{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2000:rk20000514.2bvr155798","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Zweiten Senats","decided":"2000-05-14","aktenzeichen":"2 BvR 1557/98","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 2 BVR 1557/98 -\n\n\n\n\n                              Im Namen des Volkes\n\n                                In dem Verfahren\n                                      über\n                          die Verfassungsbeschwerde\nder Frau Sch. ,\n\n- Bevollmächtigter: Rechtsanwalt Wolfgang Schmatloch,\n                    Amalienstraße 31, Karlsruhe -\ngegen den Beschluss des Amtsgerichts Köln vom 4. August 1998 - 530 OWi 430/\n      98 -\n\nhat die 4. Kammer des Zweiten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch die\nRichterin\n                                 Präsidentin Limbach\n                                 und die Richter Jentsch,\n                                 Di Fabio\n\ngemäß § 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 14. Mai 2000 einstimmig beschlossen:\n\nDer Beschluss des Amtsgerichts Köln vom 4. August 1998 - 530 OWi 430/98 - verletzt Artikel 19 Absatz 4 und Artikel 103 Absatz 1 des Grundgesetzes. Er wird aufgehoben. Die Sache wird an das Amtsgericht Köln zurückverwiesen.\nDas Land Nordrhein-Westfalen hat der Beschwerdeführerin die notwendigen Auslagen zu erstatten.\n\n                                     Gründe:\n  Die Verfassungsbeschwerde richtet sich gegen eine gerichtliche Entscheidung,         1\ndurch die ein auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gerichteter Antrag auf gerichtliche Entscheidung in einer Ordnungswidrigkeitensache als unbegründet verworfen worden ist.\n\n  1. Die Verfassungsbeschwerde ist nach § 93a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG und           2\n§ 93c Abs. 1 Satz 1 BVerfGG zur Entscheidung durch die Kammer anzunehmen. Die\nfür die Beurteilung der Verfassungsbeschwerde maßgeblichen verfassungsrechtli-\n\n\n                                         1/4\n\nchen Fragen sind durch das Bundesverfassungsgericht bereits entschieden. Sie ist\ndanach offensichtlich begründet. Die angegriffenen Entscheidungen verletzen die\nBeschwerdeführerin in ihren Rechten auf effektiven Rechtsschutz und rechtliches\nGehör (Art. 19 Abs. 4 GG und Art. 103 Abs. 1 GG).\n\n a) Wird die Einspruchsfrist in einem Ordnungswidrigkeitenverfahren versäumt, so       3\nhängt die Verwirklichung der verfassungsgerichtlichen Rechtsschutzgarantien des\nArt. 19 Abs. 4 GG und des Art. 103 Abs. 1 GG davon ab, dass der Betroffenen Wiedereinsetzung in den vorigen Stand gemäß § 52 OWiG i.V.m. §§ 44 ff. StPO gewährt\nwird. Deshalb dürfen bei der Anwendung und Auslegung der für die Wiedereinsetzung maßgeblichen prozessrechtlichen Vorschriften die Anforderungen daran nicht\nüberspannt werden, was die Betroffene veranlasst haben und vorbringen muss, um\nnach einer Fristversäumung die Wiedereinsetzung zu erhalten (vgl. BVerfGE 54, 80\n<84>).\n\n Das Bundesverfassungsgericht hat wiederholt entschieden, dass im Rahmen der           4\nAnwendung der verfahrensrechtlichen Vorschriften über die Wiedereinsetzung in den\nvorigen Stand dem Bürger Verzögerungen der Briefbeförderung oder -zustellung\ndurch die Deutsche Post AG nicht als Verschulden angerechnet werden dürfen. Der\nBürger darf darauf vertrauen, dass die nach den organisatorischen und betrieblichen\nVorkehrungen der Post für den Normalfall festgelegten Postlaufzeiten eingehalten\nwerden. Versagen diese Vorkehrungen, so darf das dem Bürger, der darauf keinen\nEinfluss hat, im Rahmen der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand nicht als Verschulden zur Last gelegt werden (vgl. BVerfGE 40, 42 <45>; 53, 25 <29>; 62, 334\n<337>). In seinem Verantwortungsbereich liegt es allein, das zu befördernde Schriftstück so rechtzeitig und ordnungsgemäß zur Post zu geben, dass es nach deren organisatorischen und