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# Landgericht Dortmund, Urteil vom 01.04.2004 – 13 O 55/02 Kart.

ECLI:DE:LGDO:2004:0401.13O55.02KART.00

## Tenor

Die Beklagte wird verurteilt, an die Klägerin 1.596.977,00 € (in Worten:

einemillionfünthundertsechsundneunzigtausendneunhundertsiebenundsiebzig

Euro) nebst Zinsen in Höhe von 8 % über dem jeweiligen Basiszinssatz seit dem 03.07.2003 zu zahlen.

Die Kosten des Rechtsstreits werden der Beklagten auferlegt.

Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar gegen Sicherheitsleistung in Höhe

von 110% des zu vollstreckenden Betrages.

## Tatbestand

**Rn. 2**

Die in Basel/Schweiz ansässige Beklagte ist die Herstellerin von

**Rn. 3**

Pharmazeutika und Körperpflegeprodukten und welt- und europaweit

**Rn. 4**

größter Hersteller von synthetischen Vitaminen. Die Klägerin ist ein

**Rn. 5**

Tochterunternehmen der T-Gruppe, einer Unternehmensgruppe im

**Rn. 6**

Süßwarenbereich. Sie bezog als verantwortliches Produktunternehmen für

**Rn. 7**

das Produkt "M" über die Firma I in H,

**Rn. 8**

der deutschen Tochter der Beklagten, von dieser im Zeitraum von

**Rn. 9**

September 1989 bis Februar 1999 die von ihr zur Produktion benötigten

**Rn. 10**

Vitamine mit einem Gesamteinkaufsvolumen von 10.174.301,00 DM.

**Rn. 11**

Wegen unerlaubter Preisabsprachen und Marktaufteilung bei Vitaminen

**Rn. 12**

auf nationaler und internationaler Ebene in Europa, Asien, Nordamerika

**Rn. 13**

und Südamerika wurde gegen die Beklagte und andere Vitaminhersteller

**Rn. 14**

ein US-amerikanisches Kartellverfahren geführt. Die Beklagte akzeptierte

**Rn. 15**

eine Geldstrafe von 500 Mio. US $ und schloss mit zahlreichen US-

**Rn. 16**

amerikanischen Vitamindirektabnehmern zur außergerichtlichen Beendigung

**Rn. 17**

einer Sammelklage einen Vergleich über die Zahlung von 1,17 Mrd.

**Rn. 18**

US $.

**Rn. 19**

Mit Bescheid vom 17.04.2000 stellte die Schweizer Wettbewerbskommission

**Rn. 20**

KarteIlverstöße der Beklagten als Mitglied des Vitaminkartells fest.

**Rn. 21**

Die europäische Kommission verhängte am 21.11.2001 gegen 8 Vitaminhersteller

**Rn. 22**

wegen unerlaubter Marktaufteilung und Preisfestsetzungsab-

**Rn. 23**

sprachen Geldbußen in Höhe von insgesamt 855,22 Mio. €, dabei gegen

**Rn. 24**

die Beklagte das höchste Bußgeld in Höhe von 462 Mio.€. Zum Inhalt der

**Rn. 25**

vorgenannten Entscheidungen wird auf Blatt 59 bis 77 und 160 bis 319

**Rn. 26**

der Akten Bezug genommen.

**Rn. 27**

Die Klägerin nahm die Beklagte auf Schadensersatz hin in Anspruch. Die

**Rn. 28**

Parteien verhandelten im Frühjahr 2001 über eine außergerichtliche Einigung.

**Rn. 29**

Die Klägerin verlangte Zahlung von ca. 1 Mio. € und legte einen

**Rn. 30**

Entwurf der Klage vor. Die Beklagte teilte der Klägerin Anfang April 2002

**Rn. 31**

mit, dass sie keinen Einigungsvorschlag unterbreiten könne, weil es ihrer

**Rn. 32**

Geschäftspolitik entspreche, "keine Rückerstattung an Kunden auf Grund

**Rn. 33**

früherer Verletzung des EU-Wettbewerbsrechts zu leisten, so bedauerlich

**Rn. 34**

die damaligen Verstöße auch sein mögen." Zum genauen Wortlaut des

**Rn. 35**

Schreibens wird auf Blatt 48 der Akten Bezug genommen.

