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# Landgericht Dortmund, Urteil vom 11.05.1987 – 17 O 39/86

ECLI:DE:LGDO:1987:0511.17O39.86.00

## Tenor

Der Beklagte wird verurteilt, an die Klägerin ein

weiteres Schmerzensgeld von 10.000,— DM ( i.W. zehn -

tausend Deutsche Mark) nebst 4 % Zinsen seit dem 01.

Dezember 1985 sowie weitere 1.170,-- DM (i.W. eintau-

Sendeinhundertundsiebzig Deutsche Mark) nebst 4 % Zin-

sen seit dem 07. Januar 1987 zu zahlen.

Ferner wird festgestellt, daß der Beklagte verpflichtet

ist, der Klägerin auch den weiteren Schaden aus der zahn-

ärztlichen Behandlung zwischen dem 20. August 1984 und

dem 30. April 1985 zu ersetzen, soweit die Ansprüche nicht

auf öffentlich-rechtliche Leistungsträger übergegangen sind

oder übergehen.

Die Kosten des Rechtsstreits trägt der Beklagte.

Das Urteil ist für die Klägerjn gegen Sicherheitsleistung

in Höhe von 15.000.- DM vorläufig vollstreckbar.

**Rn. 1**

T a t b e s t a n d

**Rn. 2**

Am 20. 08.1984 suchte die damals 39-jährige Klägerin wegen

**Rn. 3**

starker Schmerzen Im Unter -und Oberkiefer die zahnärztliche

**Rn. 4**

Praxis des Beklagten auf. Der Beklagte diagnostizierte

**Rn. 5**

aufgrund des erhobenen Röntgenbefundes eine Paradontitis

**Rn. 6**

chronica. Er riet der Klägerin zur umfangreichen Extraktion

**Rn. 7**

seiner Ansicht nach nicht erhaltungswürdiger Zähne und zur

**Rn. 8**

Eingliederung eines teils festen, teils herausnehmbaren

**Rn. 9**

Zahnersatzes.

**Rn. 10**

Im weiteren Verlauf der Behandlung extrahierte der Beklagte

**Rn. 11**

die Schneidezähne 11, 12., 21, 22, 31, 32, 41, 42, die

**Rn. 12**

gelockert und wegen des starken sagittalen Knochenabbaus bis

**Rn. 13**

zum unteren Drittel der Wurzel sichtbar waren. Da die Zähne

**Rn. 14**

seiner Ansicht nach temperatur- und perkussionsempfindlich

**Rn. 15**

waren, hielt er sie klinisch nicht für erhaltungswürdig. Im

**Rn. 16**

Oberkiefer links extrahierte er die Zähne 24, 25 und 26 sowie

**Rn. 17**

im Unterkiefer links den Weisheitszahn 38.

**Rn. 18**

Zur prothetischen Versorgung gliederte er am31.01.1985 im

**Rn. 19**

Unterkiefer links eine Brücke sowie eine herausnehmbare

**Rn. 20**

Prothese rechts und im Oberkiefer eine feste Brücke ein.

**Rn. 21**

Da die prothetische Versorgung jedoch nicht gelungen war, kam

**Rn. 22**

es auf der linken Kieferhälfte nur zu einer punktuellen

**Rn. 23**

Okklusion. Die Klägerin versuchte diese durchein geändertes

**Rn. 24**

Kauverhalten auszugleichen mit der Folge, daß sich die

**Rn. 25**

Kiefermuskulatur verspannte, weil sie die Zähne beim Kau-

**Rn. 26**

vorgang überlastete. Die Klägerin litt deshalb in der

**Rn. 27**

Folgezeit vermehrt unter Kopfschmerzen sowie neuromuskulären

**Rn. 28**

Beschwerden. Insgesamt 12 Nachbehandlungsversuche des

**Rn. 29**

Beklagten erbrachten keine Linderung, so daß die Klägerin ab

**Rn. 30**

dem 30.04.1985 eine weitere Behandlung durch ihn ablehnte.

