{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080131.1bvr215602","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Ersten Senats","decided":"2008-01-31","aktenzeichen":"1 BvR 2156/02","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 1 BVR 2156/02 -\n- 1 BVR 2206/02 -\n\n                               In den Verfahren\n                                     über\n                         die Verfassungsbeschwerden\nder Allgemeinen Ortskrankenkasse,\nvertreten durch den Vorstand,\n\ngegen den Beschluss des Sozialgerichts Halle vom 16. Oktober 2002 - S 1 SF 35/\n      02 P -\n\n- 1 BVR 2156/02 -,\n\ngegen den Beschluss des Sozialgerichts Gotha vom 18. Oktober 2002 - S 1 SF\n      1129/02 –\n\n- 1 BVR 2206/02 -\n\nhat die 2. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                die Richterin Hohmann-Dennhardt\n                                und die Richter Gaier,\n                                Kirchhof\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 31. Januar 2008 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerden werden nicht zur Entscheidung angenommen.\n\n                                    Gründe:\n\n                                        I.\n  Die zu gemeinsamer Verhandlung und Entscheidung verbundenen Verfahren betreffen das Kostenrecht im Verfahren nach dem Sozialgerichtsgesetz (SGG). Konkret\nwendet sich die Beschwerdeführerin, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, gegen die Erhöhung der von so genannten nichtprivilegierten Beteiligten im Sozialgerichtsverfahren zu leistenden Pauschgebühr durch § 184 SGG in der Fassung des\nSechsten Gesetzes zur Änderung des Sozialgerichtsgesetzes vom 17. August 2001\n(6. SGGÄndG), BGBl I S. 2144, sowie gegen die Anwendung der Regelungen dieses\nGesetzes auf bereits vor seinem Inkrafttreten rechtshängige Verfahren.\n\n                                        II.\n 1. Die Verfassungsbeschwerden werden nicht zur Entscheidung angenommen, weil        2\n\n\n\n                                        1/4\n\nAnnahmegründe im Sinne des § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht vorliegen. Die Verfassungsbeschwerden sind mangels Beschwerdebefugnis unzulässig (§ 90 Abs. 1\nBVerfGG).\n\n  Juristische Personen des öffentlichen Rechts - wie die Allgemeinen Ortskrankenkassen - sind mit Blick auf Art. 19 Abs. 3 GG in der Regel nicht grundrechtsfähig, soweit sie öffentliche Aufgaben wahrnehmen (vgl. BVerfGE 21, 362 <369 ff.>; 68, 193\n<205 ff.>; 85, 360 <385>). Ausnahmen gelten für Kirchen (vgl. BVerfGE 42, 312\n<322>; 66, 1 <19 f.>), Universitäten (vgl. BVerfGE 15, 256 <262>) und Rundfunkanstalten (vgl. BVerfGE 31, 314 <322>; 78, 101 <102 f.>), weil und soweit sie unmittelbar dem durch die Grundrechte geschützten Lebensbereich (Art. 4, 140 GG i.V.m.\nArt. 137 WRV, Art. 5 Abs. 3 GG bzw. Art. 5 Abs. 1 Satz 2 GG) zuzuordnen sind. Soweit die Beschwerdeführerin der Ansicht ist, sie werde im sozialgerichtlichen Verfahren in einem Bereich tätig, in dem sie vom Staat unabhängig sei und als Sachwalter\nihrer Mitglieder auch deren Interessen, z.B. an der Stabilität des Beitragssatzes,\nwahrnehme, geht diese Argumentation fehl. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits entschieden, dass den Allgemeinen Ortskrankenkassen als nur organisatorisch\nverselbständigten Teilen der Staatsgewalt eine besondere Zuordnung zu dem durch\ndie Grundrechte geschützten Lebensbereich, wie sie etwa für Universitäten und\nRundfunkanstalten evident ist, fehlt (vgl. BVerfGE 39, 302 <312 ff.>). Als dem Staat\neingegliederte Körperschaften des öffentlichen Rechts nehmen sie der Sache nach\nAufgaben in mittelbarer Staatsverwaltung wahr und können insoweit nicht zugleich\nVerpflichtete und Adressatinnen der Grundrechte sein (vgl. BVerfGE 39, 302 <314>).\n\n Die AOK ... ist auch nicht deshalb im konkreten Fall grundrechtsfähig, weil sie einen   4\nVerstoß gegen das aus dem allgemeinen Gleichheitssatz folgende Willkürverbot rügt.\nZwar kommt im Gleichheitssatz nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts ein über den Anwendungsbereich des Art. 3 Abs. 1 GG hinausgehender allgemeiner Rechtsgrundsatz zum Ausdruck, der als Prüfungsmaßstab auch auf juristische Personen des öffentlichen Rechts Anwendung findet (vgl. BVerfGE 21, 362\n<372>; 34, 139 <146>; 76, 130 <139 f.