nu:legal · recht.nulegal.eu

# Landgericht Köln, Urteil vom 10.07.2024 – 2 O 201/23

ECLI:DE:LGK:2024:0710.2O201.23.00

## Tenor

Die Klage wird abgewiesen.

Die Kosten des Rechtsstreits trägt die Klägerin.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar gegen Sicherheitsleistung in Höhe von

**Rn. 1**

10% des jeweils zu vollstreckenden Betrags.

## Tatbestand

**Rn. 2**

Die Klägerin ist eine in B. ansässige Werbeagentur, deren Gesellschaftsanteile

**Rn. 3**

ursprünglich von den beiden Geschäftsführern, Herrn W. und Herrn I., zu je

**Rn. 4**

50% gehalten wurden.

**Rn. 5**

Ende 2016 wollte die Klägerin eine schon bestehende, lockere Zusammenarbeit mit

**Rn. 6**

der Werbeagentur des Herrn Z. vertiefen. Herr Z. sollte

**Rn. 7**

Gesellschaftsanteile erwerben und – zunächst – als angestellter Mitarbeiter tätig

**Rn. 8**

werden.

**Rn. 9**

Die Beklagte zu 2 war unter anderem mit der Lohnbuchhaltung der Klägerin

**Rn. 10**

mandatiert. In dieser führte sie die Geschäftsführer W. und I. als

**Rn. 11**

sozialversicherungsfrei.

**Rn. 12**

Ende 2016 trat die Klägerin an die Beklagte zu 2 in Person des Steuerberaters S.

**Rn. 13**

heran und bat um Klärung, inwieweit die Aufnahme eines weiteren Gesellschafters

**Rn. 14**

zu sozialversicherungsrechtlichen Verpflichtungen bei den Gesellschaftern W.,

**Rn. 15**

I. und Z. führen würde.

**Rn. 16**

Die Beklagte zu 2 schaltete daraufhin die Beklagte zu 1 ein. Diese prüfte die

**Rn. 17**

sozialversicherungsrechtlichen Folgen des Verkaufs und erarbeitete einen

**Rn. 18**

Lösungsvorschlag, damit die Gehaltszahlungen an die Gesellschafter und den

**Rn. 19**

Neugesellschafter auch zukünftig sozialversicherungsfrei erfolgen konnten.

**Rn. 21**

Einen unmittelbaren Kontakt zwischen der Klägerin und der Beklagten zu 1 gab es

**Rn. 22**

nicht. In einer Mail vom 19.12.2016 (K 1, Bl 16 f) schrieb Herr X., Justiziar der

**Rn. 23**

Beklagten zu 1, an Herrn S. von der Beklagten zu 2:

**Rn. 24**

„[…] wir habe die Satzung der Y. Werbeagentur GmbH vor dem Hintergrund der

**Rn. 25**

aktuellen Rechtsprechung des BSG geprüft: Danach muss einem Gesellschafter

**Rn. 26**

insbesondere auch ein Vetorecht gegen Weisungen in Bezug auf seinen Arbeitsbereich

**Rn. 27**

eingeräumt sein. Vor diesem Hintergrund raten wir, § 7 Abs. 2 der Satzung der Y.

**Rn. 28**

Werbeagentur GmbH wie folgt zu ergänzen und § 7 Abs. 6 einzufügen:

**Rn. 29**

§7 Abs. 2

**Rn. 30**

Die Gesellschafterversammlung ist beschlussfähig, wenn die Mehrheit des

**Rn. 31**

Stammkapitals vertreten ist. Alle Gesellschafterbeschlüsse werden mit der Mehrheit der

**Rn. 32**

abgegebenen Stimmen gefasst, soweit nicht das Gesetz oder dieser Vertrag zwingend

**Rn. 33**

eine größere Mehrheit vorsieht. Je Euro 50,00 eine Geschäftsanteils gewähren eine

**Rn. 34**

Stimme. Die Gesellschafter können sich in Gesellschafterversammlungen durch zur

**Rn. 35**

Berufsverschwiegenheit verpflichtete Angehörige der wirtschafts- und steuerberatenden

**Rn. 36**

Berufe vertreten lassen.

