündlichen Verhandlung am 9. September 2016 hat die Kammer antragsgemäß ein Versäumnisurteil erlassen, das der Beklagten am 26. September 2016 zugestellt worden ist. Hiergegen hat die Beklagte noch am selben Tag Einspruch eingelegt.\n\n31\n\nDie Klägerin beantragt nunmehr,\n\n32\n\n              das Versäumnisurteil der Kammer vom 09.09.2016 aufrecht zu erhalten.\n\n33\n\nDie Beklagte beantragt,\n\n34\n\n              das Versäumnisurteil aufzuheben und die Klage abzuweisen.\n\n35\n\nDie Klägerin hat mit Schriftsatz vom 21. Dezember 2015, der Beklagten zugestellt am 18. Januar 2016, Klage zum Amtsgericht Remscheid erhoben. Das Amtsgericht Remscheid hat den Rechtsstreit auf Antrag der Klägerin mit Beschluss vom 7. März 2016 an das Landgericht Wuppertal verwiesen.\n\n36\n\nEntscheidungsgründe:\n\n37\n\nDer Rechtsstreit ist aufgrund des zulässigen Einspruchs der Beklagten vom 26. September 2016 gemäß § 342 ZPO in die Lage vor Eintritt der Säumnis zurückversetzt worden. Die Beklagte hat insbesondere fristgerecht, d.h. gemäß § 339 Abs. 1 ZPO innerhalb von 2 Wochen seit der Zustellung des Versäumnisurteils am 26. September 2016, Einspruch eingelegt.\n\n38\n\nDie zulässige Klage ist begründet.\n\n39\n\n1.\n\n40\n\nDer Klägerin steht gegen die Beklagte ein Schadensersatzanspruch in Höhe von 3.947,32 EUR aus § 839 BGB, Art. 34 GG zu.\n\n41\n\na)\n\n42\n\nDie Beklagte hat ihre (Straßen-) Verkehrssicherungspflicht verletzt. Sie hat trotz Feststellung verdächtiger Umstände bei ihren Baumbegehungen keine eingehende Untersuchung des Baumbestandes einschließlich des später umgefallenen Baumes veranlasst.\n\n43\n\naa)\n\n44\n\nDie straßenverkehrssicherungspflichtige Gemeinde muss Bäume oder Teile von ihnen entfernen, die den Verkehr gefährden, insbesondere, wenn sie nicht mehr standsicher sind oder herabzustürzen drohen. Zwar stellt jeder Baum an einer Straße eine mögliche Gefahrenquelle dar, weil durch Naturereignisse sogar gesunde Bäume entwurzelt oder geknickt oder Teile von ihnen abgebrochen werden können. Andererseits ist die Erkrankung oder Vermorschung eines Baums von außen nicht immer erkennbar. Das rechtfertigt aber nicht die Entfernung aller Bäume aus der Nähe von Straßen; denn der Verkehr muss gewisse Gefahren, die nicht durch menschliches Handeln entstehen, sondern auf Gegebenheiten oder Gewalten der Natur beruhen, als unvermeidbar hinnehmen. Eine schuldhafte Verletzung der Verkehrssicherungspflicht liegt in solchen Fällen nur dann vor, wenn Anzeichen verkannt oder übersehen worden sind, die nach der Erfahrung auf eine weitere Gefahr durch den Baum hinweisen (BGH, Urteil vom 4. März 2004, III ZR 225/03, BeckRS 2004, 03156).\n\n45\n\nDamit eine solche weitere Gefahr auch festgestellt wird, bedarf es der laufenden Beobachtung und erst bei verdächtigen Umständen der eingehenden Untersuchung. Solche Umstände sind z.B. trockenes Laub, dürre Äste, äußere Verletzungen oder Beschädigungen, hohes Alter, Erhaltungszustand, Eigenart oder Stellung, statischer Aufbau und ähnliches. Dabei genügt in der Regel eine sorgfältige äußere Gesundheits- und Zustandsprüfung, die regelmäßig zweimal im Jahr erforderlich ist, einmal im belaubten und einmal im unbelaubten Zustand. Der Einsatz von Forstleuten mit Spezialerfahrung ist erst bei Feststellung verdächtiger Umstände erforderlich (OLG Düsseldorf, Urteil vom 25. April 1996, 18 U 150/95, NVwZ-RR 1997, 257 f.).\n\n46\n\nbb)\n\n47\n\nDie Beklagte hat vorliegend ausweislich des Kontrollblattes bei den beiden vorangegangen Baumbegehungen eine Reihe verdächtiger Umstände – Astab-/ausbrüche, fehlerhafte Krone, Totholzbildung, Vergabelungen, Zwiesel, Schrägstand – festgestellt. Diese Feststellungen bezogen sich auf einen Baumbestand mit hohem Gefährdungspotential. So war der später umgestürzte Baum ca. 10 m hoch, wies einen Durchmesser von ca. 15 cm auf und stand in Hanglage an einer Straße mit hoher Verkehrserwartung.