{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091222.2bvr236509","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2009-12-22","aktenzeichen":"2 BvR 2365/09","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 2365/09 -\n\n                                 In dem Verfahren\n                                       über\n                           die Verfassungsbeschwerde\ndes Herrn G ...,\n\n- Bevollmächtigte: Rechtsanwälte Hummel, Kaleck,\n                   Immanuelkirchstraße 3-4, 10405 Berlin -\ngegen a) den Beschluss des Oberlandesgerichts Nürnberg vom 13. Juli 2009 - 1\n         Ws 304/09 -,\n\n       b) den Beschluss des Landgerichts Regensburg vom 22. Mai 2009 - StVK\n          17/1998 -\n\nund    Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\nund   Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe\n      und Beiordnung von Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, Berlin,\n\nhat die 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                 den Vizepräsidenten Voßkuhle,\n                                 den Richter Mellinghoff\n                                 und die Richterin Lübbe-Wolff\n\ngemäß § 32 Abs. 1 in Verbindung mit § 93d Abs. 2 BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 22. Dezember 2009 einstimmig beschlossen:\n\nDer Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird abgelehnt.\nDer Antrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe und Beiordnung von Rechtsanwalt Sch... für das Verfahren über den Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung wird zurückgewiesen.\n\n                                     Gründe:\n 1. Nach § 32 BVerfGG kann das Bundesverfassungsgericht im Streitfall einen Zustand durch einstweilige Anordnung vorläufig regeln, wenn dies zur Abwehr schwerer\nNachteile oder aus einem anderen wichtigen Grund zum gemeinen Wohl dringend\ngeboten ist. Auch in einem Verfahren über eine Verfassungsbeschwerde kann eine\neinstweilige Anordnung erlassen werden (vgl. BVerfGE 66, 39 <56>; stRspr). Dabei\nhaben die Gründe, die für die Verfassungswidrigkeit des angegriffenen Hoheitsakts\nvorgetragen werden, grundsätzlich außer Betracht zu bleiben. Etwas anderes gilt nur,\nwenn sich die Verfassungsbeschwerde von vornherein als unzulässig oder offen-\n\n\n\n                                         1/4\n\nsichtlich unbegründet erweist. Bei offenem Ausgang des Verfassungsbeschwerdeverfahrens muss das Bundesverfassungsgericht dagegen die Folgen, die eintreten\nwürden, wenn eine einstweilige Anordnung nicht erginge, die Verfassungsbeschwerde aber Erfolg hätte, gegenüber den Nachteilen abwägen, die entstünden, wenn die\nbegehrte einstweilige Anordnung erlassen würde, der Verfassungsbeschwerde aber\nder Erfolg zu versagen wäre (vgl. BVerfGE 87, 334 <338>; 89, 109 <110>; stRspr).\nDer Erlass einer einstweiligen Anordnung kommt nur in Betracht, wenn die Abwägung ein Überwiegen der für den Erlass sprechenden Gründe ergibt (vgl. BVerfG,\nBeschluss des Zweiten Senats vom 15. Oktober 2008 - 2 BvR 236/08 -, NVwZ 2009,\nS. 103 <104>).\n\n 2. Die im Hinblick auf das Kammerurteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) vom 17. Dezember 2009 (Beschwerde Nr. 19359/04) gebotene\nFolgenabwägung führt zur Ablehnung des Antrags auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.\n\n  a) Erginge die einstweilige Anordnung nicht, erwiese sich später die Verfassungsbeschwerde aber als begründet, so entstünde dem Beschwerdeführer durch die Fortsetzung der Freiheitsentziehung ein schwerer und nicht wieder gutzumachender Verlust an persönlicher Freiheit (vgl. BVerfGE 22, 178 <180>; 84, 341 <344>). Die\nFreiheit der Person (Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG) hat unter den grundrechtlich verbürgten\nRechten besonderes Gewicht (vgl. BVerfGE 65, 317 <322>; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 31. Juli 2000 - 2 BvR 1261/00 -, juris, Rn. 13).\n\n b) Erginge die einstweilige Anordnung, wiese aber das Bundesverfassungsgericht          4\ndie Verfassungsbeschwerde später als unbegründet zurück oder gäbe ihr ohne die\nFolge einer Entlassung des Beschwerdeführers aus dem Maßregelvollzug statt, so\nentstünden ebenfalls schwerwiegende Nachteile. Die Fachgerichte haben in nachvollziehbarer Weise die Gefahr bejaht, dass der Beschwerdeführer infolge seines\nHanges erhebliche Straftaten begehen wird, durch welche die Opfer seelisch oder\nkörperlich schwer geschädigt werden. Diese Annahme ist nachvollziehbar begründet;\nsie beruht unter anderem auf einem widerspruchsfreien und plausiblen Gutachten eines externen Sachverständigen. In Anbetracht dessen überwiegt insoweit das Sicherungsbedürfnis der Allgemeinheit gegenüber dem Freiheitsgrundrecht des Beschwerdeführers.\n\n  c) Die vom Beschwerdeführer angeregten Alternativen - z.B. engmaschige Auflagen        5\n- vermögen im Verfahren der einstweiligen Anordnung nicht zu einer anderen Beurteilung zu führen (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom\n22. Mai 2008 - 2 BvR 749/08 -, juris, Rn. 5; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten\nSenats vom 25. November 2009 - 2 BvR 2609/09 -, juris, Rn. 7).\n\n d) Unter diesen Umständen kann ein Überwiegen der für den Erlass der einstweiligen Anordnung sprechenden Gründe nicht festgestellt werden.\n\n 3. Da der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung ohne Erfolg bleibt, ist der   7\n\n\n\n                                          2/4\n\nAntrag auf Bewilligung von Prozesskostenhilfe für dieses Verfahren abzulehnen (vgl.\n§ 114 Satz 1 ZPO).\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                                 8\n\n              Voßkuhle              Mellinghoff          Lübbe-Wolff\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom\n22. Dezember 2009 - 2 BvR 2365/09\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 22. Dezember 2009 - 2 BvR 2365/09 - Rn. (1 - 8), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20091222_2bvr236509.html\n\nECLI           ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091222.2bvr236509\n\n\n\n\n                                     4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-12-22/2-bvr-2365-09","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 32","ref_norm":"32","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":1},{"jurabk":"ZPO","ref":"§ 114","ref_norm":"114","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-12-22/2-bvr-2365-09","retrieved":"2026-07-10 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