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# Oberlandesgericht Köln, Beschluss vom 13.04.2023 – 2 Wx 259/22

ECLI:DE:OLGK:2023:0413.2WX259.22.00

## Tenor

Auf die Beschwerde der Beteiligten zu 2) vom 18.11.2022 wird der

Beschluss des Amtsgerichts – Nachlassgerichts – Wipperfürth vom

18.10.2022, 8 VI 113/22, abgeändert und der Antrag des Beteiligten zu

1) auf Erteilung eines Alleinerbscheins zurückgewiesen.

Eine Kostenerstattung findet nicht statt.

## Gründe

**Rn. 2**

I.

**Rn. 3**

Am 00.00.2021 ist O. E. (im Folgenden: Erblasserin) verstorben. Die Erblasserin

**Rn. 4**

war in einziger Ehe verheiratet mit dem am 00.00.1995 vorverstorbenen S. M.

**Rn. 5**

E.. Die Erblasserin und ihr Ehemann hatten keine Kinder. Der Beteiligte zu 1) ist

**Rn. 6**

der Patensohn des Ehemanns der Erblasserin. Die Beteiligte zu 2) ist die Tochter und

**Rn. 7**

Alleinerbin der am 00.00.2022 nachverstorbenen A. G., einer Freundin der

**Rn. 8**

Erblasserin.

**Rn. 9**

Die Erblasserin hat drei vom Nachlassgericht eröffnete letztwillige Verfügungen

**Rn. 10**

hinterlassen, ein gemeinsam mit ihrem vorverstorbenen Ehemann errichtetes

**Rn. 11**

handschriftliches Testament vom 05.09.1992 (Bl. 5 d. Testamentsakte 8 IV 114/22),

**Rn. 12**

ein handschriftlich von ihr verfasstes Testament vom 30.10.1999 (Bl. 41 d.

**Rn. 13**

Testamentsakte 8 IV 114/22) und ein notarielles Testament vom 17.11.1999 – UR.Nr.

**Rn. 14**

1760/1999 des Notars I. in Q. (Bl. 22 ff. d. Testamentsakte 8

**Rn. 15**

IV 114/22).

**Rn. 16**

In dem gemeinschaftlichen Testament vom 05.09.1992 haben sich die Erblasserin und

**Rn. 17**

ihr Ehemann gegenseitig zu Alleinerben eingesetzt. Weiterhin ist in dem Testament

**Rn. 18**

Folgendes geregelt:

**Rn. 19**

„Im Fall des Ablebens beider Ehegatten erben

**Rn. 20**

1. Frau H. B., geb. 00.00.1910, den Miteigentumsanteil

**Rn. 21**

1496/100.000 an dem Grundstück Flur N01, Flurstück N02, P.-straße N03 in

**Rn. 22**

N., Aufteilungsplan Nr. 14

**Rn. 23**

2. das restliche Vermögen erbt Herr U. J., geb. 00.00.1965“

**Rn. 24**

Ferner enthält das Testament einen handschriftlichen Zusatz der Frau R.

**Rn. 25**

J., wonach das Testament in ihrem Beisein errichtet worden sei. Die in dem

**Rn. 26**

Testament bedachte H. B., die Mutter der Erblasserin, ist nach

**Rn. 27**

Errichtung dieses Testaments vom 05.09.1992 vorverstorben.

**Rn. 28**

In den beiden Testamenten vom 30.10.1999 und 17.11.1999 hat die Erblasserin Frau

**Rn. 29**

A. G., die Mutter der Beteiligten zu 2), zu ihrer alleinigen Erbin eingesetzt.

**Rn. 30**

Mit anwaltlichem Schriftsatz vom 12.10.2021 hat der Beteiligte zu 1) die Anfechtung

**Rn. 31**

des notariellen Testaments vom 17.11.1999 erklärt.

**Rn. 32**

Mit notarieller Urkunde vom 22.02.2022 hat der Beteiligte zu 1) die Erteilung eines

**Rn. 33**

Alleinerbscheins beantragt (Bl. 3 ff. d.A. des AG). Er hat vorgetragen, dass er alleiniger

**Rn. 34**

Erbe der Erblasserin sei, nachdem die Mutter der Erblasserin, Frau H. B.,

**Rn. 35**

vorverstorben sei. Eine Abänderung des gemeinschaftlichen Testaments vom

**Rn. 36**

05.09.1992 durch die Erblasserin sei nach dem Tod ihres vorverstorbenen Ehemannes

**Rn. 37**

aufgrund der Bindungswirkung seiner Einsetzung als Schlusserbe nicht mehr möglich

**Rn. 38**

gewesen. Er sei als Patensohn für den Ehemann der Erblasserin wie ein eigener Sohn

**Rn. 39**

gewesen.

