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# Landgericht Dortmund, Beschluss vom 24.11.1982 – 14 (II) Qs 22/82

ECLI:DE:LGDO:1982:1124.14II.QS22.82.00

## Tenor

Der angefochtene Beschluß wird dahin abgeändert, daß gegen

den Zeugen C -Beschwerdeführer- ein Ordnungsgeld von

100, --DM, ersatzweise 2 Tage Ordnungshaft, festgesetzt wird.

Die weitergehende Beschwerde wird zurückgewiesen.

Der Beschwerdeführer trägt die Kosten des Verfahrens.

Von den notwendigen Auslagen des Beschwerdeführers trägt die

Staatskasse 3/4; 1/4 trägt der Beschwerdeführer selbst.

**Rn. 1**

G r ü n d e:

**Rn. 2**

I.)

**Rn. 3**

In dem Strafverfahren 9 Ls 11Js 66/81 ist der Drogenabhängige

**Rn. 4**

E am 1.6.1981 vom Amtsgericht -Schöffengericht- Unna wegen fortgesetzten Erwerbs von Heroin zum Eigenverbrauch, in zwei

**Rn. 5**

Einzelfällen i n Tateinheit mit

**Rn. 6**

Handeltreiben mit Heroin in besonders schwerem Fall, zu einer

**Rn. 7**

Freiheitsstrafe von 1 Jahr verurteilt worden. Die Vollstreckung

**Rn. 8**

der Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Als

**Rn. 9**

Bewährungsauflage hat das Amtsgericht dem Verurteilten

**Rn. 10**

aufgegeben, sich bei der Drogenhilfe in I zu melden und

**Rn. 11**

jeder Anweisung der Drogenberater Folge zu leisten. Bei der

**Rn. 12**

Drogenhilfe I handelt es sich um den Arbeitskreis für

**Rn. 13**

Jugendhilfe e.V., Beratungsstelle für Drogenfragen und

**Rn. 14**

Krisenhilfe, I. Zwischenzeitlich

**Rn. 15**

sind Anerkennungsverfahren für Drogenberatungsstellen

**Rn. 16**

durchgeführt worden, denen auch die Drogenhilfe I unterworfen

**Rn. 17**

worden ist. Als Betreuer für den Verurteilten wurde

**Rn. 18**

der Beschwerdeführer, von Beruf Sozialarbeiter, eingesetzt.

**Rn. 19**

Da der Amtsrichter sich ein Bild über das Bewährungsverhalten

**Rn. 20**

des Verurteilten machen wollte, forderte er von der Drogenhilfe

**Rn. 21**

I im Rahmen der Bewährungsüberwachung einen Bericht

**Rn. 22**

an. Mehrere Aufforderungen zur Abgabe dieses Berichts blieben

**Rn. 23**

jedoch erfolglos.

**Rn. 24**

Erst mit Schreiben vom 10.2.1982 übersandte der Verurteilte

**Rn. 25**

an den Amtsrichte r ein Schreiben folgenden Inhalts:

**Rn. 26**

"Am 2.11.1981 habe ich meine Therapie bei C

**Rn. 27**

nach knapp 3 Monaten abgebrochen, weil ich mich nicht richtig

**Rn. 28**

in die Gruppe integrieren konnte. Ich fühlte mich dort als

**Rn. 29**

Außenseiter. Trotzdem meine ich, daß die Therapie mir einiges

**Rn. 30**

gebracht hat, weil ich seitdem nicht wieder rückfällig

**Rn. 31**

geworden bin.

**Rn. 32**

Ich habe am 19.11.1981 eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vom

**Rn. 33**

Arbeitsamt beim Kreis Unna bekommen, die aber schon am

**Rn. 34**

8.1.1982 auslief. Seitdem bemühe ich mich beim Arbeitsamt um

**Rn. 35**

eine Umschulung bzw. Lehrstelle. Da aber die Lehrstellen zur

**Rn. 36**

Zeit sehr knapp sind und mein Antrag für die Umschulung noch

**Rn. 37**

nicht endgültig bearbeitet ist, kann ich darüber noch nichts

**Rn. 38**

genaueres sagen.

**Rn. 39**

Auch im privaten Bereich komme ich gut klar. Ich habe eine

**Rn. 40**

neue Freundin und einen neuen Freundeskreis, mit denen ich

**Rn. 41**

öfter Sport treibe. Außerdem habe ich noch regelmäßigen

**Rn. 42**

Kontakt mit der Drogenberatungsstelle in I."

**Rn. 43**

Dieses vom Verurteilten unterschriebene Schreiben ist vom

**Rn. 44**

Beschwerdeführer mitunterzeichnet worden.