**Rn. 31**

Durch Vermittlung ihrer Krankenkasse suchte sie zunächst am

**Rn. 32**

05.08.1985 den Zahnarzt F in E und am

**Rn. 33**

27.08.1985 den Zahnarzt Dr. C in M auf. Beide Ärzte

**Rn. 34**

kamen in Ihren Stellungnahmen übereinstimmend zu dem

**Rn. 35**

Ergebnis, daß der vom Beklagten eingegliederte Zahnersatz

**Rn. 36**

weder ausreichende Okklusion noch Artikulation habe und

**Rn. 37**

optisch ein wenig ansprechendes Bild bot. Das von Dr. C

**Rn. 38**

vorgenommene Einschleifen der Prothesen brachte der Klägerin

**Rn. 39**

spontan eine Linderung der druckdolenten Kaumuskulatur.

**Rn. 40**

Seit Dezember 1985 befindet sich die Klägerin in zahn-

**Rn. 41**

ärztlicher Behandlung in der Universitäts- Zahnklinik in

**Rn. 42**

N, in deren Verlauf die vom Beklagten gefertigten

**Rn. 43**

Prothesen entfernt und zunächst durch ein Provisorium ersetzt

**Rn. 44**

Wurden.

**Rn. 45**

Die Klägerin nimmt den Beklagten auf Ersatz Ihres materiellen

**Rn. 46**

Schadens und auf Zahlung eines angemessenen Schmerzensgeldes

**Rn. 47**

in Anspruch und begehrt darüber hinaus die Feststellung

**Rn. 48**

seiner Ersatzpflicht für Zukunftsschäden.

**Rn. 49**

Sie behauptet, die Extraktion der Zähne sei fehlindiziert

**Rn. 50**

gewesen, da schon eine Parodontopathie- Behandlung zur

**Rn. 51**

Linderung ihrer Schmerzen und zum Erhalt ihrer Zähne aus-

**Rn. 52**

gereicht hätte. Der vom Beklagten gefertigte und ihr ein-

**Rn. 53**

gepaßte Zahnersatz sei fehlerhaft und für sie wertlos

**Rn. 54**

gewesen, da es ihm auch bei zwölf Nachbehandlungen nicht

**Rn. 55**

gelungen sei, den Zahnersatz funktionsfähig zu machen. Der

**Rn. 56**

Beklagte habe sie auch nicht über mögliche Behandlungs-

**Rn. 57**

alternativen informiert und somit seine Aufklärungspflicht

**Rn. 58**

verletzt.

**Rn. 59**

Die Klägerin beantragt,

**Rn. 60**

1. den Beklagten zu verurteilen,

**Rn. 61**

a) an sie ein angemessenes Schmerzensgeld zu

**Rn. 62**

zahlen, dessen Höhe in das Ermessen des

**Rn. 63**

Gerichtes gestellt wird –Mindestvorstellung:

**Rn. 64**

10.000,- DM -, nebst 4 % Zinsen seit dem

**Rn. 65**

01.12.1985 abzüglich gezahlter 1.500,—DM,

**Rn. 66**

b) an sie 1.170,-DM nebst 4% Zinsen seit dem

**Rn. 67**

07.01.1987 zu zahlen;

**Rn. 68**

2. festzustellen, daß der Beklagte verpflichtet

**Rn. 69**

ist, Ihr auch den weiteren Schaden aus der

**Rn. 70**

zahnmedizinischen Fehlbehandlung zwischen

**Rn. 71**

September 1984 und dem 30.04.1985 zu ersetzen,

**Rn. 72**

soweit Ersatzansprüche nicht auf öffentlich-

**Rn. 73**

rechtliche Leistungsträger übergegangen sind.

**Rn. 74**

Der Beklagte beantragt,

**Rn. 75**

die Klage abzuweisen.

