{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040902.1bvr196204","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Ersten Senats","decided":"2004-09-02","aktenzeichen":"1 BvR 1962/04","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 1 BVR 1962/04 -\n\n                                 In dem Verfahren\n                                       über\n                           die Verfassungsbeschwerde\nder Frau M...\n\ngegen §§ 1 Abs. 1 und 2, 2 Abs. 1 und 2, 7 Abs. 3 Satz 1 Ziffer 3 Buchstabe b, 9,\n      60 Abs. 4 Satz 1 Ziffer 1, 65 des Zweiten Buchs Sozialgesetzbuch in der\n      Fassung des Vierten Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 24. Dezember 2003 (BGBl I S. 2954) und des Kommunalen Optionsgesetzes vom 30. Juli 2004 (BGBl I S. 2014)\n\nund    Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung\n\nhat die 3. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                  den Präsidenten Papier,\n                                  den Richter Steiner\n                                  und die Richterin Hohmann-Dennhardt\n\ngemäß § 93 b in Verbindung mit § 93 a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 2. September 2004 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\nDamit erledigt sich zugleich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.\n\n                                      Gründe:\n  Die Verfassungsbeschwerde betrifft die Datenerhebung für die ab dem Jahre 2005        1\nvorgesehenen Leistungen der Grundsicherung für Arbeit Suchende nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) vom 24. Dezember 2003 (BGBl I S. 2954) in der\nFassung des Kommunalen Optionsgesetzes vom 30. Juli 2004 (BGBl I S. 2014).\n\n                                         I.\n  1. Die Beschwerdeführerin trägt vor, sie lebe als Untermieterin auf Grund mündlich    2\ngeschlossenen Vertrages in einer Wohngemeinschaft mit einem Sozialhilfeempfänger. Eine nichteheliche Lebensgemeinschaft bestehe nicht. Gestützt auf den bereits\nin Kraft getretenen § 65 Abs. 1 SGB II forderte der Träger der Grundsicherung für Arbeit Suchende ihren Mitbewohner unter Übersendung eines mehrseitigen Antragsformulars zu zahlreichen Angaben auf.\n\n 2. Mit ihrer Verfassungsbeschwerde wendet sich die Beschwerdeführerin unmittelbar unter anderem gegen § 7 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 Buchstabe b, § 9 Abs. 1, 2 und 5,\n\n\n                                         1/4\n\n§ 60 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 und § 65 Abs. 1 SGB II. Sie trägt vor, die angegriffenen\nRegelungen stuften sie allein wegen ihrer gleichen Meldeadresse als Mitglied der\nHaushalts- bzw. Bedarfsgemeinschaft ihres hilfebedürftigen Mitbewohners ein. Deshalb verlange das Antragsformular auch persönliche Angaben über sie. Unterlasse\nihr Mitbewohner diese Angaben, erhalte er womöglich keine Leistungen. Außerdem\nsei sie selbst nach § 60 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 SGB II auskunftspflichtig. Diese Rechtslage verletze sie in ihren Rechten, vor allem in ihrem Grundrecht auf informationelle\nSelbstbestimmung.\n\n                                         II.\n Die Verfassungsbeschwerde ist nach § 93 a Abs. 2 BVerfGG nicht zur Entscheidung anzunehmen. Sie hat keine Aussicht auf Erfolg. Sie ist unzulässig. Die Beschwerdeführerin ist durch die angegriffenen Regelungen nicht beschwert (§ 90 Abs.\n1 BVerfGG).\n\n 1. Sofern ihre Angaben zutreffen, gehört sie weder zur Bedarfs- noch zur Haushaltsgemeinschaft ihres Mitbewohners. Weder dieser noch sie selbst sind daher zu Angaben über ihre persönlichen Verhältnisse verpflichtet.