**Rn. 45**

Da dem Amtsrichter nach eigenen Angaben der Inhalt dieses

**Rn. 46**

Schreibens zur Beurteilung des Bewährungsverhaltens des

**Rn. 47**

Verurteilten nicht ausreichte, beraumte er einen Vernehmungstermin

**Rn. 48**

an, indem der Beschwerdeführer förmlich, als

**Rn. 49**

Zeuge vernommen werden sollte.

**Rn. 50**

Der Beschwerdeführer erschien zu diesem Termin in seiner

**Rn. 51**

Eigenschaft als Zeuge. Er weigerte sich jedoch, zur Sache

**Rn. 52**

Auszusagen. Insbesondere lehnte er es ab, selbst die Frage zu

**Rn. 53**

beantworten, ob der Verurteilte überhaupt Kontakt mit dem

**Rn. 54**

Arbeitskreis für Jugendhilfe aufgenommen habe. Der Beschwerdeführer

**Rn. 55**

erklärte vielmehr, grundsätzlich zur Sache

**Rn. 56**

nichts aussagen zu wollen. In diesem Zusammenhang berief er

**Rn. 57**

sich auf eine Schweigepflicht, die sich die Mitarbeiter der

**Rn. 58**

Beratungsstelle selbst auferlegt hätten.

**Rn. 59**

Das Amtsgericht erließ daraufhin den angefochtenen Ordnungsgeldbeschluß,

**Rn. 60**

durch den dem Beschwerdeführer wegen seiner

**Rn. 61**

Weigerung, als Zeuge auszusagen, die Kosten auferlegt wurden,

**Rn. 62**

die durch seine Weigerung entstanden sind. Zugleich wurde

**Rn. 63**

gegen den Zeugen ein Ordnungsgeld in Höhe von 4oo,--DM,

**Rn. 64**

ersatzweise 8 Tage Ordnungshaft festgesetzt.

**Rn. 65**

Mit dem zulässigen Rechtsmittel der Beschwerde wendet sich

**Rn. 66**

der Zeuge als Beschwerdeführer gegen den vorerwähnten

**Rn. 67**

Beschluß. Zur Begründung trägt er vor, ihm habe ein Zeugnisverweigerungsrecht

**Rn. 68**

zugestanden. Dazu führt der Beschwerdeführer

**Rn. 69**

aus, die Vorschriften über das Zeugnisverweigerungs-

**Rn. 70**

recht aus §§ 53, 54 StPO würden zwar nicht ausdrücklich

**Rn. 71**

Sozialarbeiter und Drogenberater nennen; hier komme jedoch

**Rn. 72**

eine analoge Anwendung in Betracht. Interessenlage und

**Rn. 73**

Schutzzweck seien vergleichbar mit den in § 53 Abs. I Ziffer 3

**Rn. 74**

a StPO aufgeführten Mitarbeitern von Beratungsstellen nach §

**Rn. 75**

218 b Abs. II Ziffer 1 StGB.

**Rn. 76**

Er ist im übrigen der Auffassung, daß ihm ein Zeugnisverweigerungsrecht

**Rn. 77**

direkt aus den verfassungsrechtlichen

**Rn. 78**

Prinzipien des Persönlichkeitsschutzes aus Artikel 1 in

**Rn. 79**

Verbindung mit Artikel 1 Abs. I GG sowie nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz

**Rn. 80**

zustehe. Beide Artikel des Grundgesetzes

**Rn. 81**

würden sowohl die Einrichtung und das bestimmungsgemäße

**Rn. 82**

Wirken von Drogenberatungs-und Therapieeinrichtungen wie auch

**Rn. 83**

die Intim-und Privatsphäre der Personen schützen, die diese

**Rn. 84**

Einrichtungen aufsuchen würden. Ergebe eine Abwägung der

**Rn. 85**

beiderseitigen Interessen im konkreten Fall einen unverhältnismäßigen

**Rn. 86**

Eingriff des Staates in den Schutzbereich des

**Rn. 87**

Betroffenen bei überwiegenden Interessen des Betroffenen, so

**Rn. 88**

werde die Durchsetzung der Zeugnisverpflichtung unzulässig.

**Rn. 89**

In diesem Zusammenhang weist der Beschwerdeführer auf die

**Rn. 90**

Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts in BVerfGE 44, 372

**Rn. 91**

ff. hin.

