{"status":"available","doknr":"BVERFG-cs20090421_2bvc000206","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2009:cs20090421.2bvc000206","court":"BVerfG","senate":"Zweiter Senat","decided":"2009-04-21","aktenzeichen":"2 BvC 2/06","doktyp":"Beschluss","leitsatz":"Zur Verfassungsmäßigkeit der Regelung der Nachwahl im Bundeswahlgesetz.\n\n\n\n\n                                     1/20","text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVC 2/06 -\n\n\n\n\n                              Im Namen des Volkes\n\n                               In dem Verfahren\n                                     über\n                         die Wahlprüfungsbeschwerde\ndes Herrn H…,\n\ngegen den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 29. Juni 2006 - WP 81/05\n      –\n\nhat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat - unter Mitwirkung der Richterinnen und Richter\n                                 Vizepräsident Voßkuhle,\n                                 Broß,\n                                 Osterloh,\n                                 Di Fabio,\n                                 Mellinghoff,\n                                 Lübbe-Wolff,\n                                 Gerhardt,\n                                 Landau\n\nam 21. April 2009 beschlossen:\n\nDie Wahlprüfungsbeschwerde wird zurückgewiesen.\n\n                                     Gründe:\n\n                                        A.\n Die Wahlprüfungsbeschwerde betrifft die Frage, ob das vorläufige Ergebnis der       1\nWahl zum 16. Deutschen Bundestag am 19. September 2005 und damit vor der\nNachwahl im Wahlkreis 160 (Dresden I) am 2. Oktober 2005 bekanntgegeben werden durfte.\n\n                                        I.\n Die Vorbereitungen der Bundestagswahl bis zur Stimmabgabe sind in den §§ 16 ff.     2\nBWG, der Ablauf der Stimmenauszählung und das Verfahren bei Nach- und Wiederholungswahlen in den §§ 37 ff. BWG geregelt. Für die Wahl zum 16. Deutschen Bun-\n\n\n                                        2/20\n\ndestag galt das Bundeswahlgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 23. Juli\n1993 (BGBl I S. 1288, ber. S. 1594), zuletzt geändert durch das Siebzehnte Gesetz\nzur Änderung des Bundeswahlgesetzes vom 11. März 2005 (BGBl S. 674).\n\n  Nach § 16 BWG bestimmt der Bundespräsident den „Tag der Hauptwahl (Wahltag)“, der ein Sonntag oder gesetzlicher Feiertag sein muss. Die Festlegung des\nWahltages erfolgt in der Regel mehrere Monate vor der Wahl unter Berücksichtigung\nder Fristen des Art. 39 Abs. 1 Sätze 3 und 4 GG und setzt die amtlichen Wahlvorbereitungen in Gang (vgl. Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 16 Rn. 2).\n\n  Nach § 18 Abs. 2 Satz 1 BWG müssen Parteien, die nicht im Bundestag oder in einem Landtag vertreten sind, ihre Absicht, an der Wahl teilzunehmen, spätestens am\nneunzigsten Tage vor der Wahl dem Bundeswahlleiter anzeigen (Beteiligungsanzeige). Landeslisten sind dem Landeswahlleiter, Kreiswahlvorschläge dem Kreiswahlleiter gemäß § 19 BWG spätestens am sechsundsechzigsten Tage vor dem Wahltag\neinzureichen. Den Wahlvorschlägen müssen die nach § 20 Abs. 2 Satz 2 BWG oder\n§ 27 Abs. 1 Satz 2 BWG erforderlichen Unterschriften beigefügt sein. Kreiswahlvorschläge können nach § 24 Satz 1 BWG auch nach Ablauf der Einreichungsfrist ohne\nEinhaltung der Aufstellungsvorschriften geändert werden, wenn der zunächst benannte Bewerber stirbt oder die Wählbarkeit verliert. Nach § 24 Satz 3 BWG sind solche Änderungen aber nur möglich, solange die Wahlbehörden über die Zulassung\ndes Wahlvorschlages noch nicht entschieden haben. Über die Zulassung der Wahlvorschläge entscheiden die jeweiligen Kreis- und Landeswahlausschüsse spätestens\nam achtundfünfzigsten Tage vor dem Wahltag, über etwaige Beschwerden spätestens am zweiundfünfzigsten Tage vor dem Wahltag (§ 26 Abs. 1, Abs. 2 Satz 5 BWG\nfür Kreiswahlvorschläge, § 28 Abs. 1, Abs. 2 Satz 5 BWG für Landeslisten). Die zugelassenen Wahlvorschläge sind nach § 26 Abs. 3, § 28 Abs. 3 BWG spätestens am\nachtundvierzigsten Tage vor der Wahl öffentlich bekanntzumachen.\n\n Die Feststellung und die Bekanntgabe des Wahlergebnisses ist in §§ 37 ff. BWG          5\ngeregelt. § 37 BWG hat folgenden Wortlaut:\n\n                                       § 37                                             6\n\n                 Feststellung des Wahlergebnisses im Wahlbezirk                         7\n\nNach Beendigung der Wahlhandlung stellt der Wahlvorstand fest, wieviel Stimmen          8\nim Wahlbezirk auf die einzelnen Kreiswahlvorschläge und Landeslisten abgegeben\nworden sind.\n\n Der Kreiswahlausschuss stellt gemäß § 41 Abs. 1 BWG das Wahlergebnis im Wahlkreis für den Wahlkreisabgeordneten fest. Die Ergebnisse der Landeslistenwahl und\ndie Verteilung der Sitze auf die Landeslisten werden gemäß § 42 Abs. 1 und 2 BWG\ndurch den Landeswahlausschuss und den Bundeswahlausschuss festgestellt.\n\n Den genauen Ablauf der Auszählung und der Feststellung des Wahlergebnisses regeln die §§ 67 ff. der Bundeswahlordnung (BWO), die für die Wahl zum 16. Deut-\n\n\n\n                                        3/20\n\nschen Bundestag in der Fassung der Bekanntmachung vom 19. April 2002 (BGBl I\nS. 1376), zuletzt geändert durch die Verordnung vom 30. Juni 2005 (BGBl I S. 1951),\ngalt.\n\n § 67 BWO regelt, dass „im Anschluss an die Wahlhandlung“ der Wahlvorstand „ohne Unterbrechung das Wahlergebnis im Wahlbezirk“ ermittelt und die Zahl der Wahlberechtigten, die Zahl der Wähler, die Zahlen der gültigen und ungültigen Erst- und\nZweitstimmen, die Zahlen der für die einzelnen Bewerber abgegebenen gültigen\nErststimmen sowie die Zahlen der für die einzelnen Landeslisten abgegebenen gültigen Zweitstimmen feststellt.\n\n Im Anschluss daran gibt der Wahlvorsteher nach § 70 Satz 1 BWO das Ergebnis im       12\nWahlbezirk mündlich bekannt. Sobald das Wahlergebnis festgestellt ist, wird es „auf\nschnellstem Wege (z.B. telefonisch oder auf sonstigem elektronischem Wege)“ (§ 71\nAbs. 2 BWO) über die zuständige Gemeindebehörde dem Kreiswahlleiter gemeldet\n(§ 71 Abs. 1 BWO), der das vorläufige Wahlkreisergebnis ermittelt (§ 71 Abs. 3\nBWO) und es dem Landeswahlleiter mitteilt. Dieser wiederum meldet das Wahlergebnis im Land dem Bundeswahlleiter (§ 71 Abs. 4 BWO), der nach den Schnellmeldungen das vorläufige Ergebnis für das gesamte Wahlgebiet ermittelt. § 71 Abs. 6\nBWO ordnet an:\n\nDie Wahlleiter geben nach Durchführung der ohne Vorliegen der Wahlniederschriften möglichen Überprüfungen die vorläufigen Wahlergebnisse mündlich oder in geeigneter anderer Form bekannt.\n\n Die Wahlausschüsse überprüfen in der Folgezeit die Wahlergebnisse und stellen        14\ndas endgültige Wahlergebnis fest (§§ 76 bis 78 BWO). „Sobald die Feststellungen\nabgeschlossen sind“, machen die jeweiligen Wahlleiter das Wahlergebnis öffentlich\nbekannt (§ 79 Abs. 1 BWO). Das endgültige Ergebnis kann, außer in den Fällen des\n§ 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BWG, vom Bundeswahlleiter nicht mehr abgeändert werden.\n\n Der Bundestag tritt gemäß Art. 39 Abs. 2 GG spätestens am dreißigsten Tage nach      15\nder Wahl zusammen.