**Rn. 37**

§7 Abs. 6

**Rn. 38**

Zu Beschlüssen zur Änderung oder Weisung zu Gestaltung und Umfang bei dem

**Rn. 39**

Einsatz der eigenen Arbeitskraft der Gesellschafter ist eine Mehrheit von 100 % der

**Rn. 40**

abgegebenen Stimmen erforderlich, wobei der jeweils betroffene Gesellschafter

**Rn. 41**

stimmberechtigt ist.

**Rn. 42**

Auf diesem Wege wäre

**Rn. 43**

unmissverständlich klar gestellt, dass auch

**Rn. 44**

Minderheitsgesellschaftern die Möglichkeit gegeben ist, Weisungen und Änderungen in

**Rn. 45**

Bezug auf ihre selbständige Tätigkeit ‚abzuwehren‘ — wie von dem Bundessozialgericht

**Rn. 46**

gefordert

**Rn. 47**

–

**Rn. 48**

ein dann weiteres starkes Indiz für die Befreiung von der

**Rn. 49**

Sozialversicherungspflicht.“

**Rn. 50**

Herr S. leitete diese Mail an die Klägerin weiter.

**Rn. 51**

Die Herren W. und I. veräußerten daraufhin einen Teil ihrer

**Rn. 52**

Gesellschaftsanteile an Herrn Z., nachdem sie die Satzung wie

**Rn. 53**

vorgeschlagen geändert hatten, wobei die Änderungen den § 6 der Satzung

**Rn. 54**

betreffen, nicht den § 7. Die Änderung der Satzung und der Gesellschafterliste wurde

**Rn. 55**

am 12.1.2017 im Handelsregister eingetragen. Die Herren W. und I. hielten

**Rn. 56**

hinfort jeweils 43,75% der Anteile, Herr Z. 12,5%.

**Rn. 57**

Im Jahr 2021 kam es zu einer Prüfung der Deutschen Rentenversicherung Bund, die

**Rn. 58**

in deren Bescheid vom 17.5.2021 (Konvolut K 2, Bl 23) mündete. Darin wird

**Rn. 59**

festgestellt, dass alle drei Herren seit dem 12.1.2017 abhängig beschäftigt seien und

**Rn. 61**

für sie Versicherungspflicht in der Rentenversicherung und nach dem Recht der

**Rn. 62**

Arbeitsförderung bestehe. Eine hiergegen gerichtete Klage wies das Sozialgericht

**Rn. 63**

Köln mit Urteil vom 24.3.2023 (K 3, Bl 54) ab.

**Rn. 64**

Bereits am 9.6.2021 änderte die Klägerin ihre Satzung so, dass – nach ihrer

**Rn. 65**

Auffassung – Sozialversicherungsfreiheit erreicht wurde.

**Rn. 66**

Im Januar 2024 erfuhr die Klägerin, dass der Mitgesellschafter Z. auch

**Rn. 67**

nach der Satzungsänderung vom 9.6.2021 noch sozialversicherungspflichtig war. Sie

**Rn. 68**

bestellte ihn umgehend zum Geschäftsführer und konnte so die Sozialversicherungsfreiheit erreichen.

**Rn. 69**

Die Klägerin behauptet, bei hypothetisch ordnungsgemäßer Beratung wäre Herr

**Rn. 70**

Z. nicht als Gesellschafter aufgenommen worden. Eine Beteiligung von

**Rn. 71**

12,5% sei nicht wesentlich gewesen, sondern habe nur symbolische Bedeutung

**Rn. 72**

gehabt.

**Rn. 73**

Stattdessen hätten die beiden Werbeagenturen die geplante Zusammenarbeit über

**Rn. 74**

einen Kooperationsvertrag geregelt und umgesetzt.

**Rn. 75**

Zudem hätte sie bei ordnungsgemäßer Beratung ein Statusfeststellungsverfahren

**Rn. 76**

durchgeführt und hierdurch frühzeitig erkannt, dass sozialversicherungsrechtliche

**Rn. 77**

Probleme bestehen.

