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# Landgericht Dortmund, Urteil vom 17.08.1994 – 1 S 72/94

ECLI:DE:LGDO:1994:0817.1S72.94.00

## Tenor

Die Berufung der Beklagten gegen das Urteil

des Amtsgerichts Dortmund vom 22. Dezember 1993

wird auf Kosten der Beklagten zurückgewiesen.

## Tatbestand

**Rn. 2**

Der Kläger ist bei der Beklagten krankenversichert.

**Rn. 3**

Dem Versicherungsvertrag liegen die Tarifbedingungen

**Rn. 4**

der Beklagten BT I/35 und die Musterbedingungen 1976

**Rn. 5**

des Verbandes der privaten Krankenversicherungen ( MB/KK 76)

**Rn. 6**

zugrunde.

**Rn. 7**

Die mitversicherte Tochter des Klägers ist geistig und

**Rn. 8**

körperlich erheblich behindert aufgrund einer frühkind-

**Rn. 9**

lichen Hirnschädigung. Die Tochter kann mühsam gehen,

**Rn. 10**

ohne jedoch weite Strecken bewältigen zu können. Sie

**Rn. 11**

ist nicht in der Lage, einen Rollstuhl, den sie bisher

**Rn. 12**

nicht besitzt, selbständig zu bedienen.

**Rn. 13**

Dar Kläger beabsichtigt, für seine Tochter einen "Rollfiets"

**Rn. 14**

anzuschaffen. Hierbei handelt es sich um einen Fahrrad-.

**Rn. 15**

Rollstuhl, einen Rollstuhl, der auf der Rückseite mit

**Rn. 16**

einem abtrennbaren Fahrradantrieb verbunden ist. Auf-

**Rn. 17**

grund ärztlichen Attestes vom 22.06.1992 wurde die Ver-

**Rn. 18**

sorgung mit einem " Rollfiets " empfohlen.

**Rn. 19**

Nachdem die für den Kläger zuständige Beihilfestelle

**Rn. 20**

die Kostenübernahme in Höhe von 65 % bewilligt hatte,

**Rn. 21**

begehrt der Kläger die weitere Kostenübernahme durch

**Rn. 22**

die Beklagte in Höhe von 35 %.

**Rn. 23**

Gemäß BT l (B) 4. der vereinbarten Versicherungsbedingungen

**Rn. 24**

werden die Kosten für Hilfsmittel in einfacher Ausführung

**Rn. 25**

erstattet. Nach dieser Bestimmung sind "Hilfsmittel,

**Rn. 26**

technische Mittel oder Körperersatzstücke (kein Zahner-

**Rn. 27**

satz), die Behinderungen, Krankheits- oder Unfallfolgen

**Rn. 28**

mildern oder ausgleichen sollen, ausgenommen Heilapparate

**Rn. 29**

und sonstige sanitäre oder medizinisch-technische Bedarfs-

**Rn. 30**

artikel " .

**Rn. 31**

Der Kläger war der Ansicht, daß ein Rollfiets ein Hilfs-

**Rn. 32**

mittel im Sinne der Versicherungsbedingungen sei und

**Rn. 33**

folglich eine anteilige Kostenübernahme durch die Beklagte

**Rn. 34**

zu erfolgen habe.

**Rn. 35**

Der Kläger hat beantragt,

**Rn. 36**

festzustellen,

**Rn. 37**

daß die Beklagte aus dem Versicherungsvertrag

**Rn. 38**

vom O1.01.1990, Versicherungs-Nr.: 18.0026872.5

**Rn. 39**

verpflichtet ist, die Kosten für einen Rollfiets

**Rn. 40**

in Höhe von 2.669,06 DM zu erstatten.

**Rn. 41**

Die Beklagte hat beantragt,

**Rn. 42**

die Klage abzuweisen.

**Rn. 43**

Sie war der Ansicht, daß die Hilfsmitteleigenschaft des

**Rn. 44**

Rollfiets nicht bestünde, da hierdurch eine körperliche

**Rn. 45**

Behinderung nicht unmittelbar gemildert oder ausgeglichen

**Rn. 46**

werde.

**Rn. 47**

Durch Urteil vom 22.12.1993 hat das Amtsgericht Dortmund

**Rn. 48**

der Klage stattgegeben und zur Begründung ausgeführt,

**Rn. 49**

daß ein Rollfiets ein Hilfsmittel im Sinne der Tarif-

**Rn. 50**

bedingungen der Beklagten sei.