\n\n  Das Bundeswahlgesetz enthält einen eigenen Abschnitt mit besonderen Vorschriften für Nachwahlen und Wiederholungswahlen. Für die Durchführung von Nachwahlen bestimmte § 43 BWG in der für die Bundestagswahl 2005 geltenden Fassung (im\nFolgenden: BWG a.F.):\n\n                                       § 43                                           17\n\n                                    Nachwahl                                          18\n\n(1) Eine Nachwahl findet statt                                                        19\n\n1. wenn in einem Wahlkreis oder in einem Wahlbezirk die Wahl nicht durchgeführt       20\nworden ist,\n\n2. wenn ein Wahlkreisbewerber nach der Zulassung des Kreiswahlvorschlages,            21\n\n\n                                        4/20\n\naber noch vor der Wahl stirbt.\n\n(2) Die Nachwahl soll im Falle des Absatzes 1 Nr. 1 spätestens drei Wochen, im         22\nFalle des Absatzes 1 Nr. 2 spätestens sechs Wochen nach dem Tage der Hauptwahl stattfinden. Den Tag der Nachwahl bestimmt der Landeswahlleiter.\n\n(3) Die Nachwahl findet nach denselben Vorschriften und auf denselben Grundlagen wie die Hauptwahl statt.\n\n  Nach § 43 Abs. 3 BWG a.F. finden für die Nachwahl die für die Hauptwahl geltenden Vorschriften Anwendung. Insbesondere die Aufstellung des neuen Wahlkreisbewerbers richtet sich daher grundsätzlich nach den Vorschriften der §§ 19 ff. BWG.\nNach § 82 Abs. 2 BWO muss der neue Kandidat allerdings nicht von der Mitgliederoder Vertreterversammlung der Partei gewählt werden; eine Benennung durch die\nVertrauenspersonen (§ 22 Abs. 1 BWG) reicht aus. Es gilt also das gleiche wie in den\nFällen einer Änderung eines Kreiswahlvorschlages wegen des Todes des Bewerbers\nvor der Zulassung nach § 24 BWG. Außerdem kann der Landeswahlleiter nach § 82\nAbs. 6 BWO abweichende Regelungen zur Anpassung an besondere Verhältnisse\ntreffen. Das betrifft in Fällen einer Nachwahl wegen des Todes eines Wahlkreisbewerbers insbesondere die Anpassung der Fristen und Termine an die Erfordernisse\nder Nachwahl (vgl. Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 43 Rn. 7).\n\n  Im Anschluss an die Nachwahl ist das Wahlergebnis nach den allgemeinen Vorschriften endgültig festzustellen; das Ergebnis der Hauptwahl ist insoweit vorläufig\n(vgl. Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 43 BWG Rn. 6: „unvollständiges Gesamtwahlergebnis“; Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 43 Rn. 10 f.; Ipsen, DVBl\n2005, S. 1465 <1468>). Die Neufeststellung des Wahlergebnisses aufgrund der\nNachwahl ist auch nach dem Zusammentritt des Bundestages möglich und kann unter Umständen zum Verlust der Mitgliedschaft einzelner Abgeordneter im Deutschen\nBundestag führen, wenn sich dies aus der Neuberechnung ergibt; die Regelung des\n§ 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BWG über den Verlust der Mitgliedschaft erfasst auch diesen Fall (vgl. Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 46 BWG Rn. 5; Schreiber,\nBWahlG, 8. Aufl. 2009, § 46 Rn. 21).\n\n  Ausgelöst durch die Nachwahl in Dresden wurde mit dem Gesetz zur Änderung des        26\nWahl- und Abgeordnetenrechts vom 17. März 2008 (BGBl I S. 394) § 43 Abs. 2 BWG\ndahingehend geändert, dass in den Fällen des § 43 Abs. 1 Nr. 2 BWG die Durchführung der Nachwahl am Tag der Hauptwahl ausdrücklich erlaubt ist. Der Gesetzgeber\nregelte in Abs. 4 auch den Zeitpunkt der Bekanntgabe des vorläufigen Ergebnisses\nder Hauptwahl. Das vorläufige Ergebnis ist danach am Tag der Hauptwahl festzustellen und bekanntzugeben. § 43 BWG hat nunmehr folgenden Wortlaut:\n\n                                       § 43                                            27\n\n                                     Nachwahl                                          28\n\n(1) Eine Nachwahl findet statt,                                                        29\n\n\n\n                                        5/20\n\n1. wenn in einem Wahlkreis oder in einem Wahlbezirk die Wahl nicht durchgeführt       30\nworden ist,\n\n2. wenn ein Wahlkreisbewerber nach der Zulassung des Kreiswahlvorschlages,            31\naber noch vor der Wahl stirbt.\n\n(2) Die Nachwahl soll im Fall des Absatzes 1 Nr. 1 spätestens drei Wochen nach        32\ndem Tag der Hauptwahl stattfinden. Im Fall des Absatzes 1 Nr. 2 kann sie am Tag\nder Hauptwahl stattfinden; sie soll spätestens sechs Wochen nach dem Tag der\nHauptwahl stattfinden. Den Tag der Nachwahl bestimmt der Landeswahlleiter.\n\n(3) Die Nachwahl findet nach denselben Vorschriften und auf denselben Grundlagen wie die Hauptwahl statt.\n\n(4) Im Fall einer Nachwahl ist das vorläufige Ergebnis der Hauptwahl unmittelbar im   34\nAnschluss an die Wahlhandlung der Hauptwahl auf der Grundlage der erfolgten\nStimmabgaben zu ermitteln, festzustellen und bekannt zu geben.\n\n  Durch Anordnung vom 21. Juli 2005 (BGBl I S. 2170) setzte der Bundespräsident       35\nden Termin der Wahl zum 16. Deutschen Bundestag auf den 18. September 2005\nfest. Die Fristen und Termine für die Wahlvorbereitung wurden durch die Verordnung\nüber die Abkürzung von Fristen im Bundeswahlgesetz für die Wahl zum 16. Deutschen Bundestag vom 21. Juli 2005 (BGBl I S. 2179) verkürzt.\n\n  Nach der Entscheidung über die Zulassung der Wahlvorschläge verstarb am             36\n7. September 2005 die Wahlkreisbewerberin der NPD im Wahlkreis 160 (Dresden I).\nAm 8. September 2005 sagte der Kreiswahlleiter die Wahl im betroffenen Wahlkreis\nab; die Landeswahlleiterin legte den Termin für die Nachwahl auf den 2. Oktober\n2005 fest (Bekanntmachung der Landeswahlleiterin über den Tag der Nachwahl im\nWahlkreis 160 - Dresden I - für die Wahl zum 16. Deutschen Bundestag vom 9. September 2005, Sächsisches Amtsblatt 2005 S. 930).\n\n  Das erste vorläufige amtliche Ergebnis der Hauptwahl am 18. September 2005 wurde am frühen Morgen des 19. September 2005 vom Bundeswahlleiter verkündet. Die\nZweitstimmenanteile für die einzelnen Parteien und die jeweiligen Mandatszahlen der\nLandeslisten, einschließlich der Überhangmandate, wurden zunächst ohne die Ergebnisse des Wahlkreises 160 errechnet (Pressemitteilung des Bundeswahlleiters\nvom 19. September 2005). Dieses vorläufige Wahlergebnis enthielt nur das Ergebnis\nfür 298 Wahlkreise, verteilte aber alle 598 Mandate.\n\n In dieser Situation konnten vergleichsweise präzise Berechnungen dazu angestellt     38\nwerden, welches Zweitstimmenergebnis in dem Wahlkreis 160 zum Gewinn oder\nVerlust eines Überhangmandats oder zu Mandatsverschiebungen führen würde. In\nden Medien wurden in den Tagen bis zur Wahl entsprechende Berechnungen publiziert. Dabei wurde erläutert, dass aufgrund des Effekts des negativen Stimmgewichts\ndie CDU bei einer Zweitstimmenanzahl von mehr als 41.225 Stimmen ein Mandat\nverlieren, bei einer niedrigeren Zweitstimmenzahl jedoch ein Mandat gewinnen könn-\n\n\n\n                                        6/20\n\nte. Bei mehr als 41.225 Zweitstimmen würde sie zwar ein Listenmandat hinzugewinnen; da jedoch bereits nach dem vorläufigen Ergebnis vom Tag der Hauptwahl\nin Sachsen drei Überhangmandate gewonnen waren, würde ein zusätzliches Listenmandat für Sachsen nicht zum Tragen kommen. In Sachsen würde sich somit\nnichts am Landeswahlergebnis ändern. Jedoch verlöre die CDU dann ein Mandat\nin Nordrhein-Westfalen. Der Gewinn des Direktmandats war für die CDU wichtig, da\ndies zu einem weiteren Überhangmandat führen konnte. Das von den Wählern der\nCDU in Dresden vor diesem Hintergrund anzustrebende Zweitstimmenergebnis war\ninsbesondere deshalb von Bedeutung, weil die CDU im Wahlkreis 160 bei der Bundestagswahl im Jahr 2002 etwa 50.000 Stimmen auf sich vereinigen konnte (vgl. z.