{"status":"available","doknr":"BVERFG-es20090630_2bve000208","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:es20090630.2bve000208","court":"BVerfG","senate":"Zweiter Senat","decided":"2009-06-30","aktenzeichen":"2 BvE 2/08","doktyp":"Urteil","leitsatz":"1. Das Grundgesetz ermächtigt mit Art. 23 GG zur Beteiligung und Entwicklung einer als Staatenverbund konzipierten Europäischen Union.\n   Der Begriff des Verbundes erfasst eine enge, auf Dauer angelegte Verbindung souverän bleibender Staaten, die auf vertraglicher Grundlage\n   öffentliche Gewalt ausübt, deren Grundordnung jedoch allein der Verfügung der Mitgliedstaaten unterliegt und in der die Völker - das heißt\n   die staatsangehörigen Bürger - der Mitgliedstaaten die Subjekte demokratischer Legitimation bleiben.\n2. a) Sofern die Mitgliedstaaten das Vertragsrecht so ausgestalten, dass\n   unter grundsätzlicher Fortgeltung des Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung eine Veränderung des Vertragsrechts ohne Ratifikationsverfahren herbeigeführt werden kann, obliegt neben der Bundesregierung den gesetzgebenden Körperschaften eine besondere\n   Verantwortung im Rahmen der Mitwirkung, die in Deutschland innerstaatlich den Anforderungen des Art. 23 Abs. 1 GG genügen muss (Integrationsverantwortung) und gegebenenfalls in einem verfassungsgerichtlichen Verfahren eingefordert werden kann.\n\n   b) Ein Gesetz im Sinne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG ist nicht erforderlich, soweit spezielle Brückenklauseln sich auf Sachbereiche beschränken, die durch den Vertrag von Lissabon bereits hinreichend\n   bestimmt sind. Auch in diesen Fällen obliegt es allerdings dem Bundestag und - soweit die Gesetzgebungsbefugnisse der Länder betroffen sind, dem Bundesrat - seine Integrationsverantwortung in anderer\n   geeigneter Weise wahrzunehmen.\n\n\n\n\n                                 1/123\n\n3. Die europäische Vereinigung auf der Grundlage einer Vertragsunion\n   souveräner Staaten darf nicht so verwirklicht werden, dass in den Mitgliedstaaten kein ausreichender Raum zur politischen Gestaltung der\n   wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Lebensverhältnisse mehr\n   bleibt. Dies gilt insbesondere für Sachbereiche, die die Lebensumstände der Bürger, vor allem ihren von den Grundrechten geschützten privaten Raum der Eigenverantwortung und der persönlichen und sozialen Sicherheit prägen, sowie für solche politischen Entscheidungen,\n   die in besonderer Weise auf kulturelle, historische und sprachliche\n   Vorverständnisse angewiesen sind, und die sich im parteipolitisch\n   und parlamentarisch organisierten Raum einer politischen Öffentlichkeit diskursiv entfalten.\n4. Das Bundesverfassungsgericht prüft, ob Rechtsakte der europäischen\n   Organe und Einrichtungen sich unter Wahrung des gemeinschaftsund unionsrechtlichen Subsidiaritätsprinzips (Art. 5 Abs. 2 EGV; Art. 5\n   Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 des Vertrags über die Europäische Union in\n   der Fassung des Vertrags von Lissabon <EUV-Lissabon>) in den\n   Grenzen der ihnen im Wege der begrenzten Einzelermächtigung eingeräumten Hoheitsrechte halten (vgl. BVerfGE 58, 1 <30 f.>; 75, 223 <235,\n   242>; 89, 155 <188>: dort zum ausbrechenden Rechtsakt). Darüber\n   hinaus prüft das Bundesverfassungsgericht, ob der unantastbare\n   Kerngehalt der Verfassungsidentität des Grundgesetzes nach Art. 23\n   Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG gewahrt ist (vgl.\n   BVerfGE 113, 273 <296>). Die Ausübung dieser verfassungsrechtlich\n   radizierten Prüfungskompetenz folgt dem Grundsatz der Europarechtsfreundlichkeit des Grundgesetzes, und sie widerspricht deshalb\n   auch nicht dem Grundsatz der loyalen Zusammenarbeit (Art. 4 Abs. 3\n   EUV-Lissabon); anders können die von Art. 4 Abs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon anerkannten grundlegenden politischen und verfassungsmäßigen Strukturen souveräner Mitgliedstaaten bei fortschreitender\n   Integration nicht gewahrt werden. Insoweit gehen die verfassungsund die unionsrechtliche Gewährleistung der nationalen Verfassungsidentität im europäischen Rechtsraum Hand in Hand.\n\n\n\n\n                                 2/123","text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT                                       Verkündet\n- 2 BVE 2/08 -                                                 am\n- 2 BVE 5/08 -                                                 30. Juni 2009\n- 2 BVR 1010/08 -                                              Herr\n- 2 BVR 1022/08 -                                              als Urkundsbeamtin\n- 2 BVR 1259/08 -                                              der Geschäftsstelle\n- 2 BVR 182/09 -\n\n\n\n\n                                Im Namen des Volkes\n\n                                  In den Verfahren\n\nI. über den Antrag, im Organstreitverfahren festzustellen,\n\na) dass das Gesetz vom 8. Oktober 2008 zum Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II Seite 1038) gegen Artikel 20 Absatz 1\n   und Absatz 2, Artikel 23 Absatz 1 und Artikel 79 Absatz 3 Grundgesetz verstößt\n   und den Antragsteller in seinen Rechten aus Artikel 38 Absatz 1 Grundgesetz\n   verletzt,\n\nb) dass Artikel 1 Nummer 1 und Nummer 2 des Gesetzes zur Änderung des\n   Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) vom 8. Oktober 2008 (Bundesgesetzblatt\n   I Seite 1926) und Artikel 1 § 3 Absatz 2, § 4 Absatz 3 Nummer 3 und Absatz 6\n   sowie § 5 des Gesetzes über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des\n   Bundestages und des Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union\n   (Bundestagsdrucksache 16/8489) gegen Artikel 20 Absatz 1 und Absatz 2, Artikel 23 Absatz 1 und Artikel 79 Absatz 3 Grundgesetz verstoßen und den Antragsteller in seinem Recht aus Artikel 38 Absatz 1 Grundgesetz verletzen\n\nAntragsteller: Dr. G...,\n\n- Bevollmächtigte:1. Prof. Dr. Dietrich Murswiek,\n                   2. Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Bub,\n                      Promenadeplatz 9, 80333 München -\n\nAntragsgegner: 1. Deutscher Bundestag,\n               vertreten durch den Präsidenten,\n               Platz der Republik 1, 11011 Berlin,\n\n- Bevollmächtigter: Prof. Dr. Dr. h.c. Ingolf Pernice,\n\n\n                                          3/123\n\nLaehrstraße 17a, 14165 Berlin -\n         2. Bundesregierung,\n         vertreten durch die Bundeskanzlerin,\n         Bundeskanzleramt, Willy-Brandt-Straße 1, 10557 Berlin,\n\n- Bevollmächtigter: Prof. Dr. Dr. h.c. Christian Tomuschat,\n                    Odilostraße 25a, 13467 Berlin -\nund    Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\nund         Antrag auf andere Abhilfe\n\n- 2 BVE 2/08 -,\n\nII. über den Antrag, im Organstreitverfahren festzustellen,\n    dass das Gesetz vom 8. Oktober 2008 zum Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II Seite 1038) den Deutschen Bundestag\n    in seinen Rechten als legislatives Organ verletzt und deshalb unvereinbar mit\n    dem Grundgesetz ist\n\nAntragstellerin: Fraktion DIE LINKE\n                 im Deutschen Bundestag, vertreten durch die Vorsitzenden\n                 Dr. Gregor Gysi, Mitglied des Deutschen Bundestages, und Oskar\n                 Lafontaine, Mitglied des Deutschen Bundestages,\n                 Platz der Republik 1, 11011 Berlin,\n\n- Bevollmächtigter: Prof. Dr. Andreas Fisahn,\n                    Universität Bielefeld,\n                    Postfach 10 01 31, 33501 Bielefeld -\nAntragsgegner: Deutscher Bundestag,\n               vertreten durch den Präsidenten,\n               Platz der Republik 1, 11011 Berlin,\n\n- Bevollmächtigter: Prof. Dr. Franz Mayer,\n                    Lettestraße 3, 10437 Berlin -\nund    Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\n- 2 BVE 5/08 -,\n\n   III. über die Verfassungsbeschwerde\n\ndes Herrn Dr. G...,\n\n- Bevollmächtigte:1. Prof. Dr. Dietrich Murswiek,\n\n\n\n\n                                        4/123\n\n2. Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Bub,\n   Promenadeplatz 9, 80333 München -\n\n gegen a) das Gesetz vom 8. Oktober 2008 zum Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II Seite 1038),\n\n         b) Artikel 1 Nummer 1 und Nummer 2 des Gesetzes zur Änderung des\n            Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) vom 8. Oktober 2008 (Bundesgesetzblatt I Seite 1926),\n\n         c) Artikel 1 § 3 Absatz 2, § 4 Absatz 3 Nummer 3 und Absatz 6 sowie § 5\n            des Gesetzes über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und des Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen\n            Union (Bundestagsdrucksache 16/8489)\n\n und      Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\n und          Antrag auf andere Abhilfe\n\n - 2 BVR 1010/08 -,\n\n       IV. über die Verfassungsbeschwerde\n\n des Herrn Prof. Dr. Dr. B...,\n\n - Bevollmächtigte: Rechtsanwälte Tempel & Kollegen,\n                    Sternstraße 21, 80538 München -\n gegen das Gesetz vom 8. Oktober 2008 zum Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II Seite 1038)\n\n und      Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\n - 2 BVR 1022/08 -,\n\n V. über die Verfassungsbeschwerde der Mitglieder des Deutschen Bundestages\n\n   1. Herr A...,\n   2. Herr Dr. B...,\n   3. Frau B...,\n   4. Herr Prof. Dr. B...,\n   5. Frau B...,\n   6. Frau B...,\n   7. Frau Dr. B...,\n   8. Herr C...,\n   9. Frau D...,\n\n\n                                          5/123\n\n10. Herr Dr. D...,\n11. Herr D...,\n12. Frau Dr. E...,\n13. Herr E...,\n14. Herr G...,\n15. Frau G...,\n16. Herr Dr. G...,\n17. Frau H...,\n18. Herr H...,\n19. Herr H...,\n20. Frau H...,\n21. Frau H...,\n22. Frau Dr. H...,\n23. Frau J...,\n24. Frau Dr. J...,\n25. Herr Prof. Dr. K...,\n26. Frau K...,\n27. Frau K...,\n28. Herr K...,\n29. Frau K...,\n30. Herr L...,\n31. Herr L...,\n32. Frau L...,\n33. Frau Dr. L...,\n34. Herr M...,\n35. Frau M...,\n36. Frau M...,\n37. Frau N...,\n38. Herr N...,\n39. Herr Prof. Dr. P...,\n40. Frau P...,\n41. Herr R...,\n42. Frau R...,\n43. Herr S...,\n44. Herr S...,\n\n\n                           6/123\n\n45. Herr Prof. Dr. S...,\n46. Herr Dr. S...,\n47. Frau Dr. S...,\n48. Herr S...,\n49. Frau Dr. T...,\n50. Herr Dr. T...,\n51. Herr U...,\n52. Herr W...,\n53. Frau Z...,\n\n- Bevollmächtigter: Prof. Dr. Andreas Fisahn,\n                    Universität Bielefeld,\n                    Postfach 10 01 31, 33501 Bielefeld -\ngegen das Gesetz vom 8. Oktober 2008 zum Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II Seite 1038)\n\nund      Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\n- 2 BVR 1259/08 -,\n\n      VI. über die Verfassungsbeschwerde\n\n  1. des Herrn Prof. Dr. Dr. S...,\n  2. des Herrn Graf von S...,\n  3. des Herrn Prof. Dr. Dr. S...,\n  4. des Herrn Prof. Dr. K...,\n\n- Bevollmächtigter zu 1.-3.: Rechtsanwalt Prof. Dr. Markus C. Kerber,\n                             Hackescher Markt 4, 10178 Berlin -\ngegen a) das Gesetz vom 8. Oktober 2008 zum Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II Seite 1038),\n\n        b) das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93)\n           vom 8. Oktober 2008 (Bundesgesetzblatt I Seite 1926) und das Gesetz\n           über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und des\n           Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union (Bundestagsdrucksache 16/8489)\n\n- 2 BVR 182/09 -\n\nhat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat - unter Mitwirkung der Richterinnen und Richter\n                                     Vizepräsident Voßkuhle,\n\n\n                                           7/123\n\n                                 Broß,\n                                 Osterloh,\n                                 Di Fabio,\n                                 Mellinghoff,\n                                 Lübbe-Wolff,\n                                 Gerhardt,\n                                 Landau\n\naufgrund der mündlichen Verhandlung vom 10. und 11. Februar 2009 durch\n\n                                       Urteil\nfür Recht erkannt:\n\n  1. Die Verfahren werden zur gemeinsamen Entscheidung verbunden.\n  2. Der Antrag im Organstreitverfahren des Antragstellers zu I. wird verworfen.\n  3. Der Antrag im Organstreitverfahren der Antragstellerin zu II. wird zurückgewiesen.\n  4. a) Das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und des Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union (Bundestagsdrucksache 16/8489) verstößt insoweit gegen Artikel 38 Absatz 1 in\n     Verbindung mit Artikel 23 Absatz 1 des Grundgesetzes, als Beteiligungsrechte\n     des Deutschen Bundestages und des Bundesrates nicht in dem nach Maßgabe der unter C. II. 3. genannten Gründe erforderlichen Umfang ausgestaltet\n     worden sind.\n\n     b) Vor Inkrafttreten der von Verfassungs wegen erforderlichen gesetzlichen\n     Ausgestaltung der Beteiligungsrechte darf die Ratifikationsurkunde der Bundesrepublik Deutschland zum Vertrag von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft vom 13. Dezember 2007 (Bundesgesetzblatt 2008 II\n     Seite 1039) nicht hinterlegt werden.\n  5. Im Übrigen werden die Verfassungsbeschwerden zurückgewiesen.\n  6. Die Bundesrepublik Deutschland hat die notwendigen Auslagen dieser Verfahren dem Beschwerdeführer zu III. zur Hälfte, den Beschwerdeführern zu IV.\n     und VI. jeweils zu einem Viertel sowie den Beschwerdeführern zu V. und der\n     Antragstellerin zu II. jeweils zu einem Drittel zu erstatten.\n\n                                     Gründe:\n\n                                        A.\n Gegenstand der zu gemeinsamer Entscheidung verbundenen Organstreitverfahren           1\nund Verfassungsbeschwerden ist die Ratifikation des Vertrags von Lissabon zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der\n\n\n                                        8/123\n\nEuropäischen Gemeinschaft vom 13. Dezember 2007 (ABl Nr. C 306/1). Die Verfahren betreffen das deutsche Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon und - teilweise - die deutschen Begleitgesetze: Das bereits verkündete, aber noch nicht in\nKraft getretene Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) sowie das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und\ndes Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union, das zustandegekommen, aber noch nicht ausgefertigt und verkündet ist.\n\n                                          I.\n  1. Der Vertrag von Lissabon ist - wie die Einheitliche Europäische Akte sowie die      2\nVerträge von Maastricht, Amsterdam und Nizza - ein völkerrechtlicher Änderungsvertrag. Er ist wie die Verträge von Amsterdam und Nizza auf Art. 48 des Vertrags über\ndie Europäische Union (EUV) vom 7. Februar 1992 (ABl Nr. C 191/1; vgl. für die aktuelle, konsolidierte Fassung ABl 2002 Nr. C 325/5) gestützt; das heißt, er ist nach dem\nseit Inkrafttreten des Vertrags von Maastricht vorgesehenen Änderungsverfahren\nentstanden. Im Unterschied zur Einheitlichen Europäischen Akte und den Verträgen\nvon Amsterdam und Nizza sieht der Vertrag von Lissabon eine grundlegende Änderung des bestehenden Vertragssystems vor. Er löst die Säulenstruktur der Europäischen Union auf und verleiht der Union formell Rechtspersönlichkeit. In seiner Bedeutung für die Entwicklung der Europäischen Union ähnelt er deshalb dem Vertrag\nvon Maastricht.\n\n 2. Der Vertrag von Lissabon ersetzt den nicht von allen Mitgliedstaaten ratifizierten   3\nVertrag über eine Verfassung für Europa (Verfassungsvertrag) vom 29. Oktober\n2004 (ABl Nr. C 310/1). Zwar übernimmt der Vertrag von Lissabon dessen Inhalte zu\nweiten Teilen; gleichwohl bestehen Unterschiede.\n\n  a) aa) Mit dem Inkrafttreten des in Paris geschlossenen Vertrags über die Gründung     4\nder Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl aus dem Jahr 1951 (BGBl 1952\nII S. 445) wurde der Prozess der europäischen Integration eingeleitet.\n\n  Die europäische Idee einer politischen Vereinigung Europas war nach 1945 deutlich      5\nerstarkt (vgl. Loth, Der Weg nach Europa. Geschichte der europäischen Integration\n1939-1957, 1990; Niess, Die europäische Idee - aus dem Geist des Widerstands,\n2001; Wirsching, Europa als Wille und Vorstellung, Die Geschichte der europäischen\nIntegration zwischen nationalem Interesse und großer Erzählung, ZSE 2006,\nS. 488 ff.; Haltern, Europarecht, 2. Aufl. 2007, Rn. 48 ff.). Bestrebungen richteten\nsich auf die Gründung Vereinigter Staaten von Europa und die Bildung einer europäischen Nation. Man wollte mit einer Verfassung den europäischen Bundesstaat begründen. Dies machten bereits der Europa-Kongress in Den Haag von 1948 mit seinem Appell zur Föderierung Europas, die sich daraus entwickelnde Bildung der\neuropäischen Bewegung und schließlich das von Jean Monnet gegründete „Aktionskomitee für die Vereinigten Staaten von Europa“ deutlich, dem einflussreiche Politiker\nwie Fanfani, Mollet, Wehner, Kiesinger und später Heath, Brandt, Tindemans angehörten (vgl. Oppermann, Europarecht, 3. Aufl. 2005, § 1 Rn. 14). Aus dem Europarat\n\n\n                                         9/123\n\nheraus unter dem Vorsitz des Führers der bereits in den 1920er Jahren aktiven\npaneuropäischen Bewegung, Graf Coudenhove-Kalergi, wurde der aus 18 Artikeln\nbestehende „Entwurf einer europäischen Bundesverfassung“ vom 6. Mai 1951 vorgelegt. Den Entwurf erarbeiteten 70 Mitglieder der Beratenden Versammlung des Europarats zur Gründung des „Verfassungskomitees für die Vereinigten Staaten von\nEuropa“. Er orientierte sich an der Verfassungsorganstruktur der Schweiz, mit einem\nZweikammerparlament und einem regierenden Bundesrat. Die Völker des Bundes\nsollten im Abgeordnetenhaus im Verhältnis zu ihrer Bevölkerungszahl mit einem Abgeordneten je einer Million oder für den Bruchteil einer Million vertreten sein (Art. 9\nAbs. 3 des Entwurfs einer europäischen Bundesverfassung, abgedruckt in: Mayer-Tasch/Contiades, Die Verfassungen Europas: mit einem Essay, verfassungsrechtlichen Abrissen und einem vergleichenden Sachregister, 1966, S. 631 ff.).\n\n  bb) Der Idee einer Verfassung für die Vereinigten Staaten von Europa standen von        6\nvornherein kräftige nationalstaatliche Orientierungen gegenüber, die vornehmlich\nden Blick auf den notwendigen Wiederaufbau und damit nach innen richteten. Wirkmächtig in entgegengesetzter Richtung waren die politischen Zwänge einer gemeinsamen Außen- und Verteidigungspolitik angesichts der Bedrohungslage im Kalten\nKrieg. Vor allem die Vereinigten Staaten von Amerika als Schutzmacht Westeuropas\ndrängten auf einen substantiellen europäischen Verteidigungsbeitrag, der es angeraten erscheinen ließ, auch nach Wegen zu einer integriert-kontrollierten deutschen\nWiederbewaffnung zu suchen. Am Anfang standen deshalb die Europäisierung der\ndamals wirtschafts- und rüstungsbedeutsamen Kohle- und Stahlindustrie mittels der\nEuropäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl und die Gründung einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft, also die Schaffung europäischer Streitkräfte mit\nmaßgeblicher französischer und deutscher Beteiligung. Der zur gleichen Zeit wie der\nVertrag über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl verhandelte Vertrag über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft, der eine sicherheitspolitische Integration vorsah, scheiterte allerdings an der Ablehnung der französischen Nationalversammlung (vgl. von Puttkamer, Vorgeschichte und\nZustandekommen der Pariser Verträge vom 23. Oktober 1954, ZaöRV 1956/1957,\nS. 448 ff.). Die ursprünglich bereits mitverhandelte politische Union war bereits im\nVerhandlungsstadium gescheitert und auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Mit\nder Ablehnung der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft und dem Scheitern der\nEuropäischen Politischen Gemeinschaft wurde deutlich, dass sich der europäische\nBundesstaat nicht direkt verwirklichen ließ.\n\n cc) Die gleichwohl eingeleitete Wirtschaftsintegration der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl war insofern zunächst der einzige konkrete Schritt, die europäische Vision praktisch zu verwirklichen. Der wegen nationalstaatlicher Beharrungskräfte erforderliche Umweg zur politischen Integration über eine Verschränkung\nund Vergemeinschaftung wirtschaftlicher Sachverhalte bestimmte in den folgenden\nJahrzehnten den Charakter der europäischen Entwicklung. Über eine möglichst weitgehende wirtschaftliche Verflechtung, über einen Gemeinsamen Markt, sollte die\n\n\n\n                                        10/123\n\npraktische Notwendigkeit politischer Vergemeinschaftung herbeigeführt werden, und\nes sollten Handels- und Wirtschaftsbedingungen entstehen, die eine politische, auch\naußen- und sicherheitspolitische Einheit dann als allein folgerichtig erscheinen lassen würden (vgl. Stikker, The Functional Approach to European Integration, Foreign\nAffairs 1951, S. 436 ff.; Küsters, Die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, 1982, S. 55 ff. und 79 ff.). Dieser funktionale Ansatz lag den 1957 geschlossenen „Römischen Verträgen“ - dem Vertrag zur Gründung der Europäischen Atomgemeinschaft (BGBl 1957 II S. 753) und dem Vertrag zur Gründung der Europäischen\nWirtschaftsgemeinschaft (EWGV); (BGBl 1957 II S. 766; vgl. für die aktuelle, konsolidierte Fassung des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft <EG-V> ABl 2002 Nr. C 325/1) - zugrunde. In den folgenden Jahrzehnten wurden diese\nVerträge schrittweise fortentwickelt und in der Organgestaltung zum Teil staatlichen\nStrukturen angeglichen. Der sogenannte Direktwahlakt ermöglichte 1979 die erste\nunmittelbare Wahl des Europäischen Parlaments (Akt zur Einführung allgemeiner unmittelbarer Wahlen der Abgeordneten des Europäischen Parlaments, Beschluss des\nRates vom 20. September 1976 <BGBl 1977 II S. 733>; zuletzt geändert durch Beschluss des Rates vom 25. Juni 2002 und 23. September 2002 <BGBl 2003 II S.\n810>).\n\n  dd) Die Einheitliche Europäische Akte vom 28. Februar 1986 (ABl 1987 Nr. L 169/1)       8\nwar nach dem organisatorisch-technisch angelegten Fusionsvertrag aus dem Jahr\n1965 (ABl 1967 Nr. L 152/1) und den Änderungen der Finanzvorschriften der Verträge aus den 1970er Jahren (ABl 1971 Nr. L 2/1 und ABl 1977 Nr. L 359/1) die erste\ngroße Reform der Verträge. Mit diesem Vertrag trat deutlich der Wille zutage, das ursprüngliche Ziel einer politischen Union Europas wiederaufzunehmen. Er bewirkte eine Ausweitung der Abstimmungen mit qualifizierter Mehrheit im Rat, die Erweiterung\nder Befugnisse des Europäischen Parlaments durch die Einführung des Verfahrens\nder Zusammenarbeit, die Einführung der auf einem intergouvernementalen Verfahren beruhenden Europäischen Politischen Zusammenarbeit und die formelle Institutionalisierung des Europäischen Rates als Steuerungsgremium für große politische\nLinien („Impulse“ im Sinne des Art. 4 EUV; vgl. Bulmer/Wessels, The European\nCouncil: Decision-making in European Politics, 1987).\n\n Grundlegend fortentwickelt wurden die Gemeinschaftsverträge durch den Vertrag            9\nüber die Europäische Union (Vertrag von Maastricht) vom 7. Februar 1992 (ABl Nr. C\n191/1). Mit ihm sollte eine „neue Stufe bei der Verwirklichung einer immer engeren\nUnion der Völker Europas“ erreicht werden (Art. 1 Abs. 2 EUV; vgl. auch BVerfGE 89,\n155 <158 ff.>). Die Europäische Union (EU) wurde gegründet. Deren Grundlage bilden die vormals drei, seit dem Auslaufen des Vertrags über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl nunmehr zwei Gemeinschaften. Sie werden durch zwei Formen der intergouvernementalen Zusammenarbeit ergänzt: die\nGemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und die Zusammenarbeit in den\nBereichen Justiz und Inneres (sogenanntes Drei-Säulen-Konzept). Die Europäische\nWirtschaftsgemeinschaft wurde in Europäische Gemeinschaft (EG) umbenannt. Dar-\n\n\n\n                                        11/123\n\nüber hinaus führte der Vertrag von Maastricht das Subsidiaritätsprinzip, die Unionsbürgerschaft und die Wirtschafts- und Währungsunion ein, schuf neue Zuständigkeiten der Europäischen Gemeinschaft (Bildung, Kultur, Gesundheit, Verbraucherschutz, transeuropäische Netze) und erweiterte die Befugnisse des Europäischen\nParlaments, indem er für die Rechtssetzung in einigen Bereichen das Verfahren der\nMitentscheidung einführte. In diesem Verfahren kann ohne die Zustimmung des Europäischen Parlaments der sekundäre Rechtsakt nicht mehr zustandekommen. Der\nVertrag von Maastricht sah auch für die Organarchitektur eine Revision der Verträge vor (Art. N Abs. 2 des Vertrags von Maastricht), die durch eine sich politisch abzeichnende Erweiterung der Europäischen Union zunehmend dringlicher erschien.\nDie Zusammensetzung und Funktionsweise der europäischen Organe war seit den\n1950er Jahren kaum verändert worden, obwohl sich die Zahl der Mitgliedstaaten von\nursprünglich sechs auf mittlerweile zwölf erhöht hatte und die Europäische Union\ndeutlich mehr Aufgaben wahrnahm als die Europäischen Gemeinschaften zu Beginn\nder europäischen Integration.\n\n  Der Vertrag von Amsterdam zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union, der Verträge zur Gründung der Europäischen Gemeinschaften sowie einiger damit zusammenhängender Rechtsakte (Vertrag von Amsterdam) vom 2. Oktober 1997\n(ABl Nr. C 340/1) erweiterte wiederum die Zuständigkeiten der Europäischen Union\nund der Europäischen Gemeinschaft, wie etwa für die gemeinsame Beschäftigungspolitik. Er überführte Sachbereiche wie Asyl, Einwanderung und Visafragen sowie\nJustizielle Zusammenarbeit in Zivilsachen, die bis dahin Gegenstand der intergouvernementalen Zusammenarbeit gewesen waren, in den Anwendungsbereich des supranationalen Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft und schuf die\nMöglichkeit einer verstärkten Zusammenarbeit bestimmter Mitgliedstaaten. Außerdem führte der Vertrag von Amsterdam einen Hohen Vertreter für die Gemeinsame\nAußen- und Sicherheitspolitik ein, straffte das Mitentscheidungsverfahren und stärkte\ndie Kontrollrechte des Europäischen Parlaments gegenüber der Kommission. Der\nVertrag ließ jedoch die mit der Erweiterung der Europäischen Union verbundenen institutionellen Fragen, vor allem die der Organgröße, der Sitzverteilung und des Umfangs der Mehrheitsentscheidung, offen.\n\n  Bereits mit Abschluss und Inkrafttreten des Vertrags von Amsterdam wurde deshalb      11\nein weiterer Änderungsvertrag für notwendig erachtet. Dieser kam zustande als Vertrag von Nizza zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union, der Verträge\nzur Gründung der Europäischen Gemeinschaften sowie einiger damit zusammenhängender Rechtsakte (Vertrag von Nizza) vom 26. Februar 2001 (ABl Nr. C 80/1).\nMit ihm wurde die Zahl der Materien, die der Abstimmungen mit qualifizierter Mehrheit im Rat unterliegen, weiter ausgeweitet und die Zusammensetzung der Kommission, die Zahl der Abgeordneten im Europäischen Parlament und die Stimmengewichte im Rat an die nunmehr politisch beschlossene Erweiterung der Europäischen\nUnion um bis zu zehn Staaten aus Ost- und Südosteuropa angepasst. Zusätzlich einigten sich die Regierungsvertreter darauf, dass die Mitgliedstaaten, die eine Ent-\n\n\n\n                                       12/123\n\nscheidung im Rat annehmen, mindestens 62 Prozent der gesamten Bevölkerung der\nEuropäischen Union repräsentieren müssen. Auf der Regierungskonferenz von Nizza wurde außerdem die durch einen Konvent ausgearbeitete Charta der Grundrechte\nder Europäischen Union (Grundrechtecharta - GRCh, ABl 2000 Nr. C 364/1) als politische Erklärung von dem Europäischen Parlament, dem Rat und der Kommission\nfeierlich proklamiert, ohne Bestandteil des Vertrags von Nizza zu werden.\n\n  b) aa) Nachdem sich abzeichnete, dass der Vertrag von Nizza nur die für notwendig        12\ngehaltenen Anpassungen der institutionellen Struktur der Europäischen Union vornehmen würde, wurde erwogen, wieder an das Anfang der 1950er Jahre gescheiterte Verfassungsprojekt anzuknüpfen. So schlug der deutsche Außenminister Fischer\neine europäische Verfassung vor (vgl. Fischer, Vom Staatenverbund zur Föderation -\nGedanken über die Finalität der europäischen Integration, integration 2000,\nS. 149 ff.) und löste damit eine weitreichende Verfassungsdebatte aus (vgl. hierzu\nLaffan, Der schwierige Weg zur Europäischen Verfassung: Von der Humboldt-Rede\nAußenministers Fischer bis zum Abschluss der Regierungskonferenz, in: Jopp/Matl,\nDer Vertrag über eine Verfassung für Europa, Analysen zur Konstitutionalisierung der\nEU, 2005, S. 473 ff.). Die Regierungskonferenz von Nizza nahm das Projekt einer europäischen Verfassung in die Erklärung Nr. 23 zur Zukunft der Union (ABl 2001 Nr. C\n80/85) zwar auf, wollte aber ausdrücklich nur die institutionelle Reform der Union fortsetzen. In der Erklärung von Laeken zur Zukunft der Europäischen Union vom\n15. Dezember 2001 (Bulletin EU 12-2001, I.27 <Anlage I>) wurden vier Ziele der Reform vorgegeben:\n\n- Erstens: „Eine bessere Aufteilung und Festlegung der Zuständigkeiten in der Europäischen Union“ - dabei sollte es vor allem um mehr Transparenz in der Kompetenzabgrenzung der Union zu den Mitgliedstaaten und um eine mögliche Verdeutlichung des Subsidiaritätsprinzips gehen, und es sollte geprüft werden, welche\nZuständigkeiten einerseits wiederum neu für die Union zu begründen seien, aber\nauch andererseits, welche bisher gemeinschaftlich ausgeübten Zuständigkeiten zurück auf die Mitgliedstaaten übertragen werden können.\n\n- Zweitens: „Vereinfachung der Instrumente der Union“ - hierzu sollte insbesondere         14\ndie Unterscheidung zwischen Gesetzgebungs- und Durchführungsmaßnahmen sowie eine Verringerung der Anzahl der Gesetzgebungsinstrumente erworgen werden.\n\n- Drittens: „Mehr Demokratie, Transparenz und Effizienz in der Europäischen Union“         15\n- zu diesem Ziel sollten umfassend Organisations- und Verfahrensfragen des unionalen Organsystems wie auch die Rolle der nationalen Parlamente überdacht werden.\n\n- Viertens: „Der Weg zu einer Verfassung für die europäischen Bürger“ - mit dieser         16\nPerspektive sollten die Verträge neu geordnet, die Aufnahme der Grundrechtecharta in den Basisvertrag und die Annahme eines Verfassungstextes in der Europäischen Union erwogen werden.\n\n\n\n                                         13/123\n\n Im Rahmen des dritten Zieles ging es vor allem um die Frage, wie die demokratische Legitimation und die Transparenz der vorhandenen Organe gestärkt werden\nkönne, und wie der Präsident der Kommission bestimmt werden solle: vom Europäischen Rat, vom Europäischen Parlament oder - im Wege direkter Wahl - vom Bürger.\nDie Erklärung von Laeken fragte, ob und wie Besetzung und Funktionsweise des Europäischen Parlaments sowie die Tätigkeit des Rates verändert werden sollten.\n\n bb) Der Europäische Rat setzte mit der Erklärung von Laeken einen Konvent zur           18\nAusarbeitung eines Verfassungstextes ein (vgl. allgemein zum Konvent Wessels, Der\nKonvent: Modelle für eine innovative Integrationsmethode, integration 2002,\nS. 83 ff.). Das Gremium sollte unter Beteiligung der damaligen Beitrittskandidaten die\nvier genannten Reformziele untersuchen. Der vom Konvent entworfene und von der\nRegierungskonferenz überarbeitete Verfassungsvertrag beinhaltete weitreichende\nÄnderungen, wenn auch keine Totalrevision der Verträge. Der Verfassungsvertrag\nsah vor, den Vertrag über die Europäische Union und den Vertrag zur Gründung der\nEuropäischen Gemeinschaft in einen einheitlichen Vertrag zusammenzufassen, die\nSäulenstruktur aufzulösen und die Europäische Union mit eigener Rechtspersönlichkeit auszustatten. Der Vorrang des Gemeinschaftsrechts vor dem nationalen Recht,\nder bislang auf der Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften beruht, sollte ausdrücklich festgeschrieben und die Symbole der Europäischen Union Flagge, Hymne, Leitspruch, Währung und Europatag sollten erstmals\nnormiert werden. Als weitere wesentliche Änderungen waren vorgesehen:\n\n- die Einbeziehung der Grundrechtecharta in den Verfassungsvertrag,                      19\n\n- die Kategorisierung und Klassifizierung der Zuständigkeiten der Union,                 20\n\n- der Ausbau der Institutionen der Union, insbesondere durch die Schaffung der Ämter eines Präsidenten des Europäischen Rates und eines Außenministers der Europäischen Union,\n\n- die Einführung des Prinzips der doppelten Mehrheit bei Abstimmungen im Rat,            22\n\n- eine neue Typologie der Handlungsformen der Union mit Begriffen wie „Gesetz“           23\nund „Rahmengesetz“,\n\n- die Einführung einer Europäischen Bürgerinitiative,                                    24\n\n- die Schaffung einer Nachbarschaftspolitik,                                             25\n\n- die Schaffung eines Austrittsrechts für die Mitgliedstaaten,                           26\n\n- unterschiedliche und erleichterte Änderungsverfahren für einzelne Teile und Aspekte des Verfassungsvertrags sowie\n\n- die Beteiligung der nationalen Parlamente im Gesetzgebungsverfahren zur Kontrolle der Subsidiarität in Form eines Frühwarnsystems und einer Subsidiaritätsklage.\n\n\n\n\n                                         14/123\n\n  Nach dem negativen Ausgang der Volksabstimmungen, die in Frankreich und in              29\nden Niederlanden zum Verfassungsvertrag am 29. Mai und am 1. Juni 2005 abgehalten worden waren, vereinbarte der Europäische Rat eine „Reflexionsphase“. Den Mitgliedstaaten, die den Verfassungsvertrag noch nicht ratifiziert hatten, sollte Gelegenheit gegeben werden, den Verfassungsvertrag nach umfassendem öffentlichem\nDiskurs ohne Zeitdruck zu ratifizieren oder dessen Ratifizierung aufzuschieben (Erklärung der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten der Europäischen Union zur Ratifizierung des Vertrags über eine Verfassung für Europa <Tagung des Europäischen Rates am 16. und 17. Juni 2005>, Bulletin EU 6-2005, I.30). Der\nRatifizierungsprozess konnte jedoch nicht wieder in Gang gesetzt werden.\n\n c) In der Berliner Erklärung vom 25. März 2007 anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der Römischen Verträge (Bulletin EU 3-2007, II.1) einigten sich die Mitgliedstaaten auf einen neuen Anlauf zu einem Reformvertrag (vgl. Maurer, Nach der Referendenzäsur: Deutsche Europapolitik in und nach der Denkpause über den\nVerfassungsvertrag, in: Müller-Graff, Deutschlands Rolle in der Europäischen Union,\n2008, S. 11 ff.). Der Europäische Rat von Brüssel erteilte am 22. Juni 2007 einer Regierungskonferenz das Mandat, einen sogenannten Reformvertrag zur Änderung der\nbestehenden Verträge auszuarbeiten (Schlussfolgerungen des Vorsitzes des Europäischen Rates vom 21. und 22. Juni 2007 in Brüssel, Bulletin EU 6-2007, I.37 <Anlage I>).\n\n  Das Mandat für die Regierungskonferenz unterschied sich von früheren Aufträgen          31\ndadurch, dass der Europäische Rat die Gestalt und den Inhalt des neuen Vertragstextes nahezu durchgehend, teilweise sogar im Wortlaut vorgab (vgl. die sprachlich\nüberarbeitete Fassung des Mandats im Ratsdokument 11218/07, Anlage). Dabei\nstützte er sich auf den Verfassungsvertrag, von dessen inhaltlicher Substanz so viel\nwie möglich in den neuen Reformvertrag übernommen werden sollte. Am 13. Dezember 2007 wurde dieser Reformvertrag als Vertrag von Lissabon zur Änderung des\nVertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft (Vertrag von Lissabon) unterzeichnet.\n\n  3. a) Die Präambel des Vertrags von Lissabon geht nicht auf den gescheiterten Verfassungsvertrag ein, sondern stellt den Vertrag von Lissabon in eine direkte Reihe\nmit den Verträgen von Amsterdam und Nizza. Sie wiederholt das Ziel des Mandats\nder Regierungskonferenz - die Erhöhung der Effizienz und der demokratischen Legitimität der Union sowie die Verbesserung der Kohärenz ihres Handelns -, betont aber\nnicht mehr speziell die Kohärenz des auswärtigen Handelns der Union. Während alle\nbisherigen Änderungsverträge der Effizienz- und Kohärenzsteigerung der Europäischen Gemeinschaften oder der Europäischen Union dienten, wird mit dem Vertrag\nvon Lissabon zum ersten Mal ausdrücklich das Ziel verfolgt, die demokratische Legitimität der Union zu erhöhen (vgl. auch Fischer, Der Vertrag von Lissabon, 2008,\nS. 91 f.).\n\n Im Unterschied zu dem Verfassungsvertrag verzichtet der Vertrag von Lissabon             33\n\n\n\n                                        15/123\n\nnach dem Mandat für die Regierungskonferenz ausdrücklich auf das Verfassungskonzept, „das darin bestand, alle bestehenden Verträge aufzuheben und durch einen\neinheitlichen Text mit der Bezeichnung ‚Verfassung’ zu ersetzen“ (Ratsdokument\n11218/07, Anlage, Rn. 1). Die Verträge werden lediglich geändert, und die den geänderten Verträgen zugrundeliegende Begrifflichkeit spiegelt den Verzicht auf das Verfassungskonzept wider. Die auf staatlicher Ebene gebräuchliche Terminologie wird\naufgegeben. Der Ausdruck „Verfassung“ wird nicht benutzt (anders aber Pernice,\nDer Vertrag von Lissabon - Das Ende des Verfassungsprozesses der EU?, EuZW\n2008, S. 65; Schiffauer, Zum Verfassungszustand der Europäischen Union nach Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon, EuGRZ 2008, S. 1 ff.), der „Außenminister“ wird „Hoher Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik“ genannt, und die Bezeichnungen „Gesetz“ und „Rahmengesetz“ werden im Gegensatz zu der weniger\nsymbolträchtigen Bezeichnung „Beschluss“ ebenfalls nicht beibehalten. Das Verfahren der Mitentscheidung wird allerdings in „ordentliches Gesetzgebungsverfahren“\numbenannt und von einem „besonderen Gesetzgebungsverfahren“ unterschieden.\nDie in einem Gesetzgebungsverfahren angenommenen Rechtsakte werden als „Gesetzgebungsakte“ bezeichnet. Die Symbole der Europäischen Union Flagge, Hymne, Leitspruch, Währung und Europatag werden nicht erwähnt. Allerdings betonen\nin der Erklärung Nr. 52 zu den Symbolen der Europäischen Union, die der Schlussakte des Vertrags von Lissabon beigefügt ist, 16 der 27 Mitgliedstaaten, darunter\ndie Bundesrepublik Deutschland, dass diese Symbole „für sie auch künftig als Symbole die Zusammengehörigkeit der Menschen in der Europäischen Union und ihre\nVerbundenheit mit dieser zum Ausdruck bringen“. Der Vorrang von Unions- und Gemeinschaftsrecht vor nationalem Recht wird nach wie vor nicht ausdrücklich geregelt\n(zu der diesbezüglichen Erklärung unten A. I. 3. i). Davon abgesehen überführt der\nVertrag von Lissabon jedoch wesentliche inhaltliche Elemente des Verfassungsvertrags in das bestehende Vertragssystem und enthält zusätzliche, spezifisch auf einzelne Mitgliedstaaten zugeschnittene Bestimmungen (vgl. Mayer, Die Rückkehr der\nEuropäischen Verfassung? Ein Leitfaden zum Vertrag von Lissabon, ZaöRV 2007,\nS. 1141 ff.; speziell zu den Regelungen über die nationalen Parlamente Barrett, „The\nking is dead, long live the king“: The Recasting by the Treaty of Lisbon of the Provisions of the Constitutional Treaty Concerning National Parliaments, E.L.Rev. 2008,\nS. 66 ff.).\n\n  b) Der Vertrag von Lissabon löst das bisherige „Drei-Säulen-Konzept“ der Europäischen Union auf (Art. 1 Abs. 3 Satz 1 EUV). Der Vertrag über die Europäische Union\nbehält seine Bezeichnung (vgl. für eine konsolidierte Fassung <EUV-Lissabon>\nABl 2008 Nr. C 115/13); der Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft\nwird in Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV) umbenannt\n(vgl. für eine konsolidierte Fassung ABl 2008 Nr. C 115/47). Die Europäische Union\ntritt an die Stelle der Europäischen Gemeinschaft, deren Rechtsnachfolgerin sie ist\n(Art. 1 Abs. 3 Satz 3 EUV-Lissabon), und erlangt Rechtspersönlichkeit (Art. 47 EUV-Lissabon). Die Europäische Atomgemeinschaft wird aus dem ehemaligen Dachverband der Europäischen Union ausgegliedert und besteht - abgesehen von einer insti-\n\n\n                                       16/123\n\ntutionellen Verbundenheit mit der Europäischen Union - als unabhängige internationale Organisation fort.\n\n  c) Der Grundrechtsschutz in der Europäischen Union beruht nach dem Vertrag von         35\nLissabon auf zwei Grundlagen: der Charta der Grundrechte der Europäischen Union\nin der überarbeiteten Fassung vom 12. Dezember 2007 (ABl Nr. C 303/1; BGBl 2008\nII S. 1165 ff.), die den Verträgen rechtlich gleichgestellt wird (Art. 6 Abs. 1 Satz 1\nEUV-Lissabon) und dadurch Rechtsverbindlichkeit erlangt, sowie den ungeschriebenen Unionsgrundrechten, die daneben als allgemeine Rechtsgrundsätze des Unionsrechts fortgelten (Art. 6 Abs. 3 EUV-Lissabon). Diese beiden Grundlagen des europäischen Grundrechtsschutzes werden durch Art. 6 Abs. 2 EUV-Lissabon ergänzt,\nder die Europäische Union ermächtigt und verpflichtet, der Europäischen Konvention\nzum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 4. November 1950\n(BGBl 2002 II S. 1054) beizutreten.\n\n d) Titel II der neuen Fassung des Vertrags über die Europäische Union enthält „Bestimmungen über die demokratischen Grundsätze“. Danach beruht die Arbeitsweise\nder Europäischen Union auf der repräsentativen Demokratie (Art. 10 Abs. 1 EUV-Lissabon), die durch Elemente der partizipativen, assoziativen und direkten Demokratie, insbesondere eine Bürgerinitiative, ergänzt wird (Art. 11 EUV-Lissabon). Der\nGrundsatz der repräsentativen Demokratie verweist auf zwei Legitimationsstränge:\nDas Europäische Parlament als „unmittelbare“ Vertretung der Unionsbürger sowie\ndie im Europäischen Rat vertretenen Staats- und Regierungschefs und die im Rat\nvertretenen Regierungsmitglieder der Mitgliedstaaten, „die ihrerseits in demokratischer Weise gegenüber ihrem nationalen Parlament oder gegenüber ihren Bürgerinnen und Bürgern Rechenschaft ablegen müssen“ (Art. 10 Abs. 2 EUV-Lissabon).\n\n  Die nationalen Parlamente „tragen aktiv zur guten Arbeitsweise der Union bei“          37\n(Art. 12 EUV-Lissabon). Die Entwürfe von Gesetzgebungsakten der Europäischen\nUnion müssen den nationalen Parlamenten acht Wochen, bevor sie auf die Tagesordnung des Rates gesetzt werden, zugeleitet werden (Art. 4 des Protokolls Nr. 1\nüber die Rolle der nationalen Parlamente in der Europäischen Union). Im Rahmen\ndes durch das Protokoll Nr. 2 über die Anwendung der Grundsätze der Subsidiarität\nund der Verhältnismäßigkeit (Subsidiaritätsprotokoll) vorgesehenen sogenannten\nFrühwarnsystems sind die nationalen Parlamente oder die Kammern eines dieser\nParlamente berechtigt, innerhalb dieser acht Wochen in einer begründeten Stellungnahme darzulegen, weshalb die Entwürfe ihres Erachtens nicht mit dem Subsidiaritätsprinzip vereinbar sind (Art. 6 des Subsidiaritätsprotokolls). Begründete Stellungnahmen verpflichten jedoch nur dann zu einer Überprüfung der Entwürfe, wenn die\nAnzahl der begründeten Stellungnahmen einen bestimmten Anteil der Gesamtzahl\nder den nationalen Parlamenten zugewiesenen Stimmen erreicht (Art. 7 Abs. 2 und\nAbs. 3 des Subsidiaritätsprotokolls). Ferner können die nationalen Parlamente oder\ndie Kammern eines dieser Parlamente über ihre Mitgliedstaaten eine Nichtigkeitsklage nach Art. 263 AEUV erheben, wenn sie einen Gesetzgebungsakt für unvereinbar\nmit dem Subsidiaritätsprinzip halten (Art. 8 des Subsidiaritätsprotokolls).\n\n\n                                        17/123\n\n  Darüber hinaus sind die nationalen Parlamente in die politische Kontrolle von Europol und Eurojust eingebunden (Art. 12 Buchstabe c EUV-Lissabon; Art. 88 Abs. 2\nUAbs. 2, Art. 85 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV) und im sogenannten Brückenverfahren, einem durch den Vertrag von Lissabon allgemein eingeführten Vertragsänderungsverfahren, berechtigt, die von der Kommission vorgeschlagene Vertragsänderung innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Übermittlung abzulehnen (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3\nEUV-Lissabon; Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV). Die Ablehnung durch ein nationales\nParlament genügt, um die vorgeschlagene Vertragsänderung scheitern zu lassen.\n\n  e) Durch den Vertrag von Lissabon werden auch die Institutionen und Verfahren reformiert.\n\n aa) Die Befugnisse des Europäischen Parlaments im Bereich der Rechtssetzung              40\nwerden weiter ausgebaut. Das Verfahren der Mitentscheidung, in dem das Europäische Parlament mit dem Rat gleichberechtigt tätig wird, wird vereinfacht, in „ordentliches Gesetzgebungsverfahren“ umbenannt und zum Regelfall erklärt (Art. 14 Abs. 1\nSatz 1 EUV-Lissabon; Art. 289 Abs. 1 AEUV). Das Verfahren der Zusammenarbeit\nwird abgeschafft. Die Verfahren der Anhörung und der Zustimmung werden unter\ndem Begriff „besonderes Gesetzgebungsverfahren“ zusammengefasst und finden\nnur noch in bestimmten, in den Verträgen vorgesehenen Fällen Anwendung (Art. 289\nAbs. 2 AEUV). Die stärkere Rolle des Europäischen Parlaments bei der Rechtssetzung wirkt sich auch beim Abschluss von völkerrechtlichen Verträgen der Europäischen Union aus. Der Rat kann den Beschluss über den Abschluss eines völkerrechtlichen Vertrags in Bereichen, für die entweder das ordentliche\nGesetzgebungsverfahren oder, wenn die Zustimmung des Europäischen Parlaments\nerforderlich ist, das besondere Gesetzgebungsverfahren gilt, erst nach Zustimmung\ndes Europäischen Parlaments erlassen (Art. 218 Abs. 6 UAbs. 2 Buchstabe a Nr. v\nAEUV).\n\n  Daneben entscheidet das Europäische Parlament mit dem Rat gleichberechtigt              41\nüber den Haushaltsentwurf (Art. 14 Abs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon; Art. 314 AEUV) und\nverfügt über politische Kontrollrechte. Es wählt den Kommissionspräsidenten nach\nVorschlag des Europäischen Rates mit der Mehrheit seiner Mitglieder (Art. 14 Abs. 1\nSatz 3, Art. 17 Abs. 7 EUV-Lissabon). Der Vorschlag muss das Ergebnis der Wahlen\nzum Europäischen Parlament berücksichtigen (Art. 17 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon). Erhält der vorgeschlagene Kandidat nicht die erforderliche Mehrheit, muss\nder Europäische Rat dem Europäischen Parlament innerhalb eines Monats einen\nneuen Kandidaten vorschlagen (Art. 17 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 3 EUV-Lissabon). Weiter kontrolliert das Europäische Parlament - ebenso wie die nationalen Parlamente -\ndie Tätigkeiten von Europol und ist an der Bewertung der Tätigkeit von Eurojust beteiligt (Art. 88 Abs. 2 UAbs. 2, Art. 85 Abs. 1 UAbs. 2 AEUV).\n\n  Der Vertrag von Lissabon verändert die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments, das „in allgemeiner, unmittelbarer, freier und geheimer Wahl“ gewählt wird\n(Art. 14 Abs. 3 EUV-Lissabon). Es besteht nicht mehr aus Vertretern „der Völker der\n\n\n\n                                        18/123\n\nin der Gemeinschaft zusammengeschlossenen Staaten“ (Art. 189 Abs. 1 EGV), sondern der „Unionsbürgerinnen und Unionsbürger“ (Art. 14 Abs. 2 UAbs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon). Dabei soll die Sitzverteilung im Europäischen Parlament erstmals sekundärrechtlich festgelegt werden (Art. 14 Abs. 2 UAbs. 2 EUV-Lissabon). Nach dem\nvorgesehenen Verfahren erlässt der Europäische Rat einstimmig auf Initiative des\nEuropäischen Parlaments und mit dessen Zustimmung einen Beschluss über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments. Dieser muss die in Art. 14 Abs. 2\nUAbs. 1 Satz 2 bis Satz 4 EUV-Lissabon enthaltenen inhaltlichen Vorgaben wahren,\ndas heißt eine Gesamtzahl von Abgeordneten, die 750 „zuzüglich des Präsidenten“,\ndas heißt 751, nicht überschreitet, wobei die Unionsbürger degressiv proportional,\nmindestens jedoch mit sechs Mitgliedern je Mitgliedstaat vertreten sind und kein Mitgliedstaat mehr als 96 Sitze erhält.\n\n bb) Der Europäische Rat wird durch den Vertrag von Lissabon zu einem Organ der             43\nnunmehr einheitlichen, mit Rechtspersönlichkeit ausgestatteten Europäischen Union\naufgewertet (Art. 13 Abs. 1 UAbs. 2 EUV-Lissabon). Dementsprechend werden die\nHandlungen des Europäischen Rates der Gerichtsbarkeit des Gerichtshofs der Europäischen Union unterstellt, allerdings nur soweit der Europäische Rat mit Rechtswirkung gegenüber Dritten tätig wird (Art. 263 Abs. 1, Art. 265 Abs. 1 AEUV), und im\nRahmen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik, soweit der Gerichtshof\nausnahmsweise zuständig ist (Art. 275 Abs. 2 AEUV).\n\n  Darüber hinaus führt der Vertrag von Lissabon das Amt des (ständigen) Präsidenten des Europäischen Rates ein. Er wird vom Europäischen Rat mit qualifizierter\nMehrheit für zweieinhalb Jahre gewählt (Art. 15 Abs. 5 EUV-Lissabon). Der Präsident\ndes Europäischen Rates übernimmt die mit der Vorbereitung und der Leitung der Tagungen des Europäischen Rates anfallenden Arbeiten, einschließlich der Impulsvermittlung, sowie die Außenvertretung der Europäischen Union in Angelegenheiten der\nGemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik „auf seiner Ebene“ und „unbeschadet“\nder Befugnisse des Hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik\n(Art. 15 Abs. 6 UAbs. 1 und UAbs. 2 EUV-Lissabon). Das Amt des Präsidenten des\nEuropäischen Rates ist mit anderen europäischen Ämtern, nicht aber mit nationalen\nÄmtern vereinbar (Art. 15 Abs. 6 UAbs. 3 EUV-Lissabon).