**Rn. 92**

Im Hinblick auf die in dieser Entscheidung niedergelegten

**Rn. 93**

Grundsätze vertritt er die Ansicht, daß durch die Nichtabgabe

**Rn. 94**

des Zeugnisses die Ermittlung und Strafverfolgung erkennbar

**Rn. 95**

nicht beeinträchtigt werde. Zur Begründung führt er an, daß

**Rn. 96**

das Strafverfahren in dem vorliegenden Fall bereits zu einem

**Rn. 97**

rechtskräftigen Abschluß gekommen sei. Im übrigen, so führt

**Rn. 98**

der Beschwerdeführer weiter aus, habe das Amtsgericht

**Rn. 99**

wissentlich auf die Möglichkeit der Zeugniserlangung durch

**Rn. 100**

die Bewährungshilfe verzichtet. Schließlich weist der

**Rn. 101**

Beschwerdeführer darauf hin, daß das Amtsgericht mi t dem

**Rn. 102**

Schreiben des Probanden vom 10.2.1982 über den Bewährungs-

**Rn. 103**

verlauf unterrichtet gewesen sei. Er folgert hieraus, daß aus

**Rn. 104**

diesem Grund kein Anlaß für die Erzwingung des Zeugnisses

**Rn. 105**

über die Beweisgegenstände gegeben sei.

**Rn. 106**

Der Beschwerdeführer ist ergänzend durch den Berichterstatter

**Rn. 107**

der Kammer zu den Gründen, die ihn veranlaßt haben, das

**Rn. 108**

Zeugnis vor dem Amtsgericht zu verweigern, gehört worden. Er

**Rn. 109**

hat hierzu u.a. angegeben, von vornherein den Klienten, die

**Rn. 110**

zu ihnen in die Drogenberatung kämen, absolute Verschwiegenheit

**Rn. 111**

zuzusichern. Dies gelte auch dann: wenn ein Proband die

**Rn. 112**

Drogenberater von der Schweigepflicht entbinden würde. Auch

**Rn. 113**

in diesem Fall würden keine Informationen herausgegeben. Der

**Rn. 114**

Beschwerdeführer äußerte in diesem Zusammenhang seine

**Rn. 115**

Hoffnung, daß bei Bekanntwerden von Zeugnisverweigerungsfällen

**Rn. 116**

der vorliegenden Art möglicherweise ein Gesetzentwurf

**Rn. 117**

zur Normierung eines Zeugnisverweigerungsrechts auch für

**Rn. 118**

Drogenberater eingebracht werden wird.

**Rn. 119**

Der Verurteilte hat in der vorerwähnten Anhörung erklärt,

**Rn. 120**

sein schriftlicher Bericht vom 10.2.1982 entspreche den

**Rn. 121**

Tatsachen. Insbesondere habe er nichts verschwiegen. Er sei

**Rn. 122**

zwar nicht damit einverstanden gewesen, daß sein Drogenberater

**Rn. 123**

im Termin vor dem Amtsgericht eine Aussage mache.

**Rn. 124**

Dies habe jedoch darauf beruht, daß er nicht habe Veranlassung

**Rn. 125**

geben wollen, daß Angelegenheiten von früher aufgedeckt

**Rn. 126**

würden.

**Rn. 127**

Wegen der weiteren Einzelheiten dieser Anhörung wird auf den

**Rn. 128**

Inhalt der Sitzungsniederschrift vom 18. November 1982 (Blatt

**Rn. 129**

179 bis Blatt 182 der Akten) verwiesen.

**Rn. 130**

II.)

**Rn. 131**

Die Beschwerde ist nur aus dem, sich aus dem Tenor der

**Rn. 132**

Entscheidung ergebenden Umfang begründet.

**Rn. 133**

Die generelle Weigerung des Beschwerdeführers in seiner

**Rn. 134**

Eigenschaft als Zeuge, jegliche Angaben über das Bewährungsverhalten

**Rn. 135**

des Verurteilten zu verweigern, ist ohne gesetz-

**Rn. 136**

lichen Grund im Sinne des § 70 Abs. I Satz 1 StPO erfolgt.

**Rn. 137**

Dies hat die zwingende gesetzliche Folge, daß dem Beschwerdeführer

**Rn. 138**

gem. § 70 Abs. I StPO ein Ordnungsgeld aufzuerlegen war.

**Rn. 139**

Es kann dahingestellt bleiben, ob dem Beschwerdeführer ein

**Rn. 140**

Zeugnisverweigerungsrecht hinsichtlich bestimmter, das

**Rn. 141**

Persönlichkeitsrecht des Verurteilten tangierender Fragen

**Rn. 142**

zusteht . Eine pauschale Verweigerung jeglicher Angaben ist

**Rn. 143**

jedenfalls weder durch ein ausdrückliches Zeugnisverweigerungsrecht

**Rn. 144**

noch auf Grund verfassungsrechtlicher Grundsätze im vorliegenden Falle gedeckt.

