{"status":"available","doknr":"BVERFG-ls20051206_1bvl000303","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2005:ls20051206.1bvl000303","court":"BVerfG","senate":"Erster Senat","decided":"2005-12-06","aktenzeichen":"1 BvL 3/03","doktyp":"Beschluss","leitsatz":"§ 7 Abs. 1 Nr. 3 des Transsexuellengesetzes verletzt das von Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG geschützte Namensrecht eines homosexuell orientierten Transsexuellen sowie sein Recht auf Schutz seiner Intimsphäre, solange ihm eine rechtlich gesicherte Partnerschaft nicht ohne Verlust des geänderten, seinem\nempfundenen Geschlecht entsprechenden Vornamens eröffnet ist.\n\n\n\n\n                                        1/21","text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 1 BVL 3/03 -\n\n\n\n\n                             Im Namen des Volkes\n\n                                In dem Verfahren\n                      zur verfassungsrechtlichen Prüfung\ndes § 7 Abs. 1 Nr. 3 des Gesetzes über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz\n- TSG) vom 10. September 1980 (BGBl I S. 1654)\n\n- Aussetzungs- und Vorlagebeschluss des Landgerichts Itzehoe vom 26. März 2003\n(4 T 497/02) -\n\nhat das Bundesverfassungsgericht - Erster Senat - unter Mitwirkung\n                                des Präsidenten Papier,\n                                der Richterin Haas,\n                                der Richter Hömig,\n                                Steiner,\n                                der Richterin Hohmann-Dennhardt\n                                und der Richter Hoffmann-Riem,\n                                Bryde,\n                                Gaier\n\nam 6. Dezember 2005 beschlossen:\n\n  1. § 7 Absatz 1 Nummer 3 des Gesetzes über die Änderung der Vornamen und\n     die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz - TSG) vom 10. September 1980 (Bundesgesetzblatt I Seite\n     1654) ist mit Artikel 2 Absatz 1 in Verbindung mit Artikel 1 Absatz 1 des\n     Grundgesetzes nicht vereinbar, solange homosexuell orientierten Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung eine rechtlich gesicherte Partnerschaft\n     nicht ohne Verlust des nach § 1 des Transsexuellengesetzes geänderten Vornamens eröffnet ist.\n  2. § 7 Absatz 1 Nummer 3 des Transsexuellengesetzes ist bis zum In-Kraft-Treten einer gesetzlichen Regelung, die homosexuell orientierten Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung das Eingehen einer rechtlich gesicherten\n     Partnerschaft ohne Vornamensverlust ermöglicht, nicht anwendbar.\n\n\n\n\n                                       2/21\n\n                                     Gründe:\n\n                                        A.\n Das Vorlageverfahren betrifft den durch Heirat eintretenden Verlust des vorher geänderten Vornamens, mit dem ein Transsexueller das Geschlecht zum Ausdruck gebracht hat, dem er sich zugehörig empfindet.\n\n                                         I.\n Das Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen (Transsexuellengesetz - TSG) vom 10.\nSeptember 1980 (BGBl I S. 1654) wurde im Anschluss an die grundlegende Entscheidung des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 11. Oktober 1978\n(BVerfGE 49, 286) erlassen, um der besonderen Situation Transsexueller Rechnung\nzu tragen. Neben einem Verfahren, in dem nach geschlechtsanpassender Operation\ndie Änderung der Geschlechtszugehörigkeit festgestellt und die Vornamen geändert\nwerden können (so genannte große Lösung), sieht das Gesetz die Möglichkeit vor,\ndie Vornamen eines Transsexuellen auf dessen Antrag zu ändern, ohne dass dieser\nsich zuvor operativen Eingriffen unterzogen hat (so genannte kleine Lösung).\n\n 1. Die Voraussetzungen, unter denen eine Vornamensänderung ohne Geschlechtsumwandlung möglich ist, gibt § 1 TSG vor, der nach Nichtigerklärung seines Absatzes 1 Nr. 3 durch Beschluss des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Januar 1993\n(BVerfGE 88, 87) wie folgt lautet:\n\n                                        §1                                             4\n\n                                 Voraussetzungen                                       5\n\n(1) Die Vornamen einer Person, die sich auf Grund ihrer transsexuellen Prägung         6\nnicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet und seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang\nsteht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben, sind auf ihren Antrag vom Gericht\nzu ändern, wenn\n\n1. sie Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist oder wenn sie als Staatenloser         7\noder heimatloser Ausländer ihren gewöhnlichen Aufenthalt oder als Asylberechtigter\noder ausländischer Flüchtling ihren Wohnsitz im Geltungsbereich dieses Gesetzes\nhat,\n\n2. mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass sich ihr Zugehörigkeitsempfinden zum anderen Geschlecht nicht mehr ändern wird.\n\n(2) In dem Antrag sind die Vornamen anzugeben, die der Antragsteller künftig führen will.\n\n Zur Feststellung der in § 1 Abs. 1 TSG aufgeführten medizinischen Voraussetzungen muss das für die Entscheidung zuständige Amtsgericht (vgl. § 2 Abs. 1 TSG)\n\n\n\n                                        3/21\n\nGutachten von zwei Sachverständigen einholen, die auf Grund ihrer Ausbildung und\nihrer beruflichen Erfahrung mit den besonderen Problemen des Transsexualismus\nausreichend vertraut sind und unabhängig voneinander tätig werden (vgl. § 4 Abs.\n3 TSG). Eine auf diesem Weg erreichte Vornamensänderung kann gemäß § 6 TSG\nauf Antrag des Betroffenen rückgängig gemacht werden, wenn er sich wieder dem in\nseinem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht als zugehörig empfindet. Darüber\nhinaus wird die Entscheidung, mit der eine Vornamensänderung erfolgt ist, unter bestimmten Umständen unwirksam. Das bewirkt § 7 TSG, der in der hier maßgeblichen\nFassung vom 4. Mai 1998 (BGBl I S. 833 <841>) folgenden Wortlaut hat, soweit er\nfür diese Entscheidung von Bedeutung ist:\n\n                                         §7                                              11\n\n                                   Unwirksamkeit                                         12\n\n(1) Die Entscheidung, durch welche die Vornamen des Antragstellers geändert worden sind, wird unwirksam, wenn\n\n1. nach Ablauf von dreihundert Tagen nach der Rechtskraft der Entscheidung ein           14\nKind des Antragstellers geboren wird, mit dem Tag der Geburt des Kindes oder\n\n2. ..., oder                                                                             15\n\n3. der Antragsteller eine Ehe schließt, mit der Abgabe der Erklärung nach § 1310         16\nAbs. 1 des Bürgerlichen Gesetzbuchs.\n\n(2) Der Antragsteller führt künftig wieder die Vornamen, die er zur Zeit der Entscheidung, durch die seine Vornamen geändert worden sind, geführt hat. Diese Vornamen sind\n\n1. ...,                                                                                  18\n\n2. im Falle des Absatzes 1 Nr. 3 in das im Anschluss an die Eheschließung anzulegende Familienbuch\n\neinzutragen.                                                                             20\n\n(3) In Fällen des Absatzes 1 Nr. 1 kann das Gericht die Vornamen des Antragstellers auf dessen Antrag wieder in die Vornamen ändern, die er bis zum Unwirksamwerden der Entscheidung geführt hat, wenn festgestellt ist, dass das Kind nicht von\ndem Antragsteller abstammt, oder aus sonstigen schwerwiegenden Gründen anzunehmen ist, dass der Antragsteller sich weiter dem nicht seinem Geburtseintrag entsprechenden Geschlecht als zugehörig empfindet. ...