**Rn. 78**

Auf Hinweis der Kammer im Termin hat der Kläger-Vertreter erklärt, es habe sich

**Rn. 79**

zunächst um eine nur lose Kooperation gehandelt, sodass eine

**Rn. 80**

gesellschaftsrechtliche Beteiligung nicht zwingend gewesen sei.

**Rn. 81**

Mit nachgelassenem Schriftsatz vom 13.6.2024 (Bl 415 ff) trägt die Klägerin nunmehr

**Rn. 82**

vor:

**Rn. 83**

Das Z. Team (ST) und die Klägerin hätten bereits seit 2010 kooperiert. ST

**Rn. 84**

habe eigenständig Projektaufträge akquiriert und bei der Klägerin Leistungen in den

**Rn. 85**

Bereichen Konzeption, Kreation und Realisation zu Sonderkonditionen eingekauft.

**Rn. 86**

Diese Leistungen habe ST gegenüber seinen Kunden gemeinsam mit den eigenen

**Rn. 87**

Leistungen von ST abgerechnet.

**Rn. 88**

Im Jahr 2016 habe sich die Frage nach einer engeren Kooperation gestellt, da die

**Rn. 89**

Zusammenarbeit gut funktioniert habe.

**Rn. 90**

Es habe aber keinen Druck gegeben, sich in der Rechtsform der GmbH

**Rn. 91**

zusammenzuschließen. Deshalb habe man sich beraten lassen, welche Nachteile ein

**Rn. 93**

Zusammenschluss habe, insbesondere mit Blick auf die Sozialversicherung. Von der

**Rn. 94**

Beantwortung dieser Frage habe „die Entscheidung“ abgehangen.

**Rn. 95**

Wäre die Klägerin darauf hingewiesen worden, dass eine Beschäftigung des

**Rn. 96**

Gesellschafters Z. als Angestellter nicht sozialversicherungsfrei möglich

**Rn. 97**

sei, dann wäre die Kooperation unverändert fortgesetzt worden.

**Rn. 98**

Der gemeinsame Außenauftritt der drei Gesellschafter unter einem Dach sei

**Rn. 99**

sicherlich vorteilhaft gewesen. Allerdings habe dieser gemeinsame Auftritt nicht zu

**Rn. 100**

wesentlichen Umsatz- bzw. Gewinnveränderungen bei der Klägerin geführt.

**Rn. 101**

Die Klägerin beantragt,

**Rn. 102**

1. die Beklagten zu verurteilen, die Klägerin von der Forderung der Deutsche

**Rn. 103**

Rentenversicherung Bund aus dem Bescheid vom 17.5.2022,

**Rn. 104**

Betriebsnummer N01, Aktenzeichen N02-N01 in Höhe von €

**Rn. 105**

57.498,35 freizustellen;

**Rn. 107**

2. die Beklagten zu verurteilen, die Klägerin von Säumniszuschlägen und

**Rn. 108**

Mahngebühren im Zusammenhang mit der Forderung der Deutsche

**Rn. 109**

Rentenversicherung

**Rn. 110**

Betriebsnummer N01, Aktenzeichen N02-N01 in Höhe von €

**Rn. 111**

5.322 und von zukünftigen Säumniszuschlägen und Mahngebühren aus der

**Rn. 112**

Bund aus dem Bescheid vom 17.5.2022,

**Rn. 114**

Forderung des Bescheids vom 17.5.2022, Betriebsnummer N01,

**Rn. 115**

Aktenzeichen N02-N01 freizustellen;

**Rn. 116**

3. die Beklagten zu verurteilen, die Klägerin von zukünftigen Forderungen der

**Rn. 117**

Deutsche Rentenversicherung Bund für Beträge zur Sozialversicherung für die

**Rn. 118**

Gesellschafter der Y. Werbeagentur GmbH F. W., A. I. und

**Rn. 119**

F. Z. aus dem Zeitraum von 1.1.2020 bis zum 9.6.2021 in

**Rn. 120**

Höhe von € 71.471,71 freizustellen;