**Rn. 76**

Er bestreitet das Vorliegen eines schuldhaften Behandlungs-

**Rn. 77**

fehlers. Die Extraktion der Zähne sei indiziert gewesen, da

**Rn. 78**

sie perkussions- und temperaturempfindlich und somit nicht

**Rn. 79**

mehr erhaltungswürdig gewesen seien. Unter diesen Umständen

**Rn. 80**

sei die von Ihm gewählte prothetische Versorgung angezeigt

**Rn. 81**

gewesen. Die von der Klägerin geschilderten Schmerzen seien

**Rn. 82**

psychogen bedingt und Ausdruck eines myofacialen Schmerz-

**Rn. 83**

syndroms.

**Rn. 84**

Wegen der Einzelheiten des Vorbringens der Parteien wird auf

**Rn. 85**

den vorgetragenen lnhalt ihrer Schriftsätze und der

**Rn. 86**

überreichten Anlagen Bezug genommen. Die Kammer hat Beweis

**Rn. 87**

erhoben durch Vernehmung des Leiters der Abteilung Zahn-

**Rn. 88**

ärztliche Prothetik der Poliklinik und Klinik für Zahn-,

**Rn. 89**

Mund- und Kieferkrankheiten der Westfälischen X

**Rn. 90**

Universität in N, Prof. Dr. med. dent. O

**Rn. 91**

als medizinischen Sachverständigen. Wegen des

**Rn. 92**

Ergebnisses der Beweisaufnahme wird auf den Inhalt der

**Rn. 93**

Sitzungsniederschrift vom 11.05.1987 Bezug genommen.

**Rn. 94**

E n t sch e i d u n g s g r ü n d e

**Rn. 95**

Die Klage ist begründet.

**Rn. 96**

Der Beklagte ist verpflichtet, an die Klägerin ein

**Rn. 97**

Schmerzensgeld (§ 847 BGB) in Höhe von weiteren 10.000,—DM

**Rn. 98**

sowie zum Ausgleich der ihr infolge der zahnärztlichen

**Rn. 99**

Behandlung in der Universitäts-Zahnklinik in N ent-

**Rn. 100**

standenen Fahrtkosten einen Betrag, von 1. 170 ,-- DM zu zahlen.

**Rn. 101**

Er hat darüber hinaus der Klägerin allen materiellen und

**Rn. 102**

immateriellen Zukunftsschaden zu ersetzen, der ihr aus der

**Rn. 103**

zahnprothetischen Fehlbehandlung in der Zeit vom 26.08.1984

**Rn. 104**

bis 30.04.1985 noch entstehen wird, soweit die Ansprüche.

**Rn. 105**

nicht auf öffentlich- rechtliche Leistungsträger übergegangen

**Rn. 106**

sind.

**Rn. 107**

Zur Überzeugung der Kammer hat die Beweisaufnahme ergeben,

**Rn. 108**

daß dem Beklagten bei der zahnprothetischen Behandlung der

**Rn. 109**

Klägerin schuldhafte Behandlungsfehler unterlaufen sind. Bei

**Rn. 110**

dieser Beurteilung stützt sich die Kammer im wesentlichen auf

**Rn. 111**

das Gutachten des Sachverständigen Prof.Dr. O, der

**Rn. 112**

als hoch renommierter und sehr erfahrener Zahnprothetiker zur

**Rn. 113**

Beurteilung gerade der hier in Rede stehenden Problematik in

**Rn. 114**

besonderem Maße berufen ist.

**Rn. 115**

Nach den Ausführungen des Sachverständigen ist davon aus-

**Rn. 116**

zugehen, daß die Extraktion der Schneidezähne 11,12, 21, 22,

**Rn. 117**

31, 32, 41, 42, des Zahnes 25 im Oberkiefer links und des

**Rn. 118**

Weisheitszahnes 38 zum damaligen Zeitpunkt fehlindiziert war.