**Rn. 36**

Die Klägerin nahm die Beklagte zunächst auf Zahlung von Schadensersatz

**Rn. 37**

in Höhe von 1.040.407,00 € in Anspruch. Sie erhöhte die Klage am

**Rn. 38**

03. Juli 2003 auf 1.596.977,00 €.

**Rn. 39**

Mit Urteil vom 11.07.2003 wies das Landgericht Mannheim eine auf Fest-

**Rn. 40**

stellung der Schadensersatzpflicht wegen Beteiligung am Vitaminkartell

**Rn. 41**

gerichtete Klage der Firma N gegen die Beklagte und zwei ihrer

**Rn. 42**

deutschen Töchter als unbegründet ab. Die Berufung der Firma N

**Rn. 43**

wurde mit Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe vom 14.01.2004 zurück-

**Rn. 44**

gewiesen, wobei die Zulässigkeit der Feststellungsklage verneint

**Rn. 45**

wurde. Mit Urteil vom 01.01.2004 des Landgerichts Mainz wurde die Klage

**Rn. 46**

der Futtermittelfirma P gegen die Firma C,

**Rn. 47**

gerichtet auf ein ins Ermessen des Gerichts gestelltes Schmerzensgeld in

**Rn. 48**

Höhe von mindestens 1.537.037,25 € als unbegründet abgewiesen. Der

**Rn. 49**

Beklagten war in diesem Verfahren der Streit verkündet worden. Zum Inhalt

**Rn. 50**

dieser Entscheidungen wird auf Blatt 440 bis 453 und 483 bis 509 der

**Rn. 51**

Akten Bezug genommen.

**Rn. 52**

Die Klägerin hält eine Zuständigkeit des angerufenen Gerichts nach Art. 5

**Rn. 53**

Nr. 3 LugÜ für gegeben. Für reine Vermögensdelikte wie hier liege der Ort

**Rn. 54**

des schädigenden Ereignisses dort, wo sich die Vermögensinteressen des

**Rn. 55**

Geschädigten konzentrieren. Eine Anknüpfung an den Ort der Kartellver-

**Rn. 56**

stöße sei zur sicheren und vorhersehbaren Zuständigkeitszuweisung nicht

**Rn. 57**

geeignet. Außerdem sei bei einem möglichen Anspruch aus § 826 BGB

**Rn. 58**

kompetenzeröffnender Erfolgsort der Ort Schadenseintritts. Die Klägerin

**Rn. 59**

stützt einen Schadensersatzanspruch auf die vorgenannte Vorschrift und

**Rn. 60**

auf § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit Art. 81 EG-Vertrag und § 33

**Rn. 61**

GWB in Verbindung mit § 1 GWB. Da die Preisabsprache sich gegen die

**Rn. 62**

Marktgegenseite richte, unterfalle sie als Abnehmerin dem Schutzbereich

**Rn. 63**

des § 1 GWB und des Art.s 81 EG-Vertrag. Auf eine gezielte oder

**Rn. 64**

unmittelbare Schädigung käme es dabei nicht an, da ausreichend sei eine objektive

**Rn. 65**

Betroffenheit, die vorliege. Die in der Kommissionsentscheidung im

**Rn. 66**

Einzelnen dargestellten gleichermaßen Vitamine und Vitamingemische

**Rn. 67**

betreffenden Preisabsprachen durch Abstimmung über Zielpreise, Zuteilung

**Rn. 68**

von Marktanteilen und Berichterstattunqs- und Überwachungssysteme

**Rn. 69**

hätten zu einer erheblichen Preissteigerung geführt. Die Kartellver-

**Rn. 70**

stöße der Vitaminhersteller hätten sich auch auf die Produkte im europäi-

**Rn. 71**

schen Wirtschaftsraum ausgewirkt, da die abgestimmten Preise auch

**Rn. 72**

durchgesetzt worden seien. Durchschnittlich hätten sich auf der Grundlage

**Rn. 73**

der Feststellungen der Kommission für die von der Beklagten bezogenen

**Rn. 74**

Vitamine B 1, B 2, C, E und die Vitamingemische mit den Hauptkompo-

**Rn. 75**

nenten Vitamin B 2 und Vitamin E kartellbedingte Preiserhöhungen von 20

**Rn. 76**

bis 50 % ergeben. Auf Grund der kartellrechtswidrigen Preisabsprachen

**Rn. 77**

hätte die Beklagte nicht nur einen Ende der 80 ziger Jahre ansetzenden

**Rn. 78**

Preisverfall gestoppt, sondern darüber hinaus sogar erhebliche Preissteigerungen

**Rn. 79**

durchgesetzt, was bei der Schadensberechnung zusätzlich zu

**Rn. 80**

berücksichtigen sei. Nach Ende des Kartells sei es bei allen Vitaminpro-

**Rn. 81**

dukten zu einem erheblichen Preisrückgang zwischen 17 bis mehr als 50

**Rn. 82**

% gekommen. Die Preissteigerung während der Dauer des Kartells und

**Rn. 83**

der Preisrückgang nach Beendigung des Kartells seien nicht auf ökonomi -

**Rn. 84**

sche Gründe, sondern ausschließlich auf die Kartellabsprachen zurückzuführen.