\nB. Wittrock/Todt, „Warum die Union in Dresden nicht gewinnen darf“, Spiegel-Online\nvom 19. September 2005). Ausgehend von einer in etwa ähnlichen Wählerstruktur\nmussten danach viele CDU-Wähler ihre Zweitstimme einer anderen Partei geben, um\nzu verhindern, dass die CDU bundesweit ein Mandat verliert. Gleichzeitig bestand\nfür die Wähler anderer Parteien die Möglichkeit, ihre Zweitstimme der CDU zu geben, gerade damit diese ein Mandat verliere. Die Parteien in Dresden stellten ihren\nWahlkampf jedenfalls teilweise auf diese Vorhersagen ein (vgl. Sattar, „Symbolik einer Nachwahl“, FAZ vom 1. Oktober 2005).\n\n  Am Abend der Nachwahl, am 2. Oktober 2005, gab der Bundeswahlleiter unter Einbeziehung der Wahlergebnisse im Wahlkreis 160 (Dresden I) ein „zweites vorläufiges\namtliches Ergebnis der Wahl zum 16. Deutschen Bundestag“ bekannt. Gegenüber\ndem am Tag der Hauptwahl bekannt gegebenen vorläufigen amtlichen Ergebnis ergab sich nicht nur der Gewinn des Direktmandats für die CDU im Wahlkreis 160; vielmehr hatte die Nachwahl auch Verschiebungen in der Zuordnung der Sitze im Deutschen Bundestag zur Folge. Durch den Gewinn des Direktmandates durch die CDU\nerhöhte sich die Gesamtzahl der Sitze des Bundestages um einen Sitz auf 614 Sitze,\nweil eine Anrechnung des von der CDU im Wahlkreis 160 gewonnenen Direktmandates auf die Landesliste der CDU in Sachsen nicht möglich war. Ein Listenmandat verschob sich von der Landesliste Nordrhein-Westfalen zur Landesliste Saarland.\nSchließlich verschob sich bei der FDP ein Sitz von der Landesliste Nordrhein-Westfalen zur Landesliste Sachsen.\n\n Das Wahlergebnis in Dresden lässt darauf schließen, dass sich jedenfalls ein Teil     40\nder Wähler in seinem Stimmverhalten von den Presseberichten leiten ließ (vgl. Beschlussempfehlung des Wahlprüfungsausschusses, Anlage 2, BTDrucks 16/1800,\nS. 22).\n\n Der 16. Deutsche Bundestag trat am 18. Oktober 2005 zusammen.                         41\n\n                                         II.\n Der Beschwerdeführer wendet sich gegen die Anwendung und Auslegung der Vorschriften des Bundeswahlgesetzes, soweit diese insbesondere die Bekanntgabe des\nvorläufigen Wahlergebnisses vor Durchführung der Nachwahl ermöglichen, und gegen die Regelung der Nachwahl in § 43 BWG a.F.\n\n\n                                        7/20\n\n Mit seinem mit Schreiben vom 16. November 2005 eingelegten Einspruch rügte der       43\nBeschwerdeführer die Verletzung des § 43 Abs. 3 BWG a.F. und des Grundsatzes\nder Gleichheit der Wahl.\n\n  Die Stimmen der Wähler im Wahlkreis Dresden I hätten einen anderen „Wert“ gehabt als die der Wähler im übrigen Bundesgebiet, da jene auf einer anderen Informationsgrundlage abgestimmt hätten. Sie hätten strategisch wählen können und dies\nauch getan. Dies zeige sich konkret im Wahlverhalten, im Ablauf des Wahlkampfes\nund im Ergebnis der Nachwahl selbst.\n\n  Durch die Bekanntgabe des Ergebnisses der Hauptwahl vor der Nachwahl im Wahlkreis Dresden I sei auch der Grundsatz der geheimen und der allgemeinen Wahl verletzt worden. Es sei nicht mehr geheim gewesen, was die Gruppe der Hauptwahl-Wähler vorher gewählt habe.\n\n § 43 Abs. 3 BWG a.F. setze Art. 38 GG zutreffend um, wenn er anordne, dass die       46\nNachwahl „auf gleicher Grundlage“ wie die Hauptwahl stattfinden solle. Die Auslegung dieser Vorschrift durch die Wahlorgane sei aber fehlerhaft gewesen, da die\nNachwahl wegen der vorzeitigen Bekanntgabe des Ergebnisses der Hauptwahl gerade nicht mehr „auf gleicher Grundlage“ stattgefunden habe. § 79 Abs. 1 Nr. 3 BWO\nmüsse so verstanden werden, dass er die Bekanntgabe des endgültigen Endergebnisses der gesamten Wahl meine; dieses liege aber erst nach Abschluss der Nachwahl vor.\n\n Die Beeinträchtigung der Wahlgleichheit durch die sofortige Bekanntgabe des Ergebnisses der Hauptwahl sei nicht durch zwingende Gründe gerechtfertigt, da es\npraktikable Alternativen gebe. Beispielsweise sei eine Versiegelung der Wahlurnen\nund spätere Auszählung nach der Nachwahl möglich. Die zwischenzeitliche Aufbewahrung und Sicherung der Wahlzettel sei lediglich ein technisches und logistisches\nProblem. Der Presse könne verboten werden, in der Zwischenzeit Umfragen zum\nWahlverhalten zu veröffentlichen.\n\n Der Deutsche Bundestag wies mit Beschluss vom 29. Juni 2006 den Wahleinspruch        48\nzurück, weil er offensichtlich unbegründet sei (BTDrucks 16/1800, Anlage 2).\n\n § 43 Abs. 1 Nr. 2 BWG a.F., § 82 BWO seien nicht verletzt. Angesichts der zeitlichen Gegebenheiten sei es nicht möglich gewesen, die Nachwahl auf den Tag der\nHauptwahl zu legen, um mögliche Auswirkungen auf das Stimmverhalten bei der\nNachwahl zu vermeiden. Die Beibehaltung der Hauptwahl am 18. September 2005\nim Wahlkreis 160 allein bezüglich der Zweitstimme wäre nicht zulässig gewesen; das\nGesetz sehe die Stimmabgabe mit einem einzigen Stimmzettel für die Erst- und\nZweitstimme vor.\n\n Es sei nicht zu beanstanden, dass die Wahlergebnisse sofort im Anschluss an die      50\nHauptwahl ermittelt und auch bekannt gemacht worden seien. § 37 BWG, konkretisiert durch § 67 BWO, ordne an, dass die Ergebnisermittlung ohne Unterbrechung an\ndie Wahlhandlung anschließen müsse. Die Nachwahl sei ein gesonderter Vorgang\n\n\n                                        8/20\n\nund stelle sich nicht als späterer Teil der Hauptwahl dar, dessen Abschluss erst den\nWeg für die Ermittlung des Wahlergebnisses insgesamt eröffnen würde. Auch die unmittelbare Bekanntgabe des Wahlergebnisses nach der Wahl sei verpflichtend, ohne\ndass für den Fall einer Nachwahl eine Ausnahme vorgesehen sei (§ 71 Abs. 6 BWO).\n\n Die verfassungsrechtlichen Bedenken gegen die sofortige Bekanntgabe des Wahlergebnisses würden nicht geteilt. Zwar sei es richtig, dass aufgrund der besonderen\nKonstellation nach der Hauptwahl ein taktisches Wahlverhalten möglich gewesen sei;\nes sei auch davon auszugehen, dass Wähler davon Gebrauch gemacht hätten. Es\nkönne offen bleiben, ob darin ein Eingriff in die Gleichheit des Erfolgswertes der Stimmen zu sehen sei, denn ein solcher Eingriff sei jedenfalls gerechtfertigt. Der Verzicht\nauf eine Bekanntgabe der vorläufigen Ergebnisse der Hauptwahl widerspräche dem\nGrundsatz, die Auszählung der Stimmen so transparent wie möglich zu gestalten, um\ndas Vertrauen der Öffentlichkeit in die korrekte Feststellung des Wahlergebnisses zu\ngewährleisten. Die alternativ zu erwägende Verschiebung der Auszählung der Hauptwahl insgesamt bis zum Abschluss der Nachwahl würde die enge Verbindung zwischen der Wahlhandlung und der Ergebnisermittlung aufheben. Dies könnte im Hinblick auf den aus dem Demokratieprinzip abzuleitenden Grundsatz der Öffentlichkeit\nder Wahl Bedenken aufwerfen. Auch organisatorisch wäre es außerordentlich\nschwierig, die Wahlvorstände für rund 80.000 Wahllokale und 10.000 Briefwahlvorstände erneut einzuberufen und in der Zwischenzeit die Vollständigkeit und Unversehrtheit der Wahlurnen zu sichern.