**Rn. 123**

6. die Beklagten als Gesamtschuldner zu verurteilen, an die Klägerin € 36.742,19

**Rn. 124**

nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem

**Rn. 126**

6.6.2023 zu zahlen;

**Rn. 127**

. die Beklagten als Gesamtschuldner zu verurteilen, an die Klägerin € 2.837,05

**Rn. 128**

nebst Zinsen in Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit dem

**Rn. 130**

6.6.2023 zu zahlen;

**Rn. 131**

. die Beklagten zu verurteilen, die Klägerin von zukünftigen Forderungen der

**Rn. 132**

VGB für die Gesellschafter F. W., A. I. und F. Z.

**Rn. 133**

aus dem Zeitraum von 1.1.2020 bis zum 9.6.2021 freizustellen;

**Rn. 135**

7. die Beklagten als Gesamtschuldner zu verurteilen, an die Klägerin

**Rn. 136**

vorgerichtliche Rechtsanwaltskosten in Höhe von € 3.084,90 nebst Zinsen in

**Rn. 137**

Höhe von 5 Prozentpunkten über dem Basiszinssatz seit Rechtshängigkeit zu

**Rn. 138**

zahlen. Die Beklagten beantragen,die Klage abzuweisen.

**Rn. 139**

Die Beklagte zu 1 behauptet, die Beklagte zu 2 habe ihr seinerzeit mitgeteilt, die

**Rn. 140**

Klägerin wünsche keine umfassende Sperrminorität, weil diese für sie nicht

**Rn. 141**

praktikabel sei.

**Rn. 142**

Die Sachbearbeiter der Beklagten zu 1, Herr Diplom-Jurist X. und Herr

**Rn. 143**

Rechtsanwalt T., hätten mit den zuständigen Sachbearbeitern aus der

**Rn. 144**

Lohnabteilung der Beklagten zu 2, Frau U. und Herrn P., noch diskutiert,

**Rn. 145**

dass man eine 100%ige Sicherheit nur mit einem Statusfeststellungsverfahren

**Rn. 146**

erreichen könne. Die Beklagte zu 2 habe mitgeteilt, dass die Klägerin diesen

**Rn. 147**

Aufwand nicht betreiben wolle.

**Rn. 148**

Die Beklagte zu

**Rn. 150**

ist der Ansicht, im Rahmen der konsolidierten

**Rn. 151**

Schadensbetrachtung müsse sich die Klägerin die Vorteile ihrer Gesellschafter aus

**Rn. 152**

der Rentenversicherung anrechnen lassen.

**Rn. 153**

Zudem sieht sie ein überwiegendes Mitverschulden bei der Klägerin, weil die

**Rn. 154**

Beklagte zu 2 als deren Hilfsperson die Klägerin nicht auf eine Entscheidung des

**Rn. 155**

Bundessozialgerichts aus dem Jahr 2018 hingewiesen habe.

**Rn. 156**

Die Beklagte zu 1 erhebt die Einrede der Verjährung.

**Rn. 157**

Die Beklagte zu 2 hat zunächst – wie die Beklagte zu 1 – behauptet, die Klägerin

**Rn. 158**

habe seinerzeit keine umfassende Sperrminorität gewünscht, weil diese für sie nicht

**Rn. 159**

praktikabel sei. Mit Schriftsatz vom 24.4.2024 hat sie ihren Vortrag geändert: Sie

**Rn. 160**

kenne den genauen Prüfungsumfang nicht. Herr W. von der Klägerin habe Herrn

**Rn. 161**

S. von der Beklagten zu 2 vom geplanten Beitritt von Herrn Z.

**Rn. 162**

berichtet. Ziel sei dessen Befreiung von der Sozialversicherung gewesen. Dazu sollte

**Rn. 163**

die Änderung des Gesellschaftsvertrags geprüft werden. Das habe Herr S. an die

**Rn. 164**

Beklagte zu 1 weitergeleitet.

**Rn. 165**

Die Beklagte zu 2 erklärt sich mit Nichtwissen zur Frage, ob die Beklagte zu 1 die

**Rn. 166**

Klägerin auf das Clearingverfahren hingewiesen habe.