**Rn. 85**

Hierdurch sei ihr auch ein Schaden entstanden. Die Beklagte

**Rn. 86**

habe ihr gegenüber die karteIlmäßig überhöhten Preise durchgesetzt, weil

**Rn. 87**

jeglicher Wettbewerb durch die Kartellabsprachen im relevanten Zeitraum

**Rn. 88**

in Anbetracht des weltweiten Kartells von vornherein ausgeschlossen gewesen

**Rn. 89**

sei. Eine konkrete Berechnung im Wege der Differenzmethode sei

**Rn. 90**

ihr nicht möglich, da es für den Kartellzeitraum keinen im Wettbewerbsprozess

**Rn. 91**

herausgebildeten Normalpreis gebe. Ihr Schaden bestehe aber

**Rn. 92**

in der Differenz zwischen dem tatsächlich gezahlten Preis und einem hypothetischen

**Rn. 93**

Preis, der ohne die Kartellabsprache vereinbart worden wäre.

**Rn. 94**

Für die vorzunehmende Schadensschätzung gemäß § 287 ZPO ergäben

**Rn. 95**

sich Anhaltspunkte aus dem US-amerikanischen Schadensersatzverfahrens

**Rn. 96**

zur außergerichtlichen Beendigung der Sammelklage, mit dem Vitamindirektabnehmern 18 bis 25% ihrer Ausgaben für Vitamine ersetzt

**Rn. 97**

worden seien. Anknüpfungspunkt sei außerdem der nach Beendigung des

**Rn. 98**

Preiskartells einsetzende prozentuale Preisverfall. Danach hätte sie für

**Rn. 99**

Vitamin C 841.042,OO €, für Vitamin E und Vitamingemische mit dem Basisvitamin

**Rn. 100**

E 265.897,00. €, für Vitamin B und Vitamingemische mit dem

**Rn. 101**

Basisvitamin B 2 462.116,00 € und für Vitamin B 1 27.922,00 € weniger für

**Rn. 102**

den Einkauf aufwenden müssen. Auf die Frage der Weiterwälzung des

**Rn. 103**

Schadens komme es dabei von vorneherein nicht an, da ihr Schaden bereits

**Rn. 104**

in dem Augenblick entstanden sei, in dem sie den Vertrag zu den

**Rn. 105**

karteIlmäßig überhöhten Preisen abgeschlossen habe. Die Frage des

**Rn. 106**

Weiterverkaufs sei ein nach Schadenseintritt liegendes Ereignis, das zu

**Rn. 107**

Gunsten des Schädigers nicht schadensmindernd zu berücksichtigen sei.

**Rn. 108**

Eine Anwendung der Vorteilsausgleichung würde die Zwecke des Kartelldeliktsrechts

**Rn. 109**

aushöhlen. Es sei zudem zu keiner Weiterwälzung des

**Rn. 110**

Schadens gekommen, da die kartellbedingten Mehrkosten beim Bezug

**Rn. 111**

von Vitaminen nicht durch entsprechende Erhöhung ihrer Verkaufspreise

**Rn. 112**

kompensiert worden seien. Im Zeitraum von 1989 bis zur letzten Preiser-

**Rn. 113**

höhung zum 01.05.2001 seien die Abgabepreise lediglich wegen wech-

**Rn. 114**

selnder DSD-Gebühren und Veränderung der Packungsgrößen modifiziert

**Rn. 115**

worden. Die kartellbedingte Verteuerung der Vitamine habe auch zu einer

**Rn. 116**

Gewinnminderung bei ihr geführt. Dies wäre auch dann der Fall gewesen,

**Rn. 117**

wenn sie ihre Abgabepreise auf Grund der Erhöhung der Einstandspreise für

**Rn. 118**

Vitamine erhöht hätte, Dann wäre ihr eine höhere Marge aus den

**Rn. 119**

Produktverkäufen und damit ein höherer Gewinn entgangen, da sie die

**Rn. 120**

bestimmten Abgabepreise auch dann realisiert hätte, wenn sie die Vitamine

**Rn. 121**

zu günstigeren Preisen hätte einkaufen können. Mit den KarteIlabsprachen

**Rn. 122**

habe die Beklagte zudem gegen die guten Sitten verstoßen. Sie habe den Leistungswettbewerb auf dem gesamten Weltmarkt für Vitamine