\n\n cc) Die Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit im Rat erklärt der Vertrag von Lissabon ebenso zur Regel (Art. 16 Abs. 3 EUV-Lissabon) wie das ordentliche Gesetzgebungsverfahren (Art. 16 Abs. 1 EUV-Lissabon; Art. 289 Abs. 1 AEUV), in dem der\nRat ebenfalls grundsätzlich mit qualifizierter Mehrheit beschließt (Art. 294 Abs. 8 und\nAbs. 13 AEUV). Das bisherige System der gewogenen Stimmen soll langfristig durch\ndas System der „doppelten Mehrheit“ ersetzt werden, wonach für eine qualifizierte\nMehrheit grundsätzlich eine „doppelte Mehrheit“ aus 55 % der Mitgliedstaaten und\n65 % der Bevölkerung der Europäischen Union erforderlich ist (Art. 16 Abs. 4 EUV-Lissabon; Art. 3 des Protokolls Nr. 36 über die Übergangsbestimmungen). Beschließt\nder Rat nicht auf Vorschlag der Kommission oder des Hohen Vertreters für Außenund Sicherheitspolitik, sollen für eine qualifizierte Mehrheit langfristig eine „doppelte\n\n\n                                         19/123\n\nMehrheit“ von 72 % der Mitgliedstaaten und 65 % der Bevölkerung der Europäischen\nUnion notwendig sein (Art. 238 Abs. 2 AEUV; Art. 3 des Protokolls Nr. 36 über\ndie Übergangsbestimmungen). Einschränkungen erfolgen durch den sogenannten\nIoannina-Mechanismus (Erklärung Nr. 7 zu Artikel 16 Absatz 4 des Vertrags über die\nEuropäische Union und zu Artikel 238 Absatz 2 des Vertrags über die Arbeitsweise\nder Europäischen Union). Beratungen und Abstimmungen über Entwürfe von Gesetzgebungsakten im Rat sind erstmals öffentlich (Art. 16 Abs. 8 EUV-Lissabon).\n\n  dd) Die Kommission soll sich ab dem 1. November 2014 aus einer Anzahl von Kommissaren zusammensetzen, die zwei Dritteln der Zahl der Mitgliedstaaten entspricht,\nsofern der Europäische Rat nicht einstimmig eine Änderung dieser Anzahl beschließt\n(Art. 17 Abs. 5 EUV-Lissabon; vgl. auch Art. 244 AEUV). Nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon könnte jedoch ein Beschluss „im Einklang mit den erforderlichen\nrechtlichen Verfahren“ gefasst werden, wonach weiterhin ein Staatsangehöriger jedes Mitgliedstaates der Kommission angehören wird (vgl. Schlussfolgerungen des\nVorsitzes des Europäischen Rates vom 11. und 12. Dezember 2008 in Brüssel, Bulletin EU 12-2008, I.4 Rn. 2).\n\n  Ferner ordnet der Vertrag von Lissabon die eigenständige, exekutive Rechtssetzung durch die Kommission neu und macht sie durch eine eigene Rechtsform, die\nder „Rechtsakte ohne Gesetzescharakter“, kenntlich (vgl. bisher Art. 202 Spiegelstrich 3 Satz 1, Art. 211 Spiegelstrich 4 EGV). In Gesetzgebungsakten kann der\nKommission die Befugnis übertragen werden, Rechtsakte ohne Gesetzescharakter\nmit allgemeiner Geltung zur Ergänzung oder Änderung bestimmter nicht wesentlicher\nVorschriften des betreffenden Gesetzgebungsakts zu erlassen (Art. 290 Abs. 1\nUAbs. 1 AEUV). Ziele, Inhalt, Geltungsbereich und Dauer der Befugnisübertragung\n(Art. 290 Abs. 1 UAbs. 2 AEUV) sowie die Bedingungen, unter denen die Übertragung erfolgt (Art. 290 Abs. 2 UAbs. 1 AEUV), müssen in den Gesetzgebungsakten\nausdrücklich festgelegt sein. Diese sogenannten delegierten Rechtsakte (Art. 290\nAbs. 3 AEUV) sind von den Durchführungsrechtsakten abzugrenzen. Soweit es unionsweit einheitlicher Bedingungen für die Durchführung der verbindlichen Rechtsakte bedarf, können mit diesen Rechtsakten Durchführungsbefugnisse auf die Kommission oder ausnahmsweise auf den Rat übertragen werden (Art. 291 Abs. 2 AEUV).\nDie auf der Grundlage der übertragenen Durchführungsbefugnisse erlassenen Maßnahmen werden als Durchführungsrechtsakte bezeichnet (Art. 291 Abs. 4 AEUV).\n\n  ee) Das durch den Vertrag von Lissabon neu eingeführte Amt des „Hohen Vertreters der Union für Außen- und Sicherheitspolitik“ führt verschiedene Ämter, die gegenwärtig für die auswärtigen Beziehungen der Europäischen Union und der Europäischen Gemeinschaft zuständig sind, zusammen (Art. 18 Abs. 2 bis Abs. 4 EUV-Lissabon). Der Hohe Vertreter „leitet“ die Gemeinsame Außen- und\nSicherheitspolitik, einschließlich der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (Art. 18 Abs. 2 Satz 1 und Satz 3 EUV-Lissabon). Dies bedeutet, dass er über\nein Vorschlagsrecht gegenüber dem Rat verfügt und die Gemeinsame Außen- und\nSicherheitspolitik „im Auftrag des Rates“ durchführt (Art. 18 Abs. 2 Satz 2, Art. 27\n\n\n                                       20/123\n\nAbs. 1 EUV-Lissabon). Der Hohe Vertreter wird durch Beschluss des Europäischen\nRates, der mit qualifizierter Mehrheit entscheidet, und nach Zustimmung des Kommissionspräsidenten „ernannt“ (Art. 18 Abs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon). Daneben ist\ner als Vizepräsident der Kommission dem Zustimmungsvotum des Europäischen\nParlaments unterworfen (Art. 17 Abs. 4 Satz 1 und Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon).\nDie Dauer seiner Amtszeit ist nicht geregelt (vgl. aber Art. 18 Abs. 1 Satz 2, Art. 17\nAbs. 8 Satz 3 EUV-Lissabon).\n\n  Bei der „Erfüllung seines Auftrags“ stützt sich der Hohe Vertreter auf einen Europäischen Auswärtigen Dienst, der mit den diplomatischen Diensten der Mitgliedstaaten\nzusammenarbeitet und Beamte aus den einschlägigen Abteilungen des Generalsekretariats des Rates und der Kommission sowie abgeordnetes Personal der nationalen diplomatischen Dienste umfasst (Art. 27 Abs. 3 Satz 1 und Satz 2 EUV-Lissabon). Weitere Einzelheiten, insbesondere Organisation und Arbeitsweise des\nEuropäischen Auswärtigen Dienstes, sollen durch einen Beschluss des Rates festgelegt werden (Art. 27 Abs. 3 Satz 3 EUV-Lissabon; vgl. auch BTDrucks 16/9316).\n\n  ff) Die Regelungen über den Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften, der in         50\nGerichtshof der Europäischen Union umbenannt wird, entwickelt der Vertrag von Lissabon ebenfalls weiter. Im Bereich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik\nist der Gerichtshof grundsätzlich nicht zuständig. Ausnahmen gelten für die Kontrolle\nder Einhaltung von Art. 40 EUV-Lissabon und für Nichtigkeitsklagen im Zusammenhang mit der Überwachung der Rechtmäßigkeit von Beschlüssen über restriktive\nMaßnahmen gegenüber natürlichen oder juristischen Personen (Art. 24 Abs. 1\nUAbs. 2 Satz 5 EUV-Lissabon; Art. 275 AEUV). Auf dem Gebiet des Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ist der Gerichtshof dagegen grundsätzlich zuständig. Ausnahmen gelten für die Überprüfung der Gültigkeit oder Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen der Polizei oder anderer Strafverfolgungsbehörden eines\nMitgliedstaates oder der Wahrnehmung der Zuständigkeiten der Mitgliedstaaten für\ndie Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und den Schutz der inneren Sicherheit (Art. 276 AEUV). Darüber hinaus modifiziert der Vertrag von Lissabon die Klagearten, namentlich die Nichtigkeitsklage.\n\n f) Der Vertrag von Lissabon sieht grundsätzlich drei Verfahrensarten vor, nach denen die Verträge geändert werden können: das ordentliche Änderungsverfahren\n(Art. 48 Abs. 2 bis Abs. 5 EUV-Lissabon), das vereinfachte Änderungsverfahren\n(Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon) und das sogenannte Brückenverfahren (Art. 48 Abs. 7\nEUV-Lissabon). Änderungen im ordentlichen Änderungsverfahren, die eine Ausdehnung oder Verringerung der Zuständigkeiten der Europäischen Union zum Ziel haben\nkönnen (Art. 48 Abs. 2 Satz 2 EUV-Lissabon), werden wie bisher durch eine Konferenz der Regierungen der Mitgliedstaaten - eventuell nach Einschaltung eines Konvents von Vertretern der nationalen Parlamente, der Staats- und Regierungschefs\nder Mitgliedstaaten, des Europäischen Parlaments und der Kommission - vereinbart\n(Art. 48 Abs. 3 EUV-Lissabon). Sie treten in Kraft, nachdem sie von allen Mitgliedstaaten nach Maßgabe ihrer verfassungsrechtlichen Vorschriften ratifiziert worden\n\n\n                                        21/123\n\nsind (Art. 48 Abs. 4 UAbs. 2 EUV-Lissabon).\n\n  Änderungen im vereinfachten Änderungsverfahren setzen einen einstimmigen Beschluss des Europäischen Rates voraus, der „nach Zustimmung der Mitgliedstaaten\nim Einklang mit ihren jeweiligen verfassungsrechtlichen Vorschriften“ in Kraft tritt\n(Art. 48 Abs. 6 UAbs. 2 Satz 3 EUV-Lissabon; vgl. zur bisherigen Vertragslage\nArt. 17 Abs. 1 UAbs. 1, Art. 42 EUV; Art. 22 Abs. 2, Art. 190 Abs. 4, Art. 229a,\nArt. 269 Abs. 2 EGV). Der Anwendungsbereich des vereinfachten Änderungsverfahrens ist beschränkt auf Änderungen von Teil III des Vertrags über die Arbeitsweise\nder Europäischen Union über die internen Politikbereiche der Europäischen Union\n(Art. 48 Abs. 6 UAbs. 1 EUV-Lissabon). Die Änderungen dürfen nicht zu einer Ausdehnung der Zuständigkeiten der Europäischen Union führen (Art. 48 Abs. 6 UAbs. 3\nEUV-Lissabon). Die Verträge enthalten in ihrer Fortentwicklung durch den Vertrag\nvon Lissabon weitere Bestimmungen, die Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon nachgebildet,\naber jeweils auf einen bestimmten Sachbereich begrenzt sind, und durch den Vertrag\nvon Lissabon geringfügig erweitert werden (siehe Art. 42 Abs. 2 UAbs. 1 EUV-Lissabon - Einführung einer Gemeinsamen Verteidigung; Art. 25 Abs. 2 AEUV - Erweiterung der Rechte der Unionsbürger; Art. 218 Abs. 8 UAbs. 2 Satz 2 AEUV - Beitritt der Europäischen Union zur EMRK; Art. 223 Abs. 1 UAbs. 2 AEUV - Einführung\neines einheitlichen Wahlverfahrens zum Europäischen Parlament; Art. 262 AEUV -\nZuständigkeit der Europäischen Union zur Schaffung europäischer Rechtstitel für\ngeistiges Eigentum; Art. 311 Abs. 3 AEUV - Festlegung der Eigenmittel der Europäischen Union).\n\n  Änderungen im allgemeinen Brückenverfahren beruhen ebenfalls auf einem einstimmigen Beschluss des Europäischen Rates, der jedoch erst nach Zustimmung\ndes Europäischen Parlaments erlassen werden kann (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 4 EUV-Lissabon). Dies setzt voraus, dass der Vorschlag nicht innerhalb von sechs Monaten\nvon einem nationalen Parlament abgelehnt wird (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon). Anders als das ordentliche und das vereinfachte Änderungsverfahren betrifft das allgemeine Brückenverfahren punktuelle, auf die Abstimmung im Rat oder\ndas Gesetzgebungsverfahren bezogene Änderungen. Der Europäische Rat kann in\nFällen, in denen der Rat nach Maßgabe des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union oder des Titels V des Vertrags über die Europäische Union in einem\nbestimmten Bereich oder in einem bestimmten Fall einstimmig beschließt, einen Beschluss erlassen, wonach der Rat in diesem Bereich oder in diesem Fall mit qualifizierter Mehrheit beschließen kann (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon).\nAusgenommen sind Beschlüsse mit militärischen oder verteidigungspolitischen Bezügen (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 2 EUV-Lissabon). Der Europäische Rat kann ferner beschließen, dass Gesetzgebungsakte im Anwendungsbereich des Vertrags\nüber die Arbeitsweise der Europäischen Union nach dem ordentlichen statt dem besonderen Gesetzgebungsverfahren erlassen werden können (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 2\nEUV-Lissabon; vgl. bereits Art. 67 Abs. 2, Art. 137 Abs. 2 UAbs. 2 Satz 2, Art. 175\nAbs. 2 UAbs. 1 EGV). Beide Alternativen des allgemeinen Brückenverfahrens finden\n\n\n\n                                       22/123\n\nkeine Anwendung auf Art. 311 Abs. 3 und Abs. 4, Art. 312 Abs. 2 UAbs. 1, Art. 352\nund Art. 354 AEUV (vgl. Art. 353 AEUV). Das allgemeine Brückenverfahren wird\ndurch spezielle Brückenklauseln ergänzt (vgl. Art. 31 Abs. 3 EUV-Lissabon - Beschlüsse über die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in anderen als den in\nArt. 31 Abs. 2 EUV-Lissabon genannten Fällen; Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2 und UAbs. 3\nAEUV - Maßnahmen zum Familienrecht mit grenzüberschreitendem Bezug; Art. 153\nAbs. 2 UAbs. 4 AEUV - Maßnahmen in bestimmten Bereichen des Arbeitsrechts;\nArt. 192 Abs. 2 UAbs. 2 AEUV - Maßnahmen im Bereich der Umweltpolitik; Art. 312\nAbs. 2 UAbs. 2 AEUV - Festlegung des mehrjährigen Finanzrahmens; Art. 333\nAbs. 1 und Abs. 2 AEUV - Abstimmungsverfahren im Rahmen der Verstärkten Zusammenarbeit gemäß Art. 326 ff. AEUV). Nur für Maßnahmen zum Familienrecht mit\ngrenzüberschreitendem Bezug ist ein Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon entsprechendes Ablehnungsrecht nationaler Parlamente vorgesehen (Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3\nAEUV).\n\n g) Art. 50 EUV-Lissabon führt ein Austrittsrecht jedes Mitgliedstaates aus der Europäischen Union ein.\n\n h) Der Vertrag von Lissabon verfolgt das Ziel, die Kompetenzverteilung zwischen        55\nder Europäischen Union und den Mitgliedstaaten transparenter zu gestalten (vgl. Erklärung von Laeken vom 15. Dezember 2001 zur Zukunft der Europäischen Union,\nBulletin EU 12-2001, I.27 <Anlage I>), und erweitert die Zuständigkeiten der Europäischen Union.\n\n aa) Er bekräftigt die Prinzipien der Zuständigkeitsverteilung und -ausübung der Europäischen Union, insbesondere das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung\n(Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon; vgl. auch Art. 1 Abs. 1, Art. 3\nAbs. 6, Art. 4 Abs. 1, Art. 48 Abs. 6 UAbs. 3 EUV-Lissabon; Art. 2 Abs. 1 und Abs. 2,\nArt. 4 Abs. 1, Art. 7, Art. 19, Art. 32, Art. 130, Art. 132 Abs. 1, Art. 207 Abs. 6,\nArt. 337 AEUV; Erklärung Nr. 18 zur Abgrenzung der Zuständigkeiten; Erklärung\nNr. 24 zur Rechtspersönlichkeit der Europäischen Union) sowie die Prinzipien der\nSubsidiarität (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 EUV-Lissabon) und der Verhältnismäßigkeit (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 4 EUV-Lissabon). Letztere werden durch das\nSubsidiaritätsprotokoll verfahrensrechtlich flankiert.\n\n Die Europäische Union wird ferner verpflichtet, neben der nationalen Identität der     57\nMitgliedstaaten, die „in ihren grundlegenden politischen und verfassungsmäßigen\nStrukturen einschließlich der regionalen und lokalen Selbstverwaltung“ zum Ausdruck kommt, die „Gleichheit der Mitgliedstaaten vor den Verträgen“ und die „grundlegenden Funktionen des Staates“ zu achten (Art. 4 Abs. 2 Satz 1 und Satz 2 EUV-Lissabon). Beispielhaft werden „die Wahrung der territorialen Unversehrtheit, die\nAufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und der Schutz der nationalen Sicherheit“ genannt.\n\n bb) Die Zuständigkeiten der Europäischen Union werden durch den Vertrag von Lissabon erstmals kategorisiert und klassifiziert. In Art. 2 AEUV werden zunächst ver-\n\n\n                                       23/123\n\nschiedene Kategorien von Zuständigkeiten formuliert. Nach der Intensität europäischen Handelns und dessen Wirkungen für die mitgliedstaatliche Ebene wird grundsätzlich zwischen ausschließlichen Zuständigkeiten (Abs. 1), geteilten Zuständigkeiten, die der bisherigen Kategorie der konkurrierenden Zuständigkeiten entsprechen (Abs. 2), und Unterstützungs-, Koordinierungs- oder Ergänzungsmaßnahmen\n(Abs. 5) unterschieden. Über diese Zuständigkeitstrias hinaus führt Art. 2 AEUV zwei\nBereiche an, bei denen es sich nicht um Zuständigkeitskategorien handelt. Die Koordinierung der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik (Abs. 3) und die Gemeinsame\nAußen- und Sicherheitspolitik (Abs. 4) werden einer eigenständigen Regelung unterworfen. In Art. 3 ff. AEUV werden sodann einzelne Bereiche - wenn auch nicht abschließend im Sinne eines Kompetenzkatalogs - den Zuständigkeitskategorien zugeordnet.\n\n cc) Der Vertrag von Lissabon begründet zusätzliche Zuständigkeiten der Europäischen Union, weitet bestehende Zuständigkeiten inhaltlich aus und supranationalisiert Sachbereiche, die bisher der intergouvernementalen Zusammenarbeit unterlagen.\n\n  (1) In der ehemals „Ersten Säule“ begründet der Vertrag von Lissabon neue Zuständigkeiten der Europäischen Union für Nachbarschaftspolitik (Art. 8 EUV-Lissabon),\nDaseinsvorsorge (Art. 14 AEUV), Energie (Art. 194 AEUV), Tourismus (Art. 195\nAEUV), Katastrophenschutz (Art. 196 AEUV) und Verwaltungszusammenarbeit\n(Art. 197 AEUV). Darüber hinaus weitet er bestehende Zuständigkeiten der Europäischen Union, die vom Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft in den\nVertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union übernommen werden, inhaltlich aus. Dies betrifft insbesondere die Regelungen zur gemeinsamen Handelspolitik,\ndie den Inhalt der Zuständigkeit auf ausländische Direktinvestitionen und die Natur\nder Zuständigkeit auf den Handel mit Dienstleistungen und die Handelsaspekte des\ngeistigen Eigentums erstrecken (Art. 207 Abs. 1 Satz 1 in Verbindung mit Art. 3\nAbs. 1 Buchstabe e AEUV). Die Flexibilitätsklausel (Art. 352 AEUV) löst sich von der\nBeschränkung auf den Gemeinsamen Markt (vgl. jedoch Art. 352 Abs. 3 und Abs. 4\nAEUV); ihre Ausübung unterliegt erstmals der Zustimmung des Europäischen Parlaments (Art. 352 Abs. 1 AEUV).\n\n  (2) Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der bisherigen „Zweiten Säule“      61\nwird in Titel V des Vertrags über die Europäische Union geregelt (siehe auch Art. 40\nEUV-Lissabon; Art. 2 Abs. 4 AEUV). Danach gelten besondere Bestimmungen und\nVerfahren (Art. 24 Abs. 1 UAbs. 2 EUV-Lissabon), welche „die bestehenden Rechtsgrundlagen, die Zuständigkeiten und Befugnisse der einzelnen Mitgliedstaaten in Bezug auf die Formulierung und Durchführung ihrer Außenpolitik [...] nicht berühren“\n(Erklärung Nr. 14 zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik). Beschlüsse werden vom Europäischen Rat und vom Rat grundsätzlich einstimmig gefasst (Art. 31\nAbs. 1 EUV-Lissabon). Der Europäische Rat kann über die spezielle Brückenklausel\nin Art. 31 Abs. 3 EUV-Lissabon jedoch einstimmig einen Beschluss erlassen, in dem\nvorgesehen ist, dass der Rat in anderen als den in Art. 31 Abs. 2 EUV-Lissabon ge-\n\n\n                                       24/123\n\nnannten Fällen mit qualifizierter Mehrheit beschließen kann. Ausgenommen sind\nBeschlüsse mit militärischen oder verteidigungspolitischen Bezügen (Art. 31 Abs. 4\nEUV-Lissabon). Der Erlass von Gesetzgebungsakten ist ausgeschlossen (Art. 24\nAbs. 1 UAbs. 2 Satz 2, Art. 31 Abs. 1 UAbs. 1 Satz 2 EUV-Lissabon). Das Europäische Parlament wird zu wesentlichen Fragen und Entwicklungen angehört und unterrichtet; auf die gebührende Berücksichtigung seiner Auffassungen ist zu achten\n(Art. 36 EUV-Lissabon).\n\n Die bereits in Art. 17 EUV angelegte Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik wird als integraler Bestandteil der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik\ndurch den Vertrag von Lissabon stärker ausformuliert (Art. 42 bis Art. 46 EUV-Lissabon). Der Rat wird zu Beschlüssen über Missionen ermächtigt, „bei deren\nDurchführung die Union auf zivile und militärische Mittel zurückgreifen kann“ (Art. 43\nAbs. 2 EUV-Lissabon). Darüber hinaus wird eine kollektive Beistandspflicht der Mitgliedstaaten eingeführt. Im Fall eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaates „schulden die anderen Mitgliedstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung, im Einklang mit Artikel 51 der Charta der Vereinten\nNationen“ (Art. 42 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon). Der besondere Charakter\nder Sicherheits- und Verteidigungspolitik bestimmter Mitgliedstaaten bleibt davon unberührt (Art. 42 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 2 EUV-Lissabon). Zur Flexibilisierung der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik soll die durch den Vertrag von Lissabon erstmals normierte Ständige Strukturierte Zusammenarbeit von\nMitgliedstaaten beitragen (Art. 42 Abs. 6, Art. 46 EUV-Lissabon; Protokoll Nr. 10\nüber die Ständige Strukturierte Zusammenarbeit).\n\n  (3) Der in der vormals „Dritten Säule“ nach den Verträgen von Amsterdam und Nizza allein verbliebene Bereich der Polizeilichen und Justiziellen Zusammenarbeit in\nStrafsachen wird durch den Vertrag von Lissabon in den Anwendungsbereich des\nVertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union überführt. Der mit „Raum der\nFreiheit, der Sicherheit und des Rechts“ überschriebene Titel V des Vertrags über die\nArbeitsweise der Europäischen Union umfasst nunmehr den gesamten Bereich Justiz und Inneres, der nach dem Vertrag von Maastricht noch vollständig der intergouvernementalen Zusammenarbeit unterlag.\n\n  (a) Der Vertrag von Lissabon erweitert die Zuständigkeiten in den einzelnen Politikfeldern des Titels V des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union.\n\n (aa) Im Rahmen der Justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen ermächtigt der            65\nVertrag von Lissabon die Europäische Union, durch Richtlinien „Mindestvorschriften“\nim Bereich des Strafverfahrensrechts zu erlassen, „soweit dies zur Erleichterung der\ngegenseitigen Anerkennung gerichtlicher Urteile und Entscheidungen und der polizeilichen und justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen mit grenzüberschreitender\nDimension erforderlich ist“ (Art. 82 Abs. 2 UAbs. 1 AEUV). Diese Vorschriften können\ndie Zulassung von Beweismitteln „auf gegenseitiger Basis“, die Rechte „des Einzelnen“ im Strafverfahren, die Rechte der Opfer von Straftaten sowie sonstige spezifi-\n\n\n\n                                        25/123\n\nsche Aspekte des Strafverfahrens betreffen, die zuvor vom Rat durch einstimmigen\nBeschluss nach Zustimmung des Europäischen Parlaments bestimmt worden sind\n(Art. 82 Abs. 2 UAbs. 2 AEUV).\n\n  Darüber hinaus weitet der Vertrag von Lissabon die bestehende Zuständigkeit der         66\nEuropäischen Union für die Rechtsangleichung im Bereich des Strafrechts (vgl.\nArt. 31 Abs. 1 Buchstabe e EUV) inhaltlich aus. Die Europäische Union wird ermächtigt, durch Richtlinien „Mindestvorschriften zur Festlegung von Straftaten und Strafen\nin Bereichen besonders schwerer Kriminalität“ festzulegen, die „aufgrund der Art oder\nder Auswirkungen der Straftaten oder aufgrund einer besonderen Notwendigkeit, sie\nauf einer gemeinsamen Grundlage zu bekämpfen, eine grenzüberschreitende Dimension haben“ (Art. 83 Abs. 1 UAbs. 1 AEUV). Die Aufzählung dieser Kriminalitätsbereiche, die von Terrorismus, Menschenhandel, sexueller Ausbeutung von Frauen\nund Kindern, illegalem Drogenhandel, Geldwäsche, Korruption, Fälschung von Zahlungsmitteln und Computerkriminalität bis hin zu organisierter Kriminalität reicht, ist\nnicht abschließend. Sie kann „je nach Entwicklung der Kriminalität“ durch einen einstimmigen Beschluss des Rates nach Zustimmung des Europäischen Parlaments erweitert werden (Art. 83 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV). Über diese Kompetenz zur Rechtsangleichung im Strafrecht hinaus führt der Vertrag von Lissabon eine strafrechtliche\nAnnexkompetenz der Europäischen Union für alle Gebiete ein, auf denen „Harmonisierungsmaßnahmen erfolgt sind“, sofern sich die „Angleichung der strafrechtlichen\nRechtsvorschriften der Mitgliedstaaten als unerlässlich für die wirksame Durchführung der Politik der Union“ auf diesen Gebieten erweist (Art. 83 Abs. 2 Satz 1 AEUV).\n\n  Schließlich ermöglicht der Vertrag von Lissabon, die Befugnisse von Eurojust, einer     67\nrechtsfähigen Agentur der Europäischen Union zur Koordination der nationalen\nStaatsanwaltschaften bei schwerer grenzüberschreitender Kriminalität (vgl. Beschluss des Rates vom 28. Februar 2002 über die Errichtung von Eurojust zur Verstärkung der Bekämpfung der schweren Kriminalität, ABl Nr. L 63/1), zu erweitern.\nEurojust kann im ordentlichen Gesetzgebungsverfahren insbesondere die Aufgabe\nübertragen werden, strafrechtliche Ermittlungsmaßnahmen einzuleiten und zu koordinieren (Art. 85 Abs. 1 UAbs. 2 Buchstabe a AEUV), wobei förmliche Prozesshandlungen den nationalen Strafverfolgungsbehörden vorbehalten bleiben (Art. 85 Abs. 2\nAEUV). Ausgehend von Eurojust kann außerdem durch einstimmigen Beschluss des\nRates und nach Zustimmung des Europäischen Parlaments eine Europäische\nStaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Straftaten zum Nachteil der finanziellen Interessen der Europäischen Union eingesetzt werden (Art. 86 Abs. 1 UAbs. 1 AEUV).\nSie wäre in diesem Fall zuständig für die strafrechtliche Untersuchung und Verfolgung bis hin zur Anklageerhebung vor den nationalen Gerichten (Art. 86 Abs. 2\nAEUV).\n\n  (bb) Im Rahmen der Polizeilichen Zusammenarbeit kann der grenzüberschreitend            68\ntätigen europäischen Polizeibehörde Europol in einem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren nicht nur die Aufgabe übertragen werden, Informationen einzuholen, zu\nspeichern, zu verarbeiten, zu analysieren und auszutauschen (vgl. bereits Art. 3\n\n\n                                        26/123\n\nAbs. 1 des Übereinkommens vom 26. Juli 1995 über die Errichtung eines Europäischen Polizeiamts, ABl Nr. C 316/2), sondern auch die Befugnis, gemeinsam mit den\nzuständigen Behörden der Mitgliedstaaten oder im Rahmen gemeinsamer Ermittlungsgruppen Ermittlungen und operative Maßnahmen zu koordinieren, zu organisieren und durchzuführen (Art. 88 Abs. 2 AEUV). Solche operativen Maßnahmen darf\nEuropol jedoch nur in Verbindung und in Absprache mit den Mitgliedstaaten ergreifen, deren Hoheitsgebiet betroffen ist (Art. 88 Abs. 3 Satz 1 AEUV). Die Anwendung\nvon Zwangsmaßnahmen bleibt ausschließlich den zuständigen nationalen Behörden\nvorbehalten (Art. 88 Abs. 3 Satz 2 AEUV).\n\n (b) Für die Ausübung der Zuständigkeiten gelten verfahrensrechtliche Sondervorschriften. In verschiedenen Politikfeldern muss die Beschlussfassung im Rat einstimmig erfolgen (vgl. Art. 77 Abs. 3, Art. 81 Abs. 3 UAbs. 1, Art. 86 Abs. 1 UAbs. 1,\nArt. 87 Abs. 3 UAbs. 1, Art. 89 AEUV).\n\n (aa) Im Bereich der Justiziellen Zusammenarbeit in Zivilsachen kann der Rat auf       70\nVorschlag der Kommission und nach Anhörung des Europäischen Parlaments einen\neinstimmigen Beschluss erlassen, durch den die Aspekte des Familienrechts mit\ngrenzüberschreitendem Bezug bestimmt werden, die Gegenstand von Rechtsakten\nsein können, die gemäß dem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren erlassen werden (Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2 AEUV). Ein solcher Vorschlag wird den nationalen Parlamenten übermittelt, die den Vorschlag innerhalb von sechs Monaten ablehnen können (Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV).\n\n  (bb) In den Bereichen der Justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen und der Polizeilichen Zusammenarbeit ist neben der Kommission ein Viertel der Mitgliedstaaten\ninitiativberechtigt (Art. 76 Buchstabe b AEUV). Zudem ist die Ausübung einzelner Zuständigkeiten der Europäischen Union mit einem sogenannten Notbremse-Mechanismus verknüpft (Art. 82 Abs. 3, Art. 83 Abs. 3, Art. 86 Abs. 1 UAbs. 2 und\nUAbs. 3, Art. 87 Abs. 3 UAbs. 2 und UAbs. 3 AEUV; vgl. bereits Art. 23 Abs. 2\nUAbs. 2 EUV). Danach kann ein Mitglied des Rates, das der Auffassung ist, dass ein\nRichtlinienentwurf zur Rechtsangleichung im Bereich des Straf- oder Strafverfahrensrechts „grundlegende Aspekte seiner Strafrechtsordnung“ berührt, beantragen, dass\nder Europäische Rat befasst wird (Art. 82 Abs. 3 UAbs. 1, Art. 83 Abs. 3 UAbs. 1\nAEUV). Im Falle eines Einvernehmens innerhalb dieses Gremiums verweist der Europäische Rat den Entwurf binnen vier Monaten nach Aussetzung des Gesetzgebungsverfahrens an den Rat zurück. Sofern kein Einvernehmen erzielt wird, gelten\nerleichterte Bedingungen für eine verstärkte Zusammenarbeit. Sofern mindestens\nneun Mitgliedstaaten eine verstärkte Zusammenarbeit auf der Grundlage des Entwurfs begründen möchten, gilt die Ermächtigung nach Mitteilung an das Europäische\nParlament, den Rat und die Kommission (Art. 20 Abs. 2 EUV-Lissabon; Art. 329\nAEUV) als erteilt (Art. 82 Abs. 3 UAbs. 2, Art. 83 Abs. 3 UAbs. 2 AEUV). Ein leicht\nabgewandelter „Notbremse-Mechanismus“ gilt für die Errichtung der Europäischen\nStaatsanwaltschaft und den Erlass von Maßnahmen, welche die operative Zusammenarbeit zwischen nationalen Polizei-, Zoll- und anderen Strafverfolgungsbehörden\n\n\n                                       27/123\n\nbetreffen. Danach kann eine Gruppe von mindestens neun Mitgliedstaaten beantragen, dass der Europäische Rat mit einem Entwurf eines Gesetzgebungsakts befasst\nwird, sofern keine Einstimmigkeit im Rat darüber erzielt wird (Art. 86 Abs. 1 UAbs. 2\nSatz 2, Art. 87 Abs. 3 UAbs. 2 Satz 1 AEUV).\n\n i) Die der Schlussakte zum Vertrag von Lissabon beigefügte Erklärung Nr. 17 zum        72\nVorrang lautet:\n\nDie Konferenz weist darauf hin, dass die Verträge und das von der Union auf der         73\nGrundlage der Verträge gesetzte Recht im Einklang mit der ständigen Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union unter den in dieser Rechtsprechung festgelegten Bedingungen Vorrang vor dem Recht der Mitgliedstaaten haben.\n\nDarüber hinaus hat die Konferenz beschlossen, dass das Gutachten des Juristischen Dienstes des Rates zum Vorrang in der Fassung des Dokuments 11197/07\n(JUR 260) dieser Schlussakte beigefügt wird:\n\n„Gutachten des Juristischen Dienstes des Rates vom 22. Juni 2007                        75\n\nNach der Rechtsprechung des Gerichtshofs ist der Vorrang des EG-Rechts einer            76\nder Grundpfeiler des Gemeinschaftsrechts. Dem Gerichtshof zufolge ergibt sich dieser Grundsatz aus der Besonderheit der Europäischen Gemeinschaft. Zum Zeitpunkt des ersten Urteils im Rahmen dieser ständigen Rechtsprechung (Rechtssache 6/64, Costa gegen ENEL, 15. Juli 1964(¹) war dieser Vorrang im Vertrag nicht\nerwähnt. Dies ist auch heute noch der Fall. Die Tatsache, dass der Grundsatz dieses Vorrangs nicht in den künftigen Vertrag aufgenommen wird, ändert nichts an\nder Existenz und an der bestehenden Rechtsprechung des Gerichtshofs.\n\n¹ Aus (...) folgt, dass dem vom Vertrag geschaffenen, somit aus einer autonomen         77\nRechtsquelle fließenden Recht wegen dieser seiner Eigenständigkeit keine wie immer gearteten innerstaatlichen Rechtsvorschriften vorgehen können, wenn ihm nicht\nsein Charakter als Gemeinschaftsrecht aberkannt und wenn nicht die Rechtsgrundlage der Gemeinschaft selbst in Frage gestellt werden soll.“\n\n  4. Der Deutsche Bundestag beschloss am 24. April 2008 mit 515 von 574 abgegebenen Stimmen das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon (BTPlenarprot\n16/157, S. 16483 A). Der Bundesrat stimmte am 23. Mai 2008 dem Zustimmungsgesetz mit Zweidrittelmehrheit zu (BRPlenarprot 844, S. 136 B). Der Bundespräsident\nfertigte am 8. Oktober 2008 das Zustimmungsgesetz aus. Es ist im Bundesgesetzblatt Teil II vom 14. Oktober 2008 verkündet worden (S. 1038 ff.) und trat am darauf\nfolgenden Tag in Kraft (Art. 2 Abs. 1 des Zustimmungsgesetzes).\n\n  5. Der Deutsche Bundestag beschloss am 24. April 2008 ferner die Begleitgesetzgebung, das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) (Änderungsgesetz - BTPlenarprot 16/157, S. 16477 A) sowie das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und des Bundesrates in\nAngelegenheiten der Europäischen Union (Ausweitungsgesetz - BTPlenarprot 16/\n\n\n\n                                       28/123\n\n157, S. 16482 D). Der Bundesrat stimmte am 23. Mai 2008 beiden Gesetzen zu\n(BRPlenarprot 844, S. 136 D).\n\n  a) Das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) vom 8. Oktober 2008 ist im Bundesgesetzblatt I vom 16. Oktober 2008 (S. 1926) verkündet\nworden und tritt an dem Tag in Kraft, an dem der Vertrag von Lissabon nach seinem\nArt. 6 Abs. 2 für die Bundesrepublik Deutschland in Kraft tritt (Art. 2 des Änderungsgesetzes).\n\n Art. 23 Abs. 1a GG n.F. hat nach Art. 1 Nr. 1 des Änderungsgesetzes folgenden           81\nWortlaut:\n\nDer Bundestag und der Bundesrat haben das Recht, wegen Verstoßes eines Gesetzgebungsakts der Europäischen Union gegen das Subsidiaritätsprinzip vor dem\nGerichtshof der Europäischen Union Klage zu erheben. Der Bundestag ist hierzu\nauf Antrag eines Viertels seiner Mitglieder verpflichtet. Durch Gesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, können für die Wahrnehmung der Rechte, die\ndem Bundestag und dem Bundesrat in den vertraglichen Grundlagen der Europäischen Union eingeräumt sind, Ausnahmen von Artikel 42 Abs. 2 Satz 1 und Artikel 52 Abs. 3 Satz 1 zugelassen werden.\n\n Art. 45 GG wird um folgenden Satz ergänzt (Art. 1 Nr. 2 des Änderungsgesetzes):         83\n\nEr kann ihn auch ermächtigen, die Rechte wahrzunehmen, die dem Bundestag in              84\nden vertraglichen Grundlagen der Europäischen Union eingeräumt sind.\n\n In Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG werden die Wörter „eines Drittels“ durch die Wörter „eines   85\nViertels“ ersetzt (Art. 1 Nr. 3 des Änderungsgesetzes).\n\n  b) Das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und          86\ndes Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union (BTDrucks 16/8489)\nist noch nicht ausgefertigt und verkündet worden, weil es die Änderung der Art. 23\nund Art. 45 GG inhaltlich voraussetzt und das Inkrafttreten des verfassungsändernden Gesetzes zunächst abgewartet werden muss (vgl. BVerfGE 34, 9 <22 ff.>; 42,\n263 <283 ff.>). Es wird am Tag nach der Verkündung, frühestens jedoch einen Tag\nnach dem Tag in Kraft treten, an dem das Änderungsgesetz in Kraft getreten ist\n(Art. 3 des Ausweitungsgesetzes).\n\n  Art. 1 des Ausweitungsgesetzes enthält das Gesetz über die Ausübung der Rechte         87\ndes Bundestages und des Bundesrates aus dem Vertrag von Lissabon vom 13. Dezember 2007 zur Änderung des Vertrags über die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft. Es soll die innerstaatlichen Voraussetzungen für die Wahrnehmung der Beteiligungsrechte schaffen, die dem\nBundestag und dem insoweit als Kammer eines nationalen Parlaments anzusehenden Bundesrat durch den Vertrag von Lissabon eingeräumt werden (BTDrucks 16/\n8489, S. 7). Dabei handelt es sich um das Recht, eine begründete Stellungnahme\nnach Art. 6 Abs. 1 des Subsidiaritätsprotokolls („Subsidiaritätsrüge“) abzugeben\n\n\n\n                                        29/123\n\n(Art. 1 § 2 des Ausweitungsgesetzes), das Recht, über die Bundesregierung Klage\nwegen Verstoßes eines Gesetzgebungsakts der Europäischen Union gegen das\nSubsidiaritätsprinzip nach Art. 8 des Subsidiaritätsprotokolls („Subsidiaritätsklage“)\nzu erheben (Art. 1 § 3 des Ausweitungsgesetzes), und das Recht, den Entwurf eines\nGesetzgebungsakts der Europäischen Union nach Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon und Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV abzulehnen (Art. 1 § 4 des Ausweitungsgesetzes).\n\n  Art. 1 § 2 des Ausweitungsgesetzes legt in Absatz 1 im Wesentlichen fest, dass die      88\nBundesregierung Bundestag und Bundesrat zu Entwürfen von Gesetzgebungsakten\nder Europäischen Union „frühestmöglich“, spätestens jedoch zwei Wochen nach Beginn der Achtwochenfrist, eine ausführliche Unterrichtung übermittelt. Absatz 2 ermächtigt Bundestag und Bundesrat, die Beschlussfassung bei der Subsidiaritätsrüge\ngeschäftsordnungsrechtlich zu regeln. Absatz 3 bestimmt, dass der Präsident des\nBundestages beziehungsweise des Bundesrates einen solchen Beschluss an die\nPräsidenten des Europäischen Parlaments, des Rates und der Kommission übermittelt und die Bundesregierung darüber in Kenntnis setzt.\n\n Art. 1 § 3 des Ausweitungsgesetzes regelt das Verfahren der Subsidiaritätsklage.         89\nDer Bundestag ist insbesondere nach Absatz 2 in Anlehnung an Art. 44 Abs. 1 Satz 1\nund Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG n.F. auf Antrag eines Viertels seiner Mitglieder zur Klageerhebung verpflichtet; der Bundesrat kann nach Absatz 3 in seiner Geschäftsordnung\nregeln, wie die Beschlussfassung zur Subsidiaritätsklage herbeizuführen ist. Die\nBundesregierung übermittelt die Klage im Namen des Organs, das über ihre Erhebung beschlossen hat, nach Absatz 4 „unverzüglich“ an den Gerichtshof der Europäischen Union.\n\n Art. 1 § 4 des Ausweitungsgesetzes regelt in Absatz 3 das Zusammenwirken von             90\nBundestag und Bundesrat bei der Ausübung des Ablehnungsrechts nach Art. 48\nAbs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon unter Berücksichtigung der innerstaatlichen Aufgabenverteilung:\n\n1. Wenn bei einer Initiative im Schwerpunkt ausschließliche Gesetzgebungsbefugnisse des Bundes betroffen sind, wird die Initiative abgelehnt, wenn es der Bundestag mit einer Mehrheit der abgegebenen Stimmen beschließt.\n\n2. Wenn bei einer Initiative im Schwerpunkt ausschließliche Gesetzgebungsbefugnisse der Länder betroffen sind, wird die Initiative abgelehnt, wenn es der Bundesrat\nmit der Mehrheit seiner Stimmen beschließt.\n\n3. In allen anderen Fällen können der Bundestag oder der Bundesrat innerhalb von          93\nvier Monaten nach Übermittlung der Initiative des Europäischen Rates die Ablehnung dieser Initiative beschließen. In diesen Fällen wird die Initiative nur abgelehnt,\nwenn ein solcher Beschluss nicht spätestens zwei Wochen vor Ablauf der Frist von\nsechs Monaten gemäß Artikel 48 Abs. 7 Unterabsatz 3 Satz 2 des Vertrags über die\nEuropäische Union vom jeweils anderen Organ zurückgewiesen wird. Eine Initiative\n\n\n\n                                         30/123\n\nwird auch dann nicht abgelehnt, wenn ein Organ den Beschluss des anderen Organs in dieser Frist zurückweist, sofern es der Auffassung ist, dass ein Fall der\nNummer 1 oder der Nummer 2 nicht vorliegt. Hat der Bundestag den Beschluss\nüber die Ablehnung der Initiative mit einer Mehrheit von zwei Dritteln gefasst, so bedarf die Zurückweisung durch den Bundesrat einer Mehrheit von zwei Dritteln seiner\nStimmen. Hat der Bundesrat den Beschluss über die Ablehnung der Initiative mit einer Mehrheit von mindestens zwei Dritteln seiner Stimmen gefasst, so bedarf die\nZurückweisung durch den Bundestag einer Mehrheit von zwei Dritteln, mindestens\nder Mehrheit der Mitglieder des Bundestages.\n\n Absatz 3 Satz 1 Nr. 3 gilt nach Absatz 6 entsprechend für die Ausübung des Ablehnungsrechts nach Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV. Absatz 4 bestimmt, dass die Präsidenten des Bundestages und des Bundesrates gemeinsam einen nach Absatz 3 zustande gekommenen Beschluss an die Präsidenten des Europäischen Parlaments,\ndes Rates und der Kommission übermitteln und die Bundesregierung darüber in\nKenntnis setzen.\n\n  Art. 1 § 5 des Ausweitungsgesetzes ermöglicht es dem Plenum des Bundestages,           95\nden von ihm nach Art. 45 GG bestellten Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union zu ermächtigen, die Rechte des Bundestages nach Art. 1 des Ausweitungsgesetzes wahrzunehmen. Im Hinblick auf die vorgesehenen Anforderungen\nan die Beschlussfassung sollen jedoch das Recht, über die Bundesregierung Subsidiaritätsklage zu erheben (Art. 1 § 3 Abs. 2 des Ausweitungsgesetzes), und das Ablehnungsrecht (Art. 1 § 4 Abs. 3 des Ausweitungsgesetzes) nicht delegierbar sein\n(BTDrucks 16/8489, S. 8). Art. 1 § 6 des Ausweitungsgesetzes legt fest, dass Einzelheiten der Unterrichtungen nach diesem Gesetz in der Vereinbarung zwischen Bundestag und Bundesregierung nach § 6 des Gesetzes über die Zusammenarbeit von\nBundesregierung und Deutschem Bundestag in Angelegenheiten der Europäischen\nUnion vom 28. September 2006 (BGBl I S. 2177) und der Vereinbarung zwischen\nBundesregierung und den Ländern nach § 9 des Gesetzes über die Zusammenarbeit\nvon Bund und Ländern in Angelegenheiten der Europäischen Union geregelt werden.\n\n Art. 2 des Ausweitungsgesetzes enthält Änderungen anderer Gesetze, insbesondere der beiden letztgenannten Gesetze.\n\n 6. Der Vertrag von Lissabon bedarf der völkerrechtlichen Ratifikation durch die Mitgliedstaaten der Europäischen Union im Einklang mit ihren verfassungsrechtlichen\nVorschriften (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 des Vertrags von Lissabon). Die Ratifikationsurkunden sind bei der Regierung der Italienischen Republik zu hinterlegen (Art. 6 Abs. 1\nSatz 2 des Vertrags von Lissabon).\n\n Nachdem die Beschwerdeführer zu III., IV. und V. und die Antragsteller den Erlass       98\neiner einstweiligen Anordnung beantragt hatten, um eine völkerrechtliche Bindung\nder Bundesrepublik Deutschland an den Vertrag von Lissabon durch Hinterlegung\nder Ratifikationsurkunde zu verhindern, erklärte der Bundespräsident durch den Chef\ndes Bundespräsidialamts, er werde die Ratifikationsurkunde nicht ausfertigen, bis\n\n\n                                        31/123\n\ndas Bundesverfassungsgericht abschließend über das Verfahren in der Hauptsache\nentschieden habe.\n\n                                          II.\n 1. Die Beschwerdeführer in den Verfassungsbeschwerdeverfahren wenden sich gegen das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon. Die Verfassungsbeschwerden der Beschwerdeführer zu III. und VI. betreffen darüber hinaus das Gesetz zur\nÄnderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) sowie das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und des Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union.\n\n  a) Die Beschwerdeführer tragen übereinstimmend vor, sie seien in ihrem Recht aus       100\nArt. 38 GG verletzt. Art. 38 GG gewähre ihnen als wahlberechtigten Deutschen das\nsubjektive Recht, an der Wahl des Deutschen Bundestages teilzunehmen, dadurch\nan der Legitimation der Staatsgewalt auf Bundesebene mitzuwirken und ihre Ausübung zu beeinflussen. Mit der im Zustimmungsgesetz vorgenommenen Übertragung von Hoheitsrechten auf die Europäische Union werde in dieses Recht eingegriffen, weil die Legitimation und die Ausübung von Staatsgewalt ihrem Einfluss\nentzogen werde. Der Eingriff überschreite die Grenzen der Integrationsermächtigung\nnach Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG und sei deshalb nicht\ngerechtfertigt. Es werde das Demokratieprinzip verletzt, soweit es nach Art. 79 Abs. 3\nGG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG unantastbar sei, und zwar in\nzweierlei Hinsicht: durch Aushöhlung der Kompetenzen des Deutschen Bundestages\neinerseits und durch mangelnde demokratische Legitimation der Europäischen Union\nandererseits.\n\n aa) Der Beschwerdeführer zu III. rügt die Verletzung des Demokratieprinzips unter       101\nbeiden Aspekten. Soweit er die Aushöhlung der Kompetenzen des Deutschen Bundestages geltend macht, trägt er vor, dass die Europäische Union keine sektorale\nWirtschaftsgemeinschaft mehr sei. Sie habe vielmehr Aufgaben in allen politisch relevanten Lebensbereichen übernommen und könne verbleibende Kompetenzlücken\nselbst schließen. Im Hinblick auf die demokratische Legitimation der Europäischen\nUnion führt er aus, dass das europäische Demokratiedefizit durch den Vertrag von\nLissabon nicht verringert, sondern verschärft werde. Der Rat könne nicht mehr hinreichende, von den Staatsvölkern der Mitgliedstaaten abgeleitete demokratische Legitimität vermitteln. Die Legitimitätskette zu den nationalen Parlamenten werde insbesondere durch das als Regelfall zur Anwendung kommende Mehrheitsprinzip\nunterbrochen. Auch die Anwendung des Einstimmigkeitsprinzips sei nicht mehr zu\nrechtfertigen. Einmal beschlossene Rechtsakte könnten nicht mehr aufgehoben werden, solange nur ein einziger Staat an dem Rechtsakt festhalten wolle. Das Europäische Parlament sei ungeachtet seiner Stärkung solange nicht demokratisch legitimiert, wie es nicht auf der Grundlage demokratischer Gleichheit gewählt werde.\n\n Außerdem verstoßen nach Ansicht des Beschwerdeführers zu III. zahlreiche Einzelvorschriften des Vertrags von Lissabon gegen das Demokratieprinzip. Hierzu rechnet\n\n\n                                        32/123\n\ner erstens Art. 14 Abs. 2 EUV-Lissabon, der das Unionsvolk als Gesamtheit der Unionsbürgerinnen und Unionsbürger gleichberechtigt neben die Völker der Mitgliedstaaten als Legitimationsquelle der Europäischen Union stelle und damit ein neues\nSubjekt demokratischer Legitimation konstituiere, zweitens Vorschriften wie Art. 48\nAbs. 6 EUV-Lissabon und Art. 311 AEUV, die Änderungen der Verträge ohne Zustimmung des Deutschen Bundestages ermöglichten, drittens Regelungen wie Art. 48\nAbs. 7 EUV-Lissabon, die den Übergang von vertraglich vorgesehenen Entscheidungen mit Einstimmigkeit zu Mehrheitsentscheidungen im Rat gestatteten, ohne dass\nder Deutsche Bundestag ausreichend an diesem Übergang mitwirke, sowie viertens\ndie nunmehr nahezu universell anwendbare Flexibilitätsklausel des Art. 352 AEUV.\n\n  bb) Der Beschwerdeführer zu IV. trägt vor, dass die „Schwelle zur Bedeutungslosigkeit der originären deutschen Gesetzgebungszuständigkeiten“ mit den durch den\nVertrag von Lissabon übertragenen Hoheitsrechten auf die Europäische Union überschritten werde. Es komme zu einem „Ausverkauf ureigenster staatlicher Befugnisse“. Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik werde supranationalisiert, weil\nMaßnahmen auf diesem Gebiet der mit Rechtspersönlichkeit ausgestatteten Europäischen Union zugerechnet würden, die auf internationaler Ebene nicht mehr durch\ndie Außenminister der Mitgliedstaaten, sondern durch den Hohen Vertreter der Union\nfür Außen- und Sicherheitspolitik vertreten werde. Die Gemeinsame Sicherheits- und\nVerteidigungspolitik schlage gezielt den Weg zu einer „europäischen Verteidigung\nunter europäischer Flagge“ ein. Die Mitgliedstaaten seien zur Aufrüstung gezwungen. Auch werde die Polizeiliche und Justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen supranationalisiert. Die Flexibilitätsklausel ermögliche schließlich eine Vertragsänderung ohne förmliches Änderungsverfahren.\n\n  Der Beschwerdeführer zu IV. macht zugleich die mangelnde demokratische Legitimation der Europäischen Union geltend. Der Vertrag von Lissabon werte zwar die\nKompetenzen des Europäischen Parlaments stark auf. Dies könne die Ausübung von\nHoheitsgewalt durch die Europäische Union aber nur dann legitimieren, wenn die\nWahlgleichheit gewahrt wäre. Bevölkerungsarme Mitgliedstaaten erhielten jedoch im\nVergleich zu bevölkerungsreichen Mitgliedstaaten nach wie vor überproportional viele Stimmen.\n\n cc) Die Beschwerdeführer zu V. rügen allein die mangelnde demokratische Legitimation der Europäischen Union. Sie sind der Auffassung, dass der Ausweitung der\nKompetenzen keine Schritt haltende Erweiterung oder Vertiefung der demokratischen Legitimation der Europäischen Union entspreche. Dabei hänge das geforderte\nNiveau der demokratischen Legitimation nicht von der Staatsqualität der Europäischen Union ab, sondern bestimme sich nach dem Umfang der Kompetenzen der\nEuropäischen Union und der Grundrechtsrelevanz europäischer Entscheidungen.\nDie Beschwerdeführer zu V. tragen vor, dass die Ausübung der Hoheitsrechte der\nEuropäischen Union nicht ausreichend durch die nationalen Parlamente legitimiert\nwerde. Die durch den Vertrag von Lissabon übertragenen Einzelermächtigungen seien nicht hinreichend bestimmt; die Subsidiaritätsrüge berechtige die nationalen Par-\n\n\n                                       33/123\n\nlamente nur dazu, Entwürfe eines Gesetzgebungsakts auf europäischer Ebene zu\nrügen. Sie ermögliche es ihnen aber nicht, Entwürfe zum Scheitern zu bringen, wie\nauch Vertragserweiterungen ohne Beteiligung der nationalen Parlamente möglich\nseien.\n\n  Die Ausübung der Hoheitsrechte der Europäischen Union werde zudem nicht ausreichend durch die europäischen Institutionen legitimiert. Der Rat könne von vornherein nur beschränkte Legitimation vermitteln. Das Demokratieprinzip gebiete, dass\nwesentliche Entscheidungen durch das Parlament verabschiedet würden. Die im demokratischen Staat entscheidende Rückkopplung zwischen Staatsorganen und Volk\nerschöpfe sich nicht in dem nur in Abständen wiederkehrenden Akt der Wahl des\nParlaments. Die staatliche Willensbildung lasse sich vielmehr beschreiben als ein\nProzess, in den die unterschiedlichen Meinungen, Weltanschauungen und Interessen des Volkes einflössen. Der Rat als Vertreter nationaler Interessen könne diese\nFunktion nur unzureichend erfüllen. Er sei erstens nicht Repräsentativorgan, das\nheißt die Willensbildung des Volkes werde so stark gefiltert und personell verringert,\ndass die dem Parlament zukommende beratende Funktion nur eingeschränkt wahrgenommen werden könne. Zweitens finde sich die nationale Opposition im Rat nicht\nwieder. Auch das Europäische Parlament legitimiere die Ausübung der Hoheitsrechte\nder Europäischen Union nicht ausreichend, da das Prinzip der Stimmengleichheit bei\nder Wahl des Europäischen Parlaments nicht gelte und das Europäische Parlament\nweder die Kommission in ausreichendem Maße legitimiere noch das Niveau der Legitimation europäischer Entscheidungen dem vom Demokratieprinzip geforderten und\ndem von den entwickelten demokratischen Staaten akzeptierten Niveau demokratischer Gesetzgebung entspreche. Das zum „ordentlichen Gesetzgebungsverfahren“\numbenannte Verfahren der Mitentscheidung werde nur vordergründig zum Regelverfahren, weil sich in den einzelnen Politikbereichen zahlreiche Sondervorschriften fänden, die abweichende Verfahrensregelungen träfen. Wesentliche, in Grundrechte\neingreifende Entscheidungen - etwa in den Anwendungsbereichen der Art. 87\nAbs. 3, Art. 89, Art. 113 AEUV - könnten ohne Zustimmung des Europäischen Parlaments getroffen werden.