\n\n Die Grundsätze der allgemeinen, freien und geheimen Wahl seien nicht verletzt,            52\nweil ein Zwang oder eine sonstige unzulässige Einflussnahme auf die Wahlentscheidung nicht ausgeübt worden und diese auch vor Dritten verborgen geblieben sei.\n\n Gegen die Zurückweisung des Wahleinspruchs hat der Beschwerdeführer mit                   53\nSchriftsatz vom 23. August 2006 das Bundesverfassungsgericht angerufen.\n\n  Mit seiner Wahlprüfungsbeschwerde wendet sich der Beschwerdeführer unter Wiederholung seines bisherigen Vorbringens zunächst gegen die Auslegung der wahlrechtlichen Normen durch die Wahlorgane. Die Anwendung von § 67 BWO (Ermittlung des Wahlergebnisses im Anschluss an die Wahlhandlung) auf den Fall einer\nNachwahl sei problematisch, weil er den Normalfall einer Wahl voraussetze, bei dem\ndie gesamte Wahlhandlung einheitlich durchgeführt werde. Werde später noch eine\nNachwahl durchgeführt, sei das Ergebnis der Hauptwahl nicht mehr „vorläufig“ in\ndem sonst gemeinten Sinne. Man könne daher die Regeln über die Bekanntgabe des\nvorläufigen Wahlergebnisses nicht anwenden. Die bestehenden Regelungen seien\nfür eine Gesamtwahl gedacht und könnten nicht einfach auf einen in Haupt- und\nNachwahl getrennten Vorgang übertragen werden. Das Hauptwahlergebnis sei richtigerweise nur ein Zwischenergebnis, dessen Bekanntgabe nicht geregelt sei.\n\n Die bisherige Lösung des Gesetzes und ihre Ausgestaltung und Anwendung führe              55\ndazu, dass unterschiedliche Wahlgruppen unterschiedliche Erfolgschancen und dadurch einen unterschiedlichen Stimmwert hätten. Es sei unbestritten, dass es auch\n\n\n                                          9/20\n\neine tatsächliche Erfolgswertgleichheit geben müsse. In Dresden seien die Stimmen\ntaktisch und damit höherwertig abgegeben worden. Gerechtfertigt sei der Verstoß gegen die Gleichheit nur, wenn es keine weniger einschneidenden Mittel gäbe, um die\nProblematik zu lösen. Denkbar wäre aber beispielsweise eine Nachrücklösung.\n\n Die Wahlprüfungsbeschwerde wurde dem Deutschen Bundestag, dem Bundesrat,                56\nder Bundesregierung, allen Länderregierungen, dem Bundeswahlleiter und den im\nBundestag vertretenen Parteien zugestellt. Der Bundeswahlleiter und die Bundesregierung haben jeweils eine Stellungnahme abgegeben.\n\n Der Bundeswahlleiter weist zunächst darauf hin, dass aufgrund der fortgeschrittenen Zeit - zehn Tage vor dem Wahltag - und weil im Wahlkreis Dresden I die Briefwahlunterlagen bereits versandt worden waren, der Termin der Nachwahl nicht mehr\nauf den Tag der Hauptwahl habe gelegt werden können. Es habe zunächst von den\nVertrauenspersonen des Kreiswahlvorschlages der NPD ein neuer Wahlkreisbewerber benannt und dieser vom Kreiswahlausschuss zugelassen werden müssen; sodann hätten die neuen Stimmzettel gedruckt und versandt werden müssen.\n\n  Die Wahlprüfungsbeschwerde sei unbegründet. Die Regelungen des § 43 BWG                58\nhätten den Zweck, die Grundsätze der allgemeinen und gleichen Wahl für die Wähler\ndes betroffenen Wahlkreises und für den Träger des Wahlvorschlages, dessen Bewerber verstorben ist, zu gewährleisten. Der Gesetzgeber habe gesehen, dass es\nsich aus der Natur der Sache heraus um eine Wahl zu einem späteren Zeitpunkt handele und habe in Ansehung des Ausnahmecharakters bewusst Besonderheiten in\nKauf genommen. Der Grundsatz der Gleichheit der Wahl sei möglicherweise in seiner Ausprägung als Erfolgswertgleichheit berührt. Die Differenzierung sei aber jedenfalls gerechtfertigt, weil nur mit Hilfe der Nachwahl die Allgemeinheit und Gleichheit\nder Wahl für die Betroffenen gewährleistet werden könne. Man könne auch - wenn\nüberhaupt - nur von einem begrenzten Eingriff in die Erfolgswertgleichheit ausgehen.\nZwar hätten die Wähler des Wahlkreises Dresden I durch die Bekanntgabe des\nHauptwahlergebnisses die Möglichkeit zu reaktivem Wahlverhalten gehabt. Allein die\nMöglichkeit einer taktischen Wahl vergrößere aber nicht den tatsächlichen Erfolgswert einer Stimme; taktisches Wahlverhalten sei auch im Rahmen des üblichen und\nzulässigen Stimmensplittings zulässig.\n\n Für die Bundesregierung hat das Bundesministerium des Innern Stellung genommen. Es hält die Wahlprüfungsbeschwerde für unbegründet.\n\n Nur durch die Gewährleistung einer Nachwahl könnten die Wähler im betroffenen           60\nWahlkreis alle durch das Bundeswahlgesetz eröffneten Stimmabgabealternativen\nwahrnehmen. Einschränkungen für die betroffenen Wähler, Parteien und Bewerber\nwögen bedeutend schwerer als die durch strategisches Stimmverhalten geschaffenen Einflussmöglichkeiten. Eine auf die Zweitstimmenwahl begrenzte Wahl im Wahlkreis 160 am Tag der Hauptwahl hätte dem System der personalisierten Verhältniswahl widersprochen. Aus Gleichbehandlungsgesichtspunkten müsse die Nachwahl\nim Wesentlichen unter den gleichen Bedingungen wie die Hauptwahl erfolgen, so\n\n\n                                         10/20\n\ndass genügend Zeit für die organisatorisch und rechtlich notwendigen Vorbereitungen verbleibe; die Sechswochenfrist des § 43 Abs. 2 Satz 1 BWG a.F. sei daher notwendig und rechtmäßig.\n\n  Die sofortige Ermittlung und Feststellung des vorläufigen Wahlergebnisses unmittelbar im Anschluss an die Hauptwahl sei rechtmäßig und erforderlich. Aus der Stellung\nvon § 43 BWG a.F. im Gesetzeskontext sowie aus der Formulierung „Hauptwahl“,\ninsbesondere auch in § 16 BWG, ergebe sich, dass Hauptwahl und Nachwahl als getrennte Wahlgänge zu betrachten seien. Die Nachwahl sei begrifflich kein Teil der\nWahlhandlung der Hauptwahl. Die Vorschriften, die die sofortige Ermittlung des\nWahlergebnisses anordneten, bezögen sich daher allein auf die Hauptwahl. § 82\nAbs. 6 BWO ermächtige die Wahlleiter nicht, Änderungen am Ablauf der Hauptwahl\nanzuordnen, etwa durch Aufschieben der Stimmenauszählung. Auch die Bekanntgabe des Ergebnisses der Hauptwahl habe unmittelbar im Anschluss an die Hauptwahl\nerfolgen müssen. Das Gesetz sehe für den Fall einer Nachwahl keine Ausnahme vor.\n\n Die Bekanntgabe des Wahlergebnisses im Anschluss an das Ende der Hauptwahl             62\nverletze nicht den Grundsatz der Wahlgleichheit. Der Einfluss der Wähler im Wahlkreis 160 auf das Wahlergebnis sei rein tatsächlich nicht größer gewesen als das jedes anderen Wählers bei der Hauptwahl. Im Übrigen sei dem Bundeswahlgesetz\nauch in den Fällen einer Ersatz- oder einer Wiederholungswahl eine Stimmabgabe in\nKenntnis der Ergebnisse der Hauptwahl nicht unbekannt.\n\n Selbst wenn man die Erfolgswertgleichheit als verletzt ansehe, stünden dem hinreichende Rechtfertigungsgründe gegenüber. Ein möglicher Eingriff durch die Bekanntgabe des Hauptwahlergebnisses werde durch den Öffentlichkeitsgrundsatz, die Bewahrung des Vertrauens der Wähler in das Wahlergebnis, die Pressefreiheit und\ndurch organisatorische Zwänge gerechtfertigt. Denkbare Alternativen würden eine\nBeeinträchtigung dieser Rechte und der Wahlorganisation nach sich ziehen.\n\n                                         B.\n Die zulässige Wahlprüfungsbeschwerde hat keinen Erfolg.                                