{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2005:rk20051208.2bvr191605","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2005-12-08","aktenzeichen":"2 BvR 1916/05","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 1916/05 -\n\n                                 In dem Verfahren\n                                       über\n                           die Verfassungsbeschwerde\ndes Herrn B ...\n\n- Bevollmächtigter:\nRechtsanwalt Dr. h.c. Rüdiger Deckers\nin Sozietät tdwe Thomas Deckers Wehnert Elsner, Rechtsanwälte,\nWasserstraße 13, 40213 Düsseldorf -\ngegen a) das Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 13. Oktober 2005 - III\n         - 5 Ss 113/05 - 67/05 IV -,\n\n       b) den Senatsbeschluss des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 13. Oktober 2005 - III - 5 Ss 113/05 - 67/05 IV -,\n\n       c) das Urteil des Landgerichts Kleve vom 19. Mai 2005 - 211 Ns 202 Js\n          1167/04 (30/05) -,\n\n       d) das Urteil des Amtsgerichts Kleve vom 24. Februar 2005 - 37 Ds 202 Js\n          1167/04 (23/05) -\n\nhat die 1. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                  den Vizepräsidenten Hassemer,\n                                  die Richter Di Fabio\n                                  und Landau\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 8. Dezember 2005 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\n\n                                      Gründe:\n Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen. Ein Annahmegrund gemäß § 93a Abs. 2 BVerfGG liegt nicht vor. Die Verfassungsbeschwerde\nhat keine Aussicht auf Erfolg.\n\n                                         I.\n Die Verfassungsbeschwerde ist mangels Beschwer unzulässig, soweit sie sich gegen das Urteil des Amtsgerichts richtet, weil dieses durch die nachfolgende Entscheidung des Landgerichts prozessual überholt ist.\n\n\n\n\n                                         1/3\n\n                                          II.\n Im Übrigen ist die Verfassungsbeschwerde jedenfalls unbegründet. Ein Verstoß gegen den Anspruch auf ein faires Verfahren (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. Art. 20 Abs. 3\nGG) liegt nicht vor. Das Tatgericht war verfassungsrechtlich nicht gehalten, dem Beschwerdeführer einen Pflichtverteidiger beizuordnen.\n\n 1. Die Vorschriften der Strafprozessordnung über die notwendige Mitwirkung und          4\ndie Bestellung eines Verteidigers im Strafverfahren stellen sich als Konkretisierungen\ndes Rechtsstaatsprinzips in seiner Ausgestaltung als Gebot fairer Verfahrensführung\ndar. Danach hat der Vorsitzende des Gerichts einen Verteidiger zu bestellen, wenn\ndessen Mitwirkung wegen der Schwierigkeit der Sach- oder Rechtslage geboten erscheint oder wenn ersichtlich ist, dass sich der Beschuldigte nicht selbst verteidigen\nkann. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Würdigung aller Umstände das\nVorliegen eines schwerwiegenden Falles ergibt und der Beschuldigte die Kosten eines gewählten Verteidigers nicht aufzubringen vermag (vgl. BVerfGE 39, 238 <243>;\n46, 202 <210 f.>; 63, 380 <391>). Anlass zur Beiordnung eines Verteidigers wegen\nder Schwere des Falles besteht dabei regelmäßig erst bei einer Freiheitsstrafe von\nmindestens einem Jahr (vgl. Beschluss der 3. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 30. Oktober 2002 - 2 BvR 786/02 -, veröffentlicht in\nNJW 2003, S. 882).\n\n 2. a) Nach diesen Grundsätzen bedurfte es hier keiner Pflichtverteidigerbestellung.     5\nGegenstand des Strafverfahrens waren tatsächlich und rechtlich einfach gelagerte\nSachverhalte. Das Landgericht musste die Tat auch nicht als schwer im Sinne des\n§ 140 Abs. 2 StPO ansehen. Die von Amtsgericht und Landgericht ausgesprochenen\nGesamtfreiheitsstrafen (neun Monate bzw. acht Monate zur Bewährung) blieben\nnoch deutlich unterhalb der genannten Grenze von einem Jahr. Auch daraus, dass\nzunächst eine Strafaussetzung versagt worden war, ergab sich kein Anspruch des\nBeschwerdeführers auf Beiordnung eines Verteidigers (vgl. Laufhütte, in: Karlsruher\nKommentar, StPO, 5. Aufl. 2003, § 140 Rn. 21). Aus der Anordnung der Maßregel\nder §§ 69, 69 a StGB und der späteren Beiordnung eines Verteidigers für die Revisionshauptverhandlung folgt kein anderes Ergebnis.\n\n  b) In der Behandlung des Rechtsmittelverzichts liegt ebenfalls kein Verstoß gegen      6\nden Anspruch auf ein faires Verfahren. Eine mögliche Fehlvorstellung über die\nRechtsmittelbefugnis der Staatsanwaltschaft begründet keinen beachtlichen Willensmangel. Da der wirksam erklärte Rechtsmittelverzicht der begehrten Wiedereinsetzung entgegenstand, haben die angegriffenen Entscheidungen des Oberlandesgerichts keine Grundrechte des Beschwerdeführers verletzt.\n\n Von einer weiteren Begründung der Entscheidung wird abgesehen (§ 93d Abs. 1             7\nSatz 3 BVerfGG).\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                                    8\n\n              Hassemer                Di Fabio                Landau\n\n\n                                          2/3\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom\n8. Dezember 2005 - 2 BvR 1916/05\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Zweiten Senats vom 8. Dezember 2005 - 2 BvR 1916/05 - Rn. (1 - 8), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20051208_2bvr191605.html\n\nECLI           ECLI:DE:BVerfG:2005:rk20051208.2bvr191605\n\n\n\n\n                                     3/3\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2005-12-08/2-bvr-1916-05","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 20","ref_norm":"20","n":1},{"jurabk":"StPO","ref":"§ 140","ref_norm":"140","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2005-12-08/2-bvr-1916-05","retrieved":"2026-07-10 10:54:25.664003+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2005-12-08/2-bvr-1916-05","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2005-12-08","dockets":["2 BvR 1916/05"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2005:rk20051208.2bvr191605","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2005:rk20051208.2bvr191605"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 08.12.2005 – 2 BvR 1916/05","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2005-12-08/2-bvr-1916-05","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2},{"id":"GG/2","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"2","label":"Art 2 GG","mentions":1},{"id":"GG/20","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"20","label":"Art 20 GG","mentions":1},{"id":"StPO/140","law":"StPO","abbreviation":"StPO","ref":"140","label":"§ 140 StPO","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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