**Rn. 123**

ausgeschaltet und damit Grundprinzipien der deutschen und europäischen

**Rn. 124**

Marktspielregeln mit Füßen getreten, wobei erschwerend hinzukomme,

**Rn. 125**

dass die Kartellabsprachen auf lange Dauer angelegt und perfekt organisiert

**Rn. 126**

waren und sich auf lebenswichtige Bestandteile der menschlichen

**Rn. 127**

und tierischen Ernährung bezogen. Die Beklagte als Haupttriebkraft und

**Rn. 128**

Hauptbegünstigte habe den unter Einschaltung ihrer obersten Leitungsebenen

**Rn. 129**

entwickelten und gebilligten strategischen Plan verfolgt, den

**Rn. 130**

Vitaminweltmarkt durch Einsatz illegaler Mittel zu beherrschen und zu

**Rn. 131**

kontrollieren. Dabei sei ihr bewusst gewesen, dass die Preiserhöhungen

**Rn. 132**

bei ihr, der Klägerin, unausweichlich zu einem Schaden führten.

**Rn. 133**

Die Klägerin beantragt nunmehr,

**Rn. 134**

die Beklagte zu verurteilen, an sie

**Rn. 135**

1.596,977,00 € nebst Zinsen in Höhe von 8 %

**Rn. 136**

über dem jeweiligen Basiszinssatz ab Rechtshängigkeit zu zahlen.

**Rn. 137**

Die Beklagte beantragt,

**Rn. 138**

die Klage abzuweisen.

**Rn. 139**

Die Beklagte hält eine Zuständigkeit des angerufenen Gerichts nicht für

**Rn. 140**

gegeben. Zuständig sei nach Art. 2 Abs. 1, 53 Abs. 1, 54 b Abs. 2 b LugÜ

**Rn. 141**

das Gericht ihres Sitzes in der Schweiz. Eine Tatortzuständigkeit nach

**Rn. 142**

Art.5 Nr. 3 LugÜ sei nicht gegeben, da es an einer "besonderen Nähebeziehung"

**Rn. 143**

fehle, die es ausnahmsweise rechtfertigen könne, vom allgemeinen

**Rn. 144**

Grundsatz der Wohnortzuständigkeit abzuweichen. Auf den Ort des Vermögensschadens als Ort des bloßen Schadenseintritts könne es ebensowenig

**Rn. 145**

wie auf den Ort der Konzentration der Vermögensinteressen ankommen,

**Rn. 146**

weil ein Gerichtsstand solcher Maßen nicht sicher und vorhersehbar

**Rn. 147**

bestimmt werden könne. Dies gelte auch, wenn das Rechtsverhältnis

**Rn. 148**

der Parteien nach § 826 BGB beurteilt werden sollte. Art. 5 Nr. 3

**Rn. 149**

LugÜ verwende einen einhaltlichen Begriff der "unerlaubten Handlung",

**Rn. 150**

der nicht zwischen einfachen Delikten und solchen, wie von § 826 BGB

**Rn. 151**

beschrieben, unterscheide. Im Übrigen seien die materiellem Voraussetzungen

**Rn. 152**

für § 826 BGB als Anspruchsgrundlage nicht gegeben. Es fehle an

**Rn. 153**

der erforderlichen sittlichen Verwerflichkeit, da die Preisabsprache nicht

**Rn. 154**

gezielt auf Schädigung der Klägerin, sondern lediglich allgemein auf Stabilisierung

**Rn. 155**

der Vitaminpreise gerichtet gewesen sei. Ein Anspruch nach

**Rn. 156**

§ 823 Abs.2 BGB in Verbindung mit Art. 81 EG und § 33 GWB in Verbindung

**Rn. 157**

mit 1 GWB scheitere schon daran, dass mangels gezielten Eingriffs

**Rn. 158**

gegen bestimmte oder zumindest bestimmbare Marktteilnehmer die Klägerin

**Rn. 159**

nicht in den Schutzbereich der Normen einbezogen sei. Da das Kartell die

**Rn. 160**

gesamte Marktgegenseite und nicht einzelne Wettbewerbe dort be-

**Rn. 161**

troffen habe, seien die Marktbedingungen für alle Teilnehmer auf der

**Rn. 162**

Marktgegenseite gleich gewesen sei. Eine schädigende Handlung im Hin-

**Rn. 163**

blick auf Vitamingemische habe es mangels karteIlrechtswidriger Preisabsprachen

**Rn. 164**

hierüber nicht gegeben. Solche seien von der Kommission auch

**Rn. 165**

weder ausdrücklich noch implizit festgestellt worden. Dies sei auch folgerichtig

**Rn. 166**

angesichts eines für Vitamingemische bestehenden eigenen Marktes.