**Rn. 145**

Die vorab erwähnte Auffassung der Kammer beruht auf folgenden

**Rn. 146**

Erwägungen :

**Rn. 147**

A.)

**Rn. 148**

1.) Der Beschwerdeführer gehört nicht zu dem Personenkreis,

**Rn. 149**

dem in § 53 StPO ein Zeugnisverweigerungsrecht zugebilligt

**Rn. 150**

wird, Weder sein Beruf als Sozialarbeiter noch seine konkrete

**Rn. 151**

Tätigkeit als Drogenberater begründen für den Beschwerdeführer

**Rn. 152**

ein generelles Zeugnisverweigerungsrecht im Sinne der

**Rn. 153**

vorgenannten Vorschrift. Dabei ist in diesem Zusammenhang

**Rn. 154**

insbesondere zu berücksichtigen, daß nach der grundlegenden

**Rn. 155**

Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 19.7.1972

**Rn. 156**

(Band 33 Seite 367) die Nichtaufnahme von Sozialarbeitern in

**Rn. 157**

den Katalog des § 53 StPO nicht verfassungswidrig ist. Die

**Rn. 158**

Kammer schließt sich dieser Auffassung an.

**Rn. 159**

2.) Es kann dahingestellt bleiben, ob der Beschwerdeführer in

**Rn. 160**

seiner Eigenschaft als Drogenberater unter den Personenkreis

**Rn. 161**

des § 203 Abs. I Nr. 4 StGB fällt. Selbst wenn der Beschwerdeführer

**Rn. 162**

ein Geheimnisträger im Sinne dieser Vorschrift sein

**Rn. 163**

würde, so ist anerkannt, daß derartigen Personen ohne das

**Rn. 164**

Hinzutreten weiterer Umstände ein Zeugnisverweigerungsrecht

**Rn. 165**

nicht zusteht. (vgl. auch Kleinknecht, Kommentar zur StPO

**Rn. 166**

34. Aufl., Anm. 20 zu §53). Ein den "Mitgliedern oder

**Rn. 167**

Beauftragten einer anerkannten Beratungsstelle nach § 218 b

**Rn. 168**

Abs.II Nr. 1 des Strafgesetzbuches" in § 53 Abs. I Nr. 3 a

**Rn. 169**

StPO eingeräumtes Zeugnisverweigerungsrecht ist den Drogenberatern,

**Rn. 170**

die ihrerseits Geheimnisträger im Sinne von § 203

**Rn. 171**

Abs. I Nr. 4 StGB sind, gerade nicht eingeräumt. Grundsätzlich

**Rn. 172**

müssen daher derartige Geheimnisträger trotz ihrer

**Rn. 173**

Verschwiegenheitspflicht aussagen ( so auch Dreher-Tröndle,

**Rn. 174**

Kommentar zum StGB, 40 . Auflage, § 203 Anm. 30). Es kann

**Rn. 175**

somit auch offenbleiben, ob die Drogenhilfe I eine

**Rn. 176**

öffentlich anerkannte Institution im Sinne von § 203 Abs. I

**Rn. 177**

Nr. 4 StGB ist .

**Rn. 178**

3.) Eine analoge Anwendung des § 53 StPO auf den Beschwerdeführer

**Rn. 179**

kommt nicht in Betracht. Eine Analogie setzt eine

**Rn. 180**

Gesetzlücke voraus. Eine solche besteht aber nicht, denn dem

**Rn. 181**

Gesetzgeber ist die vorstehende Problematik seit längerem

**Rn. 182**

bekannt. Dies geht aus der Bundestagsdrucksache 7/2989

**Rn. 183**

hervor. Danach sind die Beratungen im Rechtsausschuß über den

**Rn. 184**

Entwurf der Bundesregierung vom 10.5.1974 (Bundestagsdruck-

**Rn. 185**

sache 7/2526), nach dem der zur Zeugnisverweigerung berech-

**Rn. 186**

tigte Personenkreis des § 53 Abs . I Nr . 3 auf Sozialarbeiter,

**Rn. 187**

Sozialpädagogen und Psychologen mit staatlich anerkannter

**Rn. 188**

Ausbildung ausgedehnt werden sollte, zurückgestellt worden.