\n\n   Der Vertrag von Lissabon verletze schließlich das demokratische Prinzip wechselnder Mehrheiten. Zum demokratischen Prozess gehöre der Wettbewerb um die politische Macht, also das Wechselspiel von Minderheit und Mehrheit. Dieser Wettbewerb\nfinde jedoch auf europäischer Ebene nicht statt. Die europäischen Institutionen seien\nnicht um die Zentralität des politischen Konflikts angeordnet. Die Unerkennbarkeit politischer Konfliktlinien führe zu politischer Apathie in Form von Enthaltungen bei den\nWahlen zum Europäischen Parlament.\n\n dd) Die Beschwerdeführer zu VI. machen ebenfalls geltend, dass die demokratischen Grundlagen der Europäischen Union nicht mit dem Integrationsprozess Schritt\ngehalten hätten. Sie fordern das Bundesverfassungsgericht auf, im Lichte bereits\nübertragener und noch zu übertragender Hoheitsrechte zu prüfen, ob die in seinem\nUrteil zum Vertrag von Maastricht (vgl. BVerfGE 89, 155 ff.) niedergelegten Erwartun-\n\n\n                                        34/123\n\ngen an die rechtsstaatlich-demokratische Entwicklung der Europäischen Union erfüllt\nworden seien. Die Beschwerdeführer zu VI. behaupten, dass dies nicht der Fall sei.\nDie Rechtssetzungs- und Entscheidungspraxis der Kommission habe sich zu einem\n„Regime der Selbstermächtigung“ entwickelt. Der Stabilitätspakt werde durch die in\nder Vergangenheit gewährten Ausnahmeregelungen seiner Substanz beraubt. Es sei\ndaher unmöglich, noch länger von einer Zustimmung Deutschlands zur Europäischen\nWährungsunion zu sprechen.\n\n  Der Vertrag von Lissabon mache die Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit im Rat      109\nferner zur Regel und entleere auf diese Weise die Kompetenzen des Deutschen Bundestages. Die im Subsidiaritätsprotokoll vorgesehenen Verfahren zur Durchsetzung\ndes Subsidiaritätsprinzips seien wegen der strukturellen Überforderung der nationalen Parlamente nicht geeignet, den Prinzipien der begrenzten Einzelermächtigung,\nder Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit wirksam Geltung zu verschaffen. Die\nVerfahren liefen außerdem darauf hinaus, dass kleinere Mitgliedstaaten bei der Anzahl der begründeten Stellungnahmen nationaler Parlamente, die zu einer Überprüfung des Entwurfs eines Gesetzgebungsakts verpflichten (Art. 7 des Subsidiaritätsprotokolls), im gleichen Umfang berücksichtigt würden wie Deutschland. Das\nAblehnungsrecht der nationalen Parlamente im Rahmen des Brückenverfahrens gewähre ebenfalls keine Sicherung der demokratischen Zustimmung, und die Erweiterung des sachlichen Anwendungsbereichs der Flexibilitätsklausel führe zu einer „entgrenzten Kompetenz-Erweiterungskompetenz“.\n\n  Dahinstehen kann nach Ansicht der Beschwerdeführer zu VI. allerdings, ob die Verteilung der Abgeordneten im Europäischen Parlament mit dem Prinzip demokratischer Repräsentativität vereinbar ist. Entscheidend sei vielmehr, dass das Europäische Parlament nicht die Möglichkeit habe, dem Initiativmonopol der Kommission mit\nder Befugnis entgegenzutreten, die Kommission zur Unterlassung von legislativen Initiativen zu veranlassen. Darüber hinaus relativiere die Zuständigkeit der Kommission\nfür die tertiäre Rechtssetzung das Mitentscheidungsrecht des Europäischen Parlaments im Rahmen der Rechtssetzung (vgl. Art. 290 f. AEUV).\n\n  b) Die Beschwerdeführer zu III. und IV. sind außerdem der Auffassung, dass das        111\nZustimmungsgesetz zum Verlust der Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland\nführt. Sie stützen diese Rüge ebenfalls auf Art. 38 GG.\n\n  aa) Nach Auffassung des Beschwerdeführers zu III. ist die Grenze dessen, was der      112\nGrundsatz der souveränen Staatlichkeit an Übertragung von Hoheitsrechten noch zulasse, mit dem Vertrag von Lissabon überschritten. Die Europäische Union werde\nVölkerrechtssubjekt und könne auf der völkerrechtlichen Ebene wie ein Staat agieren. Sie verfüge über einen außenpolitischen Apparat, der quasistaatlichen Charakter nach außen habe, sowie über weitreichende außenpolitische Kompetenzen. Das\nUnionsrecht besitze uneingeschränkten Vorrang vor dem Recht der Mitgliedstaaten,\nauch vor dem Grundgesetz, mit der Konsequenz, dass die Kontrolle durch das Bundesverfassungsgericht ausgeschaltet sei. Die Europäische Union verfüge über eine\n\n\n\n                                       35/123\n\nKompetenz-Kompetenz (Art. 48 Abs. 6 und Abs. 7 EUV-Lissabon; Art. 311, Art. 352\nAEUV) und sei mit den Zuständigkeiten für die innere Sicherheit und die Strafverfolgung in Kerngebiete der Staatlichkeit vorgedrungen. Diesem Souveränitätsverlust\nder Mitgliedstaaten stehe weder das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung,\ndas keine effektiv begrenzende Funktion mehr habe, noch das Subsidiaritätsprinzip entgegen. Abhilfe schaffen könnte hier nur die konkrete Ausgestaltung in Form\nabschließender, begrenzter Kompetenzen oder negativer Kompetenzkataloge sowie\ndie Einrichtung eines unabhängigen Überwachungsorgans, etwa eines Kompetenzkonfliktgerichtshofs.\n\n Neben der Staatsgewalt verfüge die Europäische Union auch über ein Staatsgebiet,        113\nnämlich den Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts, sowie ein Staatsvolk.\nDas Europäische Parlament setze sich nicht mehr aus Vertretern der Staatsvölker\nder Mitgliedstaaten, sondern aus Vertretern der Unionsbürger zusammen. Die Entwicklung der Europäischen Union zu einem Bundesstaat überschreite die Aufgaben\nund Befugnisse der Verfassungsorgane der Bundesrepublik Deutschland. Eine für eine solche Integration nötige Grundlage könne nur ein Verfassungsgesetz bilden, das\nsich das deutsche Volk nach Maßgabe des Art. 146 GG geben müsse.\n\n  bb) Nach Ansicht des Beschwerdeführers zu IV. ist das durch den Vertrag von Lissabon geschaffene Gemeinwesen faktisch kein völkervertraglicher Staatenverbund\nmehr. Vielmehr handele es sich um „einen großen Bund mit eigener Rechtssubjektivität“, der auftrete wie ein eigener Staat - mit eigenen Gesetzgebungsorganen, eigenen Behörden und eigener Unionsbürgerschaft. Die Zuständigkeit zur Rechtsangleichung des Straf- und Strafverfahrensrechts betreffe einen Kernbestand staatlicher\nHoheitsgewalt, da die Ausübung hoheitlicher Befugnisse durch nichts stärker verkörpert werde als durch das Recht, materielles Strafrecht zu gestalten und prozessual\ndurchzusetzen. Auch die Frage, ob und wie sich ein Staat verteidige, sei ein entscheidender Aspekt der Staatsqualität eines Staates.\n\n  c) Die Beschwerdeführer zu IV., V. und VI. rügen auf der Grundlage von Art. 38 GG      115\nferner die Verletzung weiterer Staatsstrukturprinzipien durch das Zustimmungsgesetz.\n\n  aa) Der Beschwerdeführer zu IV. macht eine Verletzung des Rechtsstaatsprinzips         116\ngeltend, soweit es von Art. 79 Abs. 3 GG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 3 GG für unantastbar erklärt werde. Angesichts der umfangreichen Zuständigkeiten der Europäischen Union sei die grundrechtliche Kontrolle auf europäischer Ebene unzureichend.\nDer Vertrag von Lissabon habe insbesondere keine Grundrechtsklage vor dem Gerichtshof der Europäischen Union eingeführt.\n\n  bb) Nach Auffassung der Beschwerdeführer zu V. werden die demokratischen, sozialpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten des Deutschen Bundestages durch den Vertrag von Lissabon insofern beschränkt, als die Europäische Union auf eine wettbewerbsorientierte „offene Marktwirtschaft“ festgelegt werde. Zwar enthalte das\nGrundgesetz keine Festlegung auf eine bestimmte Wirtschaftsordnung. Das Sozial-\n\n\n                                        36/123\n\nstaatsprinzip verpflichte den Gesetzgeber jedoch, für einen Ausgleich der sozialen\nGegensätze zu sorgen, wenn es ihm dabei auch einen weiten Spielraum belasse.\nDurch angeblich wettbewerbsfördernde europäische Rechtssetzung und Rechtsprechung könne das Sozialstaatsprinzip entgegen Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung\nmit Art. 79 Abs. 3 GG ausgehebelt werden. So besitze die Europäische Union nach\ndem Vertrag von Lissabon umfangreiche Kompetenzen in allen wirtschaftspolitischen\nFragen, nicht aber im Bereich des Steuerrechts und der sozialen Sicherung. Das\nStreikrecht gelte nach jüngeren Urteilen des Gerichtshofs nur dann, wenn durch dessen Wahrnehmung die Grundfreiheiten nicht unverhältnismäßig eingeschränkt werden (vgl. EuGH, Urteil vom 11. Dezember 2007, Rs. C-438/05, Viking, Slg. 2007,\nS. I-10779 Rn. 90; EuGH, Urteil vom 18. Dezember 2007, Rs. C-341/05, Laval,\nSlg. 2007, S. I-11767 Rn. 111).\n\n  cc) Die Beschwerdeführer zu VI. rügen eine Verletzung des Gewaltenteilungsprinzips. In dem Maße, in dem die auf die Europäische Union übertragenen Hoheitsrechte quantitativ zunähmen, müssten die qualitativen Anforderungen an die binnenrechtliche Organisation der Europäischen Union unter dem Gesichtspunkt der\nGewaltenteilung steigen. Mit Ausnahme des Gerichtshofs der Europäischen Union,\ndem eindeutig eine judikative Funktion zugewiesen sei, würden in den übrigen Unionsorganen exekutive und legislative Funktionen miteinander vermengt. Das Europäische Parlament verfüge im Gegensatz zur Kommission über kein Initiativrecht,\nsondern nur über Mitentscheidungsrechte im Bereich der Rechtssetzung.\n\n d) Die Beschwerdeführer zu III. und V. erheben weitere, das Zustimmungsgesetz              119\nbetreffende Rügen, die nicht auf Art. 38 GG, sondern auf andere Vorschriften des\nGrundgesetzes gestützt werden.\n\n aa) Der Beschwerdeführer zu III. rügt in seiner Beschwerdeschrift vom 23. Mai 2008         120\neine Verletzung von Art. 20 Abs. 4 und Art. 2 Abs. 1 GG. In seinem Schriftsatz vom\n21. Oktober 2008 nimmt er diese Rüge - soweit Art. 2 Abs. 1 GG auf die Verletzung\nobjektiver Verfassungsprinzipien bezogen worden sei - teilweise zurück und macht\nzusätzlich eine Verletzung von Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 3, Art. 4\nAbs. 1 und Abs. 2, Art. 5 Abs. 1 und Abs. 3, Art. 8 bis Art. 14, Art. 16, Art. 19 Abs. 4,\nArt. 101, Art. 103 und Art. 104 GG geltend.\n\n  (1) Aus Art. 20 Abs. 4 GG ergebe sich ein dem Widerstandsrecht vorgelagertes              121\nRecht, das sich gegen alle Handlungen richte, die die nach Art. 79 Abs. 3 GG unabänderlichen Verfassungsgrundlagen ganz oder teilweise beseitigten. Eine auf dieses\nRecht gestützte Verfassungsbeschwerde sei gegenüber Verfassungsbeschwerden,\ndie auf andere Grundrechte gestützt würden, nicht subsidiär. Zwar seien Art. 38 und\nArt. 20 Abs. 4 GG verletzt, wenn die sich aus dem Demokratieprinzip und dem\nGrundsatz der souveränen Staatlichkeit ergebenden Grenzen der Übertragung von\nHoheitsrechten an die Europäische Union überschritten würden. Allerdings führe die\nVerletzung der anderen durch Art. 79 Abs. 3 GG geschützten Verfassungsprinzipien,\ninsbesondere des Gewaltenteilungsprinzips, allein zur Verletzung von Art. 20 Abs. 4\n\n\n\n                                         37/123\n\nGG. Das Zustimmungsgesetz unterschreite das nach Art. 79 Abs. 3 in Verbindung\nmit Art. 20 Abs. 2 GG erforderliche Mindestmaß an Gewaltenteilung, welches im Anwendungsbereich des Art. 23 GG beachtet werden müsse. Die Bundesregierung dominiere den Deutschen Bundestag auf der europäischen Ebene in der Rechtssetzungsfunktion. Sie könne als Teil des Rates höherrangiges Recht setzen, welches\ndas vom Deutschen Bundestag erlassene Recht verdränge. Mit diesem „Spiel über\ndie Bande“ könne die Bundesregierung das Parlament umgehen und über die europäische Ebene Vorschriften durchsetzen, für die sie im Bundestag keine Mehrheit\nbekomme.\n\n  Der Beschwerdeführer zu III. ist der Ansicht, dass „andere Abhilfe“ im Sinne von        122\nArt. 20 Abs. 4 GG vom Bundesverfassungsgericht im Wege der Verfassungsbeschwerde zu gewähren sei. Art. 20 Abs. 4 GG könne aber auch dahingehend ausgelegt werden, dass die Vorschrift einen außerordentlichen Rechtsbehelf im Sinne eines „Rechts auf andere Abhilfe“ garantiere, das in Analogie zum\nVerfassungsbeschwerdeverfahren zu gewähren sei.\n\n  (2) Die Verletzung von Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 3, Art. 4 Abs. 1   123\nund Abs. 2, Art. 5 Abs. 1 und Abs. 3, Art. 8 bis Art. 14, Art. 16, Art. 19 Abs. 4,\nArt. 101, Art. 103 und Art. 104 GG begründet der Beschwerdeführer zu III. mit der\nRechtsverbindlichkeit der Grundrechtecharta nach dem Vertrag von Lissabon. Diese\nführe nicht nur dazu, dass die Menschenwürde im Rahmen der Europäischen Union\nder Abwägung mit anderen Rechtsgütern, insbesondere mit den wirtschaftlichen\nGrundfreiheiten, unterworfen werde. Die Grundrechtecharta dispensiere die deutschen Staatsorgane darüber hinaus weitgehend von der Verpflichtung zur Beachtung\nder Grundrechte des Grundgesetzes nicht nur in den Bereichen, in denen sie zwingende Vorschriften des Unionsrechts ausführten, sondern auch dort, wo sie nicht an\nUnionsrecht gebunden seien. Schließlich beseitige die Grundrechtecharta die Garantenstellung, die das Bundesverfassungsgericht für den Grundrechtsschutz gemäß\nder sogenannten Solange II-Rechtsprechung (vgl. BVerfGE 73, 339 ff.) innehabe.\n\n  bb) Die Beschwerdeführer zu V. rügen ebenfalls eine Verletzung von Art. 1 Abs. 1        124\nGG. Sie sind der Auffassung, dass dem Vertrag von Lissabon im Hinblick auf den allgemeinen Gesetzesvorbehalt nach Art. 52 Abs. 1 GRCh eine vertragliche Klarstellung fehle, wonach die Menschenwürde nicht mit anderen Rechtsgütern, insbesondere mit den wirtschaftlichen Grundfreiheiten, abgewogen werden dürfe.\n\n e) Die Beschwerdeführer zu III. und VI. tragen weiter vor, dass die Begleitgesetzgebung, das Änderungsgesetz sowie das Ausweitungsgesetz, sie in ihren Rechten aus\nArt. 38 GG verletze. Der Beschwerdeführer zu III. rügt darüber hinaus Art. 2 Abs. 1\nund Art. 20 Abs. 4 GG.\n\n aa) Der Beschwerdeführer zu III. beantragt in seiner Beschwerdeschrift vom 23. Mai       126\n2008 zunächst festzustellen, dass die Begleitgesetzgebung ihn als solche in Art. 38\nGG verletzt. In seinem Schriftsatz vom 21. Oktober 2008 beschränkt er seinen Antrag\nauf einzelne Bestimmungen der Begleitgesetzgebung, nämlich Art. 1 Nr. 1 und Nr. 2\n\n\n                                        38/123\n\ndes Änderungsgesetzes und Art. 1 § 3 Abs. 2, § 4 Abs. 3 Nr. 3 und Abs. 6 sowie § 5\ndes Ausweitungsgesetzes. Die Beschwerdeführer zu VI. beschränken ihren Antrag\nebenfalls auf die genannten Vorschriften.\n\n  bb) Die Beschwerdeführer zu III. und VI. legen übereinstimmend dar, dass Art. 1       127\nNr. 1 des Änderungsgesetzes und Art. 1 § 3 Abs. 2 des Ausweitungsgesetzes das\ndemokratische Mehrheitsprinzip verletzten, weil der Deutsche Bundestag gezwungen werde, gegen den Willen der Mehrheit Subsidiaritätsklage zu erheben. Art. 1 § 4\nAbs. 3 Nr. 3 und Abs. 6 des Ausweitungsgesetzes seien ebenfalls nicht mit dem Demokratieprinzip, soweit Art. 79 Abs. 3 GG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2\nGG es für unantastbar erkläre, vereinbar. Dem Deutschen Bundestag werde das Ablehnungsrecht nach Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon in den Fällen genommen,\nin denen sich der Schwerpunkt der Initiative des Europäischen Rates auf die konkurrierende Gesetzgebung beziehe oder in denen sich ein Schwerpunkt nicht eindeutig\nfeststellen lasse. Art. 1 Nr. 2 des Änderungsgesetzes und Art. 1 § 5 des Ausweitungsgesetzes verletzten das Prinzip der demokratischen Repräsentation schließlich\ndadurch, dass die durch den Vertrag von Lissabon eingeführten Beteiligungsrechte\ndes Deutschen Bundestages auf den Europaausschuss übertragen werden könnten.\n\n Der Beschwerdeführer zu III. trägt vor, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts       128\nzum Vertrag von Maastricht schließe es zumindest nicht aus, dass sich aus Art. 38\nGG auch ein subjektives Recht auf Beachtung des Demokratieprinzips innerhalb der\nBundesrepublik Deutschland ergebe. Das Recht bestehe jedenfalls soweit, als das\ndurch Art. 38 GG garantierte Recht auf Teilhabe an der demokratischen Legitimation\nder Staatsgewalt mittelbar betroffen sei. Die Beschwerdeführer zu VI. argumentieren,\ndass sich die Beschwerdebefugnis für die Begleitgesetzgebung aus dem Sachzusammenhang ergebe. Ohne das Zustimmungsgesetz entfalle der Sinn der Begleitgesetzgebung. Zustimmungsgesetz und Begleitgesetzgebung müssten deshalb verfassungsprozessual als Einheit betrachtet werden. Hieraus folge unter anderem, dass\ndie Begleitgesetzgebung ebenso wie das Zustimmungsgesetz ausnahmsweise bereits vor Ausfertigung und Verkündung angegriffen werden könnte.\n\n cc) Der Beschwerdeführer zu III. macht in seiner Beschwerdeschrift vom 23. Mai         129\n2008 schließlich eine Verletzung von Art. 20 Abs. 4 und Art. 2 Abs. 1 GG durch die\nBegleitgesetzgebung geltend. In seinem Schriftsatz vom 21. Oktober 2008 beschränkt er seinen Antrag auf einzelne Bestimmungen der Begleitgesetzgebung,\nnämlich Art. 1 Nr. 1 und Nr. 2 des Änderungsgesetzes und Art. 1 § 3 Abs. 2, § 4\nAbs. 3 Nr. 3 und Abs. 6 sowie § 5 des Ausweitungsgesetzes, und nimmt von seiner\nRüge einer Verletzung von Art. 2 Abs. 1 GG Abstand. Zur Begründung führt er aus,\ndass die Unvereinbarkeit der genannten Bestimmungen der Begleitgesetzgebung mit\ndem Demokratieprinzip auch über Art. 20 Abs. 4 GG geltend gemacht werden könne.\n\n 2. Die Antragsteller in den Organstreitverfahren greifen das Zustimmungsgesetz         130\nzum Vertrag von Lissabon, der Antragsteller zu I. zusätzlich die Begleitgesetzgebung\n\n\n\n                                       39/123\n\nan.\n\n  a) Der Antragsteller zu I. ist Abgeordneter des Deutschen Bundestages und zugleich der Beschwerdeführer zu III. Er beantragt in seiner Antragsschrift vom 23. Mai\n2008 zunächst festzustellen, dass das Zustimmungsgesetz und die Begleitgesetzgebung gegen das Grundgesetz, insbesondere gegen Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 2\nAbs. 1, Art. 38 Abs. 1 Satz 2 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 sowie Art. 23 Abs. 1\nGG, verstoßen und nichtig sind. Als Antragsgegner benennt er den Bundespräsidenten, den Deutschen Bundestag und die Bundesrepublik Deutschland. In seinem\nSchriftsatz vom 21. Oktober 2008 fasst er den Antrag neu. Er beantragt nunmehr\nfestzustellen, dass das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon, Art. 1 Nr. 1\nund Nr. 2 des Änderungsgesetzes und Art. 1 § 3 Abs. 2, § 4 Abs. 3 Nr. 3 und Abs. 6\nsowie § 5 des Ausweitungsgesetzes gegen Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 23 Abs. 1\nund Art. 79 Abs. 3 GG verstoßen und den Antragsteller in seinen Rechten aus Art. 38\nAbs. 1 GG verletzen. Von der Rüge eines Verstoßes auch gegen Art. 2 Abs. 1 GG\nnimmt er Abstand. Als Antragsgegner werden der Deutsche Bundestag und die Bundesregierung genannt.\n\n  Der Antragsteller zu I. trägt vor, dass er als Abgeordneter des Deutschen Bundestages durch das Zustimmungsgesetz und durch die Begleitgesetzgebung in seinem\nStatusrecht aus Art. 38 Abs. 1 GG verletzt sei. Werde dem einzelnen Bürger durch\nArt. 38 Abs. 1 GG das subjektive Recht verliehen, an der Wahl des Deutschen Bundestages teilzunehmen und dadurch an der Legitimation der Staatsgewalt durch das\nVolk auf Bundesebene mitzuwirken und auf ihre Ausübung Einfluss zu nehmen, müsse dies erst recht für die Abgeordneten des Deutschen Bundestages gelten. Deren\nStatus werde ebenfalls durch Art. 38 Abs. 1 GG geregelt. Würden die Aufgaben und\nBefugnisse des Deutschen Bundestages durch die Übertragung von Hoheitsrechten\nauf die Europäische Union ausgehöhlt, berühre dies nicht nur die Möglichkeit des einzelnen Wählers, an der demokratischen Legitimation der Staatsgewalt mitzuwirken.\nEs berühre in noch viel größerem Maße die Möglichkeit des Abgeordneten, das Volk\nbei der Ausübung der Staatsgewalt zu repräsentieren und bei der Gesetzgebung sowie bei der Kontrolle der Regierung demokratische Legitimation hervorzubringen.\nDer Antragsteller zu I. begründet die Verletzung in seinem Statusrecht aus Art. 38\nAbs. 1 GG alternativ damit, dass er als „Organwalter“ eines Verfassungsorgans dafür\nverantwortlich sei, dass der Deutsche Bundestag nicht ultra vires handele. Der Bundestag dürfe keine Gesetze beschließen, die seine Befugnisse überschritten. Er dürfe solche Beschlüsse jedenfalls dann nicht fassen, wenn diese Gesetze dazu beitrügen, den vom Grundgesetz verfassten Staat aufzugeben oder wesentlich in seiner\nStaatlichkeit einzuschränken.\n\n  Außerdem macht der Antragsteller zu I. sinngemäß geltend, dass seine Mitwirkungsrechte als Abgeordneter des Deutschen Bundestages nach Art. 38 Abs. 1 GG\nim Gesetzgebungsverfahren verkürzt worden seien. Von einer substantiellen, auf die\nKraft des Arguments gegründeten Willensbildung, die es dem Abgeordneten ermöglicht hätte, die Verantwortung für seine Entscheidung zu übernehmen, könne keine\n\n\n                                       40/123\n\nRede sein. Dem Status eines Abgeordneten sei nicht damit Genüge getan, dass er\nseine verfassungsrechtlichen Bedenken in einer Bundestagsdebatte mit einer Zwischenfrage nach § 27 Abs. 2 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages\n(GOBT) habe äußern können. Ebenso wenig reiche es aus, eine Erklärung zur Verfassungswidrigkeit des Zustimmungsgesetzes verlesen zu können.\n\n  b) Die Antragstellerin zu II., eine Fraktion des Deutschen Bundestages, beantragt in   134\nProzessstandschaft für den Deutschen Bundestag festzustellen, dass das Zustimmungsgesetz den Deutschen Bundestag in seinen Rechten als legislatives Organ\nverletzt und deshalb unvereinbar mit dem Grundgesetz ist. Sie benennt in ihrer Antragsschrift keinen Antragsgegner.\n\n  Die Antragstellerin zu II. begründet ihren Antrag damit, dass das Zustimmungsgesetz demokratische Entscheidungsbefugnisse über das in Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in\nVerbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG zulässige Maß hinaus übertrage. Das Demokratieprinzip werde, soweit es nach Art. 79 Abs. 3 GG unantastbar sei, in mehrfacher Hinsicht verletzt. Auf die insoweit identische Argumentation der Beschwerdeführer zu V.\nwird verwiesen (siehe oben A. II. 1. c) bb). Darüber hinaus macht die Antragstellerin\nzu II. geltend, dass der aus dem Demokratieprinzip folgende Grundsatz der Parlamentsarmee dadurch ausgehöhlt werde, dass der Deutsche Bundestag seine Entscheidungsbefugnisse über den Einsatz der deutschen Streitkräfte für den Bereich\neuropäischer Kriseninterventionen verliere. Nach Art. 42 Abs. 4 EUV-Lissabon würden Beschlüsse über die Einleitung einer Mission, wozu die Mitgliedstaaten nach\nArt. 42 Abs. 3 EUV-Lissabon eigene Streitkräfte bereitstellen müssten, einstimmig\nvom Rat erlassen. Ein Hinweis darauf, dass der Beschluss im Einklang mit den verfassungsrechtlichen Vorschriften der Mitgliedstaaten zu fassen sei, fehle jedoch.\nZwar ließe sich argumentieren, dass der wehrverfassungsrechtliche Parlamentsvorbehalt nicht durch das Zustimmungsgesetz aufgehoben werde und die deutschen\nRegierungsvertreter im Rat die Zustimmung des Deutschen Bundestages einholen\nmüssten, bevor sie im Rat eine Beteiligung deutscher Streitkräfte an einer Mission\nzusagten. Dies würde jedoch zu einem Systembruch führen, da die Vertretung der\nBundesrepublik Deutschland im Rat regelmäßig in die Regierungskompetenz falle.\n\n                                         III.\n 1. Zu den Verfassungsbeschwerden zu III. und V. haben der Deutsche Bundestag            136\n(a), die Bundesregierung (b) und der Bundesrat (c) schriftlich Stellung genommen.\nDie Bundesregierung und der Bundesrat haben in ihre Stellungnahme zusätzlich die\nVerfassungsbeschwerde zu IV. einbezogen. Der Landtag von Baden-Württemberg\n(d) beschränkt seine Stellungnahme auf die Verfassungsbeschwerden zu III. und IV.\n\n a) Der Deutsche Bundestag vertritt die Auffassung, dass die Verfassungsbeschwerden zu III. und V. unzulässig (aa) und unbegründet (bb) sind.\n\n aa) Die auf Art. 38 GG gestützte Beschwerdebefugnis gegen Integrationsakte nach         138\nArt. 23 Abs. 1 GG sei auf Fälle beschränkt, in denen das Demokratieprinzip im nach\n\n\n                                        41/123\n\nArt. 79 Abs. 3 GG geschützten Umfang offensichtlich und schwerwiegend verletzt\nsei. Dies hätten die Beschwerdeführer zu III. und V. nicht substantiiert dargelegt.\nArt. 20 Abs. 4 GG trage die Verfassungsbeschwerde zu III. ebenfalls nicht. Da ein offensichtliches Versagen der Verfassungswahrung und -verteidigung durch die dazu\nberufenen Staatsorgane nicht festgestellt werden könne, liege keine Widerstandslage vor. Ein eigenständiges Rechtsmittel, das neben der Verfassungsbeschwerde bestünde, könne aus Art. 20 Abs. 4 GG nicht abgeleitet werden. Ferner sei eine Verletzung der Beschwerdeführer zu III. und V. in Art. 1 Abs. 1 GG nicht ersichtlich.\nDie Menschenwürde sei auch auf europäischer Ebene als unantastbar gewährleistet.\nDarüber hinaus dispensiere die Grundrechtecharta die Grundrechte des Grundgesetzes nicht. Schließlich habe der Beschwerdeführer zu III. die Möglichkeit einer Rechtsverletzung durch die Begleitgesetzgebung nicht hinreichend substantiiert dargelegt.\n\n  bb) Die Verfassungsbeschwerden zu III. und V. seien jedenfalls unbegründet, da         139\nder Vertrag von Lissabon mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Dabei ist der Deutsche\nBundestag der Auffassung, dass der sachliche Prüfungsumfang der Verfassungsbeschwerden auf die durch den Vertrag von Lissabon eingeführten Neuerungen beschränkt sei. Der Integrationsprozess als solcher könne nicht Gegenstand des Verfahrens sein. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Vertrag von\nMaastricht gebe es eine res iudicata und eine Entscheidung im Hinblick auf die Entwicklung über die Verträge von Amsterdam und von Nizza sei wegen § 93 BVerfGG\nausgeschlossen.\n\n  (1) Art. 38 GG sei durch das Zustimmungsgesetz nicht verletzt. Soweit der Vertrag      140\nvon Lissabon neue Zuständigkeiten der Europäischen Union begründe oder einzelne\nPolitikbereiche aus der intergouvernementalen Zusammenarbeit in die Gemeinschaftsmethode überführe, würden die von Art. 79 Abs. 3 GG gezogenen Grenzen\nder Übertragbarkeit von Hoheitsbefugnissen nicht überschritten. Die Mitgliedstaaten\nerlitten nur einen geringen Kompetenzverlust und erhielten im Gegenzug neue Handlungsspielräume und politische Gestaltungsmöglichkeiten. Es sei nicht zu beanstanden, dass die Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit zum normalen Entscheidungsverfahren im Rat werde. Das Mehrheitsverfahren und damit die Möglichkeit, im Rat\nüberstimmt zu werden, habe das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil zum\nVertrag von Maastricht (vgl. BVerfGE 89, 155 ff.) akzeptiert. Den Mitgliedstaaten\nstünden weiterhin substantielle Zuständigkeiten zu. Die Bereiche der inneren und äußeren Sicherheit sowie die Verteidigungspolitik verblieben gänzlich im Kompetenzbereich der Mitgliedstaaten, ebenso wie die Wirtschafts-, Finanz- und Beschäftigungspolitik.\n\n  Auch ein möglicher Anspruch aus Art. 38 GG auf demokratische Legitimation der          141\nEuropäischen Union sei nicht verletzt. Die demokratische Legitimation des Rates beruhe zum einen auf der verfassungsrechtlichen Basis, welche die Entscheidungsverfahren des Rates regle, zum anderen auf dem im Rat stattfindenden Diskurs. Das Europäische Parlament vermittle ebenfalls demokratische Legitimation. Dem stehe die\nfehlende Erfolgswertgleichheit bei der Wahl des Europäischen Parlaments nicht ent-\n\n\n                                        42/123\n\ngegen; diese sei vielmehr Konsequenz der auf den Mitgliedstaaten aufbauenden besonderen Struktur der Europäischen Union, die besondere Formen der demokratischen Repräsentation beinhalte. Der Vertrag von Lissabon stärke die demokratische Legitimation nicht nur durch die Aufwertung des Europäischen Parlaments,\nsondern auch durch die erhöhte Öffentlichkeit der Ratssitzungen sowie die Einführung des Frühwarnsystems zur Kontrolle der Einhaltung des Subsidiaritätsprinzips.\nZudem werde die Stellung des Deutschen Bundestages durch den Vertrag von Lissabon verbessert.\n\n  Der Vertrag von Lissabon verleihe der Europäischen Union keine Kompetenz-             142\nKompetenz. Die Flexibilitätsklausel des Art. 352 AEUV könne nicht als unbegrenzte\nKompetenzerweiterungskompetenz verstanden werden; Art. 311 AEUV gehe nicht\nüber die bisherige Regelung zur Beschaffung von Eigenmitteln hinaus. Ebenso wenig\nwerde durch die Vorschriften über die vereinfachte Vertragsänderung oder die Regelungen, die den Übergang zu Mehrheitsentscheidungen im Rat beträfen, eine\nKompetenz-Kompetenz der Europäischen Union begründet. Die betreffenden Vertragsänderungen würden von den Vorschriften vielmehr vorweggenommen. Inhalt\nund Modalitäten der Beschlussverfahren seien hinreichend bestimmt festgelegt.\n\n  (2) Eine Verletzung des Grundsatzes der souveränen Staatlichkeit liegt nach Ansicht des Deutschen Bundestages ebenfalls nicht vor. Das Grundgesetz garantiere\ndie Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland in Form der offenen Staatlichkeit,\nwie sie unter anderem in der Präambel des Grundgesetzes sowie in den Art. 23 bis\nArt. 25 GG angelegt sei. Demzufolge sei die europäische Integration vom Grundgesetz nicht nur gestattet, sondern gewollt. Eine eigene Staatlichkeit der Europäischen\nUnion begründe der Vertrag von Lissabon nicht. Die Anerkennung der Rechtspersönlichkeit der Europäischen Union beinhalte dies ebenso wenig wie die Verbindung von\nGemeinschafts- und Unionsrecht. Im Übrigen werde die Trennung in supranationale\nund intergouvernementale Tätigkeitsgebiete nicht aufgegeben. Die Bezugnahme auf\ndie Unionsbürgerinnen und -bürger in Art. 14 Abs. 2 EUV-Lissabon hebe deren Stellung als Legitimationssubjekt der Europäischen Union hervor, ohne ein europäisches\nVolk zu konstituieren. Der in der Erklärung Nr. 17 angesprochene Anwendungsvorrang des Unionsrechts verleihe der Union keine Staatlichkeit, sondern verdeutliche\nallein den Charakter der Europäischen Union als Rechtsgemeinschaft. Die nicht zum\nnormativen Bestandteil des Vertrags gehörende Erklärung ändere die bisherige\nRechtslage nicht und führe nicht zu einer grundsätzlichen Überordnung des Unionsrechts über die nationale Verfassung. Das Austrittsrecht stehe der Annahme von\nStaatlichkeit der Europäischen Union entgegen; die Europäische Union habe keine\nBefugnis, Zwangs- oder Vollstreckungsmaßnahmen vorzunehmen.\n\n (3) Eine Verletzung des Gewaltenteilungsprinzips sei gleichfalls nicht gegeben. Weder begründe der Vertrag von Lissabon eine Exekutivgesetzgebung der Bundesregierung, noch eröffne er neue Möglichkeiten für das, was der Beschwerdeführer als\n„Spiel über die Bande“ bezeichne. Gerade solche Verhaltensweisen könnten aufgrund der neuen Bestimmungen über die Öffentlichkeit der Ratssitzungen und der\n\n\n                                       43/123\n\nverstärkten Kontrollrechte der Parlamente nach dem Subsidiaritätsprotokoll besser\nverhindert werden.\n\n  (4) Schließlich sei die Verfassungsbeschwerde zu III. auch im Hinblick auf die angegriffenen Begleitgesetze unbegründet. Dass der Deutsche Bundestag nach Art. 1\nNr. 1 des Änderungsgesetzes und Art. 1 § 3 Abs. 2 des Ausweitungsgesetzes auf\nAntrag eines Viertels seiner Mitglieder verpflichtet werden könne, Subsidiaritätsklage\nzu erheben, verletze das Demokratieprinzip nicht. Die Regelung sei Ausdruck des jeder funktionierenden Demokratie innewohnenden Minderheitenschutzes. Die in Art. 1\nNr. 1 des Änderungsgesetzes sowie Art. 1 § 4 Abs. 3 und Abs. 6 des Ausweitungsgesetzes betreffend die Ausübung des Ablehnungsrechts nach Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3\nEUV-Lissabon getroffene Regelung entspreche der innerstaatlichen Aufgabenverteilung zwischen Bundestag und Bundesrat sowie dem Bundesstaatsprinzip. Die in\nArt. 1 Nr. 2 des Änderungsgesetzes und Art. 1 § 5 des Ausweitungsgesetzes vorgesehene Möglichkeit der Übertragung von Entscheidungsbefugnissen auf den Europaausschuss vermöge schon deshalb eine Rechtsverletzung nicht zu begründen, weil\nallein durch diese Bestimmungen keine Übertragung von Befugnissen stattfinde, der\nBundestag hierzu vielmehr nur ermächtigt werde.\n\n b) Die Bundesregierung ist ebenfalls der Auffassung, dass die Verfassungsbeschwerden zu III., IV. und V. unzulässig (aa), in jedem Fall aber unbegründet seien\n(bb).\n\n  aa) Die Verfassungsbeschwerden seien bereits unzulässig, weil die Beschwerdeführer zu III., IV. und V. durch das Zustimmungsgesetz sowie die Begleitgesetzgebung nicht selbst, gegenwärtig und unmittelbar in Art. 38 GG betroffen seien. Vor ihrem Inkrafttreten stelle die Begleitgesetzgebung zudem einen untauglichen\nAngriffsgegenstand dar, da diese - anders als das Zustimmungsgesetz - erst nach\nAbschluss des parlamentarischen Gesetzgebungsverfahrens Gegenstand einer Verfassungsbeschwerde sein könne. Die Rügen der Beschwerdeführer zu III. und V. aus\nArt. 1 Abs. 1 GG und des Beschwerdeführers zu III. aus den übrigen Freiheits-,\nGleichheits- und Justizgrundrechten seien ohne Substanz. Die Menschenwürde sei\nnach der Grundrechtecharta unantastbar, und die Unionsgrundrechte im Anwendungsbereich der Grundrechtecharta würden parallel zu den Grundrechten des\nGrundgesetzes angewendet.\n\n bb) (1) Das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon sei insbesondere mit             148\ndem Demokratieprinzip vereinbar. Die Stellung des Rates im Rechtssetzungsverfahren und die damit verbundene eingeschränkte Repräsentation der tatsächlichen Bevölkerungszahlen seien nicht zu beanstanden. Sie seien der Besonderheit der Europäischen Union als Staatenverbund geschuldet. Das Europäische Parlament spiele\neine bedeutsame Rolle im Rahmen der europäischen Gesetzgebung, die durch die\nAusdehnung des Anwendungsbereichs des ordentlichen Gesetzgebungsverfahrens\nweiter gestärkt werde. Dass bei der Wahl des Europäischen Parlaments das Prinzip\nder Gleichheit aller Bürger nur unzureichend verwirklicht sei, folge aus der Notwen-\n\n\n\n                                        44/123\n\ndigkeit, dieses Prinzip im Lichte der Gleichheit aller Staaten anzupassen.\n\n Der Vertrag von Lissabon ermögliche keine Vertragsänderung ohne Zustimmung              149\nder Bundesrepublik Deutschland. Ein Beschluss des Europäischen Rates nach\nArt. 48 Abs. 6 UAbs. 2 EUV-Lissabon setze nach Art. 59 Abs. 2 GG ein Zustimmungsgesetz des Bundestages voraus. Auch im Rahmen des in Art. 48 Abs. 7 EUV-Lissabon ermöglichten Übergangs von der Einstimmigkeit zum Verfahren der qualifizierten Mehrheit stehe der Bundesrepublik Deutschland ein Vetorecht zu.\n\n  (2) Der Vertrag von Lissabon führe weder zur Bildung eines Unionsstaates noch          150\nschwäche er die Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland. Er vermeide jegliche\nterminologische Anlehnung an Staatlichkeit, und auch die Anerkennung von Rechtspersönlichkeit der Europäischen Union liefere hierfür kein Indiz. Das freie Austrittsrecht bestätige den Fortbestand staatlicher Souveränität. Die Mitgliedstaaten blieben\ndie „Herren der Verträge“ und hätten der Europäischen Union keine Kompetenz-Kompetenz eingeräumt. Der Grundsatz der begrenzten Einzelermächtigung beanspruche weiterhin Geltung. Der Gebrauch der Flexibilitätsklausel werde durch den\nVertrag von Lissabon materiellen Anforderungen und prozessualen Sicherungsmechanismen unterworfen.\n\n Der Europäischen Union würden kaum neue substantielle Befugnisse übertragen.            151\nMaßnahmen im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik hätten\nauch nach der Aufhebung der Zweiteilung von Europäischer Union und Europäischer\nGemeinschaft keine supranationale Qualität. Der Raum der Freiheit, der Sicherheit\nund des Rechts beeinträchtige die Gebietshoheit der Mitgliedstaaten nicht, sondern\ngewährleiste die in einem Raum ohne Binnengrenzen notwendige mitgliedstaatliche\nKooperation. Auch werde kein „Unionsvolk“ etabliert. Weder die Grundrechtecharta\nnoch der Vorrang des Gemeinschaftsrechts führten zur Errichtung eines europäischen Staates.\n\n  (3) Das durch den Vertrag von Lissabon hergestellte institutionelle Gefüge der Europäischen Union sei außerdem mit dem Grundsatz der Gewaltenteilung vereinbar. Mit\nder Ausgestaltung der Europäischen Union als Staatenverbund gehe eine stärkere\nEntscheidungsmacht der staatlichen Exekutive einher. Zudem habe das Bundesverfassungsgericht das bisherige institutionelle System der Europäischen Union als mit\ndem Grundgesetz vereinbar angesehen, und der Vertrag von Lissabon führe zu einer\nStärkung der nationalen Parlamente.\n\n  c) Der Bundesrat hält die angegriffenen Gesetze für verfassungskonform. Der Vertrag von Lissabon stärke die demokratische Legitimation der Europäischen Union\ninsbesondere durch die Aufwertung der Stellung des Europäischen Parlaments sowie der nationalen Parlamente. Der Vertrag führe zu keiner Entstaatlichung der Bundesrepublik Deutschland. Die Kompetenzabgrenzung werde verbessert; zusätzliche\nKompetenzen würden nur in begrenztem Umfang übertragen. Die Wahrung der\nstaatlichen Souveränität komme in der ausdrücklichen Anerkennung der Achtung der\nnationalen Identität nach Art. 4 Abs. 2 EUV-Lissabon sowie in dem Austrittsrecht\n\n\n                                        45/123\n\nnach Art. 50 EUV-Lissabon deutlich zum Ausdruck.\n\n d) Der Landtag von Baden-Württemberg hält die Verfassungsbeschwerden zu III.            154\nund IV. für unbegründet.\n\n 2. In den Organstreitverfahren haben der Deutsche Bundestag (a), die Bundesregierung (b), der Bundesrat und der Landtag von Baden-Württemberg (c) schriftlich\nStellung genommen.\n\n a) Nach Ansicht des Deutschen Bundestages sind die in den Organstreitverfahren          156\ngestellten Anträge unzulässig (aa), jedenfalls aber unbegründet (bb).\n\n  aa) (1) Soweit der Antragsteller im Organstreitverfahren zu I. die Feststellung begehre, das Zustimmungsgesetz und die Begleitgesetzgebung für nichtig zu erklären,\nhandele es sich um den typischen Antragsinhalt einer abstrakten Normenkontrolle\nnach Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG, für die der Antragsteller als einzelner Abgeordneter\nnicht antragsbefugt sei. Zu dem vom Antragsteller zu I. in seinem Schriftsatz vom\n21. Oktober 2008 geänderten Antrag äußert sich der Deutsche Bundestag nicht. Soweit der Antragsteller zu I. die defizitäre Willensbildung während der Debatte im\nDeutschen Bundestag rüge, sei sein Vortrag unsubstantiiert. Darüber hinaus sei der\nAntragsteller zu I. nicht parteifähig, soweit er als Organteil des Deutschen Bundestages dessen Rechte prozessstandschaftlich geltend machen wolle. Das Bundesverfassungsgericht habe die Prozessstandschaft des einzelnen Abgeordneten für den\nDeutschen Bundestag ausdrücklich abgelehnt. Schließlich mache der Antragsteller\nnicht die Rechte des Organs, dem er angehöre, gegenüber einem anderen Organ\ngeltend, sondern gehe gegen einen Beschluss gerade dieses Organs vor. Dies führe\nzu einem verfassungsprozessual unzulässigen Insichprozess.\n\n  (2) Auch der in dem Organstreitverfahren zu II. gestellte Antrag sei unzulässig. Die   158\nAntragstellerin sei nicht antragsbefugt, weil sie nicht plausibel begründet habe, dass\nsie in ihren Fraktionsrechten verletzt sei. Gegenüber dem Bundestag stehe ihr weder\nein Anspruch auf Einhaltung der Grenzen der Integration noch ein allgemeiner Anspruch auf die Beachtung des Grundgesetzes zu. Ebenso wenig gebe es ein Recht\nder Fraktion auf Erhaltung der Entscheidungszuständigkeit des Bundestages. Die\nAntragstellerin könne auch nicht in Prozessstandschaft Rechte des Bundestages gegen den Bundestag geltend machen. Zudem fehle ihr das Rechtsschutzbedürfnis, da\nihr Antrag in der Sache einer abstrakten Normenkontrolle entspreche, im Rahmen\nderer sie als Fraktion nicht parteifähig sei.\n\n bb) Der Deutsche Bundestag weist darauf hin, dass sich der Prüfungsumfang der           159\nOrganstreitverfahren zu I. und II. auf das konkrete verfassungsrechtliche Verhältnis\nbeschränke. Die objektive Verfassungsmäßigkeit der angegriffenen Gesetze könne\nnicht geprüft werden. Zur Unbegründetheit der Organstreitverfahren zu I. und II. verweist der Deutsche Bundestag auf seine Ausführungen zu den Verfassungsbeschwerden zu III. und V. (siehe oben A. III. 1. a) bb).\n\n b) Die Bundesregierung vertritt ebenfalls die Auffassung, dass die Anträge in den       160\n\n\n                                        46/123\n\nOrganstreitverfahren unzulässig (aa), jedenfalls aber unbegründet (bb) sind.\n\n  aa) (1) Der Antragsteller im Organstreitverfahren zu I. sei nicht antragsbefugt. Er     161\nwerde nicht in seiner von Art. 38 Abs. 1 GG organschaftlich verliehenen Rechtsposition betroffen, sondern versuche, über das Organstreitverfahren eine allgemeine Verfassungsmäßigkeitsprüfung der angegriffenen Gesetze durch das Bundesverfassungsgericht zu erreichen. Daher sei allenfalls eine abstrakte Normenkontrolle\nstatthaft, zu deren Einleitung der Antragsteller jedoch nicht berechtigt sei. Durch die\nangegriffene Begleitgesetzgebung würden die Rechte des Deutschen Bundestages\nnur gestärkt, sodass eine Verletzung des Antragstellers in seinen Rechten ausgeschlossen sei.\n\n  Soweit der Antragsteller geltend mache, er habe im Bundestag keine ausreichende         162\nGelegenheit gehabt, seine abweichende Meinung vorzutragen, sei nicht ersichtlich,\ninwiefern eine Maßnahme des Deutschen Bundestages angegriffen werde. Im Übrigen beschränkten die entsprechenden Vorschriften der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages das Statusrecht des Abgeordneten in verfassungsrechtlich zulässiger Weise. Zudem habe der Antragsteller die Möglichkeit gehabt, nach § 31\nAbs. 1 GOBT eine schriftliche Erklärung oder eine kurze mündliche Stellungnahme\nabzugeben.\n\n  (2) Auch der im Organstreitverfahren zu II. gestellte Antrag sei unzulässig. Es liege   163\nkein tauglicher Antragsgegner vor. Ein Vorgehen allein gegen ein Gesetz sei im Rahmen des Organstreits nicht zulässig. Darüber hinaus sei nicht ersichtlich, inwiefern\ndie Statusrechte der antragstellenden Fraktion verletzt sein sollten. Die Antragstellerin könne auch nicht in Prozessstandschaft Rechte des Bundestages gegen den\nBundestag geltend machen. Da die Antragstellerin das nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG\nerforderliche Quorum nicht erreiche, scheide auch eine Auslegung des Begehrens\nals Antrag auf abstrakte Normenkontrolle aus.\n\n bb) Zur Unbegründetheit der Anträge in den Organstreitverfahren zu I. und II. verweist die Bundesregierung auf ihre Ausführungen zur Unbegründetheit der Verfassungsbeschwerden zu III. und V. (siehe oben A. III. 1. b) bb). Soweit das Zustimmungsgesetz angegriffen werde, führt sie ergänzend aus, dass der Vertrag von\nLissabon nur wenige Neuerungen im Bereich der Gemeinsamen Sicherheits- und\nVerteidigungspolitik enthalte. Die Mitwirkungsrechte des Deutschen Bundestages\nblieben gewahrt, da kein Mitgliedstaat gegen seinen Willen zur Teilnahme an militärischen Maßnahmen verpflichtet werden könne.\n\n c) Der Bundesrat und der Landtag von Baden-Württemberg halten die in den Organstreitverfahren gestellten Anträge aus den gleichen Gründen, die sie im Hinblick auf\ndie Verfassungsbeschwerden vorgebracht haben (siehe oben A. III. 1. c) und d), für\nunbegründet.\n\n\n\n\n                                        47/123\n\n                                          IV.\n Das Bundesverfassungsgericht hat am 10. und 11. Februar 2009 eine mündliche               166\nVerhandlung durchgeführt, in der die Beteiligten ihre Rechtsstandpunkte erläutert\nund vertieft haben.\n\n                                          B.\n  Die gegen das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon erhobenen Verfassungsbeschwerden sind zulässig, soweit mit ihnen auf der Grundlage von Art. 38\nAbs. 1 Satz 1 GG eine Verletzung des Demokratieprinzips, ein Verlust der Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland und eine Verletzung des Sozialstaatsprinzips\ngerügt wird. Die gegen die Begleitgesetzgebung erhobenen Verfassungsbeschwerden zu III. und VI. sind zulässig, soweit sie sich auf Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG stützen\n(I.). Der Antrag im Organstreitverfahren zu II. ist zulässig, soweit die Antragstellerin\neine Verletzung der Entscheidungsbefugnisse des Deutschen Bundestages über den\nEinsatz der deutschen Streitkräfte geltend macht (II.). Im Übrigen sind die Verfassungsbeschwerden und die in den Organstreitverfahren gestellten Anträge unzulässig.\n\n                                           I.\n Die Verfassungsbeschwerden sind zulässig, soweit die Beschwerdeführer auf der             168\nGrundlage von Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG eine Verletzung des Demokratieprinzips,\nden Verlust der Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland und eine Verletzung\ndes Sozialstaatsprinzips durch das Zustimmungsgesetz und die Begleitgesetzgebung rügen.\n\n 1. Die Beschwerdeführer sind beschwerdefähig. Sie gehören zu dem Kreis von Personen, die eine Verfassungsbeschwerde als „jedermann“ im Sinne des § 90 Abs. 1\nBVerfGG erheben können. Dies gilt auch für die Beschwerdeführer zu III. und V., die\nMitglieder des Deutschen Bundestages sind, die Verfassungsbeschwerde jedoch als\nBürger der Bundesrepublik Deutschland erheben. Sie berufen sich nicht auf ihren\nverfassungsrechtlichen Status gegenüber einem im Organstreitverfahren parteifähigen Verfassungsorgan, sondern machen eine Verletzung ihrer Grundrechte durch\ndie öffentliche Gewalt geltend (vgl. BVerfGE 64, 301 <312>; 99, 19 <29>; 108, 251\n<267>).\n\n  2. Das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon und die hierzu ergangene               170\nBegleitgesetzgebung können als Maßnahmen der deutschen öffentlichen Gewalt\ntauglicher Beschwerdegegenstand im Verfahren der Verfassungsbeschwerde sein.\nDies gilt unabhängig davon, dass diese Gesetze noch nicht in Kraft getreten sind. Da\ndie völkerrechtliche Verbindlichkeit des Vertrags von Lissabon nur noch davon abhängt, dass der Bundespräsident die Ratifikationsurkunde ausfertigt und beim Depositar hinterlegt, kann das Zustimmungsgesetz ausnahmsweise schon vor seinem Inkrafttreten Gegenstand der Verfassungsbeschwerden sein (vgl. BVerfGE 108, 370\n<385>). Entsprechendes gilt für die Begleitgesetzgebung, deren Inkrafttreten an das\n\n\n                                         48/123\n\nInkrafttreten des Vertrags von Lissabon gekoppelt ist. Art. 2 des Änderungsgesetzes\nknüpft an das Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon, Art. 3 des Ausweitungsgesetzes an das Inkrafttreten des Änderungsgesetzes an.\n\n  3. Die Beschwerdebefugnis setzt die Behauptung der Beschwerdeführer voraus,          171\ndurch die angegriffenen Maßnahmen der öffentlichen Gewalt in einem nach Art. 93\nAbs. 1 Nr. 4a GG und § 90 Abs. 1 BVerfGG beschwerdefähigen Grundrecht oder\ngrundrechtsgleichen Recht selbst, unmittelbar und gegenwärtig verletzt zu sein. Die\nBeschwerdeführer müssen hinreichend substantiiert darlegen, dass eine solche Verletzung möglich erscheint (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG; vgl. BVerfGE 99, 84\n<87>; 112, 185 <204>). Die Beschwerdeführer erfüllen diese Voraussetzung in unterschiedlichem Umfang.\n\n a) Soweit die Beschwerdeführer eine Verletzung ihres grundrechtsgleichen Rechts       172\naus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG durch das Zustimmungsgesetz geltend machen, kommt\nes für die Beschwerdebefugnis auf den Inhalt der einzelnen Rügen an.\n\n aa) Die Beschwerdeführer zu III., IV. und VI. legen mit ihrer Rüge, das Demokratieprinzip sei unter dem Aspekt der Aushöhlung der Kompetenzen des Deutschen Bundestages verletzt, eine Verletzung ihres grundrechtsgleichen Rechts aus Art. 38\nAbs. 1 Satz 1 GG hinreichend substantiiert dar.\n\n  Art. 38 Abs. 1 und Abs. 2 GG gewährleistet das subjektive Recht, an der Wahl der     174\nAbgeordneten des Deutschen Bundestages teilzunehmen (vgl. BVerfGE 47, 253\n<269>; 89, 155 <171>). Dieser individualisierte Gewährleistungsinhalt verbürgt, dass\ndem Bürger das Wahlrecht zum Deutschen Bundestag zusteht und bei der Wahl die\nverfassungsrechtlichen Wahlrechtsgrundsätze eingehalten werden. Die Verbürgung\nerstreckt sich auch auf den grundlegenden demokratischen Gehalt dieses Rechts\n(vgl. BVerfGE 89, 155 <171>). Mit der Wahl wird die Staatsgewalt auf Bundesebene\nnicht nur nach Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG legitimiert, sondern zudem auch dirigierender Einfluss genommen, wie diese ausgeübt wird (vgl. BVerfGE 89, 155 <172>).\nDenn die Wahlberechtigten können zwischen konkurrierenden Kandidaten und Parteien auswählen, die sich mit unterschiedlichen politischen Vorschlägen und Konzepten zur Wahl stellen.\n\n Der Wahlakt verlöre seinen Sinn, wenn das gewählte Staatsorgan nicht über ein         175\nhinreichendes Maß an Aufgaben und Befugnissen verfügte, in denen die legitimierte\nHandlungsmacht wirken kann. Das Parlament trägt mit anderen Worten nicht nur eine abstrakte „Gewährleistungsverantwortung“ für das hoheitliche Handeln anderer\nHerrschaftsverbände, sondern die konkrete Verantwortung für das Handeln des\nStaatsverbandes. Das Grundgesetz hat diesen legitimatorischen Zusammenhang\nzwischen dem Wahlberechtigten und der Staatsgewalt durch Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in\nVerbindung mit Art. 79 Abs. 3 und Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG für unantastbar erklärt. Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG schließt es im Anwendungsbereich des Art. 23 GG\naus, die durch die Wahl bewirkte Legitimation von Staatsgewalt und Einflussnahme\nauf deren Ausübung durch die Verlagerung von Aufgaben und Befugnissen des Bun-\n\n\n                                       49/123\n\ndestages auf die europäische Ebene so zu entleeren, dass das Demokratieprinzip\nverletzt wird (vgl. BVerfGE 89, 155 <172>).\n\n bb) Soweit die Beschwerdeführer zu III., IV., V. und VI. geltend machen, dass die       176\nEuropäische Union nicht hinreichend demokratisch legitimiert sei, sind sie über\nArt. 38 Abs. 1 Satz 1 GG beschwerdebefugt.\n\n  Die Wahlberechtigten können verfassungsrechtlich relevante Defizite der demokratischen Legitimation der Europäischen Union aus demselben Recht rügen wie Defizite der durch die europäische Integration im Kompetenzumfang betroffenen innerstaatlichen Demokratie. Die ursprünglich allein innerstaatlich bedeutsame\nWechselbezüglichkeit zwischen Art. 38 Abs. 1 Satz 1 und Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2\nGG erfährt durch die fortschreitende europäische Integration schrittweise eine Erweiterung. Infolge der Übertragung von Hoheitsrechten nach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG\nwerden Entscheidungen, die den Bürger unmittelbar betreffen, auf die europäische\nEbene verlagert. Vor dem Hintergrund des über Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG als subjektives öffentliches Recht rügefähig gemachten Demokratieprinzips kann es aber,\nwenn Hoheitsrechte auf die Europäische Union übertragen werden, nicht ohne Bedeutung sein, ob die auf europäischer Ebene ausgeübte Hoheitsgewalt auch demokratisch legitimiert ist. Da die Bundesrepublik Deutschland nach Art. 23 Abs. 1 Satz 1\nGG nur an einer Europäischen Union mitwirken darf, die demokratischen Grundsätzen verpflichtet ist, muss gerade auch ein legitimatorischer Zusammenhang zwischen den Wahlberechtigten und der europäischen Hoheitsgewalt bestehen, auf den\nder Bürger nach der ursprünglichen und fortwirkenden verfassungsrechtlichen Konzeption in Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG\neinen Anspruch hat.\n\n  cc) Soweit die Beschwerdeführer zu III. und IV. den Verlust der Staatlichkeit der      178\nBundesrepublik Deutschland durch das Zustimmungsgesetz behaupten, ergibt sich\nihre Beschwerdebefugnis ebenfalls aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG.\n\n  Die Wahlberechtigten besitzen nach dem Grundgesetz das Recht, über den Identitätswechsel der Bundesrepublik Deutschland, wie er durch Umbildung zu einem\nGliedstaat eines europäischen Bundesstaates bewirkt werden würde, und die damit\neinhergehende Ablösung des Grundgesetzes „in freier Entscheidung“ zu befinden.\nArt. 146 GG schafft - wie Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG - ein Teilhaberecht des wahlberechtigten Bürgers: Art. 146 GG bestätigt das vorverfassungsrechtliche Recht, sich\neine Verfassung zu geben, aus der die verfasste Gewalt hervorgeht und an die sie\ngebunden ist. Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG gewährleistet das Recht, an der Legitimation\nder verfassten Gewalt mitzuwirken und auf ihre Ausübung Einfluss zu nehmen.\nArt. 146 GG formuliert neben den materiellen Anforderungen des Art. 23 Abs. 1\nSatz 1 GG die äußerste Grenze der Mitwirkung der Bundesrepublik Deutschland an\nder europäischen Integration. Es ist allein die verfassungsgebende Gewalt, die berechtigt ist, den durch das Grundgesetz verfassten Staat freizugeben, nicht aber die\nverfasste Gewalt.\n\n\n\n                                        50/123\n\n  Der verfassungsprozessualen Rügefähigkeit der „Entstaatlichung“ steht nicht entgegen, dass Art. 146 GG kein selbständig rügefähiges, mithin verfassungsbeschwerdefähiges Individualrecht im Sinne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG begründet (vgl.\nBVerfGE 89, 155 <180>). Denn dies schließt nicht aus, dass Art. 146 GG in Verbindung mit den in Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG genannten Grundrechten und grundrechtsgleichen Rechten - hier Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG - als verletzt gerügt werden kann.\nDas Vorbringen der Beschwerdeführer zu III. und IV. ist auch nicht unmittelbar darauf\ngerichtet, etwa einen Volksentscheid durchzuführen. Der Vortrag der Beschwerdeführer zu III. und IV. wendet sich vielmehr gegen den behaupteten Verlust der Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland durch das Zustimmungsgesetz und damit\nauch gegen die stillschweigende Ablösung des Grundgesetzes.\n\n dd) Soweit die Beschwerdeführer zu IV., V. und VI. auf der Grundlage von Art. 38         181\nAbs. 1 Satz 1 GG die Verletzung anderer Staatsstrukturprinzipien rügen, sind die\nVerfassungsbeschwerden lediglich im Hinblick auf die behauptete Verletzung des\nSozialstaatsprinzips zulässig.\n\n Die Beschwerdeführer zu V. stellen den notwendigen Zusammenhang zu dem über              182\nArt. 38 Abs. 1 Satz 1 GG unmittelbar rügefähigen Demokratieprinzip her, indem sie\nhinreichend bestimmt vortragen, dass die demokratischen Gestaltungsmöglichkeiten\ndes Deutschen Bundestages auf dem Gebiet der Sozialpolitik durch die Zuständigkeiten der Europäischen Union nach dem Vertrag von Lissabon derart beschränkt\nwürden, dass der Deutsche Bundestag die sich aus Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG ergebenden Mindestanforderungen des Sozialstaatsprinzips nicht mehr erfüllen könnte.\n\n  Soweit die Beschwerdeführer zu IV. und VI. die Verletzung des Rechtsstaatsprinzips und des Gewaltenteilungsprinzips geltend machen, zeigen sie einen vergleichbaren Zusammenhang nicht auf. Die Verfassungsbeschwerden sind insoweit unzulässig.\n\n b) Die Verfassungsbeschwerden der Beschwerdeführer zu III. und V. gegen das Zustimmungsgesetz sind, soweit sie nicht auf Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG gestützt werden,\nunzulässig.\n\n aa) Soweit sich der Beschwerdeführer zu III. auf das grundrechtsgleiche Recht aus        185\nArt. 20 Abs. 4 GG stützt, ist er nicht beschwerdebefugt. Er legt nicht hinreichend substantiiert dar, dass das von ihm postulierte, aus Art. 20 Abs. 4 GG abzuleitende, vorgelagerte und rügefähige Recht auf Unterlassung aller Handlungen, welche eine Widerstandslage auslösen würden, oder der seiner Ansicht nach durch Art. 20 Abs. 4\nGG gewährte außerordentliche Rechtsbehelf auf „andere Abhilfe“ hier erheblich werden könnte.\n\n Das Widerstandsrecht nach Art. 20 Abs. 4 GG ist ein subsidiäres Ausnahmerecht,           186\ndas als ultima ratio von vornherein nur dann in Betracht kommt, wenn alle von der\nRechtsordnung zur Verfügung gestellten Rechtsbehelfe so wenig Aussicht auf wirk-\n\n\n\n                                        51/123\n\nsame Abhilfe bieten, dass die Ausübung des Widerstandes das letzte Mittel zur Erhaltung oder Wiederherstellung des Rechts ist (vgl. zum Widerstandsrecht bereits\nBVerfGE 5, 85 <377>). Eine Verletzung von Art. 20 Abs. 4 GG kann danach nicht in\neinem Verfahren gerügt werden, in dem gegen die behauptete Beseitigung der verfassungsmäßigen Ordnung gerade gerichtliche Abhilfe gesucht wird. Daran ändert\ndie Erwähnung des Art. 20 Abs. 4 GG in Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG nichts. Der subsidiäre Charakter dieses Rechts bleibt von der Ausformung als - auch prozessual -\ngrundrechtsgleiches Recht unberührt.\n\n bb) Den Beschwerdeführern zu III. und V. fehlt außerdem die Beschwerdebefugnis         187\nim Hinblick auf die Verletzung weiterer Grundrechte und grundrechtsgleicher Rechte\ndurch das Zustimmungsgesetz.\n\n (1) Mit ihrer Behauptung, die Menschenwürde werde durch die nach Art. 6 Abs. 1         188\nSatz 1 EUV-Lissabon rechtsverbindliche Grundrechtecharta zu einem abwägbaren\nRechtsgut, legen die Beschwerdeführer zu III. und V. nicht hinreichend substantiiert\ndar, dass eine Verletzung ihres Grundrechts aus Art. 1 Abs. 1 GG möglich ist.\n\n Die allgemeine Schrankenregelung des Art. 52 Abs. 1 GRCh kann allenfalls die in        189\nArt. 1 GRCh garantierte Menschenwürde einschränken, nicht aber Art. 1 Abs. 1 GG.\nDenn zwischen der europäischen und der nationalen Grundrechtsebene ist zu unterscheiden. Bereits an einem hinreichend zwischen den Grundrechtsebenen differenzierenden Vortrag der Beschwerdeführer fehlt es. Hinzu kommt, dass Art. 52 Abs. 1\nGRCh für die nationale Grundrechtsebene von vornherein nur insoweit relevant sein\nkönnte, als dadurch ein dem Grundgesetz im Wesentlichen vergleichbarer Grundrechtsschutz auf europäischer Ebene im Sinne von Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG nicht\nmehr gewährleistet wäre. Derartige Defizite lassen sich dem Vorbringen der Beschwerdeführer nicht entnehmen. Die von ihnen behauptete generelle Relativierung\nder Menschenwürde folgt weder ohne weiteres aus der Grundrechtecharta noch aus\nder von ihnen herangezogenen Judikatur des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften. Es bleibt künftigen Verfahren vorbehalten zu klären, ob und inwieweit\nein Absinken des Grundrechtsschutzes auf europäischer Ebene durch primärrechtliche Veränderungen überhaupt zulässigerweise auf der Grundlage von Art. 1 Abs. 1\nGG gerügt werden kann und welche Darlegungsanforderungen an eine solche Rüge\nzu stellen sind (zur Verletzung von Grundrechten des Grundgesetzes durch sekundäres Unionsrecht vgl. BVerfGE 102, 147 <164>).\n\n  (2) Soweit der Beschwerdeführer zu III. darüber hinaus geltend macht, dass die        190\ndeutschen Staatsorgane im Anwendungsbereich der nach Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon rechtsverbindlichen Grundrechtecharta weitgehend von der Verpflichtung\nzur Beachtung der Grundrechte des Grundgesetzes entbunden werden, trägt er\nebenfalls nicht hinreichend substantiiert vor, dass eine Verletzung seiner Grundrechte und grundrechtsgleichen Rechte möglich ist.\n\n Unabhängig von der Reichweite des Anwendungsbereichs der Grundrechtecharta             191\nnach Art. 51 GRCh gehören die Grundrechte des Grundgesetzes zu den Verfas-\n\n\n                                       52/123\n\nsungskerngehalten, die die Übertragung von Hoheitsrechten nach Art. 23 Abs. 1\nSatz 2 GG auf die Europäische Union begrenzen (vgl. BVerfGE 37, 271 <279 f.>; 73,\n339 <376>). Das Bundesverfassungsgericht übt seine Gerichtsbarkeit über die Anwendbarkeit von sekundärem Unionsrecht und sonstigem Handeln der Europäischen\nUnion, das die Rechtsgrundlage für ein Handeln deutscher Gerichte und Behörden\nim Hoheitsbereich der Bundesrepublik Deutschland ist, lediglich solange nicht mehr\naus, wie die Europäische Union eine Grundrechtsgeltung gewährleistet, die nach Inhalt und Wirksamkeit dem Grundrechtsschutz, wie er nach dem Grundgesetz unabdingbar ist, im Wesentlichen gleichkommt (vgl. BVerfGE 73, 339 <376, 387>; 102,\n147 <164>).\n\n c) Die Rügen der Beschwerdeführer zu III. und VI., dass das Demokratieprinzip              192\nauch durch die Begleitgesetzgebung verletzt werde, sind zulässig, soweit sie sich auf\nArt. 38 Abs. 1 Satz 1 GG stützen.\n\n Die Beschwerdeführer zu III. und VI. legen hinreichend substantiiert dar, dass eine        193\nVerletzung von Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG durch die Begleitgesetzgebung möglich ist.\nDie Beschwerdebefugnis aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG kann sich auch auf Gesetze\nerstrecken, die in unmittelbarem Zusammenhang mit einem Zustimmungsgesetz\nnach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG stehen. Die Beschwerdeführer zu VI. tragen insoweit\nnachvollziehbar vor, dass das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon und\ndie Begleitgesetzgebung eine verfassungsprozessuale Einheit bildeten. Die sinngemäße Rüge, die Begleitgesetzgebung schaffe innerstaatlich keine ausreichenden\nVoraussetzungen für die Wahrnehmung der Beteiligungsrechte, die dem Deutschen\nBundestag und dem Bundesrat durch den Vertrag von Lissabon eingeräumt würden,\nbetrifft den demokratischen Gehalt des Art. 38 Abs. 1 GG. Im Hinblick auf das Änderungsgesetz nehmen die Beschwerdeführer zu III. und VI. darüber hinaus ausreichend auf den besonderen Prüfungsmaßstab für verfassungsändernde Gesetze aus\nArt. 79 Abs. 3 in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG Bezug.\n\n                                           II.\n  Der im Organstreitverfahren zu I. gestellte Antrag ist unzulässig (1.). Der im Organstreitverfahren zu II. gestellte Antrag ist in dem Umfang zulässig, wie die Antragstellerin eine Verletzung der Entscheidungsbefugnisse des Deutschen Bundestages über\nden Einsatz der deutschen Streitkräfte geltend macht (2.).\n\n  1. Der Antrag im Organstreitverfahren zu I., für dessen Beurteilung auf die Fassung       195\nnach dem Schriftsatz des Antragstellers zu I. vom 21. Oktober 2008 abzustellen ist,\nist unzulässig.\n\n  a) Der Antrag ist unzulässig, soweit er sich gegen die Bundesregierung richtet. Die       196\nbeanstandeten Maßnahmen - die Beschlüsse des Deutschen Bundestages über die\nAnnahme des Zustimmungsgesetzes und der Begleitgesetzgebung - können nur\ndem Deutschen Bundestag, nicht aber der Bundesregierung zugerechnet werden\n(vgl. BVerfGE 84, 304 <320 f.>; 86, 65 <70>; 99, 332 <336>). Die Bundesregierung\n\n\n                                         53/123\n\nhat lediglich die Vorlagen des Zustimmungsgesetzes und der Begleitgesetzgebung\nbeim Deutschen Bundestag eingebracht (Art. 76 Abs. 1 GG).\n\n b) Der Antrag ist auch im Übrigen unzulässig.                                           197\n\n  aa) Mit der Behauptung, sein Recht auf Mitwirkung an der Arbeit im Bundestag sei       198\nverkürzt worden, legt der Antragsteller zu I. nicht hinreichend dar, dass dieses Recht\n(vgl. BVerfGE 80, 188 <218>; 90, 286 <343>) durch die angegriffene Gesetzgebung\nverletzt oder gefährdet sein könnte (§ 64 Abs. 1, § 23 Abs. 1 Satz 2 BVerfGG). Der\nErlass des Zustimmungsgesetzes und die Beschlüsse über die Begleitgesetze mögen auf einer, wie der Antragsteller zu I. meint, unzureichenden Erörterung im Bundestag beruhen; die Gesetzgebungsakte selbst verletzen jedoch nicht Mitwirkungsrechte des Antragstellers zu I.\n\n  bb) Soweit der Antragsteller zu I. vorträgt, sein Recht als Abgeordneter des Deutschen Bundestages, das Volk bei der Ausübung der Staatsgewalt zu repräsentieren\nund demokratische Legitimation hervorzubringen, sei verletzt worden, kann sowohl\ndie Existenz eines solchen, von dem Antragsteller aus Art. 38 Abs. 1 GG abgeleiteten Rechts als auch seine mögliche Verletzung durch die angegriffene Gesetzgebung\ndahinstehen. Der Antragsteller zu I. kann als Bürger der Bundesrepublik Deutschland\nVerfassungsbeschwerde erheben und hat dies auch getan. Die Verfassungsbeschwerde erlaubt es, alle aus Art. 38 Abs. 1 GG abzuleitenden Rechte geltend zu\nmachen, auf deren Verletzung der Antrag im Organstreitverfahren gestützt wird. Für\ndiesen besteht neben der Verfassungsbeschwerde kein eigenständiges statusspezifisches Rechtsschutzinteresse.\n\n  cc) Der Antragsteller zu I. ist auch nicht berechtigt, Rechte des Deutschen Bundestages im eigenen Namen - als Prozessstandschafter oder „Organwalter“ des Bundestages - geltend zu machen. Die Prozessstandschaft ist eine Ausnahme von dem allgemeinen verfahrensrechtlichen Grundsatz, dass Verfahrensbeteiligte nur eigene\nRechte geltend machen können. Der Prozessstandschafter bedarf daher einer ausdrücklichen gesetzlichen Zulassung (vgl. BVerfGE 60, 319 <325>; 90, 286 <343>).\nEine solche liegt nicht vor, da sich § 63, § 64 Abs. 1 BVerfGG nur auf die Prozessstandschaft eines Organteils für das Gesamtorgan beziehen und der Abgeordnete\nkein solcher Organteil ist (vgl. BVerfGE 2, 143 <160>; 67, 100 <126>; 90, 286\n<343 f.>; 117, 359 <367 f.>). Als Organteile sind nur die nach der Geschäftsordnung\nständig vorhandenen Gliederungen des Bundestages berufen, Rechte des Bundestages geltend zu machen. Der einzelne Abgeordnete ist keine solche „Gliederung“\ndes Bundestages.\n\n 2. Der im Organstreitverfahren zu II. gestellte Antrag ist teilweise zulässig.          201\n\n a) Die Antragstellerin zu II. ist als Fraktion des Deutschen Bundestages im Organstreitverfahren parteifähig (§ 13 Nr. 5, § 63 ff. BVerfGG). Sie kann als eine nach der\nGeschäftsordnung des Bundestages ständig vorhandene Gliederung im eigenen Namen Rechte geltend machen, die dem Bundestag zustehen (vgl. BVerfGE 1, 351\n\n\n\n                                         54/123\n\n<359>; 2, 143 <165>; 104, 151 <193>; 118, 244 <255>). Der Deutsche Bundestag,\ngegen den sich der Antrag nach Auslegung des Antragsvorbringens richtet, ist möglicher Antragsgegner (§ 63 BVerfGG).\n\n b) Die Antragstellerin zu II. ist teilweise antragsbefugt.                                203\n\n  aa) Mit ihrer Rüge der Verletzung des wehrverfassungsrechtlichen Parlamentsvorbehalts (vgl. BVerfGE 90, 286 <383>) durch das Zustimmungsgesetz zum Vertrag\nvon Lissabon legt die Antragstellerin zu II. hinreichend dar, dass der Deutsche Bundestag durch das Zustimmungsgesetz in Rechten verletzt oder unmittelbar gefährdet\nsein könnte (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 64 Abs. 1 BVerfGG). Die Antragstellerin zu II. trägt\nvor, dass der Bundestag durch die Bestimmungen des Vertrags von Lissabon seine\nEntscheidungsbefugnisse über den Einsatz der deutschen Streitkräfte für den Bereich europäischer Kriseninterventionen verliere, weil der Rat nach Art. 42 Abs. 4\nEUV-Lissabon über die „Einleitung einer Mission“ entscheide. Da dieser Beschluss\nnicht im Einklang mit den verfassungsrechtlichen Vorschriften der Mitgliedstaaten gefasst werden müsse, stelle sich die Frage, ob der deutsche Regierungsvertreter im\nRat verpflichtet sei, vor der Abstimmung im Rat die Zustimmung des Deutschen Bundestages einzuholen.\n\n  Die Antragsbefugnis kann nicht mit dem Argument verneint werden, es handele sich         205\num einen verbotenen Insichprozess. Die in § 64 Abs. 1 BVerfGG vorgesehene Prozessstandschaft stellt den Organstreit in die Wirklichkeit des politischen Kräftespiels,\nin der sich Gewaltenteilung nicht so sehr in der klassischen Gegenüberstellung der\ngeschlossenen Gewaltträger, sondern in erster Linie in der Einrichtung von Oppositions- und Minderheitenrechten verwirklicht. Sinn und Zweck der Prozessstandschaft\nliegen deshalb darin, der Parlamentsopposition und -minderheit die Befugnis zur Geltendmachung der Rechte des Bundestages nicht nur dann zu erhalten, wenn dieser\nseine Rechte, insbesondere im Verhältnis zu der von ihm getragenen Bundesregierung, nicht wahrnehmen will (vgl. BVerfGE 1, 351 <359>; 45, 1 <29 f.>; 121, 135\n<151>), sondern auch dann, wenn die Parlamentsminderheit Rechte des Bundestages gegen die die Bundesregierung politisch stützende Parlamentsmehrheit geltend\nmachen will (vgl. Lorenz, in: Festgabe aus Anlass des 25jährigen Bestehens des\nBundesverfassungsgerichts, Bd. 1, 1976, S. 225 <253 f.>). Die Zuerkennung der\nProzessstandschaftsbefugnis ist sowohl Ausdruck der Kontrollfunktion des Parlaments als auch Instrument des Minderheitenschutzes (vgl. BVerfGE 45, 1 <29 f.>; 60,\n319 <325 f.>; 68, 1 <77 f.>; 121, 135 <151>; Schlaich/Korioth, Das Bundesverfassungsgericht, 7. Aufl. 2007, Rn. 94).\n\n  bb) Der Antragstellerin zu II. fehlt die Antragsbefugnis, soweit sie geltend macht,      206\ndass das Zustimmungsgesetz demokratische Entscheidungsbefugnisse über das in\nArt. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG zulässige Maß hinaus\nübertrage. Die Antragstellerin zu II. legt nicht hinreichend dar, dass der Deutsche\nBundestag durch das Zustimmungsgesetz in Rechten verletzt oder unmittelbar gefährdet sein könnte (§ 23 Abs. 1 Satz 2, § 64 Abs. 1 BVerfGG). Das in Art. 20 Abs. 1\n\n\n\n                                          55/123\n\nund Abs. 2 GG gewährleistete Demokratieprinzip ist, auch soweit es durch Art. 79\nAbs. 3 GG für unantastbar erklärt wird, kein Recht des Bundestages. Für eine allgemeine, von Rechten des Bundestages losgelöste, abstrakte Kontrolle der Verfassungsmäßigkeit einer angegriffenen Maßnahme ist im Organstreit kein Raum (vgl.\nBVerfGE 68, 1 <73>; 73, 1 <30>; 80, 188 <212>; 104, 151 <193 f.>).\n\n                                         C.\n\n                                          I.\n  Die Verfassungsbeschwerden zu III. und VI. sind, soweit zulässig, teilweise begründet. Das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und\ndes Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union enthält gebotene Regelungen nicht und ist insoweit verfassungswidrig. Im Übrigen sind die Verfassungsbeschwerden und der im Organstreitverfahren gestellte Antrag der Antragstellerin zu\nII., soweit zulässig, unbegründet. Gegen das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von\nLissabon und das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93)\nbestehen nach Maßgabe der Gründe keine durchgreifenden verfassungsrechtlichen\nBedenken.\n\n  1. Der Prüfungsmaßstab für das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon bestimmt sich durch das Wahlrecht als grundrechtsgleiches Recht (Art. 38 Abs. 1\nSatz 1 in Verbindung mit Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG). Das Wahlrecht begründet einen\nAnspruch auf demokratische Selbstbestimmung, auf freie und gleiche Teilhabe an\nder in Deutschland ausgeübten Staatsgewalt sowie auf die Einhaltung des Demokratiegebots einschließlich der Achtung der verfassungsgebenden Gewalt des Volkes.\nDie Prüfung einer Verletzung des Wahlrechts umfasst in der hier gegebenen prozessualen Konstellation auch Eingriffe in die Grundsätze, die Art. 79 Abs. 3 GG als Identität der Verfassung (vgl. BVerfGE 37, 271 <279>; 73, 339 <375>) festschreibt.\n\n a) Art. 38 Abs. 1 GG gewährleistet jedem wahlberechtigten Deutschen das Recht,          209\ndie Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu wählen. Mit der allgemeinen, freien und gleichen Wahl der Abgeordneten des Deutschen Bundestages betätigt das\nBundesvolk seinen politischen Willen unmittelbar. Es regiert sich regelmäßig mittels\neiner Mehrheit (Art. 42 Abs. 2 GG) in der so zustande gekommenen repräsentativen\nVersammlung. Aus ihr heraus wird der Kanzler - und damit die Bundesregierung - bestimmt; dort hat er sich zu verantworten. Die Wahl der Abgeordneten ist auf der Bundesebene des vom Grundgesetz verfassten Staates die Quelle der Staatsgewalt -\ndiese geht mit der periodisch wiederholten Wahl immer wieder neu vom Volke aus\n(Art. 20 Abs. 2 GG).\n\n Das Wahlrecht ist der wichtigste vom Grundgesetz gewährleistete subjektive Anspruch der Bürger auf demokratische Teilhabe (Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG). In der\nvom Grundgesetz gestalteten Staatsordnung kommt der Wahl der Abgeordneten des\nDeutschen Bundestages eine maßgebliche Bedeutung zu. Ohne freie und gleiche\nWahl desjenigen Organs, das einen bestimmenden Einfluss auf die Regierung und\n\n\n                                        56/123\n\nGesetzgebung des Bundes hat, bleibt das konstitutive Prinzip personaler Freiheit\nunvollständig. Der Bürger kann deshalb unter Berufung auf das Wahlrecht die Verletzung demokratischer Grundsätze mit der Verfassungsbeschwerde rügen (Art. 38\nAbs. 1 Satz 1, Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG). Das jedem Bürger zustehende Recht\nauf gleiche Teilhabe an der demokratischen Selbstbestimmung (demokratisches\nTeilhaberecht) kann auch dadurch verletzt werden, dass die Organisation der Staatsgewalt so verändert wird, dass der Wille des Volkes sich nicht mehr wirksam im\nSinne des Art. 20 Abs. 2 GG bilden kann und die Bürger nicht mit Mehrheitswillen\nherrschen können. Das Prinzip der repräsentativen Volksherrschaft kann verletzt\nsein, wenn im grundgesetzlichen Organgefüge die Rechte des Bundestages wesentlich geschmälert werden und damit ein Substanzverlust demokratischer Gestaltungsmacht für dasjenige Verfassungsorgan eintritt, das unmittelbar nach den Grundsätzen freier und gleicher Wahl zustande gekommen ist (vgl. BVerfGE 89, 155 <171 f.>).\n\n b) Das Recht der Bürger, in Freiheit und Gleichheit durch Wahlen und Abstimmungen die öffentliche Gewalt personell und sachlich zu bestimmen, ist der elementare\nBestandteil des Demokratieprinzips. Der Anspruch auf freie und gleiche Teilhabe an\nder öffentlichen Gewalt ist in der Würde des Menschen (Art. 1 Abs. 1 GG) verankert.\nEr gehört zu den durch Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 GG in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3\nGG als unveränderbar festgelegten Grundsätzen des deutschen Verfassungsrechts.\n\n  aa) Soweit im öffentlichen Raum verbindliche Entscheidungen für die Bürger getroffen werden, insbesondere über Eingriffe in Grundrechte, müssen diese Entscheidungen auf einen frei gebildeten Mehrheitswillen des Volkes zurückreichen. Die vom\nGrundgesetz verfasste Ordnung geht vom Eigenwert und der Würde des zu Freiheit\nbefähigten Menschen aus. Diese Ordnung ist rechtsstaatliche Herrschaft auf der\nGrundlage der Selbstbestimmung des Volkes nach dem Willen der jeweiligen Mehrheit in Freiheit und Gleichheit (vgl. BVerfGE 2, 1 <12>). Die Bürger sind danach keiner politischen Gewalt unterworfen, der sie nicht ausweichen können und die sie\nnicht prinzipiell personell und sachlich zu gleichem Anteil in Freiheit zu bestimmen\nvermögen.\n\n  bb) Für die vom Grundgesetz verfasste Staatsordnung ist eine durch Wahlen und         213\nAbstimmungen betätigte Selbstbestimmung des Volkes nach dem Mehrheitsprinzip\nkonstitutiv. Sie wirkt in einem Raum öffentlicher freier Meinungsbildung und im organisierten Wettbewerb politischer Kräfte im Verhältnis zwischen verantwortlicher Regierung und parlamentarischer Opposition. Die Ausübung öffentlicher Gewalt unterliegt dem Mehrheitsprinzip mit regulärer Bildung von verantwortlicher Regierung und\neiner unbehinderten Opposition, die die Chance auf Regierungsübernahme hat. Insbesondere in der Wahl der Repräsentativversammlung des Volkes oder bei der Wahl\nvon Spitzenämtern der Regierung müssen ein personell oder sachlich generalisierter\nMehrheitswille artikuliert und aus der Wahl heraus politische Richtungsentscheidungen herbeigeführt werden können.\n\n Diese zentrale Demokratieanforderung kann auf der Grundlage verschiedener Mo-          214\n\n\n\n                                       57/123\n\ndelle erfüllt werden. Nach Maßgabe des deutschen Wahlrechts wird die verfassungsrechtlich geforderte repräsentative Parlamentsherrschaft dadurch erreicht, dass der\nWählerwille in der Sitzverteilung möglichst proportional abgebildet wird. Eine Mehrheitsentscheidung im Parlament repräsentiert zugleich die Mehrheitsentscheidung\ndes Volkes. Jeder Abgeordnete ist Vertreter des ganzen Volkes und deshalb Mitglied\nin einer Vertretung der Gleichen (Art. 38 Abs. 1 GG), die unter gleichheitsgerechten\nBedingungen zu ihrem Mandat gelangt sind. Das Grundgesetz verlangt, dass jeder\nBürger frei und im Rechtssinne (vor dem Gesetz) gleich ist. Für das Demokratiegebot\nbedeutet dies, dass jedem Staatsangehörigen, der aufgrund seines Alters und ohne\nden Verlust seines aktiven Wahlrechts wahlberechtigt ist, ein gleicher Anteil an der\nAusübung der Staatsgewalt zusteht (vgl. BVerfGE 112, 118 <133 f.>). Die Gleichheit der Wahlbürger muss sodann auf weiteren Stufen der Entfaltung demokratischer\nWillensbildung, insbesondere im Status des Abgeordneten, fortwirken. Zum Status\nder Abgeordneten gehört deshalb das in Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG gewährleistete\nRecht auf gleiche Teilhabe am Prozess der parlamentarischen Willensbildung (vgl.\nBVerfGE 43, 142 <149>; 70, 324 <354>; 80, 188 <218>; 96, 264 <278>; 112, 118\n<133>).\n\n In Präsidialsystemen oder unter Geltung des Mehrheitswahlsystems kann die konkrete Ausgestaltung der zentralen Demokratieanforderung auch anders ausfallen. Eines ist aber allen Systemen repräsentativer Demokratie gemeinsam: Ein gleichheitsgerechter und frei zustande gekommener Mehrheitswille bildet sich - entweder im\nWahlkreis oder in der proportional zustande gekommenen Versammlung - durch den\nWahlakt. Die Richtungsentscheidung der Mehrheit der Wähler soll sich im Parlament\nund in der Regierung wiederfinden; der unterlegene Teil bleibt als politische Alternative sichtbar und im Raum freier Meinungsbildung wie auch in förmlichen Entscheidungsverfahren als Opposition wirksam, die bei späteren Wahlen die Chance hat zur\nMehrheit zu werden.\n\n c) Das demokratische Prinzip ist nicht abwägungsfähig; es ist unantastbar (vgl.           216\nBVerfGE 89, 155 <182>). Die verfassungsgebende Gewalt der Deutschen, die sich\ndas Grundgesetz gab, wollte jeder künftigen politischen Entwicklung eine unübersteigbare Grenze setzen. Eine Änderung des Grundgesetzes, durch welche die in\nArt. 1 und Art. 20 GG niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig\n(Art. 79 Abs. 3 GG). Mit der sogenannten Ewigkeitsgarantie wird die Verfügung über\ndie Identität der freiheitlichen Verfassungsordnung selbst dem verfassungsändernden Gesetzgeber aus der Hand genommen. Das Grundgesetz setzt damit die souveräne Staatlichkeit Deutschlands nicht nur voraus, sondern garantiert sie auch.\n\n  Ob diese Bindung schon wegen der Universalität von Würde, Freiheit und Gleichheit sogar für die verfassungsgebende Gewalt gilt, also für den Fall, dass das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung, aber in einer Legalitätskontinuität zur Herrschaftsordnung des Grundgesetzes sich eine neue Verfassung gibt (vgl. Isensee, in:\nIsensee/Kirchhof, HStR VII, 1992, § 166 Rn. 61 ff.; Moelle, Der Verfassungsbeschluss nach Art. 146 GG, 1996, S. 73 ff.; Stückrath, Art. 146 GG: Verfassungsablö-\n\n\n                                         58/123\n\nsung zwischen Legalität und Legitimität, 1997, S. 240 ff.; vgl. auch BVerfGE 89, 155\n<180>), kann offen bleiben. Innerhalb der Ordnung des Grundgesetzes jedenfalls\nsind die Staatsstrukturprinzipien des Art. 20 GG, also die Demokratie, die Rechtsund die Sozialstaatlichkeit, die Republik, der Bundesstaat sowie die für die Achtung\nder Menschwürde unentbehrliche Substanz elementarer Grundrechte in ihrer prinzipiellen Qualität jeder Änderung entzogen.\n\n  Die Verletzung der in Art. 79 Abs. 3 GG festgelegten Verfassungsidentität ist aus      218\nder Sicht des Demokratieprinzips zugleich ein Übergriff in die verfassungsgebende\nGewalt des Volkes. Die verfassungsgebende Gewalt hat insofern den Vertretern und\nOrganen des Volkes kein Mandat erteilt, über die Verfassungsidentität zu verfügen.\nKeinem Verfassungsorgan ist die Kompetenz eingeräumt, die nach Art. 79 Abs. 3 GG\ngrundlegenden Verfassungsprinzipien zu verändern. Darüber wacht das Bundesverfassungsgericht. Mit der sogenannten Ewigkeitsgarantie reagiert das Grundgesetz\neinerseits auf historische Erfahrungen einer schleichenden oder auch abrupten Aushöhlung der freiheitlichen Substanz einer demokratischen Grundordnung. Es macht\naber auch deutlich, dass die Verfassung der Deutschen in Übereinstimmung mit der\ninternationalen Entwicklung gerade auch seit Bestehen der Vereinten Nationen einen\nuniversellen Grund besitzt, der durch positives Recht nicht veränderbar sein soll.\n\n  2. Die grundgesetzliche Ausgestaltung des Demokratieprinzips ist offen für das Ziel,   219\nDeutschland in eine internationale und europäische Friedensordnung einzufügen.\nDie dadurch ermöglichte neue Gestalt politischer Herrschaft unterliegt nicht schematisch den innerstaatlich geltenden verfassungsstaatlichen Anforderungen und darf\ndeshalb nicht umstandslos an den konkreten Ausprägungen des Demokratieprinzips\nin einem Vertrags- oder Mitgliedstaat gemessen werden. Die Ermächtigung zur europäischen Integration erlaubt eine andere Gestaltung politischer Willensbildung, als\nsie das Grundgesetz für die deutsche Verfassungsordnung bestimmt. Dies gilt bis zur\nGrenze der unverfügbaren Verfassungsidentität (Art. 79 Abs. 3 GG). Der Grundsatz\nder demokratischen Selbstbestimmung und der gleichheitsgerechten Teilhabe an der\nöffentlichen Gewalt bleibt auch durch den Friedens- und Integrationsauftrag des\nGrundgesetzes sowie den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Völkerrechtsfreundlichkeit (vgl. BVerfGE 31, 58 <75 f.>; 111, 307 <317>; 112, 1 <26>; BVerfGK 9,\n174 <186>) unangetastet.\n\n  a) Die deutsche Verfassung ist auf Öffnung der staatlichen Herrschaftsordnung für      220\ndas friedliche Zusammenwirken der Nationen und die europäische Integration gerichtet. Weder die gleichberechtigte Integration in die Europäische Union noch die Einfügung in friedenserhaltende Systeme wie die Vereinten Nationen bedeuten eine Unterwerfung unter fremde Mächte. Es handelt sich vielmehr um freiwillige,\ngegenseitige und gleichberechtigte Bindung, die den Frieden sichert und die politischen Gestaltungsmöglichkeiten durch gemeinsames koordiniertes Handeln stärkt.\nDas Grundgesetz schützt individuelle Freiheit - als Selbstbestimmung des Einzelnen - nicht mit dem Ziel, bindungslose Selbstherrlichkeit und rücksichtslose Interessendurchsetzung zu fördern. Gleiches gilt für das souveräne Selbstbestimmungs-\n\n\n                                        59/123\n\nrecht der politischen Gemeinschaft.\n\n  Der Verfassungsstaat bindet sich mit anderen Staaten, die auf demselben Wertefundament der Freiheit und Gleichberechtigung stehen und die wie er die Würde des\nMenschen und die Prinzipien gleich zustehender personaler Freiheit in den Mittelpunkt der Rechtsordnung stellen. Gestaltenden Einfluss auf eine zunehmend mobile\nund grenzüberschreitend vernetzte Gesellschaft können demokratische Verfassungsstaaten nur gewinnen durch sinnvolles, ihr Eigeninteresse wie ihr Gemeininteresse wahrendes Zusammenwirken. Nur wer sich aus Einsicht in die Notwendigkeit\nfriedlichen Interessenausgleichs und in die Möglichkeiten gemeinsamer Gestaltung\nbindet, gewinnt das erforderliche Maß an Handlungsmöglichkeiten, um die Bedingungen einer freien Gesellschaft auch künftig verantwortlich gestalten zu können. Dem\nträgt das Grundgesetz mit seiner Offenheit für die europäische Integration und für\nvölkerrechtliche Bindungen Rechnung.\n\n  b) Die Präambel des Grundgesetzes betont nach den Erfahrungen verheerender              222\nKriege, gerade auch unter den europäischen Völkern, nicht nur die sittliche Grundlage verantworteter Selbstbestimmung, sondern auch den Willen, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen. Dies wird konkretisiert durch die Ermächtigungen zur Integration in die Europäische Union (Art. 23\nAbs. 1 GG), zur Beteiligung an zwischenstaatlichen Einrichtungen (Art. 24 Abs. 1\nGG) und zur Einfügung in Systeme gegenseitiger kollektiver Sicherheit (Art. 24\nAbs. 2 GG) sowie durch das Verbot von Angriffskriegen (Art. 26 GG). Das Grundgesetz will die Mitwirkung Deutschlands an internationalen Organisationen, eine zwischen den Staaten hergestellte Ordnung des wechselseitigen friedlichen Interessenausgleichs und ein organisiertes Miteinander in Europa.\n\n  In den Zielen der Präambel wird dieses Souveränitätsverständnis sichtbar. Das           223\nGrundgesetz löst sich von einer selbstgenügsamen und selbstherrlichen Vorstellung\nsouveräner Staatlichkeit und kehrt zu einer Sicht auf die Einzelstaatsgewalt zurück,\ndie Souveränität als „völkerrechtlich geordnete und gebundene Freiheit“ auffasst (von\nMartitz, Internationale Rechtshilfe in Strafsachen, Bd. I, 1888, S. 416). Es bricht mit\nallen Formen des politischen Machiavellismus und einer rigiden Souveränitätsvorstellung, die noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Recht zur Kriegsführung\n- auch als Angriffskrieg - für ein selbstverständliches Recht des souveränen Staates\nhielt (vgl. Starck, Der demokratische Verfassungsstaat, 1995, S. 356 f.; Randelzhofer, Use of Force, in: Bernhardt, Encyclopedia of Public International Law, Bd. IV,\n2000, S. 1246 ff.), wenngleich mit den auf der Haager Friedenskonferenz am 29. Juli\n1899 unterzeichneten Abkommen noch unter Bekräftigung des ius ad bellum eine allmähliche Ächtung der Gewalt zwischen Staaten einsetzte.\n\n Das Grundgesetz schreibt demgegenüber die Friedenswahrung und die Überwindung des zerstörerischen europäischen Staatenantagonismus als überragende politische Ziele der Bundesrepublik fest. Souveräne Staatlichkeit steht danach für einen\nbefriedeten Raum und die darin gewährleistete Ordnung auf der Grundlage individu-\n\n\n\n                                        60/123\n\neller Freiheit und kollektiver Selbstbestimmung. Der Staat ist weder Mythos noch\nSelbstzweck, sondern die historisch gewachsene, global anerkannte Organisationsform einer handlungsfähigen politischen Gemeinschaft.\n\n Der aus Art. 23 Abs. 1 GG und der Präambel folgende Verfassungsauftrag zur Verwirklichung eines vereinten Europas (vgl. Schorkopf, Grundgesetz und Überstaatlichkeit, 2007, S. 247) bedeutet insbesondere für die deutschen Verfassungsorgane,\ndass es nicht in ihrem politischen Belieben steht, sich an der europäischen Integration zu beteiligen oder nicht. Das Grundgesetz will eine europäische Integration und\neine internationale Friedensordnung: Es gilt deshalb nicht nur der Grundsatz der Völkerrechtsfreundlichkeit, sondern auch der Grundsatz der Europarechtsfreundlichkeit.\n\n  c) Das Grundgesetz ermächtigt den Gesetzgeber zwar zu einer weitreichenden             226\nÜbertragung von Hoheitsrechten auf die Europäische Union. Die Ermächtigung steht\naber unter der Bedingung, dass dabei die souveräne Verfassungsstaatlichkeit auf der\nGrundlage eines Integrationsprogramms nach dem Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung und unter Achtung der verfassungsrechtlichen Identität als Mitgliedstaaten gewahrt bleibt und zugleich die Mitgliedstaaten ihre Fähigkeit zu selbstverantwortlicher politischer und sozialer Gestaltung der Lebensverhältnisse nicht verlieren.\n\n aa) Das dem Deutschen Volk von der Präambel und von Art. 23 Abs. 1 des Grundgesetzes vorgegebene Integrationsziel sagt nichts über den endgültigen Charakter\nder politischen Verfasstheit Europas. Das Grundgesetz ermächtigt mit Art. 23 GG zur\nBeteiligung an einer friedensförderlichen supranationalen Kooperationsordnung.\nDies schließt nicht die Verpflichtung ein, demokratische Selbstbestimmung auf der\nsupranationalen Ebene uneingeschränkt in den Formen zu verwirklichen, die das\nGrundgesetz innerstaatlich für den Bund und über Art. 28 Abs. 1 Satz 1 GG auch für\ndie Länder vorschreibt, sondern erlaubt Abweichungen von den Organisationsprinzipien innerstaatlicher Demokratie, die durch die Erfordernisse einer auf dem Prinzip\nder Staatengleichheit gründenden und völkervertraglich ausgehandelten Europäischen Union bedingt sind.\n\n  Integration setzt den Willen zur gemeinsamen Gestaltung und die Akzeptanz einer        228\nautonomen gemeinschaftlichen Willensbildung voraus. Integration in eine freiheitliche Gemeinschaft verlangt aber weder eine der verfassungsrechtlichen Begrenzung\nund Kontrolle entzogene Unterwerfung noch den Verzicht auf die eigene Identität.\nDas Grundgesetz ermächtigt die für Deutschland handelnden Organe nicht, durch einen Eintritt in einen Bundesstaat das Selbstbestimmungsrecht des Deutschen Volkes\nin Gestalt der völkerrechtlichen Souveränität Deutschlands aufzugeben. Dieser\nSchritt ist wegen der mit ihm verbundenen unwiderruflichen Souveränitätsübertragung auf ein neues Legitimationssubjekt allein dem unmittelbar erklärten Willen des\nDeutschen Volkes vorbehalten.\n\n bb) Die geltende Verfassung weist einen anderen Weg: Sie erstrebt die gleichberechtigte Eingliederung Deutschlands in Staatensysteme gegenseitiger Sicherheit\nwie das der Vereinten Nationen oder der Nordatlantikorganisation (NATO) und die\n\n\n                                        61/123\n\nBeteiligung an der europäischen Vereinigung. Art. 23 Abs. 1 GG unterstreicht ebenso\nwie Art. 24 Abs. 1 GG, dass die Bundesrepublik Deutschland an der Entwicklung einer als Staatenverbund konzipierten Europäischen Union mitwirkt, auf die Hoheitsrechte übertragen werden. Der Begriff des Verbundes erfasst eine enge, auf Dauer\nangelegte Verbindung souverän bleibender Staaten, die auf vertraglicher Grundlage\nöffentliche Gewalt ausübt, deren Grundordnung jedoch allein der Verfügung der Mitgliedstaaten unterliegt und in der die Völker - das heißt die staatsangehörigen Bürger - der Mitgliedstaaten die Subjekte demokratischer Legitimation bleiben.\n\n  Dieser Zusammenhang wird durch Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG verdeutlicht, der für die       230\nMitwirkung Deutschlands an der Entwicklung der Europäischen Union verbindliche\nStrukturvorgaben trifft. Das Grundgesetz kann nach Art. 23 Abs. 1 Satz 3 GG an die\nEntwicklung der Europäischen Union angepasst werden; zugleich wird dieser Möglichkeit durch Art. 79 Abs. 3 GG, auf den die Norm verweist, eine absolute Grenze\ngesetzt. Der durch Art. 79 Abs. 3 GG geschützte Mindeststandard darf auch durch\ndie Einbindung Deutschlands in überstaatliche Strukturen nicht unterschritten werden.\n\n  cc) Die Ermächtigung zur Übertragung von Hoheitsrechten auf die Europäische Union oder andere zwischenstaatliche Einrichtungen erlaubt eine Verlagerung von politischer Herrschaft auf internationale Organisationen. Die Ermächtigung, supranationale Zuständigkeiten auszuüben, stammt allerdings von den Mitgliedstaaten einer\nsolchen Einrichtung. Sie bleiben deshalb dauerhaft die Herren der Verträge. Die\nQuelle der Gemeinschaftsgewalt und der sie konstituierenden europäischen Verfassung im funktionellen Sinne sind die in ihren Staaten demokratisch verfassten Völker\nEuropas. Die „Verfassung Europas“, das Völkervertrags- oder Primärrecht, bleibt eine abgeleitete Grundordnung. Sie begründet eine im politischen Alltag durchaus\nweitreichende, aber immer sachlich begrenzte überstaatliche Autonomie. Autonomie\nkann hier nur - wie im Recht der Selbstverwaltung gebräuchlich - als eine zwar selbständige, aber abgeleitete, das heißt von anderen Rechtssubjekten eingeräumte\nHerrschaftsgewalt verstanden werden. Dagegen beansprucht die völker- und staatsrechtliche Souveränität gerade für ihre konstitutionellen Grundlagen die Unabhängigkeit von fremdem Willen (vgl. Carlo Schmid, Generalbericht in der Zweiten Sitzung\ndes Plenums des Parlamentarischen Rates am 8. September 1948, in: Deutscher\nBundestag/Bundesarchiv, Der Parlamentarische Rat 1948-1949, Akten und Protokolle, Bd. 9, 1996, S. 20 ff.). Es kommt dabei nicht darauf an, ob eine internationale Organisation rechtsfähig ist, also ihrerseits als Subjekt in völkerrechtlichen Rechtsbeziehungen verbindlich handeln kann. Es kommt darauf an, wie das grundlegende\nRechtsverhältnis zwischen der internationalen Organisation zu den Mitglied- und Vertragsstaaten ausgestaltet ist, die diese Organisation geschaffen und ihr die Rechtsfähigkeit verliehen haben.\n\n Nach Maßgabe der Integrationsermächtigung des Art. 23 Abs. 1 GG in Verbindung            232\nmit der Präambel, Art. 20, Art. 79 Abs. 3 und Art. 146 GG kann es für die europäische\nUnionsgewalt kein eigenständiges Legitimationssubjekt geben, das sich unabgeleitet\n\n\n                                        62/123\n\nvon fremdem Willen und damit aus eigenem Recht gleichsam auf höherer Ebene verfassen könnte.\n\n  d) Das Grundgesetz ermächtigt die deutschen Staatsorgane nicht, Hoheitsrechte          233\nderart zu übertragen, dass aus ihrer Ausübung heraus eigenständig weitere Zuständigkeiten für die Europäische Union begründet werden können. Es untersagt die\nÜbertragung der Kompetenz-Kompetenz (vgl. BVerfGE 89, 155 <187 f., 192, 199>;\nvgl. auch BVerfGE 58, 1 <37>; 104, 151 <210>). Auch eine weitgehende Verselbständigung politischer Herrschaft für die Europäische Union durch die Einräumung\nstetig vermehrter Zuständigkeiten und eine allmähliche Überwindung noch bestehender Einstimmigkeitserfordernisse oder bislang prägender Regularien der Staatengleichheit kann aus der Sicht des deutschen Verfassungsrechts allein aus der Handlungsfreiheit des selbstbestimmten Volkes heraus geschehen. Solche\nIntegrationsschritte müssen von Verfassungs wegen durch den Übertragungsakt\nsachlich begrenzt und prinzipiell widerruflich sein. Aus diesem Grund darf - ungeachtet einer vertraglich unbefristeten Bindung - der Austritt aus dem europäischen Integrationsverband nicht von anderen Mitgliedstaaten oder der autonomen Unionsgewalt unterbunden werden. Es handelt sich nicht um eine - völkerrechtlich\nproblematische - Sezession aus einem Staatsverband (Tomuschat, Secession and\nSelf-Determination, in: Kohen, Secession - International Law Perspectives, 2006,\nS. 23 ff.), sondern lediglich um den Austritt aus einem auf dem Prinzip der umkehrbaren Selbstbindung beruhenden Staatenverbund.\n\n Das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung ist deshalb nicht nur ein europarechtlicher Grundsatz (Art. 5 Abs. 1 EGV; Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 EUV-Lissabon; vgl. Kraußer, Das Prinzip begrenzter Ermächtigung im Gemeinschaftsrecht\nals Strukturprinzip des EWG-Vertrages, 1991), sondern nimmt - ebenso wie die\nPflicht der Europäischen Union, die nationale Identität der Mitgliedstaaten zu achten\n(Art. 6 Abs. 3 EUV; Art. 4 Abs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon) - mitgliedstaatliche Verfassungsprinzipien auf. Das europarechtliche Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung und die europarechtliche Pflicht zur Identitätsachtung sind insoweit vertraglicher Ausdruck der staatsverfassungsrechtlichen Grundlegung der Unionsgewalt.\n\n Der unübertragbaren und insoweit integrationsfesten Identität der Verfassung            235\n(Art. 79 Abs. 3 GG) entspricht die europarechtliche Pflicht, die verfassungsgebende\nGewalt der Mitgliedstaaten als Herren der Verträge zu achten. Das Bundesverfassungsgericht hat im Rahmen seiner Zuständigkeit gegebenenfalls zu prüfen, ob diese\nPrinzipien gewahrt sind.\n\n e) Das Integrationsprogramm der Europäischen Union muss hinreichend bestimmt            236\nsein. Soweit nicht das Volk unmittelbar selbst zur Entscheidung berufen ist, ist demokratisch legitimiert nur, was parlamentarisch verantwortet werden kann (vgl. BVerfGE\n89, 155 <212>). Eine Blankettermächtigung zur Ausübung öffentlicher Gewalt, zumal\nmit unmittelbarer Bindungswirkung in der innerstaatlichen Rechtsordnung, dürfen die\ndeutschen Verfassungsorgane nicht erteilen (vgl. BVerfGE 58, 1 <37>; 89, 155\n\n\n\n                                        63/123\n\n<183 f., 187>). Sofern die Mitgliedstaaten das Vertragsrecht so ausgestalten, dass\nunter grundsätzlicher Fortgeltung des Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung in\neine Veränderung des Vertragsrechts bereits ohne Ratifikationsverfahren allein oder\nmaßgeblich durch die Organe der Union - wenngleich unter dem Einstimmigkeitserfordernis - herbeigeführt werden kann, obliegt neben der Bundesregierung den gesetzgebenden Körperschaften eine besondere Verantwortung im Rahmen der Mitwirkung, die in Deutschland innerstaatlich den Anforderungen des Art. 23 Abs. 1\nGG genügen muss (Integrationsverantwortung) und gegebenenfalls in einem verfassungsgerichtlichen Verfahren eingefordert werden kann.\n\n  aa) Jede Einfügung in friedenserhaltende Systeme, in internationale oder supranationale Organisationen eröffnet die Möglichkeit, dass sich die geschaffenen Einrichtungen, auch und gerade wenn deren Organe auftragsgemäß handeln, selbständig\nentwickeln und dabei eine Tendenz zu ihrer politischen Selbstverstärkung aufweisen.\nEin zur Integration ermächtigendes Gesetz - wie das Zustimmungsgesetz - kann daher trotz des Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung immer nur ein Programm\numreißen, in dessen Grenzen dann eine politische Entwicklung stattfindet, die nicht\nin jedem Punkt vorherbestimmt sein kann. Wer auf Integration baut, muss mit der eigenständigen Willensbildung der Unionsorgane rechnen. Hinzunehmen ist daher eine Tendenz zur Besitzstandswahrung (acquis communautaire) und zur wirksamen\nKompetenzauslegung im Sinne der US-amerikanischen implied powers-Doktrin (vgl.\nauch Internationaler Gerichtshof, Reparation for Injuries Suffered in the Service of the\nUnited Nations, Advisory Opinion vom 11. April 1949, ICJ Reports 1949, S. 174\n<182 ff.>) oder der effet utile-Regel des Völkervertragsrechts (vgl. zum guten Sinn\ndieser Regel Gill, The League of Nations from 1929 to 1946, 1996; Rouyer-Hameray,\nLes compétences implicites des organisations internationales, 1962, S. 90 ff.; speziell zum Europarecht Pescatore, Monisme, dualisme et „effet utile“ dans la jurisprudence de la Cour de justice de la Communauté européenne, in: Festschrift für Rodrí-\nguez Iglesias, 2003, S. 329 ff.; vgl. zu der entsprechenden Entwicklung der\nRechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften Höreth, Die\nSelbstautorisierung des Agenten, Der Europäische Gerichtshof im Vergleich zum\nUS Supreme Court, 2008, S. 320 ff.). Dies ist Teil des vom Grundgesetz gewollten Integrationsauftrags.