\n\n48\n\nDabei kann sich die Beklagte nicht mit Erfolg darauf berufen, dass die Feststellungen nicht explizit den streitgegenständlichen Baum betreffen. Die Feststellungen beziehen sich auf den gesamten (Straßen-) Baumbestand des kontrollierten Bereichs an der XxStraße und schließen damit den streitgegenständlichen Baum mit ein. Es hätte insoweit – jedenfalls im Rahmen einer sekundären Darlegungslast – der Beklagten oblegen, darzulegen, inwieweit die getroffenen Feststellungen entgegen dem Kontrollblatt nicht auf den umgefallenen Baum zutrafen.\n\n49\n\nb)\n\n50\n\nDie Beschädigung des Fahrzeugs der Klägerin ist kausal auf die vorstehende Amtspflichtverletzung der Beklagten zurückzuführen. Zugunsten der insoweit darlegungs- und beweisbelasteten Klägerin streitet ein Anscheinsbeweis. Diesen hat die Beklagte nicht erschüttert.\n\n51\n\nDie Beweiserleichterungen des Anscheinsbeweises kommen zum Tragen, wenn nach der Lebenserfahrung eine tatsächliche Vermutung oder Wahrscheinlichkeit für den ursächlichen Zusammenhang zwischen Amtspflichtverletzung und dem zeitlich nachfolgenden Schaden besteht.\n\n52\n\nNach der Lebenserfahrung besteht vorliegend eine tatsächliche Vermutung dafür, dass der Baum aufgrund einer Erkrankung und nicht aufgrund eines von Beklagtenseite nicht einmal behaupteten Naturereignisses umgestürzt ist. Die Summe der verdächtigen Umstände lässt eine Beeinträchtigung der Standsicherheit des streitgegenständlichen Baumes jedenfalls wahrscheinlich erscheinen. Die ohne eingehende Untersuchung getroffene Feststellung eines nur „mittelfristigen Handlungsbedarfs“ in Form der Baumfällungen hat sich demgegenüber als unzutreffend erwiesen (vgl. auch OLG Dresden, Urteil vom 28.02.2001 – 6 U 3035/00).\n\n53\n\nc)\n\n54\n\nDie Klägerin kann gemäß § 249 Abs. 2 BGB die Nettoreparaturkosten in Höhe von 3.172,32 EUR sowie die Wertminderung in Höhe von 750 EUR ersetzt verlangen. Die erstattungsfähigen Auslagen schätzt das Gericht gemäß § 287 ZPO auf 25 EUR.\n\n55\n\n2.\n\n56\n\nDer Zinsanspruch folgt aus § 288 Abs. 1 BGB. Die Rechtsanwaltskosten in Höhe von 413,41 EUR sind als Teil des materiellen Schadens ersatzfähig. Der diesbezügliche Zinsanspruch folgt aus §§ 291, 288 Abs. 1 BGB.\n\n57\n\n3.\n\n58\n\nDie prozessualen Nebenentscheidungen beruhen auf §§ 91, 281 Abs. 3 S. 2, 708 Nr. 11, 711, 709 S. 1 und 2 ZPO.\n\n59\n\nStreitwert: 3.947,32 EUR","source":"openlegaldata","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/475128","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-wuppertal/2017-01-06/2-o-58-16","cited_norms":[{"jurabk":"BGB","ref":"§ 288","ref_norm":"288","n":2},{"jurabk":"BGB","ref":"§ 291","ref_norm":"291","n":1},{"jurabk":"BGB","ref":"§ 839","ref_norm":"839","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 34","ref_norm":"34","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 281","ref_norm":"281","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 287","ref_norm":"287","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 339","ref_norm":"339","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 342","ref_norm":"342","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 708","ref_norm":"708","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 709","ref_norm":"709","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 711","ref_norm":"711","n":1},{"jurabk":"BGB","ref":"§ 249","ref_norm":"249","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 91","ref_norm":"91","n":1}],"authoritative_source":"https://de.openlegaldata.io/case/475128","attribution":{"source":"Open Legal Data","source_url":"https://de.openlegaldata.io/case/475128","license":"Open Database License (ODbL) v1.0","license_url":"https://opendatacommons.org/licenses/odbl/1-0/","notice":"Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0."},"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-wuppertal/2017-01-06/2-o-58-16","upstream":"https://de.openlegaldata.io/case/475128","retrieved":"2026-07-09 08:24:48.344865+00:00"}}