\n\n  Zur Begründung dieser Vorschrift führte die Bundesregierung aus, in den genannten Fällen müsse davon ausgegangen werden, die betroffene Person empfinde sich\nwieder dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen Geschlecht zugehörig (vgl. BT-Drucks 8/2947, S. 14). Allerdings eröffnet § 7 Abs. 3 TSG im Falle der Geburt eines\nKindes, nicht dagegen bei Heirat, die Möglichkeit, unter den dort genannten Voraussetzungen zum geänderten Vornamen zurückzukehren. Nach der Begründung des\n\n\n                                          4/21\n\nGesetzgebers sollte diese Regelung etwa auftretende Härtefälle mildern (vgl. BT-Drucks 8/4120, S. 16). Auch kann ein bereits verheirateter Transsexueller gemäß § 1\nTSG eine Vornamensänderung erreichen, ohne dass dies Auswirkungen auf seine\nEhe hätte. Damit wollte der Gesetzgeber unter anderem denjenigen Transsexuellen,\ndie an ihrer Ehe festhalten wollen und deshalb wegen § 8 Abs. 1 Nr. 2 TSG eine\nÄnderung ihrer Geschlechtszugehörigkeit nicht erreichen können, ermöglichen, zumindest einen zu ihrem Wunschgeschlecht passenden Vornamen zu führen (vgl. BT-Drucks 8/2947, S. 25; 8/4120, S. 14).\n\n  2. § 8 TSG, der die Voraussetzungen der so genannten großen Lösung regelt, fordert über die in § 1 TSG aufgeführten Voraussetzungen hinaus, dass der Antragsteller nicht verheiratet und dauernd fortpflanzungsunfähig ist sowie sich einem die äußeren Geschlechtsmerkmale verändernden operativen Eingriff unterzogen hat, durch\nden eine deutliche Annäherung an das Erscheinungsbild des anderen Geschlechts\nerreicht worden ist. Wird dem Antrag nach dem in § 9 TSG vorgeschriebenen Verfahren durch gerichtliche Entscheidung entsprochen, ist der Antragsteller von der\nRechtskraft der Entscheidung an gemäß § 10 TSG als dem anderen Geschlecht zugehörig anzusehen mit der Folge, dass sich seine vom Geschlecht abhängigen\nRechte und Pflichten grundsätzlich nach dem neuen Geschlecht richten.\n\n                                          II.\n Seit In-Kraft-Treten des Transsexuellengesetzes konnten über die Transsexualität        24\nneue wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen werden. 1992 schätzte man die Zahl\nder Transsexuellen in der Bundesrepublik auf rund 6.000 Personen (vgl. Eicher,\nTranssexualismus, 2. Aufl., 1992, S. 9). Im Zeitraum von 1981 bis 1990 wurden in\nden alten Bundesländern insgesamt 1.047 Personen als Transsexuelle rechtlich anerkannt (vgl. Osburg/ Weitze, R&P 1993, S. 94 <97>). Dabei sind rund 20 bis 30 %\nder Transsexuellen dauerhaft in der kleinen Lösung verblieben (vgl. Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung <DGfS>, Zeitschrift für Sexualforschung <ZfS> 2001, S.\n258 <264>; siehe auch Osburg/Weitze, a.a.O., S. 94 und 102).\n\n  Ein operativer Eingriff als Voraussetzung für die Änderung der Geschlechtszugehörigkeit wird in der Fachwissenschaft zunehmend als problematisch beziehungsweise\nnicht mehr für haltbar erachtet (vgl. unter anderen DGfS, a.a.O., S. 261). Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, die sich seit mehr als 30\nJahren auf verschiedenen Ebenen schwerpunktmäßig mit der Transsexualität befasst, sind aus der weitgehend sicheren Diagnose \"Transsexualität\" nicht ohne weiteres somatische Maßnahmen sowie deren Umfang und Zeitpunkt abzuleiten. Die Indikation zu solchen Maßnahmen könne nur individuell im Rahmen einer\nVerlaufsdiagnostik gestellt werden (vgl. DGfS, a.a.O., S. 261). Die Forderung nach\neiner geschlechtsumwandelnden Operation habe in der Vergangenheit zu mehr Operationen geführt, als individuell indiziert gewesen wären (vgl. DGfS, a.a.O., S. 266).\n\n Neue Erkenntnisse konnten zudem zu der Frage der sexuellen Orientierung transsexueller Personen gewonnen werden. Die im Rahmen einer Studie aus dem Jahre\n\n\n                                         5/21\n\n2002 über \"Störungen der Geschlechtsidentität\" durchgeführten Untersuchungen von\n64 Patienten haben ergeben, dass von den 45 biologischen Männern (also Mannzu-Frau-Transsexuellen) 23 androphil veranlagt sind, das heißt sie fühlen sich sexuell zum männlichen Geschlecht hingezogen, und 22 gynäphil, was eine Orientierung zum weiblichen Geschlecht hin bedeutet (vgl. Hartmann/Becker, Störungen der\nGeschlechtsidentität, 2002, S. 116 f.). Während 19,1 % der androphilen Männer ihren Personenstand geändert hätten, hätten dies nur 10,5 % der gynäphilen Männer\ngetan (vgl. Hartmann/ Becker, a.a.O., S. 162 - Tabelle 34). Ferner stellten die Autoren - unabhängig von den eigenen Erhebungen - fest, dass mittlerweile mehr und\nmehr Personen mit Geschlechtsidentitätsstörungen unterschiedliche sexuelle Orientierungen einräumten (Hartmann/Becker, a.a.O., S. 65). Bei einer 1981 durchgeführten Nachuntersuchung operierter Mann-zu-Frau-Transsexueller habe sich herausgestellt, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Untersuchten auch postoperativ\n\"homosexuelle\", das heißt gynäphile Kontakte unterhielt (Hartmann/Becker, a.a.O.,\nS. 98, unter Hinweis auf eine Untersuchung von Kröhn et al.). Bei einer weiteren Studie aus dem Jahre 1997, die die Untersuchung von 17 Mann-zu-Frau-Transsexuellen\nzum Gegenstand gehabt habe, habe (etwa) die Hälfte androphil empfunden, zwei\nDrittel hätten sich als bisexuell beschrieben und etwa ein Fünftel habe sich sexuell\nzu Frauen hingezogen gefühlt (vgl. Hartmann/Becker, a.a.O., S. 98, unter Hinweis\nauf eine Untersuchung von Schroder und Carrol). Nach Eicher (a.a.O., S. 171) gibt\nes homosexuelle Transsexuelle \"offenbar etwa so häufig wie es unter der Normalbevölkerung Homosexuelle\" gebe. Den Ausführungen von Sigusch (ZfS 1991, S. 309\n<322>) zufolge wird bei Transsexuellen die Wahl des Sexualobjektes keineswegs\nmehr als durchgehend heterosexuell beschrieben. Intendierte Geschlechtsrolle und\nintendierte Objektwahl fielen heute in alle Richtungen, die auch sonst beobachtet würden, auseinander. Es gebe transsexuelle Frauen mit männlichem Körpergeschlecht, die sich als lesbisch verstünden, und transsexuelle Männer mit weiblichem\nKörpergeschlecht, die sich als homosexuell oder schwul bezeichneten.\n\n                                          III.\n  Der Antragsteller des Ausgangsverfahrens gehört dem männlichen Geschlecht an.            27\nSein Vorname \"Kai\" wurde durch Beschluss des Amtsgerichts Hamburg vom 9. Juli\n1997 gemäß § 1 Abs. 1 TSG in \"Karin Nicole\" geändert. Eine Geschlechtsumwandlung nach den §§ 8, 10 TSG, für die unter anderem eine entsprechende Operation erforderlich ist, ließ er nicht durchführen. Nachdem der Antragsteller am 5. April 2002\ndie Frau geheiratet hatte, zu der er - aus seiner Sicht - eine gleichgeschlechtliche Beziehung führt, vermerkte der Standesbeamte am 19. September 2002 im Geburtenbuch, dass der Antragsteller gemäß § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG nunmehr wieder den Vornamen \"Kai\" führe.