**Rn. 168**

Die Beklagte zu 2 ist der Ansicht, die von der Beklagten zu 1 vorgeschlagene

**Rn. 169**

Satzungsänderung habe der damals geltenden Rechtsprechung des

**Rn. 170**

Bundessozialgerichts entsprochen.

**Rn. 171**

Sie ist ferner der Ansicht, es müssten die Rentenanwartschaftsrechte der

**Rn. 172**

Gesellschafter berücksichtigt werden, auch wenn es sich um mehrere

**Rn. 173**

unterschiedliche Privatpersonen mit jeweils eigenem Privatvermögen handele. Denn

**Rn. 174**

die Gesellschafter hätten Zugriff auf die GmbH-Geschäftsanteile und auch

**Rn. 175**

wirtschaftlichen Nutzen an diesen.

## Entscheidungsgründe

**Rn. 177**

Die Klage ist zulässig, aber unbegründet.

**Rn. 178**

I.

**Rn. 179**

Der Klägerin stehen gegen die Beklagte zu 1 keine Schadensersatzansprüche

**Rn. 180**

wegen des mit der Mail vom 19.12.2016 (K 1) erteilten, unrichtigen Rates zu.

**Rn. 182**

.

**Rn. 183**

Die Beklagte zu 1 hat mit dem Inhalt dieser Mail allerdings ihre Pflichten aus dem

**Rn. 184**

Anwaltsvertrag verletzt, indem sie ihrer Mandantin, der Klägerin, nicht den sichersten

**Rn. 185**

und gefahrlosesten Weg vorgeschlagen und sie nicht über mögliche Risiken

**Rn. 186**

aufgeklärt hat, um sie in die Lage zu versetzen, eine sachgerechte Entscheidung zu

**Rn. 187**

treffen (vgl. Gehrlein, Anwalts- und Steuerberaterhaftung, 6. Aufl., B, Rn 1).

**Rn. 188**

Die Mail zeigt keinerlei Risiko bei der vorgeschlagenen Formulierung auf. Im

**Rn. 189**

Gegenteil heißt es, man habe den Vorschlag „vor dem Hintergrund der aktuellen

**Rn. 190**

Rechtsprechung des BSG geprüft“, und es sei „auf diesem Wege …

**Rn. 191**

unmissverständlich klargestellt, dass auch Minderheitsgesellschaftern die Möglichkeit

**Rn. 192**

gegeben ist, Weisungen und Änderungen in Bezug auf ihre selbständige Tätigkeit

**Rn. 193**

‚abzuwehren‘ – wie von dem Bundessozialgericht gefordert“.

**Rn. 194**

Der sozialversicherungsrechtliche Laie muss dies so verstehen, dass er mit der

**Rn. 195**

Formulierung nichts falsch machen kann.

**Rn. 197**

Das gibt die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts (BSG) aus dem Jahr 2015

**Rn. 198**

jedoch nicht her. Das BSG hatte in seinem Urteil vom 11.11.2015 (B 12 KR 10/14 R)

**Rn. 199**

unter Randnummer 24 ausgeführt:

**Rn. 200**

„Ist ein GmbH-Geschäftsführer - wie hier der Kläger - zugleich als

**Rn. 201**

Gesellschafter am Kapital der Gesellschaft beteiligt, sind der Umfang der

**Rn. 202**

Kapitalbeteiligung und das Ausmaß des sich daraus für ihn ergebenden

**Rn. 203**

Einflusses auf die Gesellschaft ein wesentliches Merkmal bei der Abgrenzung

**Rn. 204**

von abhängiger Beschäftigung und selbstständiger Tätigkeit. Hinzu kommen die

**Rn. 205**

Stimmrechte in der Gesellschafterversammlung. Entscheidend für die

**Rn. 206**

sozialversicherungsrechtliche Statusbeurteilung ist dabei, ob die rechtliche

**Rn. 207**

Möglichkeit besteht, als beherrschender oder zumindest mit einer

**Rn. 208**

Sperrminorität ausgestatteter Gesellschafter-Geschäftsführer nicht genehme

**Rn. 209**

Weisungen jederzeit abzuwenden.“

**Rn. 210**

Dort heißt es nicht, dass eine partielle Sperrminorität stets genüge. Es blieb damals

**Rn. 211**

vielmehr offen, ob eine umfassende Sperrminorität erforderlich sein kann.

