{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060427.2bvr043004","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2006-04-27","aktenzeichen":"2 BvR 430/04","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 430/04 -\n\n                                  In dem Verfahren\n                                        über\n                            die Verfassungsbeschwerde\nder Frau A...,\n\ngegen den Beschluss des Oberlandesgerichts Köln vom 27. Januar 2004 - 1 Zs\n      1411/03 -\n\nhat die 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                   den Vizepräsidenten Hassemer,\n                                   die Richter Di Fabio\n                                   und Landau\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 27. April 2006 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\n\n                                       Gründe:\n  Die Verfassungsbeschwerde ist nicht zur Entscheidung anzunehmen. Die Voraussetzungen des § 93a Abs. 2 BVerfGG liegen nicht vor. Die Verfassungsbeschwerde\nhat weder grundsätzliche Bedeutung noch ist ihre Annahme zur Durchsetzung der\nRechte der Beschwerdeführerin aus § 90 Abs. 1 BVerfGG angezeigt (vgl. BVerfGE\n90, 22 <25 f.>). Die Verfassungsbeschwerde hat keine hinreichende Aussicht auf Erfolg.\n\n  1. Die Rüge der Beschwerdeführerin, in ihrem Grundrecht aus Art. 3 Abs. 1 GG verletzt zu sein, führt im Ergebnis nicht zu einer Aufhebung der angegriffenen Entscheidung, da diese nicht auf einem Verfassungsverstoß beruht.\n\n  a) Die Unzulässigkeitsentscheidung des Oberlandesgerichts im Beschluss vom 27.           3\nJanuar 2004 stützt sich unter anderem darauf, dass die Beschwerdeführerin die Einhaltung der Beschwerdefrist nicht in ihrem Antragsschreiben deutlich gemacht habe.\nDabei begegnet es keinen verfassungsrechtlichen Bedenken, wenn das Oberlandesgericht die Vorschrift des § 172 Abs. 3 Satz 1 StPO so auslegt, dass ein Antragsteller\nim Klageerzwingungsverfahren als eine Zulässigkeitsvoraussetzung des Antrags auf\ngerichtliche Entscheidung auch die Einhaltung der Beschwerdefrist des § 172 Abs. 1\nStPO darzulegen hat (vgl. Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 16. April 1992 - 2 BvR 877/89 -, NJW 1993, S. 382; vgl.\nferner Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 6. Juni 2003 - 2 BvR 1659/01 -, juris-dok). Als nicht mehr verständlich, weil\n\n\n                                           1/3\n\nunter keinem denkbaren Aspekt mehr vertretbar und deshalb mit Art. 3 Abs. 1 GG\nunvereinbar (zum Maßstab vgl. BVerfGE 4, 1 <7>; 62, 189 <192>; 80, 48 <51>; 87,\n273 <278 f.>), erweist sich jedoch die entscheidungstragende Annahme, die Mitteilung in der Antragsschrift, die Beschwerde sei \"unter dem 14.09.2003\" eingereicht\nworden, werde dieser Anforderung nicht gerecht.\n\n  b) Bei lebensnaher, am allgemeinen Sprachgebrauch orientierter Auslegung genügt       4\nes, wenn nach Abfassung der Beschwerdeschrift bis zum Ablauf der Zweiwochenfrist\nnoch eine hinreichend lange Zeit verbleibt, bei der unter Berücksichtigung normaler\nPostlaufzeiten davon auszugehen ist, dass die Beschwerde fristgerecht eingegangen\nwar (vgl. Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 5. Oktober 1996 - 2 BvR 502/96 -, juris-dok; Beschluss der 2. Kammer des\nZweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 6. Juni 2003 - 2 BvR 1659/01 -,\njuris-dok).\n\n  Der Antrag auf gerichtliche Entscheidung enthielt die Angabe, dass das Ermittlungsverfahren \"mit Bescheid vom 03.09.2003 (...) gemäß § 170 StPO eingestellt\" und \"der\nAnzeigenerstatterin am 11.09.2003 zugestellt\" worden ist. Weiter wurde mitgeteilt,\ndass die Beschwerdeführerin \"daraufhin unter dem 14.09.2003\" Beschwerde gegen\ndie Verfahrenseinstellung eingelegt habe. Berechnet man die Frist des § 172 Abs. 1\nSatz 1 StPO gemäß § 43 Abs. 1 StPO unter Zugrundelegung der Angaben im Antrag\nauf gerichtliche Entscheidung, so lief sie am 25. September 2003 ab. Das am 14.