{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080225.2bvr047203","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2008-02-25","aktenzeichen":"2 BvR 472/03","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 472/03 -\n\n                                   In dem Verfahren\n                                         über\n                             die Verfassungsbeschwerde\n\n1.          der Frau R...,\n\n2.          des Herrn R...\n\n- Bevollmächtigter zu 1): Rechtsanwalt R... -\nI. unmittelbar gegen das Urteil des Bundesfinanzhofs vom 16. Oktober 2002 - XI R 75/00 -,\n         a)\n\n         b) das Urteil des Schleswig-Holsteinischen Finanzgerichts vom 13. September 2000 - V 37/99 -,\n\n         c) den Bescheid für 1995 über Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag des Finanzamts Kiel-Nord vom 15. Oktober 1997 - 19 220\n            43034 -,\n\nII. mittelbar gegen\n§ 10 Abs. 3 EStG in der für den Veranlagungszeitraum 1995 geltenden Fassung\n\nhat die 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                  den Richter Broß,\n                                  die Richterin Osterloh\n                                  und den Richter Mellinghoff\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 25. Februar 2008 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\nDie Bundesrepublik Deutschland hat den Beschwerdeführern die Hälfte der notwendigen Auslagen des Verfassungsbeschwerdeverfahrens zu erstatten.\n\n                                     Gründe:\n 1. a) Die Beschwerdeführer sind zusammenveranlagte Ehegatten. Sie haben drei          1\nnach § 32 EStG berücksichtigungsfähige Kinder. Der Beschwerdeführer hat außerdem einen Sohn, dem er unterhaltspflichtig ist. Im Streitjahr 1995 erzielte der Beschwerdeführer als Rechtsanwalt Einkünfte aus selbständiger Arbeit nach § 18\nEStG. Die Beschwerdeführerin erzielte in geringem Umfang ebenfalls Einkünfte aus\nselbständiger Arbeit nach § 18 EStG. Vorwiegend war sie jedoch als Angestellte tätig\nund erzielte hieraus Einkünfte aus nichtselbständiger Arbeit nach § 19 EStG. Seit\n\n\n                                         1/4\n\ndem 1. Juli 1995 war sie ausschließlich in einem Beschäftigungsverhältnis nichtselbständig tätig, aufgrund dessen eine inländische Sozialversicherungspflicht nicht\nbestand. Bei der Einkommensteuer machten die Ehegatten Vorsorgeaufwendungen\ngeltend, und zwar Sozialversicherungsbeiträge, Beiträge des Ehemanns zum Anwaltsversorgungswerk, Beiträge zu privaten Kranken- und Pflegeversicherungen sowie Unfall-, Lebens- und Haftpflichtversicherungsbeiträge. Das Finanzamt begrenzte\nden Abzug der Vorsorgeaufwendungen der Höhe nach unter Anwendung von § 10\nAbs. 3 EStG. Dabei wurde der den Ehegatten gemeinsam zustehende Vorwegabzug\nnach § 10 Abs. 3 Nr. 2 EStG in Höhe von 16% der ganzjährigen Einkünfte der Ehefrau aus nichtselbständiger Arbeit gekürzt. Der hiergegen gerichteten Klage gab das\nSchleswig-Holsteinische Finanzgericht durch Urteil vom 13. September 2000 - V 37/\n99 - (EFG 2000, S. 1315) teilweise statt, soweit die im zweiten Halbjahr bezogenen\nEinkünfte der Ehefrau in die Kürzung des Vorwegabzugs mit einbezogen wurden. Auf\ndie Revision des Finanzamts wurde das finanzgerichtliche Urteil aufgehoben und die\nKlage abgewiesen (BFH, Urteil vom 16. Oktober 2002 - XI R 75/00 -, BStBl II 2003,\nS. 288 = BFHE 200, 548).\n\n b) Mit ihrer Verfassungsbeschwerde rügen die Beschwerdeführer mehrere Grundrechtsverstöße. Die nach § 10 Abs. 3 EStG abzugsfähigen Höchstbeträge genügten\nnicht den verfassungsrechtlichen Anforderungen an die Steuerfreiheit des Existenzminimums. Außerdem verstoße es gegen das Rechtsstaatsprinzip, dass die Kürzung\ndes Vorwegabzugs nicht lediglich zeitanteilig für das erste Halbjahr 1995 erfolgte, in\ndem die Ehefrau der inländischen Sozialversicherungspflicht unterlag.\n\n  c) Zu der Verfassungsbeschwerde hat das Bundesministerium der Finanzen Stellung genommen.\n\n 2. Die Verfassungsbeschwerde hat keine hinreichende Aussicht auf Erfolg.                