64\n\n  Die Auslegung und die Anwendung der Vorschriften des Bundeswahlgesetzes und           65\nder Bundeswahlordnung anlässlich der Nachwahl in dem Wahlkreis 160 (Dresden I)\nbei der Wahl zum 16. Deutschen Bundestag sind nicht zu beanstanden. Die Regelung der Nachwahl in § 43 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 und Abs. 3 des Bundeswahlgesetzes\nin der Fassung vom 23. Juli 1993 und in § 82 BWO ist mit dem Grundgesetz vereinbar.\n\n                                         I.\n Weder die Anordnung und die Durchführung der Nachwahl noch die Ermittlung und          66\ndie Bekanntgabe des vorläufigen amtlichen Wahlergebnisses am Tage der Hauptwahl verletzten Vorschriften des Bundeswahlgesetzes oder der Bundeswahlordnung.\n\n\n\n\n                                        11/20\n\n  1. Die Wahlprüfungsbeschwerde stellt nicht in Frage, dass die Voraussetzungen,        67\ndie § 43 BWG a.F. für die Absage der Wahl in einem Teil des Wahlgebietes und die\nAnsetzung einer Nachwahl aufstellt, erfüllt waren. Die Wahlkreisbewerberin der NPD\nim Wahlkreis Dresden war nach Zulassung der Wahlvorschläge, aber vor dem Wahltag verstorben, so dass die Voraussetzungen für eine Nachwahl gemäß § 43 Abs. 1\nNr. 2 BWG a.F. vorlagen. Die Nachwahl selbst wurde korrekt unter Einhaltung der\nVorschriften des § 43 Abs. 2 und Abs. 3 BWG a.F. in Verbindung mit § 82 BWO\ndurchgeführt.\n\n 2. Die Entscheidung der Landeswahlleiterin, im Wahlkreis 160 (Dresden I) die gesamte Wahl, nicht nur die Erststimmenwahl, zu verschieben, entsprach den Vorgaben des Bundeswahlgesetzes. § 43 BWG a.F. und alle anderen die Stimmabgabe\nbetreffenden Vorschriften des Bundeswahlgesetzes unterscheiden nicht zwischen\nden beiden Stimmen, sondern gehen von einer einheitlichen Wahlhandlung und einem einheitlichen Stimmzettel aus (§ 30 Abs. 2, § 34 Abs. 2, § 36 Abs. 1 Satz 1\nBuchstabe b, § 37 BWG). § 6 Abs. 1 Satz 2 BWG setzt voraus, dass Erst- und Zweitstimme desselben Wählers einander zugeordnet werden können. Würde man die\nNachwahl auf die Erststimme beschränken, müsste für die Nachwahl von den genannten Vorschriften abgewichen werden. Da § 43 Abs. 3 BWG a.F. dazu nicht ermächtigt, sondern umgekehrt die prinzipielle Geltung der für die Hauptwahl geltenden\nVorschriften anordnet, sieht das Gesetz keine Aufspaltung der Wahl vor (vgl. Sodan/\nKluckert, NJW 2005, S. 3241 <3242>; Schreiber, ZRP 2005, S. 252 <254>).\n\n 3. Das Bundeswahlgesetz ordnet in § 37 an, dass das Wahlergebnis „nach Beendigung der Wahlhandlung“ festzustellen ist. Die Bekanntgabe der Wahlergebnisse ist\nausschließlich in der Bundeswahlordnung geregelt. Eine ausdrückliche Abweichung\nvon den allgemeinen Regelungen zur Ermittlung, Feststellung und Bekanntgabe der\nvorläufigen Wahlergebnisse wird in § 43 BWG a.F. weder für die Hauptwahl noch für\ndie Nachwahl angeordnet. Das Bundeswahlgesetz sieht vor, dass auch im Fall einer\nNachwahl die bei der Hauptwahl abgegebenen Stimmen unmittelbar im Anschluss an\ndie Hauptwahl ausgezählt werden und das Ergebnis bekanntgegeben wird.\n\n a) Dem Wortlaut des Bundeswahlgesetzes und der Bundeswahlordnung lassen                70\nsich keine Hinweise darauf entnehmen, dass die Bekanntgabe oder die Ermittlung\nund Bekanntgabe der vorläufigen Ergebnisse für das gesamte Wahlgebiet erst im\nAnschluss an die Nachwahl stattfinden dürfen.\n\n  Der Wortlaut von § 37 BWG würde für sich gesehen zwar eine Auszählung der             71\nStimmen sowohl unmittelbar im Anschluss an die Hauptwahl als auch zu einem späteren Zeitpunkt, also etwa erst nach Ende der Nachwahl, ermöglichen. Beides läge\nzeitlich „nach Beendigung der Wahlhandlung“. Für eine Auslegung dahingehend,\ndass die „Wahlhandlung“ am Abend der Hauptwahl beendet ist und bei der Nachwahl\neine neue „Wahlhandlung“ beginnt, spricht aber § 46 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 BWG, der\nden Verlust des Abgeordnetenmandats für den Fall der „Neufeststellung“ des Wahlergebnisses vorsieht. Diese Regelung gilt nicht nur für Fälle, in denen die partielle\n\n\n\n                                        12/20\n\nUngültigerklärung einer Wahl im Wahlprüfungsverfahren mittelbar Auswirkungen auf\nweitere Mandate hat, sondern auch für Nachwahlen, die nach Feststellung des Wahlergebnisses stattfinden (vgl. Ausschussbericht zum Entwurf des Bundeswahlgesetzes 1956, BTDrucks 2/2206, S. 3; Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 46 BWG\nRn. 5; Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 46 Rn. 21). Der Begriff „Neufeststellung“\nsetzt voraus, dass bereits zuvor eine Feststellung stattgefunden hat. Dass diese teilweise „vorläufig“ ist (vgl. Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 43 Rn. 9), ändert hieran\nnichts.\n\n  b) Es entspricht auch Sinn und Zweck von § 37 BWG, das in einem doppelten Sinn           72\nvorläufige Wahlergebnis am Tage der Hauptwahl festzustellen und bekannt zu geben. Die Regelungen zur Ermittlung und Feststellung des vorläufigen Wahlergebnisses zielen darauf, möglichst zügig zu einem vorläufigen Wahlergebnis zu gelangen.\nDieses unmittelbar auf das Ende der Wahlhandlung folgende Verfahren soll nicht nur\nunverzüglich zu Feststellungen über die Zusammensetzung des Deutschen Bundestages führen (vgl. BTDrucks 16/7461, S. 19; BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom\n3. März 2009 - 2 BvC 3/07, 2 BvC 4/07 -, DVBl 2009, S. 511 <514>), sondern auch\nManipulationen verhindern (vgl. Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 63 BWO\nNr. 2; Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 37 Rn. 1). Die Öffentlichkeit des Gesamtvorgangs von der Wahlhandlung bis zur Ergebnisfeststellung und damit die Kontrolle\nder Wahl sollen dadurch gewährleistet werden (vgl. BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 3. März 2009 - 2 BvC 3/07, 2 BvC 4/07 -, DVBl 2009, S. 511; Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 63 BWO Nr. 2). Die Aussetzung der Wahlergebnisermittlung wird hingegen als schwerer Verfahrensverstoß angesehen (vgl. Seifert,\nBundeswahlrecht, 3. Aufl. 1976, § 63 BWO Nr. 2). Diese Vorgaben gelten auch bei\nder zeitlich getrennten Haupt- und Nachwahl, um in jedem Wahlabschnitt diesen hinter den Regelungen stehenden Grundsätzen zu genügen.\n\n Soweit der Beschwerdeführer fordert, das vorläufige Ergebnis der Hauptwahl erst           73\nnach der Nachwahl bekanntzugeben, findet dies im geltenden Wahlrecht keine\nGrundlage. Nach § 70 Satz 1 BWO gibt der Wahlvorsteher das Ergebnis im Wahlbezirk „im Anschluss an die Feststellungen“ bekannt und übermittelt es „auf schnellstem\nWege“ an den nächsthöheren Wahlausschuss. Nach § 71 Abs. 6 BWO geben die\nWahlleiter nach Durchführung der ohne Vorliegen der Wahlniederschriften möglichen\nÜberprüfungen die vorläufigen Wahlergebnisse bekannt. Das endgültige Wahlergebnis ist nach § 79 Abs. 1 BWO bekanntzugeben, „sobald die Feststellungen abgeschlossen sind“. Diese Vorschriften lassen keinen Zweifel daran, dass die Bekanntgabe der Ergebnisse so schnell wie möglich nach der Feststellung der Ergebnisse\nerfolgen soll.\n\n Auch § 82 Abs. 6 BWO erlaubt nicht, die Ermittlung, Feststellung und Bekanntgabe          74\nder vorläufigen Wahlergebnisse erst im Anschluss an die Nachwahl vorzunehmen.