**Rn. 51**

Gegen dieses Urteil, das der Beklagten am 14.01.1994

**Rn. 52**

zugestellt worden ist, hat diese mit einem am 11.02.1994

**Rn. 53**

beim Landgericht Dortmund eingegangenen Schriftsatz

**Rn. 54**

Berufung eingelegt und diese mit einem am 04.03.1994

**Rn. 55**

beim Landgericht Dortmund eingegangenen Schriftsatz

**Rn. 56**

begründet.

**Rn. 57**

Die Beklagte und Berufungsklägerin nimmt auf ihr erst-

**Rn. 58**

instanzliches Vorbringen Bezug. Nachdem sie erstinstanzlich

**Rn. 59**

die medizinische Notwendigkeit des Rollfiets unstreitig

**Rn. 60**

stellte, bestreitet sie diese nun wieder.

**Rn. 61**

Die Beklagte und Berufungsklägerin beantragt,

**Rn. 62**

das Urteil des Amtsgerichts Dortmund vom

**Rn. 63**

22.12.1993 abzuändern und die Klage abzuweisen.

**Rn. 64**

Der Kläger und Berufungsbeklagte beantragt,

**Rn. 65**

die Berufung zurückzuweisen.

**Rn. 66**

Der Kläger und Berufungsbeklagte nimmt auf sein erstinstanz-

**Rn. 67**

liches Vorbringen Bezug. Er ist der Ansicht, daß die Be-

**Rn. 68**

klagte gem. §§ 532, 288, 290 ZPO an ihre Erklärung zur

**Rn. 69**

medizinischen Notwendigkeit des Rollfiets gebunden sei.

**Rn. 70**

Darüber hinaus sei die medizinische Notwendigkeit gegeben,

**Rn. 71**

da das Rollfiets folgende Funktionen für die Tochter er-

**Rn. 72**

fülle: . ,

**Rn. 73**

-Es ermögliche die Befriedigung des elementaren Grundbe-

**Rn. 74**

dürfnisses auf Bewegung und Kontakt mit der Natur und

**Rn. 75**

Umwelt;

**Rn. 76**

-es helfe bei der Entwicklung des Gleichgewichtsgefühls

**Rn. 77**

dadurch, daß die Tochter des Klägers die beim Radfahren

**Rn. 78**

übliche Bewegung mitmachen müsse;

**Rn. 79**

-es fördere die Integration in Familie und Umwelt.

## Entscheidungsgründe

**Rn. 81**

Die zulässige Berufung ist nicht begründet.

**Rn. 82**

Dem Kläger steht aufgrund des abgeschlossenen Krankenver-

**Rn. 83**

sicherungsvertrages gegen die Beklagte ein Anspruch auf

**Rn. 84**

anteilige Kostenübernahme für die Anschaffung eines

**Rn. 85**

Rollfiets in Höhe von 2.669.06 DM zu.

**Rn. 86**

Der dahingehende Feststellungsantrag des Klägers ist be-

**Rn. 87**

gründet, weil die Beklagte zur Kostenerstattung

**Rn. 88**

verpflichtet ist.

**Rn. 89**

Ein Rollfiets ist ein Hilfsmittel im Sinne der vereinbarten

**Rn. 90**

Allgemeinen Versicherungsbedingungen. Hiernach sind Hilfs-

**Rn. 91**

mittel technische Mittel oder Körperersatzstücke (kein

**Rn. 92**

Zahnersatz), die Behinderungen, Krankheits- oder Unfallfolgen

**Rn. 93**

mildern oder ausgleichen sollen, ausgenommen Heilapparate

**Rn. 94**

und sonstige sanitäre oder medizinisch-technische Bedarfs-

**Rn. 95**

artikel. Ein Rollfiets ist ein technisches Mittel, welches

**Rn. 96**

eine Behinderung ausgleichen soll.

**Rn. 97**

Der Kläger kann mit Hilfe des Rollfiets seine stark bewegungs

**Rn. 98**

behinderte Tochter bewegen und transportieren. Damit werden

**Rn. 99**

deren behinderungsbedingte Nachteile teilweise ausgeglichen.

**Rn. 100**

Zwar kann nicht Jedes Transportmittel für einen Behinderten

**Rn. 101**

als Hilfsmittel angesehen werden. Vielmehr bedarf die Hilfs-

**Rn. 102**

mitteldefinition insoweit einer Einschränkung, die sich am

**Rn. 103**

Sinn und Zweck des Versicherungsvertrages orientiert.

**Rn. 104**

Dabei ist entscheidend, daß mit dem Hilfsmittel die Be-

**Rn. 105**

hinderung unmittelbar ausgeglichen oder gemindert wird.

**Rn. 106**

Hierfür reicht es aus, daß das Hilfsmittel von vornherein

**Rn. 107**

und im wesentlichen darauf angelegt ist, dem Behinderten

**Rn. 108**

die allgemeine Lebensführung zu erleichtern. Dies ist

**Rn. 109**

vorliegend der Fall.