**Rn. 189**

Aus einer schriftlichen Auskunft der Bundesregierung vom

**Rn. 190**

12.8.1977 (Bundestagsdrucksache) geht überdies hervor,

**Rn. 191**

daß nicht beabsichtigt ist, die Beratungen über den Regierungsentwurf

**Rn. 192**

vom 10.5.1974 im Hinblick auf eine Erweiterung

**Rn. 193**

des zur Zeugnisverweigerung berechtigten Personenkreise s nach

**Rn. 194**

§ 53 Abs. I Ziff. 3 a StPO wieder aufzunehmen.

**Rn. 195**

Es mag in diesem Zusammenhang zwar widersprüchlich erscheinen,

**Rn. 196**

daß Zeugen, die unter Umständen von der Tötung

**Rn. 197**

ungeborenen Lebens in ihrer Eigenschaft als Berater gem. §

**Rn. 198**

218 b StGB Kenntnis haben, ein Zeugnisverweigerungsrecht

**Rn. 199**

zusteht, Drogenberatern hingegen dieses Recht nicht eingeräumt

**Rn. 200**

wird. Das allein aber reicht zur Annahme einer Gesetzeslücke

**Rn. 201**

nicht aus. Vielmehr ist gerade im Hinblick auf

**Rn. 202**

die Neufassung des Betäubungsmittelgesetzes vom 1.1.1982

**Rn. 203**

davon auszugehen, daß der Gesetzgeber diese Problematik

**Rn. 204**

gekannt hat und gleichwohl den Drogenberatern bewußt kein

**Rn. 205**

generelles Zeugnisverweigerungsrecht eingeräumt hat.

**Rn. 206**

4.) Der Beschwerdeführer gehört in seinem konkreten Tätig-

**Rn. 207**

keitsbereich auch nicht zum Kreis der in § 53 a StPO ge

**Rn. 208**

nannten "Berufshelfer " ,da nicht ersichtIich ist, daß er bei

**Rn. 209**

seiner Beratung als Mitarbeiter einer Person tätig geworden

**Rn. 210**

ist, die ihrerseits zu den in § 53 StPO geschützten Berufsgruppen

**Rn. 211**

zählt.

**Rn. 212**

5.) Der Beschwerdeführer fällt auch nicht unter den in § 54

**Rn. 213**

StPO geschützten Personenkreis. Er ist Angehöriger eines

**Rn. 214**

eingetragenen Vereins und damit nicht Angehöriger des

**Rn. 215**

öffentlichen Dienstes. Zwar ist nach herrschender Meinung

**Rn. 216**

(vgl. die Nachweise bei Löwe-Rosenberg-Meyer StPO 23. Aufl., §

**Rn. 217**

54 Randnummer 9) davon auszugehen, daß auch nicht dem

**Rn. 218**

öffentlichen Dienst angehörige Personen unter § 54 StPO

**Rn. 219**

fallen können, wenn nur ihre Amtsfunktion mit der einer

**Rn. 220**

Behörde im weitesten Sinne in Zusammenhang steht. Dies mag

**Rn. 221**

für eine Drogenberatungsstelle, die in gewissem Maße mit

**Rn. 222**

Strafvollstreckungsbehörden zusammenarbeitet, noch bejaht

**Rn. 223**

werden können. Erforderlich ist jedoch auf jeden Fall, daß

**Rn. 224**

der Verein seinerseits behördlich oder zumindest behördenähnlich

**Rn. 225**

organisiert ist. Dies aber läßt sich für die Drogenhilfe

**Rn. 226**

I nicht feststellen.

**Rn. 227**

B.) Da kein ausdrückliches gesetzliches Zeugnisverweigerungsrecht

**Rn. 228**

für den Beschwerdeführer besteht, kommt nur ein solches

**Rn. 229**

aus verfassungsrechtlichen Grundsätzen (Artikel 1 und 2 GG)

**Rn. 230**

in Betracht. Daß im Einzelfall ein sich aus dem Grundgesetz

**Rn. 231**

ergebendes Zeugnisverweigerungsrecht gegeben sein kann, hat

**Rn. 232**

das Bundesverfassungsgericht bereits in seiner Entscheidung

**Rn. 233**

vom 19.7.1.972 angedeutet und in der Entscheidung vom

**Rn. 234**

24.5.1977 (Band 44 Seite 372 ff.) grundlegend dargelegt.

**Rn. 235**

Danach ist von folgenden Grundsätzen auszugehen.

**Rn. 236**

I.) Artikel 1 Abs. 1 Grundgesetz gewährleistet dem eingetragenen

**Rn. 237**

Verein der Drogenhilfe I den Schutz seiner

**Rn. 238**

allgemeinen Handlungsfreiheit (vgl. BVerfGE 29, 260 ff.).

