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# Landgericht Dortmund, Beschluss vom 29.01.1990 – 14 (II) Qs 2/90

ECLI:DE:LGDO:1990:0129.14II.QS2.90.00

## Tenor

wird der Beschluß des Amtsgerichts Dortmund vom 29.12.1989

aufgehoben.

Die Beschlagnahme des Spritzenautomaten an der

T-straße/Ecke L-straße in E wird angeordnet.

## Gründe

**Rn. 2**

Der Beschuldigte X ist Leiter der Drogenberatungsstelle in

**Rn. 3**

E, deren Träger die Gesellschaft für F ist. Am 15.9.1989 ließ der Be-

**Rn. 4**

schuldigte an der T-straße/Ecke L-straße in E

**Rn. 5**

einen sogenannten Spritzenautomaten aufstellen. Dieser Auto-

**Rn. 6**

mat, den die B zur Ver-

**Rn. 7**

fügung gestellt hat, enthält fünf Warenschächte, von denen

**Rn. 8**

drei mit Einwegspritzen und zwei mit Kondomen bestückt sind.

**Rn. 9**

Eine Packung mit zwei Einwegspritzen läßt sich nach Einwerfen

**Rn. 10**

eines 1,00-DM-Stücks ziehen. Nach Mitteilung des Be-

**Rn. 11**

schuldigten X, werden durchschnittlich 20 Packungen pro Tag

**Rn. 12**

erworben. Neben dem Automaten ist ein Behälter zur Aufnahme

**Rn. 13**

gebrauchter Spritzen angebracht.

**Rn. 14**

Mit Antrag vom 19.12.1989 hat die Staatsanwaltschaft Dortmund

**Rn. 15**

die Anordnung der Beschlagnahme des Spritzenautomaten "gem.

**Rn. 16**

§ 33 BtMG" beantragt. Das Amtsgericht Dortmund hat diesen

**Rn. 17**

Antrag mit dem angefochtenen Beschluß vom 29.12.1989 ab-

**Rn. 18**

gelehnt. Hiergegen richtet sich die Beschwerde der Staats-

**Rn. 19**

anwaltschaft, der die Kammer stattgegeben hat.

**Rn. 20**

Die Beschwerde ist zulässig und begründet.

**Rn. 21**

Gem. § 111 b Abs. 1 und 2 StPO ist der Automat durch Be-

**Rn. 22**

schlagnahme sicherzustellen, da dringende Gründe für die

**Rn. 23**

Annahme gegeben sind, daß die Voraussetzungen für seine Ein-

**Rn. 24**

ziehung im späteren Strafverfahren vorliegen.

**Rn. 25**

Gem. § 74 Abs. 1 StGB können Gegenstände, die zur Begehung

**Rn. 26**

einer vorsätzlichen Straftat gebraucht wurden (Tatmittel),

**Rn. 27**

eingezogen werden. Nach Aktenlage ist im gegenwärtigen Stand

**Rn. 28**

des Ermittlungsverfahrens davon auszugehen, daß sich der

**Rn. 29**

Beschuldigte X des vorsätzlichen Verschaffens einer Ge-

**Rn. 30**

legenheit zum unbefugten Verbrauch von Betäubungsmitteln gem.

**Rn. 31**

§ 29 Abs. 1 Nr. 10 BtMG schuldig gemacht hat. Das Verschaffen

**Rn. 32**

einer solchen Gelegenheit setzt nicht die Überlassung von

**Rn. 33**

Rauschgift voraus, denn das unterfiele unmittelbar dem Tat-

**Rn. 34**

bestand des § 29 Abs. 1 Nr. 1 BtMG; es genügt vielmehr die

**Rn. 35**

Herbeiführung günstiger äußerer Umstände, die das unbefugte

**Rn. 36**

Handeln fördern und ihm unmittelbar dienlich sind (vgl.

