{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:fs20040119.2bvf000198","court":"BVerfG","senate":"Zweiter Senat","decided":"2004-01-19","aktenzeichen":"2 BvF 1/98","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVF 1/98 -\n\n\n\n\n                                Im Namen des Volkes\n\n                                  In dem Verfahren\n                                        über\n                                     den Antrag\nfestzustellen, dass das \"Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts\" vom\n24. April 1998 (BGBl I Seite 730) mit Artikel 28 Absatz 2, Artikel 70 Absatz 1 und Artikel 84 Absatz 1 des Grundgesetzes unvereinbar und daher nichtig ist,\n\nAntragsteller: 1. der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg,\n                  vertreten durch die Justizbehörde,\n                  Drehbahn 36, 20354 Hamburg,\n\n                 2. die Regierung des Saarlandes,\n                    vertreten durch das Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr,\n                    Halbergstraße 50, 66121 Saarbrücken,\n\n                 3. Frau Brigitte Adler und weitere 241 Abgeordnete des Deutschen\n                    Bundestages\n\n- Bevollmächtigter: Professor Dr. Joachim Wieland,\n                    Gregor-Mendel-Straße 13, 53115 Bonn -\nhier: Dienstliche Äußerung des Richters Di Fabio vom 1. Oktober 2003 gemäß\n      § 19 Abs. 3 BVerfGG\n\nhat das Bundesverfassungsgericht - Zweiter Senat - unter Mitwirkung der Richterinnen und Richter\n                                   Vizepräsident Hassemer,\n                                   Jentsch,\n                                   Broß,\n                                   Osterloh,\n                                   Mellinghoff,\n                                   Lübbe-Wolff,\n                                   Gerhardt\n\nam 19. Januar 2004 beschlossen:\n\n\n                                           1/4\n\nDie Selbstablehnung des Richters Di Fabio wird für begründet erklärt.\n\n                                       Gründe:\n\n                                           I.\n  1. Der Antrag auf abstrakte Normenkontrolle betrifft die Frage, ob das Gesetz zur        1\nNeuregelung des Energiewirtschaftsrechts vom 24. April 1998 (BGBl I S. 730) mit\ndem Grundgesetz unvereinbar und daher nichtig ist. Das zur Prüfung gestellte Gesetz besteht aus fünf Artikeln. Artikel 1 umfasst das Gesetz über die Elektrizitäts- und\nGasversorgung (Energiewirtschaftsgesetz - EnWG); Artikel 3 enthält in Nr. 2 Änderungen des Stromeinspeisungsgesetzes vom 7. Dezember 1990 (BGBl I S. 2633),\ngeändert durch Artikel 5 des Gesetzes vom 19. Juli 1994 (BGBl I S. 1618). Die Antragsteller halten das angegriffene Gesetz für mit dem Grundgesetz unvereinbar, weil\nder Bundesrat die nach Art. 84 Abs. 1 GG erforderliche Zustimmung nicht erteilt habe; sie wenden sich im Übrigen gegen § 13 EnWG.\n\n 2. Mit Schreiben vom 1. Oktober 2003 hat sich Richter Di Fabio gemäß § 19, § 18           2\nBVerfGG für befangen erklärt. Er verweist darauf, dass er im Verfahren der Verfassungsbeschwerde 2 BvR 890/98, das sich unmittelbar gegen die Änderung des\nStromeinspeisungsgesetzes durch Art. 3 Nr. 2 § 2, § 3 und § 4 des Gesetzes zur\nNeuregelung des Energiewirtschaftsrechts vom 24. April 1998 gerichtet habe, für die\nBeschwerdeführerin als Prozessbevollmächtigter aufgetreten sei. Das Verfahren\n2 BvR 890/98 hat nicht zu einer Sachentscheidung geführt.\n\n  3. Die Antragsteller und die Äußerungsberechtigten hatten Gelegenheit zur Stellungnahme. Die Antragsteller halten die Besorgnis der Befangenheit aufgrund des\nvon Richter Di Fabio mitgeteilten Sachverhalts für gegeben. Nach Auffassung der\nBundesregierung begründen die von Richter Di Fabio mitgeteilten Umstände die Besorgnis der Befangenheit nicht; Streitgegenstand und sachlicher Gehalt der beiden\nVerfahren seien völlig verschieden.\n\n                                           II.\n 1. Richter Di Fabio ist nicht kraft Gesetzes von der Ausübung des Richteramtes ausgeschlossen.\n\n  Ein Richter des Bundesverfassungsgerichts ist von der Ausübung seines Richteramtes ausgeschlossen, wenn er in derselben Sache bereits von Amts oder Berufs\nwegen tätig gewesen ist (§ 18 Abs. 1 Nr. 2 BVerfGG). Das Tatbestandsmerkmal \"in\nderselben Sache\" ist in einem konkreten, strikt verfahrensbezogenen Sinn auszulegen; es meint das verfassungsgerichtliche Verfahren selbst sowie ein diesem unmittelbar vorangegangenes und ihm sachlich zugeordnetes Verfahren (vgl. BVerfGE 82,\n30 <35 f.> m.w.N.). Die Tätigkeit als Prozessbevollmächtigter in einem sonstigen\nVerfahren genügt hierfür auch dann nicht, wenn dessen Gegenstand mit demjenigen\ndes zur Entscheidung anstehenden Verfahrens teilweise übereinstimmt.\n\n\n\n                                           2/4\n\n 2. Die Selbstablehnung ist begründet.                                                   