\nDiese Norm ermächtigt den Landeswahlleiter zu abweichenden Regelungen bei der\nOrganisation und Durchführung der Nachwahl (vgl. Seifert, Bundeswahlrecht, 3. Aufl.\n1976, § 79 BWO Nr. 6; Schreiber, BWahlG, 8. Aufl. 2009, § 43 Rn. 7), nicht aber die\n\n\n                                          13/20\n\nWahlorgane auf der Wahlbezirks-, der Wahlkreis- und der Bundesebene zu Abweichungen von den Regelungen der §§ 37 ff. BWG und §§ 67 ff. BWO.\n\n  c) Diese Auslegung wird nicht durch die Änderung von § 43 BWG durch das Gesetz        75\nzur Änderung des Wahl- und Abgeordnetenrechts vom 17. März 2008 (BGBl I S. 394)\nin Frage gestellt. Der neue Absatz 4 des § 43 BWG regelt nun, dass im Fall der\nNachwahl das vorläufige Ergebnis der Hauptwahl unmittelbar im Anschluss an die\nWahlhandlung der Hauptwahl zu ermitteln, festzustellen und bekanntzugeben ist. Der\nGesetzesbegründung ist zu entnehmen, dass es sich nach Auffassung des Gesetzgebers um die Klarstellung der bisherigen Rechtslage und nicht um eine konstitutive\nNeuregelung handelt (vgl. BTDrucks 16/7461, S. 19). Die Regelung diene dem Interesse des Wählers und der Politik an einem zeitnahen Wahlergebnis und trage praktischen Zwängen der Wahlorganisation Rechnung (vgl. BTDrucks 16/7461, S. 19).\n\n  d) Auch den früheren Gesetzgebungsverfahren sind keine Hinweise zu entnehmen,         76\ndass im Fall von Nachwahlen von den allgemeinen Regeln zur Ermittlung, Feststellung und Bekanntgabe der Wahlergebnisse abgewichen werden soll. Bei der einzigen erheblichen Veränderung des § 43 BWG durch das Achte Gesetz zur Änderung\ndes Bundeswahlgesetzes vom 20. Dezember 1988 (BGBl I S. 2422), mit dem die\nFrist des § 43 Abs. 2 Satz 1 BWG auf sechs Wochen verlängert wurde, spielte die\nRegelung des § 43 Abs. 3 BWG und ihre bisherige Anwendung in der Wahlpraxis keine Rolle.\n\n                                         II.\n § 43 Abs. 1 Nr. 2, Abs. 2 und Abs. 3 BWG a.F. ist mit dem Grundgesetz, insbesondere mit dem Grundsatz der Gleichheit der Wahl aus Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG, vereinbar. Die Ermittlung, Feststellung und Bekanntgabe des vorläufigen Wahlergebnisses nach der Hauptwahl sind aus verfassungsrechtlicher Sicht nicht zu beanstanden.\n\n Der Grundsatz der Gleichheit der Wahl in Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG sichert die vom      78\nDemokratieprinzip vorausgesetzte Gleichberechtigung der Staatsbürger (vgl.\nBVerfGE 82, 322 <337>; 99, 1 <13>; 121, 266 <295>). Er verlangt, dass alle Staatsbürger das aktive und passive Wahlrecht in formal möglichst gleicher Weise ausüben\nkönnen, und ist eine der wesentlichen Grundlagen der freiheitlichen demokratischen\nGrundordnung, wie sie das Grundgesetz verfasst (vgl. BVerfGE 79, 169 <170>; 85,\n148 <157>; 121, 266 <295>).\n\n  aa) Der Grundsatz der Gleichheit der Wahl ist im Sinne einer strengen und formalen    79\nGleichheit zu verstehen. Dies bedeutet, dass die Stimme eines jeden Wahlberechtigten den gleichen Zählwert und die gleiche rechtliche Erfolgschance haben muss (vgl.\nBVerfGE 95, 335 <353 f.>; 121, 266 <295>). Alle Wähler sollen mit der Stimme, die\nsie abgeben, den gleichen Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Dieser Maßstab\nwirkt sich im Rahmen des jeweiligen Wahlsystems unterschiedlich aus (vgl. BVerfGE\n1, 208 <244>; 95, 335 <353 f.>; 121, 266 <295 f.>). Bei der Mehrheitswahl fordert der\nGrundsatz der Gleichheit der Wahl über den gleichen Zählwert aller Stimmen hinaus\n\n\n                                        14/20\n\nnur, dass bei der Wahl alle Wähler auf der Grundlage möglichst gleichgroßer Wahlkreise und daher mit annähernd gleichem Stimmgewicht am Kreationsvorgang teilnehmen können (vgl. BVerfGE 95, 335 <353>; 121, 266 <295 f.>). Hingegen bedeutet Wahlgleichheit bei der Verhältniswahl, dass jeder Wähler mit seiner Stimme den\ngleichen Einfluss auf die Zusammensetzung der Volksvertretung haben muss (Erfolgswertgleichheit, vgl. BVerfGE 1, 208 <246>; 121, 266 <296>). Alle Parteien sollen\nin einem möglichst den Stimmenzahlen angenäherten Verhältnis in dem zu wählenden Organ vertreten sein (vgl. BVerfGE 121, 266 <296>).\n\n Das Grundgesetz regelt in Art. 38 Abs. 1 und Abs. 2 GG lediglich Wahlgrundsätze          80\nzur Wahl des Deutschen Bundestages. Der Verfassungsgeber hat die konkrete Ausgestaltung des Wahlsystems bewusst offen gelassen. Der Gesetzgeber hat von dieser Ermächtigung gemäß Art. 38 Abs. 3 GG Gebrauch gemacht und mit dem Bundeswahlgesetz Regelungen für die Wahlen getroffen. Er ist dabei aufgerufen, ein\nStück materiellen Verfassungsrechts auszufüllen (vgl. BVerfGE 1, 208 <246>; 121,\n266 <296>).\n\n  Bei der Ausführung dieses Regelungsauftrags sind Differenzierungen hinsichtlich         81\ndes Grundsatzes der Gleichheit der Wahl nicht ausgeschlossen. Allerdings folgt aus\ndem formalen Charakter des Grundsatzes der Wahlgleichheit, dass dem Gesetzgeber bei der Ordnung des Wahlrechts nur ein eng bemessener Spielraum für Differenzierungen verbleibt (BVerfGE 121, 266 <297>). Diese Differenzierungen bedürfen zu\nihrer Rechtfertigung eines besonderen, sachlich legitimierten, bislang als „zwingend“\nbezeichneten Grundes (vgl. BVerfGE 1, 208 <248 f.>; 82, 322 <338>; 95, 408 <418>;\n121, 266 <297>; stRspr). Dabei wird nicht verlangt, dass sich die Differenzierungen\nals zwangsläufig oder notwendig darstellen (vgl. BVerfGE 95, 408 <418>; 121, 266\n<297>). Sie können auch durch legitime verfassungsrechtliche Gründe gerechtfertigt\nwerden, die von einem Gewicht sind, das der Wahlrechtsgleichheit die Waage halten\nkann. Als solche Gründe gelten beispielsweise die Verwirklichung der mit der Parlamentswahl verfolgten Ziele, die Sicherung des Charakters der Wahl als eines Integrationsvorganges oder die Gewährleistung der Funktionsfähigkeit der zu wählenden\nVolksvertretung (vgl. BVerfGE 82, 322 <338>; 95, 408 <418>; 121, 266 <297 f.>).\n\n  Die differenzierenden Regelungen müssen zur Verfolgung der legitimen Zwecke             82\ngeeignet und erforderlich sein (vgl. BVerfGE 95, 408 <418>; 121, 266 <298>). Ihr erlaubtes Ausmaß richtet sich auch danach, mit welcher Intensität in das - gleiche -\nWahlrecht eingegriffen wird. Der Gesetzgeber muss sich bei der Einschätzung und\nBewertung an der politischen Realität, nicht aber an abstrakt konstruierten Fallgestaltungen orientieren (vgl. BVerfGE 95, 408 <418 f.>; 121, 266 <298>). Dabei können\nauch gefestigte Rechtsüberzeugung und Rechtspraxis Beachtung finden (vgl.\nBVerfGE 121, 266 <298>).\n\n  Das Bundesverfassungsgericht prüft insgesamt nur nach, ob der Gesetzgeber sich          83\nin den Grenzen des ihm vom Grundgesetz eingeräumten Gestaltungsspielraums gehalten oder ob er durch Überschreitung dieser Grenzen gegen einen verfassungs-\n\n\n\n                                         15/20\n\nkräftigen Wahlgrundsatz verstoßen hat. Dagegen ist es nicht Aufgabe des Gerichts,\nzu prüfen, ob der Gesetzgeber innerhalb seines Ermessensbereichs zweckmäßige\noder rechtspolitisch erwünschte Lösungen gefunden hat (vgl. BVerfGE 59, 119\n<124 f.>; 121, 266 <303 f.>; BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 3. März 2009 -\n2 BvC 3/07, 2 BvC 4/07 -, DVBl 2009, S. 511 <512>).