**Rn. 119**

Zwar konnte der Beklagte den damaligen Röntgenaufnahmen

**Rn. 120**

entnehmen, daß die Beklagte an einer Parodontopathie, einer

**Rn. 121**

Vorstufe zur Parodontitis, litt. Ihre Erkrankung war jedoch

**Rn. 122**

nicht so weit fortgeschritten, daß der Befund die Extraktion

**Rn. 123**

der Zähne rechtfertigte. In der Zahnmedizin gilt nämlich der

**Rn. 124**

allgemein anerkannte Grundsatz, daß eine Zahnextraktion erst

**Rn. 125**

als letzte Behandlungsmöglichkeit indiziert ist, wenn

**Rn. 126**

konservierende Behandlungsalternativen zu keiner Besserung

**Rn. 127**

geführt haben. Die konservierende Behandlungsmöglichkeit ist

**Rn. 128**

vor allen Dingen bei einer Erkrankung des Patienten an

**Rn. 129**

Parodontopathie dringend angezeigt, da die systematische

**Rn. 130**

Parodontal-Behandlung in den letzten Jahren erheblich fortentwickelt

**Rn. 131**

worden ist und vielfach zu durchgreifenden Besserungen des Gesund,-

**Rn. 132**

heitszustandes führt. Diesen in der Zahnmedizin

**Rn. 133**

geltenden Grundsatz hat der Beklagte nicht beachtet, als er

**Rn. 134**

ohne den Versuch einer systematischen Parodontal- Behandlung

**Rn. 135**

unternommen zu haben, sofort die acht Schneidezähne sowie den

**Rn. 136**

Zahn 5 oben links und den Weisheitszahn 8 unten links

**Rn. 137**

extrahierte. Von der systematischen Parodontal- Behandlung

**Rn. 138**

darf auch dann nicht abgesehen werden, wenn, wie der Beklagte

**Rn. 139**

behauptet, die Klägerin zu Beginn der Behandlung über

**Rn. 140**

Schmerzen an den bereits gelockerten Schneidezähnen geklagt

**Rn. 141**

haben sollte. Auch in diesem Fall ist eine Behandlung der

**Rn. 142**

Parodontopathie indiziert. Hierdurch kann nämlich das

**Rn. 143**

Parodontium gesunden, so dass die Zähne, selbst wenn sie etwas

**Rn. 144**

gelockert bleiben, durchaus noch ihre Funktion erfüllen können.

**Rn. 145**

Von einer Parodontal- Behandlung hätte der Beklagte nur absehen

**Rn. 146**

dürfen, wenn bei der Klägerin damals eine sogenannte pro-

**Rn. 147**

gessive Parodontopathie vorgelegen hätte. In diesem Falle

**Rn. 148**

hätte eine systematische Behandlung zu keinem Erfolg geführt,

**Rn. 149**

so daß bei diesem Befund die Extraktion indiziert gewesen

**Rn. 150**

wäre. Für das Vorliegen dieses Befundes bei Beginn der

**Rn. 151**

Behandlung der Klägerin ergeben sich jedoch keine Anhalts-

**Rn. 152**

punkte, und zwar weder aus den von dem Beklagten gefertigten

**Rn. 153**

Röntgenaufnahmen noch aus seiner Dokumentation, so daß die

**Rn. 154**

sofortige Extraktion der Zähne hier fehl indiziert war.

**Rn. 155**

Hier ist dem Beklagten mit seiner gewählten Behandlungs-

**Rn. 156**

methode ein vorwerfbarer Behandlungsfehler unterlaufen.