\n\n a) Mitglied einer Bedarfsgemeinschaft ist - unter anderem - nach § 7 Abs. 3 Nr. 3      6\nSatz 1 Nr. 3 Buchstabe b SGB II, wer mit einem erwerbsfähigen Hilfebedürftigen \"in\neheähnlicher Gemeinschaft lebt\" (vgl. auch BTDrucks 15/1516, S. 52). Dies ist allein\ndie Lebensgemeinschaft eines Mannes und einer Frau, die auf Dauer angelegt ist,\ndaneben keine weitere Lebensgemeinschaft gleicher Art zulässt und sich durch innere Bindungen auszeichnet, die ein gegenseitiges Einstehen der Partner füreinander\nbegründen, also über die Beziehungen in einer reinen Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft hinausgehen (vgl. BVerfGE 87, 234 <264>). Dass zwei Personen dieselbe Meldeadresse haben, reicht hierfür nicht aus (vgl. auch BVerwGE 98, 195\n<198 f.>).\n\n Bloße Mitglieder einer Wohngemeinschaft gehören auch nicht zu der \"Haushaltsgemeinschaft\" nach § 9 Abs. 5 SGB II, denn diese Regelung erfasst nur Verwandte\noder Verschwägerte im Sinne der §§ 1589 f. BGB (vgl. BTDrucks 15/1516, S. 53).\n\n  b) Aus diesen Gründen begründen die angegriffenen Regelungen keine Auskunftspflichten über die persönlichen Verhältnisse eines bloßen Mitbewohners. Insbesondere muss der Hilfebedürftige keine derartigen Angaben zu Mit- oder Untermietern\nmachen. Für die Zwecke der Grundsicherung für Arbeit Suchende reicht es aus,\nwenn er den von ihm getragenen Mietanteil benennt oder die Untermietzahlungen als\nEinkommen angibt. Allerdings trägt er das rechtliche Risiko, das sich ergeben kann,\nwenn entgegen seinen Angaben doch eine eheähnliche Lebensgemeinschaft vorliegt.\n\n 2. Durch die Nichtannahme der Verfassungsbeschwerde erledigt sich der Antrag           9\nauf Erlass einer einstweiligen Anordnung.\n\n\n\n                                         2/4\n\n Von einer weiteren Begründung wird nach § 93 d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                           11\n\n                                                      Hohmann-Papier               Steiner\n                                                      Dennhardt\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom\n2. September 2004 - 1 BvR 1962/04\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 2. September 2004 - 1 BvR 1962/04 - Rn. (1 - 11), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20040902_1bvr196204.html\n\nECLI           ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040902.1bvr196204\n\n\n\n\n                                     4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-09-02/1-bvr-1962-04","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"SGB 2","ref":"§ 65","ref_norm":"65","n":2},{"jurabk":"BGB","ref":"§ 1589","ref_norm":"1589","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 90","ref_norm":"90","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"SGB 2","ref":"§ 9","ref_norm":"9","n":1},{"jurabk":"SGB 2","ref":"§ 60","ref_norm":"60","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-09-02/1-bvr-1962-04","retrieved":"2026-07-10 10:53:11.578766+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2004-09-02/1-bvr-1962-04","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Ersten Senats","date":"2004-09-02","dockets":["1 BvR 1962/04"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040902.1bvr196204","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040902.1bvr196204"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 02.09.2004 – 1 BvR 1962/04","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-09-02/1-bvr-1962-04","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\nDamit erledigt sich zugleich der Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2},{"id":"SGB 2/65","law":"SGB 2","abbreviation":"SGB 2","ref":"65","label":"§ 65 SGB 2","mentions":2},{"id":"BGB/1589","law":"BGB","abbreviation":"BGB","ref":"1589","label":"§ 1589 BGB","mentions":1},{"id":"BVerfGG/90","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"90","label":"§ 90 BVerfGG","mentions":1},{"id":"BVerfGG/93d","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93d","label":"§ 93d BVerfGG","mentions":1},{"id":"SGB 2/9","law":"SGB 2","abbreviation":"SGB 2","ref":"9","label":"§ 9 SGB 2","mentions":1},{"id":"SGB 2/60","law":"SGB 2","abbreviation":"SGB 2","ref":"60","label":"§ 60 SGB 2","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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