{"status":"available","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:1999:rk19991201.1bvr201198","court":"BVerfG","senate":"Kammer des Ersten Senats","decided":"1999-12-01","aktenzeichen":"1 BvR 2011/98","doktyp":"Beschluss","leitsatz":null,"text_plain":"BUNDESVERFASSUNGSGERICHT\n- 1 BVR 2011/98 -\n\n\n\n\n                              Im Namen des Volkes\n\n                                 In dem Verfahren\n                                       über\n                           die Verfassungsbeschwerde\nder Frau Dr. K. ,\n\n- Bevollmächtigte: Rechtsanwälte Professor Dr. Klaus Heuer und Partner,\n                    Sredzkistraße 47, Berlin -\nI. unmittelbar gegen\n\na) den Beschluß des Bundessozialgerichts vom 5. Oktober 1998 - B 4 RA 93/98 B\n   -,\n\nb) das Urteil des Landessozialgerichts Berlin vom 8. April 1998 - L 6 An 18/94 -,\n\nc) das Urteil des Sozialgerichts Berlin vom 14. Oktober 1993 - S 11 An 1667/92 -,\n\nd) den Bescheid der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte vom 15. Dezember 1997 - 65 121026 K 535 -\n\ne) den Widerspruchsbescheid der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte vom\n   27. April 1992 - 121026530064 BKZ 2020 SG -\n\nII. mittelbar gegen\n§ 2 Abs. 2, § 4 Abs. 1 und 3, § 6 Abs. 1 AAÜG in Verbindung mit § 307 b Abs. 1 bis\n3 SGB VI\n\nhat die 2. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch den\n                                  Richter Kühling,\n                                  die Richterin Jaeger\n                                  und den Richter Steiner\n\ngemäß § 93 c und § 93 b in Verbindung mit § 93 a BVerfGG in der Fassung der Bekanntmachung vom 11. August 1993 (BGBl I S. 1473) am 1. Dezember 1999 einstimmig beschlossen:\n\n1. Das Urteil des Landessozialgerichts Berlin vom 8. April 1998 - L 6 An 18/94 - und\nder Bescheid der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte vom 15. Dezember\n1997 - 65 121026 K 535 - verletzen die Beschwerdeführerin in ihren Grundrechten\n\n\n                                         1/5\n\naus Artikel 14 und Artikel 3 Absatz 1 des Grundgesetzes. Das Urteil des Landessozialgerichts wird aufgehoben, soweit in dem Bescheid vom 15. Dezember 1997 die\nRente nach Maßgabe des § 307 b Absatz 1 des Sozialgesetzbuches Sechstes Buch\nberechnet und der durch den Einigungsvertrag geschützte Zahlbetrag nicht ab 1.\nJanuar 1992 an die Lohn- und Einkommensentwicklung angepaßt ist. Die Sache\nwird an das Landessozialgericht zurückverwiesen.\nDer Beschluß des Bundessozialgerichts vom 5. Oktober 1998 - B 4 RA 93/98 B - ist\ndamit gegenstandslos.\nIm übrigen wird die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen.\n2. Das Land Berlin hat der Beschwerdeführerin die Hälfte ihrer notwendigen Auslagen zu erstatten.\n\n                                     Gründe:\n  Gegenstand der Verfassungsbeschwerde ist die Überführung von Ansprüchen und        1\nAnwartschaften aus Zusatzversorgungssystemen der Deutschen Demokratischen\nRepublik in die gesetzliche Rentenversicherung des wiedervereinigten Deutschlands. Sie betrifft vor allem das im Sozialgesetzbuch Sechstes Buch (SGB VI) geregelte Verfahren für die Berechnung solcher Renten, die aus Bestandsrenten mit Zusatzversorgung der Deutschen Demokratischen Republik abgeleitet werden.\n\n                                        I.\n  In der Sache greift die Beschwerdeführerin die Höhe der Rente an, die in Abänderung früherer Bescheide auf der Grundlage von § 307 b Abs. 1 SGB VI mit Bescheid\nder Bundesversicherungsanstalt für Angestellte vom 15. Dezember 1997 festgesetzt\nworden ist; er umfaßt auch den Anspruch auf Zusatzversorgung. Daneben werden\ndie Bescheide angegriffen, die aufgrund der Übergangsbestimmungen des § 23 Abs.