{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2003:rk20030611.1bvr157302","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Ersten Senats","decided":"2003-06-11","aktenzeichen":"1 BvR 1573/02","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 1 BVR 1573/02 -\n\n\n\n\n                              Im Namen des Volkes\n\n                                In dem Verfahren\n                                      über\n                          die Verfassungsbeschwerde\nder Frau P...\n\n- Bevollmächtigte: Rechtsanwältinnen Elke Nill und Koll.,\n                   Blumenstraße 29, 69115 Heidelberg -\ngegen a) den Beschluss des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom\n         12. Juli 2002 - 7 S 269/02 -,\n\n       b) das Urteil des Verwaltungsgerichts Karlsruhe vom 12. Dezember 2001 -\n          10 K 2957/00 -\n\nhat die 3. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                 den Präsidenten Papier,\n                                 den Richter Steiner\n                                 und die Richterin Hohmann-Dennhardt\n\ngemäß § 93 b in Verbindung mit § 93 a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 11. Juni 2003 einstimmig beschlossen:\n\nDas Urteil des Verwaltungsgerichts Karlsruhe vom 12. Dezember 2001 - 10 K 2957/\n00 - verletzt die Beschwerdeführerin in ihrem Grundrecht aus Artikel 6 Absatz 2 des\nGrundgesetzes.\nEs wird aufgehoben.\nDie Sache wird an das Verwaltungsgericht Karlsruhe zurückverwiesen.\nDer Beschluss des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom 12. Juli 2002\n- 7 S 269/02 - wird damit gegenstandslos.\nDas Land Baden-Württemberg hat der Beschwerdeführerin die im\nVerfassungsbeschwerde-Verfahren entstandenen notwendigen Auslagen zu erstatten.\n\n\n\n\n                                         1/4\n\n                                     Gründe:\n\n                                         I.\n Die 1960 geborene Beschwerdeführerin wendet sich mit ihrer Verfassungsbeschwerde gegen die Versagung von Leistungen nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) für ein Medizinstudium. Die Versagung wurde damit begründet,\ndie Beschwerdeführerin habe ohne einen wichtigen Grund im Sinn von § 7 Abs. 3\nSatz 1 Nr. 1 BAföG eine voran gegangene Umschulung zur Arbeitserzieherin 1989\nabgebrochen. Die Beschwerdeführerin sieht sich in ihren Grundrechten aus Art. 6\nund Art. 3 Abs. 1 GG verletzt. Sie habe wegen der Unterhaltsverpflichtung gegenüber ihren 1981 und 1983 geborenen Kindern das zum Abschluss der Umschulung\nnotwendige Anerkennungspraktikum nicht absolvieren können. Sozialhilfe habe sie\nnicht in Anspruch nehmen wollen.\n\n                                         II.\n 1. Die Kammer nimmt die Verfassungsbeschwerde zur Entscheidung an, weil dies          2\nzur Durchsetzung von Grundrechten der Beschwerdeführerin angezeigt ist (§ 93 a\nAbs. 2 Buchstabe b BVerfGG). Die Voraussetzungen für eine stattgebende Kammerentscheidung nach § 93 c BVerfGG sind gegeben. Die maßgeblichen verfassungsrechtlichen Fragen hat das Bundesverfassungsgericht bereits entschieden. In der\nRechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts sind Bedeutung und Reichweite\ndes Grundrechts nach Art. 6 Abs. 2 GG geklärt (vgl. BVerfGE 4, 52 <57>; 47, 46\n<76>; 88, 203 <260 f.>).\n\n 2. Das mit der Verfassungsbeschwerde angegriffene Urteil des Verwaltungsgerichts      3\nKarlsruhe vom 12. Dezember 2001 verletzt die Beschwerdeführerin in ihrem Grundrecht aus Art. 6 Abs. 2 GG. Die Ausführungen der 2. Kammer des Ersten Senats des\nBundesverfassungsgerichts im Beschluss vom 26. November 1999 (FamRZ 2000,\nS. 476) zur Auslegung und Anwendung von § 10 Abs. 3 Satz 2 Nr. 3 und Satz 3\nBAföG sind auch für die Frage von Bedeutung, ob ein \"wichtiger Grund\" im Sinn von\n§ 7 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 BAföG vorliegt. Auch dieser unbestimmte Gesetzesbegriff ist\nso auszulegen, dass er im Einklang mit Art. 6 Abs. 2 GG steht. Die allein erziehende\nFrau darf bei der Förderung ihrer Ausbildung nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz grundsätzlich nicht dadurch benachteiligt werden, dass sie den Unterhalt ihrer Kinder durch eigene Erwerbstätigkeit sicher stellt.