**Rn. 212**

Soweit die Beklagte zu 1 einwendet, die Klägerin habe aber – das sei ihr, der

**Rn. 213**

Beklagten zu 1, so vorgegeben worden – keine umfassende Sperrminorität

**Rn. 214**

gewünscht, weil diese für sie nicht praktikabel sei, kann dies dahinstehen. Selbst

**Rn. 215**

wenn die Klägerin eine umfassende Sperrminorität nicht gewollt hätte, hätte die

**Rn. 216**

Beklagte zu 1 sie darauf hinweisen müssen, dass nur diese dem sichersten Weg

**Rn. 217**

entsprach.

**Rn. 219**

.

**Rn. 220**

Jedoch fehlt substantiierter Vortrag der Klägerin zum hypothetischen

**Rn. 221**

Alternativverhalten für den Fall, dass sie auf das Risiko der partiellen Sperrminorität

**Rn. 222**

hingewiesen worden wäre.

**Rn. 223**

Ihre anfängliche Behauptung, man hätte in diesem Fall nur einen

**Rn. 224**

Kooperationsvertrag geschlossen, war zu allgemein. Es wird einen Grund gegeben

**Rn. 225**

haben, warum man die bisherige, lockere Zusammenarbeit gerade dadurch vertiefen

**Rn. 226**

wollte, dass Herr Z. Mitgesellschafter wurde. Die behauptete nur

**Rn. 227**

symbolische Bedeutung seiner Aufnahme in die Gesellschaft ist nicht aus sich

**Rn. 228**

heraus plausibel.

**Rn. 230**

Zudem hätte die Klägerin im Einzelnen darlegen müssen, wie der

**Rn. 231**

Kooperationsvertrag ausgestaltet worden wäre, denn nur auf dieser Basis ist der

**Rn. 232**

gebotene Gesamtvermögensvergleich möglich.

**Rn. 233**

Auf beides hat die Kammer die Klägerin im Termin vom 16.5.2024 hingewiesen. Ihr

**Rn. 234**

hierzu gehaltener Vortrag im nachgelassenen Schriftsatz vom 13.6.2024 reicht indes

**Rn. 235**

nicht aus.

**Rn. 236**

Die Ausgangslage der Zusammenarbeit seit dem Jahr 2010 wird darin zwar knapp,

**Rn. 237**

aber doch konkret geschildert: Das Z. Team (ST) kaufte Leistungen bei der

**Rn. 238**

Klägerin ein und verkaufte sie an Kunden von ST weiter, ohne dies offenzulegen. Im

**Rn. 239**

Außenverhältnis trat also nur ST auf. Die Klägerin profitierte von der Akquise durch

**Rn. 240**

ST.

**Rn. 241**

Unklar bleibt aber, was genau im Jahr 2016 dazu führte, dass man gerade einen

**Rn. 242**

gesellschaftsrechtlichen Zusammenschluss erwog und schließlich auch durchführte.

**Rn. 243**

Der Kammer ist nicht klar, was die Klägerin mit ihrer Formulierung „Es stellte sich die

**Rn. 244**

Frage nach einer engeren Kooperation“ meint. Weder wird erläutert, warum sich

**Rn. 245**

diese Frage stellte, noch wird erläutert, was unter „enger“ zu verstehen sein soll und

**Rn. 246**

warum dabei der Blick auf die Aufnahme eines weiteren Gesellschafters fiel.

**Rn. 247**

Die Begründung „da die Zusammenarbeit gut funktionierte“ ist nichtssagend. Wenn

**Rn. 248**

sie gut funktionierte, hätte man sie fortsetzen können, ohne etwas zu verändern. Das

**Rn. 249**

erklärt nicht, weshalb man Herrn Z. als Gesellschafter aufnehmen wollte.