\n\n  bb) Das Vertrauen in die konstruktive Kraft des Integrationsmechanismus kann allerdings von Verfassungs wegen nicht unbegrenzt sein. Wenn im europäischen Integrationsprozess das Primärrecht durch Organe verändert oder erweiternd ausgelegt\nwird, entsteht eine verfassungsrechtlich bedeutsame Spannungslage zum Prinzip\nder begrenzten Einzelermächtigung und zur verfassungsrechtlichen Integrationsverantwortung des einzelnen Mitgliedstaates. Wenn Gesetzgebungs- oder Verwaltungszuständigkeiten nur unbestimmt oder zur dynamischen Fortentwicklung übertragen\nwerden oder wenn die Organe Zuständigkeiten neu begründen, erweiternd abrunden\noder sachlich ausdehnen dürfen, laufen sie Gefahr, das vorherbestimmte Integrationsprogramm zu überschreiten und außerhalb ihrer Ermächtigung zu handeln. Sie\n\n\n\n                                         64/123\n\nbewegen sich auf einem Pfad, an dessen Ende die Verfügungsgewalt über ihre vertraglichen Grundlagen steht, das heißt die Kompetenz, über ihre Kompetenzen zu\ndisponieren. Eine Überschreitung des konstitutiven Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung und der den Mitgliedstaaten zustehenden konzeptionellen Integrationsverantwortung droht, wenn Organe der Europäischen Union unbeschränkt, ohne eine - sei es auch nur sehr zurückgenommene und sich als exzeptionell verstehende -\näußere Kontrolle darüber entscheiden können, wie das Vertragsrecht ausgelegt wird.\n\n  Es ist deshalb von Verfassungs wegen gefordert, entweder dynamische Vertragsvorschriften mit Blankettcharakter nicht zu vereinbaren oder, wenn sie noch in einer\nWeise ausgelegt werden können, die die nationale Integrationsverantwortung wahrt,\njedenfalls geeignete innerstaatliche Sicherungen zur effektiven Wahrnehmung dieser\nVerantwortung zu treffen. Das Zustimmungsgesetz und die innerstaatliche Begleitgesetzgebung müssen demnach so beschaffen sein, dass die europäische Integration\nweiter nach dem Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung erfolgt, ohne dass für\ndie Europäische Union die Möglichkeit besteht, sich der Kompetenz-Kompetenz zu\nbemächtigen oder die integrationsfeste Verfassungsidentität der Mitgliedstaaten, hier\ndes Grundgesetzes, zu verletzen. Für Grenzfälle des noch verfassungsrechtlich Zulässigen muss der deutsche Gesetzgeber gegebenenfalls mit seinen die Zustimmung\nbegleitenden Gesetzen wirksame Vorkehrungen dafür treffen, dass die Integrationsverantwortung der Gesetzgebungsorgane sich hinreichend entfalten kann.\n\n  Innerhalb der deutschen Jurisdiktion muss es zudem möglich sein, die Integrationsverantwortung im Fall von ersichtlichen Grenzüberschreitungen bei Inanspruchnahme von Zuständigkeiten durch die Europäische Union - dies wurde auch von den Bevollmächtigten des Deutschen Bundestages und der Bundesregierung in der\nmündlichen Verhandlung betont - und zur Wahrung des unantastbaren Kerngehalts\nder Verfassungsidentität des Grundgesetzes im Rahmen einer Identitätskontrolle einfordern zu können (vgl. BVerfGE 75, 223 <235, 242>; 89, 155 <188>; 113, 273\n<296>). Das Bundesverfassungsgericht hat hierfür bereits den Weg der Ultra-vires-Kontrolle eröffnet, die im Fall von Grenzdurchbrechungen bei der Inanspruchnahme\nvon Zuständigkeiten durch Gemeinschafts- und Unionsorgane greift. Wenn Rechtsschutz auf Unionsebene nicht zu erlangen ist, prüft das Bundesverfassungsgericht,\nob Rechtsakte der europäischen Organe und Einrichtungen sich unter Wahrung des\ngemeinschafts- und unionsrechtlichen Subsidiaritätsprinzips (Art. 5 Abs. 2 EGV;\nArt. 5 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 EUV-Lissabon) in den Grenzen der ihnen im Wege\nder begrenzten Einzelermächtigung eingeräumten Hoheitsrechte halten (vgl.\nBVerfGE 58, 1 <30 f.>; 75, 223 <235, 242>; 89, 155 <188>: dort zum sogenannten\nausbrechenden Rechtsakt). Darüber hinaus prüft das Bundesverfassungsgericht, ob\nder unantastbare Kerngehalt der Verfassungsidentität des Grundgesetzes nach\nArt. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG gewahrt ist (vgl. BVerfGE\n113, 273 <296>). Die Ausübung dieser verfassungsrechtlich radizierten Prüfungskompetenz folgt dem Grundsatz der Europarechtsfreundlichkeit des Grundgesetzes,\nund sie widerspricht deshalb auch nicht dem Grundsatz der loyalen Zusammenarbeit\n\n\n\n                                       65/123\n\n(Art. 4 Abs. 3 EUV-Lissabon); anders können die von Art. 4 Abs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon anerkannten grundlegenden politischen und verfassungsmäßigen Strukturen souveräner Mitgliedstaaten bei fortschreitender Integration nicht gewahrt werden.\nInsoweit gehen die verfassungs- und die unionsrechtliche Gewährleistung der nationalen Verfassungsidentität im europäischen Rechtsraum Hand in Hand. Die Identitätskontrolle ermöglicht die Prüfung, ob infolge des Handelns europäischer Organe\ndie in Art. 79 Abs. 3 GG für unantastbar erklärten Grundsätze der Art. 1 und Art. 20\nGG verletzt werden. Damit wird sichergestellt, dass der Anwendungsvorrang des\nUnionsrechts nur kraft und im Rahmen der fortbestehenden verfassungsrechtlichen\nErmächtigung gilt.\n\n  Sowohl die Ultra-vires- als auch die Identitätskontrolle können dazu führen, dass       241\nGemeinschafts- oder künftig Unionsrecht in Deutschland für unanwendbar erklärt\nwird. Zum Schutz der Funktionsfähigkeit der Gemeinschaftsrechtsordnung verlangt\ndie europarechtsfreundliche Anwendung von Verfassungsrecht bei Beachtung des in\nArt. 100 Abs. 1 GG zum Ausdruck gebrachten Rechtsgedankens, dass sowohl eine\nUltra-vires-Feststellung wie auch die Feststellung einer Verletzung der Verfassungsidentität nur dem Bundesverfassungsgericht obliegt. In welchen Verfahren das Bundesverfassungsgericht im Einzelnen mit dieser Kontrolle befasst werden kann,\nbraucht an dieser Stelle nicht entschieden zu werden. In Betracht kommt die Inanspruchnahme bereits jetzt vorgesehener Verfahren, mithin die abstrakte (Art. 93\nAbs. 1 Nr. 2 GG) und konkrete (Art. 100 Abs. 1 GG) Normenkontrolle, der Organstreit\n(Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG), der Bund-Länder-Streit (Art. 93 Abs. 1 Nr. 3 GG) und die\nVerfassungsbeschwerde (Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG). Denkbar ist aber auch die\nSchaffung eines zusätzlichen, speziell auf die Ultra-vires- und die Identitätskontrolle\nzugeschnittenen verfassungsgerichtlichen Verfahrens durch den Gesetzgeber zur\nAbsicherung der Verpflichtung deutscher Organe, kompetenzüberschreitende oder\nidentitätsverletzende Unionsrechtsakte im Einzelfall in Deutschland unangewendet\nzu lassen.\n\n  Wenn das Vertragsrecht die Kompetenzen der Europäischen Union zwar in grundsätzlich zustimmungsfähiger Weise bestimmt, diese aber über jene Möglichkeiten\nhinaus fortentwickelt werden können, die eine Auslegung nach dem Prinzip des effet\nutile oder eine implizite Abrundung der übertragenen Zuständigkeiten bieten, wenn\nalso Kompetenztitel erst durch besondere Rechtsakte auf der Unionsebene mit klarem Inhalt versehen werden und Entscheidungsverfahren dort eigenständig verändert werden können, darf sich Deutschland daran nur beteiligen, wenn innerstaatlich\nsichergestellt ist, dass die verfassungsrechtlichen Anforderungen eingehalten werden. Mit der Ratifikation von völkerrechtlichen Verträgen, die politische Beziehungen\ndes Bundes regeln (Art. 59 Abs. 2 GG), wird die verfassungsrechtlich gebotene Beteiligung der Gesetzgebungsorgane an der auswärtigen Gewalt allgemein gewährleistet (vgl. BVerfGE 104, 151 <194>) und der innerstaatliche Rechtsanwendungsbefehl für das von der Exekutive vereinbarte Vertragsrecht erteilt (vgl. BVerfGE 99, 145\n<158>; BVerwGE 110, 363 <366>).\n\n\n\n                                        66/123\n\n  Für die europäische Integration gilt der besondere Gesetzesvorbehalt des Art. 23      243\nAbs. 1 Satz 2 GG, wonach Hoheitsrechte nur durch Gesetz und mit Zustimmung des\nBundesrates übertragen werden können. Dieser Gesetzesvorbehalt ist zur Wahrung\nder Integrationsverantwortung und zum Schutz des Verfassungsgefüges so auszulegen, dass jede Veränderung der textlichen Grundlagen des europäischen Primärrechts erfasst wird. Die Gesetzgebungsorgane des Bundes betätigen somit auch bei\nvereinfachten Änderungsverfahren oder Vertragsabrundungen, bei bereits angelegten, aber der Konkretisierung durch weitere Rechtsakte bedürftigen Zuständigkeitsveränderungen und bei Änderung der Vorschriften, die Entscheidungsverfahren betreffen, ihre dem Ratifikationsverfahren vergleichbare politische Verantwortung.\nDabei bleibt ein der Ratifikationslage entsprechender Rechtsschutz gewahrt.\n\n  3. Die Ausgestaltung der Europäischen Union muss sowohl in Art und Umfang der         244\nÜbertragung von Hoheitsrechten als auch in der organisatorischen und verfahrensrechtlichen Ausgestaltung der autonom handelnden Unionsgewalt demokratischen\nGrundsätzen entsprechen (Art. 23 Abs. 1, Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 in Verbindung\nmit Art. 79 Abs. 3 GG). Weder darf die europäische Integration zu einer Aushöhlung\ndes demokratischen Herrschaftssystems in Deutschland führen (a) noch darf die supranationale öffentliche Gewalt für sich genommen grundlegende demokratische Anforderungen verfehlen (b).\n\n a) Den deutschen Verfassungsorganen obliegt eine dauerhafte Integrationsverantwortung. Sie ist darauf gerichtet, bei der Übertragung von Hoheitsrechten und bei der\nAusgestaltung der europäischen Entscheidungsverfahren dafür Sorge zu tragen,\ndass in einer Gesamtbetrachtung sowohl das politische System der Bundesrepublik\nDeutschland als auch das der Europäischen Union demokratischen Grundsätzen im\nSinne des Art. 20 Abs. 1 und Abs. 2 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG entspricht.\n\n  Die Wahl der Abgeordneten des Deutschen Bundestages durch das Volk erfüllt nur        246\ndann ihre tragende Rolle im System föderaler und supranationaler Herrschaftsverflechtung, wenn der das Volk repräsentierende Deutsche Bundestag und die von ihm\ngetragene Bundesregierung einen gestaltenden Einfluss auf die politische Entwicklung in Deutschland behalten. Das ist dann der Fall, wenn der Deutsche Bundestag\neigene Aufgaben und Befugnisse von substantiellem politischem Gewicht behält oder\ndie ihm politisch verantwortliche Bundesregierung maßgeblichen Einfluss auf europäische Entscheidungsverfahren auszuüben vermag (vgl. BVerfGE 89, 155 <207>).\n\n  aa) Föderalisierung nach innen und Supranationalisierung nach außen können            247\nneue bürgerschaftliche Mitwirkungsmöglichkeiten eröffnen. Aus ihnen wachsen ein\ngesteigerter Zusammenhalt kleinerer oder größerer Einheiten und bessere Chancen\nzum friedlichen Interessenausgleich zwischen Regionen und Staaten. Föderale oder\nsupranationale Verflechtungen schaffen Handlungsmöglichkeiten, die sonst auf praktische oder territoriale Grenzen stießen, und erleichtern den friedlichen Interessenausgleich. Sie erschweren aber zugleich die Bildung eines durchsetzungsfähigen\nMehrheitswillens, der unmittelbar auf das Volk zurückgeht (Art. 20 Abs. 2 Satz 1 GG).\n\n\n\n                                       67/123\n\nDie Zuordnung von Entscheidungen zu bestimmten verantwortlich Handelnden verliert an Transparenz mit der Folge, dass die Bürger sich bei ihrem Votum kaum\nan greifbaren Verantwortungszusammenhängen orientieren können. Das Demokratieprinzip setzt deshalb der Übertragung von Hoheitsrechten inhaltliche Grenzen,\ndie nicht bereits aus der Unverfügbarkeit der verfassungsgebenden Gewalt und der\nstaatlichen Souveränität folgen.\n\n  bb) Die vom Demokratieprinzip im geltenden Verfassungssystem geforderte Wahrung der Souveränität im vom Grundgesetz angeordneten integrationsoffenen und\nvölkerrechtsfreundlichen Sinne, bedeutet für sich genommen nicht, dass eine von\nvornherein bestimmbare Summe oder bestimmte Arten von Hoheitsrechten in der\nHand des Staates bleiben müssten. Die von Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG erlaubte Mitwirkung Deutschlands an der Entwicklung der Europäischen Union umfasst neben der\nBildung einer Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft auch eine politische Union.\nPolitische Union meint die gemeinsame Ausübung von öffentlicher Gewalt, einschließlich der gesetzgebenden, bis hinein in die herkömmlichen Kernbereiche des\nstaatlichen Kompetenzraums. Dies ist in der europäischen Friedens- und Einigungsidee insbesondere dort angelegt, wo es um die Koordinierung grenzüberschreitender\nLebenssachverhalte geht und um die Gewährleistung eines gemeinsamen Wirtschafts- und Rechtsraumes, in dem sich Unionsbürger frei entfalten können (Art. 3\nAbs. 2 EUV-Lissabon).\n\n cc) Die europäische Vereinigung auf der Grundlage einer Vertragsunion souveräner        249\nStaaten darf allerdings nicht so verwirklicht werden, dass in den Mitgliedstaaten kein\nausreichender Raum zur politischen Gestaltung der wirtschaftlichen, kulturellen und\nsozialen Lebensverhältnisse mehr bleibt. Dies gilt insbesondere für Sachbereiche,\ndie die Lebensumstände der Bürger, vor allem ihren von den Grundrechten geschützten privaten Raum der Eigenverantwortung und der persönlichen und sozialen\nSicherheit prägen, sowie für solche politische Entscheidungen, die in besonderer\nWeise auf kulturelle, historische und sprachliche Vorverständnisse angewiesen sind,\nund die sich im parteipolitisch und parlamentarisch organisierten Raum einer politischen Öffentlichkeit diskursiv entfalten. Zu wesentlichen Bereichen demokratischer\nGestaltung gehören unter anderem die Staatsbürgerschaft, das zivile und militärische\nGewaltmonopol, Einnahmen und Ausgaben einschließlich der Kreditaufnahme sowie\ndie für die Grundrechtsverwirklichung maßgeblichen Eingriffstatbestände, vor allem\nbei intensiven Grundrechtseingriffen wie dem Freiheitsentzug in der Strafrechtspflege oder bei Unterbringungsmaßnahmen. Zu diesen bedeutsamen Sachbereichen gehören auch kulturelle Fragen wie die Verfügung über die Sprache, die Gestaltung der\nFamilien- und Bildungsverhältnisse, die Ordnung der Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit oder der Umgang mit dem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis.\n\n  dd) Demokratie bedeutet nicht nur die Wahrung formaler Organisationsprinzipien         250\n(vgl. BVerfGE 89, 155 <185>) und nicht allein eine korporative Einbindung von Interessengruppen. Demokratie lebt zuerst von und in einer funktionsfähigen öffentlichen\n\n\n                                        68/123\n\nMeinung, die sich auf zentrale politische Richtungsbestimmungen und die periodische Vergabe von politischen Spitzenämtern im Wettbewerb von Regierung und\nOpposition konzentriert. Diese öffentliche Meinung macht für Wahlen und Abstimmungen erst die Alternativen sichtbar und ruft diese auch für einzelne Sachentscheidungen fortlaufend in Erinnerung, damit die politische Willensbildung des Volkes über\ndie für alle Bürger zur Mitwirkung geöffneten Parteien und im öffentlichen Informationsraum beständig präsent und wirksam bleiben. Art. 38 und Art. 20 Abs. 1 und\nAbs. 2 GG schützen insoweit auch den Zusammenhang von politischer Sachentscheidung mit dem wahlkonstituierten Mehrheitswillen und dem daraus abgeleiteten\nRegierungs-Oppositions-Dualismus in einem System konkurrierender Parteienvielfalt\nund beobachtender, kontrollierender öffentlicher Meinungsbildung.\n\n  Auch wenn durch die großen Erfolge der europäischen Integration eine gemeinsame und miteinander im thematischen Zusammenwirken stehende europäische Öffentlichkeit in ihren jeweiligen staatlichen Resonanzräumen ersichtlich wächst (vgl.\ndazu bereits BVerfGE 89, 155 <185>; Trenz, Europa in den Medien, Die europäische\nIntegration im Spiegel nationaler Öffentlichkeit, 2005), so ist doch nicht zu übersehen, dass die öffentliche Wahrnehmung von Sachthemen und politischem Führungspersonal in erheblichem Umfang an nationalstaatliche, sprachliche, historische und\nkulturelle Identifikationsmuster angeschlossen bleibt. Sowohl das Demokratieprinzip\nals auch das ebenfalls von Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG strukturell geforderte Subsidiaritätsprinzip verlangen deshalb, gerade in zentralen politischen Bereichen des Raumes persönlicher Entfaltung und sozialer Gestaltung der Lebensverhältnisse, die\nÜbertragung und die Ausübung von Hoheitsrechten auf die Europäische Union in\nvorhersehbarer Weise sachlich zu begrenzen. In diesen Bereichen bietet es sich in\nbesonderem Maße an, die Grenzlinie dort zu ziehen, wo die Koordinierung grenzüberschreitender Sachverhalte sachlich notwendig ist.\n\n  Als besonders sensibel für die demokratische Selbstgestaltungsfähigkeit eines Verfassungsstaates gelten seit jeher Entscheidungen über das materielle und formelle\nStrafrecht (1), die Verfügung über das Gewaltmonopol polizeilich nach innen und militärisch nach außen (2), die fiskalischen Grundentscheidungen über Einnahmen und\n- gerade auch sozialpolitisch motivierte - Ausgaben der öffentlichen Hand (3), die sozialstaatliche Gestaltung von Lebensverhältnissen (4) sowie kulturell besonders bedeutsame Entscheidungen etwa im Familienrecht, Schul- und Bildungssystem oder\nüber den Umgang mit religiösen Gemeinschaften (5).\n\n (1) Die Strafrechtspflege ist, sowohl was die Voraussetzungen der Strafbarkeit als      253\nauch was die Vorstellungen von einem fairen, angemessenen Strafverfahren anlangt,\nvon kulturellen, historisch gewachsenen, auch sprachlich geprägten Vorverständnissen und von den im deliberativen Prozess sich bildenden Alternativen abhängig, die\ndie jeweilige öffentliche Meinung bewegen (vgl. dazu Weigend, Strafrecht durch internationale Vereinbarungen - Verlust an nationaler Strafrechtskultur?, ZStW 1993,\nS. 774 <785>). Die diesbezüglichen Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede\nzwischen den europäischen Nationen belegt die einschlägige Rechtsprechung des\n\n\n                                        69/123\n\nEuropäischen Gerichtshofes für Menschenrechte zu den Garantien im Strafverfahren\n(vgl. die Beiträge von Bank <Kap. 11>; Grabenwarter/Pabel <Kap. 14> und Kadelbach <Kap. 15> in: Grote/Marauhn, EMRK/GG, 2006; Gollwitzer, Menschenrechte\nim Strafverfahren: MRK und IPBPR, 2005). Die Pönalisierung sozialen Verhaltens\nist aber nur eingeschränkt aus europaweit geteilten Werten und sittlichen Prämissen\nnormativ ableitbar. Die Entscheidung über strafwürdiges Verhalten, über den Rang\nvon Rechtsgütern und den Sinn und das Maß der Strafandrohung ist vielmehr in\nbesonderem Maße dem demokratischen Entscheidungsprozess überantwortet (vgl.\nBVerfGE 120, 224 <241 f.>). Eine Übertragung von Hoheitsrechten über die intergouvernementale Zusammenarbeit hinaus darf in diesem grundrechtsbedeutsamen\nBereich nur für bestimmte grenzüberschreitende Sachverhalte unter restriktiven Voraussetzungen zu einer Harmonisierung führen; dabei müssen grundsätzlich substantielle mitgliedstaatliche Handlungsfreiräume erhalten bleiben (vgl. BVerfGE 113, 273\n<298 f.>).\n\n (2) Eine ähnlich ausgeprägte Grenze zieht das Grundgesetz für Entscheidungen             254\nüber den Einsatz der Bundeswehr. Der Auslandseinsatz der Streitkräfte ist außer im\nVerteidigungsfall nur in Systemen gegenseitiger kollektiver Sicherheit erlaubt (Art. 24\nAbs. 2 GG), wobei der konkrete Einsatz von der Zustimmung des Deutschen Bundestages konstitutiv abhängt (vgl. BVerfGE 90, 286 <381 f.>; 100, 266 <269>; 104,\n151 <208>; 108, 34 <43>; 121, 135 <153 f.>; stRspr). Die Bundeswehr ist ein „Parlamentsheer“ (BVerfGE 90, 286 <382>), über dessen Einsatz das Repräsentationsorgan des Volkes zu entscheiden hat (vgl. BVerfGE 90, 286 <383 ff.>). Der Einsatz von\nStreitkräften ist für individuelle Rechtsgüter der Soldatinnen und Soldaten sowie anderer von militärischen Maßnahmen Betroffener wesentlich und birgt die Gefahr tiefgreifender Verwicklungen in sich.\n\n  Auch wenn die Europäische Union zu einem friedenserhaltenden regionalen System gegenseitiger kollektiver Sicherheit im Sinne des Art. 24 Abs. 2 GG ausgebaut\nwürde, ist in diesem Bereich wegen des - der Integrationsermächtigung des Art. 23\nAbs. 1 GG insoweit vorgehenden - Friedens- und Demokratiegebots eine Supranationalisierung mit Anwendungsvorrang im Hinblick auf den konkreten Einsatz deutscher Streitkräfte nicht zulässig. Der konstitutive Parlamentsvorbehalt für den Auslandseinsatz der Bundeswehr ist integrationsfest. Damit ist allerdings von\nVerfassungs wegen keine unübersteigbare Grenze für eine technische Integration eines europäischen Streitkräfteeinsatzes über gemeinsame Führungsstäbe, für die Bildung gemeinsamer Streitkräftedispositive oder für eine Abstimmung und Koordinierung gemeinsamer europäischer Rüstungsbeschaffungen gezogen. Nur die\nEntscheidung über den jeweiligen konkreten Einsatz hängt von der konstitutiven Zustimmung des Deutschen Bundestages ab.\n\n (3) Eine das Demokratieprinzip und das Wahlrecht zum Deutschen Bundestag in              256\nseinem substantiellen Bestimmungsgehalt verletzende Übertragung des Budgetrechts des Bundestages läge vor, wenn die Festlegung über Art und Höhe der den\nBürger treffenden Abgaben in wesentlichem Umfang supranationalisiert würde. Der\n\n\n                                        70/123\n\nDeutsche Bundestag muss dem Volk gegenüber verantwortlich über die Summe der\nBelastungen der Bürger entscheiden. Entsprechendes gilt für wesentliche Ausgaben des Staates. In diesem Bereich obliegt gerade die sozialpolitische Verantwortung dem demokratischen Entscheidungsprozess, auf den die Bürger mit der freien und gleichen Wahl einwirken wollen. Die Hoheit über den Haushalt ist der Ort\nkonzeptioneller politischer Entscheidungen über den Zusammenhang von wirtschaftlichen Belastungen und staatlich gewährten Vergünstigungen. Deshalb wird die parlamentarische Aussprache über den Haushalt - einschließlich des Maßes der Verschuldung - als politische Generaldebatte verstanden. Nicht jede haushaltswirksame\neuropäische oder internationale Verpflichtung gefährdet die Gestaltungsfähigkeit des\nBundestages als Haushaltsgesetzgeber. Zu der vom Grundgesetz erstrebten Öffnung der Rechts- und Sozialordnung und zur europäischen Integration gehört die Anpassung an Vorgaben und Bindungen, die der Haushaltsgesetzgeber als nicht unmittelbar beeinflussbare Faktoren in die eigene Planung einstellen muss. Entscheidend\nist aber, dass die Gesamtverantwortung mit ausreichenden politischen Freiräumen\nfür Einnahmen und Ausgaben noch im Deutschen Bundestag getroffen werden kann.\n\n  (4) Das Sozialstaatsprinzip begründet die Pflicht des Staates, für eine gerechte Sozialordnung zu sorgen (vgl. BVerfGE 59, 231 <263>; 100, 271 <284>). Der Staat hat\ndiese Pflichtaufgabe auf der Grundlage eines weiten Gestaltungsfreiraumes zu erfüllen, weshalb bislang nur in wenigen Fällen konkrete verfassungsrechtliche Handlungspflichten aus dem Prinzip abgeleitet wurden. Der Staat hat lediglich die Mindestvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Dasein seiner Bürger zu schaffen (vgl.\nBVerfGE 82, 60 <80>; 110, 412 <445>). Das Sozialstaatsprinzip stellt dem Staat eine\nAufgabe, sagt aber nichts darüber, mit welchen Mitteln diese Aufgabe im Einzelnen\nzu verwirklichen ist.\n\n  Die verfassungsrechtlichen Vorgaben für eine soziale Integration oder eine „Sozialunion“ sind deutlich begrenzt. Zwar hängt gemäß Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG Deutschlands Mitwirkung am Integrationsprozess von der Verpflichtung der Europäischen\nUnion unter anderem auf soziale Grundsätze ab. Das Grundgesetz unternimmt es\ndamit, nicht nur defensiv soziale Aufgaben für den deutschen Staatsverband gegen\nüberstaatliche Inanspruchnahmen zu sichern, sondern will die europäische Hoheitsgewalt in ihrem - übertragenen - Aufgabenspektrum an die Sozialverantwortung binden (vgl. Heinig, Der Sozialstaat im Dienst der Freiheit, 2008, S. 531 ff.). Auch für die\nOrgane der Europäischen Union gilt aber der Grundsatz, dass das Sozialstaatsprinzip notwendig die politische und rechtliche Konkretisierung voraussetzt, um wirken zu\nkönnen.\n\n Danach müssen die sozialpolitisch wesentlichen Entscheidungen in eigener Verantwortung der deutschen Gesetzgebungsorgane getroffen werden. Namentlich die\nExistenzsicherung des Einzelnen, eine nicht nur im Sozialstaatsprinzip, sondern\nauch in Art. 1 Abs. 1 GG gegründete Staatsaufgabe, muss weiterhin primäre Aufgabe\nder Mitgliedstaaten bleiben, auch wenn Koordinierung bis hin zur allmählichen Angleichung nicht ausgeschlossen ist. Dies korrespondiert mit den rechtlich wie faktisch\n\n\n                                         71/123\n\nbegrenzten Möglichkeiten der Europäischen Union zur Ausformung sozialstaatlicher\nStrukturen.\n\n  (5) Demokratische Selbstbestimmung ist schließlich auf die Möglichkeit, sich im eigenen Kulturraum verwirklichen zu können, besonders angewiesen bei Entscheidungen, wie sie insbesondere im Schul- und Bildungssystem, im Familienrecht, bei der\nSprache, in Teilbereichen der Medienordnung und zum Status von Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften getroffen werden. Die bereits wahrnehmbaren Aktivitäten der Europäischen Union auf diesen Gebieten greifen auf einer Ebene in die Gesellschaft ein, die in der primären Verantwortung der Mitgliedstaaten und\nihrer Gliederungen steht. Die Gestaltung von Lehrplänen und Bildungsinhalten sowie\netwa die Struktur eines gegliederten Schulsystems sind politische Grundentscheidungen, die einen starken Bezug zu den kulturellen Wurzeln und Wertvorstellungen\neines jeden Staates haben. Die Gestaltung von Schule und Bildung berührt, wie das\nRecht der familiären Beziehungen und Entscheidungen über Fragen der Sprache\nund der Einbeziehung des Transzendenten in das öffentliche Leben, in besonderem\nMaße gewachsene Überzeugungen und Wertvorstellungen, die in spezifischen historischen Traditionen und Erfahrungen verwurzelt sind. Demokratische Selbstbestimmung erfordert hier, dass die jeweilige durch solche Traditionen und Überzeugungen\nverbundene politische Gemeinschaft das Subjekt demokratischer Legitimation bleibt.\n\n b) Die Struktursicherungsklausel des Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG begrenzt das in der      261\nStaatszielbestimmung angesprochene Mitwirkungsziel auf eine Europäische Union,\ndie in ihren elementaren Strukturen den durch Art. 79 Abs. 3 GG auch vor Veränderungen durch den verfassungsändernden Gesetzgeber geschützten Kernprinzipien\nentspricht. Die Ausgestaltung der Europäischen Union im Hinblick auf übertragene\nHoheitsrechte, Organe und Entscheidungsverfahren muss demokratischen Grundsätzen entsprechen (Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG). Die konkreten Anforderungen an die\ndemokratischen Grundsätze hängen vom Umfang der übertragenen Hoheitsrechte\nund vom Grad der Verselbständigung europäischer Entscheidungsverfahren ab.\n\n aa) Die verfassungsrechtlichen Anforderungen des Demokratieprinzips an die Organisationsstruktur und die Entscheidungsverfahren der Europäischen Union hängen\ndavon ab, in welchem Umfang hoheitliche Aufgaben auf die Union übertragen werden und wie hoch der Grad der politischen Verselbständigung bei der Wahrnehmung\nder übertragenen Hoheitsrechte ist. Eine Verstärkung der Integration kann verfassungswidrig sein, wenn das demokratische Legitimationsniveau mit dem Umfang und\ndem Gewicht supranationaler Herrschaftsmacht nicht Schritt hält. Solange und soweit das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung in einem Verbund souveräner\nStaaten mit ausgeprägten Zügen exekutiver und gouvernementaler Zusammenarbeit\ngewahrt bleibt, reicht grundsätzlich die über nationale Parlamente und Regierungen\nvermittelte Legitimation der Mitgliedstaaten aus, die ergänzt und abgestützt wird\ndurch das unmittelbar gewählte Europäische Parlament (vgl. BVerfGE 89, 155\n<184>).\n\n\n\n                                       72/123\n\n  Wenn dagegen die Schwelle zum Bundesstaat und zum nationalen Souveränitätsverzicht überschritten wäre, was in Deutschland eine freie Entscheidung des Volkes\njenseits der gegenwärtigen Geltungskraft des Grundgesetzes voraussetzt, müssten\ndemokratische Anforderungen auf einem Niveau eingehalten werden, das den Anforderungen an die demokratische Legitimation eines staatlich organisierten Herrschaftsverbandes vollständig entspräche. Dieses Legitimationsniveau könnte dann\nnicht mehr von nationalen Verfassungsordnungen vorgeschrieben sein.\n\n  Ein nach Art. 23 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG nicht hinnehmbares strukturelles Demokratiedefizit läge vor, wenn der Kompetenzumfang, die politische Gestaltungsmacht und der Grad an selbständiger Willensbildung der Unionsorgane ein der\nBundesebene im föderalen Staat entsprechendes (staatsanaloges) Niveau erreichte,\nweil etwa die für die demokratische Selbstbestimmung wesentlichen Gesetzgebungszuständigkeiten überwiegend auf der Unionsebene ausgeübt würden. Wenn\nsich im Entwicklungsverlauf der europäischen Integration ein Missverhältnis zwischen Art und Umfang der ausgeübten Hoheitsrechte und dem Maß demokratischer\nLegitimation einstellt, obliegt es der Bundesrepublik Deutschland aufgrund ihrer Integrationsverantwortung, auf eine Veränderung hinzuwirken und im äußersten Fall sogar ihre weitere Beteiligung an der Europäischen Union zu verweigern.\n\n  bb) Zur Wahrung demokratischer Grundsätze kann es geboten sein, das Prinzip der        265\nbegrenzten Einzelermächtigung in den Verträgen und bei ihrer Anwendung und Auslegung deutlich hervorzuheben, um das Gleichgewicht der politischen Kräfte Europas\nzwischen den Mitgliedstaaten und der Unionsebene als Voraussetzung der Verteilung von Hoheitsrechten im Verbund zu erhalten.\n\n  Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG verlangt allerdings im Hinblick auf die Einhaltung demokratischer Grundsätze durch die Europäische Union keine „strukturelle Kongruenz“\n(vgl. zu diesem Begriff Kruse, Strukturelle Kongruenz und Homogenität, in: Mensch\nund Staat in Recht und Geschichte, Festschrift für Herbert Kraus, 1954, S. 112\n<123>) oder gar Übereinstimmung der institutionellen Ordnung der Europäischen\nUnion mit der Ordnung, die das Demokratieprinzip des Grundgesetzes für die innerstaatliche Ebene vorgibt. Geboten ist jedoch eine dem Status und der Funktion der\nUnion angemessene demokratische Ausgestaltung (vgl. Hobe, Der offene Verfassungsstaat zwischen Souveränität und Interdependenz, 1998, S. 153; Pernice, in:\nDreier, GG, Bd. II, 2. Aufl. 2006, Art. 23 Rn. 48; Rojahn, in: von Münch/Kunig, GG,\nBd. 2, 5. Aufl. 2001, Art. 23 Rn. 21; Röben, Außenverfassungsrecht, 2007, S. 321:\n„strukturelle Kompatibilität“). Aus dem Sinn und Zweck der Struktursicherungsklausel\nfolgt, dass das Demokratieprinzip des Grundgesetzes nicht in gleicher Weise auf europäischer Ebene verwirklicht werden muss, wie es noch in den 1950er und frühen\n1960er Jahren für zwischenstaatliche Einrichtungen im Sinne von Art. 24 Abs. 1 GG\ngefordert worden war (vgl. etwa Kruse, a.a.O., S. 112 <123>; Friauf, Zur Problematik\nrechtsstaatlicher und demokratischer Strukturelemente in zwischenstaatlichen Gemeinschaften, DVBl 1964, S. 781 <786>).\n\n\n\n                                        73/123\n\n Das Demokratieprinzip ist grundsätzlich für die Erfordernisse einer supranationalen     267\nOrganisation offen, nicht um sich in seinem normativen Regelungsgehalt der jeweiligen Faktizität politischer Herrschaftsorganisation anzupassen, sondern um gleichbleibende Wirksamkeit unter geänderten Umständen zu bewahren (vgl. BVerfGE\n107, 59 <91>). Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG geht somit davon aus, dass die demokratischen Grundsätze in der Europäischen Union nicht in gleicher Weise wie im Grundgesetz verwirklicht werden können (vgl. BTDrucks 12/3338, S. 6).\n\n  cc) In modernen Territorialstaaten verwirklicht sich die Selbstbestimmung eines Volkes hauptsächlich in der Wahl von Organen eines Herrschaftsverbandes, die die öffentliche Gewalt ausüben. Die Organe müssen durch Mehrheitsentscheidung der\nBürger gebildet werden, die wiederkehrend Einfluss auf die politische Grundausrichtung - personell und sachlich - nehmen können. Eine freie öffentliche Meinung und\neine politische Opposition müssen fähig sein, den Entscheidungsprozess in seinen\nwesentlichen Zügen kritisch zu beobachten und Verantwortlichen - das heißt in der\nRegel einer Regierung - sinnvoll zuzurechnen (vgl. Art. 20 Abs. 2 Satz 2 GG;\nBVerfGE 89, 155 <185>; 97, 350 <369>; rechtsvergleichend Cruz Villalón, Grundlagen und Grundzüge staatlichen Verfassungsrechts: Vergleich, in: von Bogdandy/\nCruz Villalón/Huber, Handbuch Ius Publicum Europaeum, Bd. I, 2007, § 13\nRn. 102 ff. mit weiteren Nachweisen).\n\n  Die praktischen Ausprägungen der Demokratie konkretisieren diese Vorgaben unter Beachtung der Grundsätze der Freiheit und Gleichheit der Wahl entweder nur in\neinem parlamentarischen Repräsentationsorgan mit der dann dort wahrgenommenen Aufgabe der Regierungsbildung - wie etwa in Großbritannien, Deutschland, Belgien, Österreich und Spanien - oder in einem Präsidialsystem mit einer zusätzlich unmittelbar gewählten Exekutivspitze - wie etwa in den Vereinigten Staaten von\nAmerika, Frankreich, Polen und Bulgarien -. Der unmittelbare Volkswille kann sich\nsowohl durch die Wahl einer (parlamentarischen) Volksvertretung oder durch die\nWahl einer herausgehobenen Exekutivspitze (Präsident) artikulieren als auch durch\ndie Mehrheitsentscheidung bei Volksabstimmungen in Sachfragen. Präsidialsysteme\nwie in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Frankreich sind dual verfasste\nRepräsentativdemokratien, während Großbritannien oder Deutschland für parlamentsmonistische Repräsentativsysteme stehen. In der Schweiz wiederum wird der\nParlamentsmonismus durch starke plebiszitäre Elemente ergänzt, die auch Teile der\nAufgaben einer parlamentarischen Opposition erfüllen (vgl. Loewenstein, Verfassungslehre, 2. Aufl. 1959, mit Nachtrag 1969, S. 67 ff.; Sommermann, Demokratiekonzepte im Vergleich, in: Bauer/Huber/Sommermann, Demokratie in Europa, 2005,\nS. 191 ff.; Mastronardi, Verfassungslehre, Allgemeines Staatsrecht als Lehre vom\nguten und gerechten Staat, 2007, S. 268 f.).\n\n  In einer Demokratie muss das Volk Regierung und Gesetzgebung in freier und gleicher Wahl bestimmen können. Dieser Kernbestand kann ergänzt sein durch plebiszitäre Abstimmungen in Sachfragen, die auch in Deutschland durch Änderung des\nGrundgesetzes ermöglicht werden könnten. Im Zentrum politischer Machtbildung und\n\n\n                                        74/123\n\nMachtbehauptung steht in der Demokratie die Entscheidung des Volkes: Jede demokratische Regierung kennt die Furcht vor dem Machtverlust durch Abwahl. Das\nBundesverfassungsgericht hat Demokratie in seinem Urteil zum Verbot der Kommunistischen Partei Deutschlands im Jahr 1956 als den verfahrensrechtlich geregelten\n„Kampf um die politische Macht“ beschrieben, der um die Erringung der Mehrheit geführt wird. Es gehe dabei um den Willen der tatsächlichen Mehrheit des Volkes, der\nin sorgfältig geregelten Verfahren ermittelt werde und dem eine freie Diskussion vorausgehe. Dass die Mehrheit „immer wechseln kann“, dass ein Mehrparteiensystem\nund das Recht „auf organisierte politische Opposition“ bestehen, wurde als konstitutiv für die demokratische Organisation von Staatsgewalt angesehen (vgl. BVerfGE 5,\n85 <198 f.>).\n\n  Die Europäische Union selbst erkennt diesen demokratischen Kerngedanken als            271\ngemeineuropäische Verfassungstradition an (vgl. Art. 3 Abs. 1 des Zusatzprotokolls\nzur Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten vom 20. März\n1952 <1. EMRK-Zusatzprotokoll> <BGBl 2002 II S. 1072>; KSZE, Dokument des Kopenhagener Treffens der Konferenz über die menschliche Dimension der KSZE, Eu-GRZ 1990, S. 239 ff., Rn. 7), indem sie entsprechende Strukturanforderungen an die\nMitgliedstaaten stellt und deren tatsächliches Fortwirken zu einer Voraussetzung für\ndie Mitwirkung an der europäischen Integration erklärt (Art. 6 Abs. 1 EUV; Art. 2\nEUV-Lissabon; vgl. bereits Schlussfolgerungen des Vorsitzes des Europäischen Rates in Kopenhagen vom 21. und 22. Juni 1993, Bulletin EU 6-1993, I.13; Agenda\n2000, KOM(97) 2000 endg., Teil I, S. 52). Da und soweit sie aber selbst nur abgeleitete öffentliche Gewalt ausübt, braucht die Europäische Union den Anforderungen\nnicht vollständig zu genügen. Auf der europäischen Ebene ist der Rat anders als im\nBundesstaat keine zweite Kammer, sondern das Vertretungsorgan der Herren der\nVerträge und dementsprechend nicht proportional repräsentativ, sondern nach dem\nBild der Staatengleichheit verfasst. Das Europäische Parlament ist als ein unmittelbar\nvon den Unionsbürgern gewähltes Vertretungsorgan der Völker eine eigenständige\nzusätzliche Quelle für demokratische Legitimation (vgl. BVerfGE 89, 155 <184 f.>).\nAls Vertretungsorgan der Völker in einer supranationalen und als solche von begrenztem Einheitswillen geprägten Gemeinschaft kann und muss es in seiner Zusammensetzung nicht den Anforderungen entsprechen, die sich auf der staatlichen\nEbene aus dem gleichen politischen Wahlrecht aller Bürger ergeben. Die Kommission muss als ein supranationales, besonderes Organ ebenfalls nicht umfänglich den\nBedingungen einer entweder dem Parlament oder der Mehrheitsentscheidung der\nWähler voll verantwortlichen Regierung genügen, weil sie selbst nicht in vergleichbarer Weise dem Wählerwillen verpflichtet ist.\n\n Solange die europäische Zuständigkeitsordnung nach dem Prinzip der begrenzten           272\nEinzelermächtigung in kooperativ ausgestalteten Entscheidungsverfahren unter\nWahrung der staatlichen Integrationsverantwortung besteht und solange eine ausgewogene Balance der Unionszuständigkeiten und der staatlichen Zuständigkeiten erhalten bleibt, kann und muss die Demokratie der Europäischen Union nicht staats-\n\n\n\n                                        75/123\n\nanalog ausgestaltet sein. Vielmehr steht es der Europäischen Union frei, mit zusätzlichen neueren Formen transparenter oder partizipativ angelegter politischer Entscheidungsverfahren nach eigenen Wegen demokratischer Ergänzung zu suchen. Zwar\nkann die bloß deliberative Teilhabe der Bürger und ihrer gesellschaftlichen Organisationen an politischer Herrschaft - ihre unmittelbare Einbeziehung in die Erörterungen der für die verbindlichen politischen Entscheidungen zuständigen Organe -,\nden auf Wahlen und Abstimmungen zurückgehenden Legitimationszusammenhang\nnicht ersetzen. Solche Elemente partizipatorischer Demokratie können aber ergänzende Funktion bei der Legitimation europäischer Hoheitsgewalt übernehmen. Dies\nerfasst insbesondere Legitimationsformen, in denen bürgerschaftliches Engagement\nunmittelbarer, spezialisierter und vertieft sachbezogen eingebracht werden kann, indem etwa den Unionsbürgern und den gesellschaftlich relevanten Verbänden (Art. 11\nAbs. 2 EUV-Lissabon: „repräsentative Verbände“) in geeigneter Weise die Möglichkeit zur Artikulation ihrer Ansichten gegeben wird. Derartige Formen dezentraler, arbeitsteiliger Partizipation mit legitimitätssteigerndem Potential tragen ihrerseits zur\nEffektivierung des primären repräsentativ-demokratischen Legitimationszusammenhangs bei.\n\n                                           II.\n Der Vertrag von Lissabon und das Zustimmungsgesetz genügen - nach Maßgabe                 273\nder Gründe - den aufgezeigten verfassungsrechtlichen Anforderungen (1.). Das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) ist verfassungsrechtlich\nebenfalls nicht zu beanstanden (2.). Das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung\nder Rechte des Bundestages und des Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union entspricht nicht den Anforderungen aus Art. 38 Abs. 1 in Verbindung mit\nArt. 23 Abs. 1 GG und muss vor Ratifizierung des Vertrags in verfassungsgemäßer\nWeise neu gefasst werden (3.).\n\n 1. Das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon ist mit den Anforderungen               274\ndes Grundgesetzes, insbesondere mit dem Demokratieprinzip, vereinbar. Das Wahlrecht aus Art. 38 Abs. 1 GG ist nicht verletzt. Mit der freien und gleichen Wahl der Abgeordneten des Deutschen Bundestages und mit entsprechenden Wahlakten in den\nLändern bestimmt das Deutsche Volk in Bund und Ländern nach wie vor über wesentliche politische Sachverhalte. Mit der Wahl des deutschen Kontingents von Abgeordneten des Europäischen Parlaments ist für das Wahlrecht der Bundesbürger eine ergänzende Mitwirkungsmöglichkeit im europäischen Organsystem eröffnet, die\nim System der übertragenen Einzelermächtigungen ein ausreichendes Legitimationsniveau vermittelt.\n\n  Das Legitimationsniveau der Europäischen Union entspricht im Hinblick auf den            275\nUmfang der übertragenen Zuständigkeiten und den erreichten Grad von Verselbständigung der Entscheidungsverfahren noch verfassungsrechtlichen Anforderungen, sofern das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung verfahrensrechtlich über das in\nden Verträgen vorgesehene Maß hinaus gesichert wird (a). Mit dem Vertrag von Lis-\n\n\n                                         76/123\n\nsabon wird weder die für die Verfassungsorgane unverfügbare verfassungsgebende\nGewalt übertragen noch die staatliche Souveränität der Bundesrepublik Deutschland\naufgegeben (b). Dem Deutschen Bundestag verbleiben noch eigene Aufgaben und\nZuständigkeiten von hinreichendem Gewicht (c).\n\n  a) Die Europäische Union erreicht beim gegenwärtigen Integrationsstand auch bei       276\nInkrafttreten des Vertrags von Lissabon noch keine Ausgestaltung, die dem Legitimationsniveau einer staatlich verfassten Demokratie entspricht.\n\n  Nicht nur aus der Sicht des Grundgesetzes handelt es sich bei der Beteiligung         277\nDeutschlands an der Europäischen Union indes nicht um die Übertragung eines Bundesstaatsmodells auf die europäische Ebene, sondern um die Erweiterung des verfassungsrechtlichen Föderalmodells um eine überstaatlich kooperative Dimension.\nAuch der Vertrag von Lissabon hat sich gegen das Konzept einer europäischen Bundesverfassung entschieden, in dem ein europäisches Parlament als Repräsentationsorgan eines damit konstitutionell verfassten neuen Bundesvolkes in den Mittelpunkt träte. Ein auf Staatsgründung zielender Wille ist nicht feststellbar. Auch\ngemessen an den Grundsätzen der freien und gleichen Wahl und den Erfordernissen\neiner gestaltungskräftigen Mehrheitsherrschaft entspricht die Europäische Union\nnicht der Bundesebene im Bundesstaat. Der Vertrag von Lissabon ändert demnach\nnichts daran, dass der Bundestag als Repräsentationsorgan des Deutschen Volkes\nim Mittelpunkt eines verflochtenen demokratischen Systems steht.\n\n  Die Europäische Union entspricht demokratischen Grundsätzen, weil sie bei qualitativer Betrachtung ihrer Aufgaben- und Herrschaftsorganisation gerade nicht staatsanalog aufgebaut ist. Die mit den Antrags- und Beschwerdeschriften vorgetragene,\nim Mittelpunkt der Angriffe stehende Behauptung, mit dem Vertrag von Lissabon werde das demokratische Legitimationssubjekt ausgetauscht, ist unzutreffend. Die Europäische Union bleibt auch als Verbund mit eigener Rechtspersönlichkeit das Werk\nsouveräner demokratischer Staaten. Es ist deshalb beim gegenwärtigen Integrationsstand nicht geboten, das europäische Institutionensystem demokratisch in einer\nstaatsanalogen Weise auszugestalten. Angesichts der fortbestehenden Geltung des\nPrinzips der begrenzten Einzelermächtigung und bei einer wortlautgemäßen, sinnund zweckentsprechenden Auslegung der durch den Vertrag von Lissabon neu eingeräumten Zuständigkeiten muss die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments nicht in der Weise gleichheitsgerecht sein, dass auf Unterschiede im Stimmgewicht der Unionsbürger in Abhängigkeit von der Bevölkerungszahl der\nMitgliedstaaten verzichtet wird.\n\n  aa) Die demokratische Grundregel der wahlrechtlichen Erfolgschancengleichheit         279\n(„one man, one vote“) gilt nur innerhalb eines Volkes, nicht in einem supranationalen\nVertretungsorgan, das - wenngleich nunmehr unter besonderer Betonung der Unionsbürgerschaft - eine Vertretung der miteinander vertraglich verbundenen Völker\nbleibt.\n\n Gemessen an verfassungsstaatlichen Erfordernissen fehlt es der Europäischen            280\n\n\n                                       77/123\n\nUnion auch nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon an einem durch gleiche\nWahl aller Unionsbürger zustande gekommenen politischen Entscheidungsorgan mit\nder Fähigkeit zur einheitlichen Repräsentation des Volkswillens. Es fehlt, damit zusammenhängend, zudem an einem System der Herrschaftsorganisation, in dem ein\neuropäischer Mehrheitswille die Regierungsbildung so trägt, dass er auf freie und\ngleiche Wahlentscheidungen zurückreicht und ein echter und für die Bürger transparenter Wettstreit zwischen Regierung und Opposition entstehen kann. Das Europäische Parlament ist auch nach der Neuformulierung in Art. 14 Abs. 2 EUV-Lissabon\nund entgegen dem Anspruch, den Art. 10 Abs. 1 EUV-Lissabon nach seinem Wortlaut zu erheben scheint, kein Repräsentationsorgan eines souveränen europäischen\nVolkes. Dies spiegelt sich darin, dass es als Vertretung der Völker in den jeweils zugewiesenen nationalen Kontingenten von Abgeordneten nicht als Vertretung der Unionsbürger als ununterschiedene Einheit nach dem Prinzip der Wahlgleichheit angelegt ist.\n\n  Auch in der Ausgestaltung des Vertrags von Lissabon erwächst aus den Zuständigkeiten der Europäischen Union keine eigenständige Volkssouveränität der Gesamtheit der Unionsbürger. Bei knapper Entscheidung zwischen politischen Richtungen\nim Europäischen Parlament besteht keine Gewähr dafür, dass die Mehrheit der abgegebenen Stimmen auch eine Mehrheit der Unionsbürger repräsentiert. Deshalb wäre\ninsbesondere die Bildung einer eigenständigen und mit den in Staaten üblichen\nMachtbefugnissen ausgestatteten Regierung aus dem Parlament heraus grundlegenden Einwänden ausgesetzt. Es könnte möglicherweise eine nach Maßgabe des\nRepräsentationsverhältnisses bestehende zahlenmäßige Bürgerminderheit durch eine Mehrheit der Abgeordneten gegen den politischen Willen einer oppositionellen\nMehrheit der Unionsbürger regieren, die sich als Mehrheit nicht abgebildet findet. Der\nGrundsatz der Wahlgleichheit sichert zwar nur unter den Bedingungen einer strengen\nVerhältniswahl eine möglichst exakte Repräsentation des Volkswillens. Aber auch in\nSystemen der Mehrheitswahl besteht jedenfalls für den Zählwert und die Erfolgschance eine ausreichende Gleichheitsgewähr der Wählerstimmen, während diese\nbei jeder nicht nur unerheblichen Kontingentierung der Sitze verfehlt wird.\n\n bb) Für eine freiheitlich-demokratische staatliche Grundordnung, wie das Grundgesetz sie geschaffen hat, ist die Gleichheit aller Staatsbürger bei der Ausübung des\nWahlrechts eine der wesentlichen Grundlagen der Staatsordnung (vgl. BVerfGE 6,\n84 <91>; 41, 399 <413>; 51, 222 <234>; 85, 148 <157 f.>; 99, 1 <13>; 121, 266\n<295 f.>).\n\n  Die Wahlgleichheit ist keine Besonderheit der deutschen Rechtsordnung. Sie gehört zu den für alle europäischen Staaten verbindlichen Rechtsgrundsätzen. Art. 3\ndes 1. EMRK-Zusatzprotokolls gewährleistet das Recht, an den Wahlen zu den gesetzgebenden Körperschaften eines Konventionsstaates teilzunehmen, das heißt,\nselbst zu wählen und für Mandate zu kandidieren. Zwar haben die Konventionsstaaten einen weiten Beurteilungsraum, wie sie ihr Wahlrecht auch mit Blick auf nationale\nBesonderheiten und die historische Entwicklung im Einzelnen ausgestalten. Der Eu-\n\n\n                                        78/123\n\nropäische Gerichtshof für Menschenrechte zieht aus der Tatsache, dass Wahlen\ndie „freie Äußerung der Meinung des Volkes“ gewährleisten sollen, jedoch den\nSchluss, dass dazu im Wesentlichen das Prinzip der Gleichbehandlung aller Bürger\nbei der Ausübung des Wahlrechts gehöre. In diese Gleichbehandlung bezieht der\nEuropäische Gerichtshof für Menschenrechte den Zählwert der Stimmen ausdrücklich ein, während er für die Erfolgswertgleichheit und die gleichen Siegchancen\nder Kandidaten Ausnahmen zulässt (EGMR, Urteil vom 2. März 1987, Nr. 9267/81,\nMathieu-Mohin und Clerfayt/Belgien, Rn. 54; Urteil vom 7. Februar 2008, Nr. 39424/\n02, Kovach/Ukraine, Rn. 49; zur Anwendung des Art. 3 Zusatzprotokoll auf das Europäische Parlament als „gesetzgebende Körperschaft“: EGMR, Urteil vom 18. Februar 1999, Nr. 24833/94, Matthews/Vereinigtes Königreich, Rn. 40 = NJW 1999,\nS. 3107 <3109>).\n\n cc) Das Europäische Parlament bleibt vor diesem Hintergrund in der Sache wegen          284\nder mitgliedstaatlichen Kontingentierung der Sitze eine Vertretung der Völker der Mitgliedstaaten. Die degressiv proportionale Zusammensetzung, die Art. 14 Abs. 2\nUAbs. 1 Satz 3 EUV-Lissabon für das Europäische Parlament vorschreibt, steht zwischen dem völkerrechtlichen Prinzip der Staatengleichheit und dem staatlichen Prinzip der Wahlrechtsgleichheit. Nach den primärrechtlichen Regelungen, die den\nGrundsatz der degressiven Proportionalität ansatzweise konkretisieren, beträgt die\nHöchstzahl der Abgeordneten 750 (zuzüglich des Präsidenten); kein Mitgliedstaat erhält mehr als 96 Sitze und keiner weniger als sechs Sitze (Art. 14 Abs. 2 UAbs. 1\nSatz 2 bis Satz 4 EUV-Lissabon). Das führt dazu, dass das Gewicht der Stimme des\nStaatsangehörigen eines bevölkerungsschwachen Mitgliedstaates etwa das Zwölffache des Gewichts der Stimme des Staatsangehörigen eines bevölkerungsstarken\nMitgliedstaates betragen kann.