**Rn. 167**

Die Klägerin habe auch weder einen Schadenseintritt noch ausrei-

**Rn. 168**

chende Grundlagen für eine Schadensschätzung vorgetragen. Es müsse

**Rn. 169**

für jedes einzelne Vitaminumsatzgeschäft angegeben werden, zu welchem

**Rn. 170**

Preis das Produkt erworben wurde und in welchem Maß dieser Verkaufspreis

**Rn. 171**

kartellbedingt überhöht gewesen sei. Derartige Angaben seien

**Rn. 172**

schon deshalb unbedingt erforderlich, weil die Preisentwicklung für die

**Rn. 173**

einzelnen Vitamine auch während der Laufzeit der von der Kommission

**Rn. 174**

festgestellten Kartelle keineswegs linear ansteigend, sondern zum Teil

**Rn. 175**

von einer rückläufigen Preisentwicklung gekennzeichnet gewesen sei. Es

**Rn. 176**

entspreche auch keinem allgemeinen ökonomischen Erfahrungssatz, dass

**Rn. 177**

die Preisentwicklung in den einzelnen Vitaminmärkten anders ausgefallen

**Rn. 178**

wäre, wenn es die festgestellten Kartellabsprachen nicht gegeben hätte.

**Rn. 179**

Die Vitaminmärkte und damit auch die Preisentwicklung in diesen Märkten

**Rn. 180**

seien von einer Vielzahl von ökonomischen Parametern geprägt, die

**Rn. 181**

sämtlich Einflüsse auf die Preisentwicklung gehabt und sich auch in einer

**Rn. 182**

rückläufigen Preisentwicklung niedergeschlagen hätten. Ein liquidationsfähiger

**Rn. 183**

Schaden sei der Klägerin auch gar nicht entstanden, weil davon

**Rn. 184**

auszugehen sei, dass die Klägerin einen etwaigen kartellbedingten Preisaufschlag

**Rn. 185**

für den Bezug von Vitaminen ohne Gewinnminderung durch eine

**Rn. 186**

entsprechende Erhöhung ihrer Verkaufspreise habe kompensieren

**Rn. 187**

können. Weil die Klägerin ökonomischer Vernunft entsprechend und angesichts

**Rn. 188**

ihrer Unkenntnis vom Preiskartell bereits bei der Kostenkalkulation

**Rn. 189**

und dem darauffolgenden Bezug der Vitamine nur davon ausgehen

**Rn. 190**

konnte, ihre Produktions- und Einstandskosten zu decken und einen Ge-winnzuschlag zu erzielen, sei ihr auch von vorneherein kein Schaden entstanden.

**Rn. 191**

Die Abwälzung eines Schadens auf Dritte sei zudem unter dem

**Rn. 192**

Gesichtspunkteiner Vorteilsausgleichung auch bei kartellrechtlichen

**Rn. 193**

Schadensersatzforderungen zu berücksichtigen. Der Gedanke der Vorteilsausgleichung führe wie im allgemeinen Deliktsrecht dazu, dass es

**Rn. 194**

weder dem Schädiger möglich sei, ein auf Kosten des Geschädigten erlangten

**Rn. 195**

Gewinn einzustreichen noch dazu, dass ein Nichtgeschädigter auf

**Rn. 196**

Kosten des Schädigers besondere Vorteile behalten kann, die ihm ohne

**Rn. 197**

das schädigende Ereignis gar nicht zugeflossen wären. Dies führe auch

**Rn. 198**

nicht zu einer unangemessenen Entlastung des Schädigers, sondern nur

**Rn. 199**

zu der auch im Kartellrecht zwingend gebotenen Berücksichtigung des

**Rn. 200**

Bereicherungsverbots bei der Schadensberechnung. Eine allgemeine und

**Rn. 201**

automatische Entschädigungspflicht für Gesetzesverstöße unabhängig

**Rn. 202**

vom tatsächlichen Bestehen eines Schadens gebe es auch im Kartellrecht

**Rn. 203**

nicht, da andernfalls dem Schadensersatz die Funktion einer zusätzlichen

**Rn. 204**

Geldbuße zukäme, was allgemeinem deutschen Deliktsrecht und nationalem

**Rn. 205**

und europäischem Kartellschadensersatzrecht fundamental wider-

**Rn. 206**

spräche. Eine Schadensschätzung nach §287 ZPO komme mangels Benennung

**Rn. 207**

konkreter Anhaltspunkte für die wirkliche Schadenshöhe nicht in

**Rn. 208**

Betracht. Der in der USA abgeschlossene Vergleich sei als Maßstab zur

**Rn. 209**

Schadensermittlung ungeeignet, da er sich an dem in den USA gewährten

**Rn. 210**

Schadensersatz mit dem zusätzlichen Element einer Bestrafung des

**Rn. 211**

Schädigers orientiere. Im Übrigen seien die Marktbedingungen in den

**Rn. 212**

USA, mit denen der Europäischen Union und in Deutschland nicht vergleichbar.