**Rn. 40**

Mit notarieller Urkunde vom 14.02.2022 hat auch Frau A. G., die Mutter

**Rn. 41**

der Beteiligten zu 2), die Erteilung eines Alleinerbscheins beantragt (Bl. 21 ff. d.A. des

**Rn. 42**

AG). Frau G., und nach deren Tod die Beteiligte zu 2), haben vorgetragen,

**Rn. 43**

dass die Erblasserin nach dem Tod ihres Ehemannes nicht an das gemeinschaftliche

**Rn. 44**

Testament vom 05.09.1992 gebunden gewesen sei. Es habe keine enge Bindung

**Rn. 45**

zwischen den Eheleuten E. und dem Beteiligten zu 1) bestanden. So sei der

**Rn. 46**

Beteiligte zu 1) nie bei Familienfesten anwesend gewesen. Zudem sei der Beteiligte

**Rn. 47**

zu 1) nur als Erbe für den Fall des gleichzeitigen Versterbens der Erblasserin und ihres

**Rn. 48**

Ehemannes eingesetzt worden. Hierzu sei es aber nicht gekommen.

**Rn. 49**

Durch Beschluss vom 18.10.2022, auf dessen Inhalt Bezug genommen wird (Bl. 63 ff.

**Rn. 50**

d.A. des AG), hat das Nachlassgericht die Tatsachen, die zur Begründung des Antrags

**Rn. 51**

des Beteiligten zu 1) erforderlich sind, für festgestellt erachtet. Eine Entscheidung über

**Rn. 52**

den Antrag der Mutter der Beteiligten zu 2) hat das Nachlassgericht nicht getroffen.

**Rn. 53**

Gegen diesen der Verfahrensbevollmächtigten der Beteiligten zu 2) am 19.10.2022

**Rn. 54**

zugestellten Beschluss hat die Beteiligte zu 2) mit am 18.11.2022 beim Amtsgericht

**Rn. 55**

Wipperfürth eingegangenen Schriftsatz vom 18.11.2022, auf dessen Inhalt Bezug

**Rn. 56**

genommen wird (Bl. 74 ff. d.A. des AG), Beschwerde eingelegt.

**Rn. 57**

Durch Beschluss vom 24.11.2022, auf dessen Gründe Bezug genommen wird, hat das

**Rn. 58**

Nachlassgericht der Beschwerde nicht abgeholfen und die Sache dem

**Rn. 59**

Oberlandesgericht Köln zur Entscheidung vorgelegt (Bl. 91 d.A. des AG).

**Rn. 60**

II.

**Rn. 61**

Die gem. § 58 Abs. 1 FamFG statthafte Beschwerde ist auch im Übrigen zulässig,

**Rn. 62**

insbesondere in rechter Form und Frist eingelegt worden (§§ 63 Abs. 1, Abs. 3 S. 1,

**Rn. 63**

64 Abs. 1 und 2 FamFG. Die Beschwerdeberechtigung der Beteiligten zu 2) gem. § 59

**Rn. 64**

Abs. 1 FamFG liegt vor, weil sie vorträgt, Erbin einer Erbprätendentin zu sein.

**Rn. 65**

Die Beschwerde hat auch in der Sache Erfolg.

**Rn. 66**

Der Antrag des Beteiligten zu 1) auf Erteilung eines Erbscheins ist unbegründet, weil

**Rn. 67**

er entgegen der Auffassung des Nachlassgerichts nicht Erbe der Erblasserin

**Rn. 68**

geworden ist. Die Erblasserin hat die Schlusserbeneinsetzung des Beteiligten zu 1) im

**Rn. 69**

gemeinschaftlichen Testament vom 05.09.1992 durch die späteren Testamente vom

**Rn. 70**

30.10.1999 und 17.11.1999 gem. §§ 2253, 2254, 2258 Abs. 1 BGB wirksam

**Rn. 71**

widerrufen. Die Erblasserin war an diesem Widerruf nicht gem. § 2271 Abs. 2 S. 1 BGB

**Rn. 72**

gehindert, weil die Einsetzung des Beteiligten zu 1) im Testament vom 05.09.1992

**Rn. 73**

nicht gem. § 2270 BGB wechselbezüglich erfolgt ist.