\n\n  bb) Ein enger Zusammenhang des Grundsatzes der Gleichheit der Wahl besteht mit         84\ndem Recht auf Chancengleichheit von Parteien und Wahlbewerbern bei Wahlen (vgl.\nBVerfGE 82, 322 <337>). Dieses Recht folgt aus ihrem in Art. 21 Abs. 1 GG und\nArt. 38 Abs. 1 Satz 1 GG umschriebenen verfassungsrechtlichen Status und aus der\nBedeutung, die der daraus verbürgten Freiheit der Parteigründung und dem Mehrparteienprinzip für die freiheitliche Demokratie zukommt (vgl. BVerfGE 82, 322 <337>).\nHier ist verfassungsrechtlich gefordert, dass die Rechtsordnung jeder Partei und jedem Wahlbewerber grundsätzlich die gleichen Möglichkeiten in Wahlkampf und\nWahlverfahren und damit eine gleiche Chance im Wettbewerb um die Wählerstimmen gewährleistet (vgl. BVerfGE 21, 196 <200>; 44, 125 <145>). Eine unterschiedliche Behandlung ist nur in engen Grenzen und bei dem Vorliegen von Gründen mit\nhinreichend zwingendem Charakter zulässig (vgl. BVerfGE 82, 322 <337 f.>). Eine\nunzulässige Wahlbeeinflussung liegt vor, wenn staatliche Stellen im Vorfeld der Wahl\nin mehr als nur unerheblichem Maße parteiergreifend auf die Bildung des Wählerwillens eingewirkt haben, wenn private Dritte, einschließlich Parteien und einzelne Kandidaten, mit Mitteln des Zwangs oder Drucks die Wahlentscheidung beeinflusst haben oder wenn in ähnlich schwerwiegender Art und Weise auf die\nWählerwillensbildung eingewirkt worden ist, ohne dass eine hinreichende Möglichkeit\nzur Abwehr - zum Beispiel mit Hilfe der Gerichte oder der Polizei - oder des Ausgleichs, etwa mit Mitteln des Wahlwettbewerbs, bestanden hätte (BVerfGE 103, 111\n<132 f.>; BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 15. Januar 2009 - 2 BvC 4/04 -\n, DVBl 2009, S. 307 <310>).\n\n cc) Bei der Prüfung, ob der Grundsatz der Gleichheit der Wahl oder die Chancengleichheit der Parteien beeinträchtigt worden ist, können rechtliche und außerrechtliche Einwirkungen unterschieden werden.\n\n Eine rechtlich angeordnete unterschiedliche Gewichtung von Stimmen besteht beispielsweise im Fall der Grundmandatsklausel (vgl. BVerfGE 95, 408 <419 f.>) oder\nder 5 %-Sperrklausel (vgl. BVerfGE 82, 322 <338 f.>; 120, 82 ff.). Faktische Auswirkungen auf die Stimmabgabe können beispielsweise von der Öffentlichkeitsarbeit der\nRegierung (vgl. BVerfGE 44, 125 ff.), von der Wahlwerbung (vgl. BVerfGE 21, 196 ff.;\n48, 271 ff.) und dem werbenden Auftreten der freien Presse (vgl. BVerfGE 37, 84\n<91>) oder von Privatpersonen und Unternehmen (vgl. BVerfGE 66, 369 ff.) ausgehen. Solche Einwirkungen auf den Wähler können unter Umständen die Freiheit der\nWahl (vgl. BVerfGE 21, 196 <198>; 44, 125 <139 f.>; 48, 271 <276>; 66, 369 <380>),\naber auch die Erfolgschancen von Wählerstimmen und damit die Gleichheit der Wahl\noder die Chancengleichheit der Wahlbewerber berühren.\n\n\n\n                                         16/20\n\n  Das bestehende Regelwerk des Bundeswahlgesetzes und der Bundeswahlordnung             87\nführt bei einer Nachwahl, sofern sie nicht am Tag der Hauptwahl stattfinden kann, dazu, dass die zur Nachwahl berechtigten Bürger das vorläufige und unvollständige\nWahlergebnis der Hauptwahl kennen. Damit können diese Wähler in Kenntnis des\nWahlausgangs ihre Wahlentscheidung auch unter taktischen Gesichtspunkten treffen. Die Wahlergebnisse bei der Nachwahl im Wahlkreis 160 (Dresden I) zeigen,\ndass von dieser Möglichkeit auch Gebrauch gemacht wurde. Taktische Wahlentscheidungen stellen grundsätzlich eine legitime Beteiligung des mündigen Bürgers\nan der Willensbildung in einem demokratisch verfassten Staat dar. Ob demgegenüber der ein solches Wahlverhalten leitende Informationsvorsprung der Wahlberechtigten einer Nachwahl im Verhältnis zu den übrigen Wählern die Gewährleistungsgehalte der Wahlrechtsgleichheit beeinträchtigt, kann offen bleiben, denn jedenfalls\nwäre eine derartige Beeinträchtigung gerechtfertigt. Dementsprechend ist die Nachwahl - auch außerhalb des deutschen Wahlsystems - ein anerkanntes und herkömmliches Institut des Wahlrechts.\n\n c) Die im Grundgesetz verankerten Grundsätze der Allgemeinheit der Wahl, der           88\nChancengleichheit von Parteien und Wahlbewerbern und der Öffentlichkeit der Wahl\nstehen mit dem Grundsatz der Gleichheit der Wahl auf einer verfassungsrechtlichen\nStufe und können Differenzierungen bei der Wahlrechtsgleichheit rechtfertigen.\n\n  Die Nachwahl ermöglicht den Wählern in den betroffenen Wahlkreisen überhaupt          89\nerst die Teilnahme an der Wahl und verwirklicht damit den Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl (Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG). Das Grundgesetz gestattet es dem Gesetzgeber, dafür zu sorgen, dass nach Möglichkeit alle Wahlberechtigten ihr Wahlrecht\nausüben und erlaubt es insoweit auch, andere Wahlgrundsätze einzuschränken, so\netwa durch die Zulassung der Briefwahl (vgl. BVerfGE 21, 200 <206>). Der Fall der\nBriefwahl zeigt auch, dass unterschiedliche Kenntnisstände der Wähler hinnehmbar\nsein können: Der Wissensstand der Briefwähler ist geringer, da sie ihre Stimme häufig deutlich vor dem Wahltermin abgeben. Diese Stimmabgabe kann auch unter dem\nEindruck von zwischen der Stimmabgabe und dem Wahltermin stattfindenden Ereignissen nicht mehr revidiert werden. Briefwähler unterliegen damit einem Wissensdefizit, das im Interesse der Allgemeinheit der Wahl hingenommen wird (vgl. BVerfGE\n21, 200 <206>; 59, 119 <125>). Der Anteil der von einer Nachwahl betroffenen Wahlberechtigten ist regelmäßig sogar wesentlich geringer als bei der Briefwahl (2005:\n0,35 %).\n\n Dieser gewichtige Wahlgrundsatz wird flankiert von dem Grundsatz der Chancengleichheit von Parteien und Wahlbewerbern (Art. 21 Abs. 1 GG und Art. 38 Abs. 1\nGG). Die Nachwahl stellt sicher, dass die betroffene Partei für ihren verstorbenen\nWahlkreisbewerber einen anderen Bewerber benennen und an dem Wettbewerb um\ndas Wahlkreismandat teilnehmen kann.\n\n Schließlich ist der Grundsatz der Öffentlichkeit der Wahl (Art. 38 i.V.m. Art. 20      91\nAbs. 1 und Abs. 2 GG) zu berücksichtigen (vgl. BVerfG, Urteil des Zweiten Senats\n\n\n\n                                        17/20\n\nvom 3. März 2009 - 2 BvC 3/07, 2 BvC 4/07 -, DVBl 2009, S. 511). Dieser Grundsatz\nverpflichtet den Gesetzgeber, das Wahlverfahren in einer Weise zu gestalten, die\ndie öffentliche Kontrolle der Wahlen durch den Bürger erlaubt. Der Öffentlichkeit\nder Wahl unterliegt auch die Ermittlung und Feststellung des Wahlergebnisses (vgl.\nBVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 3. März 2009 - 2 BvC 3/07, 2 BvC 4/07 -,\nDVBl 2009, S. 511). Diese Kontrolle wäre zumindest erheblich erschwert, wenn die\nErgebnisse der Hauptwahl erst nach Abschluss der Nachwahl ermittelt würden. Die\nordnungsgemäße Aufbewahrung der Wahlurnen über einen längeren Zeitraum hin in\neiner für die Öffentlichkeit effektiv nachvollziehbaren Weise zu überwachen, stieße\nauf kaum überwindliche Schwierigkeiten.