{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2002:qk20020301.1bvq000502","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Ersten Senats","decided":"2002-03-01","aktenzeichen":"1 BvQ 5/02","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 1 BVQ 5/02 -\n\n\n\n\n                              Im Namen des Volkes\n\n                               In dem Verfahren\n                                      über\n                                  den Antrag,\n                      im Wege der einstweiligen Anordnung\nunter Aufhebung der Beschlüsse des Oberverwaltungsgerichts für das Land\nNordrhein-Westfalen vom 1. März 2002 - 5 B 388/02 - und des Verwaltungsgerichts\nMinden vom 27. Februar 2002 - 11 L 185/02 - die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs des Antragstellers gegen die Verbotsverfügung des Polizeipräsidiums\nBielefeld vom 18. Februar 2002 - VL 12.5-231-W-02/01 - wieder herzustellen,\n\nAntragsteller: Herr W...\n\nhat die 1. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch\n                                 den Vizepräsidenten Papier,\n                                 die Richterin Hohmann-Dennhardt\n                                 und den Richter Hoffmann-Riem\n\ngemäß § 32 Abs. 1 in Verbindung mit § 93 d Abs. 2 BVerfGG in der Fassung der\nBekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 1. März 2002 einstimmig beschlossen:\n\n  1. Die aufschiebende Wirkung des Widerspruchs des Antragstellers gegen die\n     Verbotsverfügung des Polizeipräsidiums Bielefeld vom 18. Februar 2002 - VL\n     12.5-231-W-02/01 - wird wieder hergestellt.\n  2. Möglichen, von der Versammlungsbehörde für erforderlich gehaltenen Auflagen, insbesondere über den zeitlichen Rahmen und die Streckenführung der\n     Versammlung, ist Folge zu leisten.\n  3. Das Land Nordrhein-Westfalen hat dem Antragsteller die notwendigen Auslagen zu erstatten.\n\n                                     Gründe:\n 1. Unter dem 11. Dezember 2001 meldete der Antragsteller beim Polizeipräsidium       1\nBielefeld für den 2. März 2002 einen Aufzug an. Dieser wurde mit der erwähnten Verbotsverfügung unter Anordnung der sofortigen Vollziehung untersagt. Das Verwal-\n\n\n\n                                        1/4\n\ntungsgericht hat den Antrag, die aufschiebende Wirkung des hiergegen eingelegten\nWiderspruchs wieder herzustellen, abgelehnt. Das Oberverwaltungsgericht hat seine\nBeschwerde zurückgewiesen.\n\n  2. Dem Antrag auf Wiederherstellung der aufschiebenden Wirkung des Widerspruchs ist stattzugeben, da offensichtlich ist, dass die von der Behörde und den Gerichten angestellte Tatsachenwürdigung unter Berücksichtigung des Schutzgehalts\nvon Art. 8 GG nicht tragfähig ist (vgl. BVerfG, 1. Kammer des Ersten Senats, NJW\n2001, S. 1411; S. 2069).\n\n Die Annahme der Behörde und der Gerichte, die öffentliche Sicherheit sei durch die       3\nVersammlung gefährdet, beruht tragend auf der Annahme, der Antragsteller sei nicht\nausreichend zuverlässig als verantwortlicher Leiter einer solchen Versammlung. Diese Einschätzung wird auf seine mangelnde Bereitschaft zur Kooperation, auf frühere\nstrafrechtliche Verurteilungen sowie sein Verhalten bei einer Demonstration in Leipzig gestützt.\n\n  Das von der Behörde angebotene Kooperationsgespräch hat nicht stattgefunden.            4\nDer Antragsteller bestand auf einer Dokumentation des Gesprächs auf Tonband. Die\nAblehnung einer Tonbandaufnahme durch die Behörde ist verfassungsrechtlich nicht\nzu beanstanden. Die Weigerung des Antragstellers, an einem Kooperationsgespräch\nohne Dokumentation teilzunehmen, durfte allerdings nicht als Beleg seiner Unzuverlässigkeit als Veranstalter genommen werden. Der im Brokdorf-Beschluss des Bundesverfassungsgerichts entwickelte Grundsatz vertrauensvoller Kooperation ist nicht\nals Rechtspflicht zur Kooperation ausgestaltet (vgl. BVerfGE 69, 315 <354 ff.>). Die\nWeigerung des Veranstalters zur Teilnahme an einem vorbereitenden Kooperationsgespräch ist für sich allein keine hinreichende Grundlage einer seine Person betreffenden belastenden rechtlichen Wertung, hier der Unzuverlässigkeit.\n\n Die früheren strafrechtlichen Verurteilungen des Antragstellers aus den 80er Jahren      5\nund dem Jahre 1994, auf die sich die Behörde und die Gerichte zur Begründung einer\nGefahr für die öffentliche Sicherheit berufen, liegen zu lange zurück, als dass sie als\nhinreichende Grundlage für die Prognose genommen werden könnten, der Antragsteller würde seinerseits Straftaten begehen oder deren Begehung dulden (vgl.\nBVerfG, 1. Kammer des Ersten Senats, Beschluss vom 12. April 2001 - 1 BvQ 20/01 -\nund Beschluss vom 8. Dezember 2001 - 1 BvQ 49/01). Nur auf das Bevorstehen derartiger Gefahren könnte ein Versammlungsverbot gestützt werden.\n\n Soweit die Behörde und die Gerichte ihre Entscheidungen auf das Verhalten des            6\nAntragstellers bei einer Demonstration in Leipzig im September 2001 stützen, bedarf\nes keiner Klärung der - streitigen - Abläufe dieser Veranstaltung. Diese Vorfälle sind\nnicht gewichtig genug, um ein Versammlungsverbot selbst dann zu rechtfertigen,\nwenn von der Tatsachenschilderung der Behörde ausgegangen wird.\n\n Auf eine Gefahr für die öffentliche Ordnung kann das Versammlungsverbot nicht gestützt werden (vgl. BVerfGE 69, 315 <353>; BVerfG, 1. Kammer des Ersten Senats,\n\n\n\n                                          2/4\n\nDVBl 2001, S. 558; S. 1134).\n\n 3. Die Entscheidung über die Erstattung der Auslagen beruht auf § 34 a Abs. 3   8\nBVerfGG.\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                            9\n\n                                   Hohmann-Papier                               Hoffmann-Riem\n                                   Dennhardt\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom\n1. März 2002 - 1 BvQ 5/02\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 1. Kammer des Ersten Senats vom 1. März 2002\n                - 1 BvQ 5/02 - Rn. (1 - 9), http://www.bverfg.de/e/\n                qk20020301_1bvq000502.html\n\nECLI           ECLI:DE:BVerfG:2002:qk20020301.1bvq000502\n\n\n\n\n                                     4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2002-03-01/1-bvq-5-02","cited_norms":[{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"GG","ref":"Art 8","ref_norm":"8","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2002-03-01/1-bvq-5-02","retrieved":"2026-07-10 10:49:35.276384+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2002-03-01/1-bvq-5-02","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Ersten Senats","date":"2002-03-01","dockets":["1 BvQ 5/02"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2002:qk20020301.1bvq000502","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2002:qk20020301.1bvq000502"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 01.03.2002 – 1 BvQ 5/02","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2002-03-01/1-bvq-5-02","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"1. 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