**Rn. 74**

Eine Wechselbezüglichkeit von Verfügungen in einem gemeinschaftlichen

**Rn. 75**

Testament setzt gemäß § 2270 Abs. 1 BGB voraus, dass aus dem Zusammenhang

**Rn. 76**

des Motivs heraus die Verfügung des einen Ehegatten nicht ohne die Verfügung

**Rn. 77**

des anderen getroffen worden wäre, also nach dem Willen der Eheleute die eine

**Rn. 78**

Verfügung mit der anderen stehen und fallen soll (KG, Beschluss vom 17.02.2021

**Rn. 79**

- 6 W 1071/20, ErbR 2021, 1042-1045, Rn. 6 nach juris; Grüneberg/Weidlich, BGB,

**Rn. 80**

2. Aufl. 2023, § 2270 Abs. 1 m.w.N.). Enthält das Testament - wie hier - keine

**Rn. 81**

ausdrückliche Bestimmung über die Wechselbezüglichkeit, ist diese durch

**Rn. 82**

Auslegung zu bestimmen. Dabei muss der Inhalt der Erklärungen als Ganzes

**Rn. 83**

gewürdigt werden, einschließlich der Nebenumstände, und zwar auch solcher

**Rn. 84**

außerhalb der Testamentsurkunde, soweit sie im Testament angedeutet wurden;

**Rn. 85**

auch die allgemeine Lebenserfahrung ist zu berücksichtigen. Für ein solches

**Rn. 86**

Verhältnis zwischen der Einsetzung der Erblasserin durch ihren vorverstorbenen

**Rn. 87**

Mann und der Einsetzung des Beteiligten zu 1) durch die Erblasserin oder

**Rn. 88**

zwischen den jeweiligen Einsetzungen des Beteiligten zu 1) durch die Erblasserin

**Rn. 89**

und ihren Ehemann sind keine Anhaltspunkte ersichtlich.

**Rn. 90**

Auch die Auslegungsregel des § 2270 Abs. 2 Alt. 2 BGB greift nicht ein. Ein

**Rn. 91**

Verwandtschaftsverhältnis zwischen dem vorverstorbenen Ehemann der

**Rn. 92**

Erblasserin und dem Beteiligten zu 1) bestand nicht. Auch ein „Nahestehen“ im

**Rn. 93**

Sinne des § 2270 Abs. 2 Alt. 2 BGB liegt nicht vor. An den Begriff des „Nahestehens“

**Rn. 94**

sind hohe Anforderungen zu stellen (Grüneberg/Weidlich, BGB, 82. Aufl. 2023, § 2270

**Rn. 95**

Rn. 9 m.w.N.). Nahestehende Personen in diesem Sinne sind nur solche, zu denen

**Rn. 96**

zumindest der begünstigende Ehegatte eine derart enge innere Beziehung hat,

**Rn. 97**

dass sie dem üblichen Verhältnis zu nahen Verwandten entspricht. Diesbezüglich

**Rn. 98**

sind strenge Anforderungen zu stellen, um die Auslegungsregel nicht zum

**Rn. 99**

gesetzlichen Regelfall werden zu lassen (OLG Koblenz, Beschluss vom

**Rn. 100**

13.12.2006 – 2 U 80/06, Rn. 5 nach juris; Erman/S. Kappler/T. Kappler, BGB, 16.

**Rn. 101**

Aufl. 2020, § 2270 Rn. 7). Insbesondere genügt ein freundschaftliches,

**Rn. 102**

ungetrübtes Verhältnis insoweit nicht, da ein solches zu letztwillig bedachten

**Rn. 103**

Personen regelmäßig besteht. Dies gilt auch dann, wenn das Verhältnis durch

**Rn. 104**

regelmäßige Treffen, gemeinsame Freizeitaktivitäten und die Teilnahme an

**Rn. 105**

Familienfeiern regelmäßig gepflegt wird (OLG Hamm, Beschluss vom 06.10.2014

**Rn. 106**

- 10 W 194/13, Rn. 48 nach juris). Der Umstand, dass es sich bei dem Begünstigten

**Rn. 107**

um ein „Patenkind“ handelt, genügt in der Regel ebenfalls nicht (Erman/S.