\n\n Der Antragsteller beschritt hieraufhin zwei Rechtswege, um wieder in den Besitz           28\nseines ihm aberkannten weiblichen Vornamens zu gelangen. Zum einen berief er\nsich auf die Vorschriften des Transsexuellengesetzes. Der entsprechende Antrag auf\nWiederherstellung der Vornamensänderung, der Gegenstand der von dem Antrag-\n\n\n                                          6/21\n\nsteller erhobenen Verfassungsbeschwerde 1 BvR 2201/02 ist, blieb in allen Instanzen erfolglos. Zum anderen beantragte der Antragsteller, sein Geburtenbuch gemäß\n§ 47 des Personenstandsgesetzes durch einen weiteren Randvermerk zu berichtigen, der die Unwirksamkeit des Vermerks des Standesbeamten vom 19. September 2002 feststellt. Das Amtsgericht Itzehoe wies diesen Antrag mit Beschluss vom\n28. Oktober 2002 zurück. Der Antragsteller zeige durch seine Eheschließung, dass\ner eine Geschlechtsumwandlung nicht mehr anstrebe. Diese setze nach § 8 Abs. 1\nNr. 2 TSG nämlich zwingend voraus, dass eine Ehe nicht mehr bestehe. Es stehe\ndem Antragsteller offen, erneut eine Vornamensänderung im Sinne von § 1 TSG anzustreben. Den auf diesen Hinweis hin gestellten Antrag des Antragstellers auf Änderung des Vornamens wies das Amtsgericht Oldenburg mit Beschluss vom 6. Februar\n2003 mit der Begründung zurück, die vom Gesetzgeber mit der Regelung des § 7\nAbs. 1 Nr. 3 TSG gewollte Folge würde umgangen, wenn man in einem neuen Verfahren eine erneute Vornamensänderung zuließe, ohne dass sich die Verhältnisse in\nirgendeiner Weise geändert hätten.\n\n  Das Landgericht Itzehoe hat das Verfahren auf die sofortige Beschwerde des Antragstellers gegen den Beschluss des Amtsgerichts Itzehoe mit Beschluss vom 26.\nMärz 2003 ausgesetzt und dem Bundesverfassungsgericht die Frage zur Prüfung\nvorgelegt, ob § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG verfassungswidrig sei. Nach Auffassung des vorlegenden Gerichts verstößt § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG gegen Art. 1 Abs. 1 in Verbindung\nmit Art. 2 Abs. 1 GG sowie gegen Art. 3 Abs. 1 und Art. 6 Abs. 1 GG. Zudem sei es\nzweifelhaft, ob die Vorschrift mit Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG vereinbar sei.\n\n  Die Vornamensänderung sei eine der Geschlechtsumwandlung gleichgestellte                30\nMöglichkeit, nicht dagegen in jedem Fall ein bloßes Durchgangsstadium. Zudem seien beachtliche Motive dafür denkbar, dass ein Transsexueller vor einer Operation zurückschrecke. Das Bundesverfassungsgericht habe klargestellt, auch die Vorwirkung\ndurch den Namen unterfalle der Intimsphäre nach Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit\nArt. 1 Abs. 1 GG. In der zwangsweisen Namensänderung sei ein nicht gerechtfertigter Eingriff zu sehen. Die Vornamensänderung erfolge auf der Basis einer Vermutung, die im Falle des § 7 Abs. 1 TSG erschüttert sein solle. Bei Transsexuellen träten\njedoch sämtliche sexuellen Ausrichtungen auf, so dass die Eheschließung die Aussagekraft zweier Sachverständigengutachten nicht zu entkräften vermöge. Auch der -\nvom Gesetzgeber in seiner Begründung nicht genannte - Schutz von Ehe und Familie\nrechtfertige einen solchen Eingriff nicht. Außerdem erreiche § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG ohnehin nicht den Zweck, den Eindruck einer homosexuellen Ehe zu verhindern, da gemäß § 1 TSG bei bereits bestehenden Ehen Vornamensänderungen möglich seien.\nEs stelle für den Transsexuellen eine besondere Belastung dar, einen dem eigenen\nSelbstverständnis widersprechenden Vornamen führen zu müssen. Die zur Prüfung\nvorgelegte Norm stehe zudem im Widerspruch zur Eheschließungsfreiheit des Art. 6\nAbs. 1 GG und verstoße gegen den allgemeinen Gleichheitssatz. § 7 Abs. 1 Nr. 3\nTSG diskriminiere heiratswillige Transsexuelle gegenüber denjenigen, die ledig bleiben wollen.\n\n\n\n                                          7/21\n\n                                          IV.\n Zu dem Vorlageverfahren haben das Bundesministerium des Innern namens der                31\nBundesregierung, der Deutsche Familiengerichtstag, die Deutsche Gesellschaft für\nSexualforschung, der Lesben- und Schwulenverband, die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche, die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität sowie der sonntags.club Stellung genommen.\n\n 1. Das Bundesministerium des Innern vertritt die Auffassung, § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG        32\nsei mit dem Grundgesetz vereinbar. Der Eingriff in das allgemeine Persönlichkeitsrecht des Betroffenen sei gerechtfertigt. Entgegen der Auffassung des Landgerichts\ngelte nicht die Unantastbarkeitsklausel des Art. 1 Abs. 1 GG. Mit der Vorwirkung des\n§ 1 TSG, die das Bundesverfassungsgericht dem grundrechtlichen Schutz der Intimsphäre nach Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG unterstelle, sei in erster\nLinie das Rollenverständnis einer Person entsprechend dem empfundenen Geschlecht gemeint. Der Entscheidung könne nicht entnommen werden, dass der\nSchutz des neuen Namens einer transsexuellen Person gleichsam uneingeschränkt\ngelte.\n\n Auch sei die Regelung nicht unverhältnismäßig. Mit der Möglichkeit der Vornamensänderung habe der Gesetzgeber zwei tragende Grundsätze des deutschen Namensrechts zugunsten einer erleichterten Lebensführung für transsexuelle Personen zurückgestellt, indem er zum einen die Erkennbarkeit der Geschlechtszugehörigkeit auf\nGrund des Vornamens und zum anderen die Namenskontinuität in diesen besonderen Fällen aufgegeben habe. Es erscheine logisch, dass eine ehemals dem männlichen Geschlecht angehörende Person, die auf Grund der bei ihr bestehenden transsexuellen Ausprägung einen weiblichen Vornamen angenommen habe, durch die\nEheschließung mit einer Frau dokumentiere, dass sie sich nunmehr wieder dem\nmännlichen Geschlecht zugehörig fühle. Eine andere Beurteilung führte dazu, dass\ndie Rechtsordnung in diesem Fall eine - im Hinblick auf das empfundene Geschlecht - homosexuelle Ehe zuließe.\n\n  § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG verletze den Betroffenen auch nicht in seiner Eheschließungsfreiheit gemäß Art. 6 Abs. 1 GG. Die Regelung sei weder ein Ehehindernis noch\nschränke sie die Eheschließungsfreiheit des Betroffenen ein. Schließlich verstoße die\nRegelung auch nicht gegen den allgemeinen Gleichheitssatz des Art. 3 Abs. 1 GG.\nDer in § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG geregelte Fall sei mit der Situation eines ledigen Transsexuellen nicht zu vergleichen. Der Umstand, dass ein bereits verheirateter Transsexueller unter Aufrechterhaltung der Ehe eine Vornamensänderung durchsetzen könne,\nstelle ebenfalls keine verfassungsrechtlich unzulässige Ungleichbehandlung desjenigen Transsexuellen dar, der sich erst nach Änderung seines Vornamens zur Eingehung der Ehe entschließe und dadurch wieder seinen Vornamen verliere. Einmal gehe es um die Eingehung, das andere Mal um den Schutz der bestehenden Ehe.\n\n  2. Der Deutsche Familiengerichtstag hält die zur Prüfung gestellte Norm ebenfalls       35\nfür verfassungsgemäß. Entgegen der Auffassung des Landgerichts könne der Trans-\n\n\n                                          8/21\n\nsexuelle durch eigene Handlung und durch dem gleichzustellendes konkludentes\nHandeln auf den \"Schutz des weiblichen Vornamens\" wirksam verzichten. Die gesetzliche Unterscheidung zwischen Transsexuellen, die sich (nur) für die kleine Lösung entschieden, und denjenigen, die die große Lösung wählten, sei nicht verfassungswidrig.