\n\n  Das Europäische Parlament hat am 11. Oktober 2007 einen die Geltung des Art. 14        285\nAbs. 2 UAbs. 2 EUV-Lissabon bereits vorwegnehmenden Beschlussentwurf unterbreitet (Entschließung des Europäischen Parlaments zur Zusammensetzung des Europäischen Parlaments, ABl 2008 Nr. C 227 E/132, Anlage 1). Dieser Beschlussentwurf wurde durch die Regierungskonferenz gebilligt (vgl. Erklärung Nr. 5 zur\npolitischen Einigung des Europäischen Rates über den Entwurf eines Beschlusses\nüber die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments). Er kann erst nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon vom Europäischen Rat angenommen werden.\nNach dem Beschlussentwurf soll das Prinzip der degressiven Proportionalität dergestalt angewendet werden, dass die Mindest- und Höchstgröße der Mandatskontingente voll ausgenutzt wird, die Anzahl der Mandatskontingente eines Mitgliedstaates\nim ungefähren Verhältnis zur Größe seiner Bevölkerung steht und die Anzahl der Einwohner, die durch ein Mandat vertreten werden, in Mitgliedstaaten mit einer größeren\nBevölkerung höher ist (Art. 1 des Beschlussentwurfs). Der Bundesrepublik Deutschland werden 96 Sitze zugesprochen (Art. 2 des Beschlussentwurfs). Nach dem Beschlussentwurf würde ein in Frankreich gewählter Abgeordneter etwa 857.000 Unionsbürger vertreten und damit soviel wie ein in Deutschland gewählter mit ebenfalls\n\n\n\n                                        79/123\n\netwa 857.000. Ein in Luxemburg gewählter Abgeordneter würde demgegenüber aber\nmit etwa 83.000 Luxemburger Unionsbürgern nur ein Zehntel davon vertreten, bei\nMalta wäre es mit etwa 67.000 sogar nur etwa ein Zwölftel davon; bei einem mittelgroßen Staat wie Schweden würde jeder gewählte Abgeordnete etwa 455.000\nUnionsbürger aus seinem Land im Europäischen Parlament vertreten (vgl. zu den\ndiesen Berechnungen zugrundeliegenden Bevölkerungszahlen Eurostat, Europa in\nZahlen, Eurostat Jahrbuch 2008, 2008, S. 25).\n\n  Derartig ausgeprägte Ungleichgewichte werden in föderalen Staaten regelmäßig           286\nnur für die zweite Kammer neben dem Parlament - in Deutschland und Österreich\nentspricht dieser zweiten Kammer der Bundesrat, in Australien, Belgien und den Vereinigten Staaten von Amerika der Senat - toleriert. Sie werden aber nicht in der\nVolksvertretung selbst hingenommen, weil diese sonst das Volk nicht in einer vom\npersonalen Freiheitsprinzip ausgehenden gleichheitsgerechten Weise repräsentieren kann. Die Ausgestaltung des Wahlrechts in der Europäischen Union muss aber\nkein Widerspruch zu Art. 10 Abs. 1 EUV-Lissabon sein, wonach die Arbeitsweise der\nEuropäischen Union auf der repräsentativen Demokratie beruht; denn die Demokratien der Mitgliedstaaten mit ihren Mehrheitsverhältnissen und Richtungsentscheidungen werden auf europäischer Organebene im Rat und eben auch im Parlament repräsentiert. Es handelt sich dabei also um eine nur vermittelte Repräsentation der\npolitischen Machtlagen der Mitgliedstaaten. Dies ist ein maßgeblicher Grund dafür,\ndass es als unzureichend wahrgenommen würde, wenn ein kleiner Mitgliedstaat im\nEuropäischen Parlament bei stärkerer Beachtung des Grundsatzes der Gleichheit\nder Wahl etwa mit nur einem Abgeordneten vertreten wäre. Die repräsentative Abbildung der nationalen Mehrheitsverhältnisse wäre sonst, so wird von betroffenen Staaten eingewandt, auf europäischer Ebene nicht mehr möglich. Repräsentiert im Sinne\ndes Art. 10 Abs. 1 EUV-Lissabon wird schon aus dieser Erwägung heraus deshalb\nnicht das europäische Volk, sondern die in ihren Staaten organisierten Völker Europas mit ihren jeweiligen durch demokratische gleichheitsgerechte Wahl zustandegekommenen parteipolitisch präformierten Kräfteverhältnissen.\n\n   Diese Erwägung macht zugleich verständlich, warum die Repräsentation im Europäischen Parlament nicht an die Gleichheit der Unionsbürger (Art. 9 EUV-Lissabon),\nsondern an die Staatsangehörigkeit anknüpft; ein Kriterium, das an sich für die Europäische Union ein absolutes Unterscheidungsverbot ist. Damit politische Projekte wie\ndie Wirtschaftsunion gelingen können, ist eine zentrale Idee des europäischen Integrationsverbandes seit seiner Gründung, Diskriminierungen aus Gründen der Staatsangehörigkeit zu verbieten oder zu beschränken (Art. 12, Art. 18 EGV; Art. 18, Art. 21\nAEUV). Die Konzeption des Binnenmarkts beruht auf der Überzeugung, dass es keinen Unterschied macht, aus welchem Mitgliedstaat eine Ware oder eine Dienstleistung stammt, woher ein Arbeitnehmer oder Unternehmer kommt und welcher Herkunft Investitionen sind. Doch eben dieses Kriterium der Staatsangehörigkeit soll\ngemäß Art. 14 Abs. 2 UAbs. 1 Satz 3 EUV-Lissabon entscheidend sein, wenn die politischen Einflussmöglichkeiten der Bürger in der Europäischen Union zugemessen\n\n\n\n                                        80/123\n\nwerden. Damit befindet sich die Europäische Union in einem Wertungswiderspruch\nzu der Grundlage ihres Selbstverständnisses als Bürgerunion, der nur mit dem Charakter der Europäischen Union als Verbund souveräner Staaten erklärt werden kann.\n\n Die Demokratie der Europäischen Union ist zwar föderalisierten Staatsmodellen angenähert; gemessen am Grundsatz der repräsentativen Demokratie wäre sie aber erheblich überföderalisiert. Der Grundsatz der Staatengleichheit bleibt bei der personellen Zusammensetzung des Europäischen Rates, des Rates, der Kommission und\ndes Gerichtshofs der Europäischen Union an prinzipiell gleiche nationale Bestimmungsrechte gekoppelt. Selbst für ein gleichheitsgerecht gewähltes Europäisches\nParlament wäre diese Struktur ein erhebliches Hindernis bei der personellen und\nsachlichen Durchsetzung eines repräsentativen parlamentarischen Mehrheitswillens.\nDer Gerichtshof muss auch nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon beispielsweise immer nach dem Grundsatz „ein Staat, ein Richter“ und unter bestimmendem\nEinfluss der Staaten unabhängig von der Zahl ihrer Einwohner personell besetzt werden. Die Arbeitsweise der Europäischen Union ist weiterhin durch den Einfluss der\nverhandelnden Regierungen sowie die fachliche Verwaltungs- und Gestaltungskompetenz der Kommission geprägt, auch wenn die Mitwirkungsrechte des Europäischen\nParlaments insgesamt gestärkt wurden. Der parlamentarische Einfluss ist innerhalb\ndieses Systems mit der Einräumung des Vetorechts auf zentralen Gesetzgebungsgebieten folgerichtig fortentwickelt worden. Durch den Vertrag von Lissabon wird mit\ndem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren das zur Regel, was unter gegenwärtiger\nRechtsgeltung bereits sachlich in vielen Feldern prägend ist: Im Verfahren der Mitentscheidung kann eine Richtlinie oder eine Verordnung nicht gegen den Willen des Europäischen Parlaments zustandekommen.\n\n dd) Das - gemessen an staatlichen Demokratieanforderungen - bestehende Defizit          289\nder europäischen Hoheitsgewalt kann durch andere Regelungen des Vertrags von\nLissabon nicht aufgewogen und insoweit nicht gerechtfertigt werden.\n\n  (1) Die Europäische Union versucht, die bestehende erhebliche Überföderalisierung      290\nauszugleichen, vor allem durch die Stärkung der auf Beteiligung und auf Transparenz\nzielenden Rechte, sowohl der Bürger wie der Verbände, als auch durch eine Aufwertung der nationalen Parlamente und der Regionen. Der Vertrag von Lissabon stärkt\ndiese auf verfahrensrechtliche Beteiligung gerichteten partizipativen Demokratiegehalte. Neben den Elementen ergänzend partizipativer Demokratie, wie dem Gebot,\nden Unionsbürgern und „repräsentativen“ Verbänden in geeigneter Weise die Möglichkeit zu geben, ihre Ansichten zu kommunizieren, sieht der Vertrag von Lissabon\nauch Elemente assoziativer und direkter Demokratie vor (Art. 11 EUV-Lissabon).\nHierzu zählen der Dialog der Unionsorgane mit „repräsentativen“ Verbänden und der\nZivilgesellschaft sowie die europäische Bürgerinitiative. Sie ermöglicht es, die Kommission unverbindlich aufzufordern, zu politischen Themen geeignete Regelungsvorschläge zu unterbreiten. Eine solche Aufforderung unterliegt einem Quorum von mindestens einer Million Unionsbürgern, die aus einer „erheblichen Anzahl von\nMitgliedstaaten“ stammen müssen (Art. 11 Abs. 4 EUV-Lissabon). Die Bürgerinitiati-\n\n\n                                        81/123\n\nve ist auf Gegenstände im Rahmen der Zuständigkeit der Kommission begrenzt und\nbedarf der sekundärrechtlichen Ausgestaltung durch eine Verordnung (Art. 24 Abs. 1\nAEUV). Die europäische Bürgerinitiative gilt zugleich als Maßnahme, die in der Erklärung von Laeken angemahnte Bildung einer europäischen Öffentlichkeit zu befördern.\n\n  (2) Als Rechtfertigung für die Ungleichheit der Wahl zum Europäischen Parlament       291\nwird - unter anderem von der Bundesregierung (vgl. BTDrucks 16/8300, S. 133\n<135 f.>) - auf den anderen Legitimationsstrang der europäischen Hoheitsgewalt verwiesen: Die Beteiligung des Rates im Rechtssetzungsverfahren, der bei Mehrheitsentscheidungen mit gewogenen Stimmen handelt. Die sogenannte doppeltqualifizierte Mehrheit soll eine Majorisierung der Einwohnermehrheit im Rat\nvermeiden. Bei einer Abstimmungsmehrheit im Rat müsste demnach nicht nur eine\nMehrheit von 55 % der Mitgliedstaaten, sondern zusätzlich eine Mehrheit von 65 %\nder „Bevölkerung der Union“ erreicht werden (Art. 16 Abs. 4 EUV-Lissabon). Das geltende System der Stimmengewichtung, die den Mitgliedstaaten eine Vielzahl von\nStimmen je nach ihrer Größe zuweist, soll nach einer Übergangszeit entfallen.\n\n  Mit diesem Ansatz des Vertrags von Lissabon nimmt die Europäische Union den           292\nklassischen völkerrechtlichen Grundsatz der Staatengleichheit - ein Staat eine Stimme - zwar wieder auf. Das neue Korrektiv der Bevölkerungsmehrheit schaltet jedoch\nein weiteres Zurechnungssubjekt ein, das aus den Völkern der Mitgliedstaaten der\nUnion besteht, wobei nicht auf die Unionsbürger als Subjekte politischer Herrschaft,\nsondern auf die Einwohner der Mitgliedstaaten als Ausdruck der Vertretungsmächtigkeit des Ratsvertreters des betreffenden Mitgliedstaates Bezug genommen wird. Hinter einer Entscheidung des Rates soll in Zukunft eine numerische Mehrheit der in der\nEuropäischen Union lebenden Menschen stehen. Mit dieser einwohnerzahlabhängigen Gewichtung wird der Überföderalisierung zwar entgegengewirkt, ohne indes damit das demokratische Wahlgleichheitsgebot zu erfüllen. Die demokratische Legitimation politischer Herrschaft wird bei der Wahlgleichheit und dem unmittelbaren\nparlamentarischen Repräsentationsmechanismus auch in Parteiendemokratien in\nder Kategorie des Wahlakts des Individuums gedacht und nicht am Maßstab der\nSumme Betroffener beurteilt.\n\n (3) Auch die institutionelle Anerkennung der Parlamente der Mitgliedstaaten durch      293\nden Vertrag von Lissabon kann das Defizit im unmittelbaren, durch die Wahl der Abgeordneten des Europäischen Parlaments begründeten Legitimationsstrang der europäischen Hoheitsgewalt nicht aufwiegen. Die Stellung nationaler Parlamente wird\ndurch die Verminderung von Einstimmigkeitsentscheidungen und die Supranationalisierung der Polizeilichen und Justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen erheblich\ngemindert. Die vom Vertrag vorgesehene Kompensation durch die verfahrensrechtliche Stärkung der Subsidiarität verlagert - dies wurde in der mündlichen Verhandlung\nübereinstimmend hervorgehoben - bestehende politische Selbstbestimmungsrechte\nauf verfahrensrechtliche Einwirkungsmöglichkeiten und juristisch verfolgbare Beteiligungsansprüche.\n\n\n                                       82/123\n\n (4) Weder die zusätzlichen und in den Wirkungen der vielen Handlungsebenen und           294\nangesichts der Vielzahl von mitgliedstaatlichen Parlamenten stark verschachtelten\nBeteiligungsrechte noch assoziativ und direkt wirkende Petitionsrechte gegenüber\nder Kommission sind geeignet, die durch Wahl begründete Herrschaft der Mehrheit\nzu ersetzen. Sie sollen und können allerdings unter den Bedingungen eines in den\nAufgaben begrenzten Staatenverbundes das Legitimationsniveau in der Summe\ngleichwohl erhöhen.\n\n Die bloße Teilhabe der Bürger an politischer Herrschaft, die an die Stelle einer repräsentativen Selbstregierung des Volkes träte, kann den Legitimationszusammenhang von auf Wahlen und Abstimmungen und sich darauf stützender Regierung nicht\nersetzen: Der Vertrag von Lissabon führt nicht auf eine neue Entwicklungsstufe der\nDemokratie. Die Elemente partizipatorischer Demokratie, wie das Gebot, den Unionsbürgern und „repräsentativen“ Verbänden in geeigneter Weise die Möglichkeit zu\ngeben, ihre Ansichten einzubringen, sowie die Elemente assoziativer und direkter\nDemokratie, können nur eine ergänzende und keine tragende Funktion bei der Legitimation europäischer Hoheitsgewalt haben. Beschreibungen und Forderungen nach\neinem „Europa der Bürger“ oder nach der „Stärkung des Europäischen Parlaments“\nkönnen die europäische Ebene politisch vermitteln und einen Beitrag leisten, die Akzeptanz für „Europa“ zu erhöhen, seine Institutionen und Prozesse zu erklären. Werden sie jedoch - wie teilweise durch den Vertrag von Lissabon - in normative Aussagen überführt, ohne mit einer gleichheitsgerechten Ausgestaltung der Institutionen\nverbunden zu sein, sind sie nicht geeignet, ihrerseits auf der Ebene des Rechts ein\ngrundlegend neues Leitbild zu setzen.\n\n  ee) Die Entwicklung der Organarchitektur durch den Vertrag von Lissabon enthält         296\nnicht nur eine Stärkung von Beteiligungsrechten und verbessert nicht nur die Durchschaubarkeit des Entscheidens etwa bei der Gesetzgebungstätigkeit des Rates. Sie\nenthält auch Widersprüche, weil die Mitgliedstaaten mit dem Vertrag dem Baumuster\ndes Bundesstaates folgen, ohne die vertragliche und demokratische Grundlage dafür\nin der gleichen Wahl einer allein auf die Legitimationskraft eines Unionsvolks gestützten repräsentativen Volksvertretung und einer parlamentarischen europäischen Regierung schaffen zu können.\n\n Die Europäische Kommission ist bereits auf der Grundlage des geltenden Rechts in         297\ndie Funktion einer - mit Rat und Europäischem Rat geteilten - europäischen Regierung hineingewachsen. Es ist nicht ersichtlich, wie dieser Prozess der politischen\nVerselbständigung noch weiter gefördert werden könnte ohne die unmittelbare Rückbindung an eine gleichheitsgerechte Wahl durch den Demos, die die Abwahlmöglichkeit einschließt und dadurch politisch wirksam wird. Wenn sich die Verlagerung des\nSchwerpunkts politischer Gestaltung hin zur Kommission fortsetzte, wie es in konzeptionellen Vorschlägen für die Zukunft der Europäischen Union angestrebt wird,\nund die Wahl des Präsidenten der Kommission rechtlich wie faktisch allein durch das\nEuropäische Parlament erfolgte (vgl. Art. 17 Abs. 7 EUV-Lissabon), würde mit der\nWahl der Abgeordneten zugleich - über das heute bereits geregelte Maß hinaus -\n\n\n                                        83/123\n\nüber eine europäische Regierung entschieden. Für den Rechtszustand nach dem\nVertrag von Lissabon bestätigt diese Erwägung, dass das Handeln der Europäischen\nUnion ohne demokratische Rückbindung in den Mitgliedstaaten einer hinreichenden\nLegitimationsgrundlage entbehrt.\n\n  b) Als supranationale Organisation muss die Europäische Union in ihrer Kompetenzausstattung und Kompetenzausübung unverändert dem Prinzip der begrenzten\nund kontrolliert ausgeübten Einzelermächtigung genügen. Gerade nach dem Scheitern des europäischen Verfassungsprojekts ist mit dem Vertrag von Lissabon hinreichend deutlich geworden, dass dieses Verbundprinzip weiter gilt. Die Mitgliedstaaten\nbleiben die Herren der Verträge. Trotz einer weiteren Kompetenzausdehnung bleibt\nes bei dem Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung. Die Vertragsbestimmungen\nlassen sich so auslegen, dass sowohl die verfassungsrechtliche und politische Identität der volldemokratisch organisierten Mitgliedstaaten gewahrt bleibt als auch ihre\nVerantwortung für die grundlegende Richtung und Ausgestaltung der Unionspolitik.\nDie Bundesrepublik Deutschland bleibt auch nach einem Inkrafttreten des Vertrags\nvon Lissabon ein souveräner Staat und damit Rechtssubjekt des Völkerrechts. Die\ndeutsche Staatsgewalt einschließlich der verfassungsgebenden Gewalt ist in ihrer\nSubstanz geschützt (aa), das deutsche Staatsgebiet bleibt allein der Bundesrepublik\nDeutschland als Rechtssubjekt zugewiesen (bb), am Fortbestand des deutschen\nStaatsvolks bestehen keine Zweifel (cc).\n\n  aa) Die souveräne Staatsgewalt bleibt nach den Regeln über die Zuständigkeitsverteilung und -abgrenzung gewahrt (1). Die neuen primärrechtlichen Regelungen über\nVertragsänderungen stehen dem nicht entgegen (2). Der Fortbestand souveräner\nStaatsgewalt zeigt sich auch in dem Recht zum Austritt aus der Europäischen Union\n(3) und wird durch das dem Bundesverfassungsgericht zustehende Letztentscheidungsrecht (4) geschützt.\n\n (1) Die Verteilung und Abgrenzung der Zuständigkeiten der Europäischen Union            300\nvon denen der Mitgliedstaaten erfolgt nach dem Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung (a) und weiteren, auf konkrete Zuständigkeiten bezogenen Schutzmechanismen (b).\n\n  (a) Das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung ist ein Schutzmechanismus zur        301\nErhaltung mitgliedstaatlicher Verantwortung. Die Europäische Union ist nur insoweit\nfür einen Sachverhalt zuständig, wie sie diese Zuständigkeit von den Mitgliedstaaten\nübertragen bekommen hat. Die Mitgliedstaaten sind danach verfasster politischer Primärraum ihrer jeweiligen Gemeinwesen, die Europäische Union trägt sekundäre, das\nheißt delegierte Verantwortung für die ihr übertragenen Aufgaben. Der Vertrag von\nLissabon bestätigt das bereits geltende Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung\nausdrücklich: „Die Union wird nur innerhalb der Grenzen der Zuständigkeiten tätig,\ndie die Mitgliedstaaten ihr in den Verträgen zur Verwirklichung der darin niedergelegten Ziele übertragen haben“ (Art. 5 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 2 EUV-Lissabon; vgl.\nauch Art. 1 Abs. 1, Art. 3 Abs. 6, Art. 4 Abs. 1, Art. 48 Abs. 6 UAbs. 3 EUV-Lissabon;\n\n\n\n                                        84/123\n\nArt. 2 Abs. 1 und Abs. 2, Art. 4 Abs. 1, Art. 7, Art. 19, Art. 32, Art. 130, Art. 132\nAbs. 1, Art. 207 Abs. 6, Art. 337 AEUV; Erklärung Nr. 18 zur Abgrenzung der Zuständigkeiten; Erklärung Nr. 24 zur Rechtspersönlichkeit der Europäischen Union).\n\n  Ein formal ansetzender Schutzmechanismus ist die erstmalig vorgenommene Kategorisierung und Klassifizierung der Zuständigkeiten der Europäischen Union in ausschließliche und geteilte Zuständigkeiten sowie Zuständigkeiten für Unterstützungs-,\nKoordinierungs- oder Ergänzungsmaßnahmen (vgl. Rossi, Die Kompetenzverteilung\nzwischen der Europäischen Gemeinschaft und ihren Mitgliedstaaten, in: Scholz, Europa als Union des Rechts - Eine notwendige Zwischenbilanz im Prozeß der Vertiefung und Erweiterung, 1999, S. 196 <201>).\n\n Die durch diese Kategorisierung der Zuständigkeiten vermittelte Transparenz wird         303\nzwar dadurch eingeschränkt, dass die sowohl von den Mitgliedstaaten als auch von\nder Europäischen Union beanspruchten „parallelen“ Zuständigkeiten im Vertrag von\nLissabon nicht eindeutig einer Kategorie zugeordnet werden (vgl. Art. 2 Abs. 5\nUAbs. 1 und Art. 4 Abs. 3 und Abs. 4 AEUV), die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die Koordinierung der Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik außerhalb der drei Zuständigkeitskategorien stehen und die sogenannte Methode der offenen Koordinierung unerwähnt bleibt. Diese Abweichungen von dem\nsystematisierenden Grundansatz berühren jedoch das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung nicht und stellen nach Art und Umfang auch nicht das Ziel klarer Kompetenzabgrenzung in Frage.\n\n (b) Darüber hinaus sollen materiell-rechtliche Schutzmechanismen, insbesondere           304\nZuständigkeitsausübungsregeln, gewährleisten, dass die auf europäischer Ebene\nbestehenden Einzelermächtigungen in einer die mitgliedstaatlichen Zuständigkeiten\nschonenden Weise wahrgenommen werden. Zu den Zuständigkeitsausübungsregeln\nzählen das Gebot, die nationale Identität der Mitgliedstaaten zu achten (Art. 4 Abs. 2\nEUV-Lissabon), der Grundsatz der loyalen Zusammenarbeit (Art. 4 Abs. 3 EUV-Lissabon), der Grundsatz der Subsidiarität (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 EUV-Lissabon) und der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und\nAbs. 4 EUV-Lissabon). Diese Grundsätze werden durch den Vertrag von Lissabon\nbestätigt und teilweise inhaltlich präzisiert.\n\n  Der Subsidiaritätsgrundsatz wird zudem durch das Protokoll Nr. 2 über die Anwendung der Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit (Subsidiaritätsprotokoll) verfahrensmäßig verstärkt. Dies geschieht, indem die nationalen Parlamente durch ein sogenanntes Frühwarnsystem (Art. 12 Buchstabe b EUV-Lissabon,\nArt. 4 ff. des Subsidiaritätsprotokolls) in die Kontrolle der Beachtung des Subsidiaritätsgrundsatzes eingebunden werden, und durch eine entsprechende, die nationalen\nParlamente und den Ausschuss der Regionen einschließende Erweiterung des Kreises der Antragsberechtigten für eine Nichtigkeitsklage vor dem Gerichtshof der Europäischen Union. Die Effektivität dieses Mechanismus hängt davon ab, inwieweit sich\ndie nationalen Parlamente organisatorisch darauf einrichten können, den Mechanis-\n\n\n\n                                        85/123\n\nmus innerhalb der kurzen Frist von acht Wochen sinnvoll zu nutzen (vgl. Mellein,\nSubsidiaritätskontrolle durch nationale Parlamente, 2007, S. 269 ff.). Es wird auch\ndarauf ankommen, ob das Klagerecht der nationalen Parlamente und des Ausschusses der Regionen auf die der Überprüfung des Subsidiaritätsgrundsatzes vorgelagerte Frage erstreckt wird, ob die Europäische Union über eine Zuständigkeit für\ndas konkrete Rechtssetzungsvorhaben verfügt (vgl. Wuermeling, Kalamität Kompetenz: Zur Abgrenzung der Zuständigkeiten in dem Verfassungsentwurf des EU-Konvents, EuR 2004, S. 216 <225>; von Danwitz, Der Mehrwert gemeinsamen Handelns, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23. Oktober 2008, S. 8).\n\n  (2) Die verfassungsrechtlich allein mögliche kontrollierte und verantwortbare Übertragung von Hoheitsrechten auf die Europäische Union wird auch durch einzelne Vorschriften des Vertrags von Lissabon nicht in Frage gestellt. Die Organe der Europäischen Union dürfen weder im Rahmen des ordentlichen (a) und vereinfachten\nVertragsänderungsverfahrens (b) noch über die sogenannten Brückenklauseln (c)\noder die Flexibilitätsklausel (d) selbsttätig die vertraglichen Grundlagen der Europäischen Union und die Zuständigkeitsordnung gegenüber den Mitgliedstaaten ändern.\n\n  (a) Das ordentliche Änderungsverfahren für die vertraglichen Grundlagen der Europäischen Union (Art. 48 Abs. 2 bis Abs. 5 EUV-Lissabon) entspricht dem klassischen\nÄnderungsverfahren vergleichbarer multilateraler Vertragswerke. Eine Konferenz der\nVertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten, die vom Präsidenten des Rates einberufen wird, ist zuständig, Vertragsänderungen zu vereinbaren. Diese Änderungen\ntreten aber nur in Kraft, nachdem sie von allen Mitgliedstaaten - nach Maßgabe ihrer\nverfassungsrechtlichen Vorgaben - ratifiziert worden sind (Art. 48 Abs. 4 UAbs. 2\nEUV-Lissabon). Der Vertrag von Lissabon stellt klar, dass solche Vertragsänderungen eine Ausdehnung oder eine Verringerung der in den Verträgen übertragenen Zuständigkeiten der Europäischen Union zum Ziel haben können (Art. 48 Abs. 2 Satz 2\nEUV-Lissabon).\n\n  Dass diesem klassischen Vertragsänderungsverfahren ein aus dem europäischen             308\nIntegrationsprozess heraus entstandenes Verfahren vorgelagert ist, nach dem im Regelfall ein wiederum maßgeblich dem Grundsatz der Staatengleichheit gehorchender\nKonvent von Vertretern der nationalen Parlamente, der Staats- und Regierungschefs\nder Mitgliedstaaten, des Europäischen Parlaments und der Kommission beteiligt wird\n(Art. 48 Abs. 3 UAbs. 1 EUV-Lissabon), verändert diese Rechtslage nicht. Das Konventsverfahren tritt zu dem völkerrechtlichen Änderungsverfahren, in dessen Mittelpunkt die Mitgliedstaaten stehen, hinzu und trägt dadurch den institutionellen Besonderheiten der Europäischen Union Rechnung. Der Konvent erarbeitet die\nÄnderungsentwürfe und nimmt im Konsensverfahren eine an die Konferenz der Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten gerichtete Empfehlung an (Art. 48 Abs. 3\nUAbs. 1 Satz 3 EUV-Lissabon). Dies ist verfassungsrechtlich unbedenklich, solange\ndie Mitgliedstaaten rechtlich an die Ergebnisse des Konvents nicht gebunden sind\nund frei darüber entscheiden können, welche Vertragsänderungen sie letztendlich\nvölkerrechtlich vereinbaren wollen (vgl. Art. 48 Abs. 4 EUV-Lissabon).\n\n\n                                        86/123\n\n (b) (aa) Der Vertrag von Lissabon führt zusätzlich ein vereinfachtes Vertragsänderungsverfahren ein (Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon). Während Vertragsänderungen im\nordentlichen Verfahren - gegebenenfalls nach Einsetzung des Konvents - durch eine\nRegierungskonferenz vereinbart werden müssen und die Ratifikation durch alle Mitgliedstaaten erfordern, sieht das vereinfachte Änderungsverfahren lediglich einen\nBeschluss des Europäischen Rates vor, der nach „Zustimmung aller Mitgliedstaaten\nim Einklang mit ihren verfassungsrechtlichen Vorschriften“ in Kraft tritt (Art. 48 Abs. 6\nUAbs. 2 EUV-Lissabon). Ausdrücklich wird klargestellt, dass der Beschluss des Europäischen Rates nicht zu einer Ausdehnung der der Union im Rahmen der Verträge\nübertragenen Zuständigkeiten führen darf (Art. 48 Abs. 6 UAbs. 3 EUV-Lissabon).\nDie Differenzierung nach ordentlichem und vereinfachtem Vertragsänderungsverfahren zeigt, dass grundlegende Änderungen dem ordentlichen Verfahren vorbehalten\nsind, weil mit der als Regelfall vorgesehenen Konventsmethode ein höherer Legitimationsgrad erreicht werden soll. Gleichwohl kann der Europäische Rat auch im ordentlichen Verfahren mit einfacher Mehrheit und nach Zustimmung des Europäischen Parlaments beschließen, keinen Konvent einzuberufen, wenn dies aufgrund\ndes Umfangs der geplanten Vertragsänderungen nicht gerechtfertigt ist (Art. 48\nAbs. 3 UAbs. 2 EUV-Lissabon).\n\n Das vereinfachte Vertragsänderungsverfahren, das die bisherigen Verträge nur in            310\neinzelnen Bestimmungen ermöglichen (siehe Art. 17 Abs. 1 EUV - Einführung einer\nGemeinsamen Verteidigung; Art. 42 EUV - Anwendbarkeit von Titel IV des Vertrags\nzur Gründung der Europäischen Gemeinschaft auf die Polizeiliche und Justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen; Art. 22 Abs. 2 EGV - Erweiterung der Rechte der Unionsbürger; Art. 190 Abs. 4 EGV - Einführung eines einheitlichen Wahlverfahrens zum\nEuropäischen Parlament; Art. 269 Abs. 2 EGV - Festlegung der Eigenmittel der Europäischen Gemeinschaft), ist nach dem Vertrag von Lissabon anwendbar für die Änderungen von Bestimmungen über die internen Politikbereiche in Teil III des Vertrags\nüber die Arbeitsweise der Europäischen Union (Art. 48 Abs. 6 UAbs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon).\n\n Die Tragweite der Ermächtigung zur Änderung von Bestimmungen des Teils III des             311\nVertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union ist nur eingeschränkt bestimmbar und in materieller Hinsicht für den deutschen Gesetzgeber kaum vorhersehbar. Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon eröffnet dem Europäischen Rat einen weiten\nHandlungsfreiraum für primärrechtliche Änderungen. Der mögliche Inhalt zukünftiger\nÄnderungen im Bereich der insgesamt 172 Artikel umfassenden internen Politikbereiche - darunter der Binnenmarkt sowie die Wirtschafts- und Währungsunion - ist allein\ndurch das Verbot begrenzt, bereits übertragene Zuständigkeiten der Europäischen\nUnion auszudehnen (Art. 48 Abs. 6 UAbs. 3 EUV-Lissabon).\n\n  Das Bundesverfassungsgericht hat bereits in seinem Urteil zum Vertrag von Maastricht entschieden, dass primärrechtliche Änderungen auch durch ein abgekürztes\nVerfahren vorgenommen werden können, wenn die Mitgliedstaaten gemäß ihren verfassungsrechtlichen Vorschriften zustimmen (vgl. BVerfGE 89, 155 <199>). Die im\n\n\n                                         87/123\n\nVergleich zu Art. 48 Abs. 4 UAbs. 2 EUV-Lissabon abweichende Formulierung über\ndie notwendige Zustimmung der Mitgliedstaaten im Einklang mit ihren jeweiligen\nverfassungsrechtlichen Vorschriften bedeutet allerdings nicht, dass sich die innerstaatlichen Anforderungen an die Ratifikation von „einfachen“ im Gegensatz zu „ordentlichen“ Vertragsänderungen verringern. Auch die „Zustimmung“ der Bundesrepublik Deutschland im vereinfachten Änderungsverfahren nach Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon setzt stets ein Gesetz im Sinne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG als lex specialis zu Art. 59 Abs. 2 GG voraus (vgl. BVerfGE 89, 155 <199>; zum Verweis auf die innerstaatlichen Ratifikationserfordernisse siehe auch die Entscheidung Nr. 2007-560\nDC des Conseil constitutionnel vom 20. Dezember 2007, Nr. 26 ff.). Der Bezug eines\nBeschlusses nach Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon zur Zuständigkeitsordnung der Europäischen Union zwingt dazu, das vereinfachte Änderungsverfahren generell wie eine Übertragung von Hoheitsrechten im Sinne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG zu behandeln (vgl. auch Pernice, in: Dreier, GG, Bd. II, 2. Aufl. 2006, Art. 23 Rn. 86), ohne\ndass es einer näheren Eingrenzung der möglichen Änderungen bedarf. Änderungen\nder Verträge, durch die das Grundgesetz seinem Inhalt nach geändert oder ergänzt\nwird oder solche Änderungen oder Ergänzungen ermöglicht werden, machen die Zustimmung von zwei Dritteln der Mitglieder des Deutschen Bundestages und zwei Dritteln der Stimmen des Bundesrates erforderlich (Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung\nmit Art. 79 Abs. 2 GG; vgl. BVerfGE 89, 155 <199>).\n\n (bb) Den Verträgen werden durch den Vertrag von Lissabon weitere Bestimmungen             313\neingefügt, die Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon nachgebildet sind, aber auf einen bestimmten Sachbereich begrenzt und durch den Vertrag von Lissabon erweitert werden (vgl. Art. 42 Abs. 2 UAbs. 1 EUV-Lissabon - Einführung einer Gemeinsamen\nVerteidigung; Art. 25 Abs. 2 AEUV - Erweiterung der Rechte der Unionsbürger;\nArt. 218 Abs. 8 UAbs. 2 Satz 2 AEUV - Beitritt der Europäischen Union zur EMRK;\nArt. 223 Abs. 1 UAbs. 2 AEUV - Einführung eines einheitlichen Wahlverfahrens zum\nEuropäischen Parlament; Art. 262 AEUV - Zuständigkeit der Europäischen Union zur\nSchaffung europäischer Rechtstitel für geistiges Eigentum; Art. 311 Abs. 3 AEUV -\nFestlegung der Eigenmittel der Europäischen Union).\n\n Die verfassungsrechtlichen Erwägungen zum vereinfachten Änderungsverfahren                314\ngelten auch für diese in einzelnen Vertragsbestimmungen enthaltenen Vertragsänderungsverfahren, soweit Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG nicht ohnehin bereits deshalb anwendbar ist, weil die Änderungsvorschriften kein Art. 48 Abs. 6 UAbs. 3 EUV-Lissabon entsprechendes Verbot enthalten, die im Rahmen der Verträge\nübertragenen Zuständigkeiten der Europäischen Union auszudehnen.\n\n (c) Neben dem ordentlichen und dem vereinfachten Änderungsverfahren sieht der             315\nVertrag von Lissabon als weiteres Vertragsänderungsverfahren das sogenannte allgemeine Brückenverfahren vor (Art. 48 Abs. 7 EUV-Lissabon). Darüber hinaus enthält der Vertrag von Lissabon in einzelnen Vertragsbestimmungen spezielle Brückenklauseln (vgl. Art. 31 Abs. 3 EUV-Lissabon - Beschlüsse über die Gemeinsame\nAußen- und Sicherheitspolitik in anderen als den in Art. 31 Abs. 2 EUV-Lissabon ge-\n\n\n                                         88/123\n\nnannten Fällen; Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2 und UAbs. 3 AEUV - Maßnahmen zum Familienrecht mit grenzüberschreitendem Bezug; Art. 153 Abs. 2 UAbs. 4 AEUV - Maßnahmen in den Bereichen Schutz der Arbeitnehmer bei Beendigung des Arbeitsvertrags, Vertretung und kollektive Wahrnehmung der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen sowie Beschäftigungsbedingungen der Staatsangehörigen dritter Länder;\nArt. 192 Abs. 2 UAbs. 2 AEUV - Maßnahmen im Bereich der Umweltpolitik; Art. 312\nAbs. 2 UAbs. 2 AEUV - Festlegung des mehrjährigen Finanzrahmens; Art. 333\nAbs. 1 und Abs. 2 AEUV - Abstimmungsverfahren im Rahmen der Verstärkten Zusammenarbeit gemäß Art. 326 ff. AEUV). Mit dem Brückenverfahren können die Abstimmungsmodalitäten im Rat und das anzuwendende Gesetzgebungsverfahren geändert werden.\n\n  Nach der allgemeinen und den speziellen Brückenklauseln kann der Europäische             316\nRat oder der Rat beschließen, dass der Rat in einem Bereich oder in einem bestimmten Fall mit qualifizierter Mehrheit statt mit Einstimmigkeit beschließt (Art. 48 Abs. 7\nUAbs. 1 Satz 1 EUV-Lissabon; Art. 31 Abs. 3 EUV-Lissabon; Art. 312 Abs. 2\nUAbs. 2, Art. 333 Abs. 1 AEUV) oder dass Gesetzgebungsakte im Anwendungsbereich des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union nach dem ordentlichen statt nach dem besonderen Gesetzgebungsverfahren erlassen werden (Art. 48\nAbs. 7 UAbs. 2 EUV-Lissabon; Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2, Art. 153 Abs. 2 UAbs. 4,\nArt. 192 Abs. 2 UAbs. 2, Art. 333 Abs. 2 AEUV). Auch der Übergang vom besonderen zum ordentlichen Gesetzgebungsverfahren hat in der überwiegenden Zahl der\nFälle zur Folge, dass im Rat nicht mehr einstimmig, sondern mit qualifizierter Mehrheit entschieden wird (vgl. Art. 289 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 294 Abs. 8 und\nAbs. 13 AEUV). Beschlüsse mit militärischen oder verteidigungspolitischen Bezügen\nwerden von der Möglichkeit, im Rat auf die Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit\nüberzugehen, ausdrücklich ausgenommen (Art. 31 Abs. 4, Art. 48 Abs. 7 UAbs. 1\nSatz 2 EUV-Lissabon). Der Europäische Rat oder der Rat entscheiden über die Vertragsänderung einstimmig und - im Anwendungsbereich der allgemeinen Brückenklausel - nach Zustimmung des Europäischen Parlaments (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 4\nEUV-Lissabon). Zusätzlich sehen sowohl die allgemeine Brückenklausel als auch die\nspezielle Brückenklausel im Bereich des Familienrechts mit grenzüberschreitendem\nBezug die Beteiligung der nationalen Parlamente vor. Jedes nationale Parlament\nkann den Beschlussvorschlag des Europäischen Rates oder des Rates innerhalb von\nsechs Monaten nach der Übermittlung ablehnen mit der Folge, dass der Beschluss\nauf europäischer Ebene nicht erlassen werden darf (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon; Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV).\n\n Anders als das vereinfachte Vertragsänderungsverfahren nach Art. 48 Abs. 6 EUV-           317\nLissabon ermöglichen die allgemeine und die speziellen Brückenklauseln Vertragsänderungen nur im Hinblick auf die beiden dargestellten Verfahrensvorschriften im\nVertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union und im Titel V des Vertrags\nüber die Europäische Union. Darüber hinaus besitzen der Europäische Rat oder der\nRat keinen Gestaltungsfreiraum. Da die Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit im\n\n\n\n                                         89/123\n\nRat und das ordentliche Gesetzgebungsverfahren nach dem Vertrag von Lissabon\ndie Regelverfahren für die Rechtssetzung sind (Art. 16 Abs. 1 und Abs. 3; Art. 14\nAbs. 1 EUV-Lissabon, Art. 289 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 294 AEUV), ist der Gesamtumfang, in dem der Einfluss des deutschen Vertreters im Rat durch die Einführung der qualifizierten Mehrheit abnimmt, zumindest allgemein erkennbar. Nicht möglich ist aber eine vollständige Betätigung der Integrationsverantwortung im Hinblick\nauf die Frage, ob das demokratische Legitimationsniveau der Unionsgewalt dem Umfang der übertragenen Zuständigkeiten und vor allem des im Brückenverfahren erhöhten Grades der Verselbständigung europäischer Entscheidungsverfahren noch\nentspricht.\n\n Der mit der Ausübung der allgemeinen und speziellen Brückenklauseln einhergehende Verlust des deutschen Einflusses im Rat muss in dem Zeitpunkt der Ratifikation des Vertrags von Lissabon durch den deutschen Gesetzgeber auch für Einzelfälle\nvorhersehbar sein. Nur in diesem Fall ist die vorverlagerte Zustimmung des Mitgliedstaates zu einer späteren Vertragsänderung ausreichend demokratisch legitimiert.\nDie in den Brückenklauseln für die Änderung der Verfahrensvorschriften vorausgesetzte Einstimmigkeit im Europäischen Rat oder Rat bietet hierfür keine ausreichende Gewähr, weil für die mitgliedstaatlichen Vertreter im Europäischen Rat oder Rat\nwomöglich nicht immer hinreichend erkennbar ist, in welchem Umfang dadurch für\nzukünftige Fälle auf die mitgliedstaatliche Vetomöglichkeit im Rat verzichtet wird.\nÜber das Erfordernis der Einstimmigkeit im Europäischen Rat oder Rat hinaus stellen\ndie Brückenklauseln unterschiedliche verfahrensrechtliche Anforderungen. Im Gegensatz zu der allgemeinen Brückenklausel in Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon\nsehen die speziellen Brückenklauseln - mit Ausnahme von Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3\nAEUV - kein Ablehnungsrecht der mitgliedstaatlichen Parlamente vor.\n\n Soweit die allgemeine Brückenklausel des Art. 48 Abs. 7 EUV-Lissabon den Übergang vom Einstimmigkeitsprinzip zum qualifizierten Mehrheitsprinzip in der Beschlussfassung des Rates oder den Übergang vom besonderen zum ordentlichen\nGesetzgebungsverfahren ermöglicht, handelt es sich um eine nach Art. 23 Abs. 1\nSatz 2 GG zu beurteilende primärrechtliche Änderung der Verträge. Bereits in dem\nUrteil zum Vertrag von Maastricht hat das Bundesverfassungsgericht gegenüber der\ndort erhobenen „Entstaatlichungsrüge“ in dem für den Grundrechtsträger zentralen\nBereich der Innen- und Rechtspolitik darauf hingewiesen, dass in der „Dritten Säule“\nnur einstimmig entschieden und durch diese Beschlüsse kein in den Mitgliedstaaten\nunmittelbar anwendbares und Vorrang beanspruchendes Recht gesetzt werde (vgl.\nBVerfGE 89, 155 <176>). Der Vertrag von Lissabon überführt nun aber genau diesen\nBereich in die supranationale Unionsgewalt, indem er vorsieht, dass durch Beschluss\ndes Europäischen Rates im allgemeinen Brückenverfahren zwar mit einem Ablehnungsrecht der nationalen Parlamente, jedoch ohne mitgliedstaatlichen Ratifikationsvorbehalt Sachbereiche von der Einstimmigkeit in den qualifizierten Mehrheitsentscheid oder vom besonderen in das ordentliche Gesetzgebungsverfahren übertragen\nwerden können. Damit wird die zitierte rechtfertigende Argumentation aus dem Urteil\n\n\n\n                                       90/123\n\nzum Vertrag von Maastricht im Kern berührt. Das Ablehnungsrecht der nationalen\nParlamente (Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon) ist kein ausreichendes Äquivalent zum Ratifikationsvorbehalt; eine Zustimmung des deutschen Regierungsvertreters im Europäischen Rat erfordert deshalb in Deutschland jeweils ein Gesetz im\nSinne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 und gegebenenfalls Satz 3 GG. Erst auf diese Weise betätigen die deutschen Gesetzgebungsorgane jeweils ihre Integrationsverantwortung und entscheiden auch über die Frage, ob das demokratische Legitimationsniveau jeweils noch ausreichend hoch ist, um die Mehrheitsentscheidung zu\nakzeptieren. Der deutsche Regierungsvertreter im Europäischen Rat darf einer Vertragsänderung durch Anwendung der allgemeinen Brückenklausel nur zustimmen,\nwenn der Deutsche Bundestag und der Bundesrat innerhalb einer noch auszugestaltenden Frist, die an die Zwecksetzung des Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon angelehnt ist, ein Gesetz nach Art. 23 Abs. 1 GG erlassen haben. Dies gilt ebenso für\nden Fall, dass von der speziellen Brückenklausel nach Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2 AEUV\nGebrauch gemacht wird.\n\n  Ein Gesetz im Sinne des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG ist nicht erforderlich, soweit spezielle Brückenklauseln sich auf Sachbereiche beschränken, die durch den Vertrag\nvon Lissabon bereits hinreichend bestimmt sind. Auch in diesen Fällen obliegt es allerdings dem Bundestag und, soweit die Gesetzgebungsbefugnisse der Länder betroffen sind, dem Bundesrat die Integrationsverantwortung in anderer geeigneter\nWeise wahrzunehmen. Das Vetorecht im Rat darf auch bei sachlich in den Verträgen\nbereits bestimmten Gegenständen nicht ohne Beteiligung der zuständigen Gesetzgebungsorgane aufgegeben werden. Der deutsche Regierungsvertreter im Europäischen Rat oder Rat darf deshalb einer Änderung des Primärrechts durch Anwendung\neiner der speziellen Brückenklauseln nur dann für die Bundesrepublik Deutschland\nzustimmen, wenn der Deutsche Bundestag und, soweit die Regelungen über die Gesetzgebung dies erfordern, der Bundesrat innerhalb einer noch auszugestaltenden\nFrist, die an die Zwecksetzung des Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon angelehnt\nist, ihre Zustimmung zu diesem Beschluss erteilt haben (vgl. hierzu auch den konstitutiven Parlamentsvorbehalt nach Section 6 des britischen European Union <Amendment> Act 2008 <c. 7>, der allerdings nicht fristgebunden ist). Mit dem verfassungsrechtlichen Erfordernis einer parlamentarischen Entscheidung wäre es unvereinbar,\nwenn die konkrete Ausgestaltung des Fristerfordernisses ein mögliches Schweigen\nder gesetzgebenden Körperschaften als Zustimmung verstehen würde. Unter Einhaltung dieser Voraussetzung können die entsprechenden Bestimmungen des Vertrags\nvon Lissabon in Deutschland angewendet werden.\n\n Diese verfassungsrechtliche Anforderung gilt für die Anwendung von Art. 31 Abs. 3       321\nEUV-Lissabon, Art. 312 Abs. 2 UAbs. 2 und Art. 333 Abs. 1 AEUV, die den Übergang\nvon der Einstimmigkeit zur qualifizierten Mehrheit erlauben. Sie ist aber auch auf die\nVertragsbestimmungen zu erstrecken, die wie Art. 153 Abs. 2 UAbs. 4, Art. 192\nAbs. 2 UAbs. 2 und Art. 333 Abs. 2 AEUV den Übergang vom besonderen zum ordentlichen Gesetzgebungsverfahren zum Gegenstand haben, da auch in diesen Fäl-\n\n\n\n                                        91/123\n\nlen der Rat nicht mehr einstimmig, sondern mit qualifizierter Mehrheit entscheiden\nkann (vgl. Art. 289 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 294 Abs. 8 und Abs. 13 AEUV).\n\n  (d) Der Vertrag von Lissabon stattet die Europäische Union schließlich nicht mit Vorschriften aus, die dem europäischen Integrationsverband die Kompetenz-Kompetenz\nverschaffen. Sowohl Art. 311 Abs. 1 AEUV (aa) als auch Art. 352 AEUV (bb) können\nin einer Weise ausgelegt werden, dass das in den Vorschriften in Aussicht genommene Integrationsprogramm durch die deutschen Gesetzgebungsorgane noch vorhersehbar und bestimmbar ist.\n\n  (aa) Die Europäische Union stattet sich nach Art. 311 Abs. 1 AEUV mit den erforderlichen Mitteln aus, um ihre Ziele erreichen und ihre Politik durchführen zu können.\nDie Vorschrift ist identisch mit Art. 6 Abs. 4 EUV, der durch den Vertrag von Maastricht unter der Bezeichnung Art. F Abs. 3 in das Primärrecht eingeführt worden war.\nDas Bundesverfassungsgericht ist in seiner Entscheidung zum Vertrag von Maastricht nach umfassender Auslegung der Entstehungsgeschichte der Vorschrift zu\ndem Ergebnis gekommen, dass Art. F Abs. 3 EUV die Europäische Union nicht ermächtige, sich aus eigener Macht die Finanzmittel und sonstigen Handlungsmittel zu\nverschaffen, die sie zur Erfüllung ihrer Zwecke für erforderlich erachte (BVerfGE 89,\n155 <194 ff.>; vgl. auch Puttler, in: Calliess/Ruffert, EUV/EGV, 3. Aufl. 2007, Art. 6\nEUV Rn. 59 f.; Hilf/Schorkopf, in: Grabitz/Hilf/Nettesheim, Das Recht der Europäischen Union, Bd. I <EUV/EGV>, 37. Ergänzungslieferung, November 2008, Art. 6\nEUV Rn. 113).\n\n Art. 311 Abs. 1 AEUV ist auch weiterhin als eine politisch-programmatische Absichtserklärung zu verstehen, die keine Zuständigkeit der Europäischen Union und\ndamit erst recht keine Kompetenz-Kompetenz derselben begründet (vgl. BVerfGE\n89, 155 <194>). Die Ausstattung der Europäischen Union mit den zur Erreichung ihrer Ziele und zur Durchführung ihrer Politiken erforderlichen Mitteln muss im Rahmen\nder vorhandenen Zuständigkeiten erfolgen. Die durch den Vertrag von Lissabon begründete neue Systematik der Vorschrift bestätigt die Auslegung, dass sich die Vorschrift nur auf finanzielle Mittel der Europäischen Union, nicht aber zusätzlich auf die\nHandlungsmittel bezieht.\n\n (bb) Eine rechtliche Regelungswirkung hat hingegen Art. 352 AEUV, der die bestehenden Zuständigkeiten der Europäischen Union zielgebunden abrunden soll (vgl.\nzum früheren Art. 235 EWGV BVerfGE 89, 155 <210>). Der Vertrag von Lissabon\nübernimmt diese Vorschrift - mit Änderungen im Hinblick auf den Anwendungsbereich und die verfahrensrechtlichen Voraussetzungen - aus dem bestehenden Primärrecht (jetzt Art. 308 EGV).\n\n  Art. 352 AEUV begründet nicht nur eine Handlungszuständigkeit für die Europäische Union, sondern lockert zugleich das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung. Denn ein Tätigwerden der Europäischen Union soll in einem vertraglich festgelegten Politikbereich auch dann möglich sein, wenn eine konkrete Zuständigkeit nicht\nvorhanden, ein Tätigwerden der Europäischen Union aber erforderlich ist, um die Zie-\n\n\n                                         92/123\n\nle der Verträge zu erreichen (Art. 352 Abs. 1 AEUV).\n\n  Nach der bisherigen Rechtslage erschien Art. 308 EGV als „Vertragsabrundungskompetenz“ (vgl. BVerfGE 89, 155 <210>), die eine „vertragsimmanente Fortentwicklung“ des Unionsrechts „unterhalb der förmlichen Vertragsänderung“ ermöglichte\n(vgl. Oppermann, Europarecht, 3. Aufl. 2005, § 6 Rn. 68). Die durch den Vertrag von\nLissabon bewirkten Änderungen müssen zu einer Neubewertung der Vorschrift führen. Art. 352 AEUV ist nicht mehr auf die Zielverwirklichung im Rahmen des Gemeinsamen Marktes beschränkt, sondern nimmt nunmehr auf die „in den Verträgen festgelegten Politikbereiche“ (Art. 352 Abs. 1 AEUV) mit Ausnahme der Gemeinsamen\nAußen- und Sicherheitspolitik (Art. 352 Abs. 4 AEUV) Bezug. Die Vorschrift kann also\ndazu dienen, im nahezu gesamten Anwendungsbereich des Primärrechts eine Zuständigkeit zu schaffen, die ein Handeln auf europäischer Ebene ermöglicht. Diese\nErweiterung des Anwendungsbereichs wird teilweise durch verfahrensrechtliche Absicherungen kompensiert. So setzt die Inanspruchnahme der Flexibilitätsklausel weiterhin einen einstimmigen Beschluss des Rates auf Vorschlag der Kommission voraus, dem nunmehr das Europäische Parlament zustimmen muss (Art. 352 Abs. 1\nSatz 1 AEUV). Außerdem wird die Kommission verpflichtet, die mitgliedstaatlichen\nParlamente im Rahmen der Subsidiaritätskontrolle über entsprechende Rechtssetzungsvorschläge zu informieren (Art. 352 Abs. 2 AEUV). Ein solcher Rechtssetzungsvorschlag darf ferner nicht mitgliedstaatliche Rechtsvorschriften harmonisieren, wenn die Verträge im Übrigen eine solche Harmonisierung ausschließen\n(Art. 352 Abs. 3 AEUV). Eine Zustimmung der Mitgliedstaaten im Einklang mit ihren\njeweiligen verfassungsrechtlichen Vorschriften gehört nicht zu den Voraussetzungen\nfür das Inkrafttreten des Beschlusses.\n\n  Die Vorschrift stößt im Hinblick auf das Verbot zur Übertragung von Blankettermächtigungen oder zur Übertragung der Kompetenz-Kompetenz auf verfassungsrechtliche Bedenken, weil es die neu gefasste Regelung ermöglicht, Vertragsgrundlagen der Europäischen Union substantiell zu ändern, ohne dass über die\nmitgliedstaatlichen Exekutiven hinaus gesetzgebende Organe konstitutiv beteiligt\nwerden müssen (vgl. zur Abgrenzung der Zuständigkeiten Erklärung von Laeken zur\nZukunft der Europäischen Union vom 15. Dezember 2001, Bulletin EU 12-2001, I.27\n<Anlage I>). Die in Art. 352 Abs. 2 AEUV vorgesehene Pflicht zur Information der nationalen Parlamente kann hieran nichts ändern; denn die Kommission muss die nationalen Parlamente nur auf einen entsprechenden Rechtssetzungsvorschlag aufmerksam machen. In Anbetracht der Unbestimmtheit möglicher Anwendungsfälle der\nFlexibilitätsklausel setzt ihre Inanspruchnahme verfassungsrechtlich die Ratifikation\ndurch den Deutschen Bundestag und den Bundesrat auf der Grundlage von Art. 23\nAbs. 1 Satz 2 und Satz 3 GG voraus. Der deutsche Vertreter im Rat darf die förmliche\nZustimmung zu einem entsprechenden Rechtssetzungsvorschlag der Kommission\nfür die Bundesrepublik Deutschland nicht erklären, solange diese verfassungsrechtlich gebotenen Voraussetzungen nicht erfüllt sind.