6\n\n  a) Bei dem Schreiben des Richters Di Fabio vom 1. Oktober 2003 handelt es sich         7\num eine Selbstablehnung im Sinne des § 19 Abs. 3 BVerfGG. Diese Regelung setzt\nnicht voraus, dass der Richter sich selbst für befangen hält. Es genügt, dass er Umstände anzeigt, die Anlass geben, eine Entscheidung über seine Befangenheit zu\ntreffen (vgl. BVerfGE 88, 1 <3>; 95, 189 <191>; 98, 134 <137>). Das Schreiben lässt\nerkennen, dass Richter Di Fabio eine Senatsentscheidung über die Besorgnis seiner\nBefangenheit für erforderlich hält. Die mitgeteilten Gründe geben hierzu auch objektiv\nAnlass.\n\n  b) Besorgnis der Befangenheit ist gegeben, wenn ein am Verfahren Beteiligter bei       8\nvernünftiger Würdigung aller Umstände Anlass hat, an der Unvoreingenommenheit\ndes Richters zu zweifeln (vgl. BVerfGE 82, 30 <38>; 98, 134 <137>; 101, 46 <51>;\n102, 122 <125>; stRspr). Die Sorge, dass der Richter die streitigen Rechtsfragen\nnicht mehr offen und unbefangen beurteilen werde, kann bestehen, wenn ein Richter\nÄußerungen zu verfassungsrechtlichen Fragen als Bevollmächtigter eines an einem\nfrüheren Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht Beteiligten abgegeben hat\nund der in dem früheren Verfahren verfolgte Rechtsstandpunkt auch im anhängigen\nVerfahren von wesentlicher Bedeutung ist (vgl. BVerfGE 95, 189 <191 f.>; 101, 46\n<51>).\n\n  c) Der Umstand, dass Richter Di Fabio im Verfahren der Verfassungsbeschwerde           9\n2 BvR 890/98 als Prozessbevollmächtigter der Beschwerdeführerin aufgetreten ist,\nist vorliegend geeignet, Zweifel an seiner Unvoreingenommenheit in dem zur Entscheidung anstehenden Normenkontrollverfahren zu begründen. Die Antragsteller\nhaben das Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts vom 24. April 1998\nmit ihrem Normenkontrollantrag insgesamt angegriffen. Der Antrag erfasst mithin\nauch den mit der Verfassungsbeschwerde 2 BvR 890/98 angegriffenen Art. 3 Nr. 2\ndes zur Prüfung gestellten Gesetzes, so dass die beiden Verfahren teilweise denselben Gegenstand betreffen. Umstände wie etwa ein erheblicher zeitlicher Abstand zur\nfrüheren Prozessvertretung oder - in sachlicher Hinsicht - eine Veränderung der\nRechtslage oder anderer Beurteilungsgrundlagen, die dessen ungeachtet die Besorgnis, dass Richter Di Fabio die im Rahmen der Normenkontrolle streitigen Rechtsfragen nicht mehr offen und unbefangen beurteilen werde, ausschlössen (vgl.\nBVerfGE 101, 46 <51 ff.>), liegen nicht vor.\n\n              Hassemer                                       Jentsch\n\n                 Broß                 Osterloh              Mellinghoff\n\n             Lübbe-Wolff                                     Gerhardt\n\n\n\n\n                                          3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss des Zweiten Senats vom 19. Januar 2004 -\n2 BvF 1/98\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss des Zweiten Senats vom 19. Januar 2004 - 2 BvF 1/\n                98 - Rn. (1 - 9), http://www.bverfg.de/e/fs20040119_2bvf000198.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2004:fs20040119.2bvf000198\n\n\n\n\n                                      4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-01-19/2-bvf-1-98","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 19","ref_norm":"19","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 84","ref_norm":"84","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 18","ref_norm":"18","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-01-19/2-bvf-1-98","retrieved":"2026-07-10 10:52:17.390674+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2004-01-19/2-bvf-1-98","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Zweiter Senat","date":"2004-01-19","dockets":["2 BvF 1/98"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:fs20040119.2bvf000198","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2004:fs20040119.2bvf000198"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 19.01.2004 – 2 BvF 1/98","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2004-01-19/2-bvf-1-98","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"1/4\n\nDie Selbstablehnung des Richters Di Fabio wird für begründet erklärt.","basis":"court_formula","source":null},"tenor_status":"held","cited_norms":[{"id":"BVerfGG/19","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"19","label":"§ 19 BVerfGG","mentions":2},{"id":"GG/84","law":"GG","abbreviation":"GG","ref":"84","label":"Art 84 GG","mentions":2},{"id":"BVerfGG/18","law":"BVerfGG","abbreviation":"BVerfGG","ref":"18","label":"§ 18 BVerfGG","mentions":1}],"cited_norms_basis":"extracted_from_text","normenkette":null,"proceeding":{"entries":[],"has_records":false,"note":"No Verfahrensgang record names this decision. 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