**Rn. 110**

Daß die Tochter des Klägers aus

**Rn. 111**

Sicherheitsgründen im Rollfiets fixiert wird und auch

**Rn. 112**

den Rollstuhlteil nicht selbständig zu Hilfe nehmen

**Rn. 113**

kann, sondern auf eine Hilfsperson angewiesen ist, ist

**Rn. 114**

unerheblich. Auch wenn der Rollfiets dem Kläger die

**Rn. 115**

Pflege seiner Tochter erleichtert und insoweit auch

**Rn. 116**

ein Pflegemittel ist, so dient und hilft der Rollfiets

**Rn. 117**

primär seiner Tochter. Würde man dagegen bei

**Rn. 118**

Gewährung eines Hilfsmittels auf die selbständige Be-

**Rn. 119**

Nutzung durch den Behinderten abstellen, so würde dies zu dem nicht tragbaren

**Rn. 120**

Ergebnis führen, daß gerade für Schwerstbehinderte,

**Rn. 121**

die völlig bewegungsunfähig sind, kein ( Bewegungs-)

**Rn. 122**

Hilfsmittel zur Verfügung stünde.

**Rn. 123**

Die Versorgung mit einem Rollfiets ist für die Tochter

**Rn. 124**

des Klägers auch medizinisch notwendig. Daß die Be-

**Rn. 125**

klagte die medizinische Notwendigkeit erstinstanzlich

**Rn. 126**

unstreitig stellte, führte nicht zur Bindungswirkung

**Rn. 127**

gem. §§ 532, 288, 290 ZPO. Ein Geständnis muß unbedingt

**Rn. 128**

und unzweifelhaft abgegeben werden. Die Beklagte wollte

**Rn. 129**

erstinstanzlich mit ihrem Prozeßverhalten nur eine recht-

**Rn. 130**

liche Entscheidung zum Auslegungsproblem der Hilfsmittel-

**Rn. 131**

eigenschaft herbeiführen. Um eine Beweisaufnahme und

**Rn. 132**

weitere Verhandlungstage zu ersparen, wurde die medizinische

**Rn. 133**

Notwendigkeit zugestanden. Daß die Beklagte tatsächlich

**Rn. 134**

nicht von der medizinischen Notwendigkeit ausgeht, war

**Rn. 135**

jederzeit offensichtlich.

**Rn. 136**

Eine Beweisaufnahme über die medizinische Notwendigkeit

**Rn. 137**

ist jedoch entbehrlich. Denn das zur Grundversorgung

**Rn. 138**

eines stark bewegungsbehinderten und hirngeschädigten

**Rn. 139**

Patienten auch ein Rollstuhl gehört, ist evident.

**Rn. 140**

Das Grundbedürfnis auf Fortbewegung macht die Versorgung

**Rn. 141**

mit einem Rollstuhl zu einer medizinischen Notwendigkeit.

**Rn. 142**

Nur damit ist dem Behinderten eine Teilnahme am Leben

**Rn. 143**

und eine weitestgehende Integration in Familie und

**Rn. 144**

Gesellschaft möglich.

**Rn. 145**

wenn aber die Versorgung mit einem Rollstuhl medizinisch

**Rn. 146**

notwendig ist, dann ist sie es auch mit einem Rollfiets.

**Rn. 147**

Denn auch ein Rollfiets ist zunächst einmal ein Rollstuhl.

**Rn. 148**

der lediglich aufgrund des Fahrradschiebeteils einen

**Rn. 149**

erhöhten Anwendungsbereich besitzt. Es ist nicht ersicht-

**Rn. 150**

lich, warum ein Rollfiets nicht anstelle eines herkömm-

**Rn. 151**

lichen oder eines elektrisch betriebenen Rollstuhls

**Rn. 152**

zu erstatten ist, denn selbst

**Rn. 153**

einen elektrisch betriebenen Rollstuhl, der

**Rn. 154**

weitaus teurer als ein Rollfiets ist, würde die

**Rn. 155**

Beklagte einem Versicherten, der diesen elektrischen

**Rn. 156**

Rollstuhl benutzen könnte, gewähren.

**Rn. 157**

Die Kostenentscheidung beruht auf § 97 Abs. 1 ZPO

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Zitiervorschlag: Landgericht Dortmund, Urteil vom 17.08.1994 – 1 S 72/94, ECLI:DE:LGDO:1994:0817.1S72.94.00

Quelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

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Nicht-amtliche Fassung — maßgeblich ist die Ausfertigung des Gerichts

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