\n\n\n\n\n                                       93/123\n\n  (3) Das mit dem Zustimmungsgesetz erfasste Vertragswerk macht das bestehende         329\nVerbundprinzip im System verantwortlicher Hoheitsrechtsübertragung unter Fortbestand der Souveränität der Mitgliedstaaten deutlich und genügt damit verfassungsrechtlichen Anforderungen. Der Vertrag von Lissabon macht erstmals das bestehende Recht jedes Mitgliedstaates zum Austritt aus der Europäischen Union im\nPrimärrecht sichtbar (Art. 50 EUV-Lissabon). Dieses Austrittsrecht unterstreicht die\nSouveränität der Mitgliedstaaten und zeigt ebenfalls, dass mit dem derzeitigen Entwicklungsstand der Europäischen Union die Grenze zum Staat im Sinne des Völkerrechts nicht überschritten ist (vgl. Jouanjan, Monodisziplinäre Stellungnahmen, in:\nKreis, Der Beitrag der Wissenschaften zur künftigen Verfassung der EU, 2003, S. 12\n<16>). Kann ein Mitgliedstaat aufgrund einer selbstverantworteten Entscheidung\naustreten, ist der europäische Integrationsprozess nicht unumkehrbar. Die Mitgliedschaft der Bundesrepublik Deutschland hängt vielmehr von ihrem dauerhaften und\nfortbestehenden Willen ab, der Europäischen Union anzugehören. Die rechtlichen\nGrenzen dieses Willens richten sich nach dem Grundgesetz.\n\n  Jeder Mitgliedstaat kann auch gegen den Willen der anderen Mitgliedstaaten aus       330\nder Europäischen Union austreten (vgl. Art. 54 Buchstabe a des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge <Wiener Vertragsrechtsübereinkommen> vom 23.\nMai 1969, BGBl 1985 II S. 926 ff.). Die Entscheidung, auszutreten, muss nicht zwingend durch ein Austrittsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem betreffenden Mitgliedstaat umgesetzt werden. Für den Fall, dass ein Abkommen nicht\nzustandekommt, wird der Austritt zwei Jahre nach Mitteilung der Austrittsentscheidung wirksam (Art. 50 Abs. 3 EUV-Lissabon). Das Austrittsrecht kann auch ohne weitere Bindungen ausgeübt werden, weil der austrittswillige Mitgliedstaat seine Entscheidung nicht begründen muss. Art. 50 Abs. 1 EUV-Lissabon verweist lediglich\ndarauf, dass der Austritt des Mitgliedstaates „im Einklang mit seinen verfassungsrechtlichen Vorschriften“ erfolgen muss. Ob diese im Einzelfall eingehalten wurden,\nkann jedoch nur durch den Mitgliedstaat selbst, nicht aber durch die Europäische\nUnion oder die anderen Mitgliedstaaten überprüft werden.\n\n  (4) Mit der dem Vertrag von Lissabon beigefügten Erklärung Nr. 17 zum Vorrang erkennt die Bundesrepublik Deutschland keinen verfassungsrechtlich bedenklichen unbedingten Geltungsvorrang des Unionsrechts an, sondern bestätigt allein die geltende Rechtslage in der bisherigen Auslegung durch das Bundesverfassungsgericht.\nDie Behauptung des Beschwerdeführers zu III., dass mit der Zustimmung zum Vertrag von Lissabon der Sache nach der im gescheiterten Verfassungsvertrag geplante\n„uneingeschränkte“ Vorrang des von den Organen der Union gesetzten Rechts vor\ndem Recht der Mitgliedstaaten zum Vertragsinhalt würde und damit im Ergebnis ein\nunzulässiger bundesstaatlicher Geltungsvorrang bis hin zur Derogation entgegenstehenden mitgliedstaatlichen Verfassungsrechts eingeräumt würde, ist unzutreffend.\nUnzutreffend ist auch die Annahme, dass wegen flächendeckender Kompetenzgewinne die Einhaltung des Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung durch die Europäische Union und die damit verbundenen Rechtswirkungen in Deutschland prak-\n\n\n\n                                       94/123\n\ntisch nicht mehr durch das Bundesverfassungsgericht überprüfbar wären und es\nnicht mehr möglich wäre, die verfassungsrechtliche Identität und den deutschen\nGrundrechtsschutz in der Substanz zu wahren (so aber Murswiek, Die heimliche Entwicklung des Unionsvertrages zur europäischen Oberverfassung, NVwZ 2009, S.\n481 ff.).\n\n  Da es beim Vorrang kraft verfassungsrechtlicher Ermächtigung verbleibt, können        332\nauch die in Art. 2 EUV-Lissabon normierten Werte, deren Rechtscharakter hier keiner\nKlärung bedarf, im Kollisionsfall keinen Vorrang gegenüber der von Art. 4 Abs. 2\nSatz 1 EUV-Lissabon geschützten und verfassungsrechtlich über die Identitätskontrolle nach Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG abgesicherten\nVerfassungsidentität der Mitgliedstaaten beanspruchen. Die Werte des Art. 2 EUV-Lissabon, die teilweise bereits als Grundsätze im geltenden Art. 6 Abs. 1 EUV enthalten sind, verschaffen dem europäischen Integrationsverband keine Kompetenz-Kompetenz, sodass auch insoweit das Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung\nfortgilt.\n\n  (a) Das europäische Vertragswerk hat die Auslegung sowohl des Primärrechts wie        333\ndes Sekundärrechts der eigenen europäischen Gerichtsbarkeit zugewiesen. Der Gerichtshof und das Gericht erster Instanz sichern auf der Grundlage des geltenden\nVertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft und - zu einem geringeren\nTeil - des Vertrags über die Europäische Union im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeiten die Wahrung des Rechts bei der Auslegung der Verträge (Art. 220 EGV;\nArt. 35 EUV). Im Rahmen der Vorabentscheidung steht es dem Gerichtshof zu, über\ndie Auslegung des Vertrags und über die Gültigkeit und die Auslegung der Handlungen der Organe der Gemeinschaft und der Europäischen Zentralbank verbindlich zu\nentscheiden (Art. 234 EGV). Das Vertragsrecht bindet demnach über die innerstaatlich durch Zustimmungsgesetz zu dem jeweiligen Vertrag erteilten Rechtsanwendungsbefehle die Gerichte der Mitgliedstaaten an die Rechtsprechung der europäischen Gerichte, insbesondere an die des Gerichtshofs.\n\n Aus der fortbestehenden, mitgliedstaatlich verankerten Volkssouveränität und aus       334\ndem Umstand, dass die Staaten die Herren der Verträge bleiben, folgt - jedenfalls bis\nzur förmlichen Gründung eines europäischen Bundesstaates und dem damit ausdrücklich zu vollziehenden Wechsel des demokratischen Legitimationssubjekts -,\ndass den Mitgliedstaaten das Recht zur Prüfung der Einhaltung des Integrationsprogramms nicht entzogen sein kann.\n\n Das Bundesrecht bricht aufgrund der grundgesetzlichen Anordnung entgegenstehendes Landesrecht (vgl. Art. 31 GG). Eine solche rechtsvernichtende, derogierende\nWirkung entfaltet das supranational begründete Recht nicht. Der europarechtliche\nAnwendungsvorrang lässt entgegenstehendes mitgliedstaatliches Recht in seinem\nGeltungsanspruch unberührt und drängt es nur in der Anwendung soweit zurück, wie\nes die Verträge erfordern und nach dem durch das Zustimmungsgesetz erteilten innerstaatlichen Rechtsanwendungsbefehl auch erlauben (vgl. BVerfGE 73, 339\n\n\n\n                                       95/123\n\n<375>). Gemeinschafts- und unionswidriges mitgliedstaatliches Recht wird lediglich\nsoweit unanwendbar, wie es der entgegenstehende gemeinschafts- und unionsrechtliche Regelungsgehalt verlangt.\n\n Diese im Alltag der Rechtsanwendung eher theoretische, weil in den Rechtswirkungen häufig nicht zu praktischen Unterschieden führende Konstruktion hat allerdings\nKonsequenzen für das Verhältnis der mitgliedstaatlichen zur europäischen Gerichtsbarkeit. Mitgliedstaatlichen Rechtsprechungsorganen mit verfassungsrechtlicher\nFunktion kann im Rahmen der ihnen übertragenen Zuständigkeit - dies ist jedenfalls\nder Standpunkt des Grundgesetzes - nicht die Verantwortung für die Grenzen ihrer\nverfassungsrechtlichen Integrationsermächtigung und die Wahrung der unverfügbaren Verfassungsidentität genommen werden.\n\n  Der Integrationsauftrag des Grundgesetzes und das geltende europäische Vertragsrecht fordern mit der Idee einer unionsweiten Rechtsgemeinschaft die Beschränkung der Ausübung mitgliedstaatlicher Rechtsprechungsgewalt. Es sollen keine die Integration gefährdenden Wirkungen dadurch eintreten, dass die Einheit der\nGemeinschaftsrechtsordnung durch unterschiedliche Anwendbarkeitsentscheidungen mitgliedstaatlicher Gerichte in Frage gestellt wird. Das Bundesverfassungsgericht hat seine ursprünglich angenommene generelle Zuständigkeit, den Vollzug von\neuropäischem Gemeinschaftsrecht in Deutschland am Maßstab der Grundrechte der\ndeutschen Verfassung zu prüfen (vgl. BVerfGE 37, 271 <283>), zurückgestellt, und\nzwar im Vertrauen auf die entsprechende Aufgabenwahrnehmung durch den Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften (vgl. BVerfGE 73, 339 <387>; bestätigt\nin BVerfGE 102, 147 <162 ff.>). Die Endgültigkeit der Entscheidungen des Gerichtshofs konnte es mit Rücksicht auf die völkervertraglich abgeleitete Stellung der Gemeinschaftsorgane allerdings nur „grundsätzlich“ anerkennen (BVerfGE 73, 339\n<367>).\n\n  Soweit Beschwerdeführer im Verfahren über die Verfassungsmäßigkeit des deutschen Zustimmungsgesetzes zum Vertrag von Maastricht aus dieser Endgültigkeit\ndes Richterspruchs des Gerichtshofs eine vollständige Verfügungsbefugnis von Gemeinschaftsorganen über das Vertragsrecht und damit eine verfassungsrechtlich unzulässige Übertragung nicht von einzelnen Hoheitsrechten, sondern der Souveränität\nsahen, hat das Bundesverfassungsgericht dieses Argument bereits in der Entscheidung zum Vertrag von Maastricht entkräftet. Das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass es prüfe, ob Rechtsakte der europäischen Einrichtungen und Organe\nsich in den Grenzen der eingeräumten Hoheitsrechte halten oder aber eine vertragsausdehnende Auslegung der Verträge durch die Gemeinschaftsgerichtsbarkeit vorliege, die einer unzulässigen autonomen Vertragsänderung gleichkomme (BVerfGE\n89, 155 <188, 210>; ähnlich zuletzt Tschechisches Verfassungsgericht, Urteil vom\n26. November 2008, Aktenzeichen Pl. ÚS 19/08, Vertrag zur Änderung des Vertrags\nüber die Europäische Union und des Vertrags zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft, Rn. 139).\n\n\n\n                                       96/123\n\n  Der europarechtliche Anwendungsvorrang bleibt auch bei Inkrafttreten des Vertrags       339\nvon Lissabon ein völkervertraglich übertragenes, demnach abgeleitetes Institut, das\nerst mit dem Rechtsanwendungsbefehl durch das Zustimmungsgesetz in Deutschland Rechtswirkung entfaltet. Dass das Institut des Anwendungsvorrangs nicht ausdrücklich in den Verträgen vorgesehen ist, sondern in der Frühphase der europäischen Integration durch die Rechtsprechung des Gerichtshofs durch Auslegung\ngewonnen worden ist, ändert diesen Ableitungszusammenhang nicht. Es ist eine\nKonsequenz der fortbestehenden Souveränität der Mitgliedstaaten, dass jedenfalls\ndann, wenn es ersichtlich am konstitutiven Rechtsanwendungsbefehl mangelt, die\nUnanwendbarkeit eines solchen Rechtsaktes für Deutschland vom Bundesverfassungsgericht festgestellt wird. Diese Feststellung muss auch erfolgen, wenn innerhalb oder außerhalb der übertragenen Hoheitsrechte diese mit Wirkung für Deutschland so ausgeübt werden, dass eine Verletzung der durch Art. 79 Abs. 3 GG\nunverfügbaren und auch durch das europäische Vertragsrecht, namentlich Art. 4\nAbs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon, geachteten Verfassungsidentität die Folge ist.\n\n  Das Grundgesetz erstrebt die Einfügung Deutschlands in die Rechtsgemeinschaft           340\nfriedlicher und freiheitlicher Staaten. Es verzichtet aber nicht auf die in dem letzten\nWort der deutschen Verfassung liegende Souveränität als Recht eines Volkes, über\ndie grundlegenden Fragen der eigenen Identität konstitutiv zu entscheiden. Insofern\nwiderspricht es nicht dem Ziel der Völkerrechtsfreundlichkeit, wenn der Gesetzgeber\nausnahmsweise Völkervertragsrecht - allerdings unter Inkaufnahme entsprechender\nKonsequenzen im Staatenverkehr - nicht beachtet, sofern nur auf diese Weise ein\nVerstoß gegen tragende Grundsätze der Verfassung abzuwenden ist (vgl. BVerfGE\n111, 307 <317 f.>). Eine entsprechende Auffassung hat auch der Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften mit seiner Entscheidung vom 3. September 2008 in der\nRechtssache Kadi zugrundegelegt, wonach dem völkerrechtlichen Geltungsanspruch einer Resolution des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen grundlegende\nRechtsprinzipien der Gemeinschaft entgegengehalten werden können (EuGH, verb.\nRs. C-402/05 P und C-415/05 P, EuR 2009, S. 80 <100 ff.>). Damit hat der Gerichtshof in einem Grenzfall die Selbstbehauptung eigener Identität als Rechtsgemeinschaft über die ansonsten respektierte Bindung gestellt: Eine solche Rechtsfigur ist\nnicht nur im Völkerrechtsverkehr als Berufung auf den ordre public als Grenze vertraglicher Bindung vertraut; sie entspricht jedenfalls bei einem konstruktiven Umgang\nauch der Idee von nicht strikt hierarchisch gegliederten politischen Ordnungszusammenhängen. Es bedeutet in der Sache jedenfalls keinen Widerspruch zu dem Ziel der\nEuroparechtsfreundlichkeit, das heißt zu der von der Verfassung geforderten Mitwirkung der Bundesrepublik Deutschland an der Verwirklichung eines vereinten Europas (Präambel, Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG), wenn ausnahmsweise, unter besonderen\nund engen Voraussetzungen, das Bundesverfassungsgericht Recht der Europäischen Union für in Deutschland nicht anwendbar erklärt (vgl. BVerfGE 31, 145\n<174>; 37, 271 <280 ff.>; 73, 339 <374 ff.>; 75, 223 <235, 242>; 89, 155 <174 f.>;\n102, 147 <162 ff.>).\n\n\n\n                                        97/123\n\n  (b) Die verfassungsrechtlich gebotene Reservekompetenz des Bundesverfassungsgerichts wird entgegen dem Vorbringen des Beschwerdeführers zu III. nicht durch die\nder Schlussakte zum Vertrag von Lissabon beigefügte Erklärung Nr. 17 zum Vorrang\nberührt. Diese Erklärung weist darauf hin, dass die Verträge und das von der Europäischen Union auf der Grundlage der Verträge gesetzte Sekundärrecht im Einklang\nmit der ständigen Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union unter\nden in dieser Rechtsprechung festgelegten Bedingungen Vorrang vor dem nationalen Recht der Mitgliedstaaten haben.\n\n Der Anwendungsvorrang setzt zunächst die unmittelbare Anwendbarkeit des europäischen Rechts in den Mitgliedstaaten voraus (vgl. Oppermann, Europarecht,\n3. Aufl. 2005, § 7 Rn. 8 ff. mit weiteren Nachweisen). Im Bereich der Gemeinsamen\nAußen- und Sicherheitspolitik sind keine Rechtsakte vorgesehen, auf die die Erklärung Nr. 17 zum Vorrang anwendbar wäre. Der Vertrag vermittelt der Europäischen\nUnion keine Hoheitsrechte, die einen supranationalen „Durchgriff“ in die mitgliedstaatlichen Rechtsordnungen gestatten (vgl. Art. 24 Abs. 1, Art. 40 EUV-Lissabon\nund die der Schlussakte zum Vertrag von Lissabon beigefügte Erklärung Nr. 14).\n\n  Der Grund und die Grenze für die Geltung des Rechts der Europäischen Union in           343\nder Bundesrepublik Deutschland ist der im Zustimmungsgesetz enthaltene Rechtsanwendungsbefehl, der nur im Rahmen der geltenden Verfassungsordnung erteilt\nwerden kann (vgl. BVerfGE 73, 339 <374 ff.>). Es ist insoweit nicht von Bedeutung,\nob der Anwendungsvorrang des Unionsrechts, den das Bundesverfassungsgericht\nbereits für das Gemeinschaftsrecht im Grundsatz anerkannt hat (vgl. BVerfGE 31,\n145 <174>), in den Verträgen selbst oder in der der Schlussakte zum Vertrag von Lissabon beigefügten Erklärung Nr. 17 vorgesehen ist. Denn der Vorrang des Unionsrechts gilt in Deutschland nur kraft des durch Zustimmungsgesetz zu den Verträgen\nerteilten Rechtsanwendungsbefehls. Der Anwendungsvorrang reicht für in Deutschland ausgeübte Hoheitsgewalt nur so weit, wie die Bundesrepublik Deutschland dieser Kollisionsregel zugestimmt hat und zustimmen durfte (vgl. Nettesheim, Die Kompetenzordnung im Vertrag über eine Verfassung für Europa, EuR 2004, S. 511\n<545 f.>; Sauer, Jurisdiktionskonflikte in Mehrebenensystemen, 2008, S. 162 ff.;\nStreinz, Europarecht, 8. Aufl. 2008, Rn. 224 ff.). Damit steht aber zugleich fest, dass\naus dem Gesichtspunkt des gemeinschafts- und künftig unionsrechtlichen Anwendungsvorrangs sich kein stichhaltiges Argument für einen Verzicht auf souveräne\nStaatlichkeit oder auf Verfassungsidentität bei Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon gewinnen lässt.\n\n  bb) Das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon gibt das Staatsgebiet der            344\nBundesrepublik Deutschland nicht auf. Das begrenzende Element des Staatsgebiets,\ndas insbesondere durch die Territorialgrenzen verdeutlicht wird, die eine Ausübung\nfremder Herrschaftsgewalt auf dem Staatsgebiet grundsätzlich verhindern sollen, hat\nzwar an Bedeutung verloren. Durch völkerrechtliche Änderungs- und Zusatzverträge\nzum bestehenden Primärrecht sind insbesondere der Binnenmarkt (Art. 14 Abs. 2\nEGV) geschaffen und die Grenzkontrollen im sogenannten Schengen-Raum abge-\n\n\n                                        98/123\n\nschafft worden. Auch der Vertrag von Lissabon setzt diese Relativierung des begrenzenden Elements fort, indem ein einheitliches Grenzschutzsystem bezüglich der\n„Außengrenzen“ der Europäischen Union eingeführt wird (Art. 77 Abs. 1 Buchstabe c\nund Abs. 2 Buchstabe d AEUV). Die Europäische Union übt jedoch Hoheitsgewalt in\nDeutschland auf der Grundlage der im Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon übertragenen Zuständigkeiten und damit nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis der\nBundesrepublik Deutschland aus. Eine gebietsbezogene Staatsgewalt (vgl. Jellinek,\nAllgemeine Staatslehre, 3. Aufl. 1921, S. 394) besteht unter den gewandelten Verhältnissen grenzüberschreitender Mobilität unverändert fort.\n\n  Dem steht nicht entgegen, dass durch den „Raum ohne Binnengrenzen“ (Art. 14            345\nAbs. 2 EGV, Art. 154 Abs. 1 EGV) und den durch den Vertrag von Lissabon supranationalisierten „Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“ (Art. 67 ff. AEUV)\nauch die Gebietshoheit als Element des Staatsgebiets eingeschränkt wird. Die Europäische Union verfügt nach dem Vertrag von Lissabon nicht über eine umfassende\nGebietshoheit, die diejenige der Bundesrepublik Deutschland ersetzt. Dass sie diese\nauch nach dem Vertrag von Lissabon nicht beansprucht, kommt darin zum Ausdruck,\ndass nur von einem „räumlichen Geltungsbereich“ der Verträge (Art. 52 EUV-Lissabon; Art. 355 AEUV) die Rede ist. Dieser räumliche Geltungsbereich ist akzessorisch zum Staatsgebiet der Mitgliedstaaten, das in seiner Summe den Anwendungsbereich des Unionsrechts bestimmt (Art. 52 EUV-Lissabon; Art. 355 AEUV). Es gibt\nkein unionsunmittelbares Territorium, das von einer solchen Akzessorietät frei wäre\n(zur Ausdehnung des Geltungsbereichs durch Vergrößerung eines mitgliedstaatlichen Territoriums vgl. Oppermann, Europarecht, 3. Aufl. 2005, § 4 Rn. 36).\n\n  cc) Die Bundesrepublik Deutschland wird nach der Ratifikation des Vertrags von         346\nLissabon weiterhin auch über ein Staatsvolk verfügen. Der inzwischen im Unionsrecht stärker ausgebildete Begriff des Unionsbürgers gründet ausschließlich im Vertragsrecht. Die Unionsbürgerschaft ist allein von dem Willen der Mitgliedstaaten abgeleitet und konstituiert kein Unionsvolk, das als sich selbst verfassendes\nRechtssubjekt zur eigenen Selbstbestimmung berufen wäre.\n\n Insbesondere kann aus der Einführung der Unionsbürgerschaft nicht auf die Begründung bundesstaatlicher Föderalität geschlossen werden. Historische Vergleiche\nzur deutschen Bundesstaatsgründung über den Norddeutschen Bund von 1867 (vgl.\netwa Schönberger, Unionsbürger, 2005, S. 100 ff.) führen in diesem Zusammenhang\nnicht weiter. Nach der Verwirklichung des Prinzips der Volkssouveränität in Europa\nkönnen nur die Völker der Mitgliedstaaten über ihre jeweilige verfassungsgebende\nGewalt und die Souveränität des Staates verfügen. Ohne den ausdrücklich erklärten\nWillen der Völker sind die gewählten Organe nicht befugt, in ihren staatlichen Verfassungsräumen ein neues Legitimationssubjekt zu schaffen oder die vorhandenen zu\ndelegitimieren.\n\n  Die Unionsbürgerschaft ist in diesem Sinne nichts kulturell oder normativ dem geltenden Vertragsrecht Vorausliegendes, aus dem heraus verfassungsgestaltende\n\n\n\n                                        99/123\n\nRechtswirkungen entstehen könnten. Die bereits durch zurückliegende Vertragsänderungen in das Primärrecht eingefügte Unionsbürgerschaft bleibt ein abgeleiteter\nund die mitgliedstaatliche Staatsangehörigkeit ergänzender Status (Art. 17 Abs. 1\nSatz 2 und Satz 3 EGV; Art. 9 Satz 3 EUV-Lissabon). Dieser Status wird auch nicht\ndurch die mit der Unionsbürgerschaft verbundenen Rechte verändert, wenngleich der\nVertrag von Lissabon diese Rechte erweitert. Die Unionsbürger erhalten ein Recht\nauf Teilhabe am demokratischen Leben der Europäischen Union (Art. 10 Abs. 3,\nArt. 11 Abs. 1 EUV-Lissabon), womit ein notwendig bestehender Strukturzusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Gemeinwesen und hoheitlicher Gewalt betont\nwird. Zudem wird die Ausübung bereits bestehender Rechte der Unionsbürger im Bereich des diplomatischen und konsularischen Schutzes sowie der Legitimationsdokumente erleichtert (vgl. Art. 23 Abs. 2, Art. 77 Abs. 3 AEUV).\n\n Weitere Änderungen des Primärrechts führen ebenfalls nicht zu einer Überlagerung         349\ndes primären Staatsangehörigkeitsstatus durch die Unionsbürgerschaft. Aus dem\nGesamtzusammenhang des Vertrags von Lissabon wird deutlich, dass mit der\nsprachlichen Änderung des Art. 9 Satz 3 EUV-Lissabon im Vergleich zu Art. 17\nAbs. 1 Satz 2 EGV (vgl. Schrauwen, European Citizenship in the Treaty of Lisbon:\nAny Change at all?, MJECL 2008, S. 55 <59>), der Verwendung des Unionsbürgerbegriffs im Zusammenhang mit dem Europäischen Parlament (Art. 14 Abs. 2 UAbs. 1\nSatz 1 EUV-Lissabon) und der vorgesehenen entscheidenden Rolle der Unionsbürger bei der europäischen Bürgerinitiative (Art. 11 Abs. 4 EUV-Lissabon) kein selbständiges personales Legitimationssubjekt auf europäischer Ebene geschaffen werden soll.\n\n  Auch angesichts des Ausbaus der Rechte der Unionsbürger bewahrt das deutsche            350\nStaatsvolk solange seine Existenz, wie die Unionsbürgerschaft die Staatsangehörigkeit der Mitgliedstaaten nicht ersetzt oder überlagert. Der abgeleitete Status der Unionsbürgerschaft und die Wahrung der mitgliedstaatlichen Staatsangehörigkeit bilden\ndie Grenze für die in Art. 25 Abs. 2 AEUV angelegte Entwicklung der Unionsbürgerrechte und für die Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Union (vgl.\nzur Bedeutung der Unionsbürgerschaft EuGH, Urteil vom 12. Mai 1998, Rs. C-85/96,\nMartínez Sala, Slg. 1998, S. I-2691 Rn. 62 f.; EuGH, Urteil vom 20. September 2001,\nRs. C-184/99, Grzelczyk, Slg. 2001, S. I-6193 Rn. 31 f.; EuGH, Urteil vom 17. September 2002, Rs. C-413/99, Baumbast, Slg. 2002, S. I-7091 Rn. 82; EuGH, Urteil\nvom 7. September 2004, Rs. C-456/02, Trojani, Slg. 2004, S. I-7573 Rn. 31; EuGH,\nUrteil vom 19. Oktober 2004, Rs. C-200/02, Zhu, Slg. 2004, S. I-9925 Rn. 25). So bestehen mitgliedstaatliche Möglichkeiten der Differenzierung aufgrund der Staatsangehörigkeit fort. Das Wahlrecht in den Mitgliedstaaten zu den jeweiligen Vertretungskörperschaften oberhalb der Kommunalebene ist weiterhin den eigenen\nStaatsangehörigen vorbehalten wie auch die Pflicht zur finanziellen Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten in Form von Sozialleistungen gegenüber Unionsbürgern\nweiterhin eingeschränkt ist (vgl. EuGH, Urteil vom 18. November 2008, Rs. C-158/\n07, Förster, EuZW 2009, S. 44 <45>).\n\n\n\n                                        100/123\n\n  c) Mit dem Vertrag von Lissabon erweitern die Mitgliedstaaten den Kompetenzumfang und die politischen Handlungsmöglichkeiten des europäischen Integrationsverbundes. Die bestehenden und neu übertragenen Zuständigkeiten werden nach Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon von der Europäischen Union wahrgenommen,\ndie an die Stelle der Europäischen Gemeinschaft tritt. Namentlich die neu übertragenen Zuständigkeiten in den Bereichen der Justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen (aa) und Zivilsachen (bb), der Außenwirtschaftsbeziehungen (cc), der Gemeinsamen Verteidigung (dd) sowie in sozialen Belangen (ee) können und müssen von\nden Organen der Europäischen Union in einer Weise ausgeübt werden, dass auf mitgliedstaatlicher Ebene sowohl im Umfang als auch in der Substanz noch Aufgaben\nvon hinreichendem Gewicht bestehen, die rechtlich und praktisch Voraussetzung für\neine lebendige Demokratie sind. Die neu begründeten Zuständigkeiten sind - jedenfalls bei der gebotenen Auslegung - keine „staatsbegründenden Elemente“, die auch\nin der Gesamtschau die souveräne Staatlichkeit der Bundesrepublik Deutschland\nnicht in verfassungsrechtlich bedeutsamer Weise verletzen. Für die Beurteilung der\nRüge einer verfassungswidrigen Entleerung der Aufgaben des Deutschen Bundestages kann dahinstehen, wie viele mitgliedstaatliche Gesetzgebungsakte bereits europäisch beeinflusst, präformiert oder determiniert sind (vgl. zuletzt Hoppe, Die Europäisierung der Gesetzgebung: Der 80-Prozent-Mythos lebt, EuZW 2009, S. 168 f.).\nEs kommt für die verfassungsrechtliche Beurteilung der Rüge nicht auf quantitative\nRelationen, sondern darauf an, dass der Bundesrepublik Deutschland für zentrale\nRegelungs- und Lebensbereiche substantielle innerstaatliche Gestaltungsmöglichkeiten verbleiben.\n\n  aa) (1) Mit dem Vertrag von Lissabon werden die Zuständigkeiten der Europäischen      352\nUnion im Bereich der Strafrechtspflege erheblich erweitert. Die Europäische Union\nwird ermächtigt, „Mindestvorschriften“ zur Festlegung von Straftaten und Strafen in\nBereichen „besonders schwerer Kriminalität“ festzulegen, die „aufgrund der Art oder\nder Auswirkungen der Straftaten“ oder „aufgrund einer besonderen Notwendigkeit,\nsie auf einer gemeinsamen Grundlage zu bekämpfen“, eine grenzüberschreitende\nDimension haben (Art. 83 Abs. 1 UAbs. 1 AEUV). Die Kriminalitätsbereiche, die für\ndiese Zusammenarbeit in Frage kommen, werden exemplarisch aufgezählt, können\njedoch durch einstimmigen Beschluss des Rates und mit Zustimmung des Europäischen Parlaments erweitert werden (Art. 83 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV). Über diese Zuständigkeit zur Rechtsangleichung im Strafrecht der grenzüberschreitenden schweren Kriminalität hinaus erhält die Union eine bereits in der Rechtsprechung des\nEuropäischen Gerichtshofs angenommene (vgl. EuGH, Urteil vom 13. September\n2005, Rs. C-176/03, Kommission/Rat, Slg. 2005, S. I-7879 Rn. 47 f.) strafrechtliche\nAnnexzuständigkeit in allen Politikbereichen, in denen Harmonisierungsmaßnahmen\nerfolgt sind oder noch erfolgen werden (Art. 83 Abs. 2 Satz 1 AEUV).\n\n Im Strafverfahrensrecht kann die Europäische Union Mindestvorschriften erlassen        353\nzur Zulassung von Beweismitteln „auf gegenseitiger Basis“ zu den Rechten des Beschuldigten, des Zeugen und des Opfers von Straftaten sowie zu sonstigen spezifi-\n\n\n\n                                       101/123\n\nschen Aspekten, die zuvor vom Rat durch einstimmigen Beschluss nach Zustimmung\ndes Europäischen Parlaments bestimmt worden sind (Art. 82 Abs. 2 UAbs. 1 und\nUAbs. 2 AEUV). Ferner dürfen Maßnahmen erlassen werden, die die Kriminalprävention fördern und unterstützen (Art. 84 AEUV).\n\n Schließlich können auf der Grundlage des Vertrags von Lissabon die Befugnisse           354\nvon Eurojust erweitert werden. Eurojust kann im ordentlichen Gesetzgebungsverfahren insbesondere die Aufgabe übertragen werden, strafrechtliche Ermittlungsmaßnahmen einzuleiten und zu koordinieren (Art. 85 Abs. 1 AEUV), wobei förmliche Prozesshandlungen den nationalen Strafverfolgungsbehörden vorbehalten bleiben\n(Art. 85 Abs. 2 AEUV). Außerdem kann die Einrichtung durch einstimmigen Beschluss des Rates und nach Zustimmung des Europäischen Parlaments zu einer Europäischen Staatsanwaltschaft ausgebaut werden, die für die strafrechtliche Untersuchung und Verfolgung bis hin zur Anklageerhebung vor den nationalen Gerichten\nzuständig wäre, vorerst beschränkt auf die Bekämpfung von Straftaten gegen die finanziellen Interessen der Europäischen Union (Art. 86 Abs. 1 AEUV).\n\n  (2) Die Sicherung des Rechtsfriedens in Gestalt der Strafrechtspflege ist seit jeher   355\neine zentrale Aufgabe staatlicher Gewalt. Bei der Aufgabe, ein geordnetes menschliches Zusammenleben durch Schutz der elementaren Werte des Gemeinschaftslebens auf der Grundlage einer Rechtsordnung zu schaffen, zu sichern und durchzusetzen, ist das Strafrecht ein unverzichtbares Element zur Sicherung der\nUnverbrüchlichkeit dieser Rechtsordnung (vgl. Sellert/Rüping, Studien- und Quellenbuch zur Geschichte der deutschen Strafrechtspflege, Band 1, 1989, S. 49). Jede\nStrafnorm enthält ein mit staatlicher Autorität versehenes sozialethisches Unwerturteil über die von ihr pönalisierte Handlungsweise. Der konkrete Inhalt dieses Unwerturteils ergibt sich aus Straftatbestand und Strafandrohung (vgl. BVerfGE 25, 269\n<286>; 27, 18 <30>). Es ist eine grundlegende Entscheidung, in welchem Umfang\nund in welchen Bereichen ein politisches Gemeinwesen gerade das Mittel des Strafrechts als Instrument sozialer Kontrolle einsetzt. Eine Rechtsgemeinschaft gibt sich\ndurch das Strafrecht einen in ihren Werten verankerten Verhaltenskodex, dessen\nVerletzung nach der geteilten Rechtsüberzeugung als so schwerwiegend und unerträglich für das Zusammenleben in der Gemeinschaft gewertet wird, dass sie Strafe\nerforderlich macht (vgl. Weigend, Strafrecht durch internationale Vereinbarungen -\nVerlust an nationaler Strafrechtskultur?, ZStW 1993, S. 774 <789>).\n\n  Der Gesetzgeber übernimmt mit der Entscheidung über strafwürdiges Verhalten die        356\ndemokratisch legitimierte Verantwortung für eine Form hoheitlichen Handelns, die zu\nden intensivsten Eingriffen in die individuelle Freiheit im modernen Verfassungsstaat\nzählt. Der Gesetzgeber ist bei der Entscheidung, ob er ein bestimmtes Rechtsgut,\ndessen Schutz ihm wesentlich erscheint, gerade mit den Mitteln des Strafrechts verteidigen und wie er dies gegebenenfalls tun will, grundsätzlich frei (vgl. BVerfGE 50,\n142 <162>; 120, 224 <240>; zur Grenzziehung zwischen kriminellem Unrecht und\nOrdnungsunrecht BVerfGE 27, 18 <30>; 96, 10 <26>). Er kann zudem innerhalb der\nverfassungsrechtlichen Bindungen frei entscheiden, mit welcher Strafandrohung er\n\n\n                                       102/123\n\nschuldhaftes Handeln sanktionieren will. Die Aufklärung von Straftaten, die Ermittlung des Täters, die Feststellung seiner Schuld und seine Bestrafung obliegen den\nOrganen der Strafrechtspflege, die zu diesem Zweck unter den gesetzlich bestimmten Voraussetzungen Strafverfahren einzuleiten und durchzuführen sowie erkannte\nStrafen zu vollstrecken haben (vgl. BVerfGE 51, 324 <343>).\n\n  Die Handlungsfreiheit des Gesetzgebers kann aufgrund der Eingliederung des              357\ndeutschen Verfassungsstaates in die Völkerrechtsordnung der Staatengemeinschaft\nvon Verfassungs wegen durch die Verpflichtung eingeschränkt sein, überstaatliches\nRecht im eigenen Verantwortungsbereich zur Geltung zu bringen. So kann es geboten sein, bestimmte Handlungen auch zu dem Zweck unter Strafe zu stellen, wesentliche Normen des allgemeinen Völkerrechts gegenüber dem Einzelnen durchzusetzen (vgl. BVerfGE 112, 1 <26>). Dies gilt vor allem für den Prozess der\nHerausbildung einer internationalen Strafjustiz für Völkermord, Verbrechen gegen die\nMenschlichkeit und Kriegsverbrechen (vgl. BVerfGE 113, 273 <296 f.>; BVerfG, Beschluss der 4. Kammer des Zweiten Senats vom 12. Dezember 2000 - 2 BvR 1290/\n99 -, NJW 2001, S. 1848 ff.). Als Mitgliedstaat der Europäischen Union ist Deutschland weitere Verpflichtungen eingegangen. Mit dem Auf- und Ausbau des „Raums\nder Freiheit, der Sicherheit und des Rechts“, der bislang im Wesentlichen nach den\nVorschriften für die intergouvernementale „Dritte Säule“ des Rechts der Europäischen Union erfolgte, verfolgt die Europäische Union das Ziel, den Prozess des Zusammenwachsens und die Öffnung der Grenzen für Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital mit einer besseren Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden\nzu verbinden. Die Mitgliedstaaten haben sich in einzelnen Bereichen darauf verständigt, Straf- und Strafverfahrensvorschriften zu schaffen, die den Bedingungen europäischer grenzüberschreitender Sachverhalte Rechnung tragen.\n\n  Wegen der besonders empfindlichen Berührung der demokratischen Selbstbestimmung durch Straf- und Strafverfahrensnormen sind die vertraglichen Kompetenzgrundlagen für solche Schritte strikt - keinesfalls extensiv - auszulegen und ihre Nutzung bedarf besonderer Rechtfertigung. Das Strafrecht in seinem Kernbestand dient\nnicht als rechtstechnisches Instrument zur Effektuierung einer internationalen Zusammenarbeit, sondern steht für die besonders sensible demokratische Entscheidung über das rechtsethische Minimum. Dies erkennt auch der Vertrag von Lissabon\nausdrücklich an, wenn er die neu begründeten Kompetenzen der Strafrechtspflege\nmit einer sogenannten Notbremse versieht, die es dem - letztlich parlamentarisch\nverantwortlichen - Vertreter eines Mitgliedstaates im Rat erlaubt, gestützt auf „grundlegende Aspekte seiner Strafrechtsordnung“ mit seinem Veto strafrechtsbedeutsame\nRichtlinien jedenfalls für sein Land zu verhindern (Art. 83 Abs. 3 AEUV).\n\n (3) Die Bekämpfung besonders schwerer Kriminalität, die sich die territoriale Beschränkung staatlicher Strafverfolgung zunutze macht oder, wie im Fall der Korruption, die Funktionsfähigkeit von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in der Europäischen Union bedroht, kann ein besonderer Rechtfertigungsgrund für die Übertragung\nvon Hoheitsrechten auch in diesem Bereich sein. Der Vertrag von Lissabon spricht in\n\n\n                                        103/123\n\ndiesem Zusammenhang davon, dass solche Kriminalität eine grenzüberschreitende\nDimension haben müsse (Art. 83 Abs. 1 UAbs. 1 AEUV), und zwar aufgrund der Art\noder der Auswirkungen der Straftat oder einer besonderen Notwendigkeit, die Straftat auf einer gemeinsamen Grundlage zu bekämpfen (Art. 83 Abs. 1 UAbs. 1 AEUV).\nEine solche besondere Notwendigkeit liegt nicht bereits dann vor, wenn die Organe\neinen entsprechenden politischen Willen gebildet haben. Sie lässt sich von Art und\nAuswirkungen der Straftat auch nicht trennen, da unerfindlich ist, woraus, wenn nicht\naus der Art oder den Auswirkungen der betreffenden Straftaten, sich die besondere\nNotwendigkeit ihrer Bekämpfung auf gemeinsamer Grundlage ergeben sollte.\n\n  Die demnach zum Schutz des nach dem Verständnis des Grundgesetzes demokratischen Primärraums gebotene enge Auslegung ist auch der Entscheidung des deutschen Vertreters im Rat zugrundezulegen, wenn ein Beschluss im Bereich der gegenseitigen Anerkennung gerichtlicher Urteile und Entscheidungen sowie allgemein\ndes Strafverfahrensrechts gefasst werden soll (Art. 82 Abs. 1 und Abs. 2 AEUV).\n\n  Im Hinblick auf den Bereich der Annexzuständigkeit, die eine Angleichung des          361\nStrafrechts in bereits harmonisierten Politikbereichen ermöglicht (Art. 83 Abs. 2\nAEUV), kann das Zustimmungsgesetz nur deshalb als verfassungskonform beurteilt\nwerden, weil diese Zuständigkeit nach dem Vertrag eng auszulegen ist. Hinter der\nAnnexzuständigkeit verbirgt sich eine gravierende Ausdehnung der Zuständigkeit zur\nStrafrechtspflege im Vergleich zur bislang geltenden Rechtslage. Überall dort, wo die\nUnion Zuständigkeiten zur Rechtsharmonisierung besitzt, kann sie danach zur „wirksamen Durchführung der Politik der Union“ Mindestvorschriften für die Festlegung\nvon Straftaten und Strafen durch Richtlinien erlassen. Wegen drohender Uferlosigkeit\ndieses die Strafrechtssetzung betreffenden Kompetenztitels ist eine solche Kompetenzvorschrift mit dem Prinzip einer sachlich bestimmten und nur begrenzten Übertragung von Hoheitsrechten an sich ebenso wenig zu vereinbaren wie mit dem gebotenen Schutz des demokratisch an die Mehrheitsentscheidung des Volkes besonders\nrückgebundenen nationalen Gesetzgebers.\n\n  Der Vertrag von Lissabon bietet jedoch hinreichende Anhaltspunkte für eine verfassungskonforme Auslegung. Zum einen ist der zur Strafrechtsetzung ermächtigende\nTatbestand bereits vom Wortlaut eng gefasst. Danach muss sich die Angleichung\nentsprechender Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten „als unerlässlich für die wirksame Durchführung der Politik der Union“ auf dem harmonisierten Rechtsgebiet erweisen (Art. 83 Abs. 2 Satz 1 AEUV). Damit dieser Ausnahmetatbestand erfüllt ist\nund die Ermächtigung zur Strafgesetzgebung im Annex als übertragen angenommen\nwerden kann, muss nachweisbar feststehen, dass ein gravierendes Vollzugsdefizit\ntatsächlich besteht und nur durch Strafandrohung beseitigt werden kann. Diese Voraussetzungen gelten auch für die von der europäischen Gerichtsbarkeit bereits angenommene Existenz einer strafrechtlichen Annexzuständigkeit.\n\n Entsprechend begrenzend ist die allgemeine Ermächtigung zur Festlegung von             363\nStraftaten und Strafen nach Art. 83 Abs. 1 AEUV auszulegen. Dafür steht bereits der\n\n\n\n                                       104/123\n\nKatalog besonders schwerer Straftaten des Art. 83 Abs. 1 UAbs. 2 AEUV und die\nVoraussetzung, dass es sich um besonders schwere Kriminalität handeln muss, die\naufgrund der Art oder der Auswirkung der Straftaten oder aufgrund einer besonderen Notwendigkeit, sie auf einer gemeinsamen Grundlage zu bekämpfen, eine grenzüberschreitende Dimension haben. Der Katalog macht deutlich, dass es sich um\ntypischerweise grenzüberschreitende schwere Kriminalitätsbereiche handelt, für die\nMindestvorschriften, die den Mitgliedstaaten substantielle Ausgestaltungsspielräume\nbelassen müssen, festgelegt werden dürfen. Die demokratische Selbstbestimmung\nist allerdings in einer besonders empfindlichen Weise berührt, wenn eine Rechtsgemeinschaft gehindert wird, über die Strafbarkeit von Verhaltensweisen und gar die\nVerhängung von Freiheitsstrafen nach Maßgabe eigener Wertvorstellungen zu entscheiden. Das gilt umso mehr, je enger diese Wertvorstellungen mit historischen\nErfahrungen, Glaubenstraditionen und anderen für das Selbstgefühl der Menschen\nund ihrer Gemeinschaft wesentlichen Faktoren verknüpft sind. Daher ist es in diesen\nBereichen nur eingeschränkt erlaubt, die Strafgesetzgebungskompetenz zu übertragen, und jedenfalls erforderlich, bei der Ausdehnung des Katalogs der der Unionsgesetzgebung zustehenden Kriminalitätsbereiche die Anforderungen für eine einzelne\nHoheitsrechtsübertragung (Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG) einzuhalten. Die Nutzung der\ndynamischen Blankettermächtigung nach Art. 83 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV, „je nach Entwicklung der Kriminalität“ eine Ausdehnung des Katalogs besonders schwerer grenzüberschreitender Straftaten vorzunehmen, entspricht in der Sache einer Erweiterung\nder geschriebenen Kompetenzen der Union und unterliegt deshalb dem Gesetzesvorbehalt des Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG. Bei der Umsetzung der Mindestvorgaben ist\nferner darauf zu achten, dass nur die grenzüberschreitende Dimension eines konkreten Straftatbestands von den europäischen Rahmenvorschriften angesprochen wird.\nDie im Grundsatz integrationsfeste mitgliedstaatliche Strafkompetenz ließe sich dadurch schonen, dass die Mindestvorschriften nicht einen vollständigen Deliktsbereich\n(vgl. Art. 2 Abs. 2 des Rahmenbeschlusses des Rates vom 13. Juni 2002 über den\nEuropäischen Haftbefehl und das Übergabeverfahren zwischen den Mitgliedstaaten,\nABl Nr. L 190/1), sondern lediglich eine Tatbestandsvariante erfassen.\n\n Die Zuständigkeiten der Europäischen Union im Bereich der Strafrechtspflege müssen zudem in einer Weise ausgelegt werden, die den Anforderungen des Schuldprinzips genügt. Das Strafrecht beruht auf dem Schuldgrundsatz. Dieser setzt die Eigenverantwortung des Menschen voraus, der sein Handeln selbst bestimmt und sich\nkraft seiner Willensfreiheit zwischen Recht und Unrecht entscheiden kann. Dem\nSchutz der Menschenwürde liegt die Vorstellung vom Menschen als einem geistigsittlichen Wesen zugrunde, das darauf angelegt ist, in Freiheit sich selbst zu bestimmen und sich zu entfalten (vgl. BVerfGE 45, 187 <227>). Auf dem Gebiet der Strafrechtspflege bestimmt Art. 1 Abs. 1 GG die Auffassung vom Wesen der Strafe und\ndas Verhältnis von Schuld und Sühne (vgl. BVerfGE 95, 96 <140>). Der Grundsatz,\ndass jede Strafe Schuld voraussetzt, hat seine Grundlage damit in der Menschenwürdegarantie des Art. 1 Abs. 1 GG (vgl. BVerfGE 57, 250 <275>; 80, 367 <378>; 90,\n145 <173>). Das Schuldprinzip gehört zu der wegen Art. 79 Abs. 3 GG unverfügba-\n\n\n                                       105/123\n\nren Verfassungsidentität, die auch vor Eingriffen durch die supranational ausgeübte\nöffentliche Gewalt geschützt ist.\n\n  Vor dem Hintergrund der Bedeutung des Strafrechts für die individuelle Freiheit sind   365\ndeshalb jedenfalls zusätzlich besondere Anforderungen an die Regelung zu stellen,\ndie einem Mitgliedstaat spezielle Rechte im Gesetzgebungsverfahren einräumt\n(Art. 82 Abs. 3, Art. 83 Abs. 3 AEUV). Das notwendige Maß an demokratischer Legitimation über die mitgliedstaatlichen Parlamente lässt sich aus dem Blickwinkel des\ndeutschen Verfassungsrechts nur dadurch gewährleisten, dass der deutsche Vertreter im Rat die in Art. 82 Abs. 3 und Art. 83 Abs. 3 AEUV genannten mitgliedstaatlichen Rechte nur nach Weisung des Deutschen Bundestages und, soweit die Regelungen über die Gesetzgebung dies erfordern, des Bundesrates ausübt (vgl. auch die\nBegleitresolution des Deutschen Bundestages vom 24. April 2008 zum Vertrag von\nLissabon <BTDrucks 16/8917, S. 6, BTPlenprot 16/157, S. 16482 B>). Insgesamt nähert sich die konkretisierende Ausfüllung der Ermächtigungen nach Art. 82 Abs. 2 sowie Art. 83 Abs. 1 und Abs. 2 AEUV in der Bedeutung einer Vertragsänderung an\nund verlangt nach einer entsprechenden Ausübung der Integrationsverantwortung\nder Gesetzgebungsorgane im Rahmen des Notbremseverfahrens.\n\n  Soweit die Europäische Union im Bereich der Strafrechtspflege auf die nach Art. 82     366\nAbs. 2 UAbs. 2 Buchstabe d AEUV vorgesehene Ermächtigung zum Erlass von Mindestvorschriften für sonstige spezifische Aspekte des Strafverfahrens das allgemeine\nBrückenverfahren nach Art. 48 Abs. 7 EUV-Lissabon anwenden möchte, um von der\nim Rat erforderlichen Einstimmigkeit zur qualifizierten Mehrheit überzugehen, müssen die für das allgemeine Brückenverfahren dargestellten Erfordernisse gelten. Der\ndeutsche Regierungsvertreter im Europäischen Rat darf einer Vertragsänderung nur\nzustimmen, wenn der Deutsche Bundestag und der Bundesrat innerhalb einer noch\nauszugestaltenden, an die Zwecksetzung des Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon\nangelehnten Frist ein Gesetz im Sinne von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG erlassen haben.\nDies gilt gleichermaßen für den Fall, dass der Sachbereich der Bestimmung weiterer\nKriminalitätsbereiche nach Art. 83 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV über das allgemeine Brückenverfahren von der Einstimmigkeit in den qualifizierten Mehrheitsentscheid überführt werden sollte.\n\n  bb) (1) Der Vertrag von Lissabon erweitert auch die bestehenden Handlungsmöglichkeiten der Europäischen Union im Bereich der Justiziellen Zusammenarbeit in Zivilsachen. Mittelpunkt der Regelung in Art. 81 AEUV ist der Grundsatz der gegenseitigen Anerkennung von Entscheidungen. Der Grundsatz spielte schon in der\nbisherigen Praxis eine bedeutende Rolle und wird nunmehr als Grundlage der justiziellen Zusammenarbeit vertraglich verankert. Die bislang auf Art. 65 EGV beruhende\nZuständigkeit zur Rechtsangleichung wird durch den Vertrag von Lissabon um die\nZuständigkeit für Maßnahmen, die einen effektiven Zugang zum Recht, die Entwicklung von alternativen Methoden für die Beilegung von Streitigkeiten sowie die Förderung der Weiterbildung von Richtern und Justizbediensteten sicherstellen sollen\n(Art. 81 Abs. 2 Buchstaben e, g und h AEUV) ergänzt. Die Fallgruppen für eine Har-\n\n\n                                       106/123\n\nmonisierung, die die Existenz grenzüberschreitender Bezüge voraussetzt, sind in der\nVorschrift abschließend aufgezählt. Ob das Kriterium der Erforderlichkeit einer Harmonisierung dahin zu deuten ist, dass es nur das reibungslose Funktionieren des\nBinnenmarkts betrifft (vgl. BTDrucks 16/8300, S. 175), kann offenbleiben. Denn dass\nder Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union eine Harmonisierung nur\nunter der Voraussetzung der Erforderlichkeit zulässt, ergibt sich bereits aus dem\nSubsidiaritätsgrundsatz (Art. 5 Abs. 1 Satz 2 und Abs. 3 EUV-Lissabon). Soweit die\nHarmonisierungsmaßnahmen das Familienrecht betreffen, gilt für die Beschlussfassung, dass der Rat nach Anhörung des Parlaments einstimmig entscheidet (Art. 81\nAbs. 3 UAbs. 1 AEUV). Der Rat kann in diesem Sachbereich für bestimmte Aspekte\ndes Familienrechts einstimmig den Übergang zum ordentlichen Gesetzgebungsverfahren beschließen (Art. 81 Abs. 3 UAbs. 2 AEUV). Die nationalen Parlamente können einer solchen Überleitung widersprechen (Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV).\n\n  (2) Die Zuständigkeit der Mitgliedstaaten für die Rechtspflege gehört zu den Sachbereichen, die im föderalen Verbund der Europäischen Union grundsätzlich den Mitgliedstaaten zugeordnet sind. Die Mitgliedstaaten sind zwar aus dem Gemeinschaftsrecht verpflichtet, einen effektiven gerichtlichen Rechtsschutz zu gewähren, der\ndurch nationale Rechtsvorschriften nicht beeinträchtigt werden darf (vgl. EuGH, Urteil\nvom 15. Mai 1986, Rs. 222/84, Johnston, Slg. 1986, S. 1651 Rn. 17 ff.; EuGH, Urteil\nvom 11. September 2003, Rs. C-13/01, Safalero, Slg. 2003, S. I-8679 Rn. 50). Diese\nRechtslage lässt die mitgliedstaatliche Zuständigkeit für die Organisation des Gerichtswesens sowie seine Personal- und Finanzausstattung jedoch unberührt. Der\nGesamtzusammenhang des 3. Kapitels in Teil V des Vertrags über die Arbeitsweise\nder Europäischen Union zeigt, dass mit Art. 81 Abs. 2 AEUV keine entsprechende\nZuständigkeit auf die Europäische Union übertragen wurde, die diese mitgliedstaatliche Verantwortung beschränken würde. Auch die Garantie des effektiven Rechtsschutzes aus Art. 19 Abs. 4 GG und der im Rechtsstaatsprinzip verwurzelte Justizgewährungsanspruch, die zugleich vom Unionsrecht anerkannt sind (vgl. Nowak, in:\nHeselhaus/Nowak, Handbuch der Europäischen Grundrechte, 2006, § 51), werden\netwa durch die Verpflichtung, alternative Methoden für die Streitbeilegung zu entwickeln (Art. 81 Abs. 2 Buchstabe g AEUV), nicht eingeschränkt. Der Zugang des Bürgers zu einem Gericht kann grundsätzlich nicht durch das Primär- und Sekundärrecht\neingeschränkt oder durch die Einführung von nicht-justiziellen Vorverfahren erschwert werden.\n\n Soweit in Art. 81 Abs. 3 UAbs. 1 AEUV abweichend von Art. 81 Abs. 2 AEUV Maßnahmen zum Familienrecht mit grenzüberschreitendem Bezug vom Rat gemäß einem besonderen Gesetzgebungsverfahren festgelegt werden, ist darin lediglich eine\nverfahrensrechtliche, die Befugnisse der Mitgliedstaaten stärkende Abweichung gegenüber den Regeln für das allgemeine Zivilrecht zu sehen, nicht aber die Möglichkeit einer inhaltlichen Ausdehnung der Kompetenzen des Rates für familienrechtliche\nMaßnahmen, die nicht im Katalog gemäß Art. 81 Abs. 2 AEUV ihre Entsprechung finden. Sollte dies allerdings anders gesehen werden, müsste - unbeschadet des identi-\n\n\n\n                                       107/123\n\ntätsgeschützten Kerns der Verfassung - sichergestellt werden, dass die Kompetenz\nnach Art. 81 Abs. 3 UAbs. 1 AEUV nicht ohne konstitutive Befassung der deutschen\nGesetzgebungsorgane in Anspruch genommen wird.\n\n cc) Der Vertrag von Lissabon ändert ferner die Bestimmungen über die Gemeinsame Handelspolitik. Dies betrifft insbesondere ausländische Direktinvestitionen sowie\nden Handel mit Dienstleistungen und die Handelsaspekte des geistigen Eigentums\n(Art. 207 Abs. 1 AEUV).\n\n  Die Gemeinsame Handelspolitik, das heißt die handelspolitische weltweite Außenvertretung des Binnenmarktes, zählt bereits nach geltendem Gemeinschaftsrecht\nzum ausschließlichen Zuständigkeitsbereich der Europäischen Gemeinschaft\n(EuGH, Gutachten 1/94 vom 15. November 1994, Slg. 1994, I-5267 Rn. 22 ff.). Dies\nschließt bislang allerdings nicht die ausländischen Direktinvestitionen, den Handel\nmit Dienstleistungen und die Handelsaspekte des geistigen Eigentums ein. Für die\nDirektinvestitionen besitzt die Europäische Gemeinschaft bislang keine und für den\nHandel mit Dienstleitungen und für die Handelsaspekte des geistigen Eigentums nur\neine konkurrierende Zuständigkeit (Art. 133 Abs. 5 EGV). Dies soll sich mit dem Vertrag von Lissabon ändern. Nach Art. 3 Abs. 1 Buchstabe e) AEUV in Verbindung mit\nArt. 207 Abs. 1 AEUV soll künftig die Europäische Union für die Gemeinsame Handelspolitik unter Einschluss der genannten Bereiche ausschließlich zuständig sein.