\nSeptember 2003 verfasste Beschwerdeschreiben hatte mithin elf Tage Postlaufzeit,\num bei der Generalstaatsanwaltschaft rechtzeitig einzugehen. Unter Berücksichtigung der zitierten Kammerentscheidungen erweist es sich als nicht mehr nachvollziehbar und deshalb mit Art. 3 Abs. 1 GG unvereinbar, wenn das Oberlandesgericht\nin einem solchen Fall annimmt, die Einhaltung der Beschwerdefrist sei aus der Antragsschrift nicht ersichtlich.\n\n c) Der angegriffene Beschluss beruht jedoch nicht auf diesem Verfassungsverstoß.       6\nDas Oberlandesgericht hat seine Entscheidung zusätzlich und selbständig tragend\ndarauf gestützt, die Beschwerdeführerin habe in ihrer Antragsschrift den Inhalt der\nstaatsanwaltschaftlichen Bescheide nicht so vollständig dargelegt, dass ohne Rückgriff auf die Ermittlungsakten eine Schlüssigkeitsprüfung hätte vorgenommen werden\nkönnen. Diese verfassungsrechtlich unbedenkliche Forderung des Fachgerichts (vgl.\nBeschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom\n16. April 1992 - 2 BvR 877/89 - m.w.N., NJW 1993, S. 382) genügt vorliegend den\nAnforderungen des Art. 3 Abs. 1 GG.\n\n 2. Von einer weiteren Begründung wird abgesehen (§ 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG).         7\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                                   8\n\n              Hassemer                Di Fabio               Landau\n\n\n\n\n                                         2/3\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom\n27. April 2006 - 2 BvR 430/04\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom\n                27. April 2006 - 2 BvR 430/04 - Rn. (1 - 8), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20060427_2bvr043004.html\n\nECLI             ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060427.2bvr043004\n\n\n\n\n                                         3/3\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2006-04-27/2-bvr-430-04","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":4},{"jurabk":"StPO","ref":"§ 172","ref_norm":"172","n":3},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 90","ref_norm":"90","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"StPO","ref":"§ 43","ref_norm":"43","n":1},{"jurabk":"StPO","ref":"§ 170","ref_norm":"170","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2006-04-27/2-bvr-430-04","retrieved":"2026-07-10 10:54:53.043431+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2006-04-27/2-bvr-430-04","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2006-04-27","dockets":["2 BvR 430/04"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060427.2bvr043004","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060427.2bvr043004"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 27.04.2006 – 2 BvR 430/04","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2006-04-27/2-bvr-430-04","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"GG/3","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"3","label":"Art 3 GG","mentions":4},{"id":"StPO/172","law":"StPO","abbreviation":"StPO","ref":"172","label":"§ 172 StPO","mentions":3},{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2},{"id":"BVerfGG/90","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"90","label":"§ 90 BVerfGG","mentions":1},{"id":"BVerfGG/93d","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93d","label":"§ 93d BVerfGG","mentions":1},{"id":"StPO/43","law":"StPO","abbreviation":"StPO","ref":"43","label":"§ 43 StPO","mentions":1},{"id":"StPO/170","law":"StPO","abbreviation":"StPO","ref":"170","label":"§ 170 StPO","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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