{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091113.2bvr260309","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2009-11-13","aktenzeichen":"2 BvR 2603/09","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 2603/09 -\n\n\n\n\n                              Im Namen des Volkes\n\n                                In dem Verfahren\n                                      über\n                          die Verfassungsbeschwerde\ndes Herrn K ...\n\n- Bevollmächtigte: Rechtsanwaltskanzlei Georg HM Oedekoven,\n                   Luisenplatz 2, 65185 Wiesbaden -\ngegen den Beschluss des Verwaltungsgericht Frankfurt am Main vom 9. Oktober\n      2009 - 3 L 2381/09.F.A(1) -\n\nhier:   Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\nhat die 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                 die Richterin Osterloh\n                                 und die Richter Mellinghoff,\n                                 Gerhardt\n\nam 13. November 2009 einstimmig beschlossen:\n\nDem Landkreis Gotha wird im Wege der einstweiligen Anordnung die Vollziehung\nder Abschiebung des Beschwerdeführers nach Griechenland vorläufig untersagt.\nDas Land Hessen hat dem Beschwerdeführer die notwendigen Auslagen für das\nVerfahren auf Erlass einer einstweiligen Anordnung zu erstatten.\n\n                                     Gründe:\n Der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung nach § 32 Abs. 1 BVerfGG in      1\neinem Verfahren betreffend die Überstellung eines afghanischen Asylantragstellers\nnach Griechenland in Anwendung der Verordnung (EG) Nr. 343/2003 des Rates vom\n18. Februar 2003 (ABl Nr. L 50 S. 1) zur Festlegung der Kriterien und Verfahren zur\nBestimmung des Mitgliedstaats, der für die Prüfung eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten Asylantrags zuständig ist, hat Erfolg.\n\n 1. Nach § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bundesverfassungsgericht im Streitfall einen Zustand durch einstweilige Anordnung vorläufig regeln, wenn dies zur Abwehr\nschwerer Nachteile oder aus einem anderen wichtigen Grund zum gemeinen Wohl\n\n\n                                         1/4\n\ndringend geboten ist. Dabei haben die Gründe, die für die Verfassungswidrigkeit des\nangegriffenen Hoheitsakts vorgetragen werden, grundsätzlich außer Betracht zu bleiben, es sei denn, die Verfassungsbeschwerde erwiese sich von vornherein als unzulässig oder offensichtlich unbegründet. Bei offenem Ausgang des Verfassungsbeschwerdeverfahrens muss das Bundesverfassungsgericht die Folgen, die eintreten\nwürden, wenn eine einstweilige Anordnung nicht erginge, die Verfassungsbeschwerde aber Erfolg hätte, gegen die Nachteile abwägen, die entstünden, wenn die begehrte einstweilige Anordnung erlassen würde, der Verfassungsbeschwerde der Erfolg aber zu versagen wäre (vgl. BVerfGE 88, 25 <35>; 89, 109 <110 f.>; stRspr).\n\n 2. Dem Erlass einer einstweiligen Anordnung steht nicht entgegen, dass die noch zu     3\nerhebende Verfassungsbeschwerde offensichtlich unzulässig oder offensichtlich unbegründet wäre.\n\n  Die Verfassungsbeschwerde kann Anlass zur Untersuchung geben, ob und gegebenenfalls welche Vorgaben das Grundgesetz in Art. 19 Abs. 4 Satz 1 GG und\nArt. 16a Abs. 2 Sätze 1 und 3 GG für die fachgerichtliche Prüfung der Grenzen des\nKonzepts der normativen Vergewisserung (vgl. BVerfGE 94, 49 <99 f.>) bei der Anwendung von § 34a Abs. 2 AsylVfG trifft, wenn Gegenstand des Eilrechtsschutzantrags eine beabsichtigte Abschiebung in einen nach der Verordnung (EG) Nr. 343/\n2003 zuständigen anderen Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften ist.\n\n  Angesichts dieser offenen Fragen ist nicht zu erkennen, dass eine in der Sache        5\nnoch zu erhebende Verfassungsbeschwerde offensichtlich unbegründet wäre. Auch\nunter Berücksichtigung der zwischenzeitlich gerichtsbekannten, umfangreichen Stellungnahmen verschiedener Organisationen zur Situation von Asylantragstellern in\nGriechenland können die Erfolgsaussichten der noch zu erhebenden Verfassungsbeschwerde nicht von vornherein offensichtlich verneint werden. Allerdings sind sie angesichts des Umstands, dass die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft\ndurch den verfassungsändernden Gesetzgeber selbst zu sicheren Drittstaaten bestimmt worden sind (vgl. BVerfGE 94, 49 <88 f.>), die Vergewisserung hinsichtlich\nder Schutzgewährung damit durch den verfassungsändernden Gesetzgeber selbst\nerfolgt ist (vgl. BVerfGE 94, 49 <101>) und die Entscheidung nicht durch eine Rechtsverordnung nach § 26a Abs. 3 AsylVfG rückgängig gemacht werden kann, auch nicht\noffensichtlich zu bejahen.