**Rn. 108**

Kappler/T. Kappler, BGB, 16. Aufl. 2020, § 2270 Rn. 7; OLG Hamm, Beschluss

**Rn. 109**

vom 10.12.2009 – 15 Wx 344/08, Rn. 33 nach juris). Hiervon ausgehend ist nicht

**Rn. 110**

von einem „Nahestehen“ des Beteiligten zu 1) zum vorverstorbenen Ehemann der

**Rn. 111**

Erblasserin auszugehen. Soweit die Zeugin J. in ihrer eidesstattlichen

**Rn. 112**

Versicherung erklärt hat, der Beteiligte zu 1) sei nicht nur Patensohn des

**Rn. 113**

vorverstorbenen Ehemanns der Erblasserin gewesen, sondern von diesem „als

**Rn. 114**

Sohn oder Kindersatz“ betrachtet worden, reicht dies zur Annahme eines

**Rn. 115**

„Nahestehens“ hier nicht aus. Denn dies sagt nichts über das tatsächliche

**Rn. 116**

Verhältnis zwischen den beiden aus. Der Beteiligte zu 1) hat offenbar nicht an

**Rn. 117**

gemeinsamen Feierlichkeiten der Erblasserin und ihres Ehemannes

**Rn. 118**

teilgenommen, insbesondere auch nicht an den Geburtstagsfeiern des

**Rn. 119**

vorverstorbenen Ehemannes der Erblasserin. Es ist nichts darüber bekannt, ob ein

**Rn. 120**

inniges Verhältnis zwischen beiden bestand, sie häufig Kontakt zueinander gehabt

**Rn. 121**

haben, es Zuwendungen oder Pflegeleistungen gegeben hat. Im Hinblick auf die

**Rn. 122**

weiteren Ausführungen in der eidesstattlichen Versicherung der Zeugin J.,

**Rn. 123**

wonach die Eheleute keine eigenen Kinder hatten und es auch sonst keine nahen

**Rn. 124**

Verwandten oder Freunde gab, spricht der Umstand, dass – letztlich - der Beteiligte

**Rn. 125**

zu 1) als Schlusserbe eingesetzt worden ist, nicht dafür, dass es den Eheleuten

**Rn. 126**

darauf angekommen wäre, den Beteiligten zu 1) bindend einzusetzen. Es ist

**Rn. 127**

vielmehr davon auszugehen, dass der Beteiligte zu 1) der einzige gewesen ist, der

**Rn. 128**

überhaupt als Schlusserbe in Betracht gekommen ist. Dies spricht indes gegen

**Rn. 129**

eine Bindungswirkung der Einsetzung. Hätten die Eheleute eine Bindungswirkung

**Rn. 130**

gewollt, hätte es vielmehr nahegelegen, dies im Testament auch anklingen zu

**Rn. 131**

lassen. Im Testament vom 05.09.1992 ist aber nicht einmal erwähnt worden, dass

**Rn. 132**

es sich bei dem Beteiligten zu 1) um das Patenkind des vorverstorbenen

**Rn. 133**

Ehemanns der Erblasserin gehandelt hat.

**Rn. 134**

III.

**Rn. 135**

Die Kostenentscheidung beruht auf § 81 Abs. 1 S. 1 FamFG.

**Rn. 136**

Die Rechtsbeschwerde ist nicht zuzulassen, weil die Voraussetzungen nicht vorliegen

**Rn. 137**

(§ 70 Abs. 2 FamFG).

**Rn. 138**

Geschäftswert des Beschwerdeverfahrens: 660.000,00 €

**Rn. 139**

Die Festsetzung des Geschäftswertes beruht auf den Angaben des Beteiligten zu 1),

**Rn. 140**

Bl. 30 d.A..

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Zitiervorschlag: Oberlandesgericht Köln, Beschluss vom 13.04.2023 – 2 Wx 259/22, ECLI:DE:OLGK:2023:0413.2WX259.22.00

Quelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

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Nicht-amtliche Fassung — maßgeblich ist die Ausfertigung des Gerichts

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