{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060202.2bvr119505","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2006-02-02","aktenzeichen":"2 BvR 1195/05","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 1195/05 -\n\n                                 In dem Verfahren\n                                       über\n                           die Verfassungsbeschwerde\ndes Herrn M ...\n\n- Bevollmächtigter: Rechtsanwalt Prof. Dr. Gunter Widmaier,\n                    in Sozietät Redeker, Sellner, Dahs & Widmaier,\n                    Herrenstraße 23, 76133 Karlsruhe -\ngegen a) den Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 1. Juni 2005 - 1 StR 100/05\n         -,\n\n       b) den Beschluss des Oberlandesgerichts München vom 16. Februar 2005 -\n          4 StRR 001/05 -,\n\n       c) das Urteil des Landgerichts Kempten vom 20. September 2004 - 5 Ns\n          211 Js 6736/03 jug. -\n\nund    Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\nhat die 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                  den Vizepräsidenten Hassemer,\n                                  die Richter Di Fabio\n                                  und Landau\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 2. Februar 2006 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\nDamit erledigt sich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.\n\n                                      Gründe:\n Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen, weil ein               1\nAnnahmegrund gemäß § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht vorliegt. Die Verfassungsbeschwerde hat keine Aussicht auf Erfolg (vgl. BVerfGE 90, 22 <24 ff.>); sie ist unzulässig.\n\n  Sie genügt nicht den Anforderungen an die substantiierte Darlegung einer möglichen Grundrechtsverletzung. Denn der Beschwerdeführer hat nicht ausgeführt, dass\ner - wie es der Grundsatz der materiellen Subsidiarität der Verfassungsbeschwerde\ngebietet – über die Erschöpfung des Rechtswegs im engeren Sinne hinaus bereits im\nfachgerichtlichen Verfahren alle zumutbaren prozessualen Möglichkeiten ergriffen\n\n\n\n                                          1/4\n\nhat, die geltend gemachte Verletzung von Verfassungsrecht in dem unmittelbar mit\nihr zusammenhängenden sachnächsten Verfahren zu verhindern oder zu beseitigen\n(vgl. BVerfGE 68, 384 <389>; Beschluss des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 9. November 2004 - 1 BvR 684/98 -, NJW 2005, S. 1413 <1414>).\n\n 1. Die Verfassungsbeschwerde teilt nicht mit, ob und gegebenenfalls in welcher            3\nWeise der damalige Verteidiger des Beschwerdeführers auf die umfangreich begründete Ankündigung des Oberlandesgerichts reagiert hat, das Berufungsurteil im Wege\nder \"Umdeutung\" als erstinstanzliches ansehen zu wollen. Damit kann das Bundesverfassungsgericht nicht prüfen, ob er daraufhin seinen Vortrag um die Rüge einer\nVerletzung des Grundsatzes des fairen Verfahrens ergänzt hat.\n\n 2. Der Grundsatz der materiellen Subsidiarität der Verfassungsbeschwerde erforderte hier diese Rüge schon im Revisionsrechtszug, spätestens aber als Reaktion\nauf die Anhörung durch das Oberlandesgericht.\n\n a) Es ist zwar grundsätzlich nicht erforderlich, bereits das fachgerichtliche Verfahren   5\nals \"Verfassungsprozess\" zu führen und bereits hier verfassungsrechtliche Einwände\nzu erheben. Anders liegt es jedoch, wenn eine bestimmte Normauslegung angestrebt\nwird, die ohne verfassungsrechtliche Erwägungen nicht zu begründen ist. Dann ist\nder Beschwerdeführer gehalten, bereits die Fachgerichte in geeigneter Weise mit\nverfassungsrechtlichen Fragen zu befassen (vgl. Beschluss des Ersten Senats des\nBundesverfassungsgerichts vom 9. November 2004 - 1 BvR 684/98 -, NJW 2005,\nS. 1413 <1414>).\n\n  b) Dem Verteidiger des Beschwerdeführers in der Revisionsinstanz musste sich             6\naufdrängen, dass eine verfassungsrechtliche Argumentation geboten war. Denn die\n\"Umdeutung\" einer Berufungsverhandlung in eine erstinstanzliche entspricht ständiger Rechtsprechung der Obergerichte (vgl. Reichsgericht, Urteil des V. Strafsenats\nvom 21. August 1941 - 5 D 264/41 -, RGSt 75, S. 304; Bundesgerichtshof, Urteil des\n4. Senats vom 24. Januar 1957 – 4 StR 515/59 -, MDR 1957, S. 370; Bundesgerichtshof, Urteil des 4. Strafsenats vom 18. Juni 1970 – 4 StR 141/70 -, BGHSt 23,\n283 <285>; Bundesgerichtshof, Beschluss des 3. Strafsenats vom 13. Mai 1982 – 3\nStR 129/82 -, BGHSt 31, 63 <64>; Oberlandesgericht Celle, Beschluss vom 25. Juni\n1986 – 3 Ss 89/86 -, JR 1987, S. 34 m. krit. Anm. Seebode; Bundesgerichtshof, Beschluss vom 18. September 1986 – 4 StR 461/86 -, NJW 1987, S. 1211 <1212>; Bundesgerichtshof, Beschluss vom 27. Juni 1989 – 4 StR 236/89 -, NStZ 1990, S. 24\n<29>; Bundesgerichtshof, Beschluss vom 23. April 1996 – 4 StR 142/96 -, NStZ-RR\n1997, S. 22; differenzierend Oberlandesgericht Karlsruhe, Beschluss vom 30. Januar\n1985 – 3 Ss 238/04 -, NStZ 1985, S. 423 m. zust. Anm. Seebode). Eine Aufhebung\ndes Urteils wegen des Strafzumessungsfehlers des Landgerichts lag demnach bei lediglich einfachrechtlicher Argumentation fern. Gegen die Figur der \"Umdeutung\" wurden in der Literatur verfassungsrechtliche Bedenken vorgetragen (Fezer, JR 1988,\nS. 89 <91>; Peters, Strafprozess, 4. Aufl. 1985, S. 626; Seebode, a.a.O.). Diese hätte der Verteidiger des Beschwerdeführers im Revisionsrechtszug geltend machen\n\n\n\n                                           2/4\n\nmüssen, um eine Grundrechtsverletzung schon im fachgerichtlichen Verfahren zu\nverhindern oder zu beenden.\n\n 3. Mit der Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde erledigt sich zugleich der         7\nvom Beschwerdeführer selbst sinngemäß gestellte Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.\n\n 4. Von einer weiteren Begründung der Entscheidung wird abgesehen (§ 93d Abs. 1       8\nSatz 3 BVerfGG).\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                                 9\n\n              Hassemer               Di Fabio              Landau\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom\n2. Februar 2006 - 2 BvR 1195/05\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 2. Februar 2006 - 2 BvR 1195/05 - Rn. (1 - 9), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20060202_2bvr119505.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060202.2bvr119505\n\n\n\n\n                                      4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2006-02-02/2-bvr-1195-05","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2006-02-02/2-bvr-1195-05","retrieved":"2026-07-10 10:54:37.794174+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2006-02-02/2-bvr-1195-05","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2006-02-02","dockets":["2 BvR 1195/05"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060202.2bvr119505","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2006:rk20060202.2bvr119505"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 02.02.2006 – 2 BvR 1195/05","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2006-02-02/2-bvr-1195-05","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\nDamit erledigt sich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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