**Rn. 157**

Es liegen auch keine Anhaltspunkte dafür vor, daß eine

**Rn. 158**

Parodontal- Behandlung bei der Klägerin erfolglos geblieben

**Rn. 159**

und deshalb die Extraktion der Zähne schließlich notwendig

**Rn. 160**

gewesen wäre. Nach den überzeugenden Ausführungen des

**Rn. 161**

Sachverständigen ist vielmehr davon auszugehen, dass die

**Rn. 162**

extrahierten Schneidezähne sowie die Zähne 5 oben links und 8

**Rn. 163**

unten links bei einer Parodontal- Behandlung gute Chancen

**Rn. 164**

hatten, daß das paradontium gesundete und so die Zähne

**Rn. 165**

erhalten werden konnten. Hierfür spricht nach den Röntgen-

**Rn. 166**

aufnahmen insbesondere auch der Umstand, daß zum Beispiel

**Rn. 167**

beim Zahn 3 oben links der Parodontopathie- Befund ausge-

**Rn. 168**

prägter ist als bei den extrahierten Schneidezähnen, der Zahn

**Rn. 169**

oben links aber noch heute erhalten ist.

**Rn. 170**

Beider Eingliederung des Zahnersatzes sind dem Beklagten

**Rn. 171**

weitere schuldhafte Behandlungsfehler unterlaufen.

**Rn. 172**

Nach den Ausführungen des Sachverständigen ist die Okklusion

**Rn. 173**

bei dem eingegliederten Zahnersatz trotz sichtbarer Ein-

**Rn. 174**

schleifmaßnahmen nicht gelungen. Hiervon konnte sich die

**Rn. 175**

Kammer anhand der in der Universitäts- Zahnklinik N

**Rn. 176**

gefertigten Modelle des Ober- und Unterkiefers der Klägerin,

**Rn. 177**

die zu Beginn ihrer Behandlung in der Klinik gefertigt worden

**Rn. 178**

waren, überzeugen. Die unzureichende .Okklusion beruhte

**Rn. 179**

darauf, dass die Bißnahme, d.h. die Stellung der Zahnreihe Im

**Rn. 180**

Oberkiefer zu derjenigen im Unterkiefer, nicht gelungen ist.

**Rn. 181**

Ein solcher Fehler in der Gebissnahme ist zwar im allgemeinen

**Rn. 182**

nicht schwerwiegend und durch instrumentelles Nachregulieren

**Rn. 183**

korrigierbar. Diese Möglichkeit schied jedoch hier bei der

**Rn. 184**

Klägerin infolge eines weiteren gravierenden Behandlungs-

**Rn. 185**

fehlers aus. Bei den vom Beklagten angepaßten Prothesen im

**Rn. 186**

Oberkiefer sind vier von fünf Kronen und im.Unterkiefer fünf Kronen

**Rn. 187**

teilweise deutlich seitlich versetzt auf die Zahnhälse

**Rn. 188**

aufgesetzt worden, wie die vom Sachverständigen angefertigte

**Rn. 189**

Panoramaaufnahme deutlich zeigt. Hierdurch sind bei der

**Rn. 190**

Klägerin im Bereich der Kronenränder zwischen den Kronen und den

**Rn. 191**

Zahnhälsen Hohlräume entstanden, die, wie die Kammer als

**Rn. 192**

Spezialkammer für Arzthaftpflichtsachen aufgrund ihrer Erfahrung

**Rn. 193**

Aus vergleichbaren Fällen weiß, ideale

**Rn. 194**

Nährböden für Bakterienbesiedlung bilden und zu schmerzhaften

**Rn. 195**

Entzündungen im Kieferbereich führen können. Der Beklagte

**Rn. 196**

hätte bei Eingliederung der Prothesen ernennen müssen, daß

**Rn. 197**

die vom Zahnprothektiker gefertigten Kronen nicht mit den

**Rn. 198**

Zahnstümpfen schlossen und daher davon absehen müssen, diesen

**Rn. 199**

Zahnersatz einzupassen. Daß er die Prothesen trotz Ihrer

**Rn. 200**

erkennbar gravierenden Mängel eingliederte, ist ihm als weiterer

**Rn. 201**

schuldhafter Behandlungsfehler zur Last zu legen. Die

**Rn. 202**

eingepaßten Prothesen entsprachen aufgrund dieser Mängel

**Rn. 203**

nicht einer ausreichenden zahnärztlichen Versorgung und

**Rn. 204**

mußten deshalb in der Universitäts-Zahnklinik N

**Rn. 205**

entfernt werden.