**Rn. 213**

Zur Ergänzung des Sach- und Streitstandes wird auf den vorgetragenen

**Rn. 214**

Inhalt der zwischen den Parteien gewechselten Schriftsätze nebst Anlagen

**Rn. 215**

Bezug genommen:

## Entscheidungsgründe

**Rn. 217**

Die Klage ist zulässig und begründet.

**Rn. 218**

Die internationale und örtliche Zuständigkeit des angerufenen Gerichts

**Rn. 219**

ist gegeben nach Art. 5 Nr. 3 LugÜ, § 87 GWB in Verbindung mit der

**Rn. 220**

nordrhein-westfälischen Kartellkonzentrationsverordnung. Bei auf Ersatz

**Rn. 221**

von Vermögensschäden gerichteten Klagen fallen der zuständigkeitsbegründende

**Rn. 222**

Erfolgsort als Ort der Verletzung des Rechtsgut mit dem Scha-

**Rn. 223**

densort zusammen, wenn Erfolg und Schaden in der Beeinträchtigung des

**Rn. 224**

Vermögens liegen. Dies ist zumindest für den mit §§ 823 Abs. 2 BGB, 33

**Rn. 225**

GWB konkurrierenden ebenfalls deliktischen Anspruch aus § 826 BGB

**Rn. 226**

der Fall. Ob die tatbestandsmäßigen Voraussetzungen dieser Norm materiell-

**Rn. 227**

rechtlich erfüllt sind, ist unbeachtlich. Ausreichend ist, dass die Klägerin

**Rn. 228**

sich hier mit schlüssigem Sachvortrag auf die Vorschrift beruft.

**Rn. 229**

Die Klage ist auch begründet. Der Klägerin steht der Beklagten gegenüber

**Rn. 230**

ein Schadensersatzanspruch aus § 33 GWB in Verbindung mit § 1 GWB

**Rn. 231**

und § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit Art. 81 EG-Vertrag zu. Für die

**Rn. 232**

Rechtsbeziehung der Parteien gilt nach anzuwendendem deutschen internationalem

**Rn. 233**

Privatrecht gemäß Art. 40 Abs. 1 S. 2 EGBGB deutsches

**Rn. 234**

Delikts- und Kartellrecht.

**Rn. 235**

Die Klägerin ist in den Schutzbereich des § 1 GWB und des Art . 81 EG-Vertrag

**Rn. 236**

einbezogen. Eine Zielgerichtetheit des kartellrechtswidrigen Verhaltens auf einen bestimmten Adressaten ist angesichts der jede KarteIlvereinbarung

**Rn. 237**

missbilligenden Zielsetzung der Gesetze nicht zu fordern .

**Rn. 238**

Ausreichend ist eine unmittelbare und objektive Betroffenheit der Klägerin

**Rn. 239**

als bestimmbarer Marktteilnehmer auf der Marktgegenseite. Diese Voraussetzungen

**Rn. 240**

sind hier gegeben. Das Kartell war in seiner Konzeption

**Rn. 241**

und Durchführung gerichtet auf Durchsetzung kartellbedingt überhöhter

**Rn. 242**

Preise auf der nächsten Handelsstufe, zu der bei den hier in Rede stehenden

**Rn. 243**

Vitaminprodukten auch Herstellerfirmen aus der Nahrungsmittelindustrie

**Rn. 244**

als Direktabnehmer gehören.