\n\n Der Transsexuelle habe auch dann kein \"Menschenrecht\", wie ein operierter Transsexueller behandelt zu werden, wenn er - aus welchen Gründen auch immer - eine\nOperation ablehne. Wollte man dem nicht operierten Transsexuellen die Möglichkeit\ngeben, einen anderen Menschen unter Beibehaltung seines Vornamens zu heiraten,\nkäme man auf diesem Wege zur Ermöglichung einer gleichgeschlechtlichen Ehe, die\ndas Grundgesetz gerade nicht vorsehe. Zwar sei es wohl richtig, dass auch bei\nTranssexuellen das gesamte Spektrum sexueller Orientierung vorkomme. Das bedeute aber nicht, dass der Gesetzgeber - im Lichte des Art. 6 GG - allen Orientierungen in vollem Umfang folgen müsse. Die Lösung des Gesetzgebers, dass ein bereits\nvorher verheirateter Transsexueller den Status des \"Verheiratet-Seins\" mit der kleinen Lösung nicht verliere, erkläre sich aus dem Schutz der Ehe und der Kinder, aber\nauch daraus, dass sich erst im Laufe des Lebens das Gefühl der Zugehörigkeit zum\nanderen Geschlecht ergeben könne. Auch wenn es Fälle gebe, in denen dem Transsexuellen die große Lösung aus verständlichen Gründen nicht zumutbar sei, müsse\ndies hingenommen werden, weil das Gesetz nicht ohne typisierende Regelung auskomme. Die Verfassung gebiete aus Gleichbehandlungsgründen nicht, dem subjektiven Zugehörigkeitsempfinden gegenüber den vorhandenen objektiven physischen\nAttributen Vorrang einzuräumen; denn die Sachverhalte seien nicht gleich.\n\n  3. Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung macht die zur Prüfung gestellte Norm aus sexualwissenschaftlicher Sicht keinen Sinn. Die darin enthaltene Vorstellung, dass die Eheschließung eines Transsexuellen nach erfolgter Vornamensänderung ein eindeutiges Zeichen für das Nichtmehrvorhandensein seines\ndauerhaften Zugehörigkeitsempfindens zum anderen Geschlecht sei, sei nach dem\nwissenschaftlich-klinischen Erkenntnisstand unzutreffend.\n\n  Das klinische Bild der Transsexualität habe sich seit der Verabschiedung des          38\nTranssexuellengesetzes sehr differenziert, wozu sowohl Entwicklungen in der Gesellschaft als auch Entwicklungen in der Wissenschaft beigetragen hätten. Die Tatsache, dass der Antragsteller keine geschlechtstransformierenden operativen Eingriffe\nanstrebe, begründe als solche keine Zweifel an der Diagnose Transsexualität beziehungsweise an der Konstanz seines Zugehörigkeitsempfindens zum weiblichen Geschlecht. Für einen Teil der Transsexuellen - die nicht weniger \"echt\", nicht weniger\nirreversibel transsexuell seien - stelle die Vornamensänderung nach § 1 TSG die für\nsie adäquate \"ganze\" Lösung dar, die ihren sozialen Geschlechtswechsel erleichtere.\nZu dieser Gruppe gehörten vor allem diejenigen Transsexuellen, bei denen sich im\nVerlauf des diagnostisch-therapeutischen Prozesses herausstelle, dass bei ihnen\nkeine Indikation für somatische Maßnahmen (Hormone und Operation) angezeigt sei\noder nur eine Hormonbehandlung in Betracht komme.\n\n\n                                         9/21\n\n In diesem Kontext bekräftige die Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung ihre                39\nAuffassung dazu, dass eine geschlechtsumwandelnde Operation nicht immer indiziert sei (vgl. hierzu schon die oben unter Ziffer II. dargestellte, in ZfS 2001, S. 258 ff.,\nveröffentlichte Stellungnahme der DGfS). Während die absolute Mehrheit der Frauzu-Mann-Transsexuellen sexuell auf Frauen orientiert sei, finde sich bei der sehr viel\nheterogeneren Gruppe der Mann-zu-Frau-Transsexuellen ein breites Spektrum sexueller Orientierung: auf Männer orientiert (androphil), auf Frauen orientiert (gynäphil) und/oder auf die Vorstellung von sich selbst als Frau orientiert (autogynäphil).\nDie Forschungsergebnisse ließen nicht zu, aus der sexuellen Orientierung eine Differenzierung zwischen echt-irreversibel und unecht-reversibel oder die Indikation beziehungsweise Nichtindikation zu somatischen Maßnahmen abzuleiten.\n\n  Klinisch-diagnostisch bestehe kein wesentlicher Unterschied zwischen den Mannzu-Frau-Transsexuellen, die verheiratet bleiben wollen, und solchen (ebenfalls gynäphilen) Mann-zu-Frau-Transsexuellen, die nach erfolgter Vornamensänderung heiraten wollen. Es sei deshalb nicht nachvollziehbar, warum das Transsexuellengesetz\ndie Ehe bei beiden Gruppen unterschiedlich bewerte. Das Gesetz verlange von den\nsachverständigen Gutachtern eine hohe prognostische Gewissheit in Bezug auf die\nIrreversibilität der transsexuellen Entwicklung des Antragstellers. Qualifizierte Gutachten stützten sich dabei auf die individuelle Verlaufsdiagnostik und auf den\nwissenschaftlich-klinischen Erkenntnisstand. Nach diesem Erkenntnisstand seien\nweder die sexuelle Orientierung noch der Wunsch nach Eheschließung Indikatoren,\ndie als solche Zweifel an der Irreversibilität einer transsexuellen Entwicklung begründeten.\n\n 4. Der Lesben- und Schwulenverband, dessen Stellungnahme sich die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche vollinhaltlich angeschlossen hat, hält\ndie Bestimmung des § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG für verfassungswidrig. Transsexuelle seien\nentgegen der Annahme des Gesetzgebers nicht ausnahmslos heterosexuell. Zudem\nergebe sich aus dem von dem Antragsteller zur Akte gereichten fachpsychiatrischen\nGutachten, dass er sich weiterhin dem weiblichen Geschlecht zugehörig empfinde.\n\n Dem Gesetzgeber könne es nicht entscheidend darauf angekommen sein, den Anschein einer Ehe von gleichgeschlechtlichen Personen zu vermeiden. Denn es seien\nEhen zwischen Partnern mit Vornamen des gleichen Geschlechts möglich, wenn die\nVornamensänderung nach Eheschließung beantragt werde. Im Übrigen entstünde\nein entsprechender Anschein bereits dann, wenn die Ehegatten von ihrem äußeren\nErscheinungsbild her als Personen desselben Geschlechts aufträten. Es seien auch\nkeine rationalen Gründe ersichtlich, warum der Verlust des geänderten Vornamens\ngemäß § 7 Abs. 3 TSG nur korrigiert werden könne, wenn der Transsexuelle ihn wegen der Geburt eines Kindes verloren habe. Auch könne der Betroffene einen neuen\nAntrag auf Vornamensänderung stellen.\n\n Ebenso sei Art. 6 Abs. 1 GG verletzt. Eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle mit weiblichem Vornamen könne eine andere Frau nur heiraten, wenn sie den Verlust ihres\n\n\n\n                                            10/21\n\nweiblichen Vornamens in Kauf nehme, obwohl ihr Recht, einen weiblichen Vornamen\nzu führen, durch Art. 1 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 2 Abs. 1 GG geschützt werde.\nDas sei eine Einschränkung der Eheschließungsfreiheit, für die keine vernünftigen\nGründe ersichtlich seien.\n\n  5. Nach Auffassung der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität ist \"die gesamte Konstruktion des TSG\" nicht mit den allgemeinen Menschenrechten und dem Grundgesetz vereinbar. Die zur Entscheidung anstehenden Fragen ließen deutlich werden, \"dass wir uns im gesellschaftlichen und sozialen Bereich, dem\nBereich der Justiz und der medizinischen Wissenschaft in dem Dilemma befinden,\ndass es keine gültige und mit den Menschenrechten vereinbare Definition von Geschlecht gibt\". Die ausschließliche Wahl eines geschlechtsneutralen Namens müsse\nmöglich sein. Zudem dürfe gemäß Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG auf irreversiblen chirurgischen oder medizinischen Eingriffen, die einer Geschlechtszuweisung dienten, nicht\nbestanden werden, da sie eine vorsätzliche Körperverletzung und Verstümmelung\ndarstellten.\n\n  6. Schließlich ist auch der sonntags.club der Ansicht, § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG sei verfassungswidrig. Die Namensänderung sollte eine der Personenstandsänderung\ngleichgestellte Möglichkeit sein, rechtlich anerkannt im gewünschten Geschlecht zu\nleben. In der faktischen Unmöglichkeit für den Antragsteller, eine Ehe oder Lebenspartnerschaft einzugehen, liege eine nicht gerechtfertigte Ungleichbehandlung und\nDiskriminierung. Ein chirurgischer Eingriff komme für zahlreiche Transgender (eine\nandere Bezeichnung für Transsexuelle) aus verschiedenen Gründen nicht in Frage.