4\n\n a) Soweit es insbesondere um Beiträge zum Anwaltsversorgungswerk sowie zu               5\nUnfall-, Lebens- und Haftpflichtversicherungen geht, fehlt der Verfassungsbeschwerde vor dem Hintergrund des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zur Rentenbesteuerung (BVerfGE 105, 73) und der Neuregelung der Besteuerung der Altersbezüge durch das Gesetz zur Neuordnung der einkommensteuerrechtlichen Behandlung\nvon Altersvorsorgeaufwendungen und Altersbezügen (Alterseinkünftegesetz - AltEinkG) vom 5. Juli 2004 (BGBl I S. 1427) die hinreichende Aussicht auf Erfolg. Insoweit\nwird auf den Beschluss des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 13.\nFebruar 2008 - 2 BvR 1220/04 und 2 BvR 410/05 - verwiesen.\n\n  b) Soweit es um die einkommensteuerrechtliche Berücksichtigung von Beiträgen zu        6\nKranken- und Pflegeversicherungen geht, sind die verfassungsrechtlichen Fragen\ndurch den Beschluss des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 13.\nFebruar 2008 - 2 BvL 1/06 - geklärt. Danach hat der Gesetzgeber für eine Neuregelung mit Wirkung zum 1. Januar 2010 zu sorgen. Vor diesem Hintergrund können die\nBeschwerdeführer keine für das Streitjahr 1995 günstigere Regelung erreichen. Ihnen war insoweit lediglich eine teilweise Erstattung der notwendigen Auslagen des\n\n\n                                          2/4\n\nVerfassungsbeschwerdeverfahrens zuzusprechen (§ 34a Abs. 3 BVerfGG).\n\n  c) Auch soweit sich die Beschwerdeführer dagegen wenden, dass die Kürzung des     7\nVorwegabzugs nicht zeitanteilig erfolgt, hat die Verfassungsbeschwerde keine Aussicht auf Erfolg. Der Gesetzgeber ist im Massenverfahren der Steuererhebung befugt, typisierende Regelungen zu treffen (vgl. BVerfGE 87, 153 <172>; 99, 280\n<290>; 105, 73 <127>; 112, 268 <280 f.>). Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Gesetzgebungsgeschichte des § 10 Abs. 3 EStG (vgl. auch BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 13. Februar 2008 - 2 BvL 1/06 -). Die hierzu vom\nBundesfinanzhof in der angegriffenen Entscheidung gemachten Ausführungen begegnen keinen verfassungsrechtlichen Bedenken.\n\n Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                               9\n\n                Broß                Osterloh            Mellinghoff\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom\n25. Februar 2008 - 2 BvR 472/03\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats vom 25. Februar 2008 - 2 BvR 472/03 - Rn. (1 - 9), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20080225_2bvr047203.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080225.2bvr047203\n\n\n\n\n                                      4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-02-25/2-bvr-472-03","cited_norms":[{"jurabk":"EStG","ref":"§ 10","ref_norm":"10","n":5},{"jurabk":"EStG","ref":"§ 18","ref_norm":"18","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 34a","ref_norm":"34a","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"EStG","ref":"§ 19","ref_norm":"19","n":1},{"jurabk":"EStG","ref":"§ 32","ref_norm":"32","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-02-25/2-bvr-472-03","retrieved":"2026-07-10 10:56:54.605881+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2008-02-25/2-bvr-472-03","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2008-02-25","dockets":["2 BvR 472/03"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080225.2bvr047203","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080225.2bvr047203"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 25.02.2008 – 2 BvR 472/03","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-02-25/2-bvr-472-03","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\nDie Bundesrepublik Deutschland hat den Beschwerdeführern die Hälfte der notwendigen Auslagen des Verfassungsbeschwerdeverfahrens zu erstatten.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"EStG/10","law":"EStG","abbreviation":"EStG","ref":"10","label":"§ 10 EStG","mentions":5},{"id":"EStG/18","law":"EStG","abbreviation":"EStG","ref":"18","label":"§ 18 EStG","mentions":2},{"id":"BVerfGG/34a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"34a","label":"§ 34a BVerfGG","mentions":1},{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":1},{"id":"BVerfGG/93d","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93d","label":"§ 93d BVerfGG","mentions":1},{"id":"EStG/19","law":"EStG","abbreviation":"EStG","ref":"19","label":"§ 19 EStG","mentions":1},{"id":"EStG/32","law":"EStG","abbreviation":"EStG","ref":"32","label":"§ 32 EStG","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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