\n\n Dem Gesetzgeber ist es auch nicht verwehrt, organisatorische Gesichtspunkte, die          92\nder Durchführung und Sicherung eines ordnungsgemäßen Wahlverfahrens dienen,\ndas seinerseits zur Verwirklichung der Wahlgrundsätze beiträgt, in die gesetzlichen\nRegelungen einfließen zu lassen (vgl. BVerfGE 30, 227 <249>). Dabei ist zu vergegenwärtigen, dass eine Wahl eines der größten Massenverfahren darstellt, das das\nRecht kennt (vgl. H. Meyer, in: Isensee/Kirchhof, HStR III, 3. Aufl. 2005, § 45 Rn. 17).\nDie Organisation und Durchführung dieses Verfahrens stehen unter hohem Zeitdruck. Es kann nur bewältigt werden, wenn es einerseits in hohem Maße formalisiert\nund stabil (vgl. H. Meyer, a.a.O.), andererseits auch praktikabel ist. Dass eine Zäsur\nzwischen Beendigung der Wahlhandlung und Feststellung des Wahlergebnisses bereits im Hinblick auf die Notwendigkeit, die Wahlorgane in allen Wahlbezirken erneut\neinzuberufen, gewichtige praktische Probleme aufwürfe, liegt auf der Hand.\n\n  Der Grundsatz der Chancengleichheit der Wahlbewerber und Parteien ist nicht verletzt. Diese haben zwischen der Haupt- und der Nachwahl ausreichend Gelegenheit,\num auf das Ergebnis der Hauptwahl zu reagieren und auf dieser Grundlage bei den\nNachwählern um deren Stimmen zu werben. Diese Möglichkeit des Ausgleichs durch\nden Wahlwettbewerb steht allen Parteien gleichermaßen offen. Der Grundsatz der\nChancengleichheit der Parteien verlangt nicht, dass die sich aus der Größe, Leistungsfähigkeit und politischen Zielsetzung ergebenden Unterschiede durch staatliche\nMaßnahmen ausgeglichen oder von vornherein ausgeschlossen werden müssen\n(vgl. BVerfGE 21, 196 <199 f.>).\n\n Die Freiheit der Wahl ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass die Wahl            94\ndem Gewählten die demokratische Legitimation vermittelt. Eine Beeinträchtigung dieses Wahlrechtsgrundsatzes kann nicht festgestellt werden.\n\n  Jeder Wähler muss sein Wahlrecht ohne Zwang oder sonstige unzulässige Beeinflussung von außen ausüben können (BVerfGE 7, 63 <69>; 15, 165 <166>; 47, 253\n<282>; 66, 369 <380>). Er soll sein Urteil in einem freien, offenen Prozess der Meinungsbildung gewinnen können (BVerfGE 44, 125 <139>; 66, 369 <380>). Der sachliche Geltungsbereich der Wahlfreiheit erstreckt sich über die Freiheit der Wahlbetätigung und der Stimmabgabe hinaus auf das gesamte Wahlvorbereitungsverfahren\neinschließlich des Wahlkampfes (vgl. Achterberg/Schulte, in: v. Mangoldt/Klein/\n\n\n\n                                          18/20\n\nStarck, GG, Bd. 2, 5. Aufl. 2005, Art. 38 Abs. 1 Rn. 126). Damit der Wähler seine\nEntscheidung in einem freien und offenen Prozess bilden kann, ist jede amtliche\nWahlbeeinflussung grundsätzlich verboten, aber auch der nichtamtlichen Wahlbeeinflussung sind von Verfassungs wegen Grenzen gesetzt (vgl. H. H. Klein, in: Maunz/\nDürig, GG, Art. 38 Rn. 109 <März 2007>; Achterberg/Schulte, in: v. Mangoldt/Klein/\nStarck, GG, Bd. 2, 5. Aufl. 2005, Art. 38 Abs. 1 Rn. 127). Da jeder Wähler in der einen oder anderen Weise Einflüssen und Beeinflussungsversuchen unterliegt oder\nAbhängigkeiten ausgesetzt ist und die Beeinflussung der Wähler durch die am öffentlichen Meinungsbildungsprozess Beteiligten notwendiger Bestandteil einer freien Wahl ist, wird die Freiheit der Wahl nur durch solche Maßnahmen beeinträchtigt,\ndie objektiv tauglich und konkret wirksam sind, um den Wähler zu einem bestimmten Verhalten zu veranlassen und die geeignet sind, seine Entscheidungsfreiheit trotz\nbestehenden Wahlgeheimnisses ernstlich zu beeinträchtigen (vgl. BVerfGE 66, 369\n<380>; Badura, in: Bonner Kommentar, Bd. 7, Anh. z. Art. 38: BWahlG, Rn. 29 <September 2007>).\n\n  Die Feststellung eines (vorläufigen) Ergebnisses nach der Hauptwahl und dessen        96\nBekanntgabe durch den Bundeswahlleiter vor Durchführung der Nachwahl stellen\nkeine Beeinträchtigung der Freiheit der Wahl dar. Es fehlt schon an dem Willen, auf\ndie Wahlhandlung der Wähler Einfluss auszuüben. Kein Wähler wird durch die vorläufige Bekanntgabe des Wahlergebnisses zu einem bestimmten Verhalten genötigt\noder in seiner Entscheidungsfreiheit ernstlich beeinträchtigt.\n\n Der Grundsatz der geheimen Wahl ist ebenfalls nicht verletzt.                          97\n\n  Nach Art. 38 Abs. 1 Satz 1 GG werden die Abgeordneten des Deutschen Bundestages in geheimer Wahl gewählt. Die geheime Wahl stellt den wichtigsten institutionellen Schutz der Wahlfreiheit dar, die wiederum unabdingbare Voraussetzung für die\nLegitimation der Gewählten ist (vgl. BVerfGE 99, 1 <13>). Der Einzelne wird insoweit\ndavor geschützt, dass seine Wahlabsicht oder Wahlentscheidung, also wie er wählen\nwill, wählt oder gewählt hat, Dritten bekannt wird.\n\n Es besteht jedoch kein Schutz davor, dass nach Abschluss des Wahlvorgangs ein          99\nErgebnis ermittelt und bekannt gegeben wird. Damit wird keine Wahlentscheidung\ndes Einzelnen individualisierbar offenbart. Vielmehr unterliegt dieser Teil der Wahl\ndem Grundsatz der Öffentlichkeit, der der Kontrolle des Wahlverfahrens und dem\nSchutz vor Manipulationen dient (vgl. BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 3. März\n2009 - 2 BvC 3/07, 2 BvC 4/07 -, DVBl 2009, S. 511 f.>; H. H. Klein, in: Maunz/Dürig,\nGG, Art. 38 Rn. 113 <März 2007>).\n\n              Voßkuhle                  Broß                Osterloh\n\n               Di Fabio             Mellinghoff            Lübbe-Wolff\n\n               Gerhardt                                      Landau\n\n\n\n\n                                        19/20\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss des Zweiten Senats vom 21. April 2009 -\n2 BvC 2/06\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 21. April 2009 - 2 BvC 2/06\n                - Rn. (1 - 99), http://www.bverfg.de/e/cs20090421_2bvc000206.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2009:cs20090421.2bvc000206\n\n\n\n\n                                     20/20\n","source":"ce-bverfg","source_url":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/04/cs20090421_2bvc000206.html","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2009-04-21/2-bvc-2-06","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 38","ref_norm":"38","n":8},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 82","ref_norm":"82","n":7},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 71","ref_norm":"71","n":7},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 67","ref_norm":"67","n":4},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 79","ref_norm":"79","n":4},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 63","ref_norm":"63","n":3},{"jurabk":"GG","ref":"Art 21","ref_norm":"21","n":2},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 70","ref_norm":"70","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 39","ref_norm":"39","n":1},{"jurabk":"BWO 1985","ref":"§ 76","ref_norm":"76","n":1}],"authoritative_source":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/04/cs20090421_2bvc000206.html","attribution":{"source":"Bundesverfassungsgericht","source_url":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2009/04/cs20090421_2bvc000206.html","license":"Creative Commons Zero (CC0 1.0)","license_url":"https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/","notice":"Amtliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. 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