**Rn. 206**

Infolge der fehlsamen Behandlung hatte die Klägerin gut zwei

**Rn. 207**

Jahre unter einer Myoarthopathie mit Dauerschmerz zu leiden.

**Rn. 208**

Diese Schmerzen rührten daher, daß der Mensch

**Rn. 209**

zu einem festeren Zubeißen neigt, wenn auf einer Gebißhälfte

**Rn. 210**

keine Okklusion yorhanden ist. Hierdurch überanstrengt er

**Rn. 211**

- wie dies auch bei der Klägerin geschehen ist - die Kaumuskulatur

**Rn. 212**

und das Kiefergelenk, so daß Schmerzen auftreten.

**Rn. 213**

Hinzu kamen bei der Klägerin auch die Schmerzen von den

**Rn. 214**

lokalen Entzündungen als Folge der nicht gut schließenden

**Rn. 215**

Kronenränder.

**Rn. 216**

Die dem Beklagten bei der zahnprothetischen Behandlung

**Rn. 217**

unterlaufenen schuldhaften Behandlungsfehler und die hier-

**Rn. 218**

durch der Klägerin entstandenen Schmerzen und Unbilligkeiten

**Rn. 219**

rechtfertigen die Zubilligung eines Schmerzensgeldes, das die

**Rn. 220**

Kammer unter Berücksichtigung des von der Haftpflichtver-

**Rn. 221**

sicherung des Beklagten vorgerichtlich gezahlten Betrages von

**Rn. 222**

1.500,- DM mit einem weiteren Betrag von 10.000,- DM für

**Rn. 223**

erforderlich, aber andererseits auch für angemessen erachtet.

**Rn. 224**

Bei der Bemessung der Höhe des Schmerzensgeldes war zu

**Rn. 225**

berücksichtigen, daß sich die Klägerin infolge der fehlsamen

**Rn. 226**

zahnprothetlschen Behandlung einer langwierigen Nachbe-

**Rn. 227**

handlung unterziehen mußte, die bis heute noch nicht ab-

**Rn. 228**

geschlossen ist, da die Krankenkasse der Klägerin zur

**Rn. 229**

Übernahme der für die Anfertigung einer neuen Zahnprothetik

**Rn. 230**

notwendigen Kosten bisher nicht bereit war. Noch heute trägt die

**Rn. 231**

Klägerin deshalb ein Provisorium. Diese Behandlung war für sie

**Rn. 232**

mit verständlich starken Schmerzen verbunden, die

**Rn. 233**

nicht zuletzt von den lokalen Entzündungen als Folge der

**Rn. 234**

nicht gutschließenden Kronenränder und der Überanstrengung

**Rn. 235**

ihrer Kaumuskulatur wegen der unzureichenden Okklusion

**Rn. 236**

herrührten. Hierdurch hat die Klägerin eine nicht unbe-

**Rn. 237**

trächtliche Einbuße an Lebensfreude erlitten und ist in ihrer

**Rn. 238**

Lebensführung eingeschränkt worden. Diese Einbußen wird sie

**Rn. 239**

auch in Zukunft noch erfahren. Diese Umstände waren bei der

**Rn. 240**

Bemessung der Höhe des Schmerzensgeldes für die Kammer

**Rn. 241**

entscheidend. Immerhin hat nämlich die Klägerin in noch

**Rn. 242**

Jungen Jahren bereits elf erhaltungswürdige Zähne verloren,

**Rn. 243**

ohne daß für ihre Extraktion ein ausreichender Befund vorlag.