**Rn. 37**

BayObLG in MDR 1983, Seite 75; Körner, BtMG, 2. Auflage 1985,

**Rn. 38**

§ 29 Rd-Ziff. 565; Joachimski, Betäubungsmittelrecht, 4.

**Rn. 39**

Auflage 1985, § 29 Anm. 20 a); Endriß/MaIek, Betäubungs-

**Rn. 40**

mittelstrafrecht, 1986, Seite 109, 110; Hügel/Junge,

**Rn. 41**

Deutsches Betäubungsmittelrecht, Kommentar, 6. Auflage, Stand

**Rn. 42**

Oktober 1989, BtMG § 29 Rd-Ziff. 20.4; Eberth/Müller, Be-

**Rn. 43**

täubungsmittelrecht, Kommentar und Anleitung für die Praxis,

**Rn. 44**

München 1982, BtMG § 29 Rd-Ziff. 64 mit überwiegend gleich-

**Rn. 45**

lautenden Definitionen). Daß die Überlassung von sterilen

**Rn. 46**

Spritzen zur Injektion von Heroin dem damit vorgenommenen

**Rn. 47**

Rauschgiftgenuß unmittelbar dienlich ist, kann nicht be-

**Rn. 48**

zweifelt werden. Die in dem angefochtenen Beschluß dargelegte

**Rn. 49**

Ansicht, es handele sich lediglich um eine unwesentliche

**Rn. 50**

Förderung, da die Abnehmer -ggf. unter Benutzung gebrauchter

**Rn. 51**

Spritzen- bereits zum Drogenkonsum entschlossen seien, muß

**Rn. 52**

schon deshalb Bedenken begegnen, weil es auf die Ermöglichung

**Rn. 53**

des konkreten Verhaltens ankommt. Auch im Rahmen der Beihilfe

**Rn. 54**

gem. § 27 StGB -und hier handelt es sich um zur Täterschaft

**Rn. 55**

aufgewertete Beihilfehandlungen- ist schließlich nicht er-

**Rn. 56**

heblich, ob der Tatbeitrag des Gehilfen von einem anderen

**Rn. 57**

oder vom Täter selbst hätte geleistet werden können. Unab-

**Rn. 58**

hängig davon läßt sich die der amtsgerichtlichen Würdigung

**Rn. 59**

unausgesprochen zugrundeliegende Beschränkung auf einen be-

**Rn. 60**

stimmten Benutzertypus sachlich nicht rechtfertigen. Es ist

**Rn. 61**

nicht anzunehmen, daß sich allein Drogenkonsumenten des

**Rn. 62**

Automatens bedienen, die über die Möglichkeit verfügen, ohne

**Rn. 63**

weiteres von anderen eine benutzte Spritze zu erhalten. Es

**Rn. 64**

werden vielmehr, wie auch den für die Aufstellung verant-

**Rn. 65**

wortlichen Personen klar sein muß, auch Konsumenten davon

**Rn. 66**

Gebrauch machen, die über eine solche Möglichkeit nicht ver-

**Rn. 67**

fügen. Jedenfalls in solchen nicht fernliegenden Fällen

**Rn. 68**

stellt die Überlassung der Spritze, deren Gebrauch den

**Rn. 69**

Rauschgiftgenuß für die daran gewöhnten Konsumenten

**Rn. 70**

effektiver als im Falle anderer Konsumformen sein läßt, eine

**Rn. 71**

wesentliche Verbesserung der äußeren Umstände für den Rausch-

**Rn. 72**

giftgenuß dar.

**Rn. 73**

Angesichts des klaren Wortsinnes erscheint der Kammer der in

**Rn. 74**

der Literatur (vgl. Kreuzer, Strafrecht als Hindernis sinn-

**Rn. 75**

voller AIDS-Prophylaxe ? in NStZ 1987, Seite 268 f) unter-

**Rn. 76**

nommene Versuch, den Anwendungsbereich der Vorschrift im Wege

**Rn. 77**

der Auslegung nach Entstehungsgeschichte und Gesetzessinn auf

**Rn. 78**

die Fälle einer Kontaktvermittlung zwischen Drogenkonsument

**Rn. 79**

und Bezugsquelle zu beschränken, nicht statthaft.