**Rn. 245**

Ein KarteIlverstoß der Beklagten ist gegeben. Nach den Feststellungen in der

**Rn. 246**

Entscheidung der europäischen Kommission, die im Verhältnis zur Beklagten

**Rn. 247**

ohne Rechtsmittelverfahren rechtskräftig wurde, bat die Beklagte

**Rn. 248**

als Haupttriebkraft und Hauptbegünstigter in kollusiver Absprache mit anderen

**Rn. 249**

Vitaminherstellern eine auf Preisüberhöhung abzielende und diese

**Rn. 250**

auch erreichende Zuteilung von Märkten und Marktanteilsquoten, Vereinbarung

**Rn. 251**

aufeinander abgestimmter Preiserhöhung, Vereinbarung von Ziel und

**Rn. 252**

Mindestpreisen Abstimmung des Vorgehens bei der Durchsetzung der

**Rn. 253**

Preiserhöhung auf den Märkten, Anpassung der jeweiligen Verhaltensweise

**Rn. 254**

und Preisbildung zur Gewährleistung der Einhaltung der vereinbarten

**Rn. 255**

Quoten, Unterstützung der Durchsetzung der Preiserhöhung durch Abstimmung

**Rn. 256**

des Vorgehens und Behandlung von Schlüsselkunden und

**Rn. 257**

Aufteilung der Geschäftstätigkeit mit spezifischen Kunden im Rahmen regelmäßiger

**Rn. 258**

Beratungen und Kontaktaufnahmen und gestützt durch ein neu

**Rn. 259**

entwickeltes und angewandtes Berichterstattungs- und Überwachungssystem

**Rn. 260**

betrieben und damit eine spürbare Auswirkung auf den

**Rn. 261**

zwischenstaatlichen Handel bewirkt. Die kartellrechtswidrigen Absprachen

**Rn. 262**

bezogen sich auf die Vitamine A, E, B 1, B 2, B 5, C, D 3, H, Folsäure,

**Rn. 263**

Betacarotin und Carotinoide und dabei gleichermaßen auf Vitamine und

**Rn. 264**

Vitamingemische. Letzteres ergibt sich aus den Feststellungen der Kom-

**Rn. 265**

mission in Randnummer 565 und 567 letzter Spiegelstrich. Dort wird dargelegt,

**Rn. 266**

dass sich das Kartellverfahren befaßte mit 12 Vitaminen und mit

**Rn. 267**

diesen eng verbundenen Produkten. Die Beklagte und ein anderer Hersteller

**Rn. 268**

verkauften einen wesentlichen Teil ihrer Produktion in Form von

**Rn. 269**

mehrere Vitamine enthaltenden Vormischungen, deren wertbildende Bestandteile

**Rn. 270**

Vitamine sind ungeachtet der Frage, ob dafür ein eigener Markt

**Rn. 271**

besteht. Die Vitaminmischungen waren auch Gegenstand der Kartellab-

**Rn. 272**

sprachen. Für das Funktionieren des Kartells war es zur Vermeidung von

**Rn. 273**

Versuchen, die Preis- und Marktanteilabsprachen zu unterlaufen, erforderlich,

**Rn. 274**

die Kartellabsprachen auch auf Vormischungen zu erstrecken.

**Rn. 275**

Durch den KarteIlvorstoß der Beklagten ist es zu einem Schaden der Klägerin

**Rn. 276**

gekommen. Der Schaden bei einem unzulässigen Preiskartell besteht

**Rn. 277**

in der Differenz zwischen dem tatsächlich gezahlten Kartellpreis und

**Rn. 278**

dem hypothetischen Wettbewerbspreis ohne das Preiskartell. Nach der

**Rn. 279**

Lebenserfahrung ist davon auszugehen, dass ein im Wettbewerbspreis

**Rn. 280**

gefundener Preis niedriger ist als ein kartellierter Preis. Dass und ggf.

**Rn. 281**

aus welchen Gründen dies hier anders gewesen wäre, hat die hierfür darlegungsbelastete Beklagte nicht dargetan.

**Rn. 282**

Die Differenz zwischen Wettbewerbspreis und Kartellpreis stellt einen Vermögensschaden im Sinne