**Rn. 250**

Weiter heißt es im nachgelassenen Schriftsatz, der „gemeinsame Auftritt“ [durch die

**Rn. 251**

GmbH] sei sicherlich vorteilhaft gewesen, wenn auch ohne wesentliche Auswirkung

**Rn. 252**

auf Umsatz und Gewinn. Welche Vorteile dies waren, wird nicht ausgeführt. Diese

**Rn. 253**

Vorteile sind aber ein entscheidender Gesichtspunkt bei der Beurteilung der Frage,

**Rn. 254**

ob die Klägerin bereit gewesen wäre, auf die Beteiligung von Herrn Z. als

**Rn. 255**

Gesellschafter zu verzichten.

**Rn. 256**

Im Übrigen kommt es haftungsrechtlich nicht darauf an, wie sich Umsatz und Gewinn

**Rn. 257**

der Klägerin nach dem Zusammenschluss tatsächlich entwickelten, sondern darauf,

**Rn. 258**

was man sich vor dem Zusammenschluss, also in der konkreten Beratungssituation,

**Rn. 259**

hiervon versprach. Dazu äußert sich die Klägerin nicht hinreichend deutlich. Im

**Rn. 260**

Zweifel werden es Umsatz- und Gewinnsteigerungen gewesen sein, die man durch

**Rn. 261**

die Aufnahme des Gesellschafters Z. und den dann erweiterten

**Rn. 262**

Außenauftritt erwartete.

**Rn. 265**

Die Kammer verkennt nicht, dass es für den angedachten Zusammenschluss

**Rn. 266**

Hindernisse geben konnte, die so bedeutend waren, dass die Klägerin, wenn ihr

**Rn. 267**

diese vor Augen geführt worden wären, von ihrem Vorhaben Abstand genommen

**Rn. 268**

hätte. Es mag sein, dass Sozialversicherungsbeiträge der Gesellschafter ein solcher

**Rn. 269**

Punkt waren.

**Rn. 270**

Das beantwortet aber nicht von selbst die Frage, wie man sich bei hypothetischem

**Rn. 271**

Risikohinweis der Beklagten zu 1 verhalten hätte. Die von der Klägerin offerierte

**Rn. 272**

Lösung, dass man nichts getan, sondern die bisherige Kooperation unverändert

**Rn. 273**

fortgeführt hätte, ist nicht aus sich heraus verständlich. Denn Ausgangspunkt der

**Rn. 274**

Überlegungen der Klägerin war ja, dass sich „2016 die Frage nach einer engeren

**Rn. 275**

Kooperation“ stellte. Diese Frage wäre damit nicht beantwortet gewesen.

**Rn. 276**

Die Klägerin vermeidet im nachgelassenen Schriftsatz auch eine Antwort auf die

**Rn. 277**

weitere Frage, wie denn ein Kooperationsvertrag – anstelle lockerer Zusammenarbeit

**Rn. 278**

und anstelle einer Aufnahme von Herrn Z. in die Gesellschaft –

**Rn. 279**

ausgestaltet worden wären. Damit bleibt im Dunkeln, welche Nachteile ein solcher

**Rn. 280**

Vertrag im Vergleich mit einem gesellschaftsrechtlichen Zusammenschluss gehabt

**Rn. 281**

hätte. Auf dieser Grundlage ist der gebotene Gesamtvermögensvergleich nicht

**Rn. 282**

durchführbar.

**Rn. 283**

II.

**Rn. 284**

Der Klägerin stehen gegen die Beklagte zu 2 keine Schadensersatzansprüche

**Rn. 285**

wegen der dortigen Bearbeitung ihres Beratungsauftrags in Bezug auf die

**Rn. 286**

Sozialversicherungsfreiheit ihrer Alt- und Neugesellschafter zu.