\n\n (1) Der ausschließlichen Zuständigkeit der Union unterfallen danach unter anderem     372\nAbkommen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) wie das Allgemeine Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen (GATS) und das Abkommen über die\nhandelsbezogenen Aspekte des geistigen Eigentums (TRIPS). Damit entfällt die\nGrundlage für die bisherige Rechtsprechung des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaften, nach der wegen der insoweit bislang gemischten Zuständigkeit das\nÜbereinkommen über die Errichtung der Welthandelsorganisation (WTO-Übereinkommen) vom 15. April 1994 (ABl 1994 Nr. L 336/3) als sogenanntes gemischtes Abkommen sowohl von der Europäischen Gemeinschaft als auch von den\nMitgliedstaaten zu schließen und zu ratifizieren war (vgl. EuGH, Gutachten 1/94 vom\n15. November 1994, Slg. 1994, S. I-5267 Rn. 98 und 105; zum Status eines völkerrechtlichen Vertrags als gemischtes Abkommen vgl. auch EuGH, Gutachten 1/78\nvom 4. Oktober 1979, Slg. 1979, S. 2871 Rn. 2; EuGH, Gutachten 2/91 vom 19. März\n1993, Slg. 1993, S. I-1061 Rn. 13 und 39).\n\n Für den Abschluss und die Ratifikation völkerrechtlicher Verträge im Rahmen der       373\ngemeinsamen Handelspolitik, einschließlich solcher zu den in Art. 207 Abs. 1 AEUV\nneu aufgenommenen Bereichen, soll danach künftig ausschließlich die Union zuständig sein; die Notwendigkeit und die Möglichkeit des Vertragsschlusses (auch) durch\ndie Mitgliedstaaten und die damit verbundene Beteiligung der mitgliedstaatlichen\nParlamente gemäß deren verfassungsrechtlichen Vorschriften (Art. 59 Abs. 2 GG)\nentfällt. Die Rolle des Europäischen Parlaments, das nach den derzeit geltenden Bestimmungen beim Abschluss von Verträgen im Rahmen der Gemeinsamen Handels-\n\n\n\n                                      108/123\n\npolitik nicht einmal angehört werden muss, wird demgegenüber gestärkt. Ein Rahmen für die Umsetzung der Gemeinsamen Handelspolitik wird gemäß Art. 207 Abs. 2\nAEUV durch Verordnung im Wege des ordentlichen Gesetzgebungsverfahrens gesetzt. Vertragsschlüssen muss das Europäische Parlament nach Maßgabe des\nArt. 218 Abs. 6 UAbs. 2 Buchstabe a Nr. v AEUV zustimmen (vgl. zum noch ungeklärten Umfang der Zustimmungsbedürftigkeit Krajewski, Das institutionelle Gleichgewicht in den auswärtigen Beziehungen, in: Herrmann/Krenzler/Streinz, Die Außenwirtschaftspolitik der Europäischen Union nach dem Verfassungsvertrag, 2006, S. 63\n<69 ff.>).\n\n  Mit der dargestellten ausschließlichen Kompetenz wächst der Union die alleinige       374\nDispositionsbefugnis über internationale Handelsabkommen zu, von denen wesentliche Umgestaltungen der inneren Ordnung der Mitgliedstaaten ausgehen können. Die\ndargestellte Kompetenzverschiebung durch den Vertrag von Lissabon betrifft die Mitgliedstaaten über den Verlust der eigenen Kompetenz zum Abschluss internationaler\nHandelsabkommen - und die damit verbundene Ausschaltung der gesetzgeberischen Mitwirkung von Bundestag und Bundesrat nach Art. 59 Abs. 2 GG - hinaus\nauch insofern, als die Mitgliedschaft der Mitgliedstaaten in der Welthandelsorganisation dadurch auf einen nur noch formellen Status reduziert werden könnte. Das\nStimmrecht in den Organen der Welthandelsorganisation würde nur noch von der Europäischen Union ausgeübt werden können. Darüber hinaus würden die Mitgliedstaaten in den Streitbeilegungsverfahren der Welthandelsorganisation ihre formelle\nParteifähigkeit verlieren. Die Mitgliedstaaten würden zudem von den globalen Verhandlungen über neue oder geänderte Übereinkommen im Rahmen der erweiterten\ngemeinsamen Handelspolitik - den sogenannten Welthandelsrunden - ausgeschlossen (vgl. zu den Einzelheiten Tietje, Das Ende der parallelen Mitgliedschaft von EU\nund Mitgliedstaaten in der WTO?, in: Herrmann/Krenzler/Streinz, Die Außenwirtschaftspolitik der Europäischen Union nach dem Verfassungsvertrag, 2006, S. 161\n<171 ff.>).\n\n  Es kann offenbleiben, ob und inwieweit die Mitgliedschaft der Mitgliedstaaten der     375\nEuropäischen Union in der Welthandelsorganisation nicht mehr substantiell-materiell,\nsondern nur noch institutionell-formell bestehen würde. Jedenfalls kann der Vertrag\nvon Lissabon die Mitgliedstaaten nicht zur Aufgabe ihres Mitgliedsstatus zwingen.\nDas gilt insbesondere für die Verhandlungen über multilaterale Handelsbeziehungen\nim Sinne des Art. III Abs. 2 WTO-Übereinkommen, deren möglicher zukünftiger Inhalt\ndurch das Recht der Europäischen Union nicht bestimmt wird und für die sich daher\nin Zukunft - je nach dem Verlauf zukünftiger Handelsrunden - eine Zuständigkeit der\nMitgliedstaaten ergeben kann. Zu einer unzulässigen Einschränkung der vom Grundgesetz vorausgesetzten und geschützten Staatlichkeit und des Prinzips der Volkssouveränität durch einen Verlust der Handlungsfähigkeit in nicht unwesentlichen Teilbereichen des internationalen Staatenverkehrs kann es daher nicht kommen. Die\nWelthandelsorganisation ist weiterhin das zentrale Forum für den weltweiten Dialog\nüber Handelsfragen und das Aushandeln entsprechender Handelsübereinkommen.\n\n\n\n                                       109/123\n\nAuch wenn die Mitgliedstaaten in der Praxis sich regelmäßig durch die Kommission\nvertreten lassen, ist ihre rechtliche und diplomatische Präsenz zudem die Voraussetzung dafür, am Diskurs über gesellschafts-, wirtschafts- und sozialpolitische Grundfragen teilzunehmen und die Argumente und die Ergebnisse dann auf nationaler\nEbene verständlich zu machen und zu debattieren. Wenn die Bundesregierung den\nDeutschen Bundestag und den Bundesrat über die Themen der Welthandelsrunden\nund die vom Rat festgelegten Verhandlungsrichtlinien (Art. 218 Abs. 2 AEUV) unterrichtet und ihm dadurch die Prüfung der Einhaltung des Integrationsprogramms durch\ndie Europäische Union und die Kontrolle der Tätigkeit der Bundesregierung ermöglicht, handelt es sich nicht nur um die selbstverständliche Wahrnehmung ihrer allgemeinen Informationsaufgabe (vgl. BVerfGE 57, 1 <5>; 70, 324 <355>; 105, 279\n<301 ff.>; 110, 199 <215>); sie ist hierzu angesichts der gemeinsamen Integrationsverantwortung und der gewaltenteilenden Aufgabendifferenzierung unter den Verfassungsorganen auch verfassungsrechtlich verpflichtet.\n\n  Die Vorstellung eines allmählichen Zurücktretens der Rechtssubjektivität der Mitgliedstaaten in den auswärtigen Beziehungen zugunsten einer immer deutlicher\nstaatsanalog auftretenden Europäischen Union entspricht auch keineswegs einem\nvoraussehbaren und durch den Vertrag von Lissabon unumkehrbar gemachten\nTrend im Sinne einer jedenfalls faktisch notwendigen Bundesstaatsbildung. Die bislang vollzogene Entwicklung einer kooperativ gemischten und parallel wahrgenommenen Mitgliedschaft könnte im Gegenteil sogar ein Modell für andere internationale\nOrganisationen und für andere Staatenverbindungen sein. Sofern jedoch auf der\nGrundlage des insofern entwicklungsoffenen Vertrags von Lissabon die staatsanaloge Entwicklung der Europäischen Union fortgesetzt würde, geriete dies in Widerspruch zu verfassungsrechtlichen Grundlagen. Ein solcher Schritt ist aber mit dem\nVertrag von Lissabon nicht gemacht.\n\n  (2) Auf einer anderen rechtlichen Grundlage ist der Rahmen für ausländische Direktinvestitionen zu beurteilen. Der völkerrechtliche Investitionsschutz ist eine eigenständige Kategorie des internationalen Rechts, für den der welthandelsrechtliche\nKontext nur am Rande von Bedeutung ist (vgl. das Abkommen über handelsbezogene Investitionsmaßnahmen, ABl 1994 Nr. L 336/100). In der institutionellen Eigenständigkeit spiegeln sich die Meinungsverschiedenheiten über den Eigentumsschutz\nauf internationaler Ebene wider (vgl. Dolzer/Schreuer, Principles of International Investment Law, 2008, S. 11 ff.). Über die sozial- und gesellschaftspolitische Bedeutung des Freiheitsgrundrechts auf Eigentum bestanden über Jahrzehnte weitreichende ideologisch motivierte Gegensätze (vgl. BVerfGE 84, 90 ff.; 94, 12 ff.; 112, 1 ff.).\n\n Zahlreiche Staaten haben auf bilateraler Ebene völkerrechtliche Verträge geschlossen, die den Eigentumsschutz des Auslandsvermögens zum Gegenstand haben.\nDieses Auslandsvermögen, das für die Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2007\n5.004 Milliarden Euro betrug (Bundesbank, Das deutsche Auslandsvermögen seit\nBeginn der Währungsunion: Entwicklung und Struktur, Monatsbericht 10.2008, S. 19\n<Tabelle>), fällt weit überwiegend in den Anwendungsbereich von derzeit 126 in\n\n\n                                        110/123\n\nKraft getretenen bilateralen Investitionsschutzverträgen (Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Übersicht über die bilateralen Investitionsförderungs- und -\nschutzverträge <IFV> der Bundesrepublik Deutschland, Stand: 27. Mai 2009). Weltweit bestanden Ende des Jahres 2007 insgesamt 2.608 bilaterale Investitionsschutzverträge (vgl. UNCTAD, World Investment Report 2008, Transnational Corporations,\nand the Infrastructure Challenge, S. 14).\n\n  Mit der Erweiterung der gemeinsamen Handelspolitik auf „ausländische Direktinvestitionen“ (Art. 207 Abs. 1 AEUV), wird der Europäischen Union auch für diesen Bereich eine ausschließliche Kompetenz zugewiesen. Allerdings spricht vieles dafür,\ndass der Begriff „ausländische Direktinvestitionen“ nur diejenigen Investitionen umfasst, die dem Kontrollerwerb eines Unternehmens dienen (vgl. Tietje, Die Außenwirtschaftsverfassung der EU nach dem Vertrag von Lissabon, 2009, S. 15 f.). Dies hätte\nzur Folge, dass die ausschließliche Kompetenz nur für Investitionen dieses Typs besteht, während darüber hinausgehende Investitionsschutzverträge als gemischte Abkommen geschlossen werden müssten.\n\n  Der rechtliche Fortbestand der bereits geschlossenen Verträge ist nicht gefährdet.      380\nVölkerrechtliche Verträge der Mitgliedstaaten, die vor dem 1. Januar 1958 geschlossen wurden, bleiben vom Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft\ngrundsätzlich unberührt (Art. 307 Abs. 1 EGV; Art. 351 Abs. 1 AEUV). Diese Regelung ist zwar vielfach nicht unmittelbar anwendbar, weil bilaterale Investitionsschutzverträge regelmäßig jüngeren Datums sind, allerdings ist der Vorschrift der Rechtsgedanke zu entnehmen, dass ein rechtstatsächlicher Zustand in den Mitgliedstaaten\ndurch einen späteren Integrationsschritt grundsätzlich nicht beeinträchtigt wird (vgl.\nBernhardt, Die Europäische Gemeinschaft als neuer Rechtsträger im Geflecht der\ntraditionellen zwischenstaatlichen Beziehungen, EuR 1983, S. 199 <205>; Schmalenbach, in: Calliess/Ruffert, EUV/EGV, 3. Aufl. 2007, Art. 307 EGV Rn. 5). Mit Blick\nauf die gemischte Zuständigkeit in Investitionsfragen sind die bestehenden Investitionsschutzverträge der Mitgliedstaaten seitens der Europäischen Union zu genehmigen (vgl. Entscheidung des Rates 2001/855/EG vom 15. November 2001 zur Genehmigung der stillschweigenden Verlängerung oder der Aufrechterhaltung derjenigen\nBestimmungen von Freundschafts-, Handels- und Schifffahrtsverträgen sowie Handelsabkommen zwischen den Mitgliedstaaten und Drittländern, deren Gegenstand\nunter die gemeinsame Handelspolitik fällt, ABl Nr. L 320/13). Dies entspricht der derzeit - ausdrücklich erklärten oder stillschweigend geübten - Praxis in Bezug auf die\nFortgeltung völkerrechtlicher Verträge der Mitgliedstaaten.\n\n dd) Der konstitutive Parlamentsvorbehalt für den Auslandseinsatz der Streitkräfte        381\nbesteht auch nach einem Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon fort. Der Vertrag\nvon Lissabon überträgt der Europäischen Union keine Zuständigkeit, auf die Streitkräfte der Mitgliedstaaten ohne Zustimmung des jeweils betroffenen Mitgliedstaates\noder seines Parlaments zurückzugreifen.\n\n (1) Der wehrverfassungsrechtliche Parlamentsvorbehalt des Grundgesetzes greift           382\n\n\n\n                                        111/123\n\nein, wenn nach dem jeweiligen Einsatzzusammenhang und den einzelnen rechtlichen und tatsächlichen Umständen die Einbeziehung deutscher Soldaten in bewaffnete Auseinandersetzungen konkret zu erwarten ist. Die auf die Streitkräfte bezogenen Regelungen des Grundgesetzes sind darauf angelegt, die Bundeswehr nicht als\nMachtpotential allein der Exekutive zu überlassen, sondern sie als „Parlamentsheer“\nin die demokratisch rechtsstaatliche Verfassungsordnung einzufügen (vgl. BVerfGE\n90, 286 <381 f.>; 121, 135 <153 ff.>).\n\n Der wehrverfassungsrechtliche Parlamentsvorbehalt begründet ein wirksames Mitentscheidungsrecht des Deutschen Bundestages in Angelegenheiten der auswärtigen Gewalt. Ohne parlamentarische Zustimmung ist ein Einsatz bewaffneter Streitkräfte unter dem Grundgesetz grundsätzlich nicht zulässig; nur ausnahmsweise ist\ndie Bundesregierung - bei Gefahr im Verzug - berechtigt, vorläufig den Einsatz bewaffneter Streitkräfte zu beschließen, damit die Wehr- und Bündnisfähigkeit der Bundesrepublik Deutschland durch den Parlamentsvorbehalt nicht in Frage gestellt werden (vgl. BVerfGE 90, 286 <388 f.>).\n\n  (2) Der Wortlaut des Vertrags von Lissabon verpflichtet die Mitgliedstaaten nicht,     384\nnationale Streitkräfte für militärische Einsätze der Europäischen Union bereitzustellen. Der Wortlaut und die Entstehungsgeschichte der Art. 42 ff. EUV-Lissabon zeigen\ndeutlich das Bestreben der Mitgliedstaaten, die in dem letzten Wort der Verfassung\nliegende souveräne Entscheidung über den Einsatz ihrer Streitkräfte beizubehalten.\nDieser Auslegung des Vertrags von Lissabon steht Art. 42 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 1\nEUV-Lissabon nicht entgegen, der erstmals eine kollektive Beistandspflicht der Mitgliedstaaten einführt. Im Fall eines bewaffneten Angriffs auf das Hoheitsgebiet eines\nMitgliedstaates „schulden die anderen Mitgliedstaaten ihm alle in ihrer Macht stehende Hilfe und Unterstützung, im Einklang mit Artikel 51 der Charta der Vereinten Nationen“.\n\n  Es kann offenbleiben, ob in der Literatur zu Recht bereits die rechtliche Bindungswirkung dieser kollektiven Beistandspflicht in Frage gestellt wird (vgl. Dietrich, Die\nrechtlichen Grundlagen der Verteidigungspolitik der Europäischen Union, ZaöRV\n2006, S. 663 <694>; Regelsberger, Von Nizza nach Lissabon - das neue konstitutionelle Angebot für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU, integration\n2008, S. 266 <271>; Missiroli, The Impact of the Lisbon Treaty on ESDP, European\nParliament, January 2008, S. 15; Schmidt-Radefeldt, Parlamentarische Kontrolle der\ninternationalen Streitkräfteintegration, 2005, S. 186; Thym, Außenverfassungsrecht\nnach dem Lissaboner Vertrag, in: Pernice, Der Vertrag von Lissabon: Reform der EU\nohne Verfassung?, 2008, S. 173 <184 f.>).\n\n Aus Wortlaut und Systematik des Art. 42 EUV-Lissabon wird jedenfalls deutlich,          386\ndass die Beistandspflicht der Mitgliedstaaten nicht über die Beistandspflicht nach\nArt. 5 des Nordatlantikvertrags vom 4. April 1949 (BGBl 1955 II S. 289) hinausgeht.\nDiese umfasst nicht zwingend den Einsatz militärischer Mittel, sondern gewährt den\nNATO-Mitgliedstaaten einen Beurteilungsraum hinsichtlich des Inhalts des zu leisten-\n\n\n\n                                       112/123\n\nden Beistands (vgl. BVerfGE 68, 1 <93>). Hinzu kommt, dass die kollektive Beistandspflicht den „besonderen Charakter der Sicherheits- und Verteidigungspolitik\nbestimmter Mitgliedstaaten“ ausdrücklich unberührt lässt (Art. 42 Abs. 7 UAbs. 1\nSatz 2 EUV-Lissabon), eine Aussage, die der Vertrag auch an anderen Stellen enthält (vgl. Art. 42 Abs. 2 UAbs. 2 Satz 1 EUV-Lissabon und die der Schlussakte zum\nVertrag von Lissabon beigefügten Erklärungen Nr. 13 und 14 zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik). Die Mitgliedstaaten haben dadurch die primärrechtlich\nabgesicherte Möglichkeit, sich gegenüber der Beistandspflicht auf prinzipielle inhaltliche Vorbehalte zu berufen (vgl. Graf von Kielmansegg, Die Verteidigungspolitik der\nEuropäischen Union, 2005, S. 396 ff.). Der wehrverfassungsrechtliche Parlamentsvorbehalt des Grundgesetzes kann seine Wirksamkeit im Anwendungsbereich dieses Vorbehalts entfalten.\n\n  (3) Der wehrverfassungsrechtliche Parlamentsvorbehalt kann auch nicht aufgrund          387\nvon sekundärrechtlich begründeten Handlungspflichten der Mitgliedstaaten umgangen werden. Der Vertrag von Lissabon ermächtigt den Rat zwar zu Beschlüssen über\nMissionen, „bei deren Durchführung die Union auf zivile und militärische Mittel zurückgreifen kann“ (Art. 43 Abs. 1 und Abs. 2 EUV-Lissabon). Die Formulierung „zivile\nund militärische Mittel“ könnte auch konkrete mitgliedstaatliche Streitkräftekontingente einschließen. Das bisherige Verständnis der Mitgliedstaaten im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik spricht allerdings gegen diese Sichtweise.\nDanach waren militärische Beiträge niemals rechtlich, sondern allenfalls politisch „geschuldet“.\n\n  Selbst wenn aber Art. 43 Abs. 2 EUV-Lissabon weit ausgelegt würde, müsste der           388\nRat einen entsprechenden Beschluss einstimmig fassen (vgl. Art. 31 Abs. 1 und\nAbs. 4, Art. 42 Abs. 4 EUV-Lissabon). Der deutsche Vertreter im Rat wäre in diesem\nFall von Verfassungs wegen verpflichtet, jeder Beschlussvorlage die Zustimmung zu\nverweigern, die den wehrverfassungsrechtlichen Parlamentsvorbehalt des Grundgesetzes verletzen oder umgehen würde. Das Erfordernis der Einstimmigkeit im Rat\nkann in diesem Fall auch nicht durch einen Beschluss des Rates in die qualifizierte\nMehrheit übergeleitet werden (vgl. Art. 31 Abs. 2 und Abs. 3 EUV-Lissabon). Beschlüsse „mit militärischen oder verteidigungspolitischen Bezügen“ sind vom Anwendungsbereich der allgemeinen Brückenklausel nach Art. 48 Abs. 7 UAbs. 1 Satz 2\nEUV-Lissabon und der speziellen Brückenklausel nach Art. 31 Abs. 4 EUV-Lissabon\nausgenommen. Eine mögliche politische Einigung zwischen den Mitgliedstaaten,\nStreitkräfte im europäischen Bündnis einzusetzen, wäre nicht in der Lage, auf rechtlicher Ebene eine Handlungspflicht zu erzeugen, die den insoweit gegenüber Art. 23\nGG spezielleren konstitutiven Parlamentsvorbehalt nach Art. 24 Abs. 2 GG überspielen könnte.\n\n  (4) Der Vertrag von Lissabon ermächtigt die Mitgliedstaaten zur schrittweisen Festlegung einer gemeinsamen Verteidigungspolitik. Eine solche gemeinsame Verteidigungspolitik, die bereits nach der geltenden Fassung des Art. 17 Abs. 1 EUV möglich\nist, führt zu einer gemeinsamen Verteidigung, „sobald der Europäische Rat dies ein-\n\n\n                                        113/123\n\nstimmig beschlossen hat“ und die Mitgliedstaaten einen entsprechenden Beschluss\n„im Einklang mit ihren verfassungsrechtlichen Vorschriften“ erlassen haben (Art. 42\nAbs. 2 UAbs. 1 EUV-Lissabon).\n\n Der Ratifikationsvorbehalt verdeutlicht, dass der Schritt der Europäischen Union zu    390\neinem System gegenseitiger kollektiver Sicherheit durch die geltende Fassung des\nPrimärrechts und durch die Rechtslage nach einem Inkrafttreten des Vertrags von\nLissabon noch nicht gegangen wird. Sollten sich die Mitgliedstaaten entschließen, einen entsprechenden Beschluss zu fassen, bestünde eine Pflicht zur militärischen Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten nur im Rahmen des Völkerrechts. Die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, einschließlich der Gemeinsamen Sicherheits- und\nVerteidigungspolitik, unterfällt auch nach dem Vertrag von Lissabon nicht dem supranationalen Recht (vgl. Art. 24 Abs. 1, Art. 40 EUV-Lissabon; Art. 2 Abs. 4 AEUV und\ndie der Schlussakte zum Vertrag von Lissabon beigefügte Erklärung Nr. 14 zur Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik).\n\n  Sollte der Europäische Rat eine gemeinsame Verteidigung einstimmig beschließen,       391\nwürde das im Bereich der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik geltende Einstimmigkeitsprinzip (vgl. Art. 31 Abs. 1 und Abs. 4; Art. 42 Abs. 4 EUV-Lissabon) garantieren, dass kein Mitgliedstaat gegen seinen Willen zu einer Beteiligung an einer militärischen Operation der Europäischen Union verpflichtet werden\nkönnte. Der wehrverfassungsrechtliche Parlamentsvorbehalt könnte in diesem Fall\nauch nicht durch eine ordentliche Vertragsänderung (Art. 48 Abs. 2 bis Abs. 5 EUV-Lissabon), die das Einstimmigkeitsprinzip zugunsten einer Abstimmung mit qualifizierter Mehrheit beseitigte, umgangen werden. Die Bundesrepublik Deutschland\ndürfte sich von Verfassungs wegen nicht an einer solchen Vertragsänderung beteiligen.\n\n ee) Der Vertrag von Lissabon beschränkt die sozialpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten des Deutschen Bundestages nicht in einem solchen Umfang, dass das Sozialstaatsprinzip (Art. 23 Abs. 1 Satz 3 in Verbindung mit Art. 79 Abs. 3 GG) in verfassungsrechtlich bedenklicher Weise beeinträchtigt und insoweit notwendige\ndemokratische Entscheidungsspielräume unzulässig vermindert wären.\n\n Die von den Beschwerdeführern zu V. vorgetragene Behauptung, die europäische           393\nWirtschaftspolitik sei reine Marktpolitik ohne sozialpolitische Ausrichtung und beschränke mit ihrem funktionellen Ansatz die Möglichkeiten der Gesetzgebung in den\nMitgliedstaaten, eine selbstbestimmte Sozialpolitik zu betreiben, ist unzutreffend.\nWeder ist die Europäische Union sozialpolitisch ohne Kompetenzen, noch ist sie auf\ndiesem Gebiet untätig. Zugleich verfügen die Mitgliedstaaten über einen ausreichenden Zuständigkeitsraum, um sozialpolitisch wesentliche Entscheidungen selbstverantwortlich zu treffen.\n\n  Die Europäische Union muss sich seit dem Beginn des Integrationsprozesses mit         394\ndem Vorwurf auseinandersetzen, die soziale Dimension der Gesellschaft zu vernachlässigen und mit ihrem marktintegrativen Ansatz die demokratische Gestaltungsfä-\n\n\n                                       114/123\n\nhigkeit der Mitgliedstaaten auf sozialpolitischem Gebiet unzulässig zu beschränken.\nDer These von einem Ausschluss des Sozialen aus den Zielen des Integrationsprozesses lag dabei ein unausgesprochener Vergleich mit einer staatlichen Ordnung\nzugrunde, wenngleich die funktionale Integration, deren Ziel die Herstellung eines\nGemeinsamen Marktes ist, nicht zwingend die Einheitserwartungen der Gesellschaft\nerfüllen musste (vgl. aber Scharpf, The European Social Model: Coping with the\nChallenges of Diversity, JCMS 2002, S. 645 ff.). Bereits in den Verhandlungen über\nden Vertrag zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft wurden soziale Fragestellungen angesprochen und fanden, etwa im Bereich der Agrarmarktordnung und des gleichen Entgelts für Frauen und Männer (Art. 141 EGV; Art. 157\nAEUV), ihren Weg in den Vertragstext. Seit dieser Zeit hat das Sozialthema mit jeder\nReform der Rechtsgrundlagen der europäischen Integration an Bedeutung zugenommen und eine entsprechende Verstärkung im Primärrecht erfahren (vgl. zum europäischen Sozialrecht: Haverkate/Huster, Europäisches Sozialrecht: eine Einführung,\n1999; Hanau/Steinmeyer/Wank, Handbuch des europäischen Arbeits- und Sozialrechts, 2002; Fuchs, Europäisches Sozialrecht, 4. Aufl. 2005; Marhold, Das neue Sozialrecht der EU, 2005; de Búrca, EU Law and the Welfare State, 2005; Eichenhofer,\nSozialrecht der Europäischen Union, 3. Aufl. 2006).\n\n  So wurde das Sozialabkommen, das wegen fehlenden politischen Konsenses zunächst als völkerrechtlich eigenständiges Instrument neben dem Vertrag von Maastricht entstand, im Jahr 1997 durch den Vertrag von Amsterdam in das Gemeinschaftsrecht übernommen. Art. 136 bis Art. 150 EGV enthalten Zuständigkeiten unter\nanderem in den Bereichen Arbeitsrecht, soziale Sicherung, Aus- und Fortbildung,\nMitbestimmung, Dialog mit den Sozialpartnern sowie Arbeitsbedingungen (zu den\nEinzelheiten etwa Kingreen, Das Sozialstaatsprinzip im europäischen Verfassungsverbund, 2003, S. 295 ff.). Diese Regelungen werden ergänzt durch Art. 13 EGV, der\nRechtsgrundlage für die Anti-Diskriminierungsrichtlinien ist, Art. 39 EGV, der die Freizügigkeit der Arbeitnehmer regelt, sowie durch die sozialen Grundrechte der Grundrechtecharta, denen unter der Überschrift „Solidarität“ der gesamte Titel IV der\nGrundrechtecharta gewidmet ist (Art. 27 bis Art. 38 GRCh). Insbesondere aber hat\nder Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften die Unionsbürgerschaft seit einigen Jahren als Nukleus einer europäischen Solidarität verstanden und auf der\nGrundlage von Art. 18 in Verbindung mit Art. 12 EGV in seiner Rechtsprechung entwickelt. Diese Rechtsprechungslinie steht für den Versuch, eine europäische soziale\nIdentität zu stiften, indem die Teilhabe der Unionsbürger an den jeweiligen Sozialsystemen der Mitgliedstaaten gefördert wird (siehe die Beiträge in Hatje/Huber, Unionsbürgerschaft und soziale Rechte, 2007, sowie Kadelbach, Unionsbürgerrechte, in:\nEhlers, Europäische Grundrechte und Grundfreiheiten, 2. Aufl. 2005, S. 553 ff.; Hailbronner, Unionsbürgerschaft und Zugang zu den Sozialsystemen, JZ 2005,\nS. 1138 ff.).\n\n  Der Vertrag von Lissabon steht in dieser Entwicklungslinie: Die Präambel des Vertrags über die Arbeitsweise der Europäischen Union bekundet in ihrem zweiten Erwä-\n\n\n\n                                        115/123\n\ngungsgrund die Entschlossenheit, durch „gemeinsames Handeln den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt“ der Mitgliedstaaten zu sichern. Die Zielbestimmungen\ndes Vertrags über die Europäische Union werden dahingehend angepasst, dass\ndie Union auf eine in „hohem Maße wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die\nauf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt“ hinwirkt (Art. 3 Abs. 3 UAbs. 1\nEUV-Lissabon). Zugleich wird das Ziel eines „freien und unverfälschten Wettbewerbs“ aus dem operativen Teil des Vertrags über die Europäische Union gestrichen\nund in das Protokoll Nr. 27 über den Binnenmarkt und den Wettbewerb ausgelagert.\nEine neue Querschnittsklausel (Art. 9 AEUV) soll sicherstellen, dass der Förderung\neines hohen Beschäftigungsniveaus, der Gewährleistung angemessenen sozialen\nSchutzes, der Bekämpfung der sozialen Ausgrenzung, einem hohen Bildungsniveau\nund dem Gesundheitsschutz in allen Politiken und Maßnahmen der Union Rechnung\ngetragen wird (weitere Neuerungen im sozialen Bereich führt der Vertrag von Lissabon ein durch Art. 5 Abs. 3 <Koordinierung mitgliedstaatlicher Sozialpolitik>, Art. 21\nAbs. 3 <Unionsbürgerschaft und soziale Sicherheit>, Art. 152 <Rolle der Sozialpartner> und Art. 165 Abs. 2 AEUV <soziale Funktion des Sports>; das Protokoll Nr. 29\nbenennt die Verbindung der Existenz eines öffentlichrechtlichen Rundfunks mit den\nsozialen Bedürfnissen jeder Gesellschaft).\n\n  Dem rechtlichen Handlungsrahmen entsprechen politische Initiativen und Programme, die das Recht ausfüllen und konkretisieren. Der Europäische Rat von Brüssel hat\nin den Schlussfolgerungen seines Vorsitzes vom 11. und 12. Dezember 2008 ausdrücklich anerkannt, dass die Themen sozialer Fortschritt und Schutz der Arbeitnehmerrechte, öffentliche Dienstleistungen als unverzichtbares Instrument des sozialen\nund regionalen Zusammenhalts, Verantwortlichkeit der Mitgliedstaaten für die Bereitstellung von Bildungs- und Gesundheitsdiensten, die Rolle und der Ermessensspielraum nationaler, regionaler und lokaler Behörden in Fragen der Daseinsvorsorge von\ngroßer Bedeutung seien (Bulletin EU 12-2008, I-17 <Anlage 1>).\n\n  Schließlich ist die Rechtsprechung des Gerichtshofs zu berücksichtigen, die zwar          398\nbis in die jüngste Zeit hinein auch Anlass für die Kritik an einer „einseitigen Marktorientierung“ der Europäischen Union war, zugleich aber eine Reihe von Elementen für\nein „soziales Europa“ aufgezeigt hat. Der Gerichtshof hat in seiner Rechtsprechung\nGrundsätze entwickelt, die die soziale Dimension der Europäischen Union stärken.\nSo hat der Gerichtshof zahlreiche wichtige soziale Anliegen als zwingende Erfordernisse des Allgemeinwohls anerkannt, die Einschränkungen der Marktfreiheiten des\nGemeinschaftsrechts rechtfertigen können. Zu ihnen gehören beispielsweise der\nSchutz der Arbeitnehmer (EuGH, Urteil vom 15. März 2001, Rs. C-165/98, Mazzoleni, Slg. 2001, S. I-2189 Rn. 27), das finanzielle Gleichgewicht des Systems der sozialen Sicherheit (EuGH, Urteil vom 13. Mai 2003, Rs. C-385/99, Müller-Fauré, Slg.\n2003, S. I-4509 Rn. 73), die Erfordernisse des Systems der Sozialhilfe (EuGH, Urteil\nvom 17. Juni 1997, Rs. C-70/95, Sodemare, Slg. 1997, S. I-3395 Rn. 32) und der Sozialordnung (EuGH, Urteil vom 21. Oktober 1999, Rs. C-67/98, Zenatti, Slg. 1999,\nS. I-7289 Rn. 31) sowie der Schutz vor Sozialdumping (EuGH, Urteil vom 18. De-\n\n\n\n                                         116/123\n\nzember 2007, Rs. C-341/05, Laval, Slg. 2007, S. I-11767 Rn. 103). In der Entscheidung vom 11. Dezember 2007 stellte der Gerichtshof sogar die Existenz eines europäischen Streik-Grundrechts fest (EuGH, Rs. C-438/05, Viking, Slg. 2007, S. I-10779\nRn. 44; zur Kritik vgl. Rebhahn, Grundfreiheit vor Arbeitskampf - der Fall Viking, ZE-SAR 2008, S. 109 ff.; Joerges/Rödl, Informal Politics, Formalised Law and the „Social\nDeficit“ of European Integration: Reflections after the Judgments of the ECJ in Viking\nand Laval, ELJ 2009, S. 1 ff.; sowie die Beiträge auf dem Symposium „Die Auswirkung der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes auf das Arbeitsrecht der\nMitgliedstaaten“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales am 26. Juni 2008,\nhttp://www.bmas.de/).\n\n In Anbetracht der geschilderten Rechtslage, der Entwicklungen und der politischen       399\nGrundrichtung in der Europäischen Union ist der weit bemessene Gestaltungsfreiraum, der in sozialen Fragen auch auf europäischer Ebene besteht, jedenfalls nicht\nüberschritten. Es ist aber auch anders, als die Beschwerdeführer zu V. befürchten,\nnichts dafür ersichtlich, dass den Mitgliedstaaten das Recht und die praktischen\nHandlungsmöglichkeiten genommen wären, für soziale Sicherungssysteme und andere Maßnahmen der Sozial- oder Arbeitsmarktpolitik konzeptionelle Entscheidungen in ihren demokratischen Primärräumen zu treffen.\n\n  Soweit Art. 48 Abs. 1 AEUV die Europäische Union ermächtigt, die auf dem Gebiet        400\nder sozialen Sicherheit für die Herstellung der Freizügigkeit der Arbeitnehmer notwendigen Maßnahmen zu beschließen, besteht für ein Mitglied des Rates die Möglichkeit, über das Notbremseverfahren die Befassung des Europäischen Rates zu beantragen, um auf diese Weise die Aussetzung des ordentlichen\nGesetzgebungsverfahrens zu erlangen (Art. 48 Abs. 2 AEUV). Ebenso wie im Notbremseverfahren im Bereich der Strafrechtspflege (Art. 82 Abs. 3 und Art. 83 Abs. 3\nAEUV) darf der deutsche Regierungsvertreter im Rat dieses mitgliedstaatliche Recht\nnur nach Weisung des Deutschen Bundestages und, soweit die Regelungen über die\nGesetzgebung dies erfordern, des Bundesrates ausüben.\n\n 2. Das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 23, 45 und 93) (Änderungsgesetz), bei dem es sich um ein verfassungsänderndes Gesetz handelt, stößt\nweder auf formelle noch auf materielle Bedenken und ist deshalb verfassungsgemäß.\n\n  Im Fall eines verfassungsändernden Gesetzes prüft das Bundesverfassungsgericht, ob die Anforderungen gewahrt sind, die Art. 79 Abs. 3 GG an Verfassungsänderungen stellt (vgl. BVerfGE 30, 1 <24>; 94, 12 <33 f.>; 109, 279 <310>). Nach dem\nRegelungsinhalt des Änderungsgesetzes ist nicht erkennbar, wodurch die in Art. 1\nund Art. 20 GG niedergelegten Grundsätze berührt sein könnten.\n\n a) Das gilt insbesondere für Art. 1 Nr. 1 des Änderungsgesetzes, durch den das          403\nRecht zur Erhebung der Subsidiaritätsklage als Minderheitenrecht in die Verfassung\neingefügt wird (Art. 23 Abs. 1a Satz 2 GG n.F.). Sinn und Zweck der vorgesehenen\nKlagepflicht des Deutschen Bundestages liegen darin, der Parlamentsminderheit die\nBefugnis zur Geltendmachung der Rechte des Deutschen Bundestages auch dann\n\n\n                                       117/123\n\nzu erhalten, wenn dieser seine Rechte, insbesondere im Verhältnis zu der von ihm\ngetragenen Bundesregierung, nicht wahrnehmen will. Den Oppositionsfraktionen und\ndamit der organisierten parlamentarischen Minderheit als dem Gegenspieler der\nRegierungsmehrheit soll der Rechtsweg zum Gerichtshof der Europäischen Union eröffnet werden, um die tatsächliche Geltendmachung der dem Parlament im\neuropäischen Integrationsgefüge vorbehaltenen Rechte zu ermöglichen (vgl. zum\nOrganstreitverfahren: BVerfGE 90, 286 <344>; 117, 359 <367 f.>; vgl. zur Ausgestaltung der Subsidiaritätsklage als parlamentarisches Minderheitenrecht auch Art. 88-6\n§ 3 der französischen Verfassung vom 4. Oktober 1958 in der Fassung vom 21. Juli\n2008).\n\n  Auf keine verfassungsrechtlichen Bedenken stößt die Einfügung eines Absatzes 1a        404\nin Art. 23 GG auch im Hinblick auf das Quorum von einem Viertel der Mitglieder des\nDeutschen Bundestages. Zwar weicht die Verpflichtung des Bundestages, die Subsidiaritätsklage bereits dann zu erheben, wenn ein Viertel seiner Mitglieder diesen\nSchritt verlangt (Art. 23 Abs. 1a Satz 2 GG n.F.), vom Mehrheitsprinzip des Art. 42\nAbs. 2 GG ab. Dies ist jedoch schon deshalb unbedenklich, weil es hier nicht um Entscheidungen mit regelnder Wirkung, sondern um die Befugnis zur Anrufung eines\nGerichts geht (vgl. Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG).\n\n b) Die in Art. 1 Nr. 2 des Änderungsgesetzes vorgesehene Delegationsbefugnis            405\nnach Art. 45 Satz 3 GG n.F. verstößt nicht gegen demokratische Grundsätze im Sinne des Art. 79 Abs. 3 GG. Der Bundestag bestellt einen Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union. Er kann ihn ermächtigen, die Rechte des Bundestages gemäß Art. 23 GG gegenüber der Bundesregierung wahrzunehmen. Er\nkann ihn auch ermächtigen, die Rechte wahrzunehmen, die dem Bundestag in den\nvertraglichen Grundlagen der Europäischen Union eingeräumt sind. Nicht die Einräumung dieser Befugnisse, sondern allein ihre Ausübung kann im Einzelfall verfassungsrechtlichen Bedenken ausgesetzt sein.\n\n  3. Das Gesetz über die Ausweitung und Stärkung der Rechte des Bundestages und          406\ndes Bundesrates in Angelegenheiten der Europäischen Union (Ausweitungsgesetz)\nverstößt insoweit gegen Art. 38 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 23 Abs. 1 GG, als Beteiligungsrechte des Deutschen Bundestages und des Bundesrates nicht in dem erforderlichen Umfang ausgestaltet worden sind.\n\n a) Mit dem bislang vom Bundespräsidenten noch nicht ausgefertigten Ausweitungsgesetz sollen die innerstaatlichen Voraussetzungen geschaffen werden, nach denen\nder Bundestag und der - insoweit als Kammer eines nationalen Parlaments anzusehende - Bundesrat die durch den Vertrag von Lissabon eingeräumten Rechte wahrnehmen (BTDrucks 16/8489, S. 7). Das Gesetz regelt die Ausübung der Rechte im\nRahmen der Subsidiaritätskontrolle (Art. 1 § 2 und § 3 des Ausweitungsgesetzes) sowie das ausdrücklich im Vertrag von Lissabon vorgesehene Recht, über das Brückenverfahren nach Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon und Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3\nAEUV geplante vertragsändernde Rechtsakte der Europäischen Union abzulehnen\n\n\n\n                                       118/123\n\n(Art. 1 § 4 des Ausweitungsgesetzes).\n\n  Das Gesetz ermöglicht ferner dem Plenum des Bundestages, den von ihm nach            408\nArt. 45 GG bestellten Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union zu\nermächtigen, seine Rechte - mit den sich aus den Anforderungen des Ausweitungsgesetzes an die Beschlussfassung ergebenden Einschränkungen bei der Subsidiaritätsklage und den Ablehnungsrechten im Rahmen der Brückenverfahren (vgl. hierzu\nBTDrucks 16/8489, S. 8) - gegenüber den Organen der Europäischen Union wahrzunehmen (Art. 1 § 5 des Ausweitungsgesetzes).\n\n b) Gestalten die Mitgliedstaaten auf der Grundlage des Prinzips der begrenzten Einzelermächtigung das europäische Vertragsrecht in einer Art und Weise aus, dass eine Veränderung des Vertragsrechts bereits ohne Ratifikationsverfahren allein oder\nmaßgeblich durch die Organe der Europäischen Union - wenngleich unter dem Einstimmigkeitserfordernis im Rat - herbeigeführt werden kann, obliegt den nationalen\nVerfassungsorganen eine besondere Verantwortung im Rahmen der Mitwirkung.\nDiese Integrationsverantwortung muss in Deutschland innerstaatlich den verfassungsrechtlichen Anforderungen insbesondere des Art. 23 Abs. 1 GG genügen. Das\nAusweitungsgesetz genügt diesen Anforderungen nicht, soweit dem Deutschen Bundestag und dem Bundesrat im Rahmen von Vertragsänderungs- und Rechtsetzungsverfahren keine hinreichenden Beteiligungsrechte eingeräumt wurden.\n\n  aa) Das Ausweitungsgesetz hat die Funktion, die verfassungsrechtlich gebotenen       410\nBeteiligungsrechte der gesetzgebenden Körperschaften am europäischen Integrationsprozess im nationalen Recht auf der Ebene des einfachen Gesetzes abzubilden\nund zu konkretisieren. Hierzu ist die Vereinbarung zwischen dem Deutschen Bundestag und der Bundesregierung über die Zusammenarbeit in Angelegenheiten der Europäischen Union vom 28. September 2006 (BGBl I S. 2177) weder ihrer nicht eindeutigen Rechtsnatur (vgl. Hoppe, Drum prüfe, wer sich niemals bindet - Die\nVereinbarung zwischen Bundesregierung und Bundestag in Angelegenheiten der Europäischen Union, DVBl 2007, S. 1540 <1540 f.>) noch ihrem Inhalt nach (vgl. unter\nanderem die Begleitresolution des Deutschen Bundestages vom 24. April 2008 zum\nVertrag von Lissabon <BTDrucks 16/8917, S. 6, BTPlenprot 16/157, S. 16482 B>)\nausreichend. Der Bundestag und der Bundesrat müssen daher die Gelegenheit haben, nach Maßgabe der Gründe dieser Entscheidung erneut über Verfahren und Formen ihrer Beteiligung zu entscheiden.\n\n bb) Bundestag und Bundesrat müssen bei dieser erneuten gesetzgeberischen Entscheidung berücksichtigen, dass sie ihre Integrationsverantwortung in zahlreichen\nFällen der dynamischen Vertragsentwicklung wahrnehmen müssen:\n\n  (1) Während das ordentliche Vertragsänderungsverfahren (Art. 48 Abs. 2 bis Abs. 5    412\nEUV-Lissabon) unter dem klassischen Ratifikationsvorbehalt für völkerrechtliche Verträge steht, bedürfen von Verfassungs wegen auch primärrechtliche Änderungen im\nvereinfachten Verfahren (Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon) eines Zustimmungsgesetzes\nnach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 und gegebenenfalls Satz 3 GG. Dieselbe Voraussetzung\n\n\n                                        119/123\n\ngilt für die Art. 48 Abs. 6 EUV-Lissabon entsprechenden Änderungsvorschriften\n(Art. 42 Abs. 2 UAbs. 1 EUV-Lissabon; Art. 25 Abs. 2, Art. 218 Abs. 8 UAbs. 2\nSatz 2, Art. 223 Abs. 1 UAbs. 2, Art. 262 und Art. 311 Abs. 3 AEUV).\n\n  (2) Im Anwendungsbereich des allgemeinen Brückenverfahrens nach Art. 48 Abs. 7       413\nEUV-Lissabon und der speziellen Brückenklauseln darf der Gesetzgeber durch das\nAusweitungsgesetz seine notwendige und konstitutive Zustimmung zu einer Initiative\ndes Europäischen Rates oder des Rates zum Übergang von der Einstimmigkeit zur\nqualifizierten Mehrheit für die Beschlussfassung im Rat und zum Übergang von einem besonderen Gesetzgebungsverfahren zu dem ordentlichen Gesetzgebungsverfahren weder aufgeben noch in abstrakter Vorwegnahme „auf Vorrat“ erteilen. Mit der\nZustimmung zu einer primärrechtlichen Änderung der Verträge im Anwendungsbereich der allgemeinen Brückenklausel und der speziellen Brückenklauseln bestimmen Bundestag und Bundesrat den Umfang der auf einem völkerrechtlichen Vertrag\nberuhenden Bindungen und tragen dafür die politische Verantwortung gegenüber\ndem Bürger (vgl. BVerfGE 104, 151 <209>; 118, 244 <260>; 121, 135 <157>). Die\nrechtliche und politische Verantwortung des Parlaments erschöpft sich - auch im Fall\nder europäischen Integration - insoweit nicht in einem einmaligen Zustimmungsakt,\nsondern erstreckt sich auch auf den weiteren Vertragsvollzug. Ein Schweigen von\nBundestag und Bundesrat reicht daher nicht aus, diese Verantwortung wahrzunehmen.\n\n (a) Soweit das allgemeine Brückenverfahren nach Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-           414\nLissabon sowie die spezielle Brückenklausel nach Art. 81 Abs. 3 UAbs. 3 AEUV den\nnationalen Parlamenten ein Ablehnungsrecht einräumen, ist dies kein ausreichendes\nÄquivalent zum Ratifikationsvorbehalt. Es ist daher erforderlich, dass der deutsche\nRegierungsvertreter im Europäischen Rat oder Rat dem Beschlussvorschlag nur\ndann zustimmen darf, wenn er zuvor von dem Deutschen Bundestag und dem Bundesrat innerhalb einer noch auszugestaltenden, an die Zwecksetzung des Art. 48\nAbs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon angelehnten Frist durch Gesetz im Sinne von Art. 23\nAbs. 1 Satz 2 GG dazu ermächtigt wurde.\n\n  Art. 1 § 4 Abs. 3 Nr. 3 des Ausweitungsgesetzes steht insoweit im Widerspruch zu     415\nder Funktion des Ablehnungsrechts, die Mitgliedstaaten vor weiteren - nicht vorhersehbaren - Vertragsänderungen effektiv zu schützen, als er für diese Klauseln vorsieht, dass die Entscheidungskompetenz über die Ausübung des Ablehnungsrechts\nin Fällen konkurrierender Gesetzgebung dem Bundestag nur dann obliegen soll,\nwenn der Bundesrat nicht widerspricht. Eine differenzierte Ausgestaltung der Ausübung des Ablehnungsrechts, wie sie sich in Art. 1 § 4 Abs. 3 Nr. 3 des Ausweitungsgesetzes findet, wird der allgemeinen Integrationsverantwortung des Deutschen Bundestages nicht gerecht. Es ist daher von Verfassungs wegen erforderlich, dem\nBundestag die Entscheidungskompetenz über die Ausübung des Ablehnungsrechts\nin diesen Fällen unabhängig von einer Entscheidung des Bundesrates einzuräumen.\n\n (b) Auf der Grundlage der weiteren speziellen Brückenklauseln in Art. 31 Abs. 3       416\n\n\n\n                                      120/123\n\nEUV-Lissabon, Art. 153 Abs. 2 UAbs. 4, Art. 192 Abs. 2 UAbs. 2, Art. 312 Abs. 2\nUAbs. 2 sowie Art. 333 Abs. 1 und Abs. 2 AEUV, die für die nationalen Parlamente\nein Ablehnungsrecht nicht vorsehen, kann in der Europäischen Union für die Bundesrepublik Deutschland nur dann verbindlich Recht gesetzt werden, wenn der Deutsche\nBundestag und, soweit die Regelungen über die Gesetzgebung dies erfordern, der\nBundesrat zuvor innerhalb einer ebenfalls noch auszugestaltenden, an die Zwecksetzung des Art. 48 Abs. 7 UAbs. 3 EUV-Lissabon angelehnten Frist ihre Zustimmung\nzu einem entsprechenden Beschlussvorschlag erteilt haben, wobei ein Schweigen\ndes Bundestages oder des Bundesrates nicht als Zustimmung gewertet werden darf.\n\n (3) Soweit von der Flexibilitätsklausel in Art. 352 AEUV Gebrauch gemacht werden     417\nsoll, erfordert dies jeweils ein Gesetz im Sinne von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG.\n\n (4) Im Rahmen der Notbremseverfahren nach Art. 48 Abs. 2, Art. 82 Abs. 3 und         418\nArt. 83 Abs. 3 AEUV kann die Bundesregierung im Rat nur auf entsprechende Weisung des Deutschen Bundestages und, soweit die Regelungen über die Gesetzgebung dies erfordern, des Bundesrates handeln.\n\n (5) Im Bereich der Justiziellen Zusammenarbeit in Strafsachen setzt die Ausübung     419\nvon Art. 83 Abs. 1 UAbs. 3 AEUV ein Gesetz im Sinne von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG\nvoraus. Soweit im Rahmen von Art. 82 Abs. 2 UAbs. 2 Buchstabe d und Art. 83\nAbs. 1 UAbs. 3 AEUV die allgemeine Brückenklausel zur Anwendung kommen soll,\nbedarf dies - wie in den übrigen Anwendungsfällen der allgemeinen Brückenklausel -\nder vorherigen Zustimmung von Bundestag und Bundesrat in Form eines Gesetzes\nnach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG. Gegebenenfalls gilt Entsprechendes in den Fällen\ndes Art. 86 Abs. 4 AEUV (Befugnisse der Europäischen Staatsanwaltschaft) und des\nArt. 308 Abs. 3 AEUV (Satzung der Europäischen Investitionsbank).\n\n                                        D.\n  Mit Rücksicht darauf, dass das Zustimmungsgesetz zum Vertrag von Lissabon nur       420\nnach Maßgabe der Gründe dieser Entscheidung mit dem Grundgesetz vereinbar und\ndie Begleitgesetzgebung teilweise verfassungswidrig ist, sind den Beschwerdeführern und Antragstellern nach § 34a Abs. 2 und Abs. 3 BVerfGG die notwendigen Auslagen anteilig nach ihrem Erfolg zu erstatten. Danach sind die notwendigen Auslagen\ndem Beschwerdeführer zu III. zur Hälfte, den Beschwerdeführern zu IV. und VI. jeweils zu einem Viertel sowie den Beschwerdeführern zu V. und der Antragstellerin zu\nII. jeweils zu einem Drittel zu erstatten.\n\n\n\n\n                                      121/123\n\n                                      E.\n Diese Entscheidung ist im Ergebnis einstimmig, hinsichtlich der Gründe mit 7:1   421\nStimmen ergangen.\n\n             Voßkuhle                Broß               Osterloh\n\n              Di Fabio            Mellinghoff         Lübbe-Wolff\n\n             Gerhardt                                    Landau\n\n\n\n\n                                    122/123\n\nBundesverfassungsgericht, Urteil des Zweiten Senats vom 30. Juni 2009 - 2 BvE 2/\n08\n\nZitiervorschlag BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 30. Juni 2009 - 2 BvE 2/08 -\n                Rn. (1 - 421), http://www.bverfg.de/e/es20090630_2bve000208.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2009:es20090630.2bve000208\n\n\n\n\n                                     123/123\n","source":"ce-bverfg","source_url":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/06/es20090630_2bve000208.html","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-06-30/2-bve-2-08","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 23","ref_norm":"23","n":51},{"jurabk":"GG","ref":"Art 38","ref_norm":"38","n":45},{"jurabk":"GG","ref":"Art 79","ref_norm":"79","n":37},{"jurabk":"GG","ref":"Art 20","ref_norm":"20","n":24},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 352","ref_norm":"352","n":17},{"jurabk":"GG","ref":"Art 93","ref_norm":"93","n":14},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 83","ref_norm":"83","n":10},{"jurabk":"GG","ref":"Art 146","ref_norm":"146","n":9},{"jurabk":"GG","ref":"Art 1","ref_norm":"1","n":9},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 311","ref_norm":"311","n":8},{"jurabk":"GG","ref":"Art 24","ref_norm":"24","n":7},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 207","ref_norm":"207","n":5},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 81","ref_norm":"81","n":5},{"jurabk":"GG","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":5},{"jurabk":"GG","ref":"Art 45","ref_norm":"45","n":5},{"jurabk":"GG","ref":"Art 59","ref_norm":"59","n":5},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 64","ref_norm":"64","n":4},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 333","ref_norm":"333","n":4},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":4},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 86","ref_norm":"86","n":3},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 289","ref_norm":"289","n":3},{"jurabk":"GRCh","ref":"Art 52","ref_norm":"52","n":3},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 88","ref_norm":"88","n":3},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 25","ref_norm":"25","n":3},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 85","ref_norm":"85","n":3},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":3},{"jurabk":"EMRK-ZP1","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 90","ref_norm":"90","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 42","ref_norm":"42","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 100","ref_norm":"100","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 104","ref_norm":"104","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 48","ref_norm":"48","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 262","ref_norm":"262","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 275","ref_norm":"275","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 290","ref_norm":"290","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 291","ref_norm":"291","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 326","ref_norm":"326","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 337","ref_norm":"337","n":2},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 355","ref_norm":"355","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 63","ref_norm":"63","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 23","ref_norm":"23","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 76","ref_norm":"76","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 31","ref_norm":"31","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 89","ref_norm":"89","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 113","ref_norm":"113","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 157","ref_norm":"157","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 165","ref_norm":"165","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 194","ref_norm":"194","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 195","ref_norm":"195","n":1},{"jurabk":"AEUV","ref":"Art 196","ref_norm":"196","n":1}],"authoritative_source":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/06/es20090630_2bve000208.html","attribution":{"source":"Bundesverfassungsgericht","source_url":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/06/es20090630_2bve000208.html","license":"Creative Commons Zero (CC0 1.0)","license_url":"https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/","notice":"Amtliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. 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