\n\n 3. Bliebe dem Beschwerdeführer der begehrte Erlass der einstweiligen Anordnung         6\nversagt, obsiegte er aber in der Hauptsache, könnten möglicherweise bereits mit der\nAbschiebung oder in ihrer Folge eingetretene Rechtsbeeinträchtigungen nicht mehr\nverhindert oder rückgängig gemacht werden (vgl. BVerfG, Beschluss der 1. Kammer\ndes Zweiten Senats vom 8. September 2009 - 2 BvQ 56/09 -, NVwZ 2009, S. 1281).\nDie Nachteile, die entstünden, wenn die einstweilige Anordnung erginge, dem Beschwerdeführer der Erfolg in der Hauptsache aber versagt bliebe, wiegen dagegen\nhier weniger schwer. Insbesondere widerspricht die Gewährung von einstweiligem\nRechtsschutz im Überstellungsverfahren nicht gemeinschaftsrechtlichen Verpflich-\n\n\n\n                                         2/4\n\ntungen der Bundesrepublik Deutschland. Eine gemeinschaftsrechtliche Pflicht zum\nAusschluss des vorläufigen Rechtsschutzes bei Überstellungen nach der Verordnung (EG) Nr. 343/2003 besteht nicht. Vielmehr sieht das Gemeinschaftsrecht die\nMöglichkeit der Gewährung vorläufigen fachgerichtlichen Rechtsschutzes gegen\nÜberstellungen an den zuständigen Mitgliedstaat nach Art. 19 Abs. 2 Satz 4 und\nArt. 20 Abs. 1 Buchstabe e Satz 4 der Verordnung (EG) Nr. 343/2003 selbst vor.\n\n 4. Die Entscheidung über die Erstattung von Auslagen folgt aus § 34a Abs. 2 und 3   7\nBVerfGG.\n\n              Osterloh             Mellinghoff            Gerhardt\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom\n13. November 2009 - 2 BvR 2603/09\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 13. November 2009 - 2 BvR 2603/09 - Rn. (1 - 7), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20091113_2bvr260309.html\n\nECLI           ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091113.2bvr260309\n\n\n\n\n                                     4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-11-13/2-bvr-2603-09","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 32","ref_norm":"32","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 19","ref_norm":"19","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 26a","ref_norm":"26a","n":1},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 34a","ref_norm":"34a","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-11-13/2-bvr-2603-09","retrieved":"2026-07-10 10:59:05.289003+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2009-11-13/2-bvr-2603-09","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2009-11-13","dockets":["2 BvR 2603/09"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091113.2bvr260309","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091113.2bvr260309"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 13.11.2009 – 2 BvR 2603/09","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-11-13/2-bvr-2603-09","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Dem Landkreis Gotha wird im Wege der einstweiligen Anordnung die Vollziehung\nder Abschiebung des Beschwerdeführers nach Griechenland vorläufig untersagt.\nDas Land Hessen hat dem Beschwerdeführer die notwendigen Auslagen für das\nVerfahren auf Erlass einer einstweiligen Anordnung zu erstatten.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"BVerfGG/32","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"32","label":"§ 32 BVerfGG","mentions":2},{"id":"GG/19","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"19","label":"Art 19 GG","mentions":1},{"id":"AsylVfG 1992/26a","law":"AsylVfG 1992","abbreviation":"AsylVfG 1992","ref":"26a","label":"§ 26a AsylVfG 1992","mentions":1},{"id":"AsylVfG 1992/34a","law":"AsylVfG 1992","abbreviation":"AsylVfG 1992","ref":"34a","label":"§ 34a AsylVfG 1992","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[{"position":1,"court":"VG Frankfurt","court_id":null,"court_as_stated":"VG Frankfurt","date":"2009-10-09","docket":"3 L 2381.F.A(1)","decision_type":"Beschluss","ecli":null,"id":null,"url":null,"is_this_decision":false,"is_held":false},{"position":2,"court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","date":"2009-11-13","docket":"2 BvR 2603/09","decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:rk20091113.2bvr260309","id":"bverfg/2009-11-13/2-bvr-2603-09","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-11-13/2-bvr-2603-09","is_this_decision":true,"is_held":true},{"position":3,"court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","date":"2010-10-27","docket":"2 BvR 2603/09","decision_type":"Einstweilige Anordnung","ecli":null,"id":"bverfg/2010-10-27/2-bvr-2603-09","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2010-10-27/2-bvr-2603-09","is_this_decision":false,"is_held":true}],"has_records":true,"note":"As the courts' records state it (getProceeding). 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