\nWie im vorliegenden Fall würden Transgender prinzipiell vor die Wahl gestellt, sich\nzwischen ihrer körperlichen Unversehrtheit und der Möglichkeit, eine Ehe oder Lebenspartnerschaft einzugehen, zu entscheiden. Damit übe der Staat starken Druck\nauf die Betroffenen aus, auf ihre körperliche Unversehrtheit und ihre Fortpflanzungsfähigkeit zu verzichten, was einen entscheidenden Eingriff in deren Grundrechte darstelle. Nach dem heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand, der sich mit den eigenen Erfahrungen aus der Praxis decke, fänden sich unter Transgendern alle Arten\nder sexuellen Orientierung. Transsexualität sei ausschließlich eine Frage der Geschlechtsidentität, nicht eine Frage des begehrten Sexualpartners. In vielen Fällen\nbehielten Transgender nach ihrem Coming-out im \"neuen\" Geschlecht die bisherige\nOrientierung bei, das heißt ein zuvor als Mann heterosexuell lebender Mensch bevorzuge nach wie vor Frauen, lebe als Frau also lesbisch.\n\n                                         B.\n Das Transsexuellengesetz ist mit Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG       46\nnicht vereinbar, soweit es homosexuellen Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung auf Grund des § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG eine rechtlich gesicherte Partnerschaft\nnicht ohne Verlust des geänderten Vornamens eröffnet.\n\n\n\n\n                                         11/21\n\n                                          I.\n  1. a) Art. 1 Abs. 1 GG schützt die Würde des Menschen, wie er sich in seiner Individualität selbst begreift und seiner selbst bewusst wird (vgl. BVerfGE 49, 286 <298>).\nDabei bietet Art. 2 Abs. 1 GG als Grundrecht der freien Persönlichkeitsentfaltung in\nVerbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG der engeren persönlichen Lebenssphäre Schutz, zu\nder auch der intime Sexualbereich (vgl. BVerfGE 96, 56 <61>) gehört, der die sexuelle Selbstbestimmung des Menschen und damit das Finden und Erkennen der eigenen geschlechtlichen Identität sowie der eigenen sexuellen Orientierung umfasst.\n\n In diesem Zusammenhang schützt Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG          48\nden Vornamen eines Menschen zum einen als Mittel zu seiner Identitätsfindung und\nEntwicklung der eigenen Individualität (vgl. BVerfGE 104, 373 <385>) und zum anderen als Ausdruck seiner erfahrenen oder gewonnenen geschlechtlichen Identität (vgl.\nBVerfGE 109, 256 <266>). Der Einzelne kann verlangen, dass die Rechtsordnung\nseinen Vornamen respektiert, damit dieser seine die Identität stiftende wie ausdrückende Funktion entfalten kann. Insoweit schützt das allgemeine Persönlichkeitsrecht den Namensträger vor Entzug oder erzwungener Änderung seines geführten\nVornamens (vgl. BVerfGE 109, 256 <267>).\n\n b) Allerdings ist der Schutz des Namens nicht uneingeschränkt gewährleistet. Das         49\nNamensrecht bedarf der Ausgestaltung, um der gesellschaftlichen Funktion gerecht\nzu werden, die der Name auch als Unterscheidungsmerkmal erfüllt (vgl. BVerfGE 78,\n38 <49>). Dies gilt auch für den Vornamen, dem in unserem Rechtskreis die Funktion\nzukommt, das Geschlecht des Namensträgers zum Ausdruck zu bringen. Dass die\nGeschlechtszugehörigkeit eines Menschen sich mit dem im Vornamen ausdrückenden Geschlecht deckt, entspricht dem vom allgemeinen Persönlichkeitsrecht geschützten Wunsch nach Ausdruck der eigenen Geschlechtlichkeit im Namen und\ndient der Wahrung des Kindeswohls bei der Namenswahl.\n\n  c) Die Geschlechtszugehörigkeit kann nicht allein nach den physischen Geschlechtsmerkmalen bestimmt werden. Sie hängt wesentlich auch von der psychischen Konstitution eines Menschen und seiner nachhaltig selbst empfundenen Geschlechtlichkeit ab. Dieser heute wissenschaftlich gesicherten Erkenntnis trägt § 1\nTSG Rechnung. Er eröffnet einer Person, die sich auf Grund ihrer transsexuellen\nPrägung nicht mehr dem in ihrem Geburtseintrag angegebenen, sondern dem anderen Geschlecht als zugehörig empfindet, unter im Gesetz näher bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, den Vornamen zu ändern, um damit eine Identität zwischen empfundener Geschlechtszugehörigkeit und Namen herstellen zu können. Die\nsich im so gewählten und geführten Vornamen widerspiegelnde eigene Geschlechtszuordnung gehört zum intimsten Bereich der Persönlichkeit eines Menschen, der\nprinzipiell staatlichem Zugriff entzogen ist. Deshalb darf in das Recht an dem Vornamen, der das Ergebnis der eigenen geschlechtlichen Identitätsfindung des Namensträgers ist und sie widerspiegelt, nur bei Vorliegen besonders gewichtiger öffentlicher\nBelange eingegriffen werden (vgl. BVerfGE 49, 286 <298>).\n\n\n\n                                         12/21\n\n 2. § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG greift in dieses von Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1        51\nAbs. 1 GG geschützte Recht ein, einen unter den Voraussetzungen des § 1 TSG erworbenen Vornamen zu führen, der die empfundene Geschlechtszugehörigkeit des\nNamensträgers zum Ausdruck bringt. Die Norm entzieht dem Namensträger im Falle\neiner Eheschließung den erworbenen und geführten Vornamen und erlegt ihm auf,\nwieder seinen früheren Vornamen zu führen, der im Widerspruch zur empfundenen\nGeschlechtlichkeit steht. Der Vornamensentzug beeinträchtigt den Namensträger zugleich in seinem grundrechtlich geschützten intimen Sexualbereich; denn durch den\nNamensverlust und die Pflicht, wieder den früheren Vornamen zu führen, wird offenkundig, dass die sexuelle Identität des Namensträgers im Widerspruch zu seinem, eine andere Geschlechtlichkeit ausdrückenden, von ihm zu führenden Namen steht.\n\n  Für diesen Eingriff in das Recht am geführten Namen und in die Intimsphäre kann           52\nein Einverständnis des Namensträgers nicht unterstellt werden. Zwar kommt es zum\nNamensentzug nach § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG nur, wenn der Namensträger eine Ehe\nschließt. Mit seiner Entscheidung zur Eheschließung veranlasst der Namensträger\ninsofern selbst den Verlust seines Vornamens. Aus dem Wunsch nach rechtlicher\nAbsicherung einer Partnerschaft kann jedoch nicht auf einen stillschweigenden freiwilligen Verzicht auf den bisher geführten, die eigene Identität wiedergebenden Vornamen geschlossen werden.\n\n  Das gilt insbesondere, solange dem Betroffenen, wie dem Antragsteller des Ausgangsverfahrens, zur rechtlichen Absicherung seiner Beziehung keine andere Möglichkeit als die Ehe offen steht. Der Antragsteller ist Transsexueller mit weiblich empfundenem Geschlecht, jedoch ohne entsprechende Veränderung der äußeren\nGeschlechtsmerkmale durch operative Eingriffe. Zudem ist er in seiner sexuellen Orientierung gleichgeschlechtlich ausgerichtet. Ihm ist insofern zwar mit § 1 TSG die\nMöglichkeit eingeräumt worden, seinen Vornamen dem empfundenen weiblichen\nGeschlecht anzupassen, personenstandsrechtlich wird er jedoch weiter als Mann geführt. Will er eine homosexuelle Verbindung mit einer Frau rechtlich absichern, ist ihm\ndeshalb das Eingehen einer Lebenspartnerschaft verschlossen, die nach § 1 Abs. 1\nSatz 1 des Lebenspartnerschaftsgesetzes (LPartG) einen Vertragsschluss zweier\ngleichgeschlechtlicher Personen voraussetzt. Das Gesetz stellt dabei auf das personenstandsrechtlich bestimmte Geschlecht, nicht auf die sexuelle Orientierung der\nPartner ab. Einem homosexuell orientierten Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung wie dem Antragsteller bleibt zur rechtlichen Absicherung seiner Partnerschaft daher nur die Eingehung einer Ehe als Verbindung von Mann und Frau, also\nverschiedengeschlechtlicher Partner. Das geltende Recht stellt ihn insofern vor die\nAlternative, entweder auf eine rechtliche Absicherung seiner partnerschaftlichen Verbindung zu verzichten, um sich so seine Identität im Namen zu erhalten, oder die Ehe\neinzugehen, damit jedoch auf seine geschlechtliche Identität im Namen verzichten zu\nmüssen. Entscheidet er sich für die letztgenannte Alternative, liegt darin keine freiwillige Namensaufgabe.