**Rn. 239**

Dieser Schutz umfaßt nicht nur die Einrichtung der Beratungsstelle

**Rn. 240**

als solche, sondern auch deren bestimmungsgemäßes

**Rn. 241**

Wirken im Rahmen der Gesetze. Den Klienten der

**Rn. 242**

Beratungsstelle, zu denen auch der Beschwerdeführer zählt,

**Rn. 243**

steht das Grundrecht auf Achtung ihrer Intim-und Privatsphäre

**Rn. 244**

zu (Artikel 2 Abs. I i.V. mit Artikel 1 Abs. I GG). Die

**Rn. 245**

Gespräche, Tests, therapeutischen Maßnahmen und die eigenen

**Rn. 246**

Schriftlichen Äußerungen des Klienten betreffen zwar nicht

**Rn. 247**

die unantastbare Intimssphäre , wohl aber den privaten

**Rn. 248**

Bereich. Sie nehmen damit teil an dem Schutz, den das

**Rn. 249**

Grundrecht aus Artikel 2 Abs. I i.V. mit Artikel 1 Abs. 1 GG

**Rn. 250**

dem einzelnen vor dem Zugriff der öffentlichen Gewalt gewährt

**Rn. 251**

(vgl. BVerfG 32, 373).

**Rn. 252**

Staatliche Eingriffe in den Schutzbereich der vorgenannten

**Rn. 253**

Grundrechte sind dagegen nicht schlechthin. ausgeschlossen.

**Rn. 254**

Insbesondere kann grundsätzlich dem schutzwürdigen Interesse

**Rn. 255**

drogenabhängiger Personen an der Geheimhaltung von Informationen

**Rn. 256**

aus ihrem Intim-oder Privatbereich kein Vorrang vor

**Rn. 257**

anderen Interessen, insbesondere denjenigen des Staates

**Rn. 258**

zuerkannt werden (BVerfG Entscheidung a.a.O. Seite 378).

**Rn. 259**

Andererseits überwiegen die Belange einer funktionstüchtigen

**Rn. 260**

Strafrechtspflege im Bereich der Bekämpfung des Drogenmißbrauchs

**Rn. 261**

und das öffentliche Interesse an der Suchtkrankenberatung

**Rn. 262**

ebenfalls nicht generell. Wäre ein Überwiegen strafrechtlicher

**Rn. 263**

Belange und damit Eingriffe des Staates in dem

**Rn. 264**

Bereich der Suchtkrankenberatungsstellen unter den in der

**Rn. 265**

Strafprozeßordnung normierten Voraussetzungen stets zulässig,

**Rn. 266**

so würde dies im Regelfall die für die Arbeit der betroffenen

**Rn. 267**

Stellen notwendige Vertrauensbasis zerstören und zugleich die

**Rn. 268**

Tätigkeit aller anderen Beratungsstellen gefährden. Dies kann

**Rn. 269**

im Interesse einer leistungsfähigen Gesundheitsfürsorge auf

**Rn. 270**

dem Gebiet der Suchtkrankenberatung nicht hingenommen werden.

**Rn. 271**

Die generelle Abwägung beider Interessen ergibt vielmehr, daß

**Rn. 272**

das zum Gewährleistungsbereich des Staates gehörende Interesse

**Rn. 273**

an einer leistungsfähigen Strafjustiz in den vorstehenden

**Rn. 274**

Interessen eines Drogenabhängigen zumindest gleichwertig ist.

**Rn. 275**

2.) Eine Verletzung von Grundrechten der Betroffenen kann in

**Rn. 276**

diesem Zusammenhang nur dann angenommen werden, wenn durch

**Rn. 277**

den staatlichen Eingriff die gesundheitsfürsorgerischen

**Rn. 278**

Belange in einem solchen Maße beeinträchtigt werden, daß der

**Rn. 279**

durch den Eingriff verursachte Schaden außer Verhältnis zu

**Rn. 280**

dem mit dem Eingriff angestrebten und erreichbaren Erfolg

**Rn. 281**

steht. Bei dieser Abwägung unter dem Gesichtspunkt des

**Rn. 282**

Verhältnismäßigkeitsgrundsatzes ist allgemein zu berücksichtigen:

**Rn. 283**

a.) das generelle Interesse der Allgemeinheit an der

**Rn. 284**

ordnungsgemäßen Durchsetzung von Strafansprüchen des Staates,

**Rn. 285**

b.) die Möglichkeit zur Erlangung desselben Beweisergebnisses

**Rn. 286**

über andere Beweismittel

**Rn. 287**

c.) der Wert des angestrebten Beweismittels für das weitere

**Rn. 288**

Verfahren

**Rn. 289**

d.) die Erheblichkeit des dem Verfahren zugrundeliegenden

**Rn. 290**

Delikts und das konkrete Strafverfolgungsinteresse der

**Rn. 291**

zuständigen Behörde und

**Rn. 292**

e.) die Schutzwürdigkeit der Institutionen, von der das

**Rn. 293**

Beweismittel abgefordert wird.