**Rn. 283**

einer zunächst eingetretenen Vermögensminderung dar. Ob der im zuviel

**Rn. 284**

bezahlten Einkaufspreis liegende Schaden nachträglich verringert oder

**Rn. 285**

beseitigt werden kann durch Schadensabwälzung auf Dritte, ist keine Frage

**Rn. 286**

der Schadensentstehung, sondern der Schadenskompensation nach

**Rn. 287**

den Grundsätzen der Vorteilsanrechnung. Dahinstehen kann aber, ob eine

**Rn. 288**

Vorteilsausgleichung bei KarteIlrechtsverstößen überhaupt sachgerecht

**Rn. 289**

ist, wogegen gewichtige Gründe sprechen. Auf jeden Fall ist für die im

**Rn. 290**

Rahmen der Schadensminderung zu berücksichtigenden Umstände der

**Rn. 291**

Schädiger darlegungs- und beweisbelastet. Die Beklagte hat aber weder

**Rn. 292**

substantiiert vorgetragen noch Beweis angeboten für die Behauptung ei-

**Rn. 293**

ner Weitergabe der Einstands- und Herstellungskostenerhöhung an die

**Rn. 294**

Abnehmer. Sie ist der Verpflichtung zu substantiertem Sachvortrag auch

**Rn. 295**

nicht enthoben. Entgegen ihrer Darstellung führen höhere Einkaufspreise

**Rn. 296**

keineswegs regelmäßig zu höheren Verkaufspreisen. Hierfür ist nicht al-

**Rn. 297**

lein die sicherlich auf Beibehaltung einer Gewinnmarge ausgerichtete Kalkulation

**Rn. 298**

eines wirtschaftlich handelnden Unternehmens ausschlaggebend,

**Rn. 299**

sondern zunächst die Frage, ob bei vitaminisierten Produkten angesichts

**Rn. 300**

der damaligen Kosten- und Wettbewerbssituation eine Erhöhung von Abgabepreisen

**Rn. 301**

überhaupt realisierbar waren. Hierzu fehlt es an jeglichem

**Rn. 302**

konkreten Sachvortrag der Beklagten. Sie wäre zumindest zu einer Darstellung

**Rn. 303**

der betreffenden Marktverhältnisse in der Lage gewesen. Erst

**Rn. 304**

dann wäre die Klägerin im Rahmen substantiierten Bestreitens verpflichtet

**Rn. 305**

gewesen zur Darlegung der Entwicklung ihrer Abgabepreise.

**Rn. 306**

Der der Klägerin entstandene Schaden beläuft sich auf den von ihr geltend

**Rn. 307**

gemachten Betrag. Für die FeststeIlung der Schadenshöhe gilt § 287

**Rn. 308**

ZPO, da ein Schaden eingetreten ist und ausreichende Anhaltspunkte

**Rn. 309**

zur näheren Bestimmung dieses Schadens gegeben sind. Anknüpfungspunkt

**Rn. 310**

für eine Schadensschätzung ist der nach Beendigung des

**Rn. 311**

Preiskartells einsetzende prozentuale Preisverfall bei den hier relevanten

**Rn. 312**

Vitaminen B 1, B 2, C und E und den Vitamingemischen auf der Basis von

**Rn. 313**

Vitamin B 2 und Vitamin E. Die in der Entscheidung der europäischen

**Rn. 314**

Kommission hierzu festgestellten Prozentzahlen lassen einen Rückschluß

**Rn. 315**

auf die Preiserhöhung während der gesamten Dauer der Kartellabrede zu.

**Rn. 316**

Die Tabellen über die Preisentwicklung III., V. und VIII. zeigen eine im wesentlichen

**Rn. 317**

Gleichbleibende Beibehaltung des überhöhten kartellierten

**Rn. 318**

Preises. Dass der Preis unmittelbar nach Beendigung der Karteilabsprache

**Rn. 319**

niedriger war als der Preis vor Beginn des Kartells, steht dem nicht

**Rn. 320**

entgegen. Die Preisentwicklung für die streitrelevanten Vitamine war vor

**Rn. 321**

Beginn der Kartellabsprachen gekennzeichnet durch einen deutlichen

**Rn. 322**

Preisverfall, der durch die Preisabsprache zu Beginn des Kartells erst aufgehalten

**Rn. 323**

werden musste. Es kann angenommen werden, dass ohne die

**Rn. 324**

Preisabsprache der schon erhebliche Ausmaße angenommene Preisverfall

**Rn. 325**

sich schnell weiterentwickelt und alsbald das nach Ende der Kartellabrede

**Rn. 326**

in sich ergebende Preisniveau erreicht hätte.

**Rn. 327**

Im Rahmen der Schadensschätzung kann auch die von der Klägerin praktizierte

**Rn. 328**

durchgehende Schadensberechnung zugrundegelegt werden. Eine

**Rn. 329**

Differenzierung bezogen auf jedes einzelne Vitaminumsatzgeschäft ist

**Rn. 330**

nicht erforderlich. Die Preisentwicklungen während der Laufzeit des Kartells

**Rn. 331**

Waren, wie die Tabellen für die hier relevanten Vitamine zeigen, im

**Rn. 332**

Wesentlichen linear ansteigend und/oder gleichbleibend. Preisrückentwicklung

**Rn. 333**

kam beim Vitamin E gar nicht und bei den übrigen hier relevanten

**Rn. 334**

Vitamin B 1, B 2 und C nur in ganz geringem Umfang vor.

**Rn. 335**

Der Zinsanspruch der Klägerin ist begründet gemäß §§ 288, 291 ZPO.

**Rn. 336**

Die Kostenentscheidung folgt aus § 91 ZPO.

**Rn. 337**

Die Entscheidung zur vorläufigen Vollstreckbarkeit beruht auf § 709 ZPO.

---

Zitiervorschlag: Landgericht Dortmund, Urteil vom 01.04.2004 – 13 O 55/02 Kart., ECLI:DE:LGDO:2004:0401.13O55.02KART.00

Datenquelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

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