**Rn. 244**

Gerade die fehlsame Extraktion der Sohneidezähne hat für die

**Rn. 245**

Klägerin die schwerwiegende Folge, daß bei ihr nunmehr ein

**Rn. 246**

Fester Zahnersatz nicht mehr eingegliedert werden kann. Die

**Rn. 247**

herausnehmbaren Prothesen im Ober- und Unterkiefer werden sie

**Rn. 248**

in ihrer Lebensführung erheblich beeinträchtigen. Die neuen

**Rn. 249**

Prothesen bedürfen gründlicherer Pflege und sind gegen

**Rn. 250**

Schäden eher anfällig, als feste im Kieferbereich einge-

**Rn. 251**

gliederte Zahnprothesen. Dieser Umstand wird von der

**Rn. 252**

Klägerin als einer noch Jungen Frau wesentlich intensiver

**Rn. 253**

als von anderen Menschen in vergleichbarer Situation em-

**Rn. 254**

funden, was die Zubilligung eines vergleichbar hohen

**Rn. 255**

Schmerzensgeldes rechtfertigt.

**Rn. 256**

Der Beklagte ist darüber hinaus verpflichtet, der Klägerin

**Rn. 257**

die Fahrtkosten zu der Universitäts- Zahnklinik in N zu

**Rn. 258**

ersetzen, die sie mit 65 Fahrten a 130 km zu 0,50 DM/km mit

**Rn. 259**

insgesamt 1.170,- DM angemessen berechnet hat. Erst

**Rn. 260**

die gravierenden Folgen seiner fehlsamen zahnprothetischen

**Rn. 261**

Behandlung haben es nämlich erfordert, daß sich die Klägerin

**Rn. 262**

in die Behandlung einer Spezialklinik begeben mußte.

**Rn. 263**

Zinsen kann die Klägerin für den Schmerzensgeldbetrag sowie

**Rn. 264**

für die Erstattung der Fahrtkosten In beantragter Höhe gemäß

**Rn. 265**

§§ 286, 288 Abs. 1 BGB verlangen.

**Rn. 266**

Der Feststellungsantrag der Klägerin ist begründet, weil sie

**Rn. 267**

angesichts der durch die fehlerhafte zahnprothetische Behandlung

**Rn. 268**

entstandenen und möglicherweise noch zu erwartenden

**Rn. 269**

materiellen und immateriellen Schäden ein rechtliches

**Rn. 270**

Interesse im Sinne des § 256 Abs.1 ZPO an der Feststellung

**Rn. 271**

einer bestehenden Ersatzpflicht des Beklagten hat. Im-

**Rn. 272**

materielle Zukunftsschäden wird sie allerdings nur ersetzt

**Rn. 273**

verlangen können, soweit diese auf der fehlerhaften Behandlung

**Rn. 274**

des Beklagten beruhen und Schäden betreffen, die nicht

**Rn. 275**

bereits durch den ihr zuerkannten Schmerzensgeldbetrag

**Rn. 276**

abgedeckt sind. Bei der Bemessung des Schmerzensgeldes hat

**Rn. 277**

die Kammer nämlich bereits alle entstandenen Unbilligkelten

**Rn. 278**

berücksichtigt, insbesondere die ihr durch das Tragen eines

**Rn. 279**

herausnehmbaren Zahnersatzes auch zukünftig entstehenden

**Rn. 280**

Unannehmlichkeiten.

**Rn. 281**

Für die Zuerkennung eines immateriellen Zukunftsschadens bleibt

**Rn. 282**

somit nur für solche Unbilligkeiten Raum, die bisher nicht erkennbar

**Rn. 283**

sind.

**Rn. 284**

Die Kostenentscheidung ergibt sich aus § 91 ZPO, diejenige

**Rn. 285**

für die vorläufige Vollstreckbarkeit aus § 709 Satz 1 ZPO.

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Zitiervorschlag: Landgericht Dortmund, Urteil vom 11.05.1987 – 17 O 39/86, ECLI:DE:LGDO:1987:0511.17O39.86.00

Datenquelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

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