\n1 des Gesetzes zur Angleichung der Bestandsrenten an das Nettorentenniveau der\nBundesrepublik Deutschland und zu weiteren rentenrechtlichen Regelungen (Rentenangleichungsgesetz - RAnglG) vom 28. Juni 1990 (GBl I S. 495), des § 6 der Ersten Verordnung zur Anpassung der Renten in dem in Artikel 3 des Einigungsvertrages genannten Gebiet (1. Rentenanpassungsverordnung - 1. RAV) vom 14.\nDezember 1990 (BGBl I S. 2867), des § 8 der Zweiten Verordnung zur Anpassung\nder Renten und zu den maßgeblichen Rechengrößen in dem in Artikel 3 des Einigungsvertrages genannten Gebiet (2. Rentenanpassungsverordnung - 2. RAV) vom\n19. Juni 1991 (BGBl I S. 1300) sowie des § 307 b Abs. 5 SGB VI für die Übergangszeit ab 1. Juli 1990 bis zur Neuberechnung erlassen wurden.\n\n Die Verfassungsbeschwerde richtet sich unmittelbar gegen die hierzu ergangenen      3\nEntscheidungen der Verwaltung und der Sozialgerichtsbarkeit sowie mittelbar gegen\ndie diesen Entscheidungen zugrundeliegenden Rechtsvorschriften.\n\n\n\n\n                                        2/5\n\n                                         II.\n 1. Die Kammer nimmt die Verfassungsbeschwerde zur Entscheidung an, soweit             4\ndies zur Durchsetzung der Grundrechte der Beschwerdeführerin aus Art. 14 und Art.\n3 Abs. 1 GG angezeigt ist (§ 93 a Abs. 2 Buchstabe b BVerfGG). Die Voraussetzungen für eine stattgebende Entscheidung durch die Kammer (§ 93 c Abs. 1 Satz 1\nBVerfGG) liegen vor. Die für die Beurteilung maßgeblichen verfassungsrechtlichen\nFragen hat das Bundesverfassungsgericht bereits geklärt (Urteile vom 28. April 1999,\n1 BvL 32/95 und 1 BvR 2105/95 sowie 1 BvR 1926/96 und 1 BvR 485/97).\n\n  a) Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, die Vorschrift des Einigungsvertrages über die Zahlbetragsgarantie verstoße nicht gegen Art. 14 und Art. 3 Abs. 1\nGG, wenn sie verfassungskonform dahin ausgelegt wird, daß der hier garantierte\nZahlbetrag für Bestandsrentner ab 1. Januar 1992 an die Lohn- und Einkommensentwicklung anzupassen ist, sofern er über diesen Zeitpunkt hinaus Bedeutung erhält\n(Urteil vom 28. April 1999, 1 BvL 32/95 und 1 BvR 2105/95, Umdruck S. 59 f., 64 f.;\nUrteil vom 28. April 1999, 1 BvR 1926/96 und 1 BvR 485/97, Umdruck S. 32).\n\n  Weiter ist nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichts (Urteil vom 28. April       6\n1999, 1 BvR 1926/96 und 1 BvR 485/97, Umdruck S. 42 ff.) § 307 Abs. 1 SGB VI mit\nArt. 3 Abs. 1 GG unvereinbar, soweit danach bei der Neuberechnung von Bestandsrenten aus Zeiten der Zugehörigkeit zu einem Zusatz- oder Sonderversorgungssystem der Deutschen Demokratischen Republik für die Ermittlung der persönlichen Entgeltpunkte (Ost) die während der gesamten Versicherungszeit bezogenen\ntatsächlichen Arbeitsentgelte oder Arbeitseinkommen zugrunde gelegt werden, während für die sonstigen Bestandsrentner im Beitrittsgebiet nach § 307 a Abs. 2 Satz 1\nNr. 2 SGB VI ein 20-Jahres-Zeitraum maßgeblich ist.\n\n  b) Nach dieser Rechtsprechung verletzen das Urteil des Landessozialgerichts vom      7\n8. April 1998 und der Bescheid vom 15. Dezember 1997 die Beschwerdeführerin in\nihren Grundrechten aus Art. 14 und Art. 3 Abs. 1 GG. Aus der verfassungsrechtlich\ngebotenen Anpassung des Zahlbetrags an die Lohn- und Einkommensentwicklung\nab 1. Januar 1992 kann sich für die Beschwerdeführerin eine Erhöhung des Zahlbetrags ihrer Rente ergeben. Auch ist nicht auszuschließen, daß das Berechnungsverfahren des § 307 b Abs. 1 SGB VI für sie nachteilig ist.\n\n c) Das angegriffene Urteil des Landessozialgerichts ist aufzuheben und die Sache      8\nan dieses Gericht zurückzuverweisen (§ 95 Abs. 2 BVerfGG). Der zugleich mit der\nVerfassungsbeschwerde angegriffene Beschluß des Bundessozialgerichts ist damit\ngegenstandslos (vgl. BVerfGE 69, 233 <248>).