**Rn. 294**

II.) Unter Zugrundelegung der Vorstehend ,aufgeführten

**Rn. 295**

Grundsätze war für die Entscheidung der Kammer im vorliegenden

**Rn. 296**

Fall folgendes zu berücksichtigen:

**Rn. 297**

1.) Der Verurteilte ist wegen fortgesetzten Erwerbes von

**Rn. 298**

Heroin zum Eigenverbrauch in zwei Fällen in Tateinheit mit

**Rn. 299**

Handeltreiben mit Heroin in besonders schwerem Fall zu einer

**Rn. 300**

Freiheitsstrafe von 1 Jahr verurteilt worden. Der Strafanspruch

**Rn. 301**

des Staates ist von daher gesehen, auch wenn es sich

**Rn. 302**

bei dem Delikt bereits um eine Verwirklichung eines gesetzlichen

**Rn. 303**

Qualifikationsmerkmales handelt, vielleicht noch als

**Rn. 304**

verhältnismäßig gering anzusehen, zumal es hier nicht vorwiegend

**Rn. 305**

um die Verfolgung eines Dealers, sondern eines

**Rn. 306**

Drogenabhängigen ging.

**Rn. 307**

Das Amtsgericht hätte außerdem zur Erlangung des erstrebten

**Rn. 308**

Beweisergebnisses sich anderer Mittel bedienen können. Es

**Rn. 309**

hätte einen Bewährungshelfer einschalten können; auch wäre

**Rn. 310**

es möglich gewesen, den Verurteilten selbst zu hören und

**Rn. 311**

dadurch den Informatinsstand, wie er sich aus dem Schreiben

**Rn. 312**

vom 10.2.1982 ergab, zu überprüfen.

**Rn. 313**

Auf der anderen Seite war jedoch zu berücksichtigen, daß der

**Rn. 314**

Wert des angestrebten Beweismittels ist aber für das weitere

**Rn. 315**

Verfahren durchaus bedeutend gewesen ist. Der Beschwerdeführer

**Rn. 316**

hätte aufschlußreiche Angaben über das Bewährungsverhalten

**Rn. 317**

des Verurteilten abgeben können. Zwar haben sich keine

**Rn. 318**

Anhaltspunkte für ein Bewährungsversagen des Verurteilten

**Rn. 319**

ergeben. Das Amtsgericht war jedoch gehalten, in regelmäßigen

**Rn. 320**

Abständen von amtswegen das Bewährungsverhalten des Verur-

**Rn. 321**

teilten zu überprüfen. Im übrigen hat die Anhörung des

**Rn. 322**

Beschwerdeführers vor der Kammer gezeigt, daß es ihm kaum um

**Rn. 323**

eine Konfliktlösung im Einzelfall ging, sondern ganz über-

**Rn. 324**

wiegend um eine politische Aktion, zur Erstreitung eines

**Rn. 325**

generellen Zeugnisverweigerungsrechts für bestimmte Berufsgruppen.

**Rn. 326**

So hat er bei der Anhörung vor dem Berichterstatter

**Rn. 327**

der Kammer darauf hingewiesen, daß er sich ziemlich sicher

**Rn. 328**

sei, daß bei einer vermehrten Anzahl von Beschwerdeverfahren

**Rn. 329**

der vorliegenden Art ein neuer Gesetzentwurf zur Erweiterung

**Rn. 330**

des Zeugnisverweigerungsrechts für bestimmte Berufsgruppen

**Rn. 331**

eingebracht werden würde. Mit seiner Unterschrift unter das

**Rn. 332**

Schreiben vom 10.2.1982 hat er sich bereits in Widerspruch zu

**Rn. 333**

dem von ihm selbst geschilderten Prinzip, grundsätzlich keine

**Rn. 334**

Angaben über das Klientenverhalten zu machen, gesetzt.