\n\n\n\n\n                                          13/21\n\n  3. Dieser Eingriff kann nicht mit der Annahme gerechtfertigt werden, mit dem Eheschluss zeige der Transsexuelle, dass er sich wieder dem in seinem Geburtseintrag\nangegebenen Geschlecht zugehörig fühle, so dass der mit § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG bewirkte Vornamensentzug lediglich die Übereinstimmung von zurückgefundenem Geschlecht und vorherigem Namen wiederherstelle. Diese Vermutung, mit der der Gesetzgeber den Vornamensentzug begründet hat, hält den heutigen\nsexualwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr stand. Es ist inzwischen erwiesen, dass es gerade bei Mann-zu-Frau-Transsexuellen einen hohen Anteil von gynäphil Veranlagten gibt, also von Personen mit homosexueller Orientierung, und zwar\nunabhängig davon, ob sie sich geschlechtsverändernden Operationen unterzogen\nhaben (vgl. Hartmann/Becker, a.a.O., S. 98, 116 f., 161 f.). Aus der sexuellen Orientierung eines Menschen kann demnach nicht auf seine empfundene Geschlechtlichkeit geschlossen werden. Heiratet ein nicht operativ veränderter Mann-zu-Frau-Transsexueller eine Frau, lässt dies deshalb nicht den Schluss zu, dass er sich\nwieder dem seinen Geschlechtsmerkmalen entsprechenden Geschlecht zugehörig\nfühlt.\n\n Damit kann auch die gesetzgeberische Zwecksetzung, mit dem Namensentzug und             55\nder Verpflichtung zum Führen des vorherigen Vornamens wieder eine Übereinstimmung von Geschlechtszugehörigkeit und Vornamen zu erreichen, nicht mehr als gewichtiger Gemeinwohlbelang gelten, der einen Eingriff in das von Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG geschützte Recht am Vornamen rechtfertigen könnte.\n\n 4. Der Entzug des Vornamens durch § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG verfolgt das legitime Gemeinwohlziel, den Eindruck zu vermeiden, dass auch gleichgeschlechtliche Partner\neine Ehe eingehen können.\n\n  a) Zwar hat der Gesetzgeber dieses Ziel nicht ausdrücklich als Grund für diese gesetzliche Regelung angegeben. Er hat aber einerseits in § 6 Abs. 1 TSG einem\nTranssexuellen mit nach § 1 TSG geändertem Namen die Möglichkeit eröffnet, im\nFalle seiner Rückbesinnung auf sein früheres Geschlecht jederzeit auf eigenen Antrag die Namensänderung durch gerichtliche Entscheidung wieder aufheben zu lassen. Andererseits hat er bei Eheschluss mit § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG die Unwirksamkeit\nder nach § 1 TSG erfolgten Vornamensänderung kraft Gesetzes angeordnet, ohne -\nanders als im Falle der Geburt eines Kindes durch § 7 Abs. 3 TSG - dem Namensträger die Möglichkeit einzuräumen, auf Antrag doch wieder zu dem nach § 1 TSG geänderten, weiterhin seinem empfundenen Geschlecht entsprechenden Namen zu gelangen. Dies lässt darauf schließen, dass es dem Gesetzgeber beim Entzug des\nVornamens im Falle des Eheschlusses nicht vorrangig um den Schutz des Betroffenen vor einem Auseinanderfallen von geschlechtlicher Identität und Namen gegangen ist, sondern um den Schutz der Ehe vor dem Anschein, dass auch gleichgeschlechtliche Partner sie eingehen können.\n\n  Dies findet seine Bestätigung in den Gesetzesmaterialien. Im Gesetzgebungsverfahren wurden Bedenken geäußert, mit der Namensänderung im Rahmen der \"klei-\n\n\n\n                                         14/21\n\nnen Lösung\" könne das Rechtsinstitut der Ehe als zu schützende Verbindung von\nMann und Frau tangiert werden, wenn der Eindruck erweckt werde, auch gleichgeschlechtliche Personen könnten ehelich verbunden sein (vgl. BTDrucks 8/4120,\nS. 15). Diese Bedenken wurden mit dem Hinweis zurückgewiesen, der Transsexuelle\nmüsse mit der Regelung des § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG die Konsequenzen hinnehmen,\ndie auf dem Vorrang der Institution der Ehe vor den sich aus der \"kleinen Lösung\" ergebenden Rechten beruhten. Schließe er eine Ehe, werde deshalb die nach § 1 TSG\nerfolgte Vornamensänderung unwirksam (vgl. BTDrucks 8/4120, S. 14). Damit ist davon auszugehen, dass der Schutz der Ehe vor dem Anschein ihrer Öffnung auch für\ngleichgeschlechtliche Partner maßgeblicher Grund für den Vornamensentzug nach\n§ 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG gewesen ist.\n\n b) Mit der Verhinderung des falschen Anscheins, die Ehe könne auch von gleichgeschlechtlichen Partnern geschlossen werden, hat der Gesetzgeber auch ein legitimes\nAnliegen verfolgt.\n\n Bei der Ausformung der Ehe muss der Gesetzgeber die wesentlichen Strukturprinzipien beachten, die sich aus der Anknüpfung des Art. 6 Abs. 1 GG an die vorgefundene Lebensform in Verbindung mit dem Freiheitscharakter des verbürgten Grundrechts und anderen Verfassungsnormen ergeben (vgl. BVerfGE 31, 58 <69>; 105,\n313 <345>). Zum Gehalt der Ehe, wie er sich ungeachtet des gesellschaftlichen\nWandels und der damit einhergehenden Änderungen ihrer rechtlichen Gestaltung bewahrt und durch das Grundgesetz seine Prägung bekommen hat, gehört, dass sie\ndie Vereinigung eines Mannes mit einer Frau zu einer auf Dauer angelegten Lebensgemeinschaft ist, begründet auf freiem Entschluss unter Mitwirkung des Staates (vgl.\nBVerfGE 10, 59 <66>; 29, 166 <176>; 62, 323 <330>; 105, 313 <345>). Mit diesem\nsich aus Art. 6 Abs. 1 GG ergebenden Gehalt der Ehe steht in Einklang, wenn der\nGesetzgeber verhindert, dass auch gleichgeschlechtliche Partner die Ehe schließen\nkönnen, wobei er dabei bisher ganz offensichtlich von der personenstandsrechtlichen\nGeschlechtszuordnung der Partner ausgeht. Um dem Nachdruck zu verleihen und\ndie Ehe von anderen Rechtsinstituten abzugrenzen, ist es auch legitim, Regelungen\nzu treffen, mit denen der Gesetzgeber versucht, schon den Anschein zu vermeiden,\ndie Ehe stehe auch für gleichgeschlechtliche Partner offen. Diesem Anliegen dient\n§ 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG, der beim Eheschluss eines Transsexuellen mit \"kleiner Lösung\" durch den Vornamensentzug und das Wiederaufleben des früheren, dem personenstandsrechtlichen Geschlecht entsprechenden Vornamens verdeutlichen soll,\ndass auch in diesem Fall eine Ehe vorliegt, die von verschiedengeschlechtlichen Personen geschlossen wurde.\n\n 5. Die Aberkennung des Vornamens gemäß § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG ist auch geeignet          61\nund erforderlich, um den falschen Anschein zu verhindern, die Ehe stehe gleichgeschlechtlichen Personen offen. Auch wenn allein schon das äußere Erscheinungsbild\neines verheirateten Transsexuellen den Anschein erwecken kann, er führe eine\ngleichgeschlechtliche Ehe, ist der Vornamensentzug mit seiner Wirkung, die Verschiedengeschlechtlichkeit der Ehegatten mit ihren Vornamen zu verdeutlichen, dem\n\n\n                                        15/21\n\nvom Gesetzgeber angestrebten Zweck durchaus förderlich. An der Geeignetheit der\nRegelung ändert ebenfalls nichts, dass der Gesetzgeber auch einem bereits verheirateten Transsexuellen die Möglichkeit eingeräumt hat, nach § 1 TSG einen seinem\nempfundenen Geschlecht entsprechenden Vornamen zu erhalten, ohne dass dies\nKonsequenzen für seine Ehe nach sich zieht. In diesen Fällen wird zwar der vom\nGesetzgeber unerwünschte Anschein nicht vermieden. Damit entfällt jedoch nicht die\ngrundsätzliche Eignung von § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG, jedenfalls bei Eingehen der Ehe\nden Eindruck zu vermeiden, es könnten gleichgeschlechtliche Partner die Ehe miteinander schließen. Da ein milderes Mittel zum Schutz der Ehe vor dem falschen Anschein, sie stehe für gleichgeschlechtliche Partner offen, nicht ersichtlich ist, durfte\nder Gesetzgeber die Regelung auch zur Zweckerreichung für erforderlich halten.