{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040723.2bvr105604","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2004-07-23","aktenzeichen":"2 BvR 1056/04","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 1056/04 -\n\n                                In dem Verfahren\n                                      über\n                          die Verfassungsbeschwerde\ndes Herrn   D...\n\n- Bevollmächtigte: Rechtsanwälte Harald Baiker und Koll.,\n                   Cannstatter Straße 117, 70734 Fellbach -\ngegen a) den Beschluss des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom\n         27. April 2004 - A 6 S 314/04 -,\n\n      b) das Urteil des Verwaltungsgerichts Stuttgart vom 23. Januar 2004 - A 15\n         K 11963/03 -\n\nhat die 2. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                 die Richter Jentsch,\n                                 Broß\n                                 und die Richterin Lübbe-Wolff\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 23. Juli 2004 einstimmig beschlossen:\n\nDie Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.\n\n                                     Gründe:\n Die Verfassungsbeschwerde betrifft die rechtlichen Folgen einer Verzögerung beim      1\nWiderruf der Asylanerkennung.\n\n  Die Kammer nimmt die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung an, weil die       2\nAnnahmevoraussetzungen des § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht vorliegen. Der Verfassungsbeschwerde kommt keine grundsätzliche Bedeutung zu. Ihre Annahme ist auch\nnicht zur Durchsetzung von Grundrechten oder grundrechtsgleichen Rechten des\nBeschwerdeführers angezeigt; denn sie hat keine hinreichende Aussicht auf Erfolg\n(vgl. BVerfGE 90, 22 <25 f.>).\n\n  Die den angegriffenen Entscheidungen zugrundeliegende Annahme, § 73 Abs. 1           3\nSatz 1 AsylVfG sehe die Unverzüglichkeit des Widerrufs nicht im Interesse des davon\nbetroffenen Ausländers vor, sondern ausschließlich im öffentlichen Interesse an der\nalsbaldigen Beseitigung seiner Rechtsposition als anerkannter Asylberechtigter, entspricht der in der fachgerichtlichen Rechtsprechung herrschenden Auffassung\n(BVerwG, Beschluss vom 27. Juni 1997 - 9 B 280/97 -, NVwZ-RR 1997, S. 741\n<742>; OVG Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 20. Januar 2000 - 6 A 12169/99.OVG -\n, InfAuslR 2000, S. 468; OVG Nordrhein-Westfalen, Beschluss vom 13. Mai 1996 -\n\n\n                                         1/3\n\n19 A 1770/96.A - JURIS; OVG Niedersachsen, Urteil vom 10. Januar 1997 - 1 L\n3062/96 - JURIS; OVG Rheinland-Pfalz, Beschluss vom 21. April 1997 - 11 A 10920/\n97 - JURIS; VGH Baden-Württemberg, Beschluss vom 26. März 1997, - A 14 S 2854/\n96 - AuAS 1997, S. 162; zustimmend Marx, AsylVfG, 5. Aufl. 2003, § 73, Rn. 169;\nHailbronner, Ausländerrecht, Stand August 2002, § 73 AsylVfG, Rn. 21; a.A. VG\nFrankfurt InfAuslR 2000, S. 469 <472>; VG Stuttgart, InfAuslR 2003, S. 261 <263>).\nSie ist nach den geltenden Maßstäben für die verfassungsgerichtliche Kontrolle fachgerichtlicher Entscheidungen (vgl. BVerfGE 18, 85 <93>; stRspr) nicht zu beanstanden.\n\n  Die angegriffene Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofs verletzt den Beschwerdeführer auch nicht dadurch in seinem Grundrecht aus Art. 2 Abs. 1 GG, dass\nsie angesichts der festgestellten Schutzrichtung des § 73 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG eine\nVerletzung seiner Rechte durch den nicht unverzüglich erfolgten Widerruf verneint\nhat. Dabei kommt es auf die von der Verfassungsbeschwerde aufgeworfene Frage,\ninwieweit belastende Entscheidungen, die eine Norm des geltenden Rechts verletzen, unter Berufung auf Art. 2 Abs. 1 GG unabhängig von der Schutzrichtung der verletzten Norm abgewehrt werden können, nicht an. Der Verwaltungsgerichtshof misst\nder Schutzrichtung des § 73 Abs. 1 Satz 1 AsylVfG ersichtlich die Bedeutung zu,\ndass das Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge bereits objektivrechtlich nicht gegen diese Bestimmung verstößt, wenn es die darin bezeichnete Statusentscheidung in Fällen, in denen ein Widerruf nicht unverzüglich erfolgte, später\nnoch widerruft. Diese Auslegung ist nicht willkürlich und auch sonst verfassungsrechtlich ebensowenig zu beanstanden wie das zugrundeliegende Verständnis von\nSinn und Zweck des Unverzüglichkeitsgebots. Zielt die Verpflichtung zu unverzüglichem Widerruf allein auf die alsbaldige Beseitigung der Statusentscheidung, so\nspricht von Verfassungs wegen nichts dagegen, sie für den Fall eingetretener Verzögerung nicht als Verbot der Nachholung zu verstehen. Bei verzögertem Widerruf liegt\nnach diesem Verständnis ein Rechtsverstoß nur darin, dass die Statusentscheidung\nnicht bereits früher widerrufen wurde, nicht aber darin, dass sie jetzt noch widerrufen\nwird. Die Frage, ob eine unter Verstoß gegen einfaches Recht ergangene Widerrufsentscheidung den Betroffenen unabhängig vom Schutzzweck der verletzten Norm in\nseinem Grundrecht aus Art. 2 Abs. 1 GG verletzt, stellt sich unter dieser Voraussetzung nicht.\n\n Von einer weiteren Begründung wird abgesehen (§ 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG).              5\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                                     6\n\n               Jentsch                  Broß                Lübbe-Wolff\n\n\n\n\n                                          2/3\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom\n23. Juli 2004 - 2 BvR 1056/04\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 2. Kammer des Zweiten Senats vom 23. Juli 2004 - 2 BvR 1056/04 - Rn. (1 - 6), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20040723_2bvr105604.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040723.2bvr105604\n\n\n\n\n                                      3/3\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-07-23/2-bvr-1056-04","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 2","ref_norm":"2","n":3},{"jurabk":"AsylVfG 1992","ref":"§ 73","ref_norm":"73","n":3},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-07-23/2-bvr-1056-04","retrieved":"2026-07-10 10:53:03.991636+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2004-07-23/2-bvr-1056-04","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2004-07-23","dockets":["2 BvR 1056/04"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040723.2bvr105604","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:rk20040723.2bvr105604"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 23.07.2004 – 2 BvR 1056/04","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-07-23/2-bvr-1056-04","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Die Verfassungsbeschwerde wird nicht zur Entscheidung angenommen.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"GG/2","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"2","label":"Art 2 GG","mentions":3},{"id":"AsylVfG 1992/73","law":"AsylVfG 1992","abbreviation":"AsylVfG 1992","ref":"73","label":"§ 73 AsylVfG 1992","mentions":3},{"id":"BVerfGG/93a","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93a","label":"§ 93a BVerfGG","mentions":2},{"id":"BVerfGG/93d","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"93d","label":"§ 93d BVerfGG","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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