**Rn. 80**

Daß ihr Handeln gerechtfertigt war, können die für die Auf-

**Rn. 81**

stellung des Automaten verantwortlichen Personen nicht für

**Rn. 82**

sich in Anspruch nehmen. Die Voraussetzungen eines recht-

**Rn. 83**

fertigenden Notstandes gem. § 34 StGB liegen -jedenfalls bei

**Rn. 84**

vorläufiger Bewertung in diesem Verfahrensstadium- nicht vor.

**Rn. 85**

Die Überlassung der Spritzen soll die bei Benutzung einer

**Rn. 86**

gebrauchten Spritze gegebene Gefahr einer HIV-Infektion mit

**Rn. 87**

der Wahrscheinlichkeit eines hierdurch verursachten späteren

**Rn. 88**

Todes abwenden. Das Mittel, mit dem diese Gefahr abgewendet

**Rn. 89**

werden soll, ist dem Rauschgiftkonsum dienlich. Es trägt also

**Rn. 90**

seinerseits zur Aufrechterhaltung einer Abhängigkeit, die als

**Rn. 91**

Gesundheitsbeschädigung einzustufen ist, bei. Dieses Mittel

**Rn. 92**

kann sogar mitursächlich für den Tod des Konsumenten sein,

**Rn. 93**

falls dieser mit Hilfe der überlassenen Spritze versehentlich

**Rn. 94**

oder absichtlich eine Überdosis Heroin einnimmt oder sich die

**Rn. 95**

Wirkung der gewohnten Menge etwa wegen schlechten körper-

**Rn. 96**

lichen Allgemeinzustandes oder aufgrund der Auswirkungen oft

**Rn. 97**

zusätzlich genommener Medikamente als tödlich erweist.

**Rn. 98**

Diese Überlegung zeigt, daß es hier nicht um den Eingriff in

**Rn. 99**

ein Rechtsgut zum Schutze eines höherwertigen anderen Rechts-

**Rn. 100**

gutes geht. Vielmehr sind das beeinträchtigte und das Rechts-

**Rn. 101**

gut, dessen Schutz erstrebt wird, identisch. Zwar findet § 34

**Rn. 102**

StGB auch Anwendung, wenn ein Rechtsgut aus einer akuten

**Rn. 103**

Gefahr nur dadurch gerettet werden kann, daß es einer anderen

**Rn. 104**

Gefahr ausgesetzt wird (vgl. Schönke-Schröder-Lenckner, StGB,

**Rn. 105**

Kommentar, 23. Auflage, § 34 Rd-Ziff. 8) .Infolge der Abgabe

**Rn. 106**

über einen Automaten an einen anonymen Abnehmerkreis ist aber

**Rn. 107**

im Einzelfall völlig offen, ob dem Erwerber die akute Gefahr

**Rn. 108**

droht, anderenfalls eine HIV-Infektion zu erleiden, oder ob

**Rn. 109**

ihm in Wahrheit erst das Mittel überlassen wird, mit dem er

**Rn. 110**

sich Rauschgift auf besonders effiziente Weise -bis zum töd-

**Rn. 111**

lichen Ausgang- verabreichen kann. Allein auf den Einzelfall

**Rn. 112**

ist aber abzustellen. § 34 StGB rechtfertigt nicht, unbe-

**Rn. 113**

stimmt viele Personen anderen Gefahren für Leib und Leben

**Rn. 114**

auszusetzen oder sogar vorhandene Schäden (Abhängigkeit) zu

**Rn. 115**

intensivieren, um für einen Teil dieses Personenkreises die

**Rn. 116**

Gefahr einer HIV-Infektion zu verringern. Im übrigen ist

**Rn. 117**

weder festzustellen, wie hoch das Risiko einer HIV-Infektion

**Rn. 118**

für Betäubungsmittelabhängige ist, noch ist abzuschätzen,

**Rn. 119**

wieviele Infektionen im Falle einer Abgabe der Spritzen ver-

**Rn. 120**

mieden würden.