\n\n  6. Der mit § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG vorgenommene Eingriff in das von Art. 2 Abs. 1 in        62\nVerbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG geschützte Namensrecht eines Transsexuellen sowie in sein Recht auf Schutz seiner Intimsphäre ist im Zusammenwirken der Regelungen des Transsexuellengesetzes mit dem Personenstandsrecht und den eherechtlichen Regelungen sowie denen des Lebenspartnerschaftsgesetzes jedoch den\nBetroffenen nicht zumutbar. Solange das Recht einem Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung mit homosexueller Orientierung nicht die Möglichkeit eröffnet,\nohne Verlust seines Vornamens, der seiner empfundenen Geschlechtszugehörigkeit\nentspricht, eine rechtlich gesicherte Partnerschaft einzugehen, ist der durch § 7 Abs.\n1 Nr. 3 TSG bewirkte Verlust des Vornamens bei Eheschluss damit verfassungswidrig.\n\n a) Die dem Transsexuellengesetz zugrunde liegenden Annahmen über die Transsexualität haben sich inzwischen in wesentlichen Punkten als wissenschaftlich nicht\nmehr haltbar erwiesen.\n\n  Das Transsexuellengesetz ist 1980 im Anschluss an die grundlegende Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 11. Oktober 1978 (BVerfGE 49, 286) erlassen worden. In dieser hatte das Gericht festgestellt, dass Art. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG es gebietet, die Eintragung des männlichen Geschlechts\neines Transsexuellen im Geburtenbuch jedenfalls dann zu berichtigen, wenn es sich\nnach den medizinischen Erkenntnissen um einen irreversiblen Fall von Transsexualität handelt und eine geschlechtsanpassende Operation durchgeführt worden ist. Der\nGesetzgeber ist dem damals mit der Regelung der \"großen Lösung\" in den §§ 8 bis\n12 TSG nachgekommen, die einem Transsexuellen mit erfolgter Geschlechtsumwandlung unter den dort näher bestimmten Voraussetzungen nicht nur die Möglichkeit eröffnet, einen seinem empfundenen Geschlecht entsprechenden Vornamen zu\nführen, sondern auch personenstandsrechtlich als dem empfundenen Geschlecht zugehörig behandelt zu werden. Darüber hinaus hat der Gesetzgeber mit der Einführung der \"kleinen Lösung\" in den §§ 1 ff. TSG einem Transsexuellen ermöglicht, auch\nohne Geschlechtsumwandlung seinen Vornamen dem empfundenen Geschlecht anzupassen, allerdings damit keine Personenstandsänderung verbunden.\n\n\n\n                                          16/21\n\n  aa) Dabei ging er nach dem seinerzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand davon aus, dass die \"kleine Lösung\" für einen Transsexuellen nur ein Durchgangsstadium zur \"großen Lösung\" sei, in dem der Betroffene nach der Gesetzesbegründung\nmit der Vornamensänderung die Möglichkeit erhalte, schon frühzeitig in der Rolle des\nanderen Geschlechts aufzutreten (vgl. BTDrucks 8/2947, S. 12). Zugrunde lag dem\ndie damalige, auch vom Bundesverfassungsgericht zitierte Annahme, dass der\nTranssexuelle seine Geschlechtsorgane und -merkmale, die nicht zu seinem empfundenen Geschlecht passten, als Irrtum der Natur betrachte und daher mit allen Mitteln bestrebt sei, diesen Irrtum durch Geschlechtsumwandlung zu korrigieren (vgl.\nBVerfGE 49, 286 <287 f.>). Auf der Basis dieser Auffassung, der Betroffene befinde\nsich vor einer Geschlechtsumwandlung in einer noch nicht manifesten Phase seiner\nTranssexualität, beruhte auch die den § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG begründende Vermutung, dass ein Betroffener, der sich noch keiner Geschlechtsumwandlung unterzogen\nhabe, sich doch wieder dem Geschlecht zugehörig fühle, das seinen Geschlechtsmerkmalen entspreche, wenn er den Entschluss fasse zu heiraten (vgl. BTDrucks 8/\n2947, S. 14).\n\n   Diese dem Transsexuellengesetz unterlegten Annahmen über die Transsexualität         66\nhaben sich in der Zwischenzeit auf Grund neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse\nals nicht haltbar erwiesen. So erachtet es die Fachwelt auch bei einer weitgehend sicheren Diagnose \"Transsexualität\" nicht mehr als richtig, daraus stets die Indikation\nfür geschlechtsumwandelnde Maßnahmen abzuleiten. Vielmehr müsse individuell im\nRahmen einer Verlaufsdiagnostik bei jedem einzelnen Betroffen festgestellt werden,\nob eine Geschlechtsumwandlung indiziert sei. Auch zeigt der Anteil von 20 bis 30 %\nder dauerhaft Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung an der Gesamtzahl der\nanerkannten Transsexuellen (vgl. DGfS, a.a.O., S. 264), dass die Annahme, ein\nTranssexueller strebe danach, mit allen Mitteln seine Geschlechtsmerkmale zu verändern, nicht der Wirklichkeit entspricht. Die These vom Durchgangsstadium, in dem\nsich der Transsexuelle mit \"kleiner Lösung\" hin zur \"großen Lösung\" befinde, ist damit nicht mehr tragfähig. Für eine unterschiedliche personenstandsrechtliche Behandlung von Transsexuellen mit und ohne Geschlechtsumwandlung sieht die Fachliteratur deshalb keine haltbaren Gründe mehr (vgl. DGfS, a.a.O., S. 261 ff.).\n\n bb) Auch der Umstand, dass es gerade unter den Mann-zu-Frau-Transsexuellen einen signifikanten Anteil von homosexuell Veranlagten gibt, wie der heutige Forschungsstand ergibt (vgl. Hartmann/Becker, a.a.O., S. 116 f.), hat bei der Entstehung\ndes Transsexuellengesetzes noch keine Rolle gespielt. Da einschlägige sexualwissenschaftliche Erkenntnisse noch nicht vorlagen, ging auch das Bundesverfassungsgericht in der Begründung seiner Entscheidung vom 11. Oktober 1978 unter Bezugnahme auf den damaligen Stand der Wissenschaft noch davon aus, der männliche\nTranssexuelle wünsche keine homosexuellen Beziehungen, sondern suche einen\nheterosexuellen Partner (vgl. BVerfGE 49, 286 <287, 300>). Inzwischen ist nicht nur\nbekannt, dass es Homosexualität auch bei Transsexuellen gibt, sondern es ist nachgewiesen, dass es selbst bei Transsexuellen mit Geschlechtsumwandlung eine nicht\n\n\n\n                                        17/21\n\nunerhebliche Zahl von gleichgeschlechtlich Orientierten gibt. Mithin kann nicht mehr\ndavon ausgegangen werden, dass die Hinwendung eines Transsexuellen zum gleichen Geschlecht seine Transsexualität in Frage stellt.\n\n b) Die vom Gesetzgeber aus dem damaligen, inzwischen überholten wissenschaftlichen Erkenntnisstand gezogenen rechtlichen Konsequenzen hinsichtlich des Personenstandes von Transsexuellen und ihrer Möglichkeit, eine rechtlich abgesicherte\nPartnerschaft einzugehen, sind auf der Basis der gewonnenen neuen Erkenntnisse\nnicht mehr gerechtfertigt. Denn sie zwingen in ihrem Zusammenspiel einen homosexuell orientierten Transsexuellen in unzumutbarer Weise dazu, bei Eingehen einer\nrechtlich abgesicherten Partnerschaft auf einen Vornamen zu verzichten, der seine\nempfundene Geschlechtszugehörigkeit zum Ausdruck bringt.