\n\n  Das hat das Verwaltungsgericht nicht hinreichend berücksichtigt. Es hat der Beschwerdeführerin zum Nachteil gereichen lassen, dass sie zu Beginn ihrer Umschulung zur Arbeitserzieherin noch keine ausreichend bezahlte Praktikumstelle fest in\nAussicht hatte. Zwar bestand auch für die Beschwerdeführerin eine - im Rahmen von\n§ 7 Abs. 3 BAföG relevante - Obliegenheit zur sorgfältigen Planung ihrer Umschulung. Im Lichte des Art. 6 Abs. 2 GG hätte aber nur dann eine Verletzung dieser Obliegenheit angenommen werden dürfen, wenn für die Beschwerdeführerin von vornherein fest gestanden hätte oder zumindest mit einiger Wahrscheinlichkeit zu\n\n\n\n                                         2/4\n\nerwarten gewesen wäre, dass sie zu gegebener Zeit keinen ausreichend vergüteten\nPraktikumsplatz finden wird. Dafür gibt es jedoch keine Anhaltspunkte.\n\n 3. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass das Verwaltungsgericht bei hinreichender Berücksichtigung der sich aus Art. 6 Abs. 2 GG ergebenden Vorgaben zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre, beruht seine Entscheidung auf dem festgestellten Verfassungsverstoß.\n\n                                        III.\n  Das Urteil des Verwaltungsgerichts ist aufzuheben. Die Sache ist an das Verwaltungsgericht zurückzuverweisen (vgl. § 93 c Abs. 2 i.V.m. § 95 Abs. 2 BVerfGG). Der\nBeschluss des Verwaltungsgerichtshofs Baden-Württemberg vom 12. Juli 2002 ist\ndamit gegenstandslos.\n\n Die Entscheidung über die Auslagenerstattung beruht auf § 34 a Abs. 2 BVerfGG.       7\n\n                                                          Hohmann-Papier                Steiner\n                                                          Dennhardt\n\n\n\n\n                                         3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom\n11. Juni 2003 - 1 BvR 1573/02\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 3. Kammer des Ersten Senats vom 11. Juni 2003 - 1 BvR 1573/02 - Rn. (1 - 7), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20030611_1bvr157302.html\n\nECLI            ECLI:DE:BVerfG:2003:rk20030611.1bvr157302\n\n\n\n\n                                      4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2003-06-11/1-bvr-1573-02","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 6","ref_norm":"6","n":6},{"jurabk":"BAföG","ref":"§ 7","ref_norm":"7","n":3},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 34a","ref_norm":"34a","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93c","ref_norm":"93c","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 95","ref_norm":"95","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2003-06-11/1-bvr-1573-02","retrieved":"2026-07-10 10:51:37.904469+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2003-06-11/1-bvr-1573-02","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Ersten Senats","date":"2003-06-11","dockets":["1 BvR 1573/02"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2003:rk20030611.1bvr157302","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2003:rk20030611.1bvr157302"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 11.06.2003 – 1 BvR 1573/02","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2003-06-11/1-bvr-1573-02","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Das Urteil des Verwaltungsgerichts Karlsruhe vom 12. 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