**Rn. 121**

Nach dem gegenwärtigen Ermittlungsstand bestehen auch

**Rn. 122**

dringende Gründe für die Annahme schuldhaften Verhaltens der

**Rn. 123**

für die Automatenaufstellung Verantwortlichen. Ein unver-

**Rn. 124**

meidbarer Verbotsirrtum dürfte nicht gegeben sein. Zwar hatte

**Rn. 125**

sich das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des

**Rn. 126**

Landes Nordrhein-Westfalen, das die Aufstellung initiiert

**Rn. 127**

hat, auf die Zustimmung des Justizministeriums berufen; je-

**Rn. 128**

doch hat die Staatsanwaltschaft Dortmund, bei der gerade zur

**Rn. 129**

Klärung eines eventuellen Gesetzesverstoßes noch einmal an-

**Rn. 130**

gefragt worden war, von Anfang an auf ihre Bedenken hin-

**Rn. 131**

sichtlich der Gesetzmäßigkeit -zumindest an dem hier in Rede

**Rn. 132**

stehenden Aufstellungsort- hingewiesen, so daß die Be-

**Rn. 133**

teiligten nicht geltend machen können, sie hätten ihr Tun für

**Rn. 134**

erlaubt gehalten. Dementsprechend hat der Beschuldigte X

**Rn. 135**

in seiner verantwortlichen Vernehmung auch sinngemäß ange-

**Rn. 136**

geben, er sei wegen der von der Staatsanwaltschaft erhobenen

**Rn. 137**

Bedenken völlig überrascht gewesen, sie hätten jedoch die

**Rn. 138**

Ansicht vertreten, daß dieser Konflikt ausgetragen werden

**Rn. 139**

müßte. Schließlich ist auch nicht ersichtlich, daß einer der

**Rn. 140**

Beteiligten -was einem Tatbestandsirrtum gleichzustellen

**Rn. 141**

wäre- über die tatbestandlichen Voraussetzungen des § 34 StGB

**Rn. 142**

als eines in Betracht kommenden Rechtfertigungsgrundes irrte.

**Rn. 143**

Bei ihrer vorläufigen Würdigung hat die Kammer nicht ver-

**Rn. 144**

kannt, daß die Beteiligten aus sozialer Verantwortung und in

**Rn. 145**

der Absicht handelten, der Ausbreitung des auf Dauer wohl

**Rn. 146**

tödlichen HIV-Virus unter den Betäubungsmittelabhängigen

**Rn. 147**

entgegenzuwirken. Dieses anerkennenswerte Ziel kann aber den

**Rn. 148**

Verstoß gegen bestehende Strafvorschriften weder recht-

**Rn. 149**

fertigen noch entschuldigen.

**Rn. 150**

Der Einziehung steht schließlich nicht entgegen, daß der

**Rn. 151**

Automat im Eigentum der B

**Rn. 152**

steht. Das Ermittlungsverfahren richtet sich gegen alle für

**Rn. 153**

die Aufstellung und Betreibung des Automaten verantwortlichen

**Rn. 154**

Personen und beschränkt sich nicht auf den Beschuldigten

**Rn. 155**

X. Von daher wird die Einziehung im späteren Strafver-

**Rn. 156**

fahren gem. § 74 Abs. 2 Nr. 1 StGB zulässig sein, auch wenn

**Rn. 157**

zur Zeit das als Tatteilnehmer in Betracht kommende Organ der

**Rn. 158**

B namentlich noch nicht feststeht.

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Zitiervorschlag: Landgericht Dortmund, Beschluss vom 29.01.1990 – 14 (II) Qs 2/90, ECLI:DE:LGDO:1990:0129.14II.QS2.90.00

Datenquelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

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