\n\n  aa) Zwar ist das Transsexuellengesetz von der vom Gesetzgeber erkannten Notwendigkeit getragen, einem Transsexuellen die Möglichkeit zu eröffnen, einen Vornamen zu führen, der mit der empfundenen Geschlechtlichkeit in Einklang steht und so\neine identitätsstiftende Wirkung für den Namensträger entfalten kann. Dabei hat der\nGesetzgeber allerdings die Vornamensänderung mit unterschiedlichen personenstandsrechtlichen Konsequenzen versehen, je nachdem, ob der Transsexuelle sich\nzuvor einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat oder nicht. Nur im erstgenannten Fall hat er der Namensänderung die auch rechtliche Anerkennung der Zugehörigkeit zum empfundenen Geschlecht folgen lassen. Damit wird ein anerkannter Transsexueller mit Geschlechtsumwandlung rechtlich als dem empfundenen Geschlecht\nzugehörig behandelt, während beim anerkannten Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung das im geänderten Vornamen zum Ausdruck kommende empfundene\nGeschlecht mit der personenstandsrechtlich zugewiesenen Geschlechtszugehörigkeit divergiert. So ist ein solcher Mann-zu-Frau-Transsexueller zwar mit seinem weiblichen Vornamen anzusprechen, wird aber personenstandsrechtlich weiter als Mann\nangesehen.\n\n  bb) Das von Art. 6 Abs. 1 GG geschützte Rechtsinstitut der Ehe ebenso wie das           70\nvom Gesetzgeber geschaffene Institut der Lebenspartnerschaft nehmen für die Begrenzung derjenigen, die sich rechtlich miteinander verbinden wollen, Bezug auf das\nGeschlecht der Partner, nicht auf deren sexuelle Orientierung. So ist die Ehe eine\nVerbindung von Mann und Frau, während nach § 1 Abs. 1 LPartG eine Lebenspartnerschaft durch Vertragsschluss zweier gleichgeschlechtlicher Personen begründet\nwird. Eine solche ausschließlich am Geschlecht ausgerichtete Unterscheidung der\nbeiden vom Gesetzgeber eröffneten Möglichkeiten für Paare, sich rechtlich zu binden, ist grundsätzlich verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden. Sie führt aber dann\nzu verfassungswidrigen Ergebnissen, wenn bei der rechtlichen Bestimmung der Geschlechtszugehörigkeit einer Person allein auf das nach ihren Geschlechtsmerkmalen bestimmte und nicht auf das von ihr empfundene, durch Gutachten bestätigte Geschlecht abgestellt wird und die Diskrepanz zwischen der personenstandsrechtlichen\nGeschlechtszugehörigkeit und dem empfundenen Geschlecht bewirkt, dass der Betroffene eine rechtsverbindliche Partnerschaft nur bei Verlust seiner Identität im Vor-\n\n\n                                         18/21\n\nnamen eingehen kann.\n\n  cc) Das Festhalten an der nach den äußeren Geschlechtsmerkmalen bestimmten              71\nGeschlechtszugehörigkeit im Personenstandsrecht einerseits und das Anknüpfen\nder Rechtsinstitute an diese rechtliche Geschlechtszuweisung andererseits haben\nzur Folge, dass ein homosexuell orientierter Mann-zu-Frau-Trans-sexueller ohne Geschlechtsumwandlung, der sich mit einer Frau verbinden möchte, keine Lebenspartnerschaft eingehen kann, weil er personenstandsrechtlich weiter als Mann geführt\nwird. Ihm bleibt für eine dauerhafte rechtliche Verbindung nur die Möglichkeit, die\nEhe einzugehen. Hierdurch setzt er jedoch den vom Gesetzgeber gerade nicht erwünschten Anschein einer gleichgeschlechtlichen Ehe und verliert zugleich, damit\nein solcher Anschein jedenfalls über die Vornamen der Eheleute nicht erweckt werden kann, gezwungenermaßen seinen Vornamen, der seine eigene geschlechtliche\nIdentität zum Ausdruck bringt. Obwohl der Betroffene sich also konform zu der ihm\nrechtlich allein eröffneten Möglichkeit einer partnerschaftlichen Bindung verhält, wird\ner dafür mit der Sanktion belegt, den ihm zuvor in einem rechtsförmigen Verfahren\nzuerkannten Vornamen, der seine empfundene geschlechtliche Identität zum Ausdruck bringt, wieder zu verlieren. Dieses rechtliche Zusammenspiel verletzt das von\nArt. 2 Abs. 1 in Verbindung mit Art. 1 Abs. 1 GG geschützte Recht des Transsexuellen auf Wahrung seiner Intimsphäre und auf Wahrung seiner eigenen, im Vornamen\nsich ausdrückenden Geschlechtsidentität.\n\n                                          II.\n  1. Dieser Verfassungsverstoß führt nicht zur Nichtigkeit einzelner Bestimmungen         72\ndes Transsexuellengesetzes. Denn dem Gesetzgeber, der dafür Sorge tragen muss,\ndass homosexuell orientierten Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung die\nMöglichkeit eröffnet wird, eine rechtsverbindliche Partnerschaft ohne Vornamensverlust einzugehen, stehen für die insoweit gebotene Neuregelung mehrere Möglichkeiten zur Verfügung. Er kann zum einen die Regelung in § 7 Abs. 1 Nr. 3 TSG ersatzlos\nstreichen. Will er dies nicht, weil er weiterhin den Anschein vermeiden will, zwei\ngleichgeschlechtliche Personen könnten eine Ehe eingehen, kann der Gesetzgeber\nentweder das Personenstandsrecht dahingehend ändern, dass auch ein nach gerichtlicher Prüfung gemäß den §§ 1 ff. TSG anerkannter Transsexueller ohne Geschlechtsumwandlung rechtlich dem von ihm empfundenen Geschlecht zugeordnet\nwird, so dass er bei gleichgeschlechtlicher Orientierung zur rechtlichen Absicherung\neiner Beziehung eine Lebenspartnerschaft eingehen kann. Oder der Gesetzgeber\nkann homosexuell orientierten Transsexuellen durch entsprechende Ergänzung des\nLebenspartnerschaftsgesetzes das Eingehen einer Lebenspartnerschaft eröffnen.\n\n\n\n\n                                         19/21\n\n  2. Solange der Gesetzgeber keine Regelung getroffen hat, die es einem homosexuell orientierten Transsexuellen ohne Geschlechtsumwandlung ermöglicht, eine rechtlich gesicherte Partnerschaft ohne Vornamensverlust einzugehen, ist § 7 Abs. 1 Nr. 3\nTSG im Wege einer Anordnung nach § 35 BVerfGG für nicht anwendbar zu erklären.\n\n                Papier                 Haas                  Hömig\n\n                                    Hohmann-Steiner                                  Hoffmann-Riem\n                                    Dennhardt\n\n                Bryde                                        Gaier\n\n\n\n\n                                        20/21\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss des Ersten Senats vom 6. Dezember 2005 -\n1 BvL 3/03\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss des Ersten Senats vom 6. Dezember 2005 - 1 BvL 3/\n                03 - Rn. (1 - 73), http://www.bverfg.de/e/ls20051206_1bvl000303.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2005:ls20051206.1bvl000303\n\n\n\n\n                                     21/21\n","source":"ce-bverfg","source_url":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2005/12/ls20051206_1bvl000303.html","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2005-12-06/1-bvl-3-03","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 1","ref_norm":"1","n":10},{"jurabk":"GG","ref":"Art 6","ref_norm":"6","n":8},{"jurabk":"GG","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":5},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 35","ref_norm":"35","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":1},{"jurabk":"LPartG","ref":"§ 1","ref_norm":"1","n":1}],"authoritative_source":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2005/12/ls20051206_1bvl000303.html","attribution":{"source":"Bundesverfassungsgericht","source_url":"https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2005/12/ls20051206_1bvl000303.html","license":"Creative Commons Zero (CC0 1.0)","license_url":"https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/","notice":"Amtliche Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. 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