>). Das Bundesverfassungsgericht hat aber\nbereits entschieden, dass hierfür die Konstruktion eines Grundrechts der betreffenden juristischen Person des öffentlichen Rechts als eines mit der Verfassungsbeschwerde rügefähigen subjektiven Rechts nicht erforderlich ist (BVerfGE 21, 362\n<372>).\n\n  Etwas anderes ergibt sich auch nicht aus dem von der Beschwerdeführerin zitierten      5\nBeschluss des Erstens Senats vom 19. Juni 1973 (vgl. BVerfGE 35, 263 <271 f.>).\nDarin hat das Bundesverfassungsgericht zwar in Bezug auf eine juristische Person\ndes öffentlichen Rechts die materielle Vereinbarkeit einer Gesetzesnorm mit Art. 3\nAbs. 1 GG geprüft. In eine materielle Prüfung trat es indes nur deshalb ein, weil Verfahrensgegenstand nicht eine Verfassungsbeschwerde, sondern eine Richtervorlage\ngemäß Art. 100 Abs. 1 GG war. In der von der Beschwerdeführerin bezeichneten\nEntscheidung hat das Bundesverfassungsgericht demgemäß auch noch einmal betont, dass das Grundrecht des Art. 3 Abs. 1 GG gerade nicht für juristische Personen\n\n\n                                          2/4\n\ndes öffentlichen Rechts gilt.\n\n 2. Von einer weiteren Begründung wird nach § 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                             7\n\n         Hohmann-Dennhardt              Gaier           Kirchhof\n\n\n\n\n                                         3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom\n31. Januar 2008 - 1 BvR 2156/02\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Ersten Senats vom 31. Januar 2008 - 1 BvR 2156/02 - Rn. (1 - 7), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20080131_1bvr215602.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080131.1bvr215602\n\n\n\n\n                                      4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-01-31/1-bvr-2156-02","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":3},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 5","ref_norm":"5","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 90","ref_norm":"90","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 19","ref_norm":"19","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 100","ref_norm":"100","n":1},{"jurabk":"SGG","ref":"§ 184","ref_norm":"184","n":1},{"jurabk":"WRV","ref":"Art 137","ref_norm":"137","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-01-31/1-bvr-2156-02","retrieved":"2026-07-10 10:56:47.307027+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2008-01-31/1-bvr-2156-02","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Ersten Senats","date":"2008-01-31","dockets":["1 BvR 2156/02"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080131.1bvr215602","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2008:rk20080131.1bvr215602"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 31.01.2008 – 1 BvR 2156/02","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2008-01-31/1-bvr-2156-02","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerden werden nicht zur Entscheidung angenommen.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"GG/3","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"3","label":"Art 3 GG","mentions":3},{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2},{"id":"GG/5","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"5","label":"Art 5 GG","mentions":2},{"id":"BVerfGG/90","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"90","label":"§ 90 BVerfGG","mentions":1},{"id":"BVerfGG/93d","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93d","label":"§ 93d BVerfGG","mentions":1},{"id":"GG/19","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"19","label":"Art 19 GG","mentions":1},{"id":"GG/100","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"100","label":"Art 100 GG","mentions":1},{"id":"SGG/184","law":"SGG","abbreviation":"SGG","ref":"184","label":"§ 184 SGG","mentions":1},{"id":"WRV/137","law":"WRV","abbreviation":"WRV","ref":"137","label":"Art 137 WRV","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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