\n\n 2. Im übrigen wird die Verfassungsbeschwerde nicht zur Entscheidung angenommen, da sie keine grundsätzliche Bedeutung hat. Mit den Urteilen vom 28. April 1999\n(1 BvL 32/95 und 1 BvR 2105/95, Umdruck S. 74 ff.; 1 BvR 1926/96 und 1 BvR 485/\n97, Umdruck S. 32 ff., 35 ff., 39 ff.) hat das Bundesverfassungsgericht entschieden,\ndaß die Übergangsvorschriften des § 23 Abs. 1 RAnglG, des § 6 1. RAV, des § 8 2.\nRAV und des § 307 b Abs. 5 SGB VI mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Weiterhin\n\n\n                                         3/5\n\nhat das Bundesverfassungsgericht festgestellt, daß die Vorschrift des § 6 Abs. 1 Satz\n1 (in Verbindung mit Anlage 3) AAÜG über die Anwendung der Beitragsbemessungsgrenze nicht zu beanstanden ist (Urteile vom 28. April 1999, 1 BvL 32/95 und 1 BvR\n2105/95, Umdruck S. 60 f.; 1 BvR 1926/96 und 1 BvR 485/97, Umdruck S. 31 f., 45).\nVon einer weiteren Begründung wird gemäß § 93 d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG abgesehen.\n\n                                         III.\n Da die Verfassungsbeschwerde nur teilweise Erfolg hat, ist es angemessen, wenn         10\nder Beschwerdeführerin die Hälfte der notwendigen Auslagen erstattet wird (§ 34 a\nAbs. 2 BVerfGG).\n\n\n               Kühling                Jaeger                 Steiner\n\n\n\n\n                                          4/5\n\nBundesverfassungsgericht, Beschluss des Ersten Senats vom 1. Dezember 1999 -\n1 BvR 2011/98\n\nZitiervorschlag BVerfG, Beschluss des Ersten Senats vom 1. Dezember 1999 -\n                1 BvR 2011/98 - Rn. (1 - 10), http://www.bverfg.de/e/\n                rk19991201_1bvr201198.html\n\nECLI           ECLI:DE:BVerfG:1999:rk19991201.1bvr201198\n\n\n\n\n                                     5/5\n","source":null,"source_url":null,"url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/1999-12-01/1-bvr-2011-98","cited_norms":[{"jurabk":"GG","ref":"Art 3","ref_norm":"3","n":5},{"jurabk":"SGB 6","ref":"§ 307b","ref_norm":"307b","n":4},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93a","ref_norm":"93a","n":2},{"jurabk":"AAÜG","ref":"§ 6","ref_norm":"6","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 34a","ref_norm":"34a","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93c","ref_norm":"93c","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 93d","ref_norm":"93d","n":1},{"jurabk":"BVerfGG","ref":"§ 95","ref_norm":"95","n":1},{"jurabk":"SGB 6","ref":"§ 307","ref_norm":"307","n":1},{"jurabk":"SGB 6","ref":"§ 307a","ref_norm":"307a","n":1}],"authoritative_source":null,"attribution":null,"source_info":{"name":"nu:legal Deutsches Recht","operator":"Nulegal GmbH","terms":"https://recht.nulegal.eu/nutzungsbedingungen","attribution":"Source: nu:legal – recht.nulegal.eu","license_url":"https://recht.nulegal.eu/license","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/1999-12-01/1-bvr-2011-98","retrieved":"2026-07-10 10:44:52.614122+00:00"},"card":{"id":"bverfg/1999-12-01/1-bvr-2011-98","court":"BVerfG","court_id":"bverfg","court_as_stated":"BVerfG","panel":"Kammer des Ersten Senats","date":"1999-12-01","dockets":["1 BvR 2011/98"],"decision_type":"Beschluss","ecli":"ECLI:DE:BVerfG:1999:rk19991201.1bvr201198","ids":{"ecli":"ECLI:DE:BVerfG:1999:rk19991201.1bvr201198"},"cite_as":"BVerfG, Beschluss vom 01.12.1999 – 1 BvR 2011/98","url":"https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/bverfg/1999-12-01/1-bvr-2011-98","headnotes":[],"leitsatz_status":"not_captured","tenor":{"text":"1. 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