{"status":"available","doknr":"BVERFG-rk20080724_2bvr061008","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080724.2bvr061008","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2008-07-24","aktenzeichen":"2 BvR 610/08","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 610/08 -\n\n                                In dem Verfahren\n                                      über\n                          die Verfassungsbeschwerde\ndes Herrn   R…\n\ngegen a) den Beschluss des Oberlandesgerichts Celle vom 6. Februar 2008 - 1\n         Ws 30/08 (StrVollz) -,\n\n      b) den Beschluss der Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Lüneburg mit Sitz in Celle vom 6. Dezember 2007 - 17a StVK 684/07 -\n\nhat die 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                 den Richter Mellinghoff,\n                                 die Richterin Lübbe-Wolff\n                                 und den Richter Gerhardt\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 24. Juli 2008 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\n\n                                     Gründe:\n Die Voraussetzungen, unter denen eine Verfassungsbeschwerde zur Entscheidung          1\nanzunehmen ist (§ 93a Abs. 2 BVerfGG), liegen nicht vor. Die Verfassungsbeschwerde ist gemäß § 90 Abs. 2 BVerfGG unzulässig, weil der Beschwerdeführer den\nRechtsweg nicht erschöpft hat.\n\n 1. Der Beschwerdeführer rügt unter anderem eine Verletzung seines Anspruchs auf       2\nrechtliches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) durch das Oberlandesgericht. Hiergegen\nsteht ihm der Rechtsbehelf der Anhörungsrüge nach § 33a StPO, § 120 Abs. 1\nStVollzG (vgl. § 167 Abs. 4 Satz 1 NJVollzG) zur Verfügung. Das Verfahren der Anhörungsrüge gehört zum Rechtsweg im Sinne des § 90 Abs. 2 BVerfGG (vgl.\nBVerfGK 5, 337 <338 f.>), der grundsätzlich vor Erhebung der Verfassungsbeschwerde erschöpft sein muss. Da der Beschwerdeführer dieses Verfahren nicht\ndurchlaufen hat, ist seine Verfassungsbeschwerde nicht nur hinsichtlich der Rüge einer Verletzung des Rechts auf rechtliches Gehör, sondern insgesamt unzulässig (vgl.\nBVerfGK 5, 337 <339>).\n\n 2. Eine Anhörungsrüge war hier nicht deshalb entbehrlich, weil sie offensichtlich     3\naussichtslos gewesen wäre (vgl. BVerfGK 7, 403 <407>).\n\n a) Wenn der Vortrag des Beschwerdeführers zutrifft, dass er im Verfahren vor dem      4\n\n\n                                         1/4\n\nLandgericht keine Gelegenheit zur Stellungnahme zu dem Vorbringen der Justizvollzugsanstalt hatte, stellte dies einen Gehörsverstoß dar. Nach Art. 103 Abs. 1 GG hat\nder Einzelne Anspruch darauf, vor einer Entscheidung, die seine Rechte betrifft, zu\nWort zu kommen, um als Subjekt Einfluss auf das Verfahren und sein Ergebnis nehmen zu können (vgl. BVerfGE 107, 395 <409>). Dementsprechend darf das Gericht\nnur Tatsachen verwerten, zu denen die Beteiligten vorher Stellung nehmen konnten\n(vgl. BVerfGE 20, 347 <349>; 70, 180 <189>; 89, 381 <392>; 101, 106 <129>). Der\nbei einer Entscheidung berücksichtigte Tatsachenvortrag eines Verfahrensbeteiligten\nmuss den anderen Verfahrensbeteiligten vor der Entscheidung durch Übersendung\nder betreffenden Schriftsätze zur Kenntnis gebracht worden sein, und diese müssen\ndie Möglichkeit zur Stellungnahme gehabt haben (vgl. BVerfGE 19, 32 <36 f.>; 50,\n280 <285 f.>; 55, 95 <98>; 67, 96 <99>).\n\n  b) Im Interesse wirksamer Überprüfung von Gehörsverstößen im fachgerichtlichen             5\nVerfahren (vgl. BVerfGE 42, 243 <248 f.>; 107, 395 <413 f.>) wird § 116 Abs. 1\nStVollzG allgemein dahin ausgelegt, dass eine Rechtsbeschwerde zulässig ist, wenn\neine Verletzung des rechtlichen Gehörs im Sinne des Art. 103 Abs. 1 GG vorliegt\n(vgl. statt vieler Arloth, StVollzG, 2. Aufl. 2008, § 116 Rn. 3, m.w.N.). Den mit der Verfassungsbeschwerde geltend gemachten Gehörsverstoß seitens der Strafvollstreckungskammer hatte der Beschwerdeführer mit seiner Rechtsbeschwerde ausdrücklich gerügt. Die Rüge war auch nicht deshalb unsubstantiiert, weil der\nBeschwerdeführer, soweit es um die von der Justizvollzugsanstalt angeführten Gründe gegen eine Verlegung ging, mit der Rechtsbeschwerde nicht ausdrücklich vorgetragen hatte, was er im Falle rechtzeitiger Gewährung rechtlichen Gehörs vorgetragen haben würde. Denn nach seinem Rechtsbeschwerdevortrag, mit dem er unter\nanderem geltend machte, über seinen Antrag habe - nach Abgabe des Vorgangs an\ndas zuständige Gericht - überraschend das unzuständige Gericht entschieden, lag\nauf der Hand, dass er eben dies auch bei rechtzeitiger Gewährung rechtlichen Gehörs vorgetragen haben würde.