betrieblichen Vorkehrungen bei normalem Verlauf der Dinge\nden Empfänger fristgerecht erreichen kann (vgl. BVerfGE 62, 334 <337>). Die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand darf insbesondere nicht mit der Begründung versagt werden, der Betroffene habe \"nach Sachlage\" oder \"erfahrungsgemäß\" mit einer\nVerzögerung der Sendung rechnen müssen. Vielmehr ist bei Zweifeln eine Auskunft\nder Post darüber vorzulegen oder von Amts wegen einzuholen, wie lange die gewöhnliche Postlaufzeit nach deren organisatorischen und betrieblichen Vorkehrungen bemessen ist (vgl. BVerfGE 41, 23 <28>; 54, 80 <86>; Beschlüsse der 2. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts vom 15. Mai 1995 - 1 BvR\n2440/94 -, NJW 1995, S. 2546 f. und vom 11. November 1999 - 1 BvR 762/99 -,\nVersR 2000, S. 469 f.).\n\n  b) Bei Anwendung dieser Grundsätze ist die Verfassungsbeschwerde offensichtlich      5\nbegründet. Das Amtsgericht versagt die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand unter Hinweis darauf, dass längere Postlaufzeiten zwischen Karlsruhe und Köln \"durchaus vorkommen\" können. Nach dem Vortrag der Beschwerdeführerin wurde die Antragsschrift am 27. April 1998 so rechtzeitig abgesandt, dass sie entweder am 28.\noder am 29. April 1998 fristgerecht beim Arbeitsamt eingehen konnte. Die Absendung am 27. April 1998 ist glaubhaft gemacht und kann nicht widerlegt werden, weil\n\n\n                                         2/4\n\nder Briefumschlag der Sendung ausweislich der beigezogenen Verfahrensakte nicht\naufbewahrt wurde (vgl. BVerfGE 41, 23 <28>; Beschluss der 3. Kammer des Zweiten\nSenats des Bundesverfassungsgerichts vom 26. März 1997 - 2 BvR 842/96 -, NJW\n1997, S. 1770 <1771>). Eine Auskunft dazu, dass die Postlaufzeit zwischen Karlsruhe und Köln regelmäßig mehr als zwei Tage beträgt, hat das Amtsgericht nicht eingeholt.\n\n 2. Die Entscheidung über die notwendigen Auslagen der Beschwerdeführerin beruht auf § 34a Abs. 2 BVerfGG.\n\n Diese Entscheidung ist unanfechtbar.                                                7\n\n\n              Limbach                Jentsch              Di Fabio\n\n\n\n\n                                        3/4\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss der 4. Kammer des Zweiten Senats vom\n14. Mai 2000 - 2 BvR 1557/98\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss der 4. Kammer des Zweiten Senats vom\n                14. Mai 2000 - 2 BvR 1557/98 - Rn. (1 - 7), http://www.bverfg.de/e/\n                rk20000514_2bvr155798.html\n\nECLI             ECLI:DE:BVerfG:2000:rk20000514.2bvr155798\n\n\n\n\n                                         4/4\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2000-05-14/2-bvr-1557-98","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 103","ref_norm":"103","n":3},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"GG","ref":"Art 19","ref_norm":"19","n":2},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 34a","ref_norm":"34a","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93c","ref_norm":"93c","n":1},{"jurabk":"OWiG 1968","ref":"§ 52","ref_norm":"52","n":1},{"jurabk":"StPO","ref":"§ 44","ref_norm":"44","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2000-05-14/2-bvr-1557-98","retrieved":"2026-07-10 10:45:47.954979+00:00"},"card":{"id":"bverfg/2000-05-14/2-bvr-1557-98","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Zweiten Senats","date":"2000-05-14","dockets":["2 BvR 1557/98"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2000:rk20000514.2bvr155798","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:2000:rk20000514.2bvr155798"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 14.05.2000 – 2 BvR 1557/98","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/2000-05-14/2-bvr-1557-98","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"Der Beschluss des Amtsgerichts Köln vom 4. 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