**Rn. 335**

2.) Es kann dahingestellt bleiben, ob Fragen des Amtsgerichts

**Rn. 336**

über die in dem Schreiben vom 10.2.1982 angegebenen Daten

**Rn. 337**

hinaus bereits in den schutzwürdigen Intim-und Privatbereich

**Rn. 338**

des Verurteilten eingegriffen hätten. Eine Abwägung ergibt

**Rn. 339**

jedenfalls, daß ein schutzwürdiges Interesse des Betroffenen

**Rn. 340**

sowie des Beschwerdeführers an der Geheimhaltung von

**Rn. 341**

"Rahmendaten der Therapie" (wie z.B. Beginn, Umwandlung in

**Rn. 342**

eine Therapieform, Ende und Nachbetreuung) nicht vorliegt.

**Rn. 343**

Der staatliche Eingriff zur Erlangung derartiger Daten sowie

**Rn. 344**

darüber hinaus zur Erlangung der in dem Schreiben vom

**Rn. 345**

10.2.1982 niedergelegten Angaben ist derart geringfügig , daß

**Rn. 346**

ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Interessen des

**Rn. 347**

Betroffenen bzw. des Beschwerdeführers nicht gegeben ist.

**Rn. 348**

Derartige Angaben liegen überdies in der gegebenen Situation

**Rn. 349**

auch im dringenden Interesse gerade des Betroffenen, denn

**Rn. 350**

eine pauschale Verweigerung jeglicher Auskunft hätte zur

**Rn. 351**

Folge, daß Strafverfolgungsbehörden mangels einer Kenntnis

**Rn. 352**

darüber, ob beispielsweise eine Therapie überhaupt abge-

**Rn. 353**

schlossen wurde, gegebenenfalls härtere Maßnahmen ergreifen

**Rn. 354**

müßten.

**Rn. 355**

3.) Damit steht fest, daß dem Beschwerdeführer ein Zeugnisver-

**Rn. 356**

we igerungsrecht jedenfalls insoweit nich t zustand, als von

**Rn. 357**

ihm Angaben über äußere Therapiedaten und darüber, ob die

**Rn. 358**

Therapie erfolgreich abgeschlossen werden kann, begehrt

**Rn. 359**

wurden.

**Rn. 360**

Der Umstand, daß dem Amtsgericht aus dem vorgenannten

**Rn. 361**

Schreiben bereits Informationen zugegangen waren, rechtfertigt

**Rn. 362**

keine andere Beurteilung; denn es steht nicht im

**Rn. 363**

Ermessen eines Zeugen zu bestimmen, welche Fragen an ihn

**Rn. 364**

gestellt werden. Dem Amtsgericht steht es frei, bereits

**Rn. 365**

beantwortete Fragen gegebenenfalls zu wiederholen. Auf welche

**Rn. 366**

Art und Weise dies erfolgt, ob durch schriftlichen Bericht

**Rn. 367**

oder durch eine Zeugenaussage, liegt allein im Ermessen des

**Rn. 368**

Gerichts.

**Rn. 369**

Der Beschwerdeführer handelte auch schuldhaft. Der Gesamtzusammenhang

**Rn. 370**

des Verhaltens des Zeugen wie auch die insoweit

**Rn. 371**

zu beachtenden Stellungnahmen der Berufskollegen des Beschwerdeführers

**Rn. 372**

ergeben vielmehr, daß er hier -in Kenntnis

**Rn. 373**

der derzeitigen gesetzlichen Regelung- ein allgemeines

**Rn. 374**

Zeugnisverweigerungsrecht reklamieren will, welches in der

**Rn. 375**

geltend gemachten generellen Form und insbesondere in dem

**Rn. 376**

Umfang nicht besteht.

**Rn. 377**

4.) Bei der Höhe des festzusetzenden Ordnungsgeldes war zu

**Rn. 378**

berücksichtigen, daß der Beschwerdeführer erstmals das

**Rn. 379**

Zeugnis verweigert hat und daß die Kammer den Ordnungsverstoß

**Rn. 380**

des Beschwerdeführers vorliegend ausschließlich auf die

**Rn. 381**

generelle Verweigerung und auf die Nichtabgabe von Rahmendaten

**Rn. 382**

der Therapie gestützt hat. Bei dieser Sachlage erschien

**Rn. 383**

es angemessen, das festgesetzte Ordnungsgeld in der erkannten

**Rn. 384**

Form zu reduzieren.

**Rn. 385**

5.) Die Kostenentscheidung beruht auf § 473 Abs.IV StPO.

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Zitiervorschlag: Landgericht Dortmund, Beschluss vom 24.11.1982 – 14 (II) Qs 22/82, ECLI:DE:LGDO:1982:1124.14II.QS22.82.00

Datenquelle: Open Legal Data, abgerufen 09.07.2026

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