**Rn. 287**

Die Pflichten des Steuerberaters, auch desjenigen, der die Lohnbuchhaltung fertigt,

**Rn. 288**

beschränken sich bei Unklarheiten betreffend die sozialversicherungsrechtliche

**Rn. 289**

Stellung von Geschäftsführern darauf, die Einholung von fachkundigem Rechtsrat –

**Rn. 290**

zum Beispiel durch einen Rechtsanwalt – oder den Antrag auf Statusfeststellung zu

**Rn. 291**

empfehlen. Steuerberater müssen das Sozialversicherungsrecht weder kennen, noch

**Rn. 292**

ist ihnen eine Rechtsberatung auf diesem Gebiet gestattet.

**Rn. 293**

Die Beklagte zu 2 hat ihre Pflichten erfüllt, indem sie das Mandat der Beklagten zu 1

**Rn. 294**

anbahnte/vermittelte.

**Rn. 295**

Für deren Beratungsfehler haftet die Beklagte zu 2 nicht; sie brauchte die Richtigkeit

**Rn. 296**

des Gestaltungsvorschlags nicht zu überprüfen.

**Rn. 299**

Die Beklagte zu 2 war auch nicht gehalten, sich selbst in der Lohnbuchhaltung für

**Rn. 300**

017 und später die Frage vorzulegen, ob es denn richtig sei, die drei Gesellschafter

**Rn. 302**

als sozialversicherungsfrei zu behandeln. Denn dies hatte die Beklagte zu 1 nicht nur

**Rn. 303**

für den Zeitpunkt des Eintritts des dritten Gesellschafters geklärt, sondern auch für

**Rn. 304**

die Zukunft, solange sich nichts Wesentliches an den Gesellschaftsbeteiligungen

**Rn. 305**

änderte.

**Rn. 306**

Schließlich war die Beklagte zu 2 ebenso wenig verpflichtet, die Rechtsprechung des

**Rn. 307**

BSG zu verfolgen und auf etwaige Änderungen zu achten.

**Rn. 308**

III.

**Rn. 309**

Der Schriftsatz der Klägerin vom 13.6.2024 bietet keinen Anlass zur Wiedereröffnung

**Rn. 310**

der mündlichen Verhandlung, § 156 Abs. 1 ZPO. Die Kammer hat bereits im Termin

**Rn. 311**

vom 16.5.2024 die nötigen Hinweise erteilt und hierauf einen Schriftsatznachlass

**Rn. 312**

gewährt.

**Rn. 313**

IV.

**Rn. 314**

Die Kostenentscheidung beruht auf § 91 Abs. 1 ZPO.

**Rn. 315**

Die Entscheidung über die vorläufige Vollstreckbarkeit folgt aus § 709 S. 1 und 2

**Rn. 316**

ZPO.

**Rn. 317**

Streitwert: 293.863,30 €

---

Zitiervorschlag: Landgericht Köln, Urteil vom 10.07.2024 – 2 O 201/23, ECLI:DE:LGK:2024:0710.2O201.23.00

Datenquelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

Entscheidungstext bereitgestellt über Open Legal Data (openlegaldata.io), lizenziert unter der Open Database License (ODbL) v1.0.

Nicht-amtliche Fassung — maßgeblich ist die Ausfertigung des Gerichts

Quelle: nu:legal – recht.nulegal.eu · Aufbereitung unter CC BY 4.0 (recht.nulegal.eu/lizenz) · Ein Dienst der Nulegal GmbH

Crawlen und Zitieren sind ausdrücklich erlaubt. Vorbehalten ist allein die massenhafte Nutzung zu Trainingszwecken für KI-Systeme (§ 44b Abs. 3 UrhG); hierfür ist unsere Zustimmung erforderlich.

Source: nu:legal – recht.nulegal.eu · Curated layer under CC BY 4.0 (recht.nulegal.eu/license) · Operated by Nulegal GmbH, Potsdam.

Crawling and citation are permitted. Only bulk use for AI training is reserved (Section 44b(3) UrhG) and requires our consent.

Dieses Dokument: https://recht.nulegal.eu/rechtsprechung/lg-koeln/2024-07-10/2-o-201-23

---

nu:legal · recht.nulegal.eu · Nicht-amtliche Fassung. Maßgeblich ist die Fassung des Gerichts.