\n\n  Unter diesen besonderen Umständen (vgl. BVerfGE 86, 133 <146> m.w.N.) deutet               6\nder Umstand, dass das Oberlandesgericht die Rechtsbeschwerde mit einer Tenorbegründung als unzulässig verworfen hat, ohne auf die Gehörsrüge des Beschwerdeführers einzugehen, darauf hin, dass das Oberlandesgericht den diesbezüglichen\nVortrag nicht in der gebotenen Weise zur Kenntnis genommen und erwogen (vgl.\nBVerfGE 18, 380 <383>) und dadurch seinerseits den Anspruch des Beschwerdeführers auf Gewährung rechtlichen Gehörs verletzt hat. Daran ändert auch der Umstand\nnichts, dass die Oberlandesgerichte gemäß § 119 Abs. 3 StVollzG unter den dort bezeichneten Voraussetzungen berechtigt sind, eine Rechtsbeschwerde ohne Begründung zu verwerfen (vgl. BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom\n12. März 2008 - 2 BvR 378/05 -, juris, Rn. 33).\n\n 3. Sonstige Gründe, deretwegen es dem Beschwerdeführer ausnahmsweise unzumutbar sein könnte (§ 90 Abs. 2 Satz 2 BVerfGG), den Rechtsweg mit der Anhörungsrüge auszuschöpfen, sind nicht ersichtlich.\n\n\n                                            2/4\n\n Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                          9\n\n             Mellinghoff          Lübbe-Wolff         Gerhardt\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom\n24. Juli 2008 - 2 BvR 610/08\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 24. Juli 2008 - 2 BvR 610/08 - Rn. (1 - 9), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20080724_2bvr061008.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080724.2bvr061008\n\n\n\n\n                                      4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-07-24/2-bvr-610-08","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 90","ref_norm":"90","n":3},{"jurabk":"GG","ref":"Art 103","ref_norm":"103","n":3},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"StPO","ref":"§ 33a","ref_norm":"33a","n":1},{"jurabk":"StVollzG","ref":"§ 116","ref_norm":"116","n":1},{"jurabk":"StVollzG","ref":"§ 119","ref_norm":"119","n":1},{"jurabk":"StVollzG","ref":"§ 120","ref_norm":"120","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-07-24/2-bvr-610-08","retrieved":"2026-07-10 10:57:20.747026+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2008-07-24/2-bvr-610-08","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2008-07-24","dockets":["2 BvR 610/08"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080724.2bvr061008","ids":{"doknr":"BVERFG-rk20080724_2bvr061008","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080724.2bvr061008"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 24.07.2008 – 2 BvR 610/08","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-07-24/2-bvr-610-08","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"BVerfGG/90","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"90","label":"§ 90 BVerfGG","mentions":3},{"id":"GG/103","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"103","label":"Art 103 GG","mentions":3},{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2},{"id":"BVerfGG/93d","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93d","label":"§ 93d BVerfGG","mentions":1},{"id":"StPO/33a","law":"StPO","abbreviation":"StPO","ref":"33a","label":"§ 33a StPO","mentions":1},{"id":"StVollzG/116","law":"StVollzG","abbreviation":"StVollzG","ref":"116","label":"§ 116 StVollzG","mentions":1},{"id":"StVollzG/119","law":"StVollzG","abbreviation":"StVollzG","ref":"119","label":"§ 119 StVollzG","mentions":1},{"id":"StVollzG/120","law":